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Kopf Über

Prolog

„Lang leben will jeder, aber alt will niemand werden“, sagte Benjamin Franklin.

Altern ist eine kriechende Bestie. Schon lange bevor sie das Scheusal bemerkt haben, werden sie verfolgt und es wartet nur auf eine günstige Gelegenheit, um sich auf sie zu stürzen. Manchmal überlege ich, ob alt sein eine Endstation des menschlichen Daseins ist – also eine traurige Angelegenheit. Oder ob sich hinter dem runzeligen Gesicht und ausgebrannten Augen nicht ein Kosmos voll Farben, Freude und Liebe verbirgt. Ob Tod nicht der Weg ins Paradies ist. Ich weiß es nicht. Für mich ist bislang eins sicher: Ich finde es besser mit achtzehn als junger Mensch schlecht, als mit achtzig als alter Mensch gut auszusehen.

Empört summte die Biene, als sie feststellte, dass die überdimensionale Aster, die sie genüsslich anflog, nur eine Täuschung in Form eines Bildes darstellte, das ich irgendwann gemalt hatte.

Wenn mein Blick höher schwenkt, beobachte ich eine moderne Tapisserie, die sich je nach Luftfeuchtigkeit im Raum entweder wölbt oder spannt. Sie stellt abstrahierte Wasserrosen mit einem emporragenden phantasievollen, weiblichen Torso dar.

Das kleinstädtische, idyllische Panorama offenbart sich mir aus demselben Blickwinkel, wie die liebevoll gepflanzten Blumen meiner Frau auf unserer Terrasse.

Draußen färbt sich das Laub der Bäume allmählich gelb und rot.

Ich sitze bequem in einem alten, mit dunkelgrünem Leder bezogenen Sessel und stütze meine Arme auf die kunstvoll geschnitzten Armlehnen. Ich verzeihe diesem Möbelstück sogar, dass es aus Eiche rustikal gefertigt wurde.

Der monotone Alltag hatte mich eingeholt. Die Tage werden gleichförmig, sie bedeuten mir nichts; jeder Tag schmilzt dahin, ohne Unterschied zu dem vorangegangenen. Keine wirklichen Verpflichtungen, keine Aufgaben. Um die geistige Kapazität einigermaßen in Schwung zu halten, lese ich am liebsten skandinavische Krimiautoren, spiele Schach, oder beschäftige mich mit Sudoku.

Das Telefon klingelt immer seltener, ich werde immer weniger gebraucht.

Der Begriff von Zeit hat für mich eine andere Dimension bekommen. Ich habe plötzlich unendlich viel Zeit, obwohl sie so schnell verrinnt. Sie ist für mich sehr kostbar. Manchmal wünsche ich mir, dass sie stehen bleiben würde.

Oft sitze ich in meinem wunderbaren Sessel und meditiere. Gelassenheit ist das Stichwort. Keine Aufregung, dass das Hundefutter wieder teurer geworden ist, oder die Gäste am Nebentisch in einer Kneipe zu laut geworden sind.

Mit fortgeschrittenem Alter ändern sich meine Prioritäten. Ich widme meine Aufmerksamkeit eher der Vergangenheit, als der Zukunft. Dabei stelle ich fest, dass auch weit zurückliegende Geschehnisse aus meinem Leben wieder konkrete Konturen bekommen. Je weiter ich zurück in die Vergangenheit blicke, umso lebhafter tauchen auch unbedeutende Episoden meines Lebens als buntes Kaleidoskop vor meinem geistigen Auge auf.

Ereignisse, kleine Episoden aus dem Leben, schwimmen an die Oberfläche, sie werden gegenwärtig, lebhaft. Einiges muss man länger vom Staub befreien. Zum Vorschein kommen dann kostbare, rührende Geschichten, die sich im heutigen Betrachtungswinkel neu darstellen.

Meine Frau Inge ermutigt mich, meine Ansichten, Gefühle und Erlebnisse aufzuschreiben.

Schreiben ist ein unglaublich säubernder Prozess.

Es folgten lange Überlegungen, bis ich die Entscheidung traf, mich dem Schreiben dieses Buches zu widmen. Ich muss zugeben, dass mein Zögern darauf beruhte, dass sich die deutsche Sprache für mich de facto als Fremdsprache darstellt. Ja, ich habe nie Deutsch gelernt! Ein Jahrzehntelanger aktiver Gebrauch, meine linguistische Vorbildung, sowie Anwendung von Deutsch im Vorschulalter, bewirkten eine rasche Beherrschung dieser Sprache. Einige Gesprächspartner entdecken bei mir noch immer eine besondere Intonation, deren Herkunft sie allerdings nicht präzisieren können. Im Falle geistiger Müdigkeit passiert mir schon mal, dass ich den einen oder anderen Umlaut nicht korrekt ausspreche. Es gelang mir verschiedene Begriffe, resp. Redewendungen in der Vergangenheit unwissend zu verunstalten. Ungläubige Blicke verfolgten meine Ausführungen, in denen ich anstatt ‚Zuchthaus‘ ‚Gewächshaus‘ verwendete. Der Spruch: ‚Jemanden aufgabeln‘ wurde von mir in ‚Jemanden auf löffeln‘ adaptiert. Meine Formulierung: ‚Ich hatte mir die Grütze abgefroren‘ zog Lachsalven nach sich. „Meinst Du, Du hast Dir den Grotzen abgefroren?“, fragte damals meine Frau nach, um den Sinn dieser Aussage überhaupt zu verstehen (= hessisches Sprichwort). Die Redensart: ‚keinen blassen Schimmer haben‘, wurde von mir salopp in ‚keinen feuchten Schimmer haben‘ verunstaltet.

Ich versuchte mich tapfer in den folgenden Seiten meines Buches korrekt zu artikulieren.

Kapitel 1

Die Fenster standen offen, es war heiß – der letzte Tag in Juni.

Der blaue Himmel war kurz überschattet und hineindröhnte staccato ein lautes Brummen. Vorbeiflogen Militärflugzeuge – man schrieb das Jahr 1941. Das Krankenhaus befand sich in einer Kreisstadt in der Nordslowakei.

Kein guter Tag, kein guter Monat, kein gutes Jahr, für die Geburt eines Kindes. Ein schlechtes Omen?

Das schreiende Baby war ich, als ob ich etwas Schlechtes ahnen würde.

An dieser Stelle möchte ich meine Eltern in Schutz nehmen. Sie haben acht Jahre geübt, um den hässlichen, vor Wut rot angelaufenen, 56 cm großen Spross in den Armen zu halten. Mein Vater war stolz, dass seine Familienlinie fortgesetzt wurde, Mutter war einfach nur froh und glücklich.

Vater war ein liebenswerter Mann, kein Patriarch, jedoch ein Mann mit festen Prinzipien. Mutter versuchte mit einer unsicheren Stimme ihm den Namen Peter für den neuen Erdenbürger vorzuschlagen.

Vaters Antwort in dieser kardinalen Angelegenheit hörte sich ungefähr so an: „Mein Vater hieß Josef, ich heiße Josef und mein Sohn wird natürlich auch den Namen Josef erhalten. Basta!“

Die Ehe meiner Eltern war wahrscheinlich eine schwerere Geburt als die ihres Sprösslings.

Alle Christen würden sich verzweifelt die Haare raufen, ebenso wie alle Juden in tiefe Trauer verfallen und Jehova um Hilfe bitten würden. Mein Vater war nämlich ein gläubiger, katholischer Christ und meine Mutter eine Jüdin, die allerdings nicht sehr gläubig war. Sie gehörte der renommierten jüdischen Familie Redner an. Ihre Großmutter trug noch eine Perücke der orthodox gläubigen Jüdinnen.

Vater stammte aus dem Sudetenland, er war deutscher Nationalität.

Die Verbindung einer slowakischen Jüdin mit einem deutschen Christen verhieß nichts Gutes. Während des Krieges wurden Juden in der faschistischen Slowakei verfolgt. Nach dem Krieg waren wiederum Deutsche in der tschechoslowakischen Republik und nicht nur dort, pauschal als Feinde verurteilt. Später, in den 50-er Jahren, waren Bürger ohne proletarische Herkunft als kapitalistischer Bourgeois negativ abgestempelt worden. Dazu gehörte auch mein Vater.

Das Anti-Regime-Engagement meinerseits in den 60-er Jahren brachte mir etliche Repressalien ein. Ich bewundere die Tapferkeit und den Mut meiner Eltern. Es überschritt alle Grenzen des Vernünftigen, es war nur möglich durch alles überwiegende Kraft – die LIEBE. Später versäumte ich in den Wirren der Zeitgeschichte meine Eltern zu dieser innigen Partnerschaft zu befragen. Ich spürte bereits als kleines Kind das Fluidum der Harmonie, die auch ohne großes Pathos stets gegenwärtig war.

Meine Mutter war eine dunkelhaarige Schönheit, die sich seit dem Krieg die Haare blond gefärbt hatte, um slawisch auszusehen und nicht als Jüdin aufzufallen. Mein Vater war ein kleinerer, gut gebauter, kräftiger Mann. Sein freundliches Gesicht umringte ein Haarkranz. Seine Augen strahlten Güte aus und waren mit Lachfalten versehen. Er fühlte sich für meine ethische und später sozialpolitische Erziehung zuständig. Niemand anderer prägte so grundlegend meine Weltanschauung.

Die Ehe könnte man als traditionell bezeichnen. Doch ab und zu half mein Vater sogar meiner Mutter beim Abtrocknen des Geschirrs.

In religiösen Angelegenheiten unterwarf sich Mutter den Ansichten meines Vaters. Täglich hatte sie mich und meinen Vater liebevoll umsorgt. Später ging sie auch arbeiten und führte noch den ganzen Haushalt. Frauen hatten damals ein hartes Leben ertragen müssen.

In den Wirren der Kriegsjahre versuchte mein Vater etlichen Juden aus dem Familien-, Bekanntenkreis und den Kunden seines Geschäfts zu helfen. Er schickte sie zu deren Schutz zu den Partisanen in die slowakischen Berge. Es stellte sich leider heraus, dass viele Partisanen keine Kämpfer gegen Faschisten waren, sondern in der Mehrheit Banditentruppen, die die armen Bauern in den Dörfern ausplünderten. Vater musste regelmäßig diese schutzsuchenden Menschen mit Geld versorgen, sonst wären sie verraten worden.

