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Krieg der Heiler

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Widmung
  5. ERSTES KAPITEL
  6. ZWEITES KAPITEL
  7. DRITTES KAPITEL
  8. VIERTES KAPITEL
  9. FÜNFTES KAPITEL
  10. SECHSTES KAPITEL
  11. SIEBTES KAPITEL
  12. ACHTES KAPITEL
  13. NEUNTES KAPITEL
  14. ZEHNTES KAPITEL
  15. ELFTES KAPITEL
  16. ZWÖLFTES KAPITEL
  17. DREIZEHNTES KAPITEL
  18. VIERZEHNTES KAPITEL
  19. FÜNFZEHNTES KAPITEL
  20. SECHZEHNTES KAPITEL
  21. SIEBZEHNTES KAPITEL
  22. ACHTZEHNTES KAPITEL
  23. NEUNZEHNTES KAPITEL
  24. ZWANZIGSTES KAPITEL
  25. EINUNDZWANZIGSTES KAPITEL
  26. ZWEIUNDZWANZIGSTES KAPITEL
  27. DREIUNDZWANZIGSTES KAPITEL
  28. VIERUNDZWANZIGSTES KAPITEL
  29. FÜNFUNDZWANZIGSTES KAPITEL
  30. SECHSUNDZWANZIGSTES KAPITEL
  31. SIEBENUNDZWANZIGSTES KAPITEL
  32. DANKSAGUNG
  33. Über die Autorin

ERSTES KAPITEL

Vermisste sind schwerer zu akzeptieren als Verlorene. Meine Eltern waren seit fünf Jahren tot, aber meine Schwester? Sie wurde erst seit drei Monaten vermisst. Ich hatte um diejenigen getrauert, die gestorben waren, doch ich wusste nicht, was ich wegen Tali empfinden sollte. Schuld, Angst, Wut, Hoffnung – die Gefühle kamen und gingen so schnell, wie sich Wasservögel in die Lüfte erheben.

Sie war irgendwo da draußen. Eine Gefangene des Herzogs, die mir genauso gestohlen worden war, wie er die Stadt Geveg, das Pynvium aus unseren Minen und das Essen von unseren Tischen gestohlen hatte. Seine Gier hatte zu einem Krieg geführt, und in seinem Bestreben, noch mehr Macht zu erlangen, zermalmte er uns alle unter seinem Stiefel. Niemand war noch sicher, und ganz bestimmt nicht Tali.

Spätnachts in der Sicherheit von Jeatars Bauernhof fragte ich mich, ob es Zeit wäre, die Suche nach ihr zu beenden. Ich hasste mich für den Gedanken, aber ich setzte bei dem Versuch, sie zu finden, nicht nur mein Leben aufs Spiel. Meine Freunde brachten sich jedes Mal in Gefahr, wenn wir den Hof verließen, und einige waren meinetwegen sogar verletzt worden.

Dann jedoch suchten mich Schuldgefühle heim. Wie konnte ich die Suche einstellen? Ich hatte so viele Versprechen abgegeben. Andere hatten so viel geopfert, um mir zu helfen. Es ging nicht mehr nur um eine vermisste Schwester, sondern um Tausende Familien, die vom Herzog von Baseer und seinem Verlangen, einen jeden in den Drei Territorien zu kontrollieren, ruiniert worden waren.

Wenn ich Tali aufgäbe, würde ich dann auch sie aufgeben? Und jede Chance, die wir hatten, den Herzog loszuwerden? Einfach frei zu sein?

Jemand klopfte an die Tür des Zimmers, das ich mir mit Aylin teilte. Ich wollte nicht antworten. Ich hatte mich die ganze Nacht hin- und hergewälzt, weil ich mich gesorgt und Pläne geschmiedet hatte, und nun, da Aylin das Bett nicht in Beschlag nahm, hoffte ich, an diesem Morgen einige Stunden schlafen zu können.

»Nya?«, fragte Danello durch die Tür hindurch. »Bist du wach?«

Ja, aber ich wollte es nicht sein. Wir hatten am vergangenen Abend wieder gezankt. Es war eine jener dummen Streitereien gewesen, die wegen nichts anfingen und damit endeten, dass wir beide wütend davonstapften. Wenn ich die Tür öffnete, würde er mich anlächeln, und ich würde ihm verzeihen wollen. Aber ich war noch nicht bereit, ihm zu verzeihen.

Das Ärgerliche war, dass ich mich nicht genau erinnern konnte, weshalb wir überhaupt gestritten hatten. Aber es war seine Schuld gewesen. Da war ich fast sicher.

»Nya, komm schon.« Danello klopfte erneut. »Du kannst nicht immer noch wütend auf mich sein.«

Es war um Späherberichte gegangen, oder? Truppenbewegungen außerhalb von Baseer. Ich hatte gemeint, das eröffne uns eine Möglichkeit, uns in die Stadt zu schleichen, aber Danello hatte gemutmaßt, es könnte bedeuten, dass sich die Armee wieder verlagerte, um Platz für mehr Soldaten zu schaffen. Ich sagte, dass ich bis Ende der Woche aufbrechen wolle, er fand, wir sollten warten, bis wir mehr wüssten. Daraufhin hatte ich etwas Dummes eingeworfen, und er hatte etwas Dummes erwidert.

»Ich habe Essen«, sang er.

Mein verräterischer Magen knurrte, und ich seufzte. Das war schlicht und ergreifend Erpressung.

»Ich habe gutes Essen.« Seine süße Stimme klang verspielt und unbeschwert. Schwierig, wütend auf ihn zu bleiben, wenn er sich so anhörte. Ich stellte ihn mir da draußen vor, wie er an der Tür lehnte, die Haare zerzaust von der Brise, die von den Feldern herüberblies.

Na gut, vielleicht war es nicht ausschließlich seine Schuld gewesen. Aylin fand, ich sei in letzter Zeit mürrisch – wahrscheinlich wegen Schlafmangels. Es war ja nicht so, dass er mir verbieten wollte zu gehen; er meinte lediglich, ich solle besonders vorsichtig sein und zuerst alles überdenken. Ohne zu wissen, weshalb der Herzog diese Truppen verlagerte, schien Vorsicht keine schlechte Idee zu sein.

Und Danello hatte Essen gebracht.

Ich schlüpfte aus dem Bett, ging über den Teppich, der so dick wie mein Daumen war, und öffnete die Tür. Danello trug zwar keinen Teller, aber er hatte einen Picknickkorb in den Händen.

Ich witterte eine Falle.

»Ouea hat den hier vollgepackt.« Er hob den Korb, der aufwendig gefertigt aussah, obendrein noch aus blauem Schilfrohr geflochten. Nicht billig. »Du musst mich nur begleiten, um ihn zu bekommen.«

Ich zögerte. Noch war er nicht aus dem Schneider, aber falls er Küchlein in diesem Korb hatte, konnte ich mich zu etwas Vergebung durchringen.

»Wohin?«

»Nur in den Garten. Sonnenschein, frische Luft.« Er grinste breit und albern. »Das wird lustig, und wir könnten ein wenig Spaß gebrauchen.«

Aylin hatte dasselbe zu mir gesagt. Ich grinste zurück. Es war ohnehin ein dummer Streit gewesen. »Ich ziehe mich nur rasch an.«

Ich schloss die Tür und schlüpfte in meine Kleider, dann fuhr ich mir mit einem Kamm durch die immer noch schwarzen Locken. Die Farbe, die Aylin als Tarnung für unsere Haare verwendet hatte, begann allmählich herauszuwachsen, aber sofern ich mir keinen so kurzen Schnitt wie Danello zulegte, würde es noch Monate dauern, bis ich wieder normal aussähe.

Bist du denn je normal gewesen?

Ich verdrängte den Gedanken, als ich die Tür wieder öffnete. Danello strahlte. Sein kurzes blondes Haar war genauso zerzaust, wie ich es mir vorgestellt hatte, sein Lächeln genauso süß. Er bot mir seinen Arm an, und ich ergriff ihn.

»Hast du Küchlein eingepackt?«, erkundigte ich mich.

