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Korsika - im Hafen der Liebe

1. KAPITEL

Die Sonne stand hoch über den schroffen Bergen, die das Landesinnere von Korsika kennzeichneten. In der Ferne konnte man den Gipfel des Monte Cinto sehen, der mit seinen über zweitausendsiebenhundert Metern die höchste Erhebung der Insel darstellte. Kein Wölkchen trübte den Himmel, der von einem so intensiven Blau war, dass es schon fast unwirklich erschien. Die Luft flirrte vor Hitze, und der leichte Wind, der einen milden Salzgeruch vom Mittelmeer mit sich trug, brachte kaum Abkühlung.

Unruhig scharrte Calypso mit den Hufen im Staub. Michael, der im Sattel saß, strich beruhigend über die Flanke des Rappen. Sie standen auf einem schmalen Felsplateau, von dem es steil hinab in die Tiefe ging, und die schwindelerregende Höhe machte das Tier nervös. Michael bedauerte dies, doch die Umstände ließen ihm keine andere Wahl. Dieser Platz bot einen einzigartigen Überblick über das gesamte Tal, von den sanft abfallenden Hängen, an denen Trauben für rubinroten Wein angebaut wurde, bis zum tiefblauen Meer, dessen Oberfläche im Sonnenlicht glitzerte. Die Fischerboote, die im Hafen der kleinen Ortschaft Plablanc dümpelten, wirkten aus der Entfernung betrachtet wie die Spielzeuge eines Riesen. Und im hellen Sonnenschein erstrahlten die Fassaden der niedrigen Häuser in leuchtendem Gelb und Weiß. Felder mit Zitronen und Orangenbäumen umgaben das Dorf, und auf der anderen Seite des Tals befanden sich Olivenanpflanzungen. Aus den Bergen stürzte ein Wildbach herab und bahnte sich seinen Weg über den Abhang.

Doch obwohl Michael sich an der wilden Schönheit der Natur normalerweise nicht satt sehen konnte, hatte er dafür im Moment keinen Blick übrig. Er hielt Ausschau nach einem jungen Mädchen.

Nach seiner Tochter.

Er zog die Krempe seines Huts tiefer ins sonnengebräunte Gesicht, um seine dunklen, fast schwarzen Augen vor der Sonne zu schützen.

Tochter – wie merkwürdig das noch immer in seinen Ohren klang. Er bezweifelte, dass er sich jemals daran gewöhnen würde. Er hatte niemals eine Familie gewollt, und nach einem schlimmen Ereignis, das ihn nachhaltig geprägt hatte, war er zu dem Entschluss gekommen, in Zukunft auf jede Art von ernsthafter Beziehung zu verzichten.

Und nun dies.

Da plötzlich erblickte er sie: Katie. Die langen dunkelblonden Locken der Sechzehnjährigen wehten im Wind, während sie, tief über den Rücken ihres rotbraunen Hengstes gebeugt, durch die Felder galoppierte und dabei eine Staubwolke hinter sich aufwirbelte.

Michael unterdrückte einen Fluch, als er erkannte, in welche Richtung sie unterwegs war. Sie hielt geradewegs auf den Steinbruch zu, der sich am anderen Ende des Tales befand. Früher hatte man hier einmal Granit abgebaut, doch die Grube war mittlerweile stillgelegt worden. Zurückgeblieben waren tiefe Gräben und Felsspalten, die man, von Gestrüpp umwuchert, oft erst im letzten Moment erkennen konnte.

Ohne zu zögern riss Michael sein Pferd herum und trieb es an. Er musste Katie einholen, ehe sie das gefährliche Terrain erreichte. Wenn ihr unter seiner Aufsicht etwas zustieß, würde ihre Mutter ihm das niemals verzeihen.

Und er selbst sich schon gar nicht. Durch seine Schuld war schon einmal beinahe ein Mensch zu Schaden gekommen. Für das Unglück einer weiteren Person – noch dazu seiner eigenen Tochter – verantwortlich zu sein, könnte er nicht verkraften.