Unter großen Schwierigkeiten gelang es Vater eine Geburtsurkunde für Mutter beim örtlichen Pfarrer zu bekommen, natürlich floss dafür wieder sehr viel Geld. Es war generell sehr riskant, da die Katholische Kirche seinerzeit Juden als Volk der ‚Gottesmörder’ denunzierten.

Vater studierte Maschinenbau in Brünn, der Hauptstadt von Mähren. Nebenbei erwarb er auch mehrere Gewerbescheine als Schlosser, Installateur und Elektriker. Nach harter, langjähriger Arbeit betrieb er ein großes Geschäft mit elektrotechnischen Geräten und Maschinen. Bereits in den 30-er Jahren vertrieb er, für die damalige Zeit sensationell, Elektrorasierer der Firma Philips. Vor dem Krieg war er an der Elektrifizierung zurückgebliebenen Entwicklungsregionen in der Ost Slowakei maßgeblich beteiligt.

Wenn ich retrospektiv nachdenke, war mein Vater der ehrlichste und anständigste Mensch, den ich jemals kennenlernte. Er war sogar ein wenig übertrieben in diesen Eigenschaften. Ich hatte es selbst einmal am eigenen Leibe gespürt. Als kleines Kind kam ich stolz nach Hause und hatte die Gaben gezeigt, die ich als Sternensänger bekommen hatte. Daraufhin geriet Vater in Wut und schrie, dass sein Kind nirgendwo betteln müsste. Ich konnte diesen Wutausbruch damals als kleiner Knirps überhaupt nicht verstehen.

Kapitel 2

Monate vor dem Kriegsende hatte es doch noch ein Familienmitglied erwischt – meine Tante Viola, die Schwester meiner Mutter. Sie wurde nach Auschwitz deportiert. Wer hat sie verraten? Angeblich mein Onkel Anton, Bruder meines Vaters, dessen Liebe sie Jahre zuvor nicht erwidert hatte. Tante Viola rettete sich damit, dass sie jeweils eine goldene Münze dem Koch gab, die sie in ihrem Morgenrock als Knöpfe mit Stoff umnäht hatte. So gelang es ihr, in der Küche in Auschwitz zu arbeiten. Am Ende des Krieges bekam sie Typhus – das war immer noch besser als von den Nazis ermordet worden zu sein. Im Sanatorium in der Schweiz lernte sie zufälligerweise einen Landsmann kennen, der ebenfalls einer der bekannten jüdischslowakischen Familien, den Picks, entstammte. Im Krieg diente er in der britischen Luftwaffe, dem tschechoslowakischen Bataillon, als Funker. Sein Flugzeug war damals über Kreta abgeschossen worden. Die Einheimischen hatten die Besatzung des Fliegers versteckt. Gustl, so hieß er, war dann mit der Tante 1947 nach Palästina ausgewandert.

Mein Vater und sein Bruder Anton lebten später in einem kleineren Ort, unweit von Reichenberg (= Liberec), im früheren Sudetenland, nur ein paar hundert Meter voneinander entfernt. Beide sprachen miteinander aufgrund des Vorfalls mit Tante Viola bis zum Tode kein Wort mehr. Die Unterschiede in der Statur, Onkel Anton war groß und hager, manifestierten sich offensichtlich auch in den Charaktereigenschaften der beiden, die grundsätzlich verschieden waren.

Während des Krieges kamen Juden vertrauensvoll zu meinem Vater in sein Geschäft und baten ihn ihre wertvollen Sachen zu verstecken. Mein Vater entgegnete ihnen darauf: „Graben sie ihre Wertsachen ein und genießen sie diese, wenn sie wieder zurückkommen.“ Im Gegensatz dazu wurden viele Juden, die vor ihrer Flucht ihre Wertsachen vertrauensselig ihren tschechischen Nachbarn anvertraut hatten, nach ihrer Rückkehr oft ausgelacht und verhöhnt. Die meisten wurden so um ihre Besitztümer betrogen, falls sie überhaupt noch einmal ihre Heimat sahen.

Nach dem siegreichen Durchdringen der sowjetischen Arme in die faschistische Slowakei 1944 wurden viele unschuldige Menschen verfolgt. Fast wäre ein Vorfall für meine Familie zum Verhängnis geworden.

Ein kleines Schild, das in der Auslage des Geschäfts meines Vaters hing, löste einen Tumult aus, es hatte dokumentiert, dass es sich um ein christliches Geschäft handele. Dieser Zettel, der in deutscher Sprache geschrieben war, hatte unter russischen Soldaten einen Tumult hervorgerufen. Der russische Kommandant ließ meinen Vater verhaften. Er wollte ihn als deutschen Faschisten exekutieren. Um ihn zu retten, eilte meine Mutter mutig zur Kommandantur. Sie hatte sich in Windeseile ihren sechsstrahligen Judenstern angesteckt und zeigte die entsprechenden Dokumente, die bestätigten, dass Vater im Krieg Juden geholfen hatte.

Das rettete ihm das Leben!

Die im Jahre 1918 gebildete freie Tschechoslowakische Republik war ein heterogenes Gebilde. Ähnlich waren sich die Völker der Tschechen und Slowaken eigentlich nur in der Sprache. Die Slowaken waren schon immer ein nationalistisches, ziemlich extremes Volk. Die Tschechen als eine kleine Nation mitten in Europa, empfanden sich eher als Patrioten, aber nur verbal – sie waren schon immer ein wenig bequem und ließen sich ihrem Schicksal ausliefern. Dieses pazifistische Völkchen überließ 1939 moderne Grenzbefestigungen kampflos den Deutschen, sie zogen sich zurück, ohne einen Schuss abzufeuern.

Es gab natürlich auch Ausnahmen, wie damals bei dem Attentat auf Heydrich in Prag, hier hatten mehrere Tschechen in eigenen Einheiten in den britischen, französischen und russischen Armeen gekämpft.

Kapitel 3

Nach dem Krieg wurde das Geschäft meines Vaters verstaatlicht. Das Unternehmen mit Elektrogeräten und Maschinen hatte mein Vater fast 15 Jahre lang in harter Arbeit aufgebaut. Für ihn war es ein Schock. Meine Mutter musste viel psychologisches Feingefühl anwenden, um Vater aus seinem psychischen Tief zu helfen.

Aufgrund der politischen Lage dachten meine Eltern über ihre Zukunft nach. Mutter war für eine Flucht in den Westen, jedoch stellt sich mein Vater dagegen. Leider hatte sich am Ende mein Vater durchgesetzt und die Familie zog nach Heindorf, bei Reichenberg, wo die Mutter meines Vaters, meine Großmutter, lebte.

Aus der Dunkelheit der längst vergessenen Vergangenheit kommen mir noch immer Blitze der Erinnerung zum Vorschein. Ich sehe mich als kleines Kind, das die Oma nur wenige Male besucht hatte. Als erstes visualisiere ich einen reich verzierten Kanonenofen, der in der Mitte des Raumes postiert war, und um den sich, hauptsächlich im Winter, das Leben abspielte. Das Antlitz meiner Großmutter kann ich nicht mehr ausmachen. Zum Vorschein kommt nur ihre aufrechte, hagere Gestalt. Vater erwähnte, dass Oma eine stolze Frau war, die noch mit fast 80 Jahren täglich in ihr Kurzwaren- und Stoffgeschäft marschierte. Liebkosungen hatte ich von ihr nie erfahren. Wenn ich sie mit solchem zeitlichen Abstand charakterisieren vermag, basiert dies eher auf Erzählungen. Danach war sie streng, korrekt und pflichtbewusst. Ihr Sprössling, mein Vater, hatte diese Attribute von ihr mitbekommen, wobei ich bei ihm die Eigenschaft ‚streng‘ durch ‚gutmütig‘ ersetzen würde. Einmal beobachtete ich Großmutter mit Spannung, wie sie mit einem teuflischen Gerät geschickt hantierte. Im hinteren Teil dieses Utensils öffnete sie ein Türchen mit einer kleinen, schmalen Schaufel, legte glühende Kohle hinein und verschloss es wieder. Dieses prähistorische, gefährliche Gerät war zum Bügeln bestimmt. Ein andermal beobachtete ich Oma, wie sie aufrecht in ihren Sessel saß. Sie hielt einen Humpen mit Kaffee in den Händen, in den sie Stücke eines selbstgebackenen Striezels eintauchte und die Tasse vergnüglich auslöffelte. Sie tauchte den Kuchen wohl deshalb in den Kaffee, weil sie ihn mit ihren dritten Zähnen so besser kauen konnte.

Das Schicksal meiner Familie nahm seinen Lauf!

In seiner etwas naiven Gutgläubigkeit hoffte mein Vater, dass die Russen sich wieder zurückziehen und nach Hause abrücken würden, und alles wäre wieder wie vor dem Krieg. Die Menschen würden sich frei in einer Demokratie entfalten und mein Vater könnte dann wieder seinen Betrieb neu aufnehmen. Dies stellte sich bald als ein großer Irrtum dar. Meine Mutter, mit ihrer weiblichen Intuition, wollte nach Deutschland (westliche Zone) umziehen und dort einen Neustart wagen. Die Geschichte gab ihr Recht. Meine Eltern hätten einen guten Start mit den übrig gebliebenen Waren aus Vaters Geschäft gehabt, hinzu wären Reparationen für das verlorene Vermögen gekommen. Sie hätten ihren Weg gemeinsam bewältigt, denn Vater war ein brillanter Handwerker und Kaufmann. Er war fleißig, tüchtig und gebildet dazu. Der Neuanfang seiner geschäftlichen Tätigkeit wäre mit diesen Kriterien sicherlich gewährleistet gewesen.

Beim Nachdenken über meine Lebensetappen stellte ich fest, dass einige Erlebnisse, die sich in meiner frühen Kindheit abgespielt hatten, intensiver vor meinem geistigen Auge auftauchen, als die unlängst geschehenen Begebenheiten. Damals im zarten Alter von etwa vier Jahren geschah etwas, dessen Fragmente sich mir sehr konkret ins Gedächtnis einprägten. Ich möchte vorausschicken, dass die damalige körperliche sowie geistige Entwicklung der Kleinkinder nach heutigen Maßstäben nicht mithalten konnte. Sicherlich waren wir naiver und besaßen wenig Selbstbewusstsein. Allerdings habe ich manchmal den Eindruck, dass wir heutzutage immer öfters im Kind eine Art eines kleinen Erwachsenen sehen und ihn auch so prägten.

