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Kormoran

I

Falls Sie wissen möchten, liebe Leser, wer Ihnen dies erzählt: Ich mache das. Ich bin der Autor und Urheber, ein erfinderisches Wesen, das sich zu Zwecken von Unterhaltung und Belehrung etwas ausdenkt. Oder in Abwehr übergroßer Ängste wie übergroßer Freuden. Zugegeben, als Einrichtung kam ich ein bißchen aus der Mode. Aber es gibt mich. Nicht nur im Prinzip, sondern mit fester Anschrift.

Wenn Sie nicht ahnen, wie ich heiße, müssen Sie an ein Buch ohne Einband und ohne Schmutz- und Haupttitel geraten sein. Da steht nämlich überall mein Name. Besorgen Sie sich ein vollständiges Exemplar, falls Ihnen wichtig ist, von wem diese fabelhafte Geschichte geliefert wird.

Und zwar ohne Hinzuziehung irgendwelcher Gehilfen sowie unter Ausschluß von Mittelspersonen oder Konstruktionen, auf die sich Glaubhaftigkeit stützen soll. Ich sehe nicht, warum ich anderen in den Mund schieben muß, was sich aussprechbar in meinem Kopfe findet. So leiste ich leicht Verzicht auf den Freund, welcher stockend vom Freunde berichtet, pfeife auf den Archivar, der aus verschollen geglaubten Folianten liest, verkneife mir alle Umbögen über Psychiatrie, Polizeistation oder frisch geschaufeltes Grab und schaffe die Sache auf kürzestem Wege heran: direkt vom Autor an den Leser.

In einer Weise also, die ebenfalls ein wenig aus der Mode ist. Ohne Furcht vor der Frage: Woher weiß der Verfasser das? Ohne Angst, man könne ihn Doktor Allwissend heißen. Mit dem Mut zur Erklärung vielmehr: Ich weiß es, denn ich habe es mir ausgedacht. Ich bin die Quelle der Nachricht, wie sollte ich da nicht ihr Überbringer sein?

Es folgt nun, liebe Leser, ganz zwischen Ihnen und mir der Bericht von einem der sechsundsechzig Geburtstage des schriftkundigen Paul-Martin Kormoran, der schon deshalb eine Erfindung sein muß, weil es, soweit meine Erhebungen verläßlich sind, keinen lebenden Menschen dieses Namens gibt.

***

Paul-Martin Kormoran betrat die Terrasse des Hauses und sah wieder einmal, wie ähnlich ihm beide waren. Kein übler Entwurf, solide ausgeführt, auf natürliche Weise gealtert und auf gewaltsame auch. Die Junisonne gegen frühen Mittag ließ in unangenehmen Einzelheiten erkennen, wie weit das Verfallsdatum des Gebäudes überschritten war. Mit Rissen im Gestein, fehlenden Treppenplatten, abgeschlagenem Putz, hangendem Mauerwerk, verbeulten Abflußrohren, klemmenden Jalousien und splittrigen Holzsegmenten nahm es sich wie Bauwerk nach mittlerem Beben aus, Stärke vier auf der Richter-Skala, und sein Bewohner fand sich keineswegs herausgehoben aus diesen Mustern.

Es ging ihm kaum anders als seinem Haus; ein zerschlissener Mann und eine zerschlissene Herberge, die einmal Villa hieß. Aber schon nicht mehr Villa Kormoran. Wie lange wohnte er hier, vier Jahre? Dreieinhalb? Zu kurz, um für die fahle Halde verantwortlich zu sein. Vor vier Sommern eingezogen, vor dreien Mühe mit sich selbst gehabt, vor zweien das Herz geflickt und nicht das Dach, seit, spätestens, dem letzten von anderem umstellt, und jetzt gewiß, daß hier kein Bleiben war. Die Hütte und die Kormorans hatten nicht viel voneinander gewonnen.

Alter Mensch vor rissigem Haus auf brüchiger Terrasse, so dachte Paul-Martin Kormoran und fühlte sich doch nicht übermäßig schlecht dabei. Immer noch besser als gestorbener Mensch in eichener Kiste oder im Behälter aus gediegenem Ton. Ob man Altwerden eine, wenn auch rückläufige, Form des Werdens nennen konnte, schien zweifelhaft. Aber ohne jeden Zweifel galt es als Teil des Seins. Und Sein war besser als Gewesensein.

Seit Jahren ärgerte sich Kormoran, weil er die einschlägige Erkundigung eines Interviewers, Gaus hieß der Mann, falsch verstanden und falsch beantwortet hatte. Dieser Gaus, den überm Satzbau die Tonstärke verließ, wollte Gott weiß was und dazu noch wissen, wie dem Einvernommenen das Älterwerden schmecke, bekam jedoch Antwort, als habe seine Frage das Verhältnis zwischen Alt und Jung berührt. Die tatsächlich gelieferte Auskunft Kormorans war unerheblich, und um die ungelieferte tat es ihm immer noch leid. Lange hoffte er, bei weiterer Gelegenheit über sein Verhältnis zum Älterwerden vernommen zu werden, und er trug eine vorgefertigte Replik des Inhalts mit sich herum, dieses Wort sei nur ein elendiger Euphemismus, mit dem sich das harte Faktum des Altwerdens bemäntele. Älter werde man vom Augenblick seiner Geburt bis vielleicht zum Anfang des fünften Jahrzehnts. Von da an werde man alt, und wenn Älterwerden seine Annehmlichkeiten habe, sei Altwerden nur eine Gemeinheit. – So hätte er sagen wollen, aber statt an Gelegenheiten geriet er in einen Zustand, der die Interviewer bewog, von der Berührung des Themas abzusehen. Vom allgemeinen Rückgang des öffentlichen Interesses an der Person Paul-Martin Kormoran ganz zu schweigen.

Anfangs – der Mann war eitel genug, sich des Tatbestandes nicht nur mit Wohlgefallen zu erinnern, sondern ihn sich ab und an unter Anziehung alter Fotos zu bestätigen –, anfangs, zehn Jahre lang mindestens, hatte es ausgesehen, als gebe es zwischen ihm und dem Vergehen von Zeit keinen Zusammenhang. Kein Hinaufzählen der Kragenweite, kein Weiterschnallen des Gürtels, keine nennenswerte Änderung an Haupt und Haar. Auch auf den Bildern nicht. Vor allem auf denen nicht. Ein mittelgroßer, dunkelhaariger, helläugiger, womöglich gescheiter (warum nicht zugeben, daß er sich für keinen Dummkopf hielt) und lachlustiger (warum sich nicht dazu bekennen) Dreißigjähriger – so die Auskunft, die er wiederholt von den ersten Fotos las. Nicht den ersten seines Lebens, aber seines Berufslebens.

Paul-Martin Kormoran, Redakteur. Das klang nicht nur gut, sondern war auch gut. War von beinahe anfaßbarer Güte. Ein Name, der sich merken ließ, und eine Profession, die man bemerkte. Der Beruf wie gemacht für Ort und Zeit. Berlin um das Ende der fünfziger und den Anfang der sechziger Jahre. Oder, vom sechsundsechzigsten Geburtstag gerechnet, genau um die Hälfte des Lebens zurück. Genau in der Mitte dieses Lebens. Im Zentrum des Jahres 1959.

Ein Dritteljahrhundert später lautete die Beschreibung desselben Mannes allenfalls: Die Augen sind immer noch hell. Auch die Lachlust scheint geblieben, ist aber mehr mit Grimm als mit Frohsinn gepaart. – Im Falle Kormoran handelte es sich ganz allgemein und an diesem Vormittag sehr besonders um Spuren einer Erheiterung, die man sich bei übermäßiger Lektüre überregionaler Blätter zuzieht. Gerade hatte der Kolumnist Rathus, ein Schlaumeier, der die Welt stets nach seinen jeweiligen Wünschen malte und dabei sein Recht auf Irrtum voll ausschöpfte, das Jahr 59 in einem sehr zweckgerichteten Aufsatz zur Phase der Entspannung inmitten des kalten Krieges erklärt und so nur ein weiteres Mal gezeigt, wie gering seine Ahnung von politischen Dingen war.