Libby wurde heftig durchgeschüttelt, als ihr blauer Jeep durch ein Schlagloch rumpelte. Nicht zum ersten Mal beglückwünschte sie sich zu der Entscheidung, anstatt eines kompakten Kleinwagens ein geländegängiges Modell gewählt zu haben. Der junge Mann von der Autovermietung am Flughafen hatte ihr so dringend dazu geraten, dass sie schließlich unsicher geworden war. Absolut zu Recht, wie sie inzwischen wusste. Die Federung ihres Minicoopers, den sie zu Hause in London fuhr, hätte bei diesen Straßenverhältnissen sicher längst erheblichen Schaden genommen.

Als sie die Kuppe des Hügels erreichte, lenkte sie den Jeep an den Straßenrand und stieg aus. Sie brauchte eine kurze Pause. Noch ein Mal tief durchatmen, ehe sie die letzte Etappe ihrer Reise antrat.

Für einen Moment stand sie einfach nur da, das zarte herzförmige Gesicht dem Himmel entgegengereckt, die Augen geschlossen, und genoss die wärmenden Strahlen der Sonne auf ihrer Haut. Ein sanfter Wind, der nach Meer und Ferien roch, zupfte an ihrem schulterlangen kupferfarbenen Haar.

Die Landschaft war einfach herrlich. Knorrige Ölbäume, wilder Oleander, leuchtend roter Salbei und blauer Lavendel. Überall am Wegesrand wucherten intensiv duftende Kräuter, die Libby bisher nur aus dem Gemüseregal im Supermarkt kannte. Und vor einer Weile hatte sie in der Ferne sogar eine Gruppe Mufflons gesehen. Sie hatte gelesen, dass es von den klein gewachsenen braunroten Wildschafen mit den schneckenförmig nach hinten gebogenen Hörnern auf Korsika und Sardinien nur noch einige wenige Hundert Exemplare gab.

Doch sie war nicht hier, um Urlaub zu machen und die Flora und Fauna zu bewundern. Ganz im Gegenteil sogar. Alles hing davon ab, dass sie die Aufgabe, die sie nach Korsika geführt hatte, erfolgreich abschloss. Wenn sie dieses Mal versagte, würde es keine weitere Chance mehr geben.

Libby ging zurück zu ihrem Wagen und setzte sich hinters Steuer. Nervös fuhr sie sich durchs Haar, dann startete sie den Motor. Ihre Finger, die den Schlüssel hielten, zitterten leicht.

Ruhig bleiben, ermahnte sie sich selbst. Verhalte dich ein Mal in deinem Leben professionell!

Doch diesen Vorsatz hatte sie schon zu oft gefasst, als dass sie noch daran glauben könnte, ihn eines Tages wirklich in die Tat umzusetzen.

Vielleicht war es ein Fehler gewesen, überhaupt herzukommen. Womöglich hätte sie besser zu Hause bleiben und sich mit ihrem Schicksal arrangieren sollen. Doch sie hatte sich ein Versprechen gegeben und würde nicht mehr in den Spiegel blicken können, wenn sie nun einen Rückzieher machte.

Ihre Gedanken wanderten zu ihrem Ex Frank und dem Augenblick, in dem er ihr höhnisch ins Gesicht gelacht hatte. Danach waren sie sich nie wieder begegnet.

Nein!, dachte sie, empört über ihre eigene Feigheit und schüttelte entschlossen den Kopf. Sie würde nicht aufgeben. Nicht jetzt, so kurz vor dem Ziel! Es war an der Zeit, es allen zu beweisen, die nicht an sie glaubten. Ihrer Mutter, ihrem Vorgesetzten, ihrem Patenonkel, bei dem sie nach dem Tod der Mutter aufgewachsen war – und nicht zuletzt ihrem Ex.

Ihre hellgrünen Augen blitzten kämpferisch, als sie weiterfuhr. Schon von Weitem konnte sie die ersten Häuser des Ortes ausmachen, der ihr vorläufiges Ziel darstellte.