»Du wirst schon mitkommen müssen, um das herauszufinden.«

Ich folgte ihm und freute mich zur Abwechslung mal wirklich auf etwas.

Stimmen drangen die Treppe herauf. Leute, die lachten, sich unterhielten, sogar stritten. Völlig anders als in der ersten Woche, die wir auf dem Bauernhof verbrachten, als die Hälfte der Leute in Ecken kauerte, während die andere Hälfte umherrannte und Verteidigungseinrichtungen baute. Vorerst waren wir in Sicherheit, aber wie lang würde das so bleiben? Köpfe drehten sich, als wir am Empfangsraum vorbeigingen, und das Gelächter verstummte.

Jene im hinteren Bereich steckten die Köpfe zusammen und richteten ehrfürchtige Blicke auf mich. Einige erkannte ich – diejenigen, die Teil der geheimen Widerstandsbewegung gewesen waren, die Jeatar in Baseer angeführt hatte, die Soldaten auf dem Hof, die Freunde und Freunde von Freunden, die entkommen waren, bevor der Herzog die Stadt abriegelte und anfing, seine Truppen zurückzurufen. Die anderen kannte ich nicht, aber es trafen täglich neue Leute ein.

»Schon irgendwelche Neuigkeiten, Nya?«, rief jemand.

»Noch nicht.« Jeder schien über Tali Bescheid zu wissen. Vermutlich war das gut, denn je mehr Menschen wussten, dass ich nach ihr suchte, desto besser standen die Aussichten, dass jemand etwas hörte, das mir helfen konnte, sie zu finden. Dennoch beunruhigte mich, dass alle meine Probleme kannten. Und wussten, dass sie meine Schwester war. So groß die Gefahr auch sein mochte, in der sie derzeit schwebte – wenn der Herzog erführe, wer sie war, würde alles nur noch schlimmer werden. Er würde sie todsicher benutzen, um an mich heranzukommen.

»Wann gehst du das nächste Mal raus?«

Danellos Hand versteifte sich in meiner, aber er blieb still.

»Hoffentlich Ende der Woche«, antwortete ich. Womit ich mich zu nichts verpflichtet hatte.

»Du findest sie schon, keine Sorge.«

»Danke.«

Danello zog mich schnell zum Seiteneingang hinaus, und wir überquerten den von der Sonne aufgeheizten Hof. Ich sog die feuchte Luft ein und ließ die Wärme die Anspannung aus meinen Gliedern entweichen. Felder erstreckten sich jenseits des Hofgeländes. Hohe, hellgrüne Getreidehalme mit gelben Ähren wogten im Wind, kleinere, dunkelgrünere Süßkartoffelranken bildeten buschige Reihen. Auf einer Weide grasten Rinder mit langen, gewundenen Hörnern.

Es war völlig anders als die Inseln und Kanäle von Geveg. Obwohl wir uns meilenweit vom Fluss und eine zweitägige Segelreise von Baseer entfernt befanden, fühlte ich mich inmitten von so viel offenem Gelände ungeschützt. Es gab keine Ecken, hinter denen man sich verstecken konnte, keine Nebenstraßen, keine Brücken. Nur meilenweite Felder. Gevegs Berge zeichneten sich in der dunstigen Ferne ab und wirkten am Horizont eher wie Gewitterwolken denn wie Fels.

Nördlich des Bauernhauses gab es ein Geflecht von Trampelpfaden und Gebäuden; die Unterkünfte derjenigen, die Jeatars Bauernhof bewirtschafteten. Er besaß Tausende Morgen Grund und verfügte über Hunderte Landarbeiter. Auch einige Händler hatten hier, wie in einem kleinen Dorf, Geschäfte errichtet. Ich wusste nicht, ob es wirklich einen Namen hatte, aber Aylin nannte es Jeat-Dorf.

Dutzende Zelte sprenkelten die Felder rings um Jeat-Dorf, behelfsmäßige Unterkünfte für jene, die ebenfalls aus Baseer geflohen waren. Pferde grasten auf mit Seilen umzäunten Koppeln, in der Nähe standen Wagen. Ich erblickte sogar einige Kutschen, die Zeugnis davon ablegten, dass auch Reichtum nicht vor den Soldaten des Herzogs schützte.

»Es wird allmählich ganz schön voll hier«, meinte ich. »Bald müssen wir wohl anfangen, zweimal täglich Essensgänge zu machen.« Wir halfen Jeatars Leuten, Lebensmittel und Vorräte an die Flüchtlinge zu verteilen. Die Säcke schwanden jeden Tag schneller.

»Ich habe die Wachen sagen hören, dass mittlerweile Leute aus Verlatta hier sind.«

»Verlatta? Wovor rennen die denn weg?« Verlatta war während der vergangenen sechs Monate von der Armee des Herzogs belagert worden, doch als ich seinen Palast zerstört und einen stadtweiten Aufstand angezettelt hatte, musste er seine Armee abziehen, um sein Volk in die Schranken zu weisen. Die Bewohner Verlattas hätten jubeln sollen.

Danello zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung, aber Gerüchten zufolge wird in allen Städten gekämpft.«

Sogar in Geveg?

Ich versuchte, mir nicht vorzustellen, wie meine Stadt in Flammen stand, dass Menschen, die ich kannte, auf den Straßen kämpften und ihre Leichen in den Kanälen schwammen. Aber ich hatte viel zu viel gesehen, als dass ich diese Erinnerungen zum Schweigen hätte bringen können. Der Krieg nahte.

Bei den Heiligen, der Krieg war bereits hier, und wahrscheinlich hatte ich ihn begonnen.

Ich hatte immer noch Albträume, in der Waffe des Herzogs gefangen zu sein, angekettet an das unförmige Pynvium mit Handschellen aus silbrigem Metall, das einen Dinge tun ließ, die man nicht tun wollte. Über die Schmerzen, die durch mich und die anderen fünf Schmerzlöser flossen, die zusammen mit mir daran gefesselt waren. Träume von dem Zwang, die Waffe auszulösen, sie zum Töten einzusetzen, und über den Kontrollverlust, der bewirkte, dass ich Schmerzen in etwas verwandelte, das Leben aussaugte.

Ich betete zwar darum, die Waffe möge zusammen mit dem Palast des Herzogs zerstört worden sein – zerschmettert von ihrem eigenen Schmerz und den rings um sie einstürzenden Mauern –, doch ich wusste es besser. Es gab sie noch, und der Herzog versuchte unverändert, sie zum Funktionieren zu bringen.

Wenn ihm das gelänge, würde niemand je wieder sicher sein.

Ein Soldat an der Umzäunung winkte Danello zu und rief: »Hallo!« Er stieß mit dem Ellbogen einen anderen Soldaten an und deutete auf mich, aber als wir sie erreichten, waren sie bereits damit fertig, Gerüchte auszutauschen.

Wohin wir auch gingen, es war überall dasselbe. Gruppen von Leuten beobachteten mich, tuschelten über mich. Man hätte meinen sollen, dass sie meiner mittlerweile überdrüssig geworden seien, aber es schien immer einen Neuankömmling zu geben, der Wachdienst versah und noch nicht wusste, was ich getan hatte. Ihre Worte drangen zu mir, manche von Leuten, die nicht einmal versuchten, leise zu reden.

»Das ist das Mädchen, das den Palast zerstört und beinah den Herzog getötet hat.«

»Das ist die Schifterin, die all die Heilerinnen in Geveg gerettet hat.«

»Das ist Nya. Sie hat uns in Baseer das Leben gerettet. Und hat es dabei sogar mit den Unsterblichen aufgenommen.«

Meine Haut kribbelte angesichts so vieler auf mich gerichteter Blicke. Ich hatte mein gesamtes Leben damit verbracht, zu verbergen, wer ich war – was ich war –, doch nun war mein Geheimnis zu Klatsch geworden. Und Klatsch verbreitete sich schneller, als ein vierbeiniges Huhn rennen konnte.

Vielleicht sogar schnell genug, um an die Ohren des Herzogs zu dringen.

