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Korfu – Paradies der Liebe

PROLOG

Wie betäubt starrte Carrie auf die vier Särge, die vor dem Altar aufgebahrt standen. Abgesehen von dem kleinen Danny, der sich in ihren Arm kuschelte, erschien ihr die Situation so unwirklich wie ein böser Traum. Wie kann das sein? fragte sie sich verzweifelt. Wie konnten vier Menschen, die sie liebte, tot sein?

Sie und Danny saßen ganz allein in der ersten Bank. Carrie sah den kleinen Jungen an, und als sein Blick ihrem begegnete, breitete sich ein glückliches Lächeln auf seinem süßen Kindergesichtchen aus. Tapfer lächelte Carrie zurück und versuchte, sich von der Predigt des Priesters abzulenken, so gut es ging. Sie wusste, wenn sie seine Worte an sich heranließ, würde sie die Tränen nicht mehr zurückhalten können.

Sie durfte nicht an ihre geliebte Cousine Sophie und ihren Mann Leonidas denken. Oder an ihre Tante und ihren Onkel, die sie aufgezogen hatten. Sonst wäre sie ihrem Kummer hilflos ausgeliefert. Sie durfte nicht an den entsetzlichen Autounfall denken, der die vier das Leben gekostet hatte und durch den Danny zur Waise geworden war. Carrie spürte, wenn sie ihrer Trauer nachgab, würde sie nicht mehr aufhören können zu weinen. Und um Dannys willen musste sie stark sein.

Er war alles, was ihr geblieben war.

Ganz allmählich wurde ihr bewusst, dass die Orgel spielte, und sie begriff, dass die Messe vorüber war. Hölzern stand sie auf und ging mit Danny auf dem Arm aus der Kapelle. Sie drückte das Kind an sich. Mit ihren fünfundzwanzig Jahren hatte Carrie erst eine Beerdigung miterleben müssen – die ihrer Mutter. Doch damals war sie noch sehr klein gewesen und erinnerte sich kaum mehr daran.

Die Vorkehrungen für das heutige Begräbnis zu treffen, war ihr entsetzlich schwergefallen. Und sie hatte alles allein tun müssen. Ihr Vater war ihr keine Hilfe gewesen. Er hatte es nicht für nötig befunden, ihr Beistand zu leisten, nachdem er von dem Unfall erfahren hatte, und später, als sie ihm mitgeteilt hatte, wann die Beerdigung stattfinden würde, war seine Reaktion sehr kurz angebunden gewesen.

„Im Moment kann ich hier nicht weg“, hatte er erklärt. „Ich stecke bis zum Hals in Arbeit.“

„Aber sie waren doch auch deine Familie“, hatte Carrie fassungslos dagegengehalten. Dass ihr Vater nicht zur Beisetzung kommen wollte, schockierte sie zutiefst.

„Die Familie deiner Mutter, nicht meine“, korrigierte er sie.

„Sie waren jedenfalls meine Familie. Als du nach Mums Tod einfach weggegangen bist, haben sie sich um mich gekümmert.“

„Carrie, es hört sich so an, als hättest du bereits alles organisiert“, ging er über ihre Bemerkung hinweg. „Du brauchst mich also nicht. Es tut mir leid, dass dieser Unfall passiert ist, aber ob ich nun da bin oder nicht, spielt für die vier ohnehin keine Rolle mehr.“

„Für mich schon“, sagte Carrie zu dem Telefon, nachdem ihr Vater aufgelegt hatte. Es hätte ihr viel bedeutet, wenn er ein einziges Mal in ihrem Leben für sie da gewesen wäre.

Sie hätte ihm gern erzählt, dass sie die Absicht hatte, für Sophies sechs Monate alten Sohn Danny zu sorgen. Doch wie viel Verständnis konnte sie von einem Vater erwarten, der seine eigene Tochter im Säuglingsalter verlassen hatte?

Und nun stand sie in der kalten Novemberluft vor der Kapelle und drückte den kleinen Danny an ihr Herz. Die meisten Trauergäste waren bereits gegangen, ein paar wenige standen noch in Gruppen da und sprachen gedämpft miteinander. Carrie gab Danny einen Kuss auf seine seidigen Locken. Bald war dieser Albtraum vorbei, und sie konnte den Kleinen fortbringen von diesem trübsinnigen Ort.