Zurück zu meinen Kindheitserlebnissen. Mein damaliger Freund bekam zum Geburtstag eine großartige Miniatur-Dampfmaschine. Die Räder waren in einem dunklen Rot, wobei der Kessel im eleganten Silber glänzte. Die einzelnen dazugehörigen Spielsachen demonstrierten Funktionen von Werkzeugen aus den verschiedensten Handwerks-Zünften. Es waren Miniaturen, ca.10 cm groß, die durch Riemenantrieb der Dampfmaschine in Bewegung gebracht wurden. Noch heute erinnere ich mich sehr klar daran, wie filigran diese Spielzeuge hergestellt worden waren. Jeweils eine Hälfte der Figuren waren aus Blech gestanzt worden, durch Ösen und Nuten verbunden, um eine Plastizität zu erreichen. Letztendlich waren diese Spielsachen liebevoll per Hand bemalt. Große Freude hatten wir an der Darstellung eines Schmiedes, der wuchtig mit einem Vorschlaghammer auf einen Amboss schlug. Aus Spaß legten wir unsere kleinen Fingerchen auf diesen; so wollten wir ausprobieren, ob es wehtat. Detailliert erinnere ich mich an einen Sägebock mit einem darauf liegenden Balken, den ein muskulöser Handwerker versuchte durchzusägen. Natürlich gelang es ihm nicht, da der Balken auch aus Blech war. Nur die Farbe des Balkens wurde durch das Sägen angekratzt. Ich kann es mir nicht erklären, warum ich diese Figur so innig liebte. Dieses pittoreske Spielzeug wurde leider eines Tages durch eine furchtbare Explosion der Dampfmaschine zerstört. Mein Freund, der in der Nähe stand, wurde durch dieses Unglück so entsetzlich verbrannt, dass er den Verbrennungen erlag. Niemals in meinem Leben werde ich das friedliche, braun verbrannte Gesichtchen, das auf einem weißen Kissen des offenen Sargs lag, vergessen können.

Später sind wir dann nach Heindorf umgezogen, einem Kaff in Nord-Böhmen. Bauer Kretschmer hatte uns eine recht schöne Unterkunft vermietet. Die geretteten Dinge aus dem Geschäft hatten wir in einer nebenstehenden großen Scheune untergebracht. Die Schule begann und ich als Einzelkind, zart und dünn, hatte es erstmals mit robusten Dorfkindern zu tun. Nach der Schule wurden die Aufgaben gemacht und dann konnten wir bis zur Dämmerung draußen spielen. Das war eine schöne und unbeschwerte Zeit, die unsere Kinder heute nicht genießen können, aus welchen Gründen auch immer.

Neben unserem Zimmer wohnte noch ein pensionierter Professor Sterzing, der mir vorkam wie der Lehrer in Wilhelm Busch‘s ‚Max und Moritz’-Versen, nur ein wenig älter. Jede freie Minute wollte ich ihn besuchen. Er begrüßte mich mit den Worten: „Salz und Brot machen Wangen rot“. Dabei gab er mir ordentlich in Würfel geschnittene Stückchen Brot mit Salz. Ich habe diese ‚Köstlichkeit‘ mit Wonne verspeist, während mir Professor Sterzing interessante Geschichten erzählte.

Vom Balken des Heubodens hatten wir Kinder Fallschirmspringen in das Heu mit alten Regenschirmen geübt. Oft landeten wir dabei recht unsanft auf unserem Hosenboden.

Die bis 1946 stationierten russischen Soldaten wollten uns eine Freude machen und gaben uns eine Menge Sonnenblumenkerne, die sie in großen Posttaschen trugen. Sie waren geschickt, sie steckten die Sonnenblumenkerne in den Mund und spuckten gleich die Schalen wieder aus.

Wir Kinder waren aber eher von UNRA-Paketen begeistert, die von amerikanischen Flugzeugen abgeworfen wurden. Sie beinhalteten Schokolade, Kekse, trockenes Obst und ähnliche Delikatessen.

Mein Vater war ein gläubiger Christ. Bevor er Brot aufschnitt, bekreuzigte er den Laib mit dem Messer. Vor Weihnachten war er an unserer berühmten Wallfahrtskirche sehr beschäftigt. Er hatte eine elektrische Krippe installiert, die er selbst erbaut hatte. Besucher waren davon begeistert und mein Vater sehr stolz! Irgendwie wollte ich mich auch in unserem Alltag einbringen, aber es endete mit einem Desaster. Mein Freund Karl war Ministrant und nahm mich als solchen mit zur Messe. Je nach der Anzahl seines Kopfnickens sollte ich mit einer Glocke bimmeln. Unverständlicherweise hatte mich der Pfarrer während der Predigt böse angeschaut. Ich begriff es erst später in der Sakristei, dass ich meine Aufgabe wohl nicht so richtig erfüllt hatte, als ich mit einer Ohrfeige rausflog. Draußen wartete ich auf Karl und obwohl ich kleiner und dünner war als er, hatte ich ihn verdroschen und ihm seine zwei Kronen, die er vom Pfarrer bekommen hatte, abgenommen. So endete meine Karriere als Ministrant.

Meine Erinnerungen schweifen heute hin und her durch die Kleinstadt, in der wir gelebt hatten, es waren die Schauplätze meiner kindlichen Abenteuer. Im Mittelpunkt des Städtchens stand eine prachtvolle, barocke Kirche. Die Decke war mit wunderschönen Fresken verziert. In der Mitte, ganz oben unter der Kuppel, hatte der Maler dem lieben Gott sein eigenes Antlitz gemalt. Man erzählt sich, dass er danach als Strafe zu Boden gestürzt war. Neben der Kirche standen ein Pfarrhaus und dahinter ein Nonnenkloster. Ein großer Klostergarten war von einer hohen Mauer umzingelt. Unsere vorpubertären Versuche, die Mauer an einer brüchigen Stelle zu erklimmen und einen kurzen Blick auf junge Nonnen zu erhaschen, war das Größte. Ich bildete mir damals verträumt ein, dass bei den Gartenarbeiten eine hübsche Würdenträgerin ihren Kopf gehoben und mir ein bezauberndes Lächeln geschenkt hätte. In meiner romantischen Fantasie hatte ich sie entführt und zu meiner Ehefrau gemacht.

Vor dem Kirchengelände stand auf einer Seite eine Reihe von Buden aus Mauerwerk mit hochgeklappten Holzläden. Während der Märkte wurden die Läden heruntergelassen und mit verschiedener Ware beladen. Ich lief fasziniert dort immer vorbei und erfreute mich an nutzlosen Nippes, sowie an Gerüchen der Süßwaren.

In damaliger Zeit lebte man sehr genügsam. Fleisch gab es nur am Freitag und das noch unregelmäßig. Die Frauen standen an in langen Schlangen, ohne zu wissen, ob sie noch etwas von dem Objekt ihrer Begierde ergattern würden.

Als Kind war ich sehr bescheiden, ein Butterbrot, bestreut mit Zucker, tat es auch. Ab und zu zelebrierte Vater eine Kreation aus Butterbrot mit symmetrisch verteilten Quark Klecksen. Ich lutschte auch so gerne Zuckerwürfel, die voll mit Essig gesaugt waren.

Als ich in Heindorf in die Schule kam, hatte ich bisher kaum Tschechisch gesprochen, da sich meine Eltern mit mir nur Deutsch unterhielten, und wenn sie etwas vor mir verheimlichen wollten, sprachen sie Ungarisch – eine Sprache, in der sie sich gut verständigen konnten. Meine Mutter beherrschte noch fließend Französisch und Englisch. Mein Vater konnte außer Sudetendeutsch keine andere Fremdsprache zufriedenstellend sprechen. Er zelebrierte, wie wir sagen würden, einen Kauderwelsch. In einem Satz befanden sich öfter Worte aus verschiedenen Sprachen und das noch verdreht. Nun ja, er war schließlich ein Techniker.

Sehr interessant waren auch die diametral unterschiedlichen Persönlichkeiten meiner Eltern. Vater, im klassischen Sinne ein typischer Deutscher – auf seinem Schreibtisch durfte die Füllfeder nicht um einen Zentimeter verschoben sein. Er bestand auf moralischen Prinzipien, war streng, aber auch gutmütig und sehr stolz. Nach seinen bitteren politischen Erfahrungen wurde aus ihm ein kompromissloser Antikommunist.

Mutters Charakter war ausgesprochen slawisch: Sie lachte gerne, war nicht so streng oder übertrieben ordentlich. Sie kümmerte sich um alle Belange der Familie. Kochen lernte sie erst, als sie verheiratet war. Ihre spontane Handlungsweise wirkte sehr erfrischend. Für ihren Sohn versuchte sie, für damalige Zeit, fortschrittliche Wege zu gehen. Zum Beispiel bekam ich in meine Getränke Kalzium verabreicht, um die Knochen zu stärken. Danke Mama, ich hatte nie einen Knochenbruch, trotz des Überstrapazierens meines Körpers im Sport. Mutter verhätschelte mich bei jeder Gelegenheit. Jedoch das Schmusen zwischen uns hatte ich, seitdem ich mich erinnern kann, immer vehement abgelehnt. Ich fühlte damals, dass es sich für einen ‚Mann‘ nicht gehörte. Kinder entwickeln bereits im frühen Alter eine hohe Sensibilität in Bezug auf das häusliche Zusammenleben, insbesondere, wenn sie als Einzelkinder aufwachsen.

Auch ich war im höchsten Maße auf meine Eltern fixiert. In ihrem Verhalten zueinander beobachtete ich keine überschwänglichen Liebesbekundungen auf einer Seite, aber auch keine Gleichgültigkeit oder sogar Zwistigkeiten auf der anderen Seite.

