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Kontrolle

Frank Westermann

Kontrolle

Der Anfang einer utopischen (?) Geschichte

Band 1 der Serie »Andere Welten«

FUEGO

- Über dieses Buch -

 

ERDE I

Ich glaub, dies war das Schlimmste, was die menschliche Zivilisation bisher durchgemacht hatte. Und das Übelste an der Sache war, dass man diesem Chaos, diesem gigantischen Unterdrückungsapparat nicht entkommen konnte. Früher hatte es immer Auswege gegeben, Fluchtmöglichkeiten, die von Minderheiten, Unterdrückten und Außenseitern mehr oder weniger genutzt wurden. Auswege gab es nicht. Hier existierte nur diese einzige, riesige Stadt - drum herum erstreckte sich Steinwüste, Unfruchtbarkeit und Leblosigkeit. Und es gab meines Wissens keinen Flecken auf der Welt, der sich wesentlich von dem beschriebenen Bild unterschied. Und falls dies nur Propaganda war, konnte man es nicht überprüfen ...

 

ERDE II

»Keine Angst«, versuchte ich ihn zu beruhigen. »Ich will nur versuchen, unsere Situation zu erklären.«

»Was soll dann die Waffe? Ihr wißt genau, daß ich ungeschützt bin«

»Mann, wir wissen überhaupt nichts!« schrie jemand hinter mir.

»Wir kommen von einer anderen Wahrscheinlichkeitsebene. Darum wissen wir über nichts Bescheid«, sagte ich und hoffte, dass das gleichzeitig eine Erklärung war.

»Wahrscheinlichkeitsebene...?« Der Alte sah mich ungläubig an. »Na, das ist natürlich was anderes. Aber ihr müsst wissen, ich kenne mich in derTheorie nicht so aus.«

»Ich auch nicht«, sagte ich leise ...

 

Well man created the cardboard box to sleep in

And man converted the newspaper to a blanket

Well you have to admit that he's come a long way

Since swinging about in the trees

We're the smartest monkees

 

XTC - »The Smartest Monkees«

Vorwort zur E-Book-Ausgabe

Wer hätte das gedacht? 38 Jahre nach dem ersten Erscheinen von »Kontrolle« kommt nun eine E-Book-Ausgabe heraus. Als ich mit 25 Jahren anfing, dieses Buch zu schreiben, hätte ich nicht im Traum an so eine Entwicklung gedacht. Wie auch? Internet, Smartphones und E-Bücher waren damals Science Fiction, kaum vorstellbar tauchen sie auch in diesem Buch (und allen weiteren) nicht auf.

Es fühlt sich an, als wäre ein Teil meines Lebens aufs Neue erwacht - und das sind durchaus ambivalente Gefühle. Ich weiß nicht, wie lange es her ist, dass ich zum letzten Mal in »Kontrolle« und den Folgebänden der Serie »Andere Welten« geblättert habe. Ab und zu stechen sie mir ins Auge, wenn mein Blick zufällig auf die letzten gedruckten Exemplare im Bücherregal fällt.

Als Friedel Muders von Fuego mich vor ca. einem Jahr anrief mit dem Vorschlag, die Serie nach und nach als E-Bücher »auf den Markt« zu bringen, habe ich spontan eingewilligt. Warum auch nicht? So »überleben« sie immerhin und sind weiterhin für interessierte Leserinnen und Leser erhältlich. Andererseits kamen mir auch Zweifel: Sind sie überhaupt inhaltlich noch aktuell? Haben sie Menschen in der heutigen Zeit noch etwas mitzuteilen oder ist das Ganze nur ein nostalgischer Trip in die Vergangenheit? Immerhin war ich mir schon lange sicher, dass ich die Bücher heute so auf keinen Fall mehr schreiben würde, und hatte mich oft sehr zurückhaltend geäußert, wenn die Sprache darauf kam. Sind sie also »nur« Dokumente der Zeitgeschichte, die heute darüber hinaus keine Bedeutung mehr haben?

Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht. Das mögen die Leserinnen und Leser selbst entscheiden.

Eine weitere Hürde stelle sich mir in den Weg, als ich »Kontrolle« auf Friedels Wunsch hin noch mal Korrektur lesen sollte. Wie würde es mir ergehen, alles wieder Revue passieren zu lassen? Würde nicht der Drang über mich kommen, Formulierungen zu verändern, Neues einzufügen, ja, alles umzuschreiben? Würde mir manches nicht heute ausgesprochen peinlich sein bzw. geradezu unleserlich? Friedel warnte mich davor und bestand darauf, wirklich nur Rechtschreibfehler/Zeichensetzung zu korrigieren - die meiste Arbeit hatte er in dieser Hinsicht sowieso schon geleistet (Stichwort: Satzerfassung und neue Rechtschreibung).

Im Nachhinein kam es genauso, dass es nur die Alternative gab, alles neu zu schreiben oder nur die Fehler zu verbessern. Und dabei ist mir klar geworden, dass ich inhaltlich gar nicht so viel ändern würde, der Stil und viele Formulierungen dagegen ... (s.o. von wegen »peinlich« etc.)

 

Nun ist es also fertig und auch die nachfolgenden vier Bände der Serie werden nacheinander erscheinen. Bin ich trotz aller Unzulänglichkeiten stolz darauf? Ja. Und ich hoffe, indem die Bücher so einem ganz neuen Publikum zugänglich werden, dass die eine oder der andere auch heute noch an dieser Science Fiction-Abenteuergeschichte mit sozialpolitischem Hintergrund Gefallen findet und vielleicht sogar durch irgendeine Passage zum Nachdenken angeregt wird. Und was den politischen Hintergrund angeht, ist eventuell 1978 gar nicht so weit von 2016 entfernt und ebenfalls nicht vom Ausgangspunkt der Zukunft, die in »Kontrolle« beschrieben wird.

Können wir uns eine bessere Zukunft vorstellen? Ich hoffe es. Auch wenn sie sicherlich nicht so aussehen wird, wie sie hier und in den weiteren Büchern beschrieben ist.

 

Mein Dank geht an Friedel Muders, der dieses Projekt (fast) im Alleingang hat Wirklichkeit werden lassen sowie an alle ehemaligen und zukünftigen Leserinnen und Leser und natürlich auch an alle, die damals mitgeholfen haben, diesen 5-bändigen Zyklus in die Tat umzusetzen.

 

Frank Westermann, März 2016

 

 

 

 

 

 

 

 

To be or not to be – Shakespeare

To be is to do – Rouseeau

To do is to be – Sartre

Dobe dobe dobe do – Frank Sinatra

Klospruch, gesehen in Irland

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ähnlichkeiten festzustellen mit lebenden,

toten oder noch nicht lebenden Personen,

bleibt dem Leser überlassen.

 

We went in low and hit 'em hard

The leathernecks were our rear guard

Audie rode the armoured cars

Between us, between us

 

Streetwalkers - »Between Us«

I. Teil

Rückendeckung

 

And if you can't be with the one you love

Love the one you're with

 

Crosby, Stills, Nash & Young - »Love The One You're With«

1.

Als ich die polternden Schritte hörte, war mein erster Gedanke, dass ich mit der Alarmleine wohl Mist gebaut hatte. Dass ich trotzdem aufgewacht war, verdankte ich nur der Gleichgültigkeit der staatlichen Ordnungshüter. Ich entschuldigte die Panne vor mir selber damit, dass ich eben keine Erfahrung in solchen Vorsichtsmaßnahmen hatte.

Ich hatte aber auch keinen Grund, in Panik zu verfallen. Die Bullen hatten kein besonders großes Interesse daran, jemanden wie mich zu schnappen. Denn das bedeutete für sie nur Arbeit und Scherereien.