»Da sind wir.« Danello schob ein Tor zu einem Garten mit einer niedrigen Mauer auf. Kühler grüner Schatten begrüßte uns, begleitet vom Geruch von Geißblatt und Schmetterlingsingwer. Es war wunderschön, trotzdem stieg mein Unbehagen an wie die Flut.

»Vielleicht war das keine so gute Idee«, meinte ich. Bei all den neuen Menschen auf dem Hof konnten ein oder zwei Spitzel – oder schlimmer noch, Greifer – des Herzogs darunter sein. Er hatte letztlich die Kontrolle über Baseer zurückerlangt, und das beunruhigte jeden. Wir sollten uns darauf vorbereiten, zurückzuschlagen und uns im Notfall zu verteidigen, nicht den Sonnenschein genießen.

»Ist schon gut, Nya. Hier ist es ruhig. Niemand wird uns belästigen.« Danello drückte meine Hand und rieb mit seinem Daumen über meine Knöchel. Ich holte tief Luft und nickte. Er hatte recht. Bis wir wussten, was der Herzog vorhatte, konnten wir uns auf nichts vorbereiten.

Wir folgten einem Steinpfad, der sich durch hellgelbe Blumen und Bäume mit weißer Rinde wand und rings um einen kleinen Teich führte. Danello blieb stehen und zog eine Decke aus dem Korb. Er schüttelte sie auseinander und breitete sie neben dem Wasser aus.

»Frühstück ist serviert«, verkündete er mit einer überschwänglichen Geste.

Ich setzte mich und ließ den Blick über die Büsche wandern, während er den Korb durchwühlte. Blätter raschelten im Wind wie Schritte, die knirschend durch trockenes Gras gingen, aber ich sah in der Umgebung niemanden.

»Möchtest du Fischfrikadellen oder gefüllte Paprika?« Er hielt beides hoch und wackelte damit, als würde es dadurch ansprechender. Dem Essen half es nicht, aber er wirkte dadurch noch hinreißender.

Ich war eine Närrin. Ein romantisches Picknick mit Danello, und alles, woran ich denken konnte, war, was der Herzog im Schilde führen mochte. Danello verdiente etwas Besseres.

»Womit sind die Paprika gefüllt?«, fragte ich und rutschte näher zu ihm.

»Äh …« Er steckte einen Finger in die Füllung. »Sieht nach Fisch aus.«

»Derselbe Fisch?«

»Vielleicht, wenn es ein großer Fisch war.« Er grinste.

Ich kicherte. Es war mein erstes Lachen seit … Bei den Heiligen, ich konnte mich gar nicht daran erinnern, seit wann. Es fühlte sich gut an. Es war gut. Er, ich … wir beide ausnahmsweise allein, und niemand versuchte, ihn oder mich zu töten. Davon brauchte ich mehr – viel mehr. »Ich meinte, ob es Fisch derselben Art ist.«

»Ich weiß, aber es hat dich zum Lächeln gebracht.« Er legte eine Paprika auf einen Teller und griff sich aus dem Korb ein Messer. »Wir teilen beides. So brauchst du dich nicht zu entscheiden.«

Wie ich mich dafür entschieden habe, Tali zurückzulassen? Mein Grinsen erstarb. Ich hatte nicht vorgehabt, das zu denken, wollte es nicht denken. Ich hätte es auch nicht denken sollen, nicht angesichts der Sonne, der Blumen und dieses hübschen Jungen, der mir Essen gebracht hatte.

Ein süßlicher Geruch wehte mit der Brise vorbei. Schmetterlingsingwer. Kein Wunder, dass ich an Tali gedacht hatte.

Danello sah mich unsicher an. »Alles in Ordnung?«

Ich nickte, und er schnitt weiter.

Es war nicht meine Entscheidung gewesen, sie zu verlassen. Danello und Aylin hatten mich entführt, mich aus Baseer getragen, mich in Jeatars Boot geworfen und mich in einer Kabine eingesperrt, bis wir uns so weit entfernt befanden, dass ich nicht zurückschwimmen konnte.

Das ist nicht die Entscheidung, die du bereust.

Nein, es war jene, die ich in der ersten Nacht in Baseer getroffen hatte, als ich Tali vor der Greiferin Vyand und somit vor den Klauen des Herzogs hätte retten können. Aber auch Danello und Aylin waren gefangen gewesen, eingekerkert in einem Gefängnis der Baseeri, wo die Hinrichtung auf sie wartete. Ihr sicherer Tod hatte gegen Talis Leben auf der Waagschale gelegen.

Und ich hatte mich für Danello und Aylin entschieden.

Natürlich hatte Tali in Schwierigkeiten gesteckt, aber Danello und Aylin wären innerhalb weniger Stunden getötet worden. Ich hatte gedacht, mir würde Zeit bleiben, sie später zu holen. Ich hatte geglaubt, ich könnte sie alle retten. Doch ich hatte mich geirrt. Ich hatte sie in einer Stadt zurückgelassen, die sich selbst in Stücke riss, bei einem Mann, der sie in eine Waffe verwandeln und sie zwingen wollte zu töten.

»Bitte sehr.« Danello reichte mir mit einem Lächeln im Gesicht, aber Sorge in den Augen einen Teller. »Eine mit geheimnisvollem Fisch gefüllte Paprika und eine Fischfrikadelle.«

Ich nahm das Essen entgegen. Der erste Bissen schmeckte wie Stein, trotzdem aß ich weiter. Er hatte sich solche Mühe gemacht, und alles meinetwegen.

Schritte pochten über Stein, und ich spannte den Körper an. Ein weiteres Paar tauchte auf, ging jedoch weiter um den Teich herum. Die beiden sahen uns nicht einmal an. Vielleicht befanden wir uns weit genug vom Hofgelände entfernt, dass die Menschen mich nicht erkannten. Mein Name war wesentlich berühmter als mein Gesicht.

»Schon gut, Nya, hier bist du in Sicherheit«, sagte Danello leise. »Ich werde nicht zulassen, dass dir etwas geschieht.«

Und das würde er auch nicht. Er würde sich jeglichen Soldaten in den Weg stellen, die mir der Herzog auf den Hals hetzte. Er würde mir den Rücken freihalten, ganz gleich, was ich versuchen würde. Sogar, wenn er nicht damit einverstanden wäre.

»Danke«, sagte ich. Eigentlich hätte ich mehr sagen sollen, doch die Worte wollten sich nicht einstellen. Ich blickte ihn an und hoffte, er würde trotzdem wissen, was ich empfand. Augen sagen mehr, als Lippen es je könnten. Danello besaß schöne Lippen. Ich lächelte.

Er lächelte unsicher zurück und beugte sich zu mir, nur ein wenig, als wollte er abwarten, was ich tun würde. Mit pochendem Herzen lehnte ich mich ebenfalls vor. Ich hoffte, er würde näherkommen, damit ich ihm näherkommen könnte und …«

»Entschuldigung?«, rief eine Frau und trat zwischen den Bäumen hervor.

Danello stieß einen Seufzer aus und drehte sich um. Ich musterte die Frau mit gerunzelter Stirn. Sie wirkte zu gut gekleidet für einen Flüchtling. Vielleicht eine Baseeri-Händlerin. Als Nächstes kam ein Mann hervor. Sein Gesicht war mit drei Kratzern von der Stirn zum Kinn auf einer Seite vernarbt, als hätten ihn die Klauen eines riesigen Vogels erwischt. Er sah eher wie ein Soldat aus.

»Ja?«, fragte Danello.

Die Frau lächelte uns an. »Habt ihr vom Großen Blitz gehört?«

»Vom Großen Blitz?«

Sie nickte. »In Baseer. Ein Blitz, so grell wie die Sonne, verursacht von einem Mädchen, das die Macht der Heiligen lenkte, um den Palast des Herzogs zu zerstören.«

Mich schauderte. Sie hatte es völlig falsch erzählt.

»Äh, so ist das nicht geschehen«, meldete ich mich zu Wort. »Es war eine Pynviumwaffe, die überlastet war und blitzte.«

Danello ergriff meine Hand. »Sag nichts mehr«, flüsterte er.

