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Krabbenfang

Impressum

ISBN 978-3-841-20769-2

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, März 2014

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2014 bei Rütten & Loening, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Umschlaggestaltung Büro Süd, München unter Verwendung eines Motivs von © Ric Kallaher/Corbis

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig, www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

Kapitel 1

Krabbe.jpg

Sinje betrachtete ihre Tochter Inede. Das Mädchen stand am Bug der Fähre ›Uhtlande‹, die auf dem Weg von Dagebüll nach Wyk auf Föhr war. Die Deern ist groß geworden und besteht nur aus Beinen, dachte sie. Einen Monat hatte sie das Mädchen nicht gesehen. Nach einem halben Jahr Klasse 5 des Wyker Gymnasiums war Inede vorzeitig in die nächste Klasse versetzt worden. Dort schrieb sie eine Eins nach der anderen, und der Klassenlehrer war auf die Idee gekommen, sie könne hochbegabt sein. Zahlreiche Tests hatten seine Vermutung bestätigt. Weil das Wyker Gymnasium keine Fördermöglichkeiten für hochbegabte Schüler besaß, wechselte Inede auf ein Husumer Gymnasium und besuchte dort ein auf ihre Begabung abgestimmtes Förderprogramm. Sie wohnte bei ihrer Patentante. Für Sinje waren das turbulente eineinhalb Jahre gewesen, an deren Ende sie ihre Tochter schweren Herzens hatte hergeben müssen. Sie selbst war Föhrs einzige Krabbenfischerin und einer Familientradition verpflichtet. Den Beruf von Husum aus auszuüben – undenkbar.

Zum Glück hatten die Sommerferien begonnen, und sie hieß ihre Tochter für sechs Wochen auf Föhr willkommen, statt sie nur jedes zweite Wochenende zu Hause zu haben. Sinje hatte es sich auch nicht nehmen lassen, sie in Husum abzuholen, obwohl Inede mit ihren fünfzehn Jahren durchaus in der Lage war, selbständig mit dem Zug bis nach Dagebüll zu fahren und mit der Fähre überzusetzen.

Als sie sich umschaute, bemerkte sie mehr als einen Jungen, der seine Blicke nicht von ihrer Tochter lassen konnte. Das machte sie stolz, andererseits auch besorgt. Inede war doch noch viel zu jung für Jungsgeschichten. Oder nicht? Hatte sie am Ende gar einen Freund in Husum und war wegen ihm im letzten Monat nicht nach Hause gekommen, um noch möglichst viel Zeit mit ihm zu verbringen, bevor sie sich für sechs Wochen trennten? Sie musste der Deern auf den Zahn fühlen. Am besten noch auf der Fähre, da konnte Inede keine Verabredung mit einer Freundin vorschieben und ihr auf dem Fahrrad entwischen.

Bevor sie ihr Vorhaben in die Tat umsetzte, fegte eine frische Brise über das Deck und wirbelte Inedes lang den Rücken herabfallendes Haar durcheinander. Sie strich es wieder nach hinten, zog aus der Tasche ihrer Jeans ein Haarband und band sich einen Pferdeschwanz. Danach drehte sie sich lachend um und hob die Arme, als wollte sie die Welt umarmen – oder ihre Mutter.

»Hier riecht die Luft anders, sogar der Wind weht anders. Ich bin so froh, nach Hause zu kommen, bei dir zu sein, Mum.«

»Ich bin auch froh, meine kleine Große wieder bei mir zu haben.« Inede war doch noch ein Kind, mit Jungen hatte sie nichts im Sinn, und Sinje war froh, nichts gesagt zu haben.

»Für die Ferien habe ich mir ein Projekt vorgenommen. Deswegen ist es auch gut, endlich nach Hause zu kommen.«

»Was denn für ein Projekt?«

»Das ist ein Geheimnis.«

»Willst du am Ende noch mehr lernen, du hast doch schon überall eine Eins.«

»Geheimnis. Geheimnis.« Inede lachte, und ihre Augen blitzten.

