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Kopflos auf dem Pennine Way

Die Autorin

Stefanie Röfke kam 1980 im Ostteil Berlins zur Welt, wo sie nach ihrem Abitur Geschichtswissenschaften und Polonistik studierte, in verschiedenen Verlagshäusern volontierte und sich anschließend mit der Textagentur Federstrich selbstständig machte. Im November 2014 lernte sie ihren englischen Lebenspartner kennen und tauschte kurzerhand die turbulente Hauptstadt gegen ein winziges Dörfchen im nordenglischen Yorkshire. Hier arbeitet sie als freiberufliche Texterin und Lektorin für populärwissenschaftliche Verlage mit historisch-kulturellem Schwerpunkt. Auf ihrem Blog (www.nordengland.net) berichtet sie regelmäßig über ihre Erfahrungen auf der Insel und wirft einen schmunzelnden Blick auf den Alltag unter Briten. Um noch tiefer in die Seele ihrer neuen Heimat vorzudringen, durchwanderte sie im Sommer 2015 Nordengland allein auf dem Pennine Way. Die persönlichen Erfahrungen und lokalkulturellen Reflexionen ihrer Reise fasste sie zu einem Buch zusammen.

Stefanie Röfke

Kopflos auf dem Pennine Way

Eine Berlinerin in der englischen Wildnis

Jetzt oder nie

Nichts für schwache Nerven

Gekniffen wird nicht

Die Not der Minimalistik

Hals über Kopf ins Ungewisse

Tag 1: Aufbruch in die Fremde

Tag 2: Bittere Lektionen

Tag 3: Sanfte Rückkehr

Tag 4: Ein Reich für Poeten und Moorhühner

Tag 5: Zeugen aus mythischer Vorzeit

Tag 6: Neue Bekanntschaften

Tag 7: Am Abgrund

Tag 8: Die Vor- und Nachteile des Alleinwanderns

Tag 9: Auf Irrwegen

Tag 10: Hungriges Moor

Tag 11: Der Duft von heißem Apfelkuchen

Tag 12: Auf dem Gipfel der Pennines

Tag 13: Der lange Atem der Geschichte

Tag 14: Die Weite hinter den Grenzen

Tag 15: Unter Barbaren

Tag 16: Niemandsland

Tag 17: Im Schatten der Hügel

Tag 18: Die Erde an meinen Schuhen

Was bleibt

JETZT ODER NIE

»Um Himmels willen, Kind, lass doch die Dummheiten und bleib lieber zu Hause!« Vielleicht hätte ich den Rat meiner umsichtigen Großmutter befolgen sollen, als ich ihr von meinem Plan erzählte, allein durch Nordengland zu marschieren. Doch ich habe mich anders entschieden. Trotzdem habe ich für einen kurzen Moment überlegt, ob sie wohl recht haben könnte. Gerade mal ein Jahr ist es her, dass ich mich in einer schummrigen Bar in Amsterdam ausgerechnet und aus heiterem Himmel in einen Engländer verliebt habe. Ohne lange nachzudenken, verkaufte ich meine gesamte Habe und zog von Berlin nach West-Yorkshire. Mein Job als freie Lektorin erlaubte mir eine flexible Wohnsitzwahl. Ich klemmte mir meinen Laptop unter den Arm und nahm meinen Arbeitsplatz einfach mit. Mein Herz kannte keine Kompromisse. Also versuchte ich, mich so gut wie möglich in diesem winzigen englischen Dorf einzuleben, dessen Namen ich noch nicht mal aussprechen konnte.

Seit 34 Jahren war ich noch nie länger von zu Hause weg gewesen. Wie konnte ich da dauerhaft in ein Land auswandern, in dem sich nicht nur Regen und seltsame Rezeptideen ungünstig auf die Laune auswirken, sondern auch noch schlechte Witze erzählt werden? Aber all das rückte in weite Ferne, als ich die grünen Hügel und drolligen Schäfchen erblickte, in dessen Gesellschaft ich fortan leben würde.

Als Großstädterin, die über Nacht zu einem Landei mutierte, hatte ich mich nicht nur einem ungewissen Schicksal ausgeliefert, sondern litt auch noch an einem besonders ausgeprägten Gebrechen: pure Ahnungslosigkeit. Land und Leute waren mir fremd. Die Sprache, die ich auf den Straßen vernahm, hatte mit meinem Schulenglisch nichts gemein. Stattdessen war ich einem vernuschelten Dialekt ausgeliefert, der wie eine seltsame Komposition aus alten Wikingerflüchen und einer Art erdigem Farmerslang anmutete. Da ich nie weiter nördlich als Oxford gekommen war, konnte ich mich auch geografisch nur mehr schlecht als recht verorten. Ich war mir nicht im Klaren darüber, dass außerhalb Londons tatsächlich viel los war, geschweige denn, dass England überhaupt einen Norden hatte, es sei denn, der hieße Schottland. Also besorgte ich mir ein paar Bücher und Reiseführer und beschloss, mich in die Thematik einzulesen. Das half mir zwar beim Einschlafen, brachte mich jedoch kaum weiter. Ich brauchte eine andere Art der Landeskunde, und zwar eine, die alle meine Sinne ansprach.

Und siehe da: Eines Tages fuhren wir zufällig an einem schiefen hölzernen Wegweiser vorbei. Darauf hatte ein prähistorischer Graffiti-Künstler das Symbol einer Eichel getaggt. Daneben stand in deutlichen Lettern: Pennine Way. PENNINE WAY? Das fremdartige Buchstabengemisch klang in meinen Ohren wie ein keltischer Zauberspruch, der Mythen aus einer nebligen Vergangenheit heraufbeschwört. Ich bat meinen Engländer um Erklärungen und erfuhr: Der Pennine Way ist rund 420 Kilometer lang und Englands ältester und anspruchsvollster Fernwanderweg.

Aber noch viel faszinierender als die nackten Tatsachen war die Spezies, die meine Augen auf dem moddrigen Pfad erblickten. Ein neonfarbener Schwarm von humpelnden, erschöpft wirkenden Gestalten, die in atmungsaktive Stoffe gehüllt schwer unter der Last prall gefüllter Rucksäcke schnauften. Mir blieb gar keine andere Wahl, als diese modische Armee von Outdoor-Enthusiasten wie eine hohlköpfige Kuh anzustarren. Es stand außer Frage, dass sie mit dem Style wohl jeden Preis auf der Berliner Fashion Week abgeräumt hätten. Mit offenem Mund bestaunte ich blasse Beine, die bis zu den Knien in merinowollenen Hikingsocken steckten, khakigrüne, bis über den Bauchnabel hochgezogene Shorts und mit Wachs gefettete Wanderschuhe.