»Die Heiligen singen von diesem Mädchen«, fuhr die Frau fort. Sie sah den vernarbten Mann an. »Sie gaben ihr die Macht ihres Lichts, damit sie uns vor der Dunkelheit retten kann.«

Ich konnte nicht einmal meine Schwester retten. Wie konnte die Frau da von mir erwarten, sie zu retten?

»Äh … hört sich ja toll an, aber wir müssen jetzt los.« Danello rückte weg und zog mich mit. Eine Hand behielt er in der Nähe seines Rapiers.

»Wart ihr dabei?«, wollte der Mann wissen. Sein verzweifelter Blick bohrte sich in mich. Er erinnerte mich an einige Soldaten, die ich am Ende des ersten Kriegs gesehen hatte – diejenigen, die das Kämpfen aufgegeben hatten und den ganzen Tag im Tempel hockten, wo sie um Erlösung beteten und jeden in ihrer Nähe anflehten, ebenfalls zu beten. Diejenigen, die verloren und wütend waren, die Hilfe und Sühne im selben Maß zu erlangen wünschten.

»Erzählt ihr uns, was ihr gesehen habt?«, fragte er. »Teilt ihr eure Geschichte mit uns und anderen, die so wie wir glauben?«

Meine Geschichte wurde bereits von genug Leuten geteilt. »Tut mir leid, ich habe nichts gesehen.«

Die Frau und der vernarbte Mann runzelten die Stirn, nickten aber. »Die Wahrheit ist ein Kloß, der schwer zu schlucken ist«, meinte er. »Falls ihr es euch anders überlegt, findet ihr uns im östlichen Lager. Haltet nach einer roten Kutsche mit goldenen Sternen Ausschau.«

Kutsche? Vielleicht waren sie keine Händler, wenn sie sich eine Kutsche leisten konnten. Allerdings sahen sie auch nicht wie Adelige aus.

»Danke, wir werden’s uns merken«, sagte Danello. Wir wichen zurück, bereit, die Flucht zu ergreifen, sollten sie auch nur einen Schritt auf uns zukommen, aber sie machten sich auf und steuerten tiefer in den Garten hinein. Ich hörte, wie die Frau erneut sprach, vermutlich mit dem anderen Paar, das wir zuvor gesehen hatten.

»Was in Saeas Namen war das denn?« Ich redete leise, bis wir durch das Tor in die Sicherheit des offenen Hofs gelangten, wo sich drei Wachen in Rufweite befanden, falls wir sie brauchten.

»Ich bin nicht sicher, ob das überhaupt in Saeas Namen war. Sie haben sich angehört wie diese Heiligenjünger, die Leute im Park neben dem Tempel belästigen.«

»Diejenigen, die glauben, die Sterne würden erlöschen?« Ich hatte sie auch gesehen. Sie brüllten vor allen, die ihnen zuhörten, die Sterne würden schwarz werden und die Dunkelheit würde Einzug halten, aber ein Licht würde hell genug leuchten, um … ach, ich weiß nicht, die Schatten zu vertreiben oder so ähnlich. Ich habe ihnen nie lange gelauscht. Ihr Geschwätz lockte immer Soldaten an, und Soldaten verhießen Ärger.

»Ja. Vielleicht hat Baseer seine eigenen Heiligenjünger«, spekulierte Danello.

»Die über mich schwafeln.« Das war schlimmer als der Klatsch und das Gemunkel. Was ich getan hatte, war kein Zeichen von den Heiligen. Es war ein Unfall gewesen. Ich hatte lediglich versucht, die Waffe des Herzogs aufzuhalten und zu verhindern, dass sie halb Baseer tötete.

»Nicht über dich persönlich. Sie versuchen nur, ihre verrückten Überzeugungen mit dem in Einklang zu bringen, was passiert ist. Dasselbe haben sie bei jenem Gewittersturm vergangenen Sommer gemacht, erinnerst du dich? Der, bei dem all diese Villen in Brand gerieten?«

»Stimmt. Die Finger der Heiligen oder so ähnlich.« Niemand hatte ihnen zugehört, und manche Leute hatten sogar über sie gelacht. Es war aber auch ein ziemlich alberner Name.

Wir erreichten das Bauernhaus und schoben die Küchentür auf. Ouea, Jeatars Haushälterin, saß am Tisch und schälte Mangos. Links und rechts von ihr befanden sich zwei Mädchen mit kleineren Körben voll goldener Paprika vor sich, deren Stängel sie eine nach der anderen entfernten.

Ouea schaute auf. »Nya, was ist passiert? Du bist ja weiß wie Salz.«

»Ein Haufen Flüchtlinge hält mich für die achte Heilige.«

»Sie halten dich für was?«

Danello lächelte. »Nya übertreibt, aber es sind einige Heiligenjünger draußen, die über den Blitz in Baseer reden, als wäre er ein Zeichen von den Heiligen gewesen.«

Ouea strich sich eine graue Strähne hinters Ohr. »Wenn die Leute Angst haben, wenden sie sich dem Glauben zu. Ich bin sicher, das ist nichts, worüber man sich Sorgen machen muss.«

»Wahrscheinlich nicht.« Zumal ich auch so mehr als genug in meinem Sorgenkessel hatte. »Vielleicht weiß Jeatar, woher sie gekommen sind.«

»Könnte sein.«

»Kannst du ihn morgen fragen?«, bat Danello. »Ich hatte gehofft, wir könnten den Tag zusammen verbringen. Spaß, weißt du noch? Du hast in letzter Zeit so hart gearbeitet.«

Und ich hatte dafür nichts vorzuweisen. Dreimal hatten wir uns hinaus nach Baseer geschlichen – oder zumindest so nah, wie wir konnten –, um nach Tali zu suchen. Allerdings hatten sich die Gerüchte als falsch erwiesen, und die Spuren hatten nirgendwohin geführt.

Ouea räusperte sich. »Danello? Wo ist mein Picknickkorb?«

»Oh.« Er zuckte zusammen. »Im Garten.«

»Dort wolltest du ihn doch nicht etwa lassen, oder?«

»Nein.«

»Dann geh und hol ihn.«

Danello sah erst mich, dann die Tür an. Ouea starrte ihn über den Korb mit Mangos hinweg unbeirrt an. Ihre beiden jungen Helferinnen hielten die Blicke zwar auf die Paprikas gerichtet, aber beide Mädchen bemühten sich sehr, nicht zu kichern.

»Wartest du im Küchengarten auf mich?«, fragte er. »Wir haben noch ein Picknick zu beenden.«

Ich lächelte. »Unbedingt.«

Danello rannte hinaus, und Ouea wandte sich wieder dem Schälen der Mangos zu. »Er ist ein guter Junge. Wenn auch bisweilen etwas vergesslich.«

»Ja, er ist toll.« Ich schaute zur Tür und zum Rest des Bauernhauses. Danello würde eine Weile brauchen, um bis zum Teich und wieder zurück zu laufen. Ich hatte bestimmt genug Zeit, um herauszufinden, ob es Neuigkeiten über Tali oder über diese Heiligenjünger gab. Und ich würde trotzdem noch vor ihm im Küchengarten sein. »Ist Jeatar in der Bibliothek?«

»Dort hab ich ihn zuletzt gesehen.«

Hoffnung und Beklommenheit zupften an meinem Herz. Vielleicht würde ich heute erfahren, wo Tali steckte. Oder vielleicht würde ich hören, dass es keinen Grund mehr gab, nach ihr zu suchen.

Und, die Heiligen mochten mir helfen, ich war nicht sicher, was schlimmer wäre.

ZWEITES KAPITEL

Die Tür zur Bibliothek stand offen, aber ich klopfte trotzdem an. Jeatar und Onderaan schauten gleichzeitig auf. Einer lächelte, der andere nicht.

Ich runzelte die Stirn. »Was ist passiert?«

»Vergiss Baseer. Geh nicht hin«, sagte Jeatar, wie immer mit steinerner Miene.

»Warum nicht?« Bitte sag nicht, dass Tali tot ist. Bitte nicht.

