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Kreuzfahrt mit Mullemann

So oder so ähnlich hat sich alles zugetragen. Die Namen der Beteiligten sind selbstverständlich frei erfunden.

Meinem geliebtem Mann Reiner gewidmet.

© 2017 Anetta Marz

Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN  
Paperback: 978-3-7439-8797-5
Hardcover: 978-3-7439-8798-2
e-Book: 978-3-7439-8799-9

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Vorwort

Was eine Kreuzfahrt ist das weiß man. Sie wissen es auch. Ja Sie!

Wenn Sie sich nicht angesprochen fühlen, dann haben Sie noch keine gemacht. Aber ich warne Sie. Sie können noch so viele Vorurteile haben, wenn Sie dieses Buch zu Ende gelesen haben, werden Sie eine Seereise buchen. Das glauben Sie nicht? Nur zu, beweisen Sie mir das Gegenteil! Vorsicht! Ich muss noch den Virus erwähnen. Glauben ist gar nicht erforderlich, sie werden sich anstecken. Es könnte auch sein, dass Sie süchtig werden. Also legen Sie das Buch schnell wieder weg! Wobei, wir sollten zuerst gemeinsam ein Rätsel lösen. Es geht auch ganz schnell. Dann können Sie immer noch im Regal weiter stöbern oder mein Werk unter einen schiefen Tisch stellen. Dann erfüllt es einen guten Zweck und Sie können es später noch einmal hervorholen. Ich hole jetzt nicht weiter aus, sondern frage Sie: „Wer ist Mullemann? Und wer um Himmels Willen ist Schatzke? Ach der Letztere kam ja noch gar nicht vor!

Also wer heißt Mullemann oder wer wird so genannt? Ein Kater etwa? Darf der überhaupt mit auf ein Kreuzfahrtschiff? Vielleicht ist es ja nur ein Talisman, der darf überall mit hin. Es sei denn, er könnte stechen oder schneiden, dann darf er nicht mit ins Handgepäck, jedenfalls nicht, wenn Sie fliegen wollen. Aber kommen wir zurück zur Schiffsreise. Wer war dabei? Ein Mann namens Mulle? Falls Sie ein Mann sind, möchten Sie so gerufen werden? Held oder Großer Meister trifft wohl eher auf Sie zu. Das sind Sie ganz sicher, aber keiner spricht es aus. Unter Freunden müssen Sie sich „Alter“ oder „Dicker“ gefallen lassen. Bestimmt sind Sie auch der beste Liebhaber Ihrer Region, aber zu Hause nur „Vati“ oder bestenfalls „Schatz“. Pech gehabt! Mullemann und auch Schatzke haben es besser. Sie werden geachtet, geliebt und bewundert. Und sie gehören zusammen, wie ein Nickname und ein Pseudonym. Als wir beides noch nicht kannten, hatten wir nur Kosenamen. So einfach ist es auch hier. Aber wir Frauen sind nicht einfach, zumindest können wir uns nicht einfach ausdrücken. Wir sprechen gern in Metaphern, Bildern und Gleichnissen. Vielleicht ist ja der Mullemann gar nicht aus Fleisch und Blut und vielleicht ist er bzw. es nicht mal gegenständlich und auch die Kreuzfahrt ist keine solche, sondern beschreibt nur das auf und ab und hin und weg der Gedanken während einer Yogastunde.

Keine Angst! Sie halten keinen Ratgeber „Auf dem Weg zum eigenen Ich“ in den Händen. Ich mach es kurz. Mullemann ist niemand anderes als mein Traummann. Und Schatzke ist es auch. Welche Frau träumt nicht davon, einen oder besser noch zwei davon zu haben? Bei mir sind beide ein und dieselbe Person. Herrlich oder? Und bei Ihnen? Haben Sie auch einen Traummann oder suchen Sie noch? Ich habe ihn. Wollen Sie wissen woher? Dann müssen Sie weiterlesen. Irgendwann verrate ich es.