Ich raffte also meine paar Klamotten zusammen - auch die Bücher und das kleine Abspielgerät - ließ die Taschenlampe kurz aufleuchten und schwang mich aus dem Fenster. Außer Abfall lag jetzt nichts mehr in dem verlassenen Gebäude.

Ich rappelte mich hoch und rannte einige Schritte über den steinigen Hof, bis ich die Straße erreichte. Die Cops würden wohl noch einige Zeit damit verbringen, die Ruine zu durchsuchen, in der ich die letzten Tage und Nächte verbracht hatte. Ich sah den Gleiter in einiger Entfernung stehen. Der Fahrer hatte sich lässig im Sitz zurückgelehnt und paffte irgendein Halluzinogen. Ich hatte keine Angst, dass er mich entdecken könnte.

Andererseits war ich ziemlich sauer, dass sie mein Versteck aufgespürt hatten. Denn in der Stadt fand man wohl kaum noch so ein Quartier. Und dabei handelte es sich um eine reine Routinekontrolle! Wieso mussten sie da gerade auf diesen Sektor verfallen?

Scheiße! Und ich hatte so ein Glück gehabt. Sonst wurde man draußen oft von alten Pennern belästigt, oder irgendwelche Banden machten die Gegend unsicher. Hier war es wenigstens ruhig gewesen.

Es war stockduster. Die paar Straßenlampen funktionierten natürlich nicht. Entweder waren sie sowieso kaputt oder sie waren von allen möglichen Geschossen außer Betrieb gesetzt worden. Mond und Sterne schienen heute den gleichen Bedingungen zu unterliegen.

Ich packte mir den Beutel mit meinen Sachen über die Schulter und schlug die Richtung zur Stadt ein. Zumindest vermutete ich sie in dieser Richtung. Ich hatte Mühe, nicht über den herumliegenden Müll zu stolpern. Dass es auch noch andere Hindernisse gab, merkte ich schon nach fünf Minuten.

Ich fiel der Länge nach auf die Fresse. Die Straße hatte hier ein Loch. Ich verfluchte den letzten Krieg und mit ihm wieder mal die ganze verdammte Gesellschaft mit allem, was dazugehörte. Ich war mir nun auch gar nicht mehr sicher, dass ich den richtigen Weg zur Stadt eingeschlagen hatte. Die Außenbezirke kannte ich nur wenig, weil es gefährlich war, sich hier herumzutreiben.

Die letzten Tage hatte ich fast ausschließlich in der Häuserruine verbracht - mit lesen, Musik hören, zeichnen und überlegen. Zu essen hatte ich genug dabei. Die Dosen erwärmten sich von selbst. Ich konnte noch nicht abschätzen, ob mir die Zurückgezogenheit was gebracht hatte. Das würde sich wohl erst später zeigen.

Ich ging also noch vorsichtiger weiter. In die Stadt wollte ich schon, da ich absolut keine Lust hatte, mir die Nacht irgendwo draußen um die Ohren zu schlagen. Zum Glück war es einigermaßen warm und es regnete nicht, obwohl ich wusste, dass hier draußen die Wetterkontrolle oft ausfiel.

Ich wollte gerade meine Marschroute ändern, als ich in der Ferne die Lichter der Stadt entdeckte. Aber das beruhigte mich auch nicht besonders, im Gegenteil. Ich konnte die Stadt nicht ausstehen. Ich spürte den Lärm und die Hektik bis hierher. Aber ich hatte eben keine andere Wahl. Ich ging etwas schneller, damit ich nicht in letzter Minute noch auf irgendwelche unliebsamen Nachtwanderer traf.

Ich hatte die Brücke schon erreicht - ein Symbol der Trennung der Stadt von draußen - und die ersten Wagen zischten an mir vorbei, als ich von hinten einen Stoß bekam, der mich fast zum zweiten Mal in dieser Nacht zu Fall gebracht hätte.