Sinje zuckte innerlich zusammen. Gerade hatte sie gedacht, die Deern wäre noch zu jung, um … Als erster Gedanke zu einem möglichen Projekt schoss ihr jedoch durch den Kopf, dass ihre Deern in den Sommerferien ihre Jungfräulichkeit verlieren wollte. Das durfte nicht sein, konnte nicht sein. Nicht Inede. Sie musterte ihre Tochter und las in deren Miene nichts als Vorfreude auf einen schönen Sommer.

Sinje räusperte sich. »Sie sollten euch nicht auch noch Projekte für die Ferien aufgeben. Die Zeit ist ganz für euch und nicht für die Schule.«

»Damit hat es gar nichts zu tun.« Inede verdrehte die Augen.

»Was ist es dann?«

»Ein Geheimnis. Und es bleibt so lange eins, bis es an der Zeit ist, dass du davon erfährst. Und nein, ich habe mir nicht vorgenommen, Erfahrungen mit Jungen zu machen. Einen Freund habe ich in Husum auch nicht.«

»Wie kommst du darauf?« Sinje fühlte sich ertappt. Brachten sie den Kindern in diesem Hochbegabtenprogramm Gedankenlesen bei?

»Das hast du doch gedacht. Ich kenne meine Mutter seit meiner Geburt.«

Mit einer so klugen Tochter hatte man es nicht immer einfach. Sinje seufzte unhörbar. Inede schaute sich derweil auf dem Deck um und musterte die anderen Passagiere.

»Wonach siehst du dich um?«

»Nur so. Schau mal da hinten, Mum.« Sie deutete auf einen Mann, der allein auf einer der Bänke saß und einen Reiseführer studierte.

»Da bereitet sich einer besonders gut auf seinen Urlaub vor.«

»Guck doch mal genau hin.«

Was wollte die Deern bloß? Sinje war ratlos. »Kennst du den Mann? Ist das ein Lehrer an deiner Schule?«

»Auf keinen Fall. Das wären ja schöne Ferien mit einem Pauker vor der Nase. Schau ihn dir an.«

»Warum?«

»Ist er nicht … Findest du nicht, dass er ganz interessant ist – also dass es sich lohnen könnte, ihn näher kennenzulernen.«

»Inede. Deern, wie kommst du denn auf so was?«

»Na ja, du bist doch nicht nur meine Mum, sondern auch eine Frau. Also, ich meine … also, wenn ich ein Mann wäre, ich würde mir alle zehn Finger nach dir lecken.«

Was waren denn das für Gedanken? »Schätzchen, falls du dir in den Kopf gesetzt hast, mich unter die Haube zu bringen, gib dir keine Mühe. Ich bin nicht interessiert.«

»Mama.« So nannte Inede sie nur, wenn es ihr wirklich wichtig war. Sie schmiegte sich an ihre Mutter und schlang einen Arm um ihre Taille. »Papa ist seit vier Jahren tot. Du kannst doch nicht dein Leben lang allein bleiben. Das will ich nicht. Ich bin nicht da, und du bist ganz alleine in dem Haus.«

»Hör auf.« Sie wollte das nicht hören. Kein Mann konnte ihr Arfst ersetzen, den sie vom ersten bis zum letzten Augenblick geliebt hatte, den sie immer noch liebte.

»Du sollst doch nur schauen und nicht gleich heiraten, Mama. Von sieben Abenden verbringst du fünf allein und die beiden anderen mit Tante Keike. Das ist kein Leben für eine moderne, unabhängige Frau.«

»Was weißt du schon davon.«

»Wir haben darüber was in der Schule gehört.«

»Der Lehrplan muss sich seit meiner Zeit verändert haben. Ich will kein Wort mehr von dieser Sache hören, wir legen gleich an.«

Normalerweise ließ sich Inede nicht von einem Thema abbringen, sie musste den Dingen immer genau auf den Grund gehen. Sinje schob das auf die Hochbegabung, und sie hieß es gut, solange sie nicht das Ziel war. Sie riskierte dennoch einen Blick auf den Mann. Er saß immer noch allein auf seiner Bank und las. Außer einem gebeugten Kopf und braunem Wuschelhaar war kaum etwas von ihm zu sehen. Es schien, als spürte er, dass er beobachtet wurde, denn er schlug den Reiseführer zu und schaute sich um. Einen Moment kreuzten sich ihre Blicke. Er hatte dunkle Augen und ein markantes Kinn, eine Haarsträhne fiel ihm in die Stirn. Einen interessanten Mann hatte ihre Tochter ausgesucht, musste Sinje sich widerwillig eingestehen. Schnell schaute sie woandershin. Inede stand in einer Schlange am Niedergang zum Autodeck und hatte von dem kleinen Manöver nichts mitbekommen.