Irgendwann im Frühsommer

Wollte Mullemann nicht schon immer in die Karibik? Ja wollte er, ebenso wie zu den griechischen Inseln und quer über den Atlantik oder mal ums Kap Hoorn. Sicher diese Regionen scheinen auf den ersten Blick nichts miteinander gemeinsam zu haben, aber für die Segler unter Ihnen brauche ich nichts weiter zu erklären. Mullemann ist auch einer und er hat sogar eine eigene Jacht. Seit einigen Wochen segelt er mit mir auf der Destino. In irgendeiner Sprache bedeutet das Schicksal, ich bete immer inständig, wenn wir so um die 6 Knoten dahingleiten, es wird nicht unseres. Mich beschleicht immer so ein ängstliches Gefühl, wenn das Boot kränkt. Aussprechen kann ich das nicht, dann ist es auch mein Großer Meister mit einem „ge“ vorne dran. Und obwohl er schnell hektisch wird und so gar keine Ruhe und Sicherheit ausstrahlt, soll ich beides behalten. Und da finde ich doch die Alternative im Katalog, einen Urlaub auf dem Wasser und sicher, bequem, unaufgeregt und vielleicht etwas dekadent dazu. Denn Segeln ist die unbequemste und unkomfortabelste Art teuer zu reisen. So denke ich, als ich auf der Toilette sitze und einen Reiseprospekt von Phönix Reisen durchblättere. Er liegt schon da, so als Lektüre, wenn es mal dauert. Lieber rätsele ich ja, aber ich habe mir nichts mitgenommen und so lese ich halt den Prospekt. In ungebrochener Treue seit unserer Nilkreuzfahrt vor zehn Jahren schickt mir das Phönix Unternehmen seine Magazine und Kataloge. Das ist wirkliche Treue und das nach nur einem date. Ganz im Gegensatz zu mir, ich hatte damals einen anderen Traummann und den hatte ich nicht mal mit. Ich habe nur diese eine Reise über Phönix gebucht. O.k. Diese Eine hat Eindruck bei mir hinterlassen, aber können die das wissen? Klar Ägypten hält Weltwunder bereit, aber bei mir blieb auch die Freundlichkeit, der Service und die stetigen liebevollen Details an Bord in Erinnerung, nicht zu vergessen das ausgezeichnete Preis-Leistungs-Verhältnis. Und nun dieses Angebot. „Unter karibischer Sonne: Viele Inseln, ein Traum.“ steht fettgedruckt auf Seite zwei. Es sind Fotos mit Postkartenidylle abgedruckt, daneben eine Weltkarte, auf der die Schiffsroute eingestrichelt ist. So weit weg war ich noch nie. Aber so weit weg will ich. Schon lange und schon lange genug. Es reicht. Das Warten muss ein Ende haben und das sage ich jetzt Schatzke. Ich nehme den Prospekt mit zur Blauen Lagune. So nennen wir unsere neue Terrasse, weil sie direkt an den Pool grenzt. Das Wasser ist ja nicht blau, aber die Folie. Hier liegen wir an diesem Sonntagabend auf unseren Gartenmöbeln bei einem oder mehreren Gläsern Wein. Es ist immer so romantisch. Die Mücken bleiben draußen, wir liegen unter einem Moskito Pavillon. Die Musik kommt vom Laptop. Unser WLAN reicht bis hierher und wir hören Rockmusik und wenn wir kuscheln wollen auch mal James Blunt. „You are so beautiful“ trällert er uns zu. Wer fühlt sich da nicht schon viel besser? Ich stelle meine Entdeckung Schatzke vor. Ohne viel Worte gehen wir sofort ins Internet auf Phönix Reisen Punkt com und siehe da, eine einzige Kabine mit Balkon ist noch frei und als Entscheidungshilfe noch folgender Passus: „Gäste, die während der Reise ihren Geburtstag feiern, erhalten 500 Euro Geburtstagsrabatt.“ Und ich habe Geburtstag, wie immer am 12. November und der fällt mitten in die angepriesene Karibikreise.