»Was für eine coole Truppe«, dachte ich, und plötzlich reifte der Plan zu einem Wagnis: Na klar, das ist es, ich lerne meine neue Heimat auf die urtümlichste Weise kennen. Nicht durch Bücher, Vorträge oder Busreisen. Nein, ganz einfach, indem ich sie durchlaufe und mir die Zeit nehme, zu erkunden, was mir ein Blick auf die Landkarte verschweigt. Ich will in die unscheinbaren Winkel schauen, hören, riechen, fühlen, ertasten, was mir vor die Füße fällt. Mit eigenen Augen will ich die Geheimnisse dieses Landes erforschen, um zu erfahren, ob ich hier zu Hause sein kann. Dafür wähle ich die einsamste und landschaftlich atemberaubendste Route, die diese Insel zu bieten hat. 420 Kilometer über matschiges Moorland quer durch den englischen Norden. Ein steiler, fordernder Trail, der dem Rücken der mächtigen Pennines bis nach Schottland hinein folgt. Der Pennine Way wird zu meinem Weg. Auch wenn meine Fußspuren nur kurze Zeit auf dem Pfad zu sehen sein werden, er selbst wird auf ewig in meiner Erinnerung eingebrannt sein.

Ich beschloss: Für drei unvorhersehbare Wochen werde ich mich vom Rest der Welt zurückziehen, streife nomadenhaft, ganz auf mich allein gestellt durch eine Landschaft voller Legenden und Mysterien. Ich werde nicht auf den richtigen Moment warten, denn der kommt sowieso nie. Der richtige Zeitpunkt ist jetzt. Dies schien mir ein hervorragend durchdachter Plan. Wären da nicht ein paar grundsätzliche Dinge, die ich in meiner Aufregung ganz vergessen hatte …

NICHTS FÜR SCHWACHE NERVEN

»Was auch immer er kosten wird, er wäre ein würdiges und dauerhaftes Zeugnis, das ein Maß an Gesundheit und Freude mit sich bringt, das sich nicht berechnen lässt, denn niemand könnte den Pennine Way gehen, ohne mental und körperlich daran zu wachsen, inspiriert und belebt zu werden und mit dem Wunsch erfüllt zu werden, jede Ecke dieser schönen Insel zu erkunden.«

(Übersetzung der Autorin)

Tom Stephenson (1893–1987), Wanted – A long green Trail, Daily Herald, 22. Juni 1935

Damit ich wenigstens ein bisschen weiß, worauf ich mich einlassen werde, sauge ich in den wenigen Wochen vor meinem Start alle Informationen auf, die mir in die Hände fallen, und lerne Folgendes: Der Pennine Way erstreckt sich vom pittoresken Edale Valley in Derbyshire bis nach Kirk Yetholm am Fuß der mächtigen Cheviot Hills kurz hinter der schottischen Grenze auf 429 Kilometer Länge (inklusive optionaler Alternativrouten). Durch insgesamt drei Nationalparks, den Peak District, die Yorkshire Dales und Northumberland verläuft er auf dem Bergrücken der Pennines. Mal führt der Weg bergauf, mal steil bergab, mal ist er befestigt, mal sumpfig oder steinig, oft aber unwegsam. Er schlängelt sich durch dünn besiedelte, offene Hochmoorlandschaften, malerische Täler, beweidetes Farmland, über windgepeitschte, wolkenverhangene Gipfel, vorbei an rauschenden Flüssen und tosenden Wasserfällen, oder bricht sich Bahn durch mächtige Kiefernwälder.

Zudem bietet der Pennine Way einige der atemberaubendsten landschaftlichen Szenerien Großbritanniens und führt den Wanderer an eindrucksvolle historische Stätten wie den römischen Hadrianswall. Er ist nicht nur Englands ältester, sondern zugleich auch fordernster Fernwanderweg. Obwohl es in der Umgebung der Route eine Vielzahl an hikerfreundlichen Campingplätzen, Hostels, Inns sowie Bed and Breakfasts gibt, die am Abend gut erreichbar sind, existieren unmittelbar am Weg kaum Einkehroder Einkaufsmöglichkeiten – über den gesamten Pennine Way verteilen sich gerade einmal vier oder fünf einfache Holzhütten. Ganz zu schweigen von öffentlichen Verkehrsmitteln. Auch eine Beschilderung ist nur mäßig vorhanden, die Pfade sind zum Teil uneindeutig oder bei schlechten Sichtverhältnissen schwer auszumachen, sodass Karte und Kompass unverzichtbar sind. Zusätzlich ist der Wanderer auf weiten Strecken schutzlos den oft unbeständigen Witterungsbedingungen ausgesetzt.

Da die Zahl derer, die den Pennine Way jährlich beschreiten, relativ gering ist, kann es für Alleinwandernde oft sehr, sehr einsam werden, wenn für Stunden keine Menschenseele in Sicht ist. Das Unterfangen ist also nicht nur eine körperliche, sondern auch eine mentale Belastungsprobe.

Der Pennine Way zieht mich von Anfang an in seinen Bann. Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass seine Geschichte das Ergebnis einer bahnbrechenden Revolte ist: Mit der Reduzierung der Arbeitsstunden im Zuge der sozialen Bewegungen im 19. Jahrhundert wuchs der Wunsch nach ausgleichenden, gesundheitsfördernden Freizeitmöglichkeiten. Der arbeitsfreie Sonntag bot vielen Industriearbeitern die Chance, zumindest für ein paar Stunden den smogvernebelten Städten zu entkommen. Und wo fanden sie Entspannung und Gelegenheit, Sauerstoff in die mit Kohlenstaub verrußten Lungen zu pumpen? Genau – in der freien Natur.

So hatten sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts bereits mehrere Wandervereine gebildet, doch das englische Wegerecht sah kein allgemeinrechtliches Betreten der zum Großteil in privater Hand befindlichen Landstriche vor. Im Zuge der Enclosure Acts kam es ab dem 16. Jahrhundert zu einer schrittweisen Einfriedung zuvor gemeinschaftlich genutzter Landflächen. Die Privatisierung großer Landesteile zugunsten wohlhabenderer Großbauern führte zur Intensivierung agrarischer Nutzflächen, zur Verteuerung des Landes und schließlich zur Verarmung kleinerer Farmbetriebe. Zudem blieben im Laufe der Zeit nur noch wenige Wege übrig, die von der Öffentlichkeit betreten werden durften. Immer lauter wurden im Zeitalter der Industrialisierung die Rufe nach dem right to roam, dem Recht der Bevölkerung auf frei zugängliche Wanderrouten. Politische Kampagnen und Initiativen wurden zwar zeitweilig vom Parlament angehört, blieben in der Praxis jedoch ohne Erfolg.

Ein beliebtes Ausflugsziel für die gestresste Arbeiterschicht aus Städten wie Manchester, Sheffield oder Leeds stellte aufgrund seiner ortsnahen Lage der Peak District dar. Doch nicht einmal ein Prozent seiner Fläche durfte öffentlich betreten werden, und der Zugang zu dessen höchstem Punkt, dem Kinder Scout, blieb Wanderern vollkommen verschlossen. Obwohl das Land nur für ein paar Tage im Jahr zu Jagdzwecken genutzt wurde, führte das Verlassen der genehmigten Routen regelmäßig zu Konflikten mit den Grundeigentümern.