»Haste Feuer?«, fragte mich ein Typ, als ich mich umgedreht hatte.

Ich verneinte. Ich hatte furchtbare Angst. Meine Beine schlotterten, und ich lehnte mich gegen das Brückengeländer. Dabei sah ich mich vorsichtig nach allen Seiten um, weil ich erwartete, dass er nicht allein gekommen war. Gleichzeitig schielte ich zum anderen Ende der Brücke, wo die ersten bewohnten Häuser standen, um eine Fluchtmöglichkeit auszuspähen.

»Hey, ich will dir nichts tun, Brother«, versuchte der andere mich zu beruhigen.

Er hatte ne komische Mütze auf und trug reichlich zerfledderte Klamotten. Sein Gesicht hielt er geschickt aus dem Licht der Brückenlampen, sodass ich kaum etwas erkennen konnte.

»Wo willst du hin?«, fragte er neugierig.

»In die Stadt«, antwortete ich einsilbig. Er schien mir nun doch harmloser zu sein, als ich zuerst angenommen hatte. Jedenfalls sah es nicht so aus, als wollte er mir eins über den Schädel ziehen.

»Okay. Ich komme ein Stück mit runter, obwohl ich die Gegend nicht gut ab kann.«

Ich fand, dass er einen merkwürdigen Slang sprach, den ich nicht richtig einordnen konnte. Seinen Vorschlag fand ich natürlich überhaupt nicht toll, und er wusste das auch, denn ich bemerkte, dass er grinste. Für einen kurzen Moment sah ich sein Gesicht, und es schien mir so verschwommen und undeutlich wie die ganze Gestalt. Ich brummte was vor mich hin und ging weiter, er neben mir her.

»Sei doch nicht so trottelig!«, fuhr er mich an. »Ich will ja nur mit jemand reden.«

»Ja, schon. Ich dachte nur erst, du wärst irgendein Typ mit dem Jolly in der Hinterhand.«

»Quatsch! Du kennst dich hier wohl nicht aus. Niemand geht hier allein auf Beute. Der andere könnte schließlich cleverer sein.«

Ich fasste allmählich etwas mehr Zutrauen, wobei auch mein Bedürfnis, endlich mal wieder mit jemandem zu sprechen, eine Rolle spielte. Ich erzählte ihm, dass ich nur drei Tage draußen gewesen war, und mir die Regeln hier tatsächlich ziemlich fremd waren.

»Da hast du ja ne ganze Portion Glück gehabt«, meinte er. »Wenn man draußen nicht Bescheid weiß, …«

Er hielt mich plötzlich fest. Wir waren am anderen Ende der Brücke angelangt.

»Ich geh nicht weiter«, sagte er aufgeregt. Ein andermal vielleicht. Ich hab heut kein Glückstag, siehst du …«.

Er fischte irgendetwas aus seiner Jackentasche und warf es in die Luft. Als er es wieder auffing, zitterte er.

»Negative Gefühle. Das wusste ich.«

Ich verstand zwar nichts, aber egal. Ich wusste nur, dass er umkehren wollte. Er nahm mich plötzlich in die Arme und drückte mich, dass mir fast die Luft wegblieb. Ich hatte das Gefühl, als würde ich in einen Strudel gerissen. Instinktiv wehrte ich mich, und er ließ mich ebenso schnell wieder los.

»Wir sehen uns!«, rief er.»Irgendwo, irgendwann …«

Und als ich noch erstaunt und starr wie ein Stück Beton dastand, verschwand er unter der Brücke.

Ich musste zugeben, dass mir die Begegnung ganz schön zugesetzt hatte. Um mich zu erholen, setzte ich mich auch für eine Weile unter die Brücke. Der Fluss war schon lange verpufft und hier gab's nur Gestank und Abfall.