Nein, wir buchen nicht sofort. Das macht Schatzke am Montag selbst nach einem Telefonat mit dem Kreuzfahrtberater. Nach der Buchung scheint er seinen Entschluss zu bereuen. Jedenfalls muss ich das annehmen, denn er ruft mich an. Aber keine Vorfreude erfüllt ihn, vielmehr kommen versteckt leise Vorwürfe ins Gespräch. „Das wird bestimmt langweilig.“ „Die Reise ist viel zu teuer.“ „So eine Kreuzfahrt ist doch gar nichts für uns.“ „Immer machen wir das, was du willst.“ In diesen Fällen hilft nur Deeskalation, ruhig bleiben und einen Ausweg anbieten. Ich gebe alles. Gesprächsführung will gelernt sein und das habe ich, aber es wird kein Spaziergang. Ein harter Spurt bergan, aber er wirkt. Mullemann storniert die Buchung nicht. Lange Zeit vermeiden wir Gespräche über unseren bevorstehenden Urlaub, Reisefieber will sich gar nicht einstellen. Schatzke, der sonst immer die Vorbereitungen trifft, Reiseführer und andere Unterlagen kauft, sich über Land und Leute informiert, dieser Mann tut jetzt nichts dergleichen. Bis sich dann zwei Wochen vor dem Urlaub bei ihm doch noch Reiselust einstellt. Zuletzt besorgt er sogar Zahlungsmittel, er kommt mit 400 US Dollar nach Hause. Unsere USA Einreisegenehmigung aus der dem Schneesturm geopferten New York Silvesterreise vor einem Jahr gilt noch, so dass sich sogar diese verloren geglaubte Investition noch lohnt. Das Echo im Verwandten- und Bekanntenkreis hinsichtlich unseres Urlaubsplanes ist geteilt. Nur wenige freuen sich mit uns, die meisten verstecken ihren Neid in „Ihr habt doch jetzt ein eigenes Boot“ oder „Kreuzfahrten sind was für Rentner“. Letztere Bedenken werden bestärkt durch das Phönix Reisevideo im Internet. Tolles Schiff, nicht so eine anonyme Massenabfertigung, aber was sind da für Gäste zu sehen? Alles Uhus, Grauhaardackel, Kaltwelle etc. p.p. Egal. Bezahlt ist bezahlt.

6. November

Die Reise steht vor der Tür. Am Abend rufe ich Mullemann an. Ich habe nur bis Mittag gearbeitet, um den Friseurtermin zu schaffen. Zuletzt waren meine Haare so lang, dass sie sich nicht mehr in Form föhnen ließen. Meine Haare sind sehr fein. So drücken es jedenfalls die Friseurinnen aus, denn sie sind geschult und wissen, dass ihre Kundinnen nichts von dünnen Haaren hören wollen, mit denen man eigentlich nichts anfangen kann und mit denen auch keine noch so schöne Frau in irgendein Prospekt kommt. Meine Interimslösung war die Anwendung von Lockenwicklern, um noch sozial angenommen zu werden. Heutzutage benutzen keine 48-jährigen Frauen Lockenwickler. Sie sind vielleicht schon Oma, vielleicht aber auch Erstgebärende ihres letzten Eisprungs. Aber Dauerwellenlöckchen zieren sie nicht. Die Ausnahme bin ich. Schatzke hat diesem Look wohl etwas mehr abgewinnen können, nur so ist seine Aussage zu interpretieren: „Nimm die Lockenwickler mit.“. Aber schwimmen und schnorcheln in der Karibik mit einer Lockenfrisur? Das geht wohl nicht, also kommt mir der Friseurtermin kurz nach Mittag gerade recht.

Gegen 16:00 bin ich fertig, eile schnell nach Hause, bügle und packe, sogar die Wohnung wird grob gewischt. Das habe ich alles geschafft und habe noch Zeit vor der Bläserstunde, Schatzke anzurufen. Der ist auch gleich erreichbar. Mitten im Telefonat klingelt es an der Tür. „Nanu, wer soll das denn sein?“, frage ich laut. „Wusste doch, du hast einen Liebhaber.“, entgegnet Mullemann und „Wirst abgeholt, was?“ Aber er selbst steht vor der Tür das Telefon noch am Ohr. Was freue ich mich! Wir holen seine Koffer rein, teilen den letzten Wein und freuen uns über die gelungene Überraschung. Dann mach ich mich auf zur Bläserstunde. Er auch, zum Schnitzelparadies, denn so ein Mann hat Hunger. Der lässt sich nicht stillen, mit dem was so in einem „ständig auf Diät sein“ Kühlschrank ist.

Als ich von der Bläserstunde zurückkomme, liegt Mullemann auf der Couch. Voller Bauch, voll müde und keine Lust und schon gar keine Kraft mehr für weitere zwischenmenschliche Kontakte, auch keine rein verbalen. Genüsslich trinke ich den Rest des Weißweins und lege mich neben meinen schnarchenden Traummann ins Bett.

7. November

Letzter Arbeitstag. Er geht leider nicht wie geplant pünktlich zu Ende, dafür ohne Altlasten. Urlaub, du kannst kommen. Schatzke holt mich ab. Sein Cabrio darf sich auf dem Mitarbeiterparkplatz zweieinhalb Wochen erholen. Der Dienstwagen findet vor dem Priesterdomizil seinen Platz. Hier genießt er einen ganz besonderen Schutz und nicht nur den seiner Legitimation durch den Anwohnerparkausweis auf dem Armaturenbrett.