Plablanc war ein kleines Dorf mit kaum mehr als zweihundert Einwohnern. Die Leute lebten vom Fischfang und der Landwirtschaft. Kaum vorstellbar, dass sie hier richtig sein sollte. Der Mann, den sie suchte, hatte noch vor nicht allzu langer Zeit ein Leben in Glanz und Glamour geführt. Wilde Partys an der Côte d’Azur, in Monte Carlo und auf Ibiza, jedes Mal mit einer anderen Frau an seiner Seite, eine schöner als die andere. Konnte der Kontrast überhaupt größer sein?

Je länger sie darüber nachdachte, desto mehr geriet sie ins Zweifeln. Ein Mann wie er passte einfach nicht hierher. Andererseits war die Quelle, von der sie diese Information besaß, absolut glaubwürdig. Es handelte sich um einen ehemaligen Kontakt von Onkel Theo, der, früher selbst Reporter von Weltrang, nur mit Profis zusammenarbeitete. War es also nicht vielmehr ihre eigene Furcht, die sie hoffen ließ, dass sie nicht fündig wurde?

In Gedanken versunken, fuhr sie die scheinbar endlose staubige Straße entlang, die das gesamte Tal durchzog, als sie plötzlich ganz in der Nähe einen markerschütternden Schrei vernahm. Sie schaute zur Seite und erblickte eine junge Frau auf einem rotbraunen Pferd, das sich auf die Hinterläufe gestellt hatte und panisch wieherte. Im nächsten Moment konnte sich die Reiterin nicht mehr halten und stürzte vom Rücken des Rotfuchses, der daraufhin davongaloppierte.

Sofort trat Libby auf die Bremse, stieß die Fahrertür auf und sprang aus dem Wagen. Ein scharfer Schmerz durchzuckte sie, als sie mit dem Hinterkopf den Türrahmen streifte, doch sie kümmerte sich nicht darum. Sie musste zu der jungen Frau und ihr helfen.

Das Herz klopfte ihr bis zum Hals, als sie die verkrümmte Gestalt der Reiterin erreichte. Vorsichtig strich sie ihr die goldblonden Locken aus dem Gesicht und stellte erschrocken fest, dass sie ein junges Mädchen vor sich hatte, fünfzehn, vielleicht sechzehn Jahre alt.

„Hey, Kleines, bist du okay?“, fragte sie auf Französisch, das sie fließend beherrschte, da sie in ihrer Jugend ein Jahr mit ihrem Onkel in Paris verbracht hatte. Sie schüttelte das Mädchen sanft, woraufhin dieses ein leises Stöhnen ausstieß. „Komm schon, wach auf. Sag etwas!“

Libby fiel ein Stein vom Herzen, als das Mädchen schließlich die Augen öffnete. Es wirkte noch ein bisschen benommen, schien aber keine starken Schmerzen zu haben. Nach einer Weile runzelte es die Stirn und fragte auf Englisch: „Wer sind Sie?“

„Mein Name ist Libby. Und wie heißt du?“

„Katie.“

„Freut mich, dich kennenzulernen, Katie. Ich habe zufällig mit angesehen, wie dein Pferd dich abgeworfen hat, da …“

„Copper!“ Die Augen des Mädchens weiteten sich vor Schreck. „Wo ist er?“

Beruhigend legte Libby ihr eine Hand auf die Schulter. „Ganz ruhig, ich bin sicher, es geht ihm gut.“ In diesem Moment drang Hufgeklapper an ihr Ohr, und sie lächelte aufmunternd. „Siehst du, da ist er schon wieder.“ Sie drehte sich und vergaß in der nächsten Sekunde, was sie hatte sagen wollen.

Es war nicht Katies Pferd, das da auf sie zu galoppiert kam – und es war auch ganz gewiss nicht reiterlos. Der Mann, der auf dem Rücken des Rappen saß, trug ein eifaches weißes T-Shirt, staubige Jeans und derbe Arbeiterstiefel. Die Krempe seines Huts war bereits stark ausgefranst. Seine eindrucksvolle, nicht ganz ebenmäßige Nase verlieh seinem männlich markanten Gesicht eine leicht verwegene Note, ebenso wie der dunkle Bartschatten, der sich auf seinem Kinn abzeichnete.