Die Proteste der Wanderverbände, die den freien Zugang zum Peak District forderten, wenn das Land nicht genutzt wurde, konnten schließlich nicht mehr ignoriert werden. Am 24. April 1932 stürmten circa fünfhundert Wanderer unerlaubterweise das Kinder Plateau und fingen sich neben öffentlichen Sympathien leider auch jede Menge Ärger ein (mass trespass of Kinder Scout). Es kam zu Massenverhaftungen und Prügeleien mit den Landeigentümern. Doch wie sehr sich diese auch gegen die rebellischen Wandergesellen wehrten, eine Tür war aufgesto-ßen. 1949 erfolgte die Verabschiedung des National Parks and Access to the Countryside Act, der die Schaffung von öffentlich zugänglichen Nationalparks vorsah. 1951 war es dann so weit, der jahrelange Kampf um öffentlichen Zugang zur Landschaft war ausgefochten: Der Peak District wurde zum ersten Nationalpark Englands erklärt. Sechzig Prozent seiner Fläche war nun tatsächlich legal begehbar, der Zugang zum Kinder Scout freigegeben.

Diese Entwicklung war zwar noch nicht vorhersehbar, als der Journalist und passionierte Wanderer Tom Stephenson (1893–1987) im Jahr 1935 in einem Artikel für den Daily Herald einen englischen Fernwanderweg nach dem Vorbild des Apalachian Trail vorschlug (Wanted: A Long Green Trail), der vom Peak District bis zu den schottischen Cheviots führen sollte, aber seine Initiative stand ganz im Zeichen der Massenwanderung auf den Kinder Scout, brachte Bewegung in Köpfe und Herzen. Die Idee des Pennine Way war geboren und wurde zu Stephensons Lebensaufgabe. Denn es dauerte dreißig Jahre, bis der erste englische National Trail schließlich am 24. April 1965 im Beisein von rund zweitausend Menschen in Malham offiziell eröffnet wird.

Noch heute stoßen erschöpfte Wanderer am Endpunkt, dem schottischen Border Hotel in Kirk Yetholm, mit einem wohlverdienten halben Pint Pennine Ale auf den Vater des Pennine Way an. Geradezu schelmisch blinzelt der gute Tom Stephenson auf seinem Porträt seiner Anhängerschaft an der Theke entgegen. Denn eines weiß er ganz genau: Der Pennine Way führt durch Englands dramatischste Landschaften, ist jedoch alles andere als ein Spaziergang. In der Summe circa 12 000 Meter Anstieg, tiefe Sümpfe, unwegsames Terrain, dauerfeuchte Füße, dichter Nebel, Regen und Sturm, Orientierungslosigkeit, Isolation – raue Bedingungen, mit denen jeder zu kämpfen hat, der einmal seinen Fuß auf diesen Pfad gesetzt hat. Doch allen Widrigkeiten zum Trotz winkt am Ende eine unbezahlbare Belohnung. Das sehen jedes Jahr circa 15 000 Weitstreckenwanderer ganz genauso, die den Pennine Way an einem Stück unter ihre Sohlen nehmen.

Genau aus diesen Gründen wage auch ich das Unternehmen Pennine Way. Ich will auf eigene Faust seinen vielgepriesenen Zauber erfahren und wissen, ob ich dem härtesten Wanderweg Englands gewachsen bin.

DIE PENNINES – ENGLANDS GESCHWUNGENES RÜCKGRAT

Rund vierhundert Kilometer weit erstreckt sich das englische Mittelgebirge vom Peak District in den Midlands bis an den Rand der schottischen Cheviot Hills. Es entstand durch Aufwölbung mehrerer älterer, tiefergelegener Kalk- und jüngerer, überlagernder Sandsteinschichten im Karbonzeitalter. Die aufgefaltete Hügelkette beherbergt zum Teil ungewöhnliche geologische Formationen. In den Yorkshire Dales und im White Peak bildeten sich in den bloßgelegten Kalksteinschichten ausgedehnte unterirdische Höhlensysteme (im Yorkshiredialekt: pots oder gills genannt) und Flussläufe, die zu den größten des Landes zählen. Überzogen ist das Gebirge von kaum besiedelten Hochmoor- und Graslandschaften, in denen sich einzigartige Habitate für eine außergewöhnliche Tier- und Pflanzenwelt gebildet haben. Unterbrochen von fruchtbaren Tälern mit kleinen Marktstädtchen, den sogenannten dales, durch deren Senken die wichtigsten Flüsse Nordenglands verlaufen, sind die Pennines zugleich auch eine mächtige Wasserscheide zwischen Norden und Süden. Der höchste Gipfel der Pennines ist der 893 Meter hohe Cross Fell in Cumbria. Zu den Haupterwerbsquellen der einheimischen Bevölkerung gehören die Schafzucht, der Abbau von Kalkstein sowie der Tourismus.

Woher der seltsame Name des Gebirgszugs stammt, ist nicht eindeutig geklärt. Manche vermuten, dass das Wort Pennine keltischen Ursprungs und auf das Wort Pen für Hügel zurückzuführen ist. Andere wiederum sehen in der Namensähnlichkeit eine sprachliche Anlehnung an die italienischen Apeninnen.

GEKNIFFEN WIRD NICHT

»Ein Abenteuer passiert dem, der es am wenigsten erwartet, d.h. dem Romantischen, dem Schüchternen. Insofern blüht das Abenteuer dem Unabenteuerlichen.«

Gilbert Keith Chesterton (1874–1936), englischer Schriftsteller, Häretiker, 1905

Um es mir nicht doch noch mal anders zu überlegen, wende ich einen psychologischen Kniff an und trickse mich einfach selbst ein bisschen aus. Ich baue gesellschaftlichen Druck auf und erzähle allen, die ich kenne, von meinem Vorhaben. Auf Facebook und meinem Blog poste ich von nun an täglich Neues über den Fortschritt meiner Vorbereitungen. So, dass es am Ende richtig peinlich wäre, sollte ich doch noch kneifen.

Meine deutsche Familie unterrichte ich per Telefon über mein Abenteuer. Zum Glück kennen die den Pennine Way nicht und vermuten einen harmlosen Selbstfindungstrip. »Ey cool, so ’n längeren Spaziergang wollte ich auch schon immer mal machen«, erklärt meine Schwester Janne und überlegt spontan, sich mir anzuschließen. Meine Mutter sieht das Ganze eher von der praktischen Seite: »Na, da kannste ja gleich mal ein bisschen abspecken.« Einzig meine Großmutter ahnt mit ihrer mecklenburgischen Besonnenheit, dass ihre ungeübte Enkelin da draußen auf dem Land vermutlich etwas aufgeschmissen ist.