Die Fähre hatte im Hafen von Wyk angelegt, die Heckklappe war geöffnet, und die ersten Autos verließen das Schiff. Sinje startete den Volvo, und mit einem tief aus den Eingeweiden kommenden Blubbern erwachte der betagte Motor zum Leben. Sie rollten auf den Ausgang der Fähre zu. Dicht hinter ihnen fuhr ein anderer Wagen. Im Rückspiegel erkannte Sinje die niedrige Silhouette eines Sportwagens – Mercedes wahrscheinlich. Er fuhr so nah auf, sie sah weder seine Stoßstange noch die Scheinwerfer. Ihre Handflächen wurden feucht, es machte sie nervös, wenn ein anderes Fahrzeug so dicht auffuhr. Sie wollte Gas geben und fliehen, vor ihr fuhr jedoch auch jemand.

Endlich erreichten sie die Ausfahrt. Der Wagen vor ihr gab Gas, und auch Sinje wollte beschleunigen, den Hafen verlassen und sich mit ihrer Tochter auf den Weg nach Nieblum machen. Schnell warf sie noch einen Blick nach rechts zum Fischereihafen, wo die »Tru Deern« lag, ihr Krabbenkutter. Arfsts ganzer Stolz und ihrer auch.

»Mama!«

Inedes Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Sie ruckte das Steuer herum und trat auf die Bremse. Der Volvo bockte, der Motor erstarb. Quer vor ihrer Stoßstange stand der Mercedes-Sportwagen, der auf der Fähre hinter ihr gewesen war. Sinje umklammerte mit schweißfeuchten Händen das Lenkrad, sie fühlte sich flau und spürte, wie ihr das Blut in den Kopf gestiegen war.

Die Fahrertür wurde einen Spalt geöffnet, weiter ging sie nicht auf, denn der Volvo stand im Weg. Durch die Lücke zwängte sich ein Mann mit braunem Wuschelhaar und einem markanten Kinn. Er schaute wütend durch die Beifahrerseite in den Volvo. Es war der Mann, der auf der Fähre alleine auf einer Bank gesessen und in einem Reiseführer gelesen hatte. Er sah aus, als würde er am liebsten in den Wagen greifen, jemandem am Hals packen, herausziehen und schütteln.

Kein Wort der Entschuldigung kam über seine Lippen, er fragte nicht, ob mit ihnen alles in Ordnung sei. Er ging um seinen Mercedes herum, strich über den linken Kotflügel und beugte sich vor, um den Lack genau in Augenschein zu nehmen.

»Weiber sollte man nicht ans Steuer lassen«, murmelte er dabei so deutlich, dass er im Volvo ohne weiteres zu verstehen war. Als er sich wieder aufrichtete, schaute er kurz in den Wagen. »Gemeingefährlich.«

Der Mann zwängte sich in seinen Sportwagen, setzte eine Wagenlänge zurück und fuhr mit quietschenden Reifen und aufheulendem Motor davon. Der Mercedes besaß ein Hamburger Kennzeichen.

Sinje war einen Moment lang zu keinen Gedanken fähig, selbst ihrer Tochter hatte es die Sprache verschlagen.

»Idiot! Großstädter«, sagte Sinje und schüttelte den Kopf. Ihre unterdrückte Wut ließ sie zu viel Gas geben, und der Wagen machte beim Anfahren einen Satz nach vorne.

Inede stützte sich am Armaturenbrett ab.

»Du sagst am besten nichts, schließlich hast du mir dieses Prachtexemplar der Schöpfung antun wollen. Untersteh dich, mir den Rest der Ferien irgendwelche Männer auszusuchen. Wohin das führt, haben wir ja eben gesehen.«

Sie raste davon – erstaunlich, wie rasant der alte Volvo sein konnte – und nahm die Kurve am Ende des Hafens viel zu schnell.