Wir packen nur noch die Koffer zu Ende. Es gibt Diskussionen über die Aufteilung der Gepäckstücke. Es dürfen pro Person 30 kg mitgenommen werden, wobei ein Koffer nicht mehr als 23 kg wiegen darf. So einen Quatsch will Schatzke erst gar nicht verstehen, er will keinen Stress. Er einen und ich einen Koffer und Schluss. „Die wiegen dann aber zu viel“, werfe ich ein, aber vergeblich. Ich füge mich, Deeskalation eben. Wir werden ja sehen. Danach gehen wir sofort ins Bett und fallen in einen unruhigen unterbrochenen Schlaf. Irgendwann stelle ich fest, ich bin allein im Schlafzimmer. Mullemann schnarcht im Wohnzimmer fünf Meter weiter weg, aus Rücksicht nehme ich an und schlafe wieder ein.

8. November

Irgendwann in der Nacht steht Schatzke vor meinem Bett. „Guten Morgen, aufstehen!“ Er strahlt, als er diese Aufforderung durch die Stille schmettert. Mein Wecker hat aber noch nicht geklingelt, ich bin etwas angesäuert. Das wäre fast schiefgegangen, ich habe ihn eine Stunde zu spät gestellt, aber das sage ich nicht. Ich schleppe mich ins Bad und tue das, was eine Frau so tut. Nach der üblichen Zähneschrubberei und viel kaltem Wasser lege ich ein deckendes Make-up auf. Es macht mich um mindestens drei Jahre jünger und erholter. Nun noch ein Kaffee fürs Innere, aber er macht uns nicht wirklich munter. Ein Taxi holt uns ab und wir landen ohne Stress für knappe sechs Euro am Hauptbahnhof. Einziger Wermutstropfen, es ist ein Rauchertaxi und wir sind Passivrauchen nicht mehr gewöhnt.

Im Bahnhof meldet sich doch glattweg so früh am Morgen, es ist kurz vor 5:00 Uhr, der Hunger und so kaufe ich mir ein Schoko Muffin und dann gehts los mit dem IC nach Frankfurt am Main. Wir haben Platzkarten, die hat der Mullemann besorgt, er will auf keinen Fall stehen. In Erfurt ist der Zug ziemlich leer, er füllt sich dann immer vor größeren Städten mit Pendlern, die dort geballt aussteigen. „Siehst du, gut dass wir Platzkarten haben.“ Schatzke ist ganz stolz. Muss ich entgegnen, dass die Pendler bestimmt keine besitzen und über den Plätzen auch nichts aufleuchtet, was auf ein Besetztsein hindeuten würde. Nein, das muss ich nicht und ich tu es auch nicht. Wozu auch. Schatzke ist so stolz, eine ideale Voraussetzung für einen weiterhin schönen Tag.

Gleich nach dem Aussteigen, eineinhalb Rolltreppen weiter, ist der Rail Check in. Man muss erst selbst einchecken, dann darf man an die Gates und seine Koffer abgeben. Wer hat sich das eigentlich ausgedacht? Einen Automaten aufzustellen, den kaum ein Passagier bedienen kann. Fast jeder muss den persönlichen Assistenten rufen, bis endlich eine Bordkarte ausgespuckt wird. Das dauert. Was spart man ein? Zeit und Personal nicht, nur Kundenzufriedenheit. Auch wir halten endlich unsere Bordkarten in den Händen. Es sind die Sitzplätze aufgedruckt, die wir schon in unseren Reiseunterlagen zugeschickt bekommen haben. Welch grandiose Computerleistung. Stolz gehen wir zum Gepäck Check in. Dort sitzen die netten Stewardessen, die eigentlich doch zugleich die Bordkarten ausdrucken könnten. Aber was zerbreche ich mir meinen Kopf wegen fremder Aufgaben. Schnell haben wir andere Sorgen. Unser Gepäck ist zu schwer. Also nicht insgesamt, aber eben beide Koffer einzeln. Schatzke wollte es ja nicht verstehen, es ergab für ihn gar keine Logik. Ich hatte es verstanden, es war nicht logisch aber genau erklärt. Darüber wollte mein Mann gestern nicht diskutieren, nun muss er es. Schatzke kennt keine Gnade, er erklärt der Stewardess den Nonsens der 23 kg Einzelgepäckstückregelung. Sie hat kein Einsehen, sie hat das Deeskalationstraining nicht nötig. Mullemann hat noch ein Ass im Ärmel. „Dann bezahle ich eben das Übergepäck.“ 100 Euro veranschlagt sie pro Gepäckstück, bietet aber nochmals ein Umpacken an Ort und Stelle an. Die Summe hat Schatzke überzeugt, wir nehmen die Bücher ins Handgepäck und alle sind zufrieden, sogar die Gepäckwaage.