Eines Tages, als wir uns alle drei in der geräumigen Wohnküche befanden, passierte ein Ereignis, welches für mich unvergesslich geblieben ist. Mutter machte gerade den Abwasch und Vater half beim Abtrocknen. Plötzlich sackte meine Mutter zusammen und fiel auf den Fußboden. Sie verlor ihr Bewusstsein. Ich sah, wie mein Vater in die Knie sank und meine Mutter umarmte. Er schrie etwas, was ich nicht verstanden hatte, das sich aber als Weltschmerz anhörte. Ich konnte nur sein verzweifeltes Gesicht mit feuchten, traurigen Augen wahrnehmen. Aber es war zum Glück nichts Ernsthaftes, Mutter war bald wieder auf den Beinen.

Jahrzehnte später saßen wir gemütlich in der Wohnung meiner Tante. Sie erzählte mir vom Anfang der 30-er Jahre, also der Zeit, als meine Mutter meinem Vater begegnete. Mutters erste Liebe war ein junger Arzt, der damals in die Vereinigten Staaten ausgewandert war, wie auch abertausende seiner armen Landsleute, um in Amerika das Glück zu finden. Er etablierte sich dort und erreichte bald einen beachtlichen Wohlstand. Jede Woche schrieb er meiner Mutter Liebesbriefe, in denen er sie beschwor, ihm in die Staaten zu folgen. Meine Mutter blieb jedoch bei ihrem Josef, obwohl sie damals beide mittellos waren. Die wundervolle Eintracht zwischen meinen Eltern empfand ich bewusst erst als Erwachsener.

Als Kind stand ich im Mittelpunkt unserer Kleinfamilie und wurde entsprechend hofiert und verwöhnt. Nach dem Krieg hatten die Menschen viele elementare Probleme zu lösen. Erziehung wurde vorgelebt. Nur am Rande wurde sie thematisiert, eher spontan, unbewusst praktiziert.

Meine Eltern verziehen mir gutmütig meine Missetaten, wo sie lieber hätten konsequent und streng durchgreifen sollen. Zum Beispiel setzte ich durch, was ich mir in den Kopf gesetzt hatte. Dafür war ich clever genug und konnte es für mich ausnützen. Kein Wunder, dass ich mich als Erwachsener dann und wann erwischte, sehr egoistisch zu handeln.

In der Sexualerziehung waren meine Eltern sehr unbeholfen. Eines Tages versuchte Vater mir mit ernster Miene klarzumachen, dass beim Onanieren das Mark der Wirbelsäule austrocknet. Ich musste mich sehr beherrschen, nicht laut aufzulachen. Sonst machte ich meinen Eltern kaum Kummer. Bis auf ein Vorkommnis. Ich fand im Schlafzimmer meiner Eltern zufällig bunte Ballons, die aufgeblasen eine schöne längliche Dekoration ergaben. Ich hatte sie, nichts ahnend in voller Schönheit an unsere Obstbäume im Garten gehängt. Gott sei Dank hatten die Ballons nicht für alle unserer sechzig Bäume gereicht. Zuerst folgten das Grinsen unserer Nachbarn und dann der unerbittliche Gürtel meines Vaters. Er hat mich übrigens nur zwei Mal und das noch mit sehr Gefühl, geschlagen.

Mein Glaube an das Christuskind sollte möglichst lange lebendig bleiben. Bis ich vielleicht nicht ganze sechs Jahre alt war, dann blickte ich durch. Nach dem Weihnachtsessen ging Vater wie jedes Jahr zur Toilette. Plötzlich klingelte es. Ich hatte aus lauter Vorfreude zu schnell die Tür geöffnet und sah, wie Vater vom weihnachtlich dekorierten Zimmer aus auf die andere Seite des Flurs raste und dabei wild mit unserer Weihnachtsglocke läutete. Ach, so sah also das Christkind aus, na ja. Dezent gab ich Vater noch ein bisschen Zeit, bevor ich strahlend die Tür aufmachte.

Weihnachten war früher eine sehr freudige Zeit für die ganze Familie. An den Abenden vor Weihnachten schaute ich durch das Schlüsselloch, bevor ich schlafen ging. Ich sah, wie die Eltern am Tisch saßen, Bonbons und Schokolade in Stanniol verpackten, und diese mit Kordeln zum Aufhängen versahen. Leider gab es an den Weihnachten nach dem Krieg keine Süßigkeiten mehr als Geschenke. Die Menschen hatten damals andere Sorgen.

Zu Weihnachten 1947 bekam ich wohl das schönste Geschenk – ein richtiges Kasperletheater. Ich war so verzaubert, dass mir vor Freude die Wangen rot anliefen und ich Purzelbäume schlug. Das Theater bestand aus einer Bühne mit drehbaren Steckkulissen und richtigen Marionetten mit beweglichen Gliedern. Die Manipulation dieser Figuren verlangte schon eine gewisse Übung. Ich fragte mich nach Jahren, wo dieses kostbare Geschenk gefertigt wurde. Mit meinen Spielgefährten hatten wir uns ganze Stücke ausgedacht. Es förderte ungemein unsere kindliche Fantasie. Später hatten wir für unsere Vorstellungen auch kleine Eintrittsgelder verlangt.

Mein Vater erzählte mir von dem ersten Weihnachtsfest, das er mit Mutter zusammen gefeiert hatte. Er hatte sich damals angeboten, den Weihnachtsbaum für sie zu schmücken. Nach Vollendung des Werkes führte er seine Frau ein wenig theatralisch in das Zimmer, in dem der geschmückte Baum stand. Oh, du Schreck. Meine Mutter war fast vor Ersetzen kollabiert. Der Weihnachtsbaum glitzerte mit wunderschönen Weihnachtskugeln und dazwischen hingen – Rollmöpse und Zigaretten. Es stank bestialisch. Die Reaktion meiner Mutter war, dass sie sich scheiden lassen wollte, sie verstand in diesem Augenblick Vaters Humor nicht.

Meine Mutter kümmerte sich rührend um das physische Wohl und Äußerlichkeiten ihres Nachkommen. Ihre stereotype, sorgenvolle Bemerkung: „Iss Junge, du bist zu dünn“, verfolgte mich meine ganze Kindheit. Eine Zeit lang hatte Mutter mir für die Nacht die Ohren mit einem Tuch festgebunden. Sinn dieser Tortur war, dass sie schön anliegen sollten. Es war erfolgreich, denn ich habe heute noch schöne anliegende Ohren.

Mein Vater behandelte mich als einen gleichwertigen Partner, was meinem Ego sehr gut bekam. Ich erinnere mich auch sehr gerne an die Abende, an denen wir uns mit Briefmarken beschäftigten. Vater war ein leidenschaftlicher und versierter Sammler. In diesen für mich erlebnisreichen Stunden lernte ich viel an Allgemeinwissen über fremde Länder, Fauna und Flora. Je farbiger und exotischer die Motive waren, umso aufregender und kostbarer empfand ich die Briefmarken. Mit der Lupe hatte ich Details der Motive beobachtet. Wir besaßen natürlich einen Katalog mit Informationen über alle Briefmarken, wie auch verschiedene Alben für Marken, um sie einsortieren zu können. Vater meinte, dass frankierte Briefmarken für ihn wertvoller seien, da diese bereits durch Länder und Kontinente gereist seien. Meine Augen leuchteten, als ich Briefmarken mit meinem Vater ausgetauscht und mir dabei ein gutes Geschäft versprochen hatte. Vater war natürlich sehr großzügig.

So oft er konnte, vermittelte er mir die Liebe zur Natur, besonders zum Wald. Er brachte mir bei, sich auch an Kleinigkeiten, wie einem Tropfen Tau auf einem Blatt, der wie ein Diamant in der Sonne glitzerte, zu erfreuen. Es gab viele Augenblicke, in denen ich mich mit meinem Vater sehr verbunden fühlte, und die ich nie missen möchte. Ich war damals acht oder neun Jahre alt, wir gingen in den Wald, um Brennholz zu machen. Wir hatten die Bäumchen gefällt, die vom Förster gezeichnet waren, dann Äste abgehackt, zum Weg geschleppt, zersägt und ordentlich gestapelt. Während der Vesperzeit saßen wir auf einem Holzstamm und plauderten von Mann zu Mann. Ich hatte mich toll erwachsen und unheimlich männlich gefühlt.

Einige Male weckte mich Vater um drei Uhr früh, um mich auf einen Berg zu schleppen, um dort den Sonnenaufgang zu genießen. Vater schaute sehr verzückt auf dieses Naturspektakel. Ich dagegen hielt nicht viel von solchen anstrengenden morgendlichen Expeditionen.

Die vierte beliebteste Beschäftigung der Tschechen war noch vor ein paar Jahren das Pilze sammeln. Ich sehe mich noch als Kind mit Vater durch die Wälder streifen und wie in einer Naturkathedrale sich leise in Ehrfurcht zu verhalten. Am schönsten war es an Tagen nach einem ausgiebigen Regen, an denen die Sonne unsicher durch den Dunst der Lichtung leuchtete. Die Sonnenstrahlen fielen schräg durch die Baumkronen auf den feuchten Boden und die Stille des Augenblicks empfand ich als ein grandioses wortloses Schauspiel. Ebenso die Gerüche von Erde, Moos und Laub waren intensiv. Der Duft nach mulschigem Gras im Morgengrauen, die dampfende Erde - großartig. Vater, ein Naturmensch, bewegte sich leichtfüßig mit innerer Konzentration durch die Pracht der Natur. Ab und zu blieb er stehen, schaute sich um und setzte seinen Gang fort. Ich versuchte es ihm nachzumachen. Er führte mich unauffällig zu den Pilzstellen, die er kannte, um mir Erfolgserlebnisse zu vermitteln. Nachdem ich einen Pilz gefunden hatte, wusste ich schon, dass ich in der Nähe nach seinem ‚Brüderchen’ suchen musste. Das Pilze pflücken artete in einen Wettstreit zwischen meinem Vater und mir aus, wer am Ende mehrere Pilze in seinem Körbchen vorweisen konnte. Das Pilze suchen entwickelte sich bei meinem Vater zu einem Ritual. Er kniete nieder, drehte vorsichtig den Stiel, sodass die Wurzel nicht beschädigt wurde. Dann säuberte er den Pilz und verstaute ihn im Korb. Zu Hause bereitete Mutter aus den großen Pilzköpfen saftige Schnitzel, die wir dann mit frischen Petersilienkartoffeln aßen. Aus den kleineren Pilzen und Stielen wurde ein köstliches Ragout gekocht. Die restlichen Pilze wurden sorgfältig in Scheiben geschnitten, auf Papier ausgebreitet und auf dem Dachboden getrocknet.