»Es gibt massive Truppenbewegungen entlang des Flusses, und Transportschiffe fahren in den Hafen. Sieht so aus, als mobilisiere der Herzog seine Armee.«

»Weißt du, wo?«

»Noch nicht, aber der Anzahl der Schiffe nach zu urteilen, sieht es nach einer Invasion aus.«

Meine Brust zog sich zusammen. »Geveg?«

»Oder Verlatta, die Bergbaustädte oder eine der Flussprovinzen.«

»Wenn nicht alle.« Onderaan schüttelte den Kopf und seufzte tief. Einen Moment lang erinnerte er mich so sehr an Papa, dass ich den Blick abwenden musste. Es fiel mir immer noch schwer zu glauben, dass er mein Onkel war. Dass ich überhaupt einen Onkel hatte, ganz zu schweigen davon, dass es ein Baseeri-Onkel war. »Das könnte der Beginn eines großen Feldzugs sein.«

Davon hatte ich bereits einen miterlebt – vor fünf Jahren, als der Herzog in Geveg einmarschierte und meine Eltern umbrachte. Meine Großmama. Als er die Stadt Sorille bis auf die Grundmauern niederbrannte, um seine Brüder – die Thronrivalen – zu töten.

»Irgendwelche Neuigkeiten aus Geveg?« Zuletzt hatten wir gehört, dass es immer noch Unruhen gab, wenngleich sie wohl nicht in einen vollen Aufstand ausgeartet waren. Seit Jeatar die meisten seiner Spitzel und Kundschafter nach Baseer geschickt hatte, erhielten wir nur noch spärliche Auskünfte, aber es gab noch ein paar Verbindungen nach Geveg.

Jeatar zögerte und blickte zu Onderaan. Kein gutes Zeichen. »Unbestätigte Gerüchte besagen, dass der Generalgouverneur tot ist.«

»Im Ernst?« Das überraschte mich zwar, berührte mich jedoch nicht im Geringsten, falls es zutraf. Der Mann war vom Herzog ernannt worden und hatte uns Geveger wie Abfall behandelt. »Wer hat jetzt das Sagen? Ein anderer Baseeri oder ein Geveger?«

»Ich warte darauf, von meinen Verbindungen dort zu hören, aber bislang ist nichts gekommen.«

»Wenn in Geveg eine richtige Rebellion ausgebrochen ist«, warf Onderaan ein, »wird sie der Herzog bestimmt niederschlagen wollen, bevor sie andere dazu verleitet, sich ebenfalls zu erheben.«

Ich nickte. »Zum Beispiel die Bergbaustädte.« Beim ersten Mal marschierte der Herzog wegen unseres Pynviums bei uns ein, und er musste nun noch mehr davon benötigen. Ich hatte seine Gießerei zerstört, einen Teil seines Vorrats des Rohmetalls gestohlen und den Rest ruiniert. Wenn sich Baseer auflehnte, würde er mehr Waffen brauchen, um sein eigenes Volk zu unterjochen. Er würde mehr Heilsteine für seine Soldaten verbrauchen, und dafür würde das spärliche Pynvium aufgegangen sein, das er noch übrig hatte. Mittlerweile musste es ihm bereits ausgehen.

Gingen ihm auch die Heiler aus?

Er hatte sie monatelang entführt und mit ihnen experimentiert, aber bei all den Kampfhandlungen musste er sie dafür verwenden, seine Truppen zu heilen.

»Glaubt ihr, Tali ist bei ihm?«

Diesmal zögerte Jeatar nicht. »Ja.«

»Können wir …«

»Nein, du kannst nicht los, um sie zu befreien. Die Heiler werden schwer bewacht sein, vermutlich inmitten der Armee. Und höchstwahrscheinlich werden sie von Unsterblichen bewacht.«

Mir jagten die Unsterblichen keine besondere Angst ein, aber für alle anderen waren die Heilersoldaten des Herzogs tödlich. Wie konnte man jemanden aufhalten, der in der Lage war, die eigenen Wunden zu heilen, den Schmerz in seine Pynviumrüstung zu leiten und einfach weiterzukämpfen? Sie mähten gewöhnliche Soldaten nieder wie Bauern ihren Weizen.

»Nya, wir werden sie finden«, sagte Onderaan mit sanfter Stimme. »Ich bin es Peleven schuldig, für die Sicherheit seiner Mädchen zu sorgen.«

Papa.

Auch er war ein Baseeri gewesen, wenngleich ich das bis vor wenigen Monaten nicht gewusst hatte. Ich mochte gar nicht daran denken, was das aus mir machte. Baseer war immer der Feind gewesen, doch mittlerweile hatte ich Baseeri-Freunde, Baseeri-Angehörige. In meinen Adern floss sogar Baseeri-Blut.

»Was unternehmen wir?«

»Wegen Tali?«, fragte Jeatar. »Nichts, bis wir etwas Handfestes wissen. Dasselbe gilt für Geveg. Was den Herzog betrifft, beobachten wir und warten ab, wie seine Pläne aussehen.«

Im Abwarten war ich noch nie gut gewesen. In Geveg konnte Untätigkeit tödlich sein. Man musste Essen, Arbeit und Zuflucht vor den Soldaten finden. Die Augen offen halten, immer auf der Hut sein. Man musste in Bewegung sein und bleiben, sonst wurde man von Schwierigkeiten eingeholt.

Aber ich befand mich nicht mehr in Geveg.

»Vielleicht solltest du die nächsten Tage in der Nähe des Hauses bleiben«, meinte Onderaan. »Nur für den Fall, dass man nach dir sucht.«

»Das kann ich nicht. Ich habe Essensdienst.« Außerdem kannten mich hier in der Gegend ohnehin eine Menge Leute. Ein Spitzel würde mich nicht erst sehen müssen, um zu erfahren, dass ich hier war.

»Ich bin sicher, Jeatar kann jemanden finden, der für dich einspringt.« Er blickte zu Jeatar, der überlegte und mich betrachtete, als sei er unsicher, ob er dem zustimmen sollte oder nicht.

Ich begann, mich zu ärgern. Ich half gerne. Zumindest tat ich so etwas Nützliches, statt nur auf Neuigkeiten zu warten. »Es gibt niemanden, der für mich einspringen kann. Wir haben so schon kaum genug Leute. Wenn ich nicht zur Verfügung stehe, müssen alle anderen härter arbeiten, und das ist nicht fair.«

»Nicht alle anderen sind in Gefahr.«

Ich verschränkte die Arme. »Wir sind sehr wohl alle in Gefahr, meine ist nur persönlicher.«

Jeatars Lippe zuckte, aber er blieb stumm.

Onderaan seufzte. »Na schön, ich denke, solange du vorsichtig bist, ist es in Ordnung.«

Als ob ich seine Erlaubnis bräuchte. »Jeatar, gibst du mir Bescheid, falls heute noch Neuigkeiten eintreffen?«

»Natürlich.«

»Danke.« Ich musste zurück zu einem Picknick. Immerhin hatte ich Danello versprochen, dass wir Spaß haben würden, und ich hatte nicht vor, ihn zu enttäuschen.

Auch wenn mir nach allem anderen zumute war als danach, Spaß zu haben.

Ich schaffte es vor Danello in den Küchengarten, aber ich traf dort Aylin an, die mit Quenji auf einer Bank unter den Orangenbäumen kuschelte. Dünne Lichtstrahlen fielen durch das Geäst und brachten Aylins echtes rotes Haar unter dem falschen Schwarz zur Geltung.

Ich räusperte mich.

Die beiden lösten sich voneinander, und sie errötete, aber das Funkeln in ihren Augen verriet mir, dass ich die ganze Geschichte später zu hören bekommen würde. Wenigstens war eine von uns heute geküsst worden.

»Oh, hallo!« Sie kicherte und schaute zu Quenji, der grinste. Allerdings grinste er immer. Er war der Anführer einer Straßenbande gewesen, der ich in Baseer begegnet war. Er hatte sein Leben aufs Spiel gesetzt, um uns zu helfen, die Gießerei des Herzogs dort zu zerstören. Ich glaube, er brachte sich wirklich gerne in Gefahr, zumal er sich noch jedes Mal freiwillig gemeldet hatte, wenn wir in die Stadt zurückgegangen waren, um nach Tali zu suchen. Als Rückendeckung war er ein guter Mann, weshalb ich froh war, ihn dabeizuhaben.