Am Gate C14 sammeln sich die Flugreisenden nach Caracas. Mullemann bekommt einen dicken Hals, auch meine Urlaubslaune sinkt. Alle, aber auch alle Mitreisenden sind uralt, knappe Uhus. Plötzlich ein Lichtblick und welch ein Zufall. Zwei Neustrelitzer, Günther und Kristina, zwei Bekannte, zwei in unserem Alter, was für eine Freude. Im Flieger sitzen sie genau hinter uns. Zufälle gibt es nicht, das wissen wir ja schon. Schatzke kennt die beiden aus dem Reisebüro, besonders sie hat viel für ihn recherchiert, weil er doch nach Thailand wollte. Gebucht hat er dann nicht, aber sie scheinen es nicht übel zu nehmen. Beide sind bestens gelaunt, sie sind auf Dienstreise. Was wir als teuren Urlaub empfinden, ist für sie ein absetzbarer Schulungsaufenthalt. Wie sollen sie sonst ihre Kunden beraten? Da muss man um die Welt. Schön, dass sie jetzt die Kreuzfahrt machen müssen. Vor uns liegen zehneinhalb Stunden Flugzeit. Wir haben uns vorher viele Gedanken gemacht, wie man die Zeit übersteht. Zuerst einmal, wie vermeide ich eine Thrombose? Unser Alter lässt uns in die Risikogruppe rutschen, nicht in den Hochrisikobereich, das nicht. Aber ganz taufrisch sind auch wir nicht. Ich habe mich gegen Thrombosestrümpfe entschieden, wie soll ich die auch unauffällig wieder loswerden in dem heißen Urlaubsziel. Spritzen kommen auch nicht in Betracht, wer tut sich selbst schon gern weh? Schatzke gibt mir eine Dosis seiner ASS Tabletten ab. Eine Sorge weniger. Aber es gibt noch ein Problem, Schatzkes Flugangst. Die bewältigt eigentlich nur ein Cocktail aus Hochprozentigem mit einem Sedativum. Wir fliegen mit Lufthansa, dort gibt es zumindest Wein. Das und einige Rundgänge im Airbus mit Halt an der Weintheke und Schatzke kommt durch. Mit Lufthansa reisen bedeutet aber nicht nur alkoholische Getränke an Bord, sondern auch ein Media-Equipment am Platz. Über dem Monitor in der Rückenlehne des Vordersitzes sind ca. 20 Filme, CDs verschiedener Genre, Radio- und Nachrichtenprogramme sowie Spiele abrufbar. Ab und zu kommen dann noch die Stewards und Stewardessen und bringen Essen, Snacks und Getränke. Vor uns sitzen leider keine Bekannten, sondern zwei „Kanaken“, wie Schatzke sie betitelte. Beide bevorzugen zu liegen, also ihre Rückenlehnen nach hinten zu klappen, was unsere Sitzreihe erheblich schmälert. Wir fühlen uns sofort unzumutbar beengt. Schatzke bittet erst seinen, später auch meinen Vordermann um Rücksicht. Mein Vordermann hält sie dann auch den ganzen restlichen Flug ein, seiner leider nicht. So ungerecht ist die Welt. Hintereinander sehe ich mir zwei Lovestorys an, Männer sagen dazu Schmalzfilme. Ich muss sehr oft weinen. Die Tränen wische ich mir heimlich ab. Meist versuche ich ja, wenn mir mal die Tränen einschießen und ich nicht allein bin, meine Augen ganz weit aufzumachen. Dann können mehr Tränen im Unterlid gehalten werden und haben Zeit den Tränenkanal unbemerkt zu passieren. Diese Methode hilft heute nur begrenzt, aber es nimmt keiner weiter Notiz von mir. Nach beiden Filmen habe ich genug geweint und suche mir zuletzt noch eine bitterböse französische Komödie mit dem Titel „Der Vorname“ aus. Im Bekanntenkreis gibt es einen werdenden Vater. Auf die Frage, wie denn das Kind heißen soll, antwortet dieser: „Adolph“. Explizit nicht mit „f“, sondern französisch mit „ph“. Die Namenswahl egal ob mit „f“ oder „ph“ löst Entrüstung aus und die Diskussionen führen zu einer Spirale aus Enthüllungen und Offenbarungen bisher zurückgehaltener Ehrlichkeiten, die in keinster Weise nachlässt, als die Schwangere auftaucht, die gar nichts von der Vornamenswahl weiß und auch den Spaß, den sich ihr Mann damit machen wollte, überhaupt nicht versteht. Es ist einfach herrlich, man könnte vor lauter Freude weinen, aber das geht nicht mehr. Die Tränen sind schon verbraucht. Bevor ich mir noch einen Film aussuchen kann, landet der Airbus in Caracas.