Meine englische Familie hingegen, der der Pennine Way mit all seinen schlammigen Tücken viel besser vertraut ist, straft mich mit erdrückendem Schweigen. Zunächst vermutet man wohl einen deutsch-englischen Übersetzungsfehler meinerseits und wartet erst mal ab, ob ich noch selbst auf den Trichter komme. Als ich bestätige, dass ich es tatsächlich ernst meine, glaubt mir keiner mehr, dass ich noch bei wachem Verstand bin. Besorgt runzelt die Mutter meines Engländers die Stirn: »Wenn du meine Tochter wärst, würde ich dich nicht gehen lassen. Das ist doch viel zu gefährlich.«

Moment mal, was soll das denn bitte heißen? Gefährlich? In England gibt es meines Wissens weder Bären noch Wölfe, Steinschläge, Erdbeben oder Tornados sind höchst unwahrscheinlich und gefährliche Banditen treiben sich wohl eher in dunklen Gassen herum als in abgelegenen Hochmooren. Über die sonstigen Risiken bin ich mir durchaus im Klaren, aber, hey, mit meinen 34 Jahren bin ich längst ein alter Hase auf dem Gebiet der außerhäusigen Alleinunterhaltung. Na schön, ich besitze im Grunde keinerlei entsprechende Outdoor-Erfahrung bis auf ein paar längere Spaziergänge durch Felder und Wiesen im Randgebiet Ostberlins. Aber ich werde doch wohl einem Wanderweg folgen können. Trotzdem bin ich gerührt von so viel Anteilnahme und versichere hoch und heilig: »Ich passe auf mich auf, versprochen.«

Der Einzige, der nicht aus allen Wolken fällt oder spontan an Atemwegsengpässen leidet, als ich ihm von meinen Plänen berichte, ist mein Engländer. Der findet die Idee ziemlich toll und traut mir das spontan sogar mehr zu als ich mir selber. »Mensch, Steffi, du hast Eier«, lobt er meinen neu erwachten Abenteuergeist und erzählt es gleich mal in seinem Kollegenkreis herum. Prima, die komplette Polizeiwache von West-Yorkshire weiß jetzt also auch Bescheid. Allerdings vergisst er in seinem Eifer glatt, dass ich noch gar nicht losgelaufen bin.

In diesen Tagen der Offenbarungen höre ich oft: »Du willst allein durch Nordengland laufen? Das ist aber ziemlich mutig von dir.« Das schmeichelt mir, aber ehrlich gesagt, hatte ich diesen Aspekt noch gar nicht bedacht. Ich fühle mich gar nicht mutig, eher im Gegenteil. Ich bin keine waghalsige Abenteurerin, keine furchtlose Entdeckerin. Eher ein normaler Mensch mit gewissen Ambitionen und unüberlegten Einfällen, aber ansonsten überquere auch ich die Straße am liebsten bei Grün und grusele mich vor allem Möglichen. Natürlich habe ich Angst vor diesem Weg, schlottere allein beim Gedanken, da draußen völlig auf mich gestellt zu sein.

Aber im Grunde habe ich gar keine andere Wahl, denn ich ersticke unter der Last eines unbeantworteten »Was wäre wenn?«. Ich nehme meine Ängste zwar ernst, lasse mich aber nicht von ihnen lähmen. Der Pennine Way ist meine Chance, meinen persönlichen Radius noch ein Stück zu erweitern. Die Geschichte meines Abenteuers ist sicher kein Plädoyer für Mut und Couragiertheit, denn ich bin gewiss keine Heldin. Es ist eine Geschichte über den Umgang mit Furcht, mit Momenten der Schwäche, dem Verzagen und Wiederaufstehen. Sie handelt von Wagnissen und Gefahren, von Blauäugigkeit und Zuversicht, unvernünftigen Entscheidungen und bitteren Lektionen. Es ist die Geschichte eines Weges, der mir alles abverlangen wird und mich bei Gelegenheit, so hoffe ich, auch ein wenig dafür entschädigen wird.

Doch das selbst geschnürte Korsett muss noch enger sitzen, und so lege ich einen konkreten Stichtag fest, an dem nicht zu rütteln ist. Der Pennine Way wird mein Jahresgeschenk, also wähle ich meinen Geburtstag. Am 26. August 2015 werde ich nicht nur 35 Jahre alt, sondern werde mit gepacktem Rucksack und brandneuer Hikingausrüstung im Dörfchen Edale bereits in den Startlöchern stehen. Das klingt doch recht passabel. Das Vorhaben erhält eine klarere Kontur. Ich buche auch gleich noch meine Startunterkunft, eine völlig überteuerte Frühstückspension mit Blick auf den Kinder Scout, und lege dafür schon mal ein hübsches Sümmchen hin. Sollte ich die Sache abblasen, droht mir zusätzlich zum Gesichtsverlust jetzt auch noch ein finanzieller Schaden.

An meinem 35. Jahrestag werde ich also aufbrechen. Bis dahin bleiben mir vier ganze Wochen, in denen ich mich autodidaktisch zur Hikerin ausbilden kann. Genug Zeit für einen Profi, viel zu knapp für eine Debütantin wie mich.

»Erinnerst du dich noch an den Fünftausendmeterlauf im Sportunterricht? Während alle anderen völlig abgehetzt in der Umkleidekabine verschwanden, kamen wir immer pünktlich vierzig Minuten später ins Ziel. Gut gelaunt und mit trockenen Achseln. Unser Tempo konnte einfach keiner unterbieten«, erinnert mich meine Freundin Doreen an meine unrühmliche Sportlerkarriere. Aber damals war ich sechzehn, und heute? Bis auf einen breit gesessenen Hintern und etwas steife Gelenke hat sich daran nicht viel geändert. Immer noch gerate ich für Stunden außer Puste, wenn ich mehr als drei Treppen nehmen muss. Mein Aktivitätspegel schlägt aus, wenn ich die Süßwarenbox im Küchenschrank erreichen will, fällt aber weit nach unten ab, wenn es um Fitnessübungen geht. Präzise zusammengefasst: Um meine Kondition ist es nicht zum Besten bestellt. Keine ideale Voraussetzung, um 25 Kilometer am Tag zu stemmen, sich aus Schlammlöchern zu ziehen und steile Hügel hinaufzukraxeln. Oder doch? Mein Laufband steht bereits startklar im Hobbyraum. Nachdem ich es ein paar Mal in Gedanken benutzt habe, ziehe ich den Stecker. Ach was, ich glaube einfach fest daran, dass meine Muskeln sich unterwegs schon irgendwie ausbilden werden.