Was Libby jedoch wirklich fesselte, war der Blick seiner dunklen Augen, die wie schwarze Opale schimmerten.

Mit angehaltenem Atem starrte sie ihn an, während er geschmeidig aus dem Sattel sprang. Eine Aura von Stärke und Autorität umgab ihn – und er strahlte etwas Raubtierhaftes aus. Der Gegensatz zu ihrem Exfreund hätte kaum größer sein können. Für einen kurzen Moment sah sie Frank wieder vor sich, in seinem maßgeschneiderten Anzug und mit dem glatt rasierten Gesicht, und dachte daran, dass das einzig Wichtige in seinem Leben die Karriere war. Für sie schreckte er vor gar nichts zurück – nicht einmal davor, die Frau, die ihn liebte, zu hintergehen.

Doch jetzt war nicht der richtige Moment, um über die Vergangenheit nachzudenken. Es war die Gegenwart, die zählte.

Vorsichtig! Dieser Mann ist gefährlich. Wer ihm zu nahe kommt, spielt mit dem Feuer.

Er ließ sich neben Katie und ihr auf die Knie sinken. Besorgnis zeichnete sich in seiner Miene ab. „Katie“, rief er kopfschüttelnd aus. Er sprach, wie auch das Mädchen, Englisch. „Was hast du dir nur dabei gedacht? Du kannst doch nicht einfach so verschwinden! Ich habe das halbe Tal nach dir abgesucht! Wie geht es dir?“

Libby entging nicht, wie das Mädchen sich versteifte. Demonstrativ ignorierte es den Neuankömmling, ließ sich von ihr aufhelfen und klopfte sich den Staub von der Hose.

Seufzend zog sich der Fremde den Hut vom Kopf. Darunter kam dichtes schwarzes Haar zum Vorschein, das schon länger von keinem Friseur mehr in Form gebracht worden war. Als er sich nun mit der Hand hindurchfuhr, wirkte das Ergebnis sogar noch chaotischer. Doch Libby fand, dass ihm dieser unordentliche Look ziemlich gut stand. Vielleicht lag das aber auch nur daran, dass ihr nach der Sache mit Frank gerade die Dinge besonders gut gefielen, von denen sie wusste, dass er sie hasste.

„Danke, dass Sie sich um Katie gekümmert haben.“ Er war zum Französischen überwechselt und schenkte Libby ein Lächeln, das Eis zum Schmelzen bringen konnte. Auf ihre Selbstbeherrschung hatte es eine ganz verheerende Auswirkung. Schon spürte sie, wie ihr die Knie weich wurden.

„Ich komme aus London, Sie können also ruhig Englisch mit mir sprechen“, entgegnete sie und ärgerte sich darüber, wie heiser ihre Stimme klang. Dieses Kribbeln im Bauch, das sie in seiner Gegenwart verspürte, ging weit über Rebellion gegen alles, was Frank und seine spießige Art ausmachte, hinaus. „Und was alles andere betrifft: Keine Ursache. Ich habe schließlich den Sturz mit angesehen, da konnte ich schlecht einfach so weiterfahren und …“ Plötzlich wurde ihr ein wenig schwindlig, und sie schwankte nach vorn.

Sie verstummte, als sein Lächeln plötzlich verblasste. „Sie bluten ja!“

Irritiert schaute sie ihn an. „Ich? Was meinen Sie?“

„Na, Ihr Hinterkopf. Sie müssen sich irgendwo gestoßen haben, Miss …“

„Watson“, erwiderte sie. „Aber nennen Sie mich ruhig Libby.“ Vorsichtig tastete sie ihren Kopf ab und verzog das Gesicht, als sie eine feuchte Stelle berührte. Er hatte recht, sie blutete. „Das muss vorhin beim Aussteigen passiert sein. Ich war so in Eile, dass ich es gar nicht richtig bemerkt habe.“

„Lassen Sie mal sehen.“ Ehe sie protestieren konnte, war er hinter sie getreten. Sanft teilte er ihr Haar zu einem Scheitel. Seine Berührungen, so harmlos sie auch sein mochten, sandten wohlige Schauer durch ihren Körper. Sie schloss die Augen und …

Sofort aufhören!, rief sie sich selbst zur Ordnung. Reiß dich zusammen. Er mag ein toller Mann sein, aber du bist nicht hier, um zu flirten. Vergiss nicht, dass du eine Aufgabe zu erledigen hast!