Kapitel 4

Es war ein heißer und trockener Herbst 1947.

Ein Unheil lag in der Luft.

Eines Nachts wurde ich geweckt. Alles um mich war grell erhellt und heiß. Als Erstes sah ich das blasse Gesichtsprofil meines Vaters, der am Fenster stand. Ich sehe ihn noch immer vor mir, wie eine Träne des Entsetzens an seinem Gesicht herunterkullerte. Ich blickte aus dem Fenster und sah ein Feuerinferno – die Scheune, in der der Rest von Vaters Vermögen lag, war in Flammen aufgegangen. Dort verbrannten Motorräder, Fahrräder, Radios, Elektrogeräte, sogar Elektrorasierer, die damals neu auf dem Markt waren, und Etliches mehr. Von diesem Schock hat sich mein Vater eigentlich nie mehr vollkommen erholt. So viele Jahre harter Arbeit waren verloren. Was war denn in dieser ominösen Nacht nur geschehen?

Ich muss da ein wenig ausholen. Nach dem Krieg hatte der tschechoslowakische Präsident Beneš die sogenannten ‚Beneš Dekrete’ erlassen. Acht dieser Dekrete betrafen Deutsche, Ungarn, Verräter und Feinde des tschechischen Volkes – man fragt sich, wer hatte diese Liste mit den aufgeführten Betroffenen zusammengestellt? Nicht nur den Sudetendeutschen, sondern auch den Ungarn aus der Südslowakei wurde die tschechische Staatsbürgerschaft aberkannt und ihr ganzes Vermögen vom tschechischen Staat konfisziert. Es betraf ungefähr 3 Millionen Menschen! Einige Sudetendeutsche wurden unter grausamen Bedingungen zur Zwangsarbeit verurteilt. Hier ist zu bemerken, dass die Mehrheit der Sudetendeutschen keine Nazis waren, sondern Bauern und andere rechtschaffene Menschen, die sich seit Generationen in der hügeligen, kargen und armen Natur abgeplagt hatten. Übrigens, die Nationalität der Deutschen wurde nach der Volkszählung 1930 (!) von der Exilregierung unter Beneš in London 1945 festgelegt. Die Mehrheit der Sudetendeutschen wurde nach Deutschland zwangsausgesiedelt. Sie durften nur 40 kg pro Person mitnehmen. Manch einer hatte sich in seiner Verzweiflung gerächt und war nachts zurückgekommen und hatte sein zurückgelassenes ‚Hab und Gut’ angezündet. Hier galt offensichtlich das Motto: „Du sollst nicht fremde Früchte ernten“. Später habe ich erfahren, dass auch der junge Kretschmer, der ebenfalls vertrieben worden war, nachts zurückgekehrt war und hatte seinen Hof angezündet. Dieses Vorhaben gelang ihm nur bedingt, es brannte nur die Scheune ab. Und darin waren die Habseligkeiten meines Vaters gelagert. Ein bedauernswerter Schicksalsschlag!

Die meisten der abgeschobenen Sudetendeutschen hatten noch Glück gehabt, dass sie mit dem nackten Leben davongekommen waren. Erst neuerlich, nach 70 Jahren, hat man sich mit den unmittelbaren Nachkriegsjahren in der Tschechei auseinandergesetzt. Meine tschechischen Landsleute sind schockiert. Sie wuchsen nämlich in der Annahme auf, dass sie eine friedliche Natur besäßen, und eher Opfer von Gewalt und Repressalien wurden, als das sie selbst Täter waren. Es wurden Beweise gefunden, dass unmittelbar nach dem Krieg viele Tschechen Gewalt an unschuldigen Deutschen angewandt hatten. Im zivilisierten Prag hat man Jagd auf Deutsche veranstaltet, die dann an den Füßen an Laternen gehängt wurden, wobei unter ihren Köpfen Feuer angemacht wurde. „Lasst uns Hasen braten“, rief der Mob. In einem Prager Internierungslager wurden einige Deutsche an den Geschlechtsorganen zusammengebunden und von Soldaten zum Tanzen gezwungen.

Übrigens, die Deutschen wurden bis Ende 1946 an weißen Binden erkannt, die sie tragen mussten. Welche Ironie des Schicksals im Vergleich mit dem Juden-Stern.

Noch einen Monat nach dem Kriegsende trafen sich sadistische Tschechen, um einen ‚Germanen‘ zu erschlagen. Die Schutzmänner vor Ort schauten diesem Spektakel tatenlos zu. Auf dem Weg von der Arbeit in die Internierungslager wurden die deutschen Arbeiter bespuckt, getreten und geprügelt. Kleine deutsche Jungen; die am Wenzels Platz Barrikaden entfernen mussten, wurden von Tschechen blutig geschlagen. In Zusammenhang mit dieser schrecklichen Nachkriegszeit ist noch das ‚Massaker von Aussig’ zu erwähnen. Den Anlass zu diesem Pogrom gab eine Explosion eines Munitionsdepots in der Nähe. Der Anschlag auf das Depot sollte einen Grund schaffen, um die restlose Vertreibung der deutschen Minderheit aus dem Sudetenland zu vollziehen. Die Explosion wurde nachweisbar vom tschechoslowakischen Innenministerium befohlen. Sofort wurden die Sudetendeutschen als Schuldige ausgemacht.

Die Menschen wurden erschlagen, von der Elbbrücke gestoßen und im Wasser beschossen. Viele Leichen trieben bis ins benachbarte Sachsen. Die Historiker sprechen heute über mehr als 200 Opfer.

Terror war an tschechischen Deutschen in der ganzen Republik verbreitet. Eine unheilsame Apokalypse. In solcher lebensbedrohlicher Situation befand sich auch mein Vater.

Noch heute argumentiert eine Menge Tschechen, dass es sich um gerechte Vergeltung für die zu Tode gequälte Landsleute handelte. Solche Meinung vertreten leider sogar einige aktive Politiker.

Ich versuche in Kürze die Rechtlosigkeit damaliger Zeit zu erklären. Die Staatsgewalt verfiel, es entstand ein Vakuum, das von Typen ausgenutzt wurde, die zur Gewalt tendierten. Exponierte Stellen wurden von kriminellen, ja, sogar sadistischen Elementen besetzt. Diese Menschen, die zur Macht kamen, behaupteten, dass Gewalt gegen Deutsche erlaubt war, sogar verlangt wurde. Ähnliche Situation entstand im Hitler-Deutschland, während der ersten Hetzjagden gegen Juden. Die offizielle Propaganda behauptete, dass es in Ordnung sei Steine auf die Schaufenster der jüdischen Geschäfte zu werfen. Man beteuerte sogar, dass es sich um eine lobenswerte Tat handele. Das Böse schlummert in jedem Menschen und wenn das Regime es als Ideologie propagiert, glauben einige, dass sie anstatt des Bösen, eigentlich etwas Gutes tun.

Meine Eltern wurden (leider!) nicht vertrieben, weil mein Vater als Antifaschist und Mutter als eine Jüdin galten. Ironie des Schicksals war, dass wir zu selben Zeit ein amtliches Dokument erhielten, dass Mutters Haus in der Slowakei vom Staat konfisziert wurde, weil man sie als faschistische Kollaborateurin eingestuft hatte. Da hatte sich mal wieder irgendein Genosse bereichert. Was für Zeiten!

Bedauerlicherweise sind diese Dekrete in gemilderter Form bis heute noch in Kraft und prominente tschechische Politiker, wie zum Beispiel der aktuelle Präsident Zeman, verteidigen sie! Obwohl es sich um ernste geschichtliche Vorgänge handelt, passt an dieser Stelle folgender Witz: Ein ehemaliger Sudetendeutscher besucht nach 30 Jahren seine Heimat. Er fährt mit einem Taxi und ist begeistert über die vorbeiziehende Landschaft. Der Taxifahrer bleibt stehen, fordert den Gast auf auszusteigen und sich hinzuknien. Er sagte: „Danken Sie dem lieben Gott, dass Sie hier nur als Tourist sind“.

In die verlassenen Häuser im ehemaligen Sudetenland zogen meistens faule, karrieresüchtige und extreme kommunistische Elemente ein, die sich angeblich für den Staat verdient gemacht hatten. Die Region wurde geplündert und zerstört. Noch jetzt sind die Spuren dieser unheilvollen Zeit unverkennbar. Die ungeheuerlichen Gräueltaten der Faschisten sollten nach dem Krieg gerächt werden.

Unrecht mit einem weiteren Unrecht tilgen?

In dieser Zeit, ich mochte vielleicht sieben Jahre alt sein, zog meine Familie um. Meine Eltern kauften ein kleines Häuschen im selben Ort. Es war nicht weit von unserer Wohnung entfernt. Unsere Habseligkeiten luden wir auf ein Pferdegespann und fuhren los in unser neues Domizil.

Hinter unserem Häuschen dehnte sich ein unverhältnismäßig großer Gemüse- und Obstgarten, es war das Königreich meines Vaters. Obst wurde zu Kompott, Marmelade und köstlichem Obstwein verarbeitet. Vater war richtiger „Obstwein-Spezialist“. Hauptsächlich der pikante Sauerkirschwein mundete auch mir. Diesbezüglich hatte ich ab und zu unseren Keller besucht. Im Hof hinter dem Häuschen liefen glückliche Hühner und in Ställen hopsten wohlbehütete Kaninchen, die von meinem Vater sogar Namen bekamen. Ein Drama spielte sich immer dann ab, wenn Mutter sonntags einen Kaninchenbraten zubereiten wollte. Ein Nachbar musste das Kaninchen schlachten, wobei mein Vater vorher das Haus verlassen hatte. Er wollte nicht wissen, welcher seiner Lieblinge das Ewige gesegnet hatte.