In Venezuela ist es heiß und tropisch feucht. Vorausschauend haben wir zuhause schon T-Shirts angezogen, über die wir ein Hemd bzw. Bluse und unsere Jacke gezogen haben. Diese Zwiebelschalen sind schon längst wieder im Koffer und alle Mitreisenden, die in ihrer Herbstkleidung triefen, schauen uns neidisch an. Uns bleiben das Hochgefühl und die Hitze. T-Shirts reichen nicht, an solch ein Klima muss man sich erst mal gewöhnen.

Wir müssen an der Passkontrolle anstehen. Dort sitzen fast ausschließlich junge Damen, allesamt drall oder wie Schatzke es ausdrückt: „Mann, die hat aber Möpse.“. Das haben sie hier fast alle. Tolle Gegend. Nach dem Check-out werden wir in eine riesige Flughafenhalle entlassen und sofort begrüßt. Michael von Phönix-Reisen steht dort, tapfer das Schild mit dem Firmenlogo hochhaltend und im farblich passenden, typisch grünen Shirt gekleidet. „Herzlich Willkommen“ versucht er jedem Einzelnen der zuströmenden Passagiere zuzurufen. Man scheint sich zu kennen, viele Stammgäste sind unter uns und ein Paradiesvogel. Dieser ist weiblichen Geschlechts, scheinbar allein reisend und völlig in Barbietönen gekleidet. Von lila über violett bis pink leuchten die Haare, ebenso die unzähligen Tattoos und zuletzt auch die vier Koffer. Ein Hingucker mit größtem Wiedererkennungswert aber leider ohne jegliche Erotik. Einfach nur lächerlich.

Michael wartet noch auf Nachzügler, aber gleich soll es losgehen, mit dem Bus, der schon draußen wartet. Wir sollen vorher das Gepäck zu einem kleinen Transporter bringen, aber eben nicht sofort. Wegen der Bummelanten, aber so nenne nur ich sie. Die Stammgäste warten aber nicht. Sie wissen, wo sie hinmüssen und sie haben den Jagdinstinkt in sich. Sie wollen schließlich einen guten Platz finden. Phönix würde keinen Bus mit weniger Plätzen als Reisende schicken, aber diese Logik hilft nicht beim Wettbewerb um die ersten Reihen. Wir nehmen ganz hinten Platz, vor uns finden sich auch Günther und Kristina ein. Um was wurde hier gekämpft? An den schwarzen Ledersitzen kleben überall Kaffeereste oder noch unergründlichere Sachen, die aber niemand ergründen möchte. Dazu strömt aus den Düsen über unseren Köpfen eiskalte Luft in einem bemerkenswerten Tempo, das man leider nicht drosseln kann. Mullemann hat Küchentücher mit, die sind die Rettung vorm Erfrierungstod oder zumindest einer heftigen Erkältung und werden in die Lüftungslöcher gestopft und dann geht es durch Caracas. Die Stadt ist bunt, mäßig sauber und scheint irgendwo zwischen Armut und basalem Wohlstand zu schweben. Im wahnwitzigen Verkehr stehen Polizisten und wedeln mit den Armen, wie um dem stockenden Verkehr Schwung verleihen zu wollen. Unsere Neustrelitzer bleiben unaufgeregt. Sie kennen schon alles, müssen sie ja auch, so als Reisebüroinhaber.

Wir kommen an, an unserem Schiff der Amadea. Sie liegt hinter dem Hafengebäude und sieht irgendwie klein aus, kleiner jedenfalls als wir dachten. Unsere Kabine haben wir sofort ausgemacht. Mullemann hatte stundenlang im Internet recherchiert, die Amadea gegoogelt und Fotos vergrößert. Wir wissen genau wo wir schlafen werden. Im Hafen nochmals Pass- und Handgepäckkontrolle und dann zur Gangway.

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