Wie aber ist es um meine Orientierung im offenen Gelände bestellt? Der Pennine Way ist nur spärlich markiert, teils überschwemmt und in dichtem Nebel kaum auszumachen. Ein wenig Navigationstalent wäre also sicher von Vorteil. In Berlin habe ich mich fast täglich verlaufen und Touristen vor den Kopf gestoßen, weil ich den Weg zu wichtigen Sehenswürdigkeiten selbst nicht kannte. Landkarten halte ich aus einem angeborenen Defekt heraus generell falsch herum. Einen Kompass habe ich mal im Fernsehen gesehen, konnte mir aber keinen Reim darauf machen. Was meine Navigationstalente angeht, bin ich eindeutig fehlgeprägt. Vier Wochen habe ich Zeit, das zu korrigieren.

Im Grunde beschränken sich meine Wandererfahrungen auf einige wenige Traumata. Als Kind schleppten mich meine Eltern regelmäßig in den Harz, um mich für die Natur zu begeistern und mir ein paar Baumnamen beizubringen. Das war so öde, dass ich begann, mit herumliegenden Steinen auf die Hacken anderer Kinder zu zielen. Am Ende des Tages landeten wir meist auf einer sumpfigen Wiese mitten im Nirgendwo. Während meine Freundinnen mit dem neuesten ostdeutschen Barbie-Double spielten, stand ich umringt von Kühen in der freien Natur. Schlimmer hätte es mich nicht erwischen können. Das Wandern erhielt damals einen äußerst bitteren Beigeschmack.

Zum Glück blicken mein Engländer und dessen Vater auf eine erfolgreiche Pfadfinderkarriere zurück, von der ich jetzt profitieren kann. Als ich den beiden versichere, dass wir den Kurs im Bogenschießen getrost überspringen und gleich zum Landkartenstudium übergehen können, sind sie zwar etwas enttäuscht, verstehen meine Prioritätensetzung jedoch. Wir breiten also eine Karte von Yorkshire auf dem Wohnzimmerteppich aus. Mein Schwiegervater in spe drückt mir eine zerschrammte Plastikuhr in die Hand.

»Was soll ich denn mit der Uhr?«, frage ich ihn erstaunt.

»Das ist ein Kompass«, erklärt er mir ohne Umschweife.

»Ach so sieht das Ding also aus der Nähe aus«, staune ich und beobachte neugierig, wie die Nadel darauf hin- und herhüpft.

»So, was machen wir als Erstes?«, fragt mich mein Engländer in ungewohntem Oberlehrerton.

»Äh, also, vielleicht das Ding mal putzen? Sieht ganz schön verwittert aus«, antworte ich mit krausgezogener Stirn.

»Genau, wir norden die Karte ein«, ignoriert mich mein neuer Hauslehrer und reißt mir doch glatt den Kompass aus der Hand.

Mit zusammengekniffenen Lippen platziert er das gute Stück auf der Karte und schiebt das Ding so lange herum, bis anscheinend alles passt. Dann prasselt ein Schwall an Fachbegriffen auf mich hernieder: magnetischer Norden, geographischer Norden, Peilpunkt, Richtungswinkel, bla bla bla … Mir wird schwindelig. Mit großen Augen blicke ich auf die Karte, mit noch größeren Augen auf meine zwei Outdoor-Mentoren.

»Siehst du, ist doch alles total einfach, oder?«, fragt mich mein Engländer sichtlich erfreut.

»Ja, ohne Frage«, antworte ich augenrollend und ahne, dass ich da draußen kaum eine Chance haben werde. Aber ich höre mir alles geduldig an und mache mir sogar ein paar unleserliche Notizen.

Da ich schon mal im Basis-Camp für angehende Hikerinnen eingetroffen bin, erhalte ich auch gleich noch eine Lektion im Zelten. Bis auf ein paar unrühmliche Nächte in einem Baumwolltipi im großelterlichen Garten verfüge ich nämlich über keinerlei nennenswerte Campingerfahrung. Dennoch fände ich es halbherzig, Englands härtesten Trail in Angriff zu nehmen und dann am Abend in feinstes Linnen zu sinken. Nein, wenn schon Abenteuer, dann richtig. Der nahende Herbst bietet zwar nicht gerade mollige Aussichten, aber die eigene Hütte dabeizuhaben, vermittelt mir ein Gefühl grenzenloser Unabhängigkeit. Also habe ich mir ein winziges, in grünen Tarnfarben gehaltenes Ein-Mann-Zelt bestellt, das sicher auch für Frauen geeignet ist. Es wiegt gerade mal 1,5 Kilo und war mit knapp sechzig Pfund ein echtes Schnäppchen. Jetzt liegen seine Bestandteile verstreut im Garten meiner englischen Schwiegereltern in spe und warten auf ihre Zusammenführung.

Nach einer stärkenden Tasse Kaffee geht es ran an die Buletten. Ich bestehe darauf, das Zelt allein aufzubauen. Doch kaum habe ich Hand angelegt, zieht sich der Himmel zu. Mitten in einem starken Regenschauer versuche ich, das Gestänge in die Zeltöffnungen zu quetschen, doch ich verwechsle vorn mit hinten und kann in der Hektik kaum geradeaus denken. Das Zelt besteht aus zwei Lagen, die mit Heringen fest im Boden verankert werden. Doch davon scheinen gar nicht genug vorhanden zu sein. Ein kleiner Outdoor-Scherz des Herstellers, der in der Anleitung schreibt: »Neun oder elf Heringe werden mitgeliefert.« Was nichts anderes heißen soll als: »Du brauchst genug Heringe? Dann schnitz dir die Dinger doch selbst. Schließlich bist du der Abenteurer und wir sind kein Wohlfahrtsverein für Weicheier.«

Der Vater meines Engländers ruft mir von der überdachten Veranda wertvolle Tipps zu: »Versuch bloß nicht, das Zelt in einer Mulde aufzubaueeeen, sonst wachst du am Morgen vermutlich in einem Wasserlooooch auf!«

Ach, so ein erfrischendes Bad kurz vor dem Frühstück brächte meinen Kreislauf sicher auf Hochtouren. Jetzt bin ich mir sogar sicher, dass meine fehlende Erfahrung mich da draußen eiskalt in die Bredouille bringen wird.

Am Ende ist das nicht mal ansatzweise aufgebaute Zelt genauso durchweicht wie ich. Ich gebe auf und rette mich fluchend ins Haus. Das fängt ja super an. Eigentlich bin ich gar kein großer Fan vom Austesten und Austarieren, da ich fürchte, dass es mich vielleicht vom Gegenteil überzeugen könnte. Vielleicht liegt mir das Zelten gar nicht und ich finde es richtig bescheuert. Dann hätte ich im Vorfeld ja schon die Lust verloren.

Nachdem sich der Regen verzogen hat, trocknen wir das Zelt im Esszimmer und stellen es danach gemeinsam auf.

Der Engländer nimmt übrigens keine klare Abgrenzung zwischen Wohn- und Outdoorbereich vor. Beides geht auf geradezu magische Weise ineinander über. Nicht anders ist es jedenfalls zu erklären, dass sich in diesem Land niemand die moddrigen Botten auszieht, bevor er in die gute Stube latscht.