Bisher hatte sie nicht über die Beerdigung hinaus gedacht. Nur eines war ihr klar gewesen: Sie würde sich immer um Danny kümmern und alles tun, damit er zu einem unbeschwerten Jungen heranwuchs.

„Miss Thomas?“

Carrie hob den Kopf und blickte in das Gesicht eines elegant gekleideten älteren Mannes, den sie nie zuvor gesehen hatte.

„Ich bin Cosmo Kristallis“, sagte er mit einem starken griechischen Akzent und musterte sie kühl.

Carries Augen weiteten sich überrascht. Vor ihr stand niemand anders als der Vater von Sophies Ehemann. Leonidas und er hatten sich vor Jahren völlig zerstritten. Aber Cosmo Kristallis war Dannys Großvater.

„Es tut mir so leid, dass Ihr Sohn sterben musste.“ Spontan legte Carrie ihm die Hand auf den Arm.

Sogleich hatte sie das Gefühl, dass sie einen Fehler gemacht hatte. Diesem Mann schien ihre Anteilnahme nicht willkommen.

„Für mich war mein Sohn schon lange gestorben“, erklärte Cosmo Kristallis kalt.

Carrie ließ ihre Hand abrupt sinken. „Weshalb sind Sie dann hier?“

„Als Sie mich über die Beerdigung informierten, wurde mir klar, dass wir ein paar Dinge klären müssen“, meinte er. „Dinge, die das Kind auf Ihrem Arm betreffen.“

„Danny?“ Erschrocken wich Carrie einen Schritt zurück und drückte den Jungen fester an sich.

„Wie ich bereits sagte, verband mich nichts mehr mit meinem Sohn. Und sein Kind werde ich niemals als meinen Erben anerkennen.“ Er zeigte auf Danny. „Dieses Balg wird keinen Cent von mir bekommen.“

„Geld?“, fragte Carrie und schüttelte verständnislos den Kopf. Danny war ein unschuldiges Baby, das gerade seine Eltern verloren hatte. Wieso verhielt sich Cosmo Kristallis so feindselig dem Kleinen gegenüber?

„Ihre Cousine war eine berechnende Goldgräberin“, fuhr Cosmo fort. „Sie hatte es von Anfang an auf mein Vermögen abgesehen.“

„Sophie war an Ihrem Reichtum nicht interessiert“, protestierte Carrie entrüstet. „Sie wollte mit dem Mann zusammen sein, den sie liebte, und mit ihm eine Familie gründen.“ Tränen traten ihr in die Augen. Bei dem Gedanken, dass Sophie ihren Sohn niemals würde heranwachsen sehen, wollte ihr schier das Herz brechen.

„Dieses Kind ist nicht mein Enkel“, erklärte Cosmo ungerührt.

„Und ob“, widersprach Carrie. „Und auch wenn mir elend wird bei der Vorstellung, dass Sie sein Großvater sind, ändert das nichts an den Tatsachen. Abgesehen davon lasse ich nicht zu, dass Sie solche Verleumdungen über Sophie und Leonidas verbreiten.“

„Niemals werde ich ihn anerkennen. Und wenn Sie sich je wieder mit meiner Familie in Verbindung setzen, wird das unschöne Folgen für Sie haben.“ Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und ließ Carrie stehen.

Zitternd vor Zorn sah sie ihm nach. Sie hatte schon manches Unangenehme über Leonidas’ Familie in Griechenland gehört, doch erst jetzt begriff sie, warum Sophies Mann seinen Vater so sehr gehasst hatte.