Da wußte Paul-Martin Kormoran, dessen erster Harpyia-Artikel im fraglichen Jahre erschienen war (Harpyie. 1. in griech. Myth. Wesen von räuberischer Natur, das in plötzl. Wirbelwind Menschen wegrafft; 2. in der Heraldik Jungfrauenadler; 3. südamerik. Raubvogel. Die H. lebt in den feuchten Wäldern von Affen und Faultieren, die sie nach Habichtsart durch plötzliches Überfallen zu erlangen weiß.), wirklich besser Bescheid und mußte nicht erst in eine der gewichtigen Chroniken tauchen, an deren Beliebtheit sich immerhin ein Zuwachs von wenn nicht Geschichtsbewußtsein, so doch Geschichtsinteresse ablesen ließ, um sich der Verschlagenheit des kalten Krieges um 1959 zu erinnern. Er brauchte eigentlich nicht nachzublättern, tat es aber dennoch.

Entspannung, grundgütiger Gott, in einem Jahr, an dessen erstem Tag Fidel und Che in Kuba siegten und durch den Qualm ihrer Upman-Zigarren selbstgewisse Blicke auf das restliche Amerika richteten. Entspannung im Jahr, an dessen zweitem Tag ein allererster Kunstmond am natürlichen Monde vorbeiflog und seinen Sowjetblick auf herrenlose Wüste warf. Entspannung bei 62,3 Prozent Militäranteil am Haushalt der USA oder bei de Gaulles Ankündigung vom Atompilz in den Farben Frankreichs. Détente beim Ankauf von dreihundert Starfightern. Bei Erstbestückung eines atomgetriebenen U-Boots mit Polaris-Raketen. Beim Kampf um den Kongo. Bei der Eroberung von siebzig reichsbahneigenen Hammer-und-Zirkel-Flaggen durch Westberlins Polizei. – Gewiß, der oberste Sowjetmensch traf Shirley McLaine in Hollywood, aber pünktlich vor Antritt der Reise schossen die Russen ihre Fahne auf den Mond, und Nikita schenkte Ike nebst seinem kleidsamen Lächeln das Projektil-Modell. Zu den erfreulichen Gewalttaten des Jahrgangs 59 konnte man allenfalls Johannsons K.-o.-Sieg über Patterson zählen. Oder Oskar Matzeraths Umgang mit Laternen. Billard um halb zehn und die Mutmaßungen über Jakob erschienen, das war halbwegs schön, aber Raymond Chandler mußte sterben, das war gänzlich unschön. Und auf Paul-Martin Kormorans dreiunddreißigsten Geburtstag fiel die Uraufführung einer Oper, welche Die tödlichen Wünsche hieß.

Kormoran entsann sich, wie unangenehm der Titel, den er am Tag nach Feier und Premiere in der Zeitung las, zu den dunklen Ahnungen paßte, mit denen er sich schon beste Stunden seines Lebens verdorben hatte. Selbst Geburtstage. Oder gerade Geburtstage, an denen es nahelag, über verbleibende Lebensfrist nachzusinnen. Anstatt sich des Junis zu erfreuen, der Monatsmitte, der Jahresmitte und längst noch nicht an Lebensmitte zu denken, anstatt zu genießen, was er mit dreiunddreißig Jahren war, Redakteur im kalten Krieg und in der Hauptstadt des kalten Krieges, anstatt heftig zu leben, dachte er heftig an seinen Tod und ließ alle Welt wissen, vierunddreißig werde er leider nicht mehr.

Nun zählte er, und es gab ganz andere Gründe, leider zu sagen, beinahe doppelt so viele Jahre. Das düstere Gesicht hatte sich wenig abgenutzt, seine Einlösung aber an Wahrscheinlichkeit gewonnen.

Gescheit würde man den Mann schon wegen seiner Neigung, ständig sein unfernes Ableben zu versprechen, nicht nennen können, und auch, weil das Wort nicht mehr zu seinem Alter paßte. Im Jahre neunundfünfzig, als er dreiunddreißig war und sich Harpyia nannte, hatte man ihn als gescheit taxiert, als gefährlich gescheit sogar, was ihm nicht wenig gefiel, aber mit seinen sechsundsechzig Jahren vertrug sich die eine Bezeichnung sowenig wie die andere.

Auch von Weisheit, die gelegentlich vermutet wird, wenn ein vernünftiger und nicht unkluger Mensch in den Jahren ist, konnte bei Kormoran nicht die Rede sein. Zu schweigen von anderem, fehlte ihm die Ruhe, die zu dieser Eigenschaft gehört. Zudem war er keiner Beschränkung fähig. Wähnte sich zuständig für alles. Für verantwortlich gar. Maß, wie beispielsweise jetzt auf seiner mürben Terrasse, die Zahl der bereitgestellten Blumenvasen an seinen Erwartungen und räumte zwei der Gläser wieder fort. Allen Ernstes.

***

Allen Ernstes tat Herr Dr. Kormoran dergleichen und prüfte, ob ihn auch keiner sehe. Der Gedanke, man könne ihn bei zu hohen Aspirationen betreffen oder gar bei deren Korrektur, brächte ihn um. So reduzierte er die Vasenzahl von acht auf sechs und tat es verdeckt. Von Weisheit sprach solches Verhalten nicht.

Wovon sein ebenfalls befremdlicher Umgang mit der befremdlichen Nachbarin Birchel sprach, war schon gar nicht auszumachen. Bereits bei seinem fünfundsechzigsten Geburtstag hatte die Frau an der Gartengrenze gesessen, wie sie jetzt dort saß. Im schiefen Korbsessel damals wie heute. Las im Vorjahr Zeitung und in diesem ebenso. Hängte sich in das Gespräch zwischen Änne und Paul-Martin Kormoran, wann es ihr paßte, und vor allem, wenn es überhaupt nicht paßte, studierte dann wieder hingegeben das großformatige Blatt und war alles in allem eine Person, von der man sich fragte, wie sie an die Frankfurter Allgemeine geraten war. Oder die Frankfurter Allgemeine an sie.

Falls der Briefträger, ein schwerer Mann auf leisen Sohlen, der die Haustür gar nicht erst versuchte, sondern zielbewußt zur Rückfront strebte, sich ähnliche Gedanken über Frau Birchels Lektüre machte, zeigte er es nicht, zeigte durch sein Gebaren vielmehr, wer ihm in diesem Areal die Hauptperson war, nickte Zeitung wie Nachbarin wortlos zu und hielt Ausschau nach deren Nachbarn. Vergebens zunächst, denn gegen das Licht und zwischen dem übersonnten Grau von Haus und Terrasse verlor sich Kormorans Kontur.

Als er den Hausherrn ausgemacht hatte, versammelte sich der Postmann zu einer Haltung, in der sich Wichtigtun und Unterwerfung seltsam mischten, hielt ein Bündel Briefschaften in der Linken, reckte sich, senkte den Kopf und rief mit einer Stimme, die fürs Signalkorps taugte, Spezialeinheit Mündlicher Austausch bei Stromausfall: Es fällt mir im allgemeinen nicht leicht, in dieser Zeit der ungünstigen Bescheide Bote zu sein, aber heute, Herr Doktor, bin ich es gern. Glückwunsch, Herr Doktor, sechsundsechzig, ein herrliches Alter!