Während mein Engländer friedlich in seinem Bettchen schlummert, verbringe ich die erste Probenacht im Freien – und, wer hätte das vermutet, ich kann nicht schlafen. Nicht, dass es in meiner kleinen Bude ungemütlich wäre, aber ich kann einfach nicht aufhören, mir vorzustellen, ich wäre jetzt auf dem Pennine Way, würde in den Hügeln campen mit heulenden Uhus und gegen das Zelt drückenden Sommerstürmen. Vor lauter Aufregung läuft mir ein Schauer nach dem anderen über den Rücken. Ich hoffe sehr auf das Gesetz der allabendlichen Schwerkraft: Wenn ich den ganzen Tag auf den Beinen bin, werde ich mit Sicherheit irgendwann umfallen und einfach wegschnarchen.

ALLER ANFANG IST SCHWER – DER IDEE LEBEN EINHAUCHEN

Bevor ein Fernwanderweg überhaupt in greifbare Nähe rückt, gilt es, Ideen zu sammeln und dabei ruhig erst mal kräftig auf den Putz zu hauen. Der Realität geschuldete Korrekturen können später vorgenommen werden. Meistens ist ja ein grobes Verlangen vorhanden, frei nach dem Motto: »Ich wollte schon immer mal …« Das ist vermutlich die leichteste Art, Wünsche zu formulieren, auszusprechen, was auf der Lebensliste noch nicht abgehakt ist. Doch genau ab diesem Punkt beginnt die Sache, knifflig zu werden. Wie schaffe ich es, aus der vagen Idee einen Schlachtplan zu entwickeln?

Der allererste Schritt besteht darin, mich selbst davon zu überzeugen, dass ich meine Zeit nicht mit sinnloser Spinnerei vergeude, sondern einen lang gehegten Traum verwirklichen werde. Ich muss also erst einmal meinen Kopf von all den klebrigen Spinnweben befreien, die mich bisher daran gehindert haben, loszulegen, Pläne zu schmieden, konkret zu werden.

Hierzu gehören Selbstzweifel: Dafür bin ich viel zu untrainiert. Zweifel am Vorhaben: Ist das nicht viel zu riskant? Ausreden: Ich finde einfach keine Zeit dafür. Ängste: Und wenn ich mich verlaufe, überfallen werde oder mich verletze? Besorgte Freunde und Verwandte: »Lass das mal lieber bleiben.«

Bei so viel negativem Input hätte verständlicherweise niemand Lust, auch nur einen Fuß vor die Tür zu setzen. Also lasse ich doch ein wenig Luft aus meinen aufgeblähten Bedenken und schrumpfe sie auf ein erträgliches Maß zusammen. Ich versuche es mit:

1. Banalisierung: Wenn ich mir eingestehe, dass all meine Befürchtungen im Grunde ganz normale Reaktionen auf eine noch unbekannte Herausforderung sind, weil sie meinem innersten Überlebensinstinkt entstammen, wirken sie gar nicht mehr so übermächtig und lassen sich sachlich bereinigen. Wer will denn schon auf seine Triebe reduziert werden?

2. Integration: Anstatt die negativen Aspekte als Hindernisse, die ich nicht ausklammern kann, zu betrachten, versuche ich, sie von Anfang an in meine Planung zu integrieren. Risiken gehören zu einem Abenteuer einfach dazu. Sie sind die unbekannte Variable, die den Dingen ihren Reiz verleiht. Aus ihnen speisen sich schließlich auch die Geschichten, die ich meinen Liebsten später mit einem siegessicheren Grinsen beim Abendbrot auftischen kann. Ein Abenteuer, das von Anfang bis Ende glatt läuft, ist einfach kein Abenteuer.

3. Visualisierung: Oft hilft es mir, all das, was mich ängstigt, auf Papier zu bringen, sozusagen von der Seele wegzuzeichnen. Wenn ich schwarz auf weiß vor mir sehe, was mich da so grummelig in der Magenhöhle zwackt, verlieren meine Ängste mitunter an Gewicht.

4. Lösungsorientierung: Ich betrachte meine Zweifel als praktisches Problem, ähnlich wie eine kaputte Glühbirne. Hier bleibe ich ja auch nicht im Dunkeln sitzen, weil ich einen Elektroschock fürchte. Also stelle ich mir weniger die Frage »Wie soll das klappen?«, sondern eher »Was ist zu tun, damit es klappen kann?«

DIE NOT DER MINIMALISTIK

»Mäßigung ist eine verhängnisvolle Sache, denn nichts ist so erfolgreich wie der Exzeß.«

Oscar Wilde (1854–1900), irischer Schriftsteller, The Importance of Being Earnest, 1895

Uns ehemaligen Ostblockkindern ist ja bekanntlich das Improvisationstalent in die Wiege gelegt worden. Die gähnende Leere hinter der Konsumtheke, die langen Wartezeiten auf Autos, Wohnungen und Ähnliches ließen uns erfinderisch werden. Dennoch wüsste ich nicht so recht, wie ich mir eine komplette Campingausrüstung zurechtbasteln sollte. Um eine gewisse Grundausstattung komme ich wohl nicht herum.

Ich erinnere mich noch gut an die tagesfüllende Debatte, als ich meinem Engländer eröffnete, ich würde in Jeans und Baumwollpulli den Pen-Y-ghent, einen der höchsten Gipfel Yorkshires, besteigen. Ich müsse doch verstehen, hielt mir mein naturerfahrener Brite entgegen, dass bei Wind und Wetter gänzlich verschiedene Kleidungstypen vonnöten seien. Softshell-Jacken, wasserfeste Trekkinghosen, Daunen-Inlay, Fleece-Pullover und Funktionsshirts. Scheinbar hatte sich bereits eine ganze Industrie um das Thema Spaziermode gebildet. Als mir mein Engländer zusätzlich ein paar erklärende Videos zeigte, fragte ich mich, wie Menschen zu früheren Zeiten ohne diesen ganzen Schnickschnack überhaupt einen Parkspaziergang überlebt haben können, und kam zu dem Schluss, dass sie es wohl nur mit Müh und Not geschafft haben.

Ich kann mich also winden, wie ich will, mein Engländer besteht auf einer sachgerechten Vorbereitung des Pennine Way. Also stöbere ich artig durch sämtliche Produktempfehlungen und Outdoormagazine und versuche, mich nicht frühzeitig zu Tode zu langweilen. Am Ende bin ich vollständig verwirrt und weiß genau: gar nichts. Da ich mir sicher bin, dass ich eine Packliste auch mit gesundem Menschenverstand erstellen kann, denke ich haarscharf nach und nasche ein wenig aus der Süßwarenbox.

Vielleicht gehe ich viel zu unentspannt an die Sache heran. Schließlich soll es ja auch Freude bringen. Also beschließe ich, meine Fachlektüre etwas weniger trocken zu gestalten. Ich verkrümle mich auf die Couch, lese spannende Abenteuer-Romane und schaue aufregende Backpacker-Filme. Danach weiß ich zumindest, dass ich folgende Grundelemente brauche: Rucksack, Isomatte und Schlafsack. Die habe ich im Nu bei Amazon bestellt, nachdem ich den Filter auf reduzierte Ware gesetzt habe, versteht sich. Die Basisausstattung steht. An den übrigen Details tüftele ich noch.