„Hab keine Angst, mein Kleiner. Du wirst diesen schrecklichen Menschen nie wiedersehen müssen“, murmelte Carrie in dem Versuch, sich selbst ebenso zu beruhigen wie das Kind auf ihrem Arm. Noch einmal küsste sie Dannys dunkle Locken. „Wir kommen bestens ohne ihn zurecht.“

1. KAPITEL

Sechs Monate später

„Bitte, Carrie, tu mir den Gefallen“, bettelte Lulu. Von den Tränen war ihre Wimperntusche völlig verschmiert. „Wenn Darren die Nachricht abhört, schmeißt er mich raus!“

„Ich will dir ja helfen. Das weißt du.“ Besorgt sah Carrie ihre Freundin an. „Aber wäre es nicht besser, wenn du es selbst tätest? Niemand würde sich etwas dabei denken, wenn du ins Arbeitszimmer deines Mannes gehst und sein Handy an dich nimmst.“

„Alle haben unseren Streit mitbekommen. Außerdem kann ich so doch nicht runtergehen.“ Sie wies auf ihre verlaufene Schminke. „Und wenn die Nachricht nicht gelöscht wird, komme ich in Teufels Küche.“

„Meine Aufmachung ist ja wohl noch unpassender für eine solche Party“, bemerkte Carrie und sah an ihrer Sportkleidung hinunter. Sie war Lulus Fitnesstrainerin und passte nun wirklich nicht in den Freundeskreis ihres versnobten Gatten, der heute eine ausgelassene Feier veranstaltete. „Abgesehen davon muss ich Danny abholen. Ich bin ohnehin schon spät dran.“

„Es dauert nicht lang.“ Lulu sprang auf. „Los, zieh die Sachen aus und das Kleid hier an. Dann wird sich niemand wundern.“

Fünf Minuten später verließ Carrie das Schlafzimmer in einem Abendkleid ihrer Freundin. Ihr war mulmig zumute. Nach den vergangenen sechs Monaten, in denen sie sich in die Mutterrolle für Danny gefunden und versucht hatte, ihren Kummer zu verwinden, fühlte sie sich unbehaglich in diesem ausgefallenen Outfit, das bestenfalls für eine schicke VIP-Party taugte. Selbst bevor sich ihr Leben so grundlegend verändert hatte, war sie kaum jemals auf derart hochhackigen Stilettos einherstolziert, aber sie hatte nun wirklich keine Zeit, noch großartig Schuhe anzuprobieren.

Ihren Rucksack mit den Trainingsklamotten stellte sie in einer Nische neben der Eingangstür ab. Dann machte sie sich auf den Weg zu Darrens Büro. Lulu braucht das Handy bloß lang genug, um die Nachricht zu löschen, die sie in einem Anfall von Eifersucht auf seiner Mailbox hinterlassen hat, sagte sie sich. Im Handumdrehen ist meine Mission erfüllt.

Einer der Kellner reichte ihr ein Glas Champagner. Carrie nahm einen kräftigen Schluck, um sich Mut zu machen. Das kühle Getränk prickelte so stark auf ihrer Zunge, dass sie unwillkürlich die Nase krauszog.

Obschon es erst später Nachmittag war, befand sich die Party bereits in vollem Gange. Eine Fotografin machte ihre Runde, und sie fand immer neue Gäste, die sich gerne ablichten ließen, zweifellos in der Hoffnung, ihr Bild in irgendeiner Zeitschrift wiederzufinden.

Carrie strich ihr glitzerndes rotes Kleid glatt. Lulu war nicht gerade für sittsame Zurückhaltung in Sachen Garderobe bekannt, und da Carrie ein gutes Stück größer war als ihre Freundin, zeigte der kurze Rock entschieden zu viel Bein. Auch das Dekolleté war viel freizügiger, als Carrie es normalerweise getragen hätte.

Sie senkte befangen den Blick. Dabei fiel ihr das glänzende schwarze Haar wie ein Vorhang über die Wangen, doch sie warf es nicht zurück. So fühlte sie sich geschützter. Obwohl mir in diesem Aufzug vermutlich kaum jemand ins Gesicht schauen wird, dachte sie ironisch und durchquerte den Raum.

Lautlos schlüpfte sie in Darrens Arbeitszimmer und schloss die Tür hinter sich. Sie ignorierte ihre flatternden Nerven und ging zielstrebig zum Schreibtisch. Dort stellte sie das Champagnerglas ab und griff nach Darrens Jackett, das über der Lehne seines Stuhls hing.