Als habe er nur darauf gewartet und komme durch Sprache zu Leben, erwiderte der Angeredete prompt: Ein herrliches Zeitalter nicht minder! Und besten Dank auch, verehrter Genosse Blauspanner.

Blauspanner schien zu der rar gewordenen Anrede etwas sagen zu wollen, war aber nicht der Mann, dem Doktor ins Wort zu fallen, und wurde gefragt: Wieso beförderst du Telegramme? Im einschlägigen Klatsch hieß es, du seiest befördert.

Ehe der Bote eine Antwort fand, winkte Kormoran ihn auf die Terrasse, und dort ließ sich der Mann auch nicht lange bitten. Obwohl es seine Worte nun keineswegs mehr weit hatten, teilte er bei unverminderter Lautstärke und pompöser Betonung mit: Es ist mein Beitrag zu diesem besonderen Tag. Kam ich früher, komme ich auch jetzt. Oder wie ich zu sagen pflege: Man kann uns doch nicht alles nehmen!

Dumm an diesem Spruch war, wie Kormoran es sah, vor allem, daß man ihn als ebenso weit verbreitet wie unzutreffend bezeichnen mußte. Man konnte durchaus, und ob man konnte. Aber hören ließ er den Postbediensteten und wußte mit seinem Ton Zerstreutheit anzudeuten: Sehr erfreut, Genosse Blauspanner, was schreibt man mir denn so?

Es war nicht Verachtung, die seine Sprechweise und Wortwahl bestimmte, sondern eine Gleichgültigkeit, welche er sich im Umgang mit Menschen vom Schlage Blauspanners geradezu anerzogen hatte. Aber auch etwas leicht Provozierendes schwang, falls sich das eine mit dem anderen vertrug, zumindest in seiner Frage mit. Schwang mit und erreichte den Zusteller keineswegs. Ungerührt, als gehöre die Gepflogenheit, anderer Leute Post zu lesen, zu seinen Pflichten, erwiderte er: Das Übliche, möchte ich sagen, die übliche Anspielung auf die doppelte Sechs, die übliche Aufforderung, hundert zu werden. Unüblich scheint mir höchstens die Menge; Sie, das war schon mehr! Wobei ich andererseits staune, Herr Doktor, sechsundsechzig ist schließlich kein Protokollgeburtstag. Fünfundsechzig, ja, das galt und gilt als hoher Feiertag: früher die Reise, heute die Rente. Aber sechsundsechzig? Nun, Sie und Ihre Gratulanten werden persönliche Gründe haben, das Datum so herauszustellen.

Mit ebenso deutlichem wie distanziertem Interesse hörte Kormoran zu, und distanziert blieb auch sein Spott bei der Erklärung, zwar gebe es Übergreifendes, aber persönliche Gründe pflegten bei Geburtstagen ins Spiel zu kommen. Was dann jedoch aus ihm herausbrach, klang ganz anders, klang vor allem, als sei es Teil einer älteren Auseinandersetzung und in Wahrheit nur für ihn selbst bestimmt: Gründe, mit mir Aufwand zu treiben? Die gibt es, und sie lauten simpel und zwingend, also überaus melodramatisch: Ich lebe noch!

Blauspanner, offensichtlich auf Nuancen nicht weiter eingerichtet, hörte nur Bestätigung, schwenkte die Papiere und referierte mit unverfrorenem Enthusiasmus, was er im Grunde gar nicht kennen sollte: So sind die Texte ausgefallen. Einer schreibt: »Gratuliere zur Wiedergeburt, mögen den beiden Extrajahren zwanzig weitere folgen!« Ein anderer verlangt, Sie sollen, solange Ihre künstlichen Klappen halten, Ihre Klappe nicht halten. Oder war’s Kunstklappe? Jedenfalls etwas mit Klappe. Dann dieser hier: »Das, mein lieber Paul-Martin, nenne ich, die Fliegen mit zwei Klappen schlagen!« Ich vermute einmal, es handelt sich um einen internen Witz …

Als ob er einen Anspruch auf Auskunft habe, bekam er sie, und wenn ihr auch Sarkasmus beigemengt war, zeugte sie doch von dem, was wechselnd als Kormorans Unart oder Tugend bezeichnet wurde und bei ihm selber Neugier auf Menschen hieß. So unergiebig konnte ein Gespräch gar nicht sein, daß er es abgebrochen hätte.

Änne Kormoran nannte ihren Mann schwatzhaft, und insgeheim gab er ihr recht. Tatsächlich genügte es ihm, wenn wenigstens er seine Anspielungen verstand, und tatsächlich verwies er, sobald man ihm Verschwiegenheit abverlangte, auf eine Redseligkeit, die ihm sogar von seiner zurückhaltenden Frau vorgeworfen werde.

Zu Blauspanner sagte er: Es klingt wie Chirurgenscherz. Absender Felix Hassel, stimmt’s? Verschlüsselt für den Fall, die Post liest meine Post. – Schreibt er, ob er kommt?

Dem gewichtigen Boten schien der Gedanke, er müsse seine Ware gelegentlich an den Kunden weiterreichen, herzlich fremd. Er schaffte Platz auf dem Geburtstagstisch, breitete zur besseren Übersicht die Papiere aus, fand die Stelle und las vor: Komme, falls möglich. – Seine Hand fuhr sacht über die ausgebreiteten Glückwünsche, und es war ein Rufen mehr als ein Sagen, mit dem er bekundete: Alle Achtung, man kennt Sie noch. Berühmte Leute sämtlichst, die Ihnen am arbeitsfreien Sonntag zu einem krummen Geburtstag gratulieren. Immerhin, da kosten Telegramme privates Geld.

Neben den Maschinenlaufzeiten ein weiterer Grund, den Sonntag abzuschaffen, warf Kormoran ein, doch fand seine Antwort, die sich bei einiger Verwegenheit als sozialkritisch werten ließ, keine Würdigung.

Blauspanner formte einen Fächer aus den Schreiben, hielt ihn ihrem Adressaten hin und ließ den Postkunden wissen: Diese Klappen, von denen Professor Hassel so witzig geschrieben hat, werden mehrheitlich erwähnt. – Aber Sie lesen es wohl noch.

Das eilt ja nun nicht mehr, sagte Kormoran. Es handelt sich um Herzenssachen, mein Verehrter, und du weißt natürlich überhaupt nicht, wovon die Rede ist. – Magst du einen Schluck?

Der Depeschenmann deutete eine Blickwendung zu Gartenweg und Straße an, wo gelblackiertes Autoblech durch die grünen Büsche leuchtete, und seine Worte zeigten, daß dieses Problem schon länger bei ihm in Arbeit war: Im Dienst? Andererseits ist es freiwilliger Sonntagsdienst. Am Lenkrad? Andererseits: bei Bundessteuern auch Bundespromille! Es fällt, wie ich zu sagen pflege, unter den Gleichheitsgrundsatz.

Kormoran stellte ein Glas vor den Gast und erhob sich, den Wein aus dem Kübel zu nehmen, der im Schatten stand, konnte sich aber nicht ohne Kommentar vom Tische lösen und begleitete seine Worte mit einem Zeigefinger, der laut Änne Kormoran längst abgebissen gehörte: Sehr brav, mein Freund, brav im Sinne von tapfer. Aus solcher Haltung werden Aufstände geboren. – Nimm Platz, nehmen Sie Platz, Herr Blauspanner! Der Nacktarsch ist offen; wer Sie den trinken sieht und sich die Mühe macht, es zu deuten, erkennt, wie Sie denken. Halb schon im Gehen setzte er hinzu: Innerlich!

Der auf so zweifelhafte Weise Gelobte zeigte nicht, daß er irgendwelche Zweifel empfand. Er lagerte seine Massen über den Gartenstuhl, blinzelte ins Junilicht, machte eine träge Kopfwendung zur lesenden Nachbarin und fragte: Was tut sich in der Welt?