»Du darfst nicht alle Männer über einen Kamm scheren. Er sah gut aus, das musst du zugeben«, erwiderte Inede, aber ihrem Tonfall war anzuhören, dass sie die Sache noch nicht aufgegeben hatte.

Sogleich tat sie Sinje leid. »Nimm dir das bloß nicht zu Herzen, Schätzchen. Gutes Aussehen allein nützt nichts, wenn der Charakter nichts taugt.«

»Weiß ich doch längst.«

Das kleine Kapitänshaus, das Sinje seit dem Tod ihres Mannes mit ihrer Tochter allein bewohnte, stand am Rand von Nieblum. Übermannshohe Stockrosen flankierten den Eingang, üppig blühende Wildrosenhecken ersetzten einen Zaun, an einer Hausecke wucherte ein Geißblatt, die Blüten würden später am Abend ihren Duft verströmen.

Sinje fuhr den Volvo in die Remise. Ursprünglich war es einmal ein Stall gewesen, für ein Schwein, ein paar Hühner, eine Kuh. Während ihre Männer zur See fuhren, kümmerten sich die Frauen der Kapitäne um das Haus und betrieben eine kleine Landwirtschaft. Bereits Arfsts Eltern hatten das Schwein in den sechziger Jahren abgeschafft und den Stall zur Garage umgebaut. Hühner hielt erst Sinje wieder, drei pickten und gackerten in einem abgetrennten Teil des Gartens. Sie kamen sofort angerannt, als Sinje sich ihnen näherte und drei Eier einsammelte, während Inede ihren schweren Koffer in ihr Zimmer unterm Dach schleppte. Sie hatte sich dabei nicht helfen lassen wollen.

Das Haus besaß eine große Diele mit einem Kaminofen, und im Winter spielte sich das Leben meistens hier ab. Außerdem noch drei Zimmer, Küche, Bad und Inedes Reich im ausgebauten Dachboden, bestehend aus Kinderzimmer, begehbarem Kleiderschrank und einem eigenen Bad. Arfst hatte seinerzeit mit dem Ausbau begonnen, wollte alles selbst machen und war nicht mehr fertig geworden. Es war Sinje finanziell nicht leichtgefallen, die Arbeiten fertigstellen zu lassen, aber ihre Tochter hatte den Vater verloren, da sollte sie nicht auch noch auf das versprochene Zimmer verzichten müssen. Deshalb hatte jeder im Haus seinen eigenen Bereich.

Lange blieben sie allerdings nicht zu Hause, nur gerade eben, um sich umzuziehen und sich frisch zu machen, denn sie waren bei Sinjes jüngerer Schwester Keike zum Kaffee eingeladen. Die wollte Inede auf der Insel willkommen heißen und verwöhnen.

Keike wohnte mit ihrem Mann am anderen Ende von Nieblum. Sie und Bendix betrieben Landwirtschaft – Kühe und Schafe, ein bisschen Maisanbau – und vermieteten zwei Ferienwohnungen und drei Fremdenzimmer an Gäste. Sie hatten keine eigenen Kinder – noch nicht –, und bis es so weit war, überschüttete Keike ihre Nichte mit ihrer ganzen Aufmerksamkeit und Liebe.

Im Gegensatz zu der schlanken Sinje war die Jüngere ein wenig füllig, mit einem üppigen Busen, an den sie ihre Nichte zog und gar nicht wieder loslassen wollte. Inede ließ sich die Umarmung gerne gefallen, aber bevor ihr ein dicker Kuss auf die Wange geschmatzt wurde, entschlüpfte sie ihrer Tante.

»Ich freue mich auch, dich zu sehen.« Das Mädchen lachte verlegen. Sie liebte ihre Tante, aber als Teenager wollte sie cool sein, und dazu passten keine heftigen Liebesbekundungen.

»Hast du wieder lauter Einsen auf dem Zeugnis?«

»Nicht nur. Zwei Zweien.« Inede hob zwei Finger und grinste schelmisch.