Ich spürte, dass ich am liebsten mit dem Typ gegangen wäre und nun saß ich reichlich bedeppert hier herum. Es musste ungefähr Mitternacht sein. Meine Uhr war beim Sturz vorhin kaputt gegangen. Über mir hörte ich das Brummen der Wagen und Gleiter, die von der Kreuzung aus Hightown kamen. Ich konnte mich auf nichts konzentrieren, geschweige denn das Erlebnis irgendwie verdauen. Ich rappelte mich also wieder auf, steckte ein Stück Plog zwischen die Zähne und marschierte weiter, dem bunten Lichterdschungel entgegen.

 

Love is a sleeper locked in a room

Waiting for someone to waken it

Holding a key for a heart that's immune

Frightened it's not really making it

 

Family - »Love is a Sleeper«

2.

Fast übergangslos landete ich in dem Gewirr von dröhnendem Lärm, schreienden Leuten und flimmernden Farben. Neben mir donnerte plötzlich der Lautsprecher einer Musikbox los, und die Leute um mich herum fingen an, wie wild auf der Straße herumzutanzen. Ich musste mich schon in den ersten Minuten bemühen, nicht total auszuflippen.

Ich hatte nämlich noch ein ganzes Stück zu laufen bis zu der Kneipe, die ich aufsuchen wollte. So richtig gemütliche, alte Kneipen gab es schon lange nicht mehr. Ich ging auch nur deswegen dorthin, weil sich da meist einige Leute aufhielten, die ich kannte. Ich hoffte, dort ein paar Freunde zu treffen und irgendwo einen Platz für die Nacht zu finden.

So schob und drängelte ich mich durch eine kreischende, wahnwitzige Menge, wurde einige Male von schwer bewaffneten Cops kontrolliert und konnte nur mit Mühe aufdringlichen Händlern und Frauen entgehen.

Ich hasste die Stadt!

Ich glaubte, dies war das Schlimmste, was die menschliche »Zivilisation« bisher durchgemacht hatte. Und das Übelste an der Sache war, dass man diesem Chaos, diesem gigantischen Unterdrückungsapparat nicht entkommen konnte. Früher hatte es immer Auswege gegeben, Fluchtmöglichkeiten, die von Minderheiten, Unterdrückten und Außenseitern mehr oder weniger genutzt wurden.

Ich hatte einige Bücher gelesen, verbotene natürlich, in denen Menschen in »demokratischere« Länder ausreisten, sich in die Natur zurückzogen oder im Untergrund in politischen Organisationen gegen Terrorregime kämpften.

Nichts von all dem war hier möglich. Nach dem letzten kurzen und schrecklichen Krieg waren nicht viele Menschen übrig geblieben - gemessen an der Bevölkerungsdichte, die vor dem großen Knall herrschte. Kaum hatten die Wissenschaftler und Politiker, die Bürokraten und Militaristen die ultimate Bombe entdeckt, gab es für sie nichts Eiligeres zu tun, als sie auch anzuwenden. Ein Bereinigungskrieg sollte wieder Platz für Investitionen machen. Der Vorteil: Die Bombe hinterließ keine Radioaktivität. Das Sterben war schmerzlos schnell, der Wirkungskreis enorm. Gegenden vom Ausmaß kleinerer Länder versanken in Sekundenschnelle in Schutt und Asche, Überlebende gab es kaum.

Der Krieg dauerte nur ein paar Tage. Dann wurde auch dem letzten hirnverbrannten, wahnsinnigen Faschisten klar, dass es keinen Zweck hatte, alle Menschen auszurotten. Denn über wen hätten sie dann das Netz der Ausbeutung auswerfen können?

Die Wirtschaft, die Technologie und der Verwaltungsapparat hatten durch den Krieg wenig Schaden genommen und erholten sich schnell, mit Ausnahme der »unbedeutenden« Staaten, die gleich völlig von der Landkarte ausradiert worden waren. Die neuen/alten Machthaber verstanden es, die alte Wirtschaftsordnung, das alte Gesellschaftssystem fast übergangslos fortzusetzen - noch perfekter und brutaler, als es vorher schon gewesen war. Sie hatten es dadurch leicht, weil sie während des Krieges alle Widerstandsgruppen systematisch zerschlagen hatten.