„Ist das so eine Gewohnheit von Ihnen?“

Erschrocken fuhr Carrie herum.

An der Tür stand ein Fremder, groß und einschüchternd. Ihn umgab eine Aura der Macht. Er musterte sie ruhig und abwartend.

Dann trafen sich ihre Blicke, und Carrie stockte der Atem. Dieser Mann sah atemberaubend gut aus. Sein dunkelbraunes Haar und die gebräunte Haut deuteten darauf hin, dass er aus dem Mittelmeerraum stammte. Seine Augen allerdings passten nicht zu seinem südländischen Erscheinungsbild: Sie waren von einem fesselnden Blau.

Fasziniert nahm Carrie seinen Anblick in sich auf, betrachtete seine makellosen klassischen Züge und den wohlproportionierten Körperbau. Dabei beschlich sie das merkwürdige Gefühl, dass sie ihn von irgendwoher kannte.

Viele der Gäste waren Prominente, aber sie konnte sich nicht erinnern, wo sie diesen Mann schon einmal gesehen haben sollte. Bei ihrer Arbeit als Trainerin kam sie oft mit berühmten Menschen zusammen. Doch diesmal ließ ihr Gedächtnis sie im Stich.

So standen sie eine Weile da und musterten einander. Carrie schluckte. Dann bemerkte sie, wie der Fremde seinen Blick über ihren spärlich bekleideten Körper gleiten ließ, und ein wohliger Schauer durchrieselte sie. Es war eine gänzlich ungewohnte Empfindung für sie.

Seit einem halben Jahr war sie voll und ganz von ihrem neuen Alltag in Anspruch genommen. Sie erlebte, was es bedeutete, Mutter zu sein, und versuchte gleichzeitig, mit dem Kummer über den Verlust ihrer Familie fertig zu werden. Sie machte die Erfahrung, dass es oft alles andere als einfach war, ein Kleinkind und einen anspruchsvollen Job unter einen Hut zu bringen.

Über all das hatte sie anscheinend aufgehört, sich selber als attraktive junge Frau zu sehen, die Männer begehrenswert fanden.

Eine verwirrende Hitze breitete sich in ihr aus, doch Carrie ignorierte sie. Sie durfte sich jetzt nicht solchen Gefühlen hingeben. Danny wartete auf sie, und sie musste Lulu Darrens Handy bringen.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte sie betont locker. „Haben Sie sich verlaufen, oder suchen Sie Darren?“

„Sie haben meine Frage nicht beantwortet“, bemerkte der Fremde ruhig. „Ich wollte wissen, ob das eine Gewohnheit von Ihnen ist.“

Carries Herz setzte einen Schlag aus. Er hatte genau gesehen, was sie im Begriff war zu tun.

„Ich weiß nicht, was Sie meinen“, gab sie dennoch zurück. Sie ließ das Jackett zurücksinken, wobei sich ihre Finger um das Handy schlossen, als ihre Hand wieder aus der Tasche glitt. Sie warf das seidige schwarze Haar über die Schulter zurück und sah den Fremden unverwandt an.

„Ich meine, schleichen Sie sich öfter in anderer Leute Arbeitszimmer und stehlen ihre Handys?“ Seine Stimme war dunkel und hatte einen leichten Akzent, den Carrie nicht zuordnen konnte.

„Ich habe mich nirgendwohin geschlichen.“ Carrie gab ihrer Stimme einen gelassenen Klang und gestattete sich, ihren Blick erneut über den anbetungswürdigen Körper des Mannes gleiten zu lassen. Schlank und doch athletisch stand dieser Eindringling in seinem Designeranzug vor ihr. Keinen Augenblick zweifelte sie daran, dass er in jeder anderen Bekleidung ebenso attraktiv aussah. „Und ich habe auch nichts gestohlen. Das hier ist Lulus Handy. Ich wollte es für sie holen.“

„An dieser Geschichte müssen Sie aber noch arbeiten.“

„Ich arbeite für Lulu.“ Carrie zuckte die Achseln. „Sie hat mich gebeten, ihr das Handy zu bringen.“

„Ach wirklich?“ Der Fremde musterte sie unverschämt eingehend. „Und das ist wohl Ihre Arbeitskleidung, wie?“

„Ich bin Lulus Trainerin.“ Vergeblich versuchte Carrie, das Kribbeln, das sein Blick auf ihrer Haut ausgelöste, zu ignorieren. „Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte. Lulu erwartet mich.“ Sie trat zur Tür, blieb jedoch abrupt stehen, als sie Darrens Stimme vom Flur her vernahm.