Rasch trat sie von ihm weg. Als sie sich zu ihm umdrehte, lächelte sie verlegen. „Das ist nichts, nur ein kleiner Kratzer“, sagte sie und wandte sich wieder ab. „Ich werde dann jetzt weiterfahren.“

„Kommt überhaupt nicht infrage!“, widersprach er ihr. „Die Wunde muss versorgt werden. Oder wollen Sie eine Blutvergiftung riskieren? Ich habe in meinem Haus einen voll ausgestatteten Verbandkasten.“

„Aber …“

Er schüttelte den Kopf. „Kein Aber“, sagte er in einem Tonfall, der keinen Widerspruch duldete. „Sie kommen selbstverständlich mit uns. Können Sie fahren, oder soll ich lieber das Steuer übernehmen? Copper findet auch selbstständig den Weg zurück. Katie möchte ich allerdings nur ungern sofort wieder auf ein Pferd setzen, denn sie könnte durch den Sturz eine leichte Gehirnerschütterung davongetragen haben. Es gibt also zwei Möglichkeiten: Entweder sind sie so freundlich und nehmen sie in Ihrem Wagen mit, oder ich fahre Katie nach Hause, und Sie folgen uns auf Calypso und …“

„Nein, es geht schon!“, entgegnete Libby heftiger als beabsichtigt. Der Gedanke, sich auf ein Pferd zu setzen, bereitete ihr Unbehagen. Es war lange her, seit sie zum letzten Mal geritten war. Und die Erinnerung daran war ziemlich negativ. Sie atmete tief durch. „Es ist wirklich in Ordnung, ich kann fahren. Am besten, Sie reiten voraus, und ich nehme Katie in meinem Auto mit.“

Das Mädchen nickte und ging zum Jeep.

„Einverstanden.“ Er ging zu seinem Pferd hinüber, um aufzusteigen. „Folgen Sie mir.“

Das Haus lag etwas abseits vom Dorf, direkt am Meer. Libby stellte den Motor des Jeeps ab und konnte das Rauschen der Brandung hören.

Beeindruckt sah sie sich um. „Es muss traumhaft sein, hier zu wohnen.“

Damit meinte sie nicht nur die herrliche Lage, sondern auch das Gebäude selbst, das sie an jene wunderbaren Ferien erinnerte, die sie mit ihrem Patenonkel Theo zusammen auf Ibiza verbracht hatte. Es war in typisch mediterraner Bauweise errichtet, mit sandfarbener Fassade und Dachziegeln aus Terrakotta. Kübel mit üppig blühenden, leuchtend violetten Bougainvilleen flankierten die Eingangstür, und in großen Terrakotta-Töpfen wuchs prachtvoller zartrosafarbener Oleander.

Katie schien jedoch nicht besonders begeistert zu sein. „Wenn Sie meinen“, entgegnete sie einsilbig. „Komisch, mich erinnert dieses Haus von Tag zu Tag mehr an ein Gefängnis, und mein Dad ist der Aufseher.“

Überrascht schaute Libby sie an, doch noch ehe sie fragen konnte, was sie damit meinte, kehrte Katies Vater mit einer hübschen jungen Frau vom Stall zurück, der sich in einem Nebengebäude befand. Der Anblick der beiden, wie sie so vertraut nebeneinanderher gingen, versetzte ihr einen eifersüchtigen Stich. Wer mochte diese Frau sein? Katies Mutter? Nein, dafür war sie deutlich zu jung. Aber wer dann? Vielleicht seine Freundin?

Libby hatte selbst keine Erklärung dafür, warum sie das so brennend interessierte. Es gab absolut nicht die geringste Veranlassung für sie, eifersüchtig zu sein. Sie kannte Katies Vater kaum. Sicher, er sah gut aus, war charmant und freundlich, aber wahrscheinlich verhielt er sich jedem Fremden gegenüber so. Es wäre ein Fehler, zu viel in sein Verhalten hineinzuinterpretieren.