Kapitel 5

Eine Begebenheit aus dieser Zeit bleibt in meiner Erinnerung fest verankert. Sie zeigt, wie sich die Geschichte in Nuancen wiederholt. Es handelt sich um das geistige Gut jeder Gesellschaft, um Bücher. Die neu eingezogenen, teilweise mehr als ungebildeten Tschechen hatten die Bücher der Vorbewohner aus ihren konfiszierten Häusern auf den Müll geworfen. Wir waren über diese Banausen so sehr entsetzt. Mein Vater hatte sich eine Karre besorgt und ging von Haus zu Haus, um diese teilweise sehr kostbaren Bücher einzusammeln. Zu Hause hatten wir sie in einem leer stehenden Zimmer deponiert und angefangen zu registrieren. Es waren unter ihnen wahre Prachtexemplare, wie Shakespeares’ illustriertes Gesamtwerk, Werke von L. Tolstoi, W. Busch*s illustriertes Gesamtwerk, C. Dickens, E. Zola und andere Klassiker. Insgesamt waren es mehrere hundert schön gebundene Bücher. Einen Teil davon besitze ich noch heute. Wenn draußen schlechtes Wetter herrschte, verkroch ich mich als Bub in eine Ecke dieses Zimmers und schaute mir die Illustrationen an, oder versuchte die Bücher zu lesen. Sie waren meistens in Altdeutsch geschrieben, das ich aber sehr schnell lernte.

Vater begann als Schlosser und Elektriker zu arbeiten. Trotz der Schufterei reichte das Geld nur knapp, um die Raten für das Haus zu bezahlen und die Familie zu ernähren. Doch Vater beharrte an der Prämisse: ‚Ein Mann muss in der Lage sein, seine Familie zu ernähren’. Meine Mutter, die eine qualifizierte Dolmetscherin war, musste Arbeit in einer Fabrik annehmen. Sie war immer frühzeitig zu Hause gewesen, um noch den Haushalt zu bewerkstelligen. Erst nach ein paar Monaten erfuhr mein Vater von dieser ‚Schmach’. Er hat dann zeitweise seine Schicksalsschläge im Alkohol ertränkt.

Es ist bekannt, dass Kinder bis zu einem Alter von 10 bis 12 Jahren ihre Umgebung intensiv erforschen, ohne tiefgründige Schlussfolgerungen daraus zu ziehen. Es ist aber auch so, dass entscheidende intensive oder sogar spektakuläre Momente sich im Gedächtnis eines Kindes einprägen. Nicht nur das, sondern Kinder bewerten diese Eindrücke intuitiv und handeln noch in späteren Jahren oft unbewusst danach und verachten sie.

Solche Ereignisse begleiteten mich im Wesentlichen in den Schulen, an denen ich mit Erwachsenen, also Lehrern in Kontakt kam, die mich formen und meine Weltanschauung prägen sollten. Nie werde ich meinen Russischlehrer und seine Frau vergessen. Sie hießen Kumpost und waren noch sehr jung.

Er war ein rassiger, sehr attraktiver Mensch, mit schwarzem, lockigem Haar. Kumpost hat uns viel über das bevorstehende kommunistische Paradies erzählt. Eines Tages, ich war gerade in der zweiten Klasse, forderte er uns auf ihm zu sagen, wenn wir in unserer kleinen Stadt jemanden kennen, der Deutsch spricht. Verwirrt kam ich nach Hause und hatte alles treuherzig meinen Eltern erzählt. Ich vergesse nie ihre entsetzten Gesichter, denn meine Eltern hatten sich bislang immer in Deutsch unterhalten. Seit diesem Vorkommnis hatte ich Jahrzehnte von ihnen kein deutsches Wort mehr gehört.

Den Ernst der Sache fühlte ich sofort, konnte es jedoch noch nicht verarbeiten. In der Klasse war ich als guter Zeichner und Karikaturist bekannt. So hatte ich mir öfters während des langweiligen Unterrichts ‚sinnvoll’ die Zeit vertrieben. Als ich den Genossen Kumpost karikierte, bekam er zwischen seine schwarzen Locken zwei Hörner und hinten einen Schwanz.

Ein anderer Fall demonstriert anschaulich, wie Kinder in den 50-er Jahren manipuliert wurden. Im Frühsommer wurden wir von der Schule in die Kartoffelfelder geschickt, um die Kartoffelkäfer zu sammeln. Die Parole hieß: ‚Geh weg, du böser amerikanischer Käfer’. Man hat uns erklärt, dass die niederträchtigen Amerikaner nachts über unsere Felder fliegen und die Käfer abwerfen, um unsere Ernte zu vernichten. Wer die meisten Käfer in ein Glas einsammelte, wurde auf einer überdimensionalen Schultafel mit Lob erwähnt. Als es mein Vater davon erfuhr, hatte er nur seine Augen verdreht und gestöhnt: „Ach Gott, so weit haben wir es schon gebracht“.

Regelmäßig wurden die Kinder in der Schule befragt, ob die Eltern zufrieden mit dem Unterricht in der Schule seien. Einige Eltern sind so unbewusst von Kindern denunziert worden. Entsprechend unseres Alters hatte uns die Schule massiv beeinflusst. Bei den Kleinen hatte man auf die Vorstellungskraft gesetzt. Zum Beispiel saß ein immens dicker Kapitalist auf einem Sack voll mit Dollars, trug einen Zylinder und rauchte genüsslich eine dicke Zigarre. Als Kinder hatten wir an dieses dümmliche Symbol geglaubt, bevor wir uns nicht von einem anderen Bild überzeugen konnten, zum Beispiel insgeheim das westliche Radio und später das Fernsehen eingeschaltet hatten.

Irgendwann in 1950 hatte ich das erste Paket von meiner Tante Viola aus Israel bekommen. Darin waren orange aussehende Früchte. Begeistert setzte ich mich in eine Ecke und wollte die bitter schmeckenden Früchte verspeisen. Meine Mutter klärte mich auf, dass es sich um Apfelsinen handelte, die man schälen müsse. Es ist mir noch heute im Gedächtnis haften geblieben, dass ich über eine halbe Stunde an einem Stück dieser exotischen Frucht begeistert rumlutschte. Als nächstes Geschenk kam dann eine Kinderflieger-Uniform aus Leder. Als ich in der Uniform in die Schule kam, standen die Mitschüler ‚Spalier’. Jeder wollte von da an mein Freund sein. Ich stieg in der Hierarchie steil nach oben.

In den nächsten drei Jahren besuchte ich eine weiterführende Schule in Frýdlant, dort befindet sich die berühmte Burg Wallenstein. Den Begriff ‚Gymnasium’ hatte man abgeschafft. Jeden Tag fuhren wir mit dem Zug und mussten einmal umsteigen. In dem Zugabteilung hatten wir ständig unseren Verstand trainiert – d. h. wir hatten während der ganzen Fahrzeit Karten gespielt. In der Mittagspause bekamen wir Schüler aus Haindorf eine Suppe. Ich glaube, sie hat 2,50 Kronen gekostet. Diese Summe hatte sich bei uns als eine sogenannte ‚Suppen Währung’ eingeprägt. So zum Beispiel spielten wir mit dem Begriff: „Ich habe noch drei Suppen“.

Das liebe ungeliebte Schülerbüchlein war der Feind aller Schüler. Dieses verkrumpelte, mit einzelnen Tintenflecken bereicherte Teil war eine Art von Schülervisitenkarte und konnte nichts verbergen. Meine Noten darin waren tadellos, allerdings die Eintragungen unter der Rubrik ‚Bemerkungen’ hatten mich nicht mit Ruhm bekleckert. Hauptsächlich die präzise Wiedergabe meiner Vergehen war verblüffend. Da stand: ‚Er spielt auf dem Klavier mit dem linken Fuß’ oder ‚Er nennt seinen Lehrer mit dem Vornamen Vaclav’. Die schönste Eintragung, mit der ich bei Mitschülern gepunktet hatte, war: ‚Kniend erklärte er die Liebe seiner Tschechisch-Lehrerin, Fräulein Laskava´. Natürlich passierten alle Vergehen in der Pause. Ich muss dazu ganz ehrlich bemerken, ich hatte viel Pech. Ich stellte mir oft die Frage: Warum hatte es fast immer mich erwischt? Anscheinend war ich nicht raffiniert genug, um unentdeckt zu bleiben. Meine Eltern mussten jede Woche diese Eintragungen unterschreiben. Ich stellte bald fest, dass die Unterschriften meiner Eltern zu kompliziert waren, um diese zu fälschen, obwohl ich fleißig geübt hatte. Die Eintragungen waren zur Zeit des Geschehens für mich nicht sehr witzig, aber später lachte darüber die ganze Familie. Am Ende des Schuljahres hatte ich in allen Fächern jeweils eine 1 und im Betragen eine 2 – na da war ich ja noch mal glimpflich weggekommen.

„Liebe Genossinnen und Genossen, der Parteisekretär ist voller Lob, dass die Werktätigen in unseren Betrieben den Fünfjahres-Plan bislang auf 120 % erfüllt haben“. Die Gemeinde-Lautsprecher dröhnten laut ein aufmunterndes, kommunistisches Lied. Es knackte und folgte eine stotternde Stimme, die Ansagen über Versammlungen und Veranstaltungen machte. Jetzt kam Volksmusik an die Reihe. Die Stimme räusperte sich und es wurden die besten Schüler des Jahrgangs verlesen, die auf diese Weise gelobt wurden. Vater hatte immer zugehört und stets ein verklärtes Gesicht offenbarte, dass auch mein Name unter der Rubrik „beste Schüler“ vorgelesen wurde. Ab und zu wurden seine Augen feucht.