Nervös biss sie sich auf die Lippe. Sie hielt immer noch sein Handy in der Hand, und dieses alberne Kleid besaß nicht eine einzige Tasche, in der sie es hätte verstecken können.

Sie warf ihrem ungebetenen Gefährten einen Blick zu. Warum nur hatte sie sich von Lulu überreden lassen? Nun würde alles auffliegen.

In diesem Moment trat der schöne Fremde auf sie zu. Carries Herz klopfte wild. Sie sah ihn fragend an und blieb wie angewurzelt stehen. Was würde er tun? Ihr das Handy abnehmen und sie Darren ausliefern?

Er bewegte sich ganz langsam, ohne Hast. Seine Augen funkelten entschlossen. Carrie bekam eine Gänsehaut. Und dann stand er unmittelbar vor ihr, sodass er sie von der Tür abschirmte.

Irritiert durch seine plötzliche Nähe, starrte sie zu ihm hoch und hielt den Atem an. Seine blauen Augen verdunkelten sich, als er sie betrachtete. Es fühlte sich an, als schaute er direkt in ihre Seele. Und dann neigte er den Kopf, als wollte er sie … küssen!

„Wunderschön“, murmelte er und legte die Hände sanft auf ihre Oberarme.

Es war Carrie schier unmöglich, den Blick von ihm zu wenden. Dieser Mann war unwiderstehlich. Seine Gesichtszüge waren einfach vollkommen, seine Augen von einem intensiven Blau und der Mund sinnlich und ausdrucksvoll. Und er machte keinen Hehl daraus, dass er sie begehrenswert fand.

Zärtlich strich er an ihren Armen hinunter, brachte ihre nackte Haut zum Glühen. Dann legte er eine Hand in ihren Rücken und zog sie an sich.

Carrie schnappte nach Luft, als er sie gegen seinen muskulösen Körper presste. Das hauchdünne Kleid schützte sie kaum gegen die Empfindungen, die die Berührung in ihr auslöste. Schmetterlinge tanzten in ihrem Bauch. Was hatte er vor? Er konnte sie doch nicht einfach küssen! Schließlich kannten sie sich kaum.

Wie von fern flüsterte ihr eine innere Stimme zu, dass sie ihn fortstoßen und sich abwenden sollte. Das wäre vernünftig. Aber ihr Körper warf alle Vernunft über Bord.

Sprachlos sah sie zu dem Fremden hoch, und im nächsten Moment war es zu spät, ihn aufzuhalten. Er senkte seine sinnlichen Lippen auf ihre, und ohne einen weiteren Gedanken versank Carrie in dem Kuss, als seien Zeit und Raum aufgehoben.

Sie bekam weiche Knie, und ihre Arme umschlangen seine Schultern, als führten sie ein Eigenleben. Mit einer starken Hand stützte er sie, während er sie mit der anderen noch dichter an sich zog.

Er drückte ihre Hüften gegen seinen Unterleib, und Carrie bog sich ihm wie von selbst entgegen. Erregung durchrieselte sie, als ihre Brüste seinen harten Oberkörper berührten. Plötzlich jedoch unterbrach der Fremde den Kuss, und im nächsten Moment lösten sich ihre Lippen voneinander. Carrie keuchte hörbar auf. Er hielt sie immer noch, aber nicht mehr so eng wie zuvor.

„Carrie?“ Eine Männerstimme drang aus dem Hintergrund an ihr Ohr. „Ich wusste gar nicht, dass du heute Abend auch hier bist.“

Darren! Den hatte sie ganz vergessen. Mit einem Mal erinnerte sie sich wieder an sein Handy, und erst jetzt bemerkte sie, dass sie es gar nicht mehr in der Hand hielt.