»Brav. Zu viel lernen ist nicht gut.«

»In Sport und Ethik.«

Keike drohte ihrer Nichte scherzhaft mit dem Finger. »Jetzt lassen wir aber die Schule, es gibt Erdbeerkuchen mit Sahne.«

Keikes Torten waren in Nieblum, eigentlich auf ganz Föhr legendär, es gab kaum eine Feier, bei der sie nicht gebeten wurde, etwas beizusteuern. Sie buk auch nie nur einen Kuchen, und deshalb stand neben der dick mit Sahne und Mandeln verzierten Erdbeertorte noch ein Mandarinenkuchen mit Joghurtcreme. Sinje verkniff sich die Frage, wer das alles essen sollte, im Zweifel wurden die Feriengäste sanft überredet.

Der Kaffeetisch war in der Gartenlaube liebevoll gedeckt. Bendix war nicht da, er hatte mit den Schafen zu tun. Die drei Frauen labten sich an der Erdbeertorte. Keike kratzte ihrer Figur wegen die Sahne ab, und beim Essen drehte sich ihr Gespräch um Inedes Schule und ihre Freunde in Husum, den neuesten Klatsch aus Nieblum. In null Komma nichts war die erste Kaffeekanne leer, und Keike wollte Nachschub holen.

»Ich mach das schon.« Sinje griff nach der Kanne und stand auf. Nach drei Stück Kuchen hatte sie das Gefühl, sich unbedingt bewegen zu müssen.

Vor der Küchentür traf sie einen der Feriengäste, der gerade gehen wollte. Der Mann drehte sich halb zu ihr um, und beide blieben sprachlos voreinander stehen. Es war der Kerl vom Hafen. Statt eines Hemdes und Jeans trug er jetzt ein verwaschenes T-Shirt zu hellen Shorts und Leinenschuhen. Ins Haar hatte er eine Sonnenbrille geschoben. Natürlich musste einer wie er auf Segler machen.

Sinje bemerkte, dass ihr der Mund offenstand, und klappte ihn schnell zu. Gerade vor diesem Mann wollte sie nicht wie ein dümmliches Schaf dastehen.

»Sie!«, entfuhr es beiden gleichzeitig.

»Manche Frauen wird man einfach nicht los, wie ein Fluch«, fügte er hinzu.

Sinje spürte, wie sie wütend wurde. »Das kann ich zurückgeben.« Zu spät fiel ihr ein, dass der Mann wahrscheinlich Keikes Gast war.

Er zuckte nur mit den Schultern und verließ das Haus durch die Vordertür.

Arrogant von den Haarspitzen bis zu den Zehennägeln. Sinje starrte immer noch die Tür an, als diese schon längst wieder geschlossen war. Gerne hätte sie ihm etwas hinterhergeworfen, aber die Kanne von Keikes gutem Service durfte es natürlich nicht sein. Dieser Mann schaffte es spielend, ihre schlechtesten Seiten zum Vorschein zu bringen.

Nachdem der Kaffee durchgelaufen war, kehrte sie in die Gartenlaube zurück. Nur noch Keike saß am Tisch, Inede hatte sich auf den Weg gemacht, um eine Freundin zu besuchen. Und es könne gut sein, dass sie erst spät nach Hause komme, ließ sie der Mutter ausrichten. Sinje reagierte nicht auf diese Eigenmächtigkeit ihrer Tochter, ihre Gedanken waren immer noch bei dem unverschämten Fremden. Sie hätte beinahe etwas verschüttet, als sie ihrer Schwester nachschenkte.

»Hast du die Bohnen erst gepflückt und geröstet? Das hat ja gedauert! In der Zeit schert Bendix eine ganze Herde Schafe.«

»Er schert gar nicht selbst, sondern lässt jemanden kommen. Außerdem habe ich einen deiner Gäste getroffen.«

»Du hättest mich rufen sollen, wenn es ein Problem gab.«

»Kein Problem. Jedenfalls nicht so eines.« Sinje tat Milch und Zucker in ihren Kaffee.

»Du machst mich neugierig.« Keike setzte sich bequemer hin. »Welcher von meinen Gästen war es denn?«

»Ein Mann mit einem Mercedes-Sportwagen. Er ist heute erst angekommen.«

»Du meinst Marcus Bamberg aus Hamburg. Der ist ein Schnuckelchen und so charmant. Er war kaum zur Tür herein, da hat er mir schon eine Fahrt angeboten. Wäre er nicht ein bisschen zu alt für mich und hätte ich nicht meinen Bendix … Er ist Journalist und hat sich für zwei Wochen bei mir eingemietet in meinem größten Zimmer.«

»Das ist alles nur äußerlich.« Sinje ärgerte sich über die unverhohlene Bewunderung ihrer Schwester.