Aylin anscheinend auch.

»Und? Wie war das Picknick?«, erkundigte sie sich.

»Kurz.« Ich erzählte ihr von den Heiligenjüngern.

»Pfff, die beachtet doch niemand«, meinte sie und schwenkte die Hand. Dann lächelte sie. »Aber sag, bevor sie euch unterbrochen haben – ist da etwas Interessantes passiert?«

»Nicht so interessant, wie ich es gerne gehabt hätte«. Ich schaute zu Quenji. Potenzielle Küsse waren nichts, worüber ich vor ihm reden wollte. »Onderaan versucht schon wieder, mir vorzuschreiben, was ich tun soll.«

»Er meint es gut«, sagte Aylin.

»Er ist nervig.«

»Nya, er weiß nicht, wie er sich dir gegenüber verhalten soll. Wahrscheinlich war er genauso bestürzt darüber, von dir zu erfahren, wie du von ihm.«

»Naja, vielleicht.« Diese Unterhaltung gefiel mir kein Stück besser. Sollten beste Freundinnen nicht bedingungslos für einen Partei ergreifen? Ich wechselte das Thema. »Jeatar sagt, der Generalgouverneur könnte tot sein.«

»Bedeutet das, wir können nach Hause?« Bevor ich etwas erwidern konnte, wandte sich Aylin Quenji zu. »Du wirst es in Geveg lieben! Die Stadt liegt am See, und es gibt dort Strände, warme Brisen und den besten Kaffee, den du je getrunken hast.«

»Und Soldaten«, fügte ich hinzu, überrascht darüber, wie erpicht sie darauf zu sein schien zurückzukehren. Aufzubrechen, bevor wir Tali gefunden hatten. »Vergiss nicht die Baseeri-Soldaten, die Menschen einfach so zum Spaß zusammenschlagen.«

Sie schwenkte erneut die Hand, als könne sie die Vorstellung von Soldaten so einfach abschütteln wie die von Heiligenjüngern. »Wenn der Generalgouverneur tot ist, kommen die Soldaten als Nächste an die Reihe. Wahrscheinlich werden sie verschwunden sein, bis wir eintreffen.«

»Wir wissen noch nicht, was das bedeutet.«

»Nya!« Sie starrte mich mit großen Augen an. »Es bedeutet, dass sich Geveg zur Wehr setzt, genau, wie du es immer wolltest. Ich wette, die Baseeri werden in diesem Augenblick mit Tritten aus der Stadt vertrieben.« Aylin sprang auf und tat so, als träte sie nacheinander mehrere Leute. Quenji spendete ihr Beifall.

»Ich war noch nie in Geveg«, sagte er. »Ich würde zu gern mal dorthin.«

»Aber …«

»Wohin?«, fragte Danello, der hinter mich trat.

»Nach Hause!«, rief Aylin.

»Wirklich?« Er starrte mich mit Hoffnung in den Augen an. »Wann ist das passiert?«

Ich hob beide Hände. »Niemand hat etwas davon gesagt, dass wir nach Hause gehen. Ich bin nicht mal sicher, ob das Gerücht wahr ist.«

»Welches Gerücht?« Danello schaute verwirrt drein. »Du warst bei Jeatar, während ich weg war, stimmt’s?«

»Ja, aber nur für eine Minute.« Seufzend erklärte ich alles. Die Transportschiffe, der Generalgouverneur, dass wir nicht hinkonnten, um nach Tali zu suchen.

Aylin ließ sich zurück auf die Bank plumpsen. »Also gehen wir nicht nach Hause.«

Mir war nie klar gewesen, wie sehr sie sich das wünschte. Ich wollte es auch, allerdings nicht ohne Tali. Mein Zuhause war, wo sich meine Familie befand, und ohne Tali wäre Geveg bloß eine weitere Stadt.

»Noch nicht, aber das werden wir. Ich versprech’s.«

»Wenn es noch ein Zuhause gibt, zu dem wir zurückkehren können«, murmelte Danello.

»Was?«, fragte Aylin.

»Ich will auch zurück«, erwiderte er. »Mein Da ist noch dort. Und Halima und die Zwillinge fragen ständig nach ihm.«

Danellos kleine Schwester und Brüder blieben stets ziemlich nah beim Bauernhaus. Ich hatte sie noch nie jenseits des Haupttors gesehen. Nach allem, was sie durchgemacht hatten, konnte ich das durchaus nachvollziehen. Entführt, beinah von den Unsterblichen umgebracht, mit dem Rest von uns aus Baseer geflüchtet. Sie verdienten es, nach Hause zurückzukehren und wieder bei ihrem Vater zu sein.

»Hör mal«, sagte Danello und ergriff meine Hand. »Wir haben noch ein Picknick zu beenden.«

»Wir sehen euch doch heute Nachmittag, oder?«, fragte Aylin.

»Am Nordtor, wie immer.«

Wir gingen durch die Küche und zur Hintertür hinaus, aber Danello steuerte nicht erneut den Teich an. Stattdessen führte er mich zu einigen Bäumen in der Nähe der Vorderseite des Bauernhauses.

»Hier ist es nicht so abgeschieden, aber es ist schattig und ziemlich ruhig.«

»Was hast du damit gemeint, als du gesagt hast: ›Wenn es noch ein Zuhause gibt, zu dem wir zurückkehren können.‹?«

Er zuckte zusammen. »Nichts.«

»Wenn es nichts gewesen wäre, hättest du Aylin nicht belogen.«

Er rieb sich den Nacken. »Es ist nur so … na ja, wenn in Geveg wirklich jemand den Generalgouverneur getötet hat und dort eine volle Rebellion im Gang ist und der Herzog plötzlich seine Truppen in Bewegung setzt, dann könnte er es auf Geveg abgesehen haben.«

»Das hat auch Onderaan gemeint.«

Er holte wieder die Decke hervor und breitete sie unter den Bäumen aus. »Weißt du, du bist nicht die Einzige, die Angehörige vermisst«, sagte er leise.

»Ich weiß.« Schamesröte stieg mir heiß ins Gesicht. Ich war so auf Tali konzentriert gewesen, dass ich gar nicht daran gedacht hatte, wie er und seine Geschwister sich fühlen mussten. Auch ihr Vater war irgendwo da draußen. Vielleicht war er in Geveg in Sicherheit, vielleicht aber auch nicht, vor allem, wenn in der Stadt tatsächlich Aufruhr herrschte.

Ich ergriff seine Hand und lehnte den Kopf an seine Schulter. »Wir holen sie alle zurück, das verspreche ich dir. Wir holen uns alles zurück.«

Er nickte, doch er wusste so gut wie ich, dass es nicht stimmte. Weder seine Mutter noch meine Eltern würden wir je zurückholen. Die Menschen, die der Herzog bereits getötet hatte, waren für immer von uns gegangen. Wir konnten nur an dem Wenigen festhalten, das wir noch hatten, und hoffen, dass wir etwas daraus machen konnten.

Ich vermutete, wir würden an diesem Tag doch keinen Spaß mehr haben.

Wir trafen Aylin und Quenji am Nachmittag beim Nordtor. Sie standen in der Nähe eines dunkelbraunen Pferdes und eines mit Essen beladenen Wagens. Das Pferd mampfte Gras, rupfte es mit den Zähnen durch jähe Drehbewegungen aus dem Boden. Auf der Kutscherbank des Wagens saß Ellis in der braunen Uniform, die alle Wächter von Jeatar trugen. Wir waren uns in Baseer begegnet, wo ich ihr das Leben gerettet hatte, nachdem ein Pynvium-Beutezug schiefgegangen war. Damals hatte sie zur Garde des Untergrunds gehört, hatte mit uns gegen die Unsterblichen gekämpft und sogar geschifteten Schmerz für uns gehalten. Vor wenigen Wochen war sie zum Hauptmann befördert worden, trotzdem half sie immer noch gern mit dem Essen, genau wie ich.

Ein zweiter Wächter tauchte auf und winkte Danello grüßend zu.

Er winkte zurück. »Tag, Copli.«

»Kennst du alle Wächter?«, fragte ich.