Frau Birchel ließ die Frankfurter Allgemeine Zeitung sinken, als habe sie einen Theaterakt lang auf ihr Stichwort warten müssen, und auch ihre Worte klangen wie längst zurechtgelegt: Schlimmes und Schlechtes!

Neuigkeit! antwortete Blauspanner und warf die Hände in die Luft. Soweit es seinen Ton betraf, hätte er ebensogut ausspucken können.

Die Nachbarin nickte mehrfach, wies ungeniert mit dem zusammengerollten Blatt auf Kormoran, der mit dem Wein beschäftigt war, und sprach, als bekräftige es die Meinung des Depeschenboten: Aber er steht nicht drin! Voriges Mal stand er noch drin!

Wie die meisten Leute mochte es Paul-Martin Kormoran nicht sehr, wenn Rede, die ihn betraf, so klang, als sei er nicht vorhanden. Auch schaffte es die Dame Birchel rasch, ihn mit ihren unumstößlichen Gewißheiten zu reizen. Aber weil er aus eben diesem Grund beschlossen hatte, gerade im Umgang mit ihr seine Toleranz zu festigen, und weil er sich an diesem besonderen Tag zu besonderer Herzensweite verpflichtet fühlte, wandte er nur milde ein: Sechsundsechzig, verehrlichte Anrainerin, das gibt nirgendwo eine Meldung her, und die nächste Personalie über mich wird, wenn überhaupt, und sehr unbescheiden vermutet, in einem schwarzen Kasten erscheinen.

Es dauerte, bis man sich im Korbstuhl eine Übersetzung angefertigt hatte; um so beteiligter tönte dann die Antwort. Gotte nee! lautete ihr erster Teil und: Aber bis dahin wird gefeiert! der zweite.

Und zwar, als wär’s das letzte Mal! sagte, etwas überraschend auf Logik und Zurückhaltung pfeifend, der Jubilar. Wie zu einer Ansprache trat er an die Terrasseneinfassung, deren ortsübliche Brüchigkeit sich unter Blumenkästen versteckte, und für einen Augenblick sah es aus, als wende er sich an die Nachbarin im Korbsessel. Doch bald hatte man es wieder mit dem Redner zu tun, der kein besseres Publikum als sich selber kannte.

Als wär’s das letzte Mal, wiederholte er, und weil er, wie er zu betonen nicht müde wurde, einer vom Geschlecht der Erläuterer war, fuhr er nach kurzer Besinnungspause fort: Sie glauben nicht, welche Würzkraft in diesem Gedanken wohnt. Selbst die Luft schmeckt neu. Auf jede Wand, in jeden Sand willst du malen: Ich war hier! – Noch einmal eine Pause und noch einmal ein Ansatz und dann ein Satz, der mit seiner unbedachten Heftigkeit fast schon zum Ausbruch geriet: Und möchte ganz gern, verdammtjuchhe, noch eine Weile bleiben!

Kein Wunder, daß die Ärztin und Ehefrau Änne Kormoran ob so gehobenen Rhetorklangs am offenen Fenster erschien und im Alarm auf die Terrasse sah. Doch da sie den Mann nur bei einer seiner üblichen Inszenierungen gewahrte, enthielt sie sich jeglichen Kommentars und allen Kopfschüttelns. Nur die Arme verschränkte sie so, daß es ein gültiger Ersatz für beide war.

Kormoran betrachtete die Flasche in seiner Hand, als frage er sich, wie sie dort hingekommen sei, fand aber bald zum entfallenen Vorsatz zurück. Er wandte sich dem aufrecht und ergeben am Tische sitzenden Blauspanner zu, füllte ihm das Glas mit Schwung und sprach mit Schwung: Prost, der Herr, für mich ist es noch zu früh.

Wie wird mir denn, sagte Änne Kormoran und ließ von einem ebenso routinierten wie aussichtslosen Versuch, die verschrägte Jalousie geradezurücken, wie soll ich das verstehen: Deinen Freunden verbietest du, mit dem Auto zu kommen, und die Post gießt du zu? Aber das mit der Frühe – Morgen, Herr Blauspanner – kannst du, wenn es nach mir geht, heute noch öfter sagen.

Um mich dann, danke bestens, zu fragen, wieso ich diesem Tag sechsundsechzig Jahre entgegenlebte?

Vor allem vielleicht, um die vergangenen zwei zu feiern. Aber wenn du dich genau durchsiehst, findest du sicher noch weitere Gründe, sagte die Frau zu ihrem Mann, und zum Postmann, den etwas zu beunruhigen schien, sagte sie: Bleiben Sie sitzen, Herr Blauspanner, die unpolitische Rede ist nicht von Ihrer fabelhaften Zeitenwende, sondern nur – o Gott, welch ein Nur! – von seinem um mindestens zwei Jahre hinausgeschobenen Ende.

Wie zum freundlichen Protest hob Kormoran die Hand und rief: Wer den Schaden hat, soll ihn auch beschreiben dürfen. – Also, verehrter Herr Generalpostmeister, der Aufwand, postalisch und häuslich, erklärt sich: Fast auf die Stunde genau vor zwei Jahren, im Jahre neunzehnhundertundneunzig und am vierzehnten Tag des Monats Juni, mithin an meinem vierundsechzigsten Geburtstag, hat mir Felix Hassel zwei künstliche Herzklappen eingepflanzt. Ohne die müßte man sich heute mit den Blumen etwas bücken.

Frau Birchel seufzte bekümmert, und Frau Kormoran sagte mit kaum merklicher Schärfe: Beachte nachher, daß du diesen Feinsinn soeben verbrauchtest.

So soll es sein, sagte Kormoran, aber weil der Pfeil auf dem Bogen liegt, muß er auch von der Sehne: Der fünfundsechzigste dann, das war nichts weiter. Eine Sache des Rentenbescheids – der übrigens immer noch nicht gekommen ist.

Falls Kormoran sah, daß Blauspanner an dieser Stelle einen fragenden Blick zur Hausfrau sandte und einen ermahnenden zurückbekam, zeigte er das durch keinen Wechsel in Miene oder Tonfall, sondern blieb ganz an die Beschreibung von gehabtem und erreichtem Zustand hingegeben: Nein, beim vorigen Jubelfest wußte ich nicht zu jubeln. Ich hatte mich längst noch nicht an die Maschinenteile gewöhnt. Zu oft horchte ich nach der texanischen Hälfte meines Herzens und fragte mich, wann klemmen die Ventile, bei klipp oder klapp? Mit dem heutigen Datum aber machen sie schon zwei Jahre klipperdieklapp, und was doppeltes Risiko war, scheint eine doppelte Chance. – Verehrte Anwesende, ich habe wieder Absichten mit mir!

Mit denen du Herrn Blauspanner kaum befrachten solltest, sagte Änne, die den kleinen und ihr nicht ganz unbekannten Vortrag genutzt hatte, vom Obergeschoß auf die Veranda zu kommen. Vergiß nicht, du möchtest nachher uns allen deine Pläne entrollen, und wie fast jeder weiß, verabscheust du es, etwas zweimal zu sagen. – Sie wies auf die Telegramme und fragte: Für mich keine Post?

Sonntag, Frau Doktor, antwortete Blauspanner, und lediglich ein winziges Zögern zwischen Zeitangabe und Anrede verriet, daß er versucht gewesen war, nach kühner Männerart das unsterbliche Sonntags nie! aufzusagen. Doch kannte er die nicht sehr ausgebildete Empfänglichkeit von Frau Dr. Änne Kormoran für Worte, die ein Augenzwinkern waren. Da hielt er sich lieber an seine Depeschen: Soweit ich sah, läßt Peter Ustinov Sie herzlich grüßen, und Vicco von Bülow fügt seinem Glückwunschschreiben einen Kratzfuß hinzu. Jedenfalls drückt er sich so aus.