„Lulu … Lulu hat mich eingeladen“, stammelte sie und riss den Blick vom Gesicht des schönen Fremden los, um Darren anzusehen.

„Und was machst du hier drin?“ Misstrauen schwang in Darrens Stimme mit. „Gut. Ich sehe, was du tust. Aber warum gerade in meinem Arbeitszimmer?“

„Ich wollte einen Moment mit Carrie allein sein“, sagte der Fremde in diesem Augenblick und drehte sich zu Darren um. So selbstbewusst, wie er sprach, hätte man glauben mögen, es sei sein Arbeitszimmer und nicht Darrens.

Schockiert starrte Carrie ihn an. Woher kannte er ihren Namen? Oder wiederholte er ihn lediglich, nachdem Darren ihn ausgesprochen hatte? Und warum wollte er mit ihr allein sein? War er ihr wirklich nur zufällig gefolgt, wie sie geglaubt hatte, oder steckte eine Absicht dahinter?

„Nik!“, rief Darren erfreut aus. „Es ist ja eine Ewigkeit her. Du hast gar nicht gesagt, dass du kommst.“

Carrie runzelte die Stirn. Einen Moment lang war sie erstaunt, dass Darren den Fremden kannte, doch andererseits war es schließlich seine Party, und all diese Leute hier waren seine Gäste. Er hatte den Mann beim Namen genannt … Nik.

„Ich habe mich ganz kurzfristig dazu entschlossen“, erklärte Nik. „Ich bin direkt vom Flughafen hergefahren.“

„Und du lässt nichts anbrennen, wie man sieht, du alter Schwerenöter!“ Darren lachte und versetzte seinem Freund einen kräftigen Schlag auf den Rücken. Dadurch stieß er Nik wieder gegen Carrie.

„Und Carrie, du stilles Wasser“, fügte Darren wohlwollend hinzu. Ganz offensichtlich war er schon recht angeheitert.

Mit wachsendem Unmut wurde Carrie bewusst, in welch kompromittierender Situation sie von Darren überrascht worden waren. Nik hatte seinen muskulösen Oberschenkel anzüglich zwischen ihre Schenkel gedrängt. Ihr Kleid war dadurch hochgerutscht. Errötend rückte Carrie von Nik ab und strich ihren Rock glatt.

„Lasst euch nicht unterbrechen“, sagte Darren und griff nach seinem Jackett. „Ich muss nur einen Anruf tätigen und verschwinde sofort wieder. Schließt ab, wenn es sein muss.“

Carrie starrte in Niks Gesicht, das ihrem eigenen immer noch ganz nahe war. Ihre Reaktion auf seinen Kuss erschütterte sie bis in die Grundfesten. Gleichzeitig war sie wütend, dass er sie vor Lulus Mann in eine solche Situation gebracht hatte.

„Was sollte das denn werden?“, fuhr sie Nik an und stieß ihn von sich. Dabei geriet sie auf den hohen Absätzen ins Schwanken. Als sie ihr Gleichgewicht wiedergefunden hatte, stemmte sie die Hände in die Hüften und funkelte ihn zornig an.

„Ich dachte, das war offensichtlich“, gab er ruhig zurück. „Ich habe das gestohlene Handy zurückgelegt.“

„Oh.“ Carrie war am Boden zerstört. Wie konnte er so nüchtern sein, nachdem sie diesen aufwühlenden Kuss geteilt hatten? War es für ihn wirklich bloß eine Gelegenheit gewesen, das Handy wieder in die Jacketttasche zu befördern?

Der Kuss hatte nur wenige Augenblicke gedauert, doch für Carrie war er körperlich und seelisch überwältigend gewesen. Ein halbes Jahr ihres Lebens hatte sie ihre Hoffnungen und Sehnsüchte zurückgestellt und sich selbst nicht mehr als Frau mit leidenschaftlichen Bedürfnissen gesehen. Und nun hatte sie sich in einer Weise gehen lassen, die sie fassungslos machte.