Damals in den 50-er-Jahren gab es in jedem Bereich Mängel, so auch an qualifizierten Lehrern. Ich weiß nicht, ob an anderen Schulen auch so kuriose Lehrer unterrichteten, wie bei uns. Unser Physiklehrer, Herr Zelenka, war ein richtiges Unikum. Eines Tages schaute der kleine, dickliche, glatzköpfige Zelenka in sein Heftchen und rief: „Zelenková (Erklärung: hierbei handelte es sich um seine Tochter) kommen sie zur Tafel und lösen sie die Aufgabe!“ Die kleine Zelenková wurde rot, denn sie konnte mit der Aufgabe nichts anzufangen. Daraufhin erwiderte Zelenka empört: „Ich merke schon seit einiger Zeit, dass sie nichts lernen. Sagen sie Ihrem Vater, dass ich ihn ernsthaft sprechen möchte“. Die ganze Klasse johlte vergnüglich. Einige Male brachte Prof. Zelenka ein Schachspiel mit und stellte es auf seinen Tisch. Die Figuren wurden von ihm so aufgestellt, dass bei geschicktem Springen nur der König in der Mitte übrig blieb. Zelenka versprach jedem, der das schaffen würde, eine Note 1. Das Schachspiel hatte mir mein Vater beigebracht, bereits schon lange bevor ich in die Schule kam. Nach ein paar Monaten hatte ich ihn im Spiel geschlagen und mein Vater verlor die Lust mit mir zu spielen. Also, die Voraussetzungen waren für mich gut, ich setzte mich nach vorne und versuchte die Positionen der Schachfiguren aufzuschreiben. In der nächsten Stunde meldete ich mich. Es gelang mir die Aufgabe zu lösen, dass nur eine Figur, außer dem König, stehen blieb. Ich bekam von Zelenka ein dickes Lob und eine 1. In der nächsten Stunde kam Zelenka zu mir und sagte: „Ich hatte mich zuerst gewundert, dass du dich nach vorne gesetzt hast. Wegen Betrugs sollte ich dir eigentlich eine 5 geben. Aber, da du so pfiffig warst, bekommst du eine 3, die 1 streiche ich wieder“. Ein paarmal erlebten wir Prof. Zelenka sehr wütend. Er mochte unser Physikbuch nicht. Er hatte sich zum Beispiel eine ‚raffinierte‘ Variante des Archimedischen Prinzips ausgedacht: Auftrieb eines Körpers (nach Zelenka Körpers C) gleicht dem Gewicht (nach Zelenka Gewicht W) von ihm verdrängter Flüssigkeit (nach Zelenka Flüssigkeit A) usw. Er wollte das Buch umschreiben. Armer Prof. Zelenka, armes Fräulein Zelenková.

Unser Lehrer Vodička hatte unter anderem Astronomie unterrichtet. Ja, wir hatten sogar ein kleines Planetarium. Der Unterricht fand abends statt und da war Vodička meistens bereits angetrunken. Er zeigte einen Himmelskörper und lallte: „Schischt du den Stern, du Lausschbub?“ Wir hatten immer unseren Spaß mit ihm.

In der Glaubenslehre bestand meine Familie aus einer kuriosen Mischung, mein Vater war katholisch, meine Mutter jüdisch, der Sohn, also ich, war vom Staat zum Atheismus gezwungen worden. Wie schon Lenin sagte: „Religion ist Opium der Menschheit.“ Dem Zitat nach musste ich vollgepumpt sein mit Drogen.

Die Zeit der schlimmsten kommunistischen Willkür war noch nicht in allen ‚Ecken’ des Landes angelangt. Eine einigermaßen funktionierende Kirche in Heindorf führte dort ein ärmliches Dasein und mit Stolz zelebrierte man dort die Kommunion der Kinder der Gemeinde. Die Wallfahrtskirche erhielt aufgrund der historisch kulturelleren Bedeutung auf diese Weise bestimmte Privilegien. Die Vorbereitung auf dieses Ereignis ist mir aus dem Gedächtnis entfallen. Die Kommunion an sich habe ich nicht in guter Erinnerung. Meine Mutter ließ mir für diesen besonderen Tag einen Anzug mit Pumphosen nähen. Schon bei der Anprobe schwor ich mir diese Hose keinesfalls anzuziehen. Es kam anders, ich verlor. Die Hosen waren sehr breit geschnitten und unter den Knien befestigt. Meine Waden ragten unten wie zwei dünne Stängelchen heraus. Ich sah jämmerlich aus. Dazu musste ich noch eine gewaltige Kerze halten und freundlich lächeln. Dieser optische Zustand drückte stark auf mein Selbstwertgefühl, aber da musste ich durch. Aber auch das ging vorbei, danach schmückten diese schrecklichen Hosen nie mehr meine dünnen Beinchen.

Wie bereits erwähnt, hatten wir die Fahrt mit dem Zug zur Schule genützt, um unseren Geist zu trainieren und spielten eine tschechische Abwandlung des Schafskopfs. Um uns auch während des Unterrichts ungestört fleißig zu schulen, saßen ich und meine Freunde meistens in der hinteren Reihe des Klassenzimmers. Zelenka hatte uns dabei natürlich erwischt. Er war nicht so verärgert, wie wir zuerst annahmen. Er meinte, dass Kartenspielen den Verstand schärfen würde, man sollte das allerdings nur außerhalb der Schule spielen. Das mussten wir wohl einsehen.

Die pubertäre Zeit hatte mich mit voller Wucht erwischt. Den Verstand hatte ich zu dieser Zeit völlig ausgeblendet. Ich wollte unbedingt ein erotisches Abenteuer erleben. Die Gelegenheit bot sich mir rascher als erwartet. In das Haus auf der anderen Seite unserer Straße zog ein attraktives weibliches Wesen ein, das sicherlich fast doppelt so alt war wie ich. Mich störte es nicht, im Gegenteil. Seit ich sie zum ersten Mal gesehen hatte, war mein Leben aus den Fugen geraten. Tagsüber versuchte ich sie unauffällig, eher aber auffällig, möglichst oft zu treffen. In meinen Vorstellungen glorifizierte ich sie – nachts hatte ich feuchte Träume. Und dann, unerwartet, geschah ein Wunder. Dieses himmlische Wesen hatte mir eines Tages angedeutet, ich möge sie spät abends besuchen. Dabei zwinkerte sie mir mit ihren großen, dunklen Augen zu, in denen ich fast ertrank. Zu der angegebenen Stunde, als die ganze Straße schlief, stieg ich aus dem Fenster meines Zimmers und schlich mich zu meiner Angebeteten in ihre kleine Wohnung. Sie erwartete mich und ging professionell sachlich zu Werke, ohne jegliche von mir erwartete Liebesbekundung. Meine naive Seele zerbrach. Ich flüchtete wieder durch das Fenster in mein Zimmer und zitterte am ganzen Körper.

Etwa ein Jahr später sah ich sie einen Kinderwagen vor sich schiebend. Meine ehemals glorifizierte Muse sah ordinär, abgespannt, gewöhnlich aus. Mir war ein Stein vom Herzen gefallen, dass dieses fast Abenteuer ohne Folgen an mir vorübergegangen war. Zur Feier des Dankes trank ich ein Gläschen von Vaters ausgezeichnetem Obstwein.

In den 50-er Jahren war es leider nicht so lustig, wie ich es bisher zeitweise schilderte. Alkohol, insbesondere Bier, blieb während des Kommunismus ziemlich billig, da die Politiker nicht wollten, dass das Volk nüchtern blieb und über seine Misere nachdenken konnte.

Intellektuelle, die nicht zum Verherrlichen des Systems beigetragen hatten, durften ihre Berufe nicht ausüben. So zum Beispiel wurden Werke dem Regime untreuen Schriftsteller und Dichter nicht veröffentlicht, Kunstwerke unbequemer Autoren nicht ausgestellt. Überall herrschte eine gnadenlose Zensur. Um finanziell über die Runden zu kommen, waren diese Dissidenten gezwungen, in Fabriken als Hilfsarbeiter zu arbeiten. Der spätere Präsident Vaclav Havel war in diesen Jahren als Heizer tätig. Nicht selten endeten diese Menschen mit Selbstmord, da sie ihre Situation als ausweglos betrachteten. Über die tragischen Schicksale der aufrichtigen Intellektuellen konnte man in dem antikommunistischen Radio-Sender ‚Freies Europa‘ erfahren, der damals in der Tschechoslowakei verboten war. Mein Vater und ich, ich war im zarten Alter von 11 Jahren, hatten diesen Sender regelmäßig gehört. Vater fungierte als Aufklärer der Nachrichten, die ich nicht verstanden hatte. Auf diese Weise begann meine erste politische Unterweisung. Übrigens, das Radio hatte er selbst zusammengebaut.

1952 gab es in der Tschechei die berühmtberüchtigten ‚Slánský Prozesse’. In diesen Schauprozessen wurden Slánský, mit weiteren zehn Angeklagten, hochrangigen Parteifunktionären, des Hochverrats angeklagt, zum Tode verurteilt und hingerichtet. Die meisten Delinquenten, wie auch Slánský, mit jüdischen Namen Salzmann, waren Juden. Antisemitismus spielte in diesem Prozess eine wichtige Rolle. Erst 1968 wurden sie post mortem rehabilitiert. Ich erinnere mich noch heute mit Schaudern an die Stimme des Hauptklägers, die schrill, wie die Stimme von Goebbels, klang. Diese Geschehnisse verfolgte ich im Rundfunk mit Vaters Kommentaren sehr aufmerksam. Es wurden damals Feindbilder kreiert, Sündenböcke für das Versagen des Regimes erfunden. Dümmliche Begriffe, wie ‚internationaleimperialistisch-zionistische‘ Organisationen, ‚Wallstreet Finanzhyänen‘, ‚Bonner Marionettenstaat‘, etc. wurden in der kommunistischen Propaganda strapaziert. Ich hatte mithilfe meines Vaters gelernt; zwischen Gut und Böse zu unterscheiden.

Nicht selten verschwanden in unserer Umgebung irgendwelche Menschen spurlos. Man hatte gemunkelt, dass sie wegen Bagatellen in Gefängnissen eingesperrt wurden. Jeder hatte Furcht! Bevor die Bevölkerung begann, gegen das Regime zu schimpfen, war es üblich, dass man die Fenster schloss, um nicht abgehört zu werden. Man hatte Angst vor Nachbarn, ja sogar vor den eigenen Verwandten! Für mich war es lange nicht verständlich, wieso intelligente, gestandene Persönlichkeiten sich so fürchteten - ich war wohl noch zu jung, um das nachvollziehen zu können. Mein Vater hatte mich konsequent gegen dieses unmenschliche System erzogen.