„Copper ist vor knapp zehn Minuten zurückgekehrt. Du hast Sandrine mit deiner unüberlegten Aktion einen ganz schönen Schreck eingejagt, junge Dame“, sagte er mit strenger Stimme zu seiner Tochter. Dann wandte er sich mit einem strahlenden Lächeln an seinen Gast. „Meine Haushälterin wird sich um Ihre Verletzung kümmern, während Katie und ich die Pferde versorgen.“

Seine Haushälterin also. Vor Erleichterung atmete Libby auf. Gleichzeitig irritierte sie diese Reaktion. Im Grunde ging sie das doch alles sowieso nichts an – oder?

Aber wahrscheinlich war sie einfach nur ein wenig durcheinander. Der Unfall, ihre Kopfverletzung …

„Kommen Sie mit, Mademoiselle?“ Die Haushälterin schenkte ihr ein freundliches Lächeln. „Seien Sie unbesorgt, ich kenne mich mit Erster Hilfe aus. Ich habe früher einmal als Krankenschwester gearbeitet.“

Sie führte Libby ins kühle Innere des Hauses. Die Einrichtung war schlicht, aber elegant. Moderne Elemente aus Glas und Metall waren so geschickt mit kostbaren Antiquitäten arrangiert, dass sie eine homogene Einheit bildeten. Der Salon, den sie nun betraten, wurde dominiert von einer sandfarbenen Sitzlandschaft aus feinstem Veloursleder. An den Wänden hingen gerahmte Plakate berühmter Kinoklassiker aus den fünfziger und sechziger Jahren.

Ihre Mutter war eine großer Anhängerin von Stars wie Audrey Hepburn, Humphrey Bogart und Gregory Peck gewesen. Frühstück bei Tiffany, Casablanca und Schnee am Kilimandscharo gehörten auch zu Libbys eigenen Lieblingsfilmen. Sie trafen jedenfalls weit mehr ihren Geschmack als das, was heute so in den Kinos gespielt wurde. Aber vielleicht dachte sie auch nur so darüber, weil diese alten Filme ihr stets das Gefühl gaben, ihrer Mutter nah zu sein.

Rasch verdrängte sie diesen Gedanken. Jetzt war nicht der richtige Moment, um über ihre Mutter nachzudenken.

Sandrine brachte einen kleinen Verbandkasten und versorgte die Wunde. Danach führte sie Libby hinaus auf die rückwärtige Veranda des Hauses, von der aus man einen wunderbaren Blick auf den Garten hatte. Pinien und Korkeichen bildeten den grünen Hintergrund für üppige Sträucher von blau blühendem Rosmarin und zartgelber Zistrose.

Und dahinter erstreckte sich das Meer, unendlich weit und unglaublich blau. So ähnlich muss es im Paradies sein, dachte Libby versonnen. Doch sosehr sie sich auch wünschte, länger hier verweilen zu können, es war einfach nicht möglich. Sie würde schon bald von Katie und ihrem Vater Abschied nehmen müssen. Die Angelegenheit, die sie nach Korsika geführt hatte, duldete keinen Aufschub, auch wenn sie noch immer nicht genau wusste, wie sie vorgehen sollte.

Sie war auf der Suche nach einem ganz bestimmten Mann. Auch wenn sie nie einen seiner Filme gesehen hatte, wusste sie, dass er als Schauspieler sehr erfolgreich war. Und dass er ziemlich arrogant und selbstherrlich sein sollte.

Ein Typ also, für den nicht einmal sie Sympathie empfinden konnte. Und dieses Detail war ganz besonders wichtig, denn die richtige Person stellte den Schlüssel zu ihrem Erfolg dar. Viel zu oft schon hatte sie sich durch ein liebenswertes Lächeln oder eine rührselige Geschichte beeinflussen lassen. Doch damit musste nun Schluss sein! Sie war Reporterin und konnte es sich nicht leisten, immer die Letzte zu sein, die eine Story zu Papier brachte.