Sie war so rückhaltlos auf diesen Kuss eingegangen, dass sie alles um sich her vergessen hatte. Nik dagegen schien kein bisschen mitgenommen zu sein. Er hatte sich ganz kühl auf seinen Plan konzentriert, das Handy unbemerkt zurückzulegen.

„Man sollte meinen, Sie wären mir dankbar“, sagte er und lächelte sie mit seinem sinnlichen Mund an. „Abgesehen davon hatte ich durchaus den Eindruck, dass Ihnen unser kleines Intermezzo gefallen hat.“

„Das ist nicht wahr!“, fuhr Carrie ihn an. Ihre brandroten Wangen straften ihre Worte Lügen. „Und es gibt keine Entschuldigung dafür, dass Sie mich auf eine solche Weise geküsst haben.“

Das Lächeln, das er ihr schenkte, erreichte seine Augen nicht. „So machen sie es immer in Filmen. Außerdem sahen Sie aus wie ein verschrecktes Kaninchen. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Sie den Mumm besessen hätten, das Handy selbst zurückzulegen, während ich Darren ablenke.“

„Ich habe Sie nicht aufgefordert, mir zu helfen“, entgegnete sie wütend. „Es hätte vollauf genügt, Darren zu erklären, dass Lulu mich gebeten hat, ihr das Handy zu bringen.“

„Wenn Sie ernsthaft glauben, ich entschuldige mich für den Kuss, muss ich Sie enttäuschen.“ Nik schüttelte den Kopf. „Ich habe lediglich getan, was ich für notwendig hielt. Ehrlich gesagt, war ich von der Situation nicht gerade begeistert, und ich erwarte schließlich auch keine Entschuldigung von Ihnen.“

„Ich wüsste nicht, wofür ich mich entschuldigen sollte“, protestierte Carrie. Anscheinend hatte Nik diesen atemberaubenden Kuss sogar als Zumutung empfunden. „Ich habe Sie nicht eingeladen, mich zu küssen. Also beklagen Sie sich nicht, wenn Sie es scheußlich fanden.“

„Von dem Kuss habe ich doch gar nicht gesprochen. Dass Frauen immer so unsicher sein müssen, was diese Dinge angeht.“ Er seufzte resigniert. „Ich meinte eigentlich die Situation. Es war ganz schön schockierend für mich zu erfahren, dass Sie eine Diebin sind. Ich hatte gehofft, eine vernünftige, ehrliche Person anzutreffen.“

„Wie bitte?“ Carrie rang nach Luft, während sie versuchte, den Sinn seiner Worte zu begreifen. Wieso interessierte es ihn, was für ein Mensch sie war? Plötzlich fiel ihr wieder ein, dass er zu Darren gesagt hatte, er brauche ein bisschen Zeit mit ihr allein. Wer zum Teufel war dieser Mann?

„Wer sind Sie?“ Unbeirrt hielt Carrie seinem Blick stand. „Und was wollen Sie von mir?“

Er schwieg einen Moment und nahm einfach nur ihren Anblick in sich auf. Und gerade als Carrie ihre Frage wiederholen wollte, begann er zu sprechen.

„Mein Name ist Nikos Kristallis“, sagte er kühl. „Und ich bin hier, um Vorkehrungen für meinen Neffen zu treffen.“

2. KAPITEL

Carrie brachte keinen Ton heraus. Sie war so schockiert, dass sie kaum einen klaren Gedanken fassen konnte.

Entsetzt starrte sie Nikos Kristallis an. Das war also der jüngere, verwöhnte Bruder von Sophies Mann Leonidas und der Lieblingssohn des unerträglich arroganten Cosmo Kristallis. Und damit war er Dannys Onkel.

Ihr Magen zog sich schmerzhaft zusammen, sie atmete tief durch, um sich zu beruhigen. Energisch versuchte sie, die unangenehme Begegnung mit Cosmo Kristallis aus ihrem Gedächtnis zu verdrängen. An diesen traurigen Tag wollte sie nicht mehr zurückdenken. Ihre Erinnerungen an das Zusammentreffen mit Dannys Großvater war unwiderruflich mit der überwältigenden Trauer um ihre Verwandten verknüpft.

„Und was genau meinen Sie damit?“

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