Mit ungefähr 10 Jahren begann ich intensiv Sport zu treiben. Meine Domänen wurden in späteren Jahren Sprint und Weitsprung. Ich war sicherlich nicht untalentiert und habe so später einige Erfolge erzielt. Von den leichtathletischen Ereignissen, die ich aufmerksam verfolgte, hatte mich jedoch der Stabhochsprung am meisten fasziniert. Mein Vater, der selbst in seiner Jugend ein guter Läufer war, ließ mir eine Fuhre Sand in den Garten kommen und das, ohne mit den Wimpern zu zucken. Es folgten zwei Ständer und ein Einsteckkasten. Er hatte diese Ausrüstung selbst nach Regeln aus der Fachliteratur hergestellt. Jetzt fehlte uns noch ein Stab. Wir fuhren nach Reichenberg und hatten tatsächlich einen Bambusstab gefunden und diesen sofort gekauft. Und dann fing es an. Mit ein paar Freunden hatten wir uns theoretisch und praktisch in dieser damals außergewöhnlichen Disziplin versucht. Wie bereits erwähnt, besaßen wir einen sehr großen Garten. So war die Länge des Anlaufs kein Problem. Die ersten mitleidigen Zuschauer unserer sportlichen Anstrengungen waren mein Vater, unser Hund und die Katze des Nachbarn. Wir gaben nicht auf, auch wenn die Erfolge unserer Anfänge jammervoll waren. Nach mehreren Trainingsmonaten aber waren wir bereits richtig gut, wir übersprangen schon 2,50 m und später sogar fast 3,00 Meter. Zu dieser Zeit interessierten sich vorbeigehende Passanten für unsere Leistungen. Sie blieben öfters stehen und applaudierten. Vater war sehr tapfer, als er sah, wie seine geliebten Obstbäume in der Nähe der Anlage von uns in Mitleidenschaft gezogen wurden. Als mir dann noch einfiel, den Mehrkampf mit Kugelstoßen in unser Trainingsprogramm zu nehmen, begann mein Vater richtig zu leiden. Jede Einkerbung in den Baumstämmen seiner geliebten Obstbäume, die von uns Jugendlichen durch die Kugeln verursacht worden waren, wurde sorgfältig ausgebessert. Es gab auch diesmal wieder keine Proteste meines Vaters, er war stolz auf meine sportlichen Leistungen. Irgendwann hatte ich mich dann einem Sportverein angeschlossen und so meinen Vater von seinen Qualen befreit.

Bislang habe ich meine Mutter bislang nur am Rande erwähnt. Als junge Frau war sie angeblich eine gute Skiläuferin und spielte, man würde es kaum glauben, für die Slowakei-Damen Wasserpolo, das damals schick war. Sie war sehr liebenswert und zurückhaltend – wie es sich in der damaligen Zeit gehörte. Ich erinnere mich, wenn ich als Kind etwas ‚ausgefressen’ hatte, dass ihr kräftiger Armschwung zu einer Ohrfeige vor meinem Kopf plötzlich stoppte. Sie brachte es nicht übers Herz, mich zu schlagen. Besonders spaßig fand ich es, wenn bei unseren ‚Auseinandersetzungen’ sich mein Foxterrier zwischen uns stellte, die Zähne fletschte und kläffend sich gegen meine Mutter aufbäumte. Sie fand das nicht so lustig.

Während meiner Gymnasialzeiten befasste ich mich sehr intensiv mit Sport. Ich trainierte fast täglich. Meine Domäne war der Sprint. Ich war ein schmales, schlaksiges Kerlchen. Durch meine schnelle Reaktionszeit beim Start, wurde ich der Schnellste aller Jugendlichen der Republik. In einem internationalen Leichtathletik-Meeting in Prag lief ich damals gegen den deutschen Meister Heinz Fütterer im 100-Meterlauf und belegte den 2. Platz. Als meine Sportleistungen sogar in den Zeitungen gewürdigt wurden, waren beide Eltern sehr stolz auf mich.

Zum Ende der 50er Jahre verbrachte ich möglichst viel Zeit mit meinen Eltern, um mich vom Stress der Schule und des Sports im heimeligen Refugium zu erholen. Zwischen meinen Eltern bemerkte ich eigentlich kaum jemals Unstimmigkeiten, bis auf einen Vorfall, der sich eher humorvoll darstellte. Vater war technisch sehr versiert. Schon nach dem Krieg hatte er eine Waschmaschine gebaut. Er besorgte sich einen Motor, ein Gehäuse und fertige eine große starke Schraube an, die ähnlich einer Schiffsschraube war und das Ding lief. Wie bereits erwähnt, hatte er sogar selbst ein gut funktionierendes Radio gebastelt. Allerdings waren kleine Elektroreparaturen im Hause unter seiner Würde. So konnte er sich lange nicht entschließen, Mutters Bügeleisen zu reparieren, bis sie ihm eines Tages zornig sagte: „Wenn du das nicht in Ordnung bringst, werde ich den Nachbarn um Hilfe bitten und dir eine Schande machen!“ Daraufhin war das Bügeleisen innerhalb von ein paar Minuten repariert worden.

Die wahre Informationsquelle für viele Menschen während des Krieges, sowie auch in meiner Heimat waren nach dem Krieg der verbotene Sender ‚Freies Europa’ in tschechischer Sprache. Für das Hören dieses Senders drohten drakonische Strafen. Die Ironie des Schicksals war, dass dieser Sender von zwei unterschiedlichen totalitären Regimen, dem faschistischen und dann dem kommunistischen System total verhasst war, da er der Bevölkerung mit der Wahrheit informierte. Bei uns war es fast ein tägliches Ritual, die Nachrichten im Sender ‚Freies Europa’ zu hören.

Endlich stand ich vor dem mündlichen Abitur. Vor einer Prüfung wollten wir noch bei einem Freund in die Bücher schauen, um uns den Stoff zum Examen noch einzubläuen, aber wie es oft ist, es kam anders als geplant. Wir hatten uns noch ein wenig Mut angetrunken und das Ende vom Lied war, dass wir mit ordentlichen Promille Restalkohol im Blut zur Prüfung erschienen. Aber trotz meines dicken Kopfes verlief alles gut, obwohl Mathematik nicht gerade zu meinen Lieblingsfächern zählte. Die Prüfungsaufgaben zog man damals aus einem Hut, den die Lehrerin vor den jeweiligen Absolventen hielt. Ich fischte eine Aufgabe aus dem genannten Zauberhut, schaute sie an und stöhnte leise vor mich hin. Meine Lehrerin, die über meinen mathematischen Wissensstand nur zu gut informiert war, warf kurz einen verstohlenen Blick zu der Prüfungskommission, ob jemand zu uns schaute, riss mir den Zettel aus der Hand und mischte ihn wieder unter die anderen. Ich zog dann eine neue Aufgabe. Ob sie leichter war, war zu bezweifeln. Zu guter Letzt hatte ich erfolgreich das Abitur absolviert. Dann stellt sich die brennende Frage – was nun?

In der Zeit zum Ende der 50-iger bis Anfang der 60-iger Jahre galt die allgemeine Regel, dass nur diejenigen studieren durften, die der sogenannten proletarischen Herkunft entstammten. Dies war für mich nicht zutreffend, da mein Vater während des Krieges Gewerbetreibender, also als Handlanger der Kapitalisten, einzustufen war. Auf diese Weise wurden viele begabte Mitschüler zum Studium nicht zugelassen. Ich hatte wiederum Glück. Mein Vater spielte regelmäßig mit dem örtlichen Bürgermeister Billard. Eines Tages sagte er zu meinem Vater: „Du und dein Junge, ihr seid anständige Leute. Ich schreibe dir ein positives Kadergutachten“. (Bescheinigung über die Zuverlässigkeit und Treue gegenüber dem kommunistischen System). Diese Tat eines einfachen Funktionärs, der normalerweise mit dem System kollaborierte, öffnete mir die Tür zur Weiterbildung.

Vater hatte längst seine Prinzipien aufgegeben, die bisher hießen: „Ich bin ein Techniker, mein Sohn wird auch einen technischen Beruf studieren“. Vielleicht hatte er irgendwann meinen Ausreden, in denen sich ein Quäntchen Wahrheit verbarg, geglaubt. Diese hörten sich ungefähr so an: „Ich hatte nur Mathe-Lehrerinnen, die mir den Stoff nicht gut erklären konnten“, oder ähnliche Kommentare sollten mich vor einem technischen Beruf schützen.

Ich wollte Sport studieren, was meine Eltern rigoros ablehnten. Als Kompromiss ist mir dann die Kombination Medizin und Sport eingefallen. Die Aufnahmeprüfungen an der Karls-Universität in Prag dauerten fast eine komplette Woche. Unter anderem wurde auch die allgemeine politische Bildung abgefragt. Ich hatte wieder Glück, denn ich hatte bereits Wochen zuvor die wichtigste Zeitung ‚Rudé Právo‘ (= rotes Recht) ausführlich studiert. Eigentlich war es gleich, welche Zeitung man gelesen hatte, in allen stand in verschiedenen Formulierungen immer der gleiche Inhalt. Ich war also fit in allen Belangen und wurde aufgenommen. Von 400 Bewerbern hatten es nur 80 geschafft.

Meine Eltern platzten vor Stolz!

Kapitel 6

Prag war zuerst für mich ein riesiger Moloch, der alles schluckte. Auch mich! Die Vorstellung, dass die einzelnen Fakultäten der Karls-Universität sich in jeweils einer Lokalität befinden, ist total falsch. Die Vorlesungs- und Seminarräume oder Laboratorien waren überall in Prag verstreut. Ich bin natürlich am Anfang überall zu spät gekommen und stand meistens vor verschlossenen Türen, da einige Professoren den Studenten 15 Minuten nach Unterrichtsbeginn den Zugang zu den Räumen versagten. Aber mit der Zeit bekam ich die günstigsten Verkehrsverbindungen der Straßenbahnen heraus. Die U-Bahn konnte ich damals noch nicht genießen, denn sie wurde erst in den 70-er Jahren gebaut. Dann setzte ich Prioritäten, welche Veranstaltungen wichtig für mich waren, oder was ich mir selbst mithilfe von Fachliteratur beibringen konnte. So klappte es dann mit meinem Zeitmanagament.

Zusätzlich interessierten mich noch zusätzliche Gebiete, wie Philosophie, therapeutische Psychologie oder Krankengymnastik. Trotz der finsteren Epoche der kommunistischen Willkür begegnete ich fundierten Professoren, die geschickt waren, den Repressalien des Regimes aus dem Weg zu gehen.

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