Bei Youtube entdecke ich eine ganze Reihe von Filmchen darüber, wie man einen Rucksack richtig packt und auf seine Körpergröße einstellt. Das wirft mich erneut völlig aus der Bahn. Na toll, jetzt muss ich auch noch physikalisch-physiognomische Studien betreiben, um mir einen Rucksack auf den Rücken zu schnallen. Unsicher betrachte ich die zahlreichen Spanngurte und Schnallen, die aus meinem Rucksack ragen. Wenn das so weitergeht, brauche ich wohl doch noch ein ergänzendes Diplom. Während das Video weiterläuft, erstelle ich mir auch gleich eine Packliste. Ich schreibe mir einfach auf, was der Typ da alles in seinen Ranzen stopft und ergänze es um allerlei Frauenzeugs.

Ohne mir Gedanken darüber zu machen, dass all die Dinge auf meiner Liste am Ende auch was wiegen, gebe ich mich dem Kaufrausch hin. Mit meiner englischen Familie fahre ich in das größte englische Outdoorcenter überhaupt, und dort gehen mir die Augen über. Mir Schlafmütze scheint ein ganzer Trend entgangen zu sein. In meterlangen Regalen in unzähligen Gängen stapelt sich das modernste Equipment für Freizeitabenteurer. Ich greife in die Vollen und muss mich selber bremsen, um nicht mein gesamtes Erspartes hier zu lassen.

Zunächst probiere ich die gesamte Bekleidungspalette durch. Regenfeste Überjacken, wasserabweisende Hosen, gepolsterte Wandersocken, ein paar atmungsaktive Shirts. Mein Einkaufswagen ist bereits meterhoch gefüllt. Doch anstatt mich um meine Ausrüstung zu kümmern, verliere ich den Blick fürs Wesentliche. Meine Augen bleiben an solarbeheizbaren Kaffeebechern, nachwachsenden Gesichtsseifen und multifunktionalen Gaslaternen haften. Ich würde am liebsten den ganzen Laden aufkaufen, besinne mich aber irgendwann wieder auf meine eigentliche Mission und gönne mir als Luxusartikel obendrauf nur einen smarten Sonnenhut.

Den Rest investiere ich tatsächlich in sinnvolle Gebrauchsartikel wie Reserveheringe, ein Erste-Hilfe-Set und ein Trinksystem. Dinge, in deren Nähe ich nie zuvor auch nur ansatzweise gelangt bin, verschwinden plötzlich als unverzichtbare Utensilien in meinem Einkaufsbeutel. Und der wiegt inzwischen tonnenschwer.

Zu Hause werfe ich meine Errungenschaften auf einen Haufen und befinde mich augenblicklich in einem Dilemma. Weniger als die Hälfte von dem Zeug kann ich allerhöchstens mitnehmen. Aber nach welchen Kriterien soll ich aussortieren? Nichts davon scheint verzichtbar zu sein. Noch vor ein paar Tagen hatte ich geglaubt, mein größtes Problem sei die Aussicht auf durchfrorene Nächte unter einer Kunststoffplane. Aber jetzt weiß ich, meine eigentliche Krux besteht darin, so wenig wie möglich mitzunehmen.

Alternativ bestünde die Möglichkeit, den ganzen Kram per Kurierdienst von Station zu Station transportieren zu lassen und nur mit einem Tagesrucksack auf dem Buckel loszumarschieren. Allerdings ist dieser Service für Zeltplätze aus Sicherheitsgründen ausgeschlossen, denn für unbemanntes Gepäck gilt auch dort höchste Terrorwarnstufe. Das kann ich gut nachvollziehen, schließlich besteht gerade auf dem Pennine Way ein erhöhtes Risiko, dass ein gebeutelter Wanderer irgendwann seinen geballten Frust ablädt.

Insgesamt zehn Mal packe ich meinen Rucksack neu, disponiere um, ziehe Sachen wieder heraus, stopfe andere dafür hinein, grüble und habe schließlich ein fertiges Gesamtergebnis. Allerdings: Der Rucksack ist immer noch viel zu schwer, er bringt fünfzehn Kilo auf die Waage. Ich wuchte mir das Ungetüm auf den Rücken und stiefle ein paar Meter im Haus umher. Hm, eventuell könnte ich mich an das Schwergewicht, das da auf meiner Hüfte ruht, gewöhnen. Da hilft nur eins, ich muss das Ganze im Gelände testen und vereinbare zwischen mir und meinem Rucksack eine Probewanderung. Nach einer zweistündigen Odyssee bin ich zurück und ahne, dass ich mir da einiges aufgebürdet habe. Doch die Dinge nehmen unaufhaltsam ihren Lauf …

HALS ÜBER KOPF INS UNGEWISSE

»In zwanzig Jahren wirst du mehr enttäuscht sein über die Dinge, die du nicht getan hast, als über die Dinge, die du getan hast. Also löse die Knoten, laufe aus aus dem sicheren Hafen. Erfasse die Passatwinde mit deinen Segeln. Erforsche. Träume.«

Mark Twain (1835–1910), amerikanischer Schriftsteller

Seit Tagen kann ich nicht mehr ruhig schlafen, meine Gedanken kreisen unaufhörlich um mein Vorhaben, das wie ein riesiges, gutmütiges Monstrum vor mir aufragt und stetig näher rückt. Ich bin fest entschlossen und verspüre dennoch Ehrfurcht vor den Dingen, die da draußen auf mich warten. Ein seltsamer Gefühlsmix durchströmt mich, den ich bis dahin noch nie verspürt habe. Eine unbändige Aufbruchsstimmung vermengt sich mit einer vagen Sorge um meine körperliche Fitness. Dieser Tag ist der Beginn einer Reise ins Ungewisse – und ganz nebenbei mein Geburtstag.

Auf dem Küchentisch stapeln sich liebevoll geschnürte Pakete von Familie und Freunden, mein Telefon zwitschert im Sekundentakt und übermittelt mir Glückwünsche vom Kontinent. Es bestärkt mich ungemein, noch einmal mit all meinen Liebsten zu sprechen, bevor ich losziehe. So ein Geburtstag bietet also die perfekten Startbedingungen für eine mehrwöchige Wanderung und gerät dabei ziemlich ins Hintertreffen. Kopf und Herz haben sich längst von den geliebten vier Wänden verabschiedet, und ich finde keine Muße, um Geschenke auszuwickeln. So sehr ich mich auch über die vielen lieben Aufmerksamkeiten freue, meine Gedanken schweifen ständig davon. Ich werde mich den Geschenken in aller Ruhe nach meiner Rückkehr widmen. Jetzt heißt es, sich mental und organisatorisch auf etwas Großes einzustellen. Schon morgen verlasse ich den heimatlichen Hafen.