»Diejenigen, die zum Üben kommen.« Er trug sein Rapier nicht bloß zur Zierde. Danello übte jeden Tag einige Stunden mit den Wächtern und feilte an seinen Fähigkeiten. »Mit dem Rest spiele ich Karten.«

»Du solltest dich wirklich mehr unters Volk mischen, Nya«, befand Aylin. »Auf dem Hof sind eine Menge Leute.«

»Mich kennen bereits genug Leute.«

Quenji kicherte. »Man kann nie zu viele Freunde haben.«

»Kommt«, sagte ich und kletterte neben Ellis auf den Wagen. »Wir müssen hungrige Menschen füttern.«

Die Leute drehten sich uns zu, als wir durch das äußere Lager rollten. Familien saßen auf kleinen Hockern oder im Gras, starrten mit gesenkten Köpfen ins Lagerfeuer. Nicht jedes Zelt hatte ein Feuer, und diejenigen ohne wirkten am trostlosesten von allen.

Einige Leute sahen wie Baseeri aus. Manche Familien hatten schwarzes Haar und traurige blaue Augen, allerdings begegneten wir weit mehr Menschen mit ausgeprägten Zügen und Kleidern, die an Verlatta erinnerten, außerdem Bauern mit blondem Haar, die unter Umständen aus Geveg stammten.

Ich hatte ähnliche Gesichter gesehen, nachdem wir von den Baseeri aus unseren Heimen vertrieben worden waren. Traurig, verängstigt, verloren. Meine Eingeweide krampften sich zusammen, als mir die Erinnerungen durch den Kopf wirbelten.

»Nya, wo sollen wir schlafen?«, hatte Tali mit Tränen auf den Wangen und Furcht in den Augen gefragt. Keine Siebenjährige sollte je so verängstigt sein.

»Ich weiß es nicht, aber ich finde einen sicheren Platz für uns. Ich versprech’s.«

Für uns gab es damals keine Zelte. Nur harten Boden unter kratzigen Büschen. Ich hatte die Arme um Tali geschlungen, um ihr ein Gefühl von Sicherheit zu vermitteln, doch es dauerte Jahre, bis wir uns, na ja, nicht sicher, aber sicherer fühlten.

Ellis lenkte den Wagen durch die Lager. Die Leute kamen bereits auf uns zu, als wir an einem großen Feuer mit einem schweren Kochtopf darüber anhielten. Ein Gemeinschaftstopf wie der, aus dem ich in Geveg gegessen hatte. Am Morgen brachten die Menschen etwas, das den ganzen Tag gekocht wurde, und am Abend teilten es alle. Es hatte Tage gegeben, an denen ich nur deshalb etwas gegessen hatte, weil es mir gelungen war, einige wenige Hand voll Mehl von der Mühle zu stibitzen, um den Eintopf zu verdicken. Es war nicht viel, aber den Regeln war damit genüge getan.

Der Eintopf dieses Tages brodelte vor sich hin. Süßkartoffeln und Rosmarin lugten aus der dicker werdenden Brühe hervor. Der Koch schaute zu uns herüber. Sein Gesicht war von der Sonne ledrig und zerfurcht. Er lächelte und winkte.

»Gerade rechtzeitig«, rief er. »Wir könnten ein wenig Brot zum Eintopf gebrauchen.«

»Davon haben wir reichlich«, gab ich zurück und fühlte mich ein wenig schuldig, als ich vom Wagen kletterte. Nichts davon war so gut wie das Brot, das Ouea buk. Keine Früchte oder Nüsse, keine Gewürze. Nur schlichtes Brot. Dennoch schien sich niemand daran zu stören. Essen war Essen.

Die Kinder rannten geradewegs auf Aylin zu und streckten die kleinen Händchen aus. Sie füllte jedem einen Sack mit Süßigkeiten – gezuckerte Nüsse, kandierte Früchte, sogar ein paar Stück Krokant.

»Die Neuigkeiten des Tages?«, erkundigte sich Ellis, während die Leute eine Schlange bildeten. Das Abendessen war nicht alles, was man an einem Gemeinschaftstopf bekam. Die Leute redeten unwillkürlich miteinander, wenn sie nirgendwohin konnten.

»Neun neue Kutschen sind nach Kleinadelshausen gerollt«, sagte Koch.

Ellis kicherte. »So solltest du den Ort wirklich nicht nennen.«

»Ein Haufen Adeliger, die ein Lager aufschlagen und alle anderen aussperren? Wie würdest du das nennen?«

»Ungehobelt.« Sie lächelte und reichte ihm einen weiteren Sack. »Möchtest du, dass ich mir die Sache mal ansehe?«

Er schüttelte den Kopf. »Nee. Dort würde ohnehin kein Baseeri mit etwas Selbstachtung schlafen wollen.«

Ellis sah mich an und zwinkerte mir zu. Vor nicht allzu langer Zeit hatte ich noch gedacht, kein Baseeri hätte überhaupt Selbstachtung, und daran erinnerte sie mich gerne.

»Oh, vielleicht möchtet ihr die Heiler herumschicken«, sagte Koch.

»Ist jemand verletzt?«, erkundigte ich mich.

»Ist wahrscheinlich nichts Ernstes, aber vor einer Stunde sind drei Familien angekommen, die so aussehen, als hätten sie es nur mit Müh und Not hierher geschafft. Ich habe ihnen gesagt, sie sollen rüber zum Haus gehen, aber sie haben darauf beharrt, dass ihnen nichts fehlt. Ich habe sie darauf hingewiesen, dass sie nichts bezahlen müssen, trotzdem haben sie ihre Meinung nicht geändert.«

»Ich gebe Jeatar Bescheid.« Wir hatten nicht viele Heiler, und die meisten waren Lehrlinge oder nur Ein- oder Zweilitzer, trotzdem war das mehr, als den meisten Menschen in diesen Tagen zur Verfügung stand.

Wir packten zusammen und fuhren näher zu Jeat-Dorf und den schöneren Lagern. Kutschen, größere Zelte, mehr dunkelhaarige Familien. Baseeri-Adelige, sogar einige reiche Händler. Dutzende Bedienstete, die noch ihre Hausfarben trugen, schwirrten herum und warteten auf Befehle.

Scherz hin, Scherz her, es war wirklich Kleinadelshausen. Genau wie in Baseer hatten sie ihr Gebiet abgeriegelt und benutzten die Kutschen wie eine Mauer um das Lager. Sie ließen es sogar von eigenen Wächtern beschützen. Natürlich gingen uns die Wächter ziemlich schnell aus dem Weg. Ellis hatte ihnen am ersten Tag beigebracht, wer hier die echten Befehle erteilte.

Sie hatten ihr eigenes Gemeinschaftsfeuer, allerdings sah man sie nie dabei, wie sie gemeinsam das Essen teilten, nur beim Austausch von Gerüchten und Meinungen. Wir stellten den Wagen ab, und die Bediensteten bildeten eine Schlange, während die Adeligen in ihren gemütlichen Stühlen sitzen blieben. Ich konnte mir nicht recht vorstellen, wie es ihnen gelungen sein mochte, die Stühle aus Baseer heraus zu schaffen, allerdings hegte ich den Verdacht, dass mehr als ein Bediensteter Möbel oder Kunstgegenstände auf dem Rücken hatte schleppen müssen.

»Ihr wisst doch gar nicht, wovon ihr redet«, meinte eine Frau in roter und blauer Seide verächtlich. Sie saß mit einigen Dutzend anderen, alle genauso fein gekleidet wie sie, um das Feuer. Die Leute sahen weder uns noch das Essen an. »Es waren die Heiligen. Sie haben sich herabgebeugt und den Palast mit ihren Händen zerschmettert. Keine lebendige Seele hat getan, was ich dort bezeugt habe.«

Mir drehte sich der Magen um. Sie redeten über mich. Es verhieß nie etwas Gutes, wenn Baseeri-Adelige über mich sprachen.