Immer spaßig, unser alter Adel, sagte Kormoran, hat seiner Familie nicht der Alexanderplatz gehört? – Erkennbar zu Zwecken der Besitzanzeige nahm er Blauspanner die Postsachen ab, legte sie auf den Tisch und schob sie zum Stapel zusammen.

Frau Birchel kannte sich offenbar mit solchen Zeichen aus. Anstatt etwelche Eigentumsverhältnisse zu erörtern, hob sie die Zeitung wieder vors Gesicht und schien so gut wie nicht mehr vorhanden.

Aber Änne Kormoran wandte sich viel mehr ihr als ihrem Manne zu, als sie mahnte: Es galt als abgemacht: Offene Vermögensfragen, Rückführungsansprüche, Grundbucheinträge, Landnahme durch unsere Brüder und Schwestern sowie ähnlich anregende Themen werden heute als tabu betrachtet.

Obwohl Kormoran zustimmend nickte, mußte er doch noch sagen: Oder war es der Große Kurfürst? – Aber gut, tabu. Hast du verläßlich Überblick, worüber wir nicht reden dürfen? Die freiheitlich-demokratische Grundstücksordnung. Zahnweh als Finanzerscheinung. Die Anwalts-und-Pastoren-Macht. Der kürzeste Weg zwischen zwei Standpunkten, Wende geheißen. Phantomschmerz links, wo einst die Mauer saß. Gaucks glorreiches Sieben. Zwoachtzehn, Gott verhüte! Der verbotene Analphabetismus. Sag, daß dir das Herz aufgeht, Matti, wenn du unsere blühenden Landschaften siehst! Die Staatsnähe der Schriebtäter. Jene unerträgliche Stimmigkeit jener unerträglichen Dogmen …

Frau Birchel hatte, als hake sie die Posten kontrollierend ab, zu jedem mehr oder minder heftig genickt und warf, die Aufzählung triftig zu machen, in ein Atemholen des Nachbarn den Hinweis auf die aufgeplusterten Preise der aufgeplusterten Brötchen ein. Soweit ihr erinnerlich, fielen auch Luftgebäck und die Blähungen im Tarifbereich unter Frau Kormorans Beredeverbot, und manchmal frage sie sich, worüber man sich da überhaupt unterhalten wolle.

Es wird schon jemandem etwas einfallen, sagte Kormoran und schien versucht, die Spitzenkandidatin für solches Nothelferamt bei Namen zu nennen. Doch war es dann seine Frau, die er fragte: Kriegt man eine Liste, oder verkündest du die zu meidenden Gegenstände? Immerhin müssen wir über ein Minenfeld; da wäre ein Lageplan hilfreich. – Aber mit oder ohne, versprechen kann ich nicht, daß ich dieserart Prohibition überlebe.

Wie es um die gesellschaftlichen Dinge und seine Seelenkräfte stand, wäre er liebend gern zum Verbotskatalog zurückgekehrt und hätte auch noch viel weiter in ihm gewußt, doch nach mehrfachem Läuten im Haus unterband Änne den Neuansatz ihres Mannes mit dem energischen Ruf: Telefon! – Mein Gott, deine Ohren!

Setz sie auf die Liste! sagte Kormoran und ging eilig ins Haus.

Da waren sie wieder, die leidigen, die schadhaften, die beschissenen Ohren, dieses widerlich defekte Zubehör, dessen Zustand schon kurz nach Geburt des Paul-Martin Kormoran seinen Eltern hätte Anlaß geben sollen, das eingeschränkte Kind zurückzureichen. Jeden Schuh legten sie in Herrn Batas Filiale wieder vor, wenn seine Nähte früher als versprochen rissen, aber Päulers Ohren mit dem bißchen Sekret und Päulers Geschrei dazu, das waren keine Gründe, von Regreßpflicht zu reden. Zu wem denn? Als ob es eine Garantie auf gesunde Kinder gäbe! Das lag nun mal in der Familie, dieser Ohrenkram, und irgendwie schien es einen im Wartezimmer zu heben, wenn man die Auskunft gab: Chronisch, leider, chronische Mittelohrentzündung, ja, beider, leider. Einzig den kleinen Kerl, und später auch den großen, der sich zwischen diesen reduzierten Organen aufhielt und mit ihnen zurechtkommen mußte, hob es nicht im geringsten. Es bedrückte ihn nicht nur, es zerriß ihn fast, und hätte man ihn als Säugling, als Kleinkind, als Schulkind mit der Frage ausgestattet, wie denn das Leben sei, und auch mit der Fähigkeit, sie zu beantworten, dann wäre die Antwort gewesen: Das Leben tut weh. Vorzüglich in den Ohren tat es weh, und vorzüglich nachts tat es weh, und auch das Mittel gegen den Schmerz war ein Schmerz. Der kam vom Öl, das auf Großmutters Geheiß die Gehörgänge füllte. Bilder, Hörbilder, Leidbilder aus frühen Jahren: Vater, Mutter und schreiendes Kind in dunkler Stube ums Talglicht versammelt; Mutter hält barmenden Knaben, Vater Löffel über blakende Flamme, dann tritt Schmerz zu Schmerz, und spät erst nach ihrer Vereinigung vergehen beide, und wüßte er dergleichen schon zu denken, dächte der Junge kurz vorm Schlaf: Ja, so müßte das Leben sein! Doch war das Leben anders. Wenn es nicht weh tat, war es anders gemein. Ließ die Ohren laufen, was sich nicht so witzig ausnahm, wie es klang. Ließ sie stinkenden Stoff absondern, und ob des Gebirges aus verschmutzten Kissen und übelriechenden Wattepfropfen vermerkte der Schüler Paul-Martin Kormoran, der allgemein einen Sinn für solche Dinge besaß, nur mäßig berührt, daß Sekret gelegentlich ein anderes Wort für vertrauliche Mitteilung war. Keine Überraschung für ihn, denn was in seinen Ohren geschah, ließ sich nur als vertrauliche Mitteilung weitersagen. Dem Bademeister etwa, der von deutschen Jungen deutsche Kopfsprünge erwartete und Atteste, die nach Ausflucht vorm Kopfsprung klangen, keineswegs vertraulich behandelte. Oder den anderen deutschen Jungen, die erwarteten, daß niemand anders sei als sie. Den deutschen Mädchen, die am heranwachsenden Knaben Kormoran, nun meist Kormo genannt, fast ebenso rasch den verdammten verdämmten Gehörgang erspähten, wie er an ihnen die heranwachsende Brust. Chronisch? fragten sie, wenn er Rapport erstattet hatte, und ließen es, weil sie deutsche Mädel in besonders deutschen Zeiten waren, wie Erbgut klingen. Da lernte Jüngling Kormo, die vertrauliche durch eine streng vertrauliche Mitteilung des Inhalts ersetzen, beim Faustkampf neulich habe ihn sein Gegner so unglücklich hinterm Ohr getroffen, daß, aber man sehe wohl, und es sei nicht für ewig, und tödlich werde es vermutlich auch nicht sein. So lernt sich lügen, und so lernt es sich, auf Männerart vom Tod zu reden. Einem Tod, von dem man nicht viel weiß, denn es gilt als vertraulichste und streng sekretierte Mitteilung, daß chronische Prozesse Schleichwege sind, auf denen sich Sterben anbahnt. Vornweg jedoch die Katastrophe, welche Taubheit heißt. Wann sie begann, kann keiner sagen. Schmerz und Öl haben schon immer einen Teil der Welt abgesperrt, und da fällt es nicht auf, wenn Kormo auch in guten Wochen manchem nachfragen muß, was andere längst verstanden. Dafür fragen die anderen anderem nach, was Kormo längst verstand, und an den Ohren fehlt es ihnen nicht. Als Kormoran zu den Soldaten muß, wollen sie ihn dort schon so sehr, daß sie gar nicht hören wollen, wie schlecht er hört. Bei der schweren Artillerie, am Granatwerfer oder im Panzerturm kann man ohnehin ertauben. Der Rekrut Kormoran ist künftigen Gebrechen nur ein wenig voraus. Und, übrigens, der Soldatenstand kennt mißlichere Ausgänge als einen verstopften Gehörgang. Auch scheint er fast eine ideale Institution für harthörige Leute, denn was zu bereden ist, wird laut beredet. Gebrüll als Verkehrsform ist nach Meinung Kormorans ein Vorzug der Kaserne, der eine vielleicht. Auch in der Nähe von Karabinern ist vermindertes Gehör ein Vorzug. In der Nähe von Wächterkarabinern ebenso. Die wichtigeren Nachrichten kommen ohnedies per Rippenstoß. Verführerischer Gedanke: Eingeschränkte Bewegungsfreiheit sei für einen mit eingeschränktem Hörvermögen gut. Kein einziges Mal, entsann sich der alte Kormoran, war dem kommandierten jungen Kormoran geschehen, was dem alten immer öfter geschah: daß er in peinliche Lagen geriet, weil er etwas nicht verstanden hatte. Die Kommandierer hatte er stets verstanden, doch mit dem Frieden, so schien es, senkten sich die Stimmen. Im Radio sprachen sie leiser und leiser, am Telefon nicht anders, und selbst der Bäckerin las man besser von den Lippen ab. Einmal hieß es dann: Hörgerät. Dann lieber tot! Ein Hörgerät? So eins, wie Ludwig Renn besaß, der weltberühmte Mann, an den man auf Reporterwegen geriet? Eines aus Dänemark, wo sie in dieser Hinsicht als führend galten? Der Edelmann hatte seins zwar im versperrten Ohr getragen und darüber hinaus mit Händen Elchsschaufeln geformt, nur mußte Reporter Kormoran es dennoch dreimal sagen, und was ankam, war weniger als ein Drittel. Kein Hörgerät für Paul-Martin Kormoran. Lange keines, und als dann doch, wurde es benutzt, wenn es wirklich nicht vermeidbar war. Für den Blöden nur ein blöderes Ding. Saß hinterm Ohr und horchte nach hinten. Meldete achtern jeden hüpfenden Kiesel, doch voraus nicht einmal brechenden Fels. Im Theater kaum ein Wort von der Bühne, aber jedes Schniefen der Hinter- und Hinter- und Hinterleute. Akustischen Gewinn aus dem elektronischen Hörrohr zu ziehen, führte man Gespräche besser abgewandt vom Partner. Und führte also diese Gespräche nicht. Ertaubte nicht nur, sondern verstummte auch. Zumal der kostspielige Apparat ein übler Gleichmacher war. Er sollte verstärken und gab jegliches wieder. Verstärkte jeden Ton ohne Anhören von dessen Dringlichkeit. Allenfalls, das war wohl gar demokratisch zu nennen, bekräftigte er Entferntes, also eigentlich Schwächeres, stärker als das Nahe, trieb Wichtiges wie Unwichtiges mit gleichem Lautwert durch die winzige Membrane, und was davon endlich ans Innenohr gelangte, war breiiges Gemenge, war nicht mehr Robert Schumann, sondern rascheliges und schwabbelndes Geräusch. War Radau, ohne Sinn zu tragen. Statt Welt nur noch Unterwelt. Und erträglich blieb es allenfalls, wenn man sich sagte, wie alles andere werde auch das bald ein Ende haben. No, Sir, kein Hörgerät für Paul-Martin Kormoran; da lieber asozial. Oder, bitte, antisozial. Es heißt dann bald: Er lebt zurückgezogen. Zurückgeschlagen wäre die bessere Beschreibung. Ehrlicher. Zutreffender einfach. An seinem sechsundsechzigsten Geburtstag war Paul-Martin Kormoran ein zurückgeschlagener Mann.