Den gesamten Tag verbringe ich damit, das Gewicht meines Rucksacks weiter auf ein tragefreundliches Minimum zu reduzieren, packe um, lasse weg, ziehe hier und da noch überflüssigen Ballast heraus. Doch das Ding bleibt einfach verdammt schwer und ich muss mich wohl oder übel damit arrangieren, dass dies der Preis ist, den ich zahlen werde.

Zu guter Letzt brauche ich natürlich auch noch modisch eine kleine Absicherung und werfe mich zur Probe in volle Outdoor-Schale. Mein Spiegelbild grinst mir verschwörerisch entgegen. Die Klamotten sitzen wie angegossen, als hätte ich zeitlebens nichts anderes getragen. Der Rucksack wächst mir weit über den Kopf hinaus. Ich sehe aus, als würde ich nicht drei Wochen wandern, sondern für drei Jahre in der Versenkung verschwinden wollen.

Über ein paar Tassen Kaffee brüte ich noch mal etwas intensiver über meiner Routenplanung. Mein Wanderführer schlägt mir, je nach Übernachtungswunsch, verschiedene Optionen vor. Doch wieder zermürbt mich die Vorausplanerei. Ich will mir ein wenig Spontanität bewahren, mich von eingeschliffenen Verhaltensmustern verabschieden. Als Freiberuflerin muss ich tagtäglich organisiert sein, einen straffen Zeitplan verfolgen, um keine Deadlines zu verschwitzen oder in die Faulenzerei abzudriften. Für alles brauche ich einen Plan und weiß genau, wie die Woche ablaufen wird. Weil das Leben in der Selbstständigkeit so viele Risiken birgt, klammere ich mich an jedes Stückchen Sicherheit, das ich erhaschen kann, und wenn es eben ein Wochenplan ist. Aber damit ist jetzt Schluss. Ich will wieder kreativ sein, improvisieren. Also belasse ich es bei den ersten zwei, drei Tagen, für die ich die Campingplätze markiere. Danach nehme ich mir vor, einfach von Tag zu Tag zu leben, mich frühestens am Vorabend im Pub dem nächsten Abschnitt und der Übernachtungsstation zu widmen. Ich mache mir keine großen Sorgen und strotze plötzlich vor Optimismus – und auch ein wenig Blauäugigkeit.

In den Abendstunden bringt mich mein Engländer an den Ausgangspunkt des Pennine Way, in das beschauliche Edale Valley im Derbyshire Peak District, wo ich mich in einem gemütlichen Gasthaus eingemietet habe. Die letzte Nacht im komfortablen Bett einer überteuerten Luxussuite ist Teil des exklusiven Geburtstagspakets, das ich mir selbst schenke. So kann ich noch mal Kraft tanken, bevor das Abenteuer in den frühen Morgenstunden seinen Lauf nimmt. Hier bekomme ich nicht nur einen ersten Eindruck vom gesellschaftlichen Los eines Hikers, sondern erfahre auch, wie es in einem englischen Bed and Breakfast zugeht.

Als ich bereits in voller Hikermontur und in Begleitung meines Engländers gegen neunzehn Uhr an der Tür des schnieken Gästehauses läute, öffnet eine hochgewachsene, blonde Engländerin um die fünfzig. Die Landlady wirkt distanziert und die Begrüßung fällt kühl aus. Kaum haben wir die Villa betreten, müssen wir sowohl unsere Schuhe als auch den Rucksack unverzüglich ablegen. Erst danach ist sie bereit, uns gebührlich »Hallo« zu sagen.

Ich fühle mich etwas diskriminiert, denn meine Schuhe sind ja noch so gut wie ungetragen und mein Rucksack ist zwar groß, aber ich bin deswegen noch lange kein Elefant im Porzellanladen.

Die Lobby wirkt ziemlich häuslich, und ich fühle mich augenblicklich unbehaglich, so als würde ich in einem fremden Eigenheim herumschnüffeln. Aus der Küche hinter der Rezeption dringt lautstarkes Hundegebell. Hinter einem improvisierten Gitter, das lose im Türrahmen klemmt, hüpft ein gigantischer Rottweiler nervös umher. Der Köter ist kaum unter Kontrolle zu halten, und ich bin froh, dass er nicht frei herumläuft, sondern uns nur ankläffen kann. Wäre auch zu blöd, noch vor dem ersten Tag auf dem Pennine Way von einem rasenden Köter zerfleischt zu werden.

»Er ist es gewohnt, dass Gäste mit ihm spielen«, erklärt uns die Hausherrin mit erwartungsvollem Blick. Wir ringen uns ein verlegenes Grinsen ab und denken ja gar nicht daran. Mir scheint, als hätte der Wildfang noch nicht die richtige Wie-animiere-ich-Fremde-zum-Stöckchenwerfen-Taktik raus.

Mit betäubendem Hundegebell im Ohr fülle ich brav das vorgelegte Formular aus und stolpere über die letzte Frage. »Nächster Zielort?«, steht dort. Jetzt werde ich übermütig und kritzele mit vor Stolz geschwollener Brust Schottland dahinter. Dann geht es auf zum Zimmer.

Als symbolische Untermauerung nächtige ich in der Kinder Suite, benannt nach dem Kinder Scout, der höchsten Erhebung im Peak District (636 m), der seine Schatten aus der Ferne über das Tal wirft und dem ich schon morgen sehr nahe sein werde. Na, wenn das kein Zeichen der Ermunterung ist!

Die gemütliche Suite bietet zudem wirklich alles, was das Herz begehrt. Ein gigantisches Federbett, einen reich gedeckten Beistelltisch mit prall gefüllter Obstschale, ein mit duftender Pflanzenseife ausgestattetes Duschparadies. Mein Pennine-Way-Abenteuer könnte nicht dekadenter beginnen.

Allmählich wird es ernst, meine Kehle ist bereits seit Stunden zugeschnürt, meine Nerven fahren endlos Achterbahn. Nur mein Engländer nimmt’s gelassen und lädt mich noch zu einem kurzen Umtrunk und einem Blick auf die morgige Route im Old Nag’s Head ein, einem urigen Pub und ganz nebenbei offizieller Startpunkt des Pennine Way.

Bei einem Gläschen Wein erhalte ich eine weitere Lektion im Kartenlesen und stelle fest, dass mir mal wieder der Durchblick fehlt. Bereits auf den ersten Kartenmillimetern des Pennine Way verliere ich die Orientierung. So sehr ich meine Augen auch zusammenkneife, sie auf das entsprechende Areal fokussiere, die Linien verschwimmen allesamt miteinander. Kaum zu glauben, aber wahr, ich habe mich bereits auf der Karte verlaufen.

Nach dem letzten Schluck heißt es Abschiednehmen. Mein Engländer tritt müde den Heimweg an.

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