»Klar ist das so. Was ist dabei? Du klingst gerade so, als hätte ich meine Augen und meinen Verstand am Traualtar abgeben müssen. Das wäre Bendix gar nicht recht. Arfst hätte das auch nicht gefallen. Der Mann ist Journalist und nur für zwei Wochen auf der Insel, danach sehen wir ihn nie wieder.«

Sinje zuckte mit den Schultern. Ihre Tochter hatte auch etwas von ihrer Tante geerbt, denn auch Keike ließ sich nicht leicht von einem Thema abbringen.

»Du klingst so, als wärst du mit ihm zusammengestoßen?«

»Was treibt ein Journalist zwei Wochen auf Föhr? Ganz alleine«, wich sie der Frage ihrer Schwester aus.

»Recherchieren. Er will einen Reiseführer über die Insel schreiben. Endlich mal einen nur über Föhr, nicht mit Sylt und Amrum zusammen. Und auch keins von den Dingern, in denen es nur darum geht, wie man sich überall möglichst billig durchmogelt. Das ist genau, was wir brauchen können.«

Nur weil einer einen Reisefrüher schreibt, muss man ihm nicht gleich in den Hintern kriechen, dachte Sinje rebellisch. Laut sagte sie: »Er ist trotzdem arrogant. Er ist auf derselben Fähre gekommen wie Inede und ich.« Sie erzählte, wie sie im Hafen mit den Autos beinahe zusammengestoßen wären und was der Hamburger gesagt hatte, bevor er einfach davongebraust war.

»Das ist jetzt aber dumm.« Keike sah zerknirscht aus. Nein – eigentlich sah sie aus wie früher in der Schule, wenn sie etwas ausgefressen hatte.

Ihre Antwort entsprach auch gar nicht dem, was Sinje erwartet hatte. Sie wurde misstrauisch. »Wieso dumm? Ich finde es eher empörend. Typisch Hamburger Sportwagenfahrer. Zum Glück muss ich mich mit dem Mann nicht weiter abgeben. Wenn er auf der Insel recherchieren will, wird er ja die meiste Zeit unterwegs sein.«

»Das ist es ja gerade. Er hat mich gefragt, ob ich jemanden kenne, der ihm die Insel zeigen und ihm Geschichten über Orte und Leute erzählen kann.«

»Das hast du nicht getan?«

»Ich fürchte doch.« Keike sah in ihren Schoß und spielte weiter die Zerknirschte.

»Wie konntest du über meinen Kopf entscheiden! Du hättest ihn zum Heimatverein schicken sollen.«

»Damit er in die Hände von Frieder Munk fällt? Du kennst den Mann.«

Jeder Einheimische kannte den pensionierten Friedhofsverwalter, der Vorsitzender des Heimatvereins war. Das war auch schon alles Positive, was sich über ihn sagen ließ. Er sprach in umständlichen Schachtelsätzen, die außer ihm niemand verstand. Das störte nicht, denn ihm reichte es, wenn seine Zuhörer hin und wieder nickten, neben seiner ließ er sowieso keine anderen Meinungen gelten. Er hatte mehrere Bücher über die Geschichte Föhrs herausgebracht. Sinje hatte sie aus Pflichtgefühl gekauft, zu einer Zeit, als sie selbst noch versucht hatte, im Heimatverein aktiv zu sein.

Sie schüttelte den Kopf. »Da gibt es andere. Der Pastor von St. Laurentii zum Beispiel.«

»Der kann ihm etwas über seine Kirche erzählen und die anderen Gotteshäuser auf der Insel. Mein Eindruck war aber, dass Marcus Bamberg keinen Kirchenführer schreiben will.«

»Mach es doch selbst. Schließlich bist du so begeistert von diesem Hamburger Fatzke.«

»Damit ich in einem Buch der Lächerlichkeit preisgegeben werde? Ganz bestimmt nicht«, beantwortete Keike ihre Frage gleich selbst. »Von uns beiden warst immer du die Intellektuelle, die sich am liebsten hinter zwei Büchern gleichzeitig vergraben hat.

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