***

Was man ihm nicht ansah, als er sich beinahe eifrig über die Terrasse ins Haus begab, weil das Telefon nach ihm gerufen hatte. Da mußte man schon Änne Kormoran heißen und Ärztin sein, um hinter dem aufrechten Gang die Bemühung zu sehen und in der Eile das Entkommen. Sie wartete, bis er über die Schwelle war, ehe sie den Postmann halblaut und nicht ohne Dringlichkeit fragte: Also, wie reagierte man?

Blauspanner zeigte sich vorbereitet. Er nahm einen weiteren Schluck vom Geburtstagswein, ehe er seine Bescheide ausbreitete wie vorher die Depeschen: Es ließ sich recht verschieden an. Positiv, negativ, gänzlich neutral, je nachdem, würde ich sagen.

Falls ihr sein pomadiges Getue anstrengend war, gab Änne es nicht zu erkennen, sondern blieb bei ihrem Tonfall. Aber zu sagen hatte sie doch: Noch genauer, und es schmerzt.

Es mochte eine Warnung mitgeschwungen haben, denn der Bote beeilte sich mit seiner Antwort und setzte sich sogar halbwegs manierlich hin: Der Pastor war positiv, er kommt; der Schuldirektor verhielt sich platterdings negativ und kommt nicht. Die Fußpflegerin sagt, sie ist ausgelastet mit denen, die sich bei ihr – Betonung auf: ihr – die Füße pflegen lassen, wobei mir bis heute ein Rätsel blieb, wozu das gut sein soll. Die chemische Reinigung gab mir, wenn Sie das Bild erlauben, einen chemisch gereinigten Blick und berief sich auf das Ende des Kommunismus als Weltsystem. Und unser Elektrohändler trägt sich neuerdings wie Werner von Siemens. Aber der Sohn vom Abwässermann hat errechnet, daß der kormoransche Haushalt in Ahorngrund die höchste Pro-Kopf-Badequote erreicht: Abwässer senior wird erscheinen.

Ein sachtes Kopfschütteln der Hausfrau begleitete des Postbediensteten Rede, und irritiert sagte sie: Ich hatte nicht um Bittgang gebeten, Herr Blauspanner, sondern nur gefragt, ob man im Dorf wohl weiß, mit wieviel guten Gründen er gerade diesen Geburtstag feiert. Die Fußpflegerin! Der Schulvorsteher! Von dem Mann heißt es, er habe einen Osteinsatz-Orden angeregt! Aber trotzdem: Danke! – Und weil ich Ihre Frage vorhin sah: Nein, ich habe keineswegs vergessen, daß Sie das Rentenpapier inzwischen brachten. Es muß nur hinterm Spiegel warten bis nach dem Fest. Ein obszönes Schriftstück, wenn es je eines gab. Eine Abrechnung eben. Nach kurzer Überlegung fügte sie hinzu: Da wir schon beim Manipulieren sind: Falls im Laufe des Tages weitere Post einträfe – würdest, würden Sie noch einmal kommen?

Blauspanner, der auch jede andere Frage von Frau Dr. Änne Kormoran ähnlich enthusiastisch beantwortet hätte, rief in seiner besten Gartenlautstärke: Mit dem äußersten Vergnügen!

Sie hatten wohl keine Schwierigkeiten, vom Du zurück zum Sie zu finden? fragte Änne, und ihr zögernder Anlauf nicht anders als der aufgesetzte Spott verrieten, wie unangenehm ihr der Versprecher eben und jetzt die Erkundigung waren.