Es hieß, Michael Kendall, der Mann, den sie suchte, sei ein richtiges Ekel. Wenn sie es bei ihm nicht schaffte, über ihren eigenen Schatten zu springen, würde es ihr nie gelingen.

Dies war ihre allerletzte Chance, und sie war fest entschlossen, sie zu nutzen.

In diesem Moment trat Katies Vater auf die Veranda. Ohne dass Libby etwas dagegen tun konnte, fing ihr Herz an, heftig zu klopfen. Was stellte dieser Mann bloß mit ihr an? Unglaublich, dass er eine solche Wirkung auf sie ausübte. Dabei kannte sie ihn gar nicht, wusste nicht einmal seinen Namen!

Sie wollte ihn gerade danach fragen, als er das Wort ergriff: „Wie geht es Ihnen?“, erkundigte er sich und lächelte.

Sofort spürte sie, wie ihre Wangen heiß wurden. „Vielen Dank. Ich sagte ja bereits, dass es nur ein Kratzer ist. Sie hätten sich meinetwegen nicht bemühen müssen.“

„Das sehe ich ein wenig anders“, widersprach er. „Sie waren da, als meine Tochter Hilfe brauchte. Bitte sagen Sie mir, wie ich Ihnen danken kann. Sie essen doch mit uns zu Abend?“

„Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist.“

„Bitte sagen Sie nicht Nein. Ich möchte mich gern für Ihre Hilfe erkenntlich zeigen.“

Ein nervöses Lächeln huschte über Libbys Gesicht. „Also gut, wenn Sie darauf bestehen.“

„Sie sind meine Rettung. Katie ist einfach unausstehlich, wenn sie wütend ist. Ihre Gesellschaft wird mich davor bewahren, das Dinner allein in Anwesenheit eines mürrischen Teenagers einzunehmen.“

„Denken Sie nicht, dass Sie vielleicht ein bisschen streng mit Ihrer Tochter sind?“

Er musterte sie überrascht. „Finden Sie wirklich?“

„Sie waren doch auch einmal ein Teenager. Haben Sie immer auf das gehört, was die Erwachsenen sagten?“

Nach kurzem Zögern schüttelte er den Kopf. „Nein“, gab er zu. „Ich glaube, ich habe meine Eltern ganz schön zur Verzweiflung gebracht. Trotzdem fällt es mir schwer, mit Katie umzugehen. Ich fürchte, ich bin kein besonders guter Vater.“

Gerade als Libby ihm widersprechen wollte, kam Sandrine aus dem Haus. „Katie hat sich in ihrem Zimmer eingeschlossen, Monsieur Kendall. Was soll ich jetzt tun?“

„Kendall?“, wiederholte Libby irritiert. Sie schaute ihn an, dieses Mal aber sah sie ihn mit völlig anderen Augen. Wenn man sich Hut und Bart wegdachte und ihn sich statt in Jeans und Shirt in einem eleganten Abendanzug vorstellte … Sie schluckte. „Doch nicht etwa – Michael Kendall, der Schauspieler?“

Er maß seine Haushälterin mit einem vorwurfsvollen Blick, dann seufzte er. „Ach, es bringt ja doch nichts. Ja, ich bin der Michael Kendall. Aber ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie diese Information vorerst für sich behielten. Noch scheint sich mein Aufenthaltsort bei den Paparazzi nämlich nicht herumgesprochen zu haben.“

Libby überlief es eiskalt. Das konnte nicht wahr sein. Es durfte einfach nicht wahr sein! Dieser unglaublich attraktive Mann, der zudem auch noch alles andere als ein Ekelpaket war und sich ausgesprochen nett ihr gegenüber verhielt, sollte der Michael Kendall sein, von dem allein es abhing, ob sie jemals die Gelegenheit bekommen würde, den großen Traum ihrer Mutter zu erfüllen?

Sie schüttelte den Kopf. „Es tut mir leid. Ich muss jetzt gehen!“

Mit diesen Worten ließ sie ihn stehen und flüchtete durch den Garten zu ihrem Wagen.

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