»Sei nicht albern, es war ein Angriff. Wahrscheinlich ein Vergeltungsschlag Verlattas.«

»Ich habe gehört, es war ein Mädchen«, meldete sich ein anderer Mann zu Wort. »Eine dieser Scheißköpfe.«

»Die Schifterin?«

»Genau. Bestandteil einer gevegischen Todesschwadron mit dem Auftrag, den Herzog zu töten.«

Ich war was? Danello legte mir eine Hand auf die Schulter und beugte sich dicht zu mir. »Ruhig. Schenk ihnen keine Beachtung. Das ist bloß Klatsch.«

Er hatte leicht reden, schließlich bezeichneten sie nicht ihn als Meuchelmörder. Ich schaute zu Aylin und Quenji. Beide waren von Kindern umzingelt, während sie die Küchlein und Kekse verteilten. Sie erwiderte meinen Blick mit Besorgnis in den Augen, Quenji hingegen hatte ein verschlagenes Lächeln aufgesetzt, als hieße er die Geschichte gut. Quenji erzählte selbst gern Geschichten. Auf der Straße konnte einem eine gute Geschichte, die man in der richtigen Kneipe erzählte, zu einer Mahlzeit verhelfen.

»Sie ist genauso schlimm wie die Unsterblichen«, meinte eine Frau mit kippender Stimme. »Diese Leute haben meinen Mann getötet. Er hat nichts Falsches getan! Nur versucht, die Kutsche zu wenden.« Das junge Mädchen, das neben ihr saß, begann zu weinen. Die Kleine ähnelte dem Mädchen aus Baseer – demjenigen, das ich nicht retten konnte.

»Fenda, nein!«

Metall klirrte gegen Metall, ein Mädchen schrie vor Schmerzen.

»Sie ist nur ein Kind!«, schluchzte der Mann. »Wie konntet ihr?«

Zorn verdrängte einen Teil meiner Furcht. Ich war nicht im Mindesten wie die Unsterblichen. Sie hatten ein unschuldiges Mädchen ermordet, das nur versucht hatte, seinen Vater zu beschützen.

»Wir haben den Schmuck meiner Frau gegen einen Torpass eingetauscht.«

Ein Mann grunzte. »Von mir hat ein Soldat meine Frau verlangt, um mich durchzulassen.«

Einige Leute kicherten, aber die meisten sahen aus, als wüssten sie nicht recht, ob er scherzte oder nicht.

»Tja«, meinte eine Frau, »wir sind besser dran als diejenigen, die zurückgeblieben sind.«

Ich stellte mir Tali vor, und mein Herz schmerzte erneut.

»Ich weiß nicht, was dieser Blitz war oder wer ihn verursacht hat«, fuhr sie fort, »aber in dieser Stadt stimmt etwas nicht. Und das ist schon so, seit Bespaar …«

Wütende Schreie ertönten hinter den Zelten, gefolgt von wiederholten Befehlen aufzuhören. Ellis sprang auf den Kutschbock und hielt einen Herzschlag später ihr Schwert in der Hand. Danello zog sein Rapier.

»Was ist da los?«, flüsterte Aylin. Die um sie gescharten Kinder drängten sich dichter zusammen, die blauen Augen geweitet und verängstigt. Quenji trat vor sie hin und schob sie zurück.

»Ich weiß es nicht«, sagte er. »Aber es klingt nicht gut.«

Drei Männer stürmten hinter einigen Zelten hervor. Zwei waren blond, einer hatte dunkle Haare. Alle trugen alte Kleider und Masken, die ihre unteren Gesichtshälften bedeckten. Ein Mann hielt einen Sack an die Brust gepresst, aber es war keiner von unseren.

»Diebe!«, rief jemand, und die Lagerwachen tauchten auf, um die Banditen zu jagen.

Ellis stieß einen Fluch aus und hüpfte vom Wagen. Sie eilte hinter den Dieben her, dicht gefolgt von Danello. Die Diebe rannten wie Hühner, huschten bald hierhin, bald dorthin, stießen Dinge um und schleuderten sie auf alle in ihrer Nähe. Überall stoben die Leute wirr und verängstigt auseinander. Niemand achtete darauf, wohin die Diebe flüchteten.

Ellbogen stießen mich und drängten mich weiter in die Menge hinein. Ein Mann prallte gegen meine Schulter und wirbelte mich herum. Der zweite Wagenwächter, Copli, befand sich auf dem Kutschbock und beschützte das Essen, sah jedoch aus, als wolle er lieber hinter Ellis und Danello herrennen. Quenji hatte die Arme um Aylin geschlungen, hielt sie dicht am Wagen und schirmte sie gegen die panische Menschenmenge ab. Die Kinder rannten zwischen Beinen und trampelnden Füßen in die Masse hinein, wurden in dem Chaos gefangen.

Ich kämpfte mich zwischen den Körpern hindurch und packte einen Jungen an der Hand. Ich riss ihn zurück, bevor eine panische Frau ihn über den Haufen rennen konnte. Er klammerte sich zitternd an mir fest. Ich hielt nach weiteren Kindern Ausschau und erblickte stattdessen einen der Diebe.

Er zog ein Messer, dann sprang er zurück und schwang es gegen die Wachen. Mehrere Leute brüllten, aber nur ein Körper stolperte und fiel zu Boden.

»Sofort stehenbleiben«, befahl ein großer Baseeri und schwenkte etwas auf die Diebe. Beinah wäre mir das Funkeln von blauem Metall entgangen.

Pynvium. Er hatte einen Pynviumstab. Obendrein einen guten – das Metall war so rein, dass es in sattem Blau schimmerte.

Der Adelige richtete den Stab auf die Menge verängstigter Menschen – und Kinder.

»Nicht! Warte!«, schrie ich.

Peng.

Schmerz blitzte von dem Stab. Das vertraute Gefühl eines Sandgebläses prickelte auf meiner Haut. Rings um mich brüllten die Leute und brachen zusammen – Wachen, Diebe, Kinder. Sogar das Pferd kreischte und nahm Reißaus. Säcke mit Essen flogen vom Wagen, und Copli stürzte vom Bock. Die Menschen am Rand des Blitzes stolperten und fielen über jene am Boden. Der Junge, den ich gepackt hatte, klappte zusammen und kam vor meinen Füßen zum Liegen.

Ich stand in einem Kreis, den die Schmerzen gelichtet hatten, ungeschützt und allein.

DRITTES KAPITEL

Hat sie gerade …?«

»Scheißköpfin!«

»Die Schifterin ist hier!«

Rufe breiteten sich durch die Menge aus, dann zeigten Finger und winkten Hände, alle in meine Richtung. Ich sank auf ein Knie und ergriff die Hand des bewusstlosen Jungen vor meinen Füßen. Meine Hand kribbelte, als ich die Schmerzen zog, die seine Sinne überlasteten. Er wachte auf und sah sich wimmernd um.

»Geh und such deine Mutter«, forderte ich ihn auf und ließ den Blick über den Rest der Leute auf dem Boden wandern. Danello. Wo steckt Danello? Da! Er lag in der Nähe von Ellis und einem der Diebe. Die Leute japsten, als ich zu ihm rannte, und wichen zurück, als würde ich ihnen wehtun.

»Schnappt sie! Haltet sie auf!«, rief der Baseeri mit der Pynviumwaffe.

Ich kniete mich hin und schlang eine Hand um Danellos Handgelenk, die andere um das von Ellis. Dann zog ich ihre Schmerzen und hielt sie in der Höhlung zwischen meinem Herzen und meinen Eingeweiden. Dort schwelten sie, als hätte ich etwas gegessen, das mir nicht bekam.

Danello erwachte mit einem Ruck und streckte die Hände aus. Ellis wachte unmittelbar nach ihm auf. Ich ließ die beiden los und hielt nach dem Wächter Ausschau, der mit dem Messer gestochen worden war. Er würde richtige Schmerzen haben – Schmerzen, die ich benutzen könnte, falls einer dieser Adeligen versuchte …

Jemand prallte gegen mich und schlug mich zu Boden.

»Ich hab sie!«, rief ein Mann, praktisch direkt in mein Ohr.

»Runter von ihr«, sagte Danello. Das Gewicht verschwand, und er zerrte mich wieder auf die Beine.

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