Der Bote schien nicht einmal zu ahnen, was mit einem Wort wie Schwierigkeiten gemeint sein könne, dann aber gab er bekannt: Mir galt das Sie von jeher als naturgewollter Ausdruck – das Du hingegen war nur ein Instrument sprachlicher Einebnung. Verordneter Kumpelismus, wie ich oft zu sagen pflegte.

Ein erster Impuls wollte die Ärztin bewegen, vor soviel Unfug davonzurennen, doch blieb sie nur eine Weile wortlos, ehe sie das Gespräch in andere Bahnen brachte: Schade, daß die Grüße von Loriot und Ustinov schon eingetroffen sind. Wie ich ihren Empfänger kenne, hätten sie ihm nachher weit mehr als eben behagt.

Was immer die Eigenschaften Blauspanners waren, Begriffsstutzigkeit gehörte nicht dazu. Mit schnellen Griffen fischte er die einschlägigen Schriften aus der Lieferung und beteuerte ein zweites Mal, er handle mit äußerstem Vergnügen. Das Papier war schon halb in seiner Posttasche, als er einen noch besseren Einfall hatte. Er nahm den ganzen Packen vom Tisch, wandte sich zum Gehen und rief Kormoran, der eben aus dem Hause trat, über die Schulter zu: Wie wir früher in unserer unverantwortlichen Leichtfertigkeit zu sagen wußten, Herr Doktor: Viel Spaß auch weiterhin!

Der Doktor aber zeigte sich noch vom Telefonat besetzt und hatte kaum Augen für den Hergang auf der Terrasse. Wenig beteiligt rief er dem scheidenden Postmann nach: Falls diese Depeschenflut anhält – ich halte die Limonade für Sie kalt, mein Lieber.

Erst als der Bote schon den halben Gartenweg gewonnen hatte, sah sich Kormoran nach den Telegrammen um, aber die Frau lenkte den Mann von seiner Frage mit ihrer Frage ab, ob ihn einer geärgert habe.

Als sei der Weg, den er eben hatte hinter sich bringen müssen, entschieden länger als die Strecke zwischen Telefon und festlich gedecktem Tisch gewesen, setzte sich Kormoran schwer auf seinen Stuhl, versuchte dann aber, leichthin zu sagen: Geärgert, nein. Gekratzt vielleicht. Und, zugegeben, etwas verblüfft. – Das war Stegemann. Er bedauert unendlich. Es tut ihm wirklich leid. Es geht nun einmal nicht. Er hat, ja, ganz überraschend auch für ihn, die Maurer.

Kormoran nahm auf dem harten Gartenmöbel eine Haltung ein, die unmöglich bequem sein konnte, ihm aber Schutz bot gegen Unbilden aller Art. Schulterblätter auf der hölzernen Lehne, Hacken auf steinernem Boden, Sitzfläche kurz unterm Steißbein auf Sitzflächenkante gelandet, Beine langgestreckt und eng aneinander, Arme langgestreckt und eng am Leib, langgestreckte Hände in den Hosentaschen, der Mund verzurrt, die Augen böse offen – da wartete man besser, bis altes Holz über alte Knochen siegte, und fragte erst nach Ende der Fakirnummer: Die Maurer? Am Sonntag?

Kormorans Abwinken galt nicht nur der fadenscheinigen Entschuldigung, sondern auch dem Mann, der sich so unzulänglich mit ihr versucht hatte. Müde mehr als wütend sagte er, Stegemanns Ausreden seien eben noch nicht auf dem Stand seiner Reden.

Du wirst ohne ihn auskommen, anwortete Änne. Ohne ihn und manch anderen Kameraden. Du wirst es müssen. Aber ich weiß dir Trost zum Leben ohne Stegemann und Stegemänner: Es gibt schlimmere Leben.

Schon wahr, nur stimmt es ebenso, daß er kein schlechter Kerl ist.

Ist er nicht. Es reichte noch zu, hier anzurufen, sagte Änne Kormoran.

Die Antwort, das werde sich der Kollege Stegemann auch bald abgewöhnen, hörte sich wie ein soeben gefaßter Kormoran-Beschluß an, sich den Kollegen Stegemann tatsächlich abzugewöhnen. Überfällig war es längst; es hatte nur als unangebracht gegolten, solange falsche Folgen drohten und die falschen Leute falsche Schlüsse zögen: Schon gehört? Kormoran endlich auch bedient von Stegemann. Spät zwar, aber doch, pfeift selbst dieser auf die ausgeleierte Wetterfahne. Hat zwar gedauert, aber nun sind wir eins. – Das eben waren sie nicht. Nicht einmal im Urteil über Klausjürgen Stegemann waren sie das. Nicht einmal über diesen Schreiber, dessen Art nur im Windschutz sozialistischer Mauern überstehen und gedeihen konnte. Hatte einmal eine Geschichte erlebt und sie dann in hundert Varianten überliefert. Eine Geschichte, die vieler Leute Geschichte war, in einem Stil, der keinen Leser überforderte. Allenfalls den anspruchsvollen. Der Erzähler Stegemann galt als volkstümlich, und Brecht kam ihm gerade recht mit seiner Behauptung, das Volk sei nicht tümlich. Hier zeige sich nur die unzähmbare Bereitschaft einer bestimmten Sorte Künstler, hatte Stegemann bei mehr als einer Intelligenzberatung gesagt, zugunsten des erstbesten Wortspiels von jeglicher Wahrheit zu lassen. Armes Volk, das solche Künstler nötig hatte. Dabei hatte es sie gar nicht nötig, solange es Klausjürgen Stegemann gab. Einen Verfasser, der nicht so sehr las wie hörte. Der ins Volk lauschte und auch auf dessen Obrigkeit. Und aus solchen Quellen weitere Geschichten bezog. – Stegemann, der große Bekannte, so hatte ihn Paul-Martin Kormoran in der Weltbühne genannt, einen Autor, der niemandem mit einer Überraschung drohe und seine Rohlinge für ausgefeilte Schlüsselromane halte, einen verläßlichen Poeten an der Seite des suchenden Lesers und Schöpfer unzähliger Romane mit Notausgang. – Als Stegemann seinen Kritiker kurz danach traf, sagte er nur: Also Notausgang, Sie Kritikaster! Andere Autoren lassen ihr Publikum in unaufgelöster Spannung verbrennen. – Aber natürlich, wenn Ihnen das lieber ist … Übelgenommen hatte er nicht, sondern Geburtstag für Geburtstag Besuch gemacht und das neueste Erzeugnis mitgebracht, das sich stets im Einband vom vorigen unterschied. – Kormoran behauptete, soweit er seinen Ohren trauen könne, werde pro S-Bahn-Fahrt auf der Nachbarbank eine Geschichte von Stegemannscher Tiefe ausgebreitet, und ein stärkeres Argument gegen Hörgeräte falle ihm im Augenblick nicht ein. – Erst die gesellschaftliche Wende brachte, so zeigte sich nun, auch die Wende im gesellschaftlichen Verkehr zwischen dem Romanverfasser Klausjürgen Stegemann und dem Kritiker Paul-Martin Kormoran.

Es war keine große, aber doch unliebsame Entdeckung, nicht die erste ihrer Art und fraglos nicht die letzte, und um wenigstens von dieser jüngsten fortzukommen, wies Kormoran auf das angegriffene Haus und versuchte sich an einem Themenwechsel. Er sprach, als habe er von einer Tabuliste nie gehört, über Maurer, die der eine hatte und der andere gebrauchen konnte, doch als er merkte, daß die Nachbarin erwog, das trächtige Stichwort aufzugreifen, fragte er rasch, wohin nun wieder seine Telegramme verschwunden seien.

Auf solche Erkundigung war man nach anderthalb Dutzend Ehejahren eingerichtet und gab geläufig und auch gleich ein wenig spitz zurück: Hast du doch wohl soeben mit ins Haus genommen.

Habe ich nicht. Die lagen hier, als es klingelte. Blauspanner hat mir aus ihnen vorgetragen wie dunnemals aus der roten Mappe, wenn er im Namen von Völkerfrieden und Dorfgemeinschaft gratulieren kam.

Ungerührt von der Nähe der Nachbarin und vom Tatbestand, daß die, nur durch eine Zeitung vom Tatort getrennt, Zeugin des Handels mit dem Tatgenossen Blauspanner gewesen war, ließ Änne ihren Ehemann wissen, sie kommentiere seine manische Sucherei nicht mehr.

Unter zivilisierten Menschen kommentiere man Gebrechen bekanntlich nicht, lautete die Antwort, es sei denn, man sei Ärztin.

Schlampigkeit sei kein Gebrechen, kam es, überhaupt nicht belustigt, zurück.

Es muß eines sein! sprach Kormoran mit Emphase und unterstrich seinen Teil des Dialogs mit wahrhaft beredten Gesten: Mir sind schon Gegenstände auf dem Wege aus der rechten in die linke Hand verschwunden. Abhanden gekommen, da hast du das Wort. Eben noch halte ich hier einen Brief, und schon muß ich ihn dort suchen. Vergebens! – Tragischer Ton, tragische Miene und Abschlußseufzer: Wenn das kein Gebrechen ist!

Änne wußte zu lange von ihres Mannes Vergnügen an seinen Darbietungen, um sie noch übermäßig unterhaltsam zu finden. Kein Kommentar, sagte sie in einem Ton, der als Kommentar genügte, fügte dann aber um ein weniges milder hinzu: Nur die Voraussage, daß du eines Tages etwas wirklich Unwiederbringliches verlieren wirst.

Solange du nicht dich damit im Auge hast, war zunächst die Antwort, aber weil Gelegenheit schien, ging es melancholisch weiter: Eines Tages – wie gut, daß meine Tage gezählt sind. Ansonsten ist das eine rückwärtsgewandte Prophezeihung. Wenn ich denke, was alles ich vermisse. Ich sage nur: Harmoniekonzept.

Sie hatte Mühe, nicht zu seufzen, denn längst und mehrfach war es zwischen ihnen beredet worden: Was er für verlorene Goldklumpen hielt, wollte ihr allenfalls – sie korrigierte sich gleich und sagte: immerhin – wie Mühlstein erscheinen. Sie behauptete, er neige dazu, von seinen Ideen besonders jene zu preisen, die ihm aus irgendwelchen und vermutlich barmherzigen Gründen entfallen waren. Aber nun galt Geburtstag, ein besonderer, kein Allerweltsdatum, sondern eines, mit dem neue Zählung begann und an das sich Vorsätze knüpften. Darum erwiderte sie mit einer Milde, die ihre starke Skepsis nicht ganz verdeckte: Du und dein sagenhaftes Harmoniekonzept! Die Arche Kormoran. Rettung einer Utopie, Humanität und Macht als Geschwister. – Mein lieber Freund und Herzensnachbar: Obwohl du manchmal auch Brauchbares denkst, die Zettel, meine ich nach wie vor, solltest du nicht vermissen. Da hat dir von einem milden Teufel geträumt.

Wilde Engel gibt es, antwortete er, und die Stille, die seiner Behauptung folgte, ließ vermuten, daß er sie auf ihre Brauchbarkeit überprüfte. Auf Wiederverwendbarkeit in anderen Zusammenhängen. Ökonomie des Wortemachens, nannte er das Verfahren. Aber weil es nach seiner Ansicht auch zur Ökonomie der Wörtermacher gehörte, daß man den Fortgang des Lebens im Auge behielt, brachte Paul-Martin Kormoran die Rede auf Postalisches zurück und fragte empört: Sollte der Mensch die Telegramme wieder mitgenommen haben?

Änne ließ sich auf den schlauen Blick der Nachbarin nicht ein, sondern erwiderte wenig beteiligt: Er wird es merken und sie bringen.

Aber gewiß wird er das, rief Kormoran, jetzt zumindest ebenso erheitert wie ergrimmt, und zwar zu einem von ihm bestimmten Zeitpunkt.

Es kann nicht jeder auf dein Stichwort erscheinen, sagte seine Frau, und weil sie wußte, wieviel Hinundher nach solchem Einwurf möglich war, versuchte sie, rasch fortzufahren: Freue dich doch, daß …

… überhaupt einer kommt, warf Kormoran schnell und verbiestert ein. Doch hatte er in seinem Eheweibe eine kampferprobte Gegnerin: Falsch, ganz und gar falsch, antwortete sie. Was ich sagen wollte, war: Freue dich, daß du vorhanden bist für Freund und Feind. – Sie setzte sich neben ihn und sprach in einer Stärke, die ihn und nicht die Nachbarin erreichen sollte: Mich jedenfalls, daß du es weißt, und die Gelegenheit scheint günstig, freut es wie nichts anderes. Es konnte ihr aber nicht unlieb sein, daß ein Klingeln im

Haus ihrer Rede ein Ende setzte: Telefon! sagte sie und rührte sich nicht weiter.

Um so eiliger stand Kormoran auf, neugierig, glückwunschbedürftig und auch, als gelte es, der Stimmung zu entkommen. Daß du das hörst! sagte er, und es klang, töricht genug, nach halbem Protest.

Daß du das nicht hörst! war die Antwort der Frau.

Auf dem Wege ins Haus deutete Kormoran auf die untätige Außenglocke über der Tür und rief über die Schulter: Vielleicht, was meinst du, nehmen wir der Klingel für heute den Knebel aus dem Mund?

Ännes Einwand, die Nachbarn würden durch das Terrassenfest ohnehin gestört, erreichte ihn schon nicht mehr. Als er im Haus verschwunden war, nahm sich statt seiner Frau Birchel der Sache an. Um ihren Eintritt in die Debatte deutlich zu unterstreichen, legte sie die Zeitung für Deutschland umständlich fort und verkündete in einem generösen Ton, in den sich ungnädiges Quengeln mengte: Gotte nee, Frau Kornemann, sagen Sie so was nicht! Sie haben doch jede Menge Lärm bei uns gut. Der Hund immer und die Silvesterraketen. Von uns aus, und da spreche ich für sämtliche Familienangehörige mit, könnte das Musikkorps der Bundeswehr Ihrem Mann ein Posaunenständchen bringen.

Von uns aus nicht, wir sind nicht so für Posaunen, antwortete Änne, und die anklingende Gereiztheit hatte weniger mit der Verballhornung ihres Namens zu tun. Eher kam sie vom geläufigen Umgang der Nachbarin mit Institutionen, die keineswegs schon ins Denken der Ärztin Kormoran eingepaßt waren. Die Bundeswehr im Ostberliner Ahorngrund beispielsweise – längst Wirklichkeit, doch lange noch nicht Gedanke. Weil aber das keine Sache war, die sich zwischen Frau Birchel und Frau Kormoran besprechen ließ, sagte Änne ohne die Schärfe des Anfangs: Aber gewarnt sein sollten Sie schon: Etwas lauter als sonst wird es sicher.

Der versöhnliche Ton ging nicht an der Nachbarin im Korbstuhl verloren: Macht nichts, ich höre anderen Leuten leidenschaftlich gerne zu. Außerdem weiß man ja nicht, wie es mit ihm nun so weitergeht, sagte Frau Birchel und zeigte mit dickem Zeigefinger ungeniert auf Paul-Martin Kormoran, der aus dem Hause kam und einen Stuhl unter die Klingel rückte. – Ich weiß es nicht, er weiß es nicht, und trotzdem Sie selber Doktor sind, wissen Sie es auch nicht. Ich meine, wie oft er noch Gelegenheit hat. Silvester und die anderen Fröhlichkeiten.

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