Das Leben jetzt konnte man entfernt mit der Welt, die Orwell in 1984 beschrieb, vergleichen, obwohl es gravierende Unterschiede gab. Die Überwachung und das gesamte Sicherheitssystem der Stadt jedenfalls funktionierten genauso, nur unauffälliger.

1984 stand natürlich auch auf der Liste der staatszersetzenden Bücher, und ich hatte Glück gehabt, dass ich wenigstens Bruchstücke hatte lesen können. Einem neutralen Beobachter wäre dort die Unterdrückung sofort aufgefallen, während die Stadt den Eindruck vermittelte, als lebten ihre Bewohner in Freiheit.

In der Tat wurde niemand gezwungen, einen erniedrigenden, dreckigen 10-Stunden-Tag in einer gigantischen Fabrik zu arbeiten. Doch dann gab's auch kein Geld, und damit auch nicht all die hübschen kleinen und großen Sachen, die man sich davon kaufen konnte. Und was anderes als kaufen und Geld ausgeben gab es nun mal nicht. Höchstens das Konsumieren des täglichen Tri-Di-Programms.

Das Leben stellte sich nicht so eintönig grau dar wie bei Orwell - es war viel bunter, schreiender. Und somit auch weniger leicht zu durchschauen. Von Kind auf wurden jedem eigene, kritische Gedanken oder Formen von Eigeninitiative ausgetrieben. Geschichtsfälschung und Medien spielten dabei eine große Rolle. So wurde praktisch das Leben vorprogrammiert, obwohl es aussah, als könnte jeder tun und lassen, was er wollte. Nur wenige hatten die Möglichkeit,diese Fassade zu durchschauen, sei es durch Zufall oder günstige Umstände.

Wer kam schon gegen eine sich überschlagende Vergnügungsindustrie, eine an allen Ecken ins Auge stechende Werbung und Mode, ein ewiges Durcheinander von Konkurrenz, Neid, Hass und Aggressionen an? Dies alles war von den Regs offiziell sanktioniert, Auswüchse und Widerstand wurden ohne Rücksicht restlos ausgetilgt.

Auswege gab es nicht. Hier, im ehemaligen Südengland, existierte nur diese einzige riesige Stadt - rundherum erstreckte sich Steinwüste,Unfruchtbarkeit und Leblosigkeit. Allein die Regs und ihre Vertrauten hielten Kontakt zu anderen Städten und Erdteilen. Und es gab meines Wissens keinen Flecken auf der Welt, der sich wesentlich von dem beschriebenen Bild unterschied. Und falls dies nur Propaganda war, konnte man es nicht überprüfen.

Bei all diesen immer wiederkehrenden Gedanken hatte ich fast im Traum die besagte Kneipe erreicht. Die Flügel der breiten Tür standen weit offen, und aus dem knallgrünen Gebäude drang ein Schwall von lauten Worten und beißendem Qualm.

Ich spähte erst mal vorsichtig hinein, um mich an das Dämmerlicht und die Rauchschwaden zu gewöhnen. Es stank nach Drogen, Schweiß und Zigaretten. Ich quetschte mich durch einen Wust von gestikulierenden, schreienden Menschen, Stühlen, Tischen und Glücksspielautomaten. Irgendjemand drückte seine Zigarette fast in mein Auge, ein anderer leerte sein Bier auf meiner Hose aus. Schimpfend und schwitzend entdeckte ich endlich im Hintergrund an einem kleinen Tisch einige bekannte Gesichter und schlängelte mich zu ihnen durch.

»Hey, Speedy!« rief jemand, und ich erkannte Yate, einen schon etwas älteren Saufbruder.

«Hallo!«, sagte ich müde und schob mich mühsam neben ihn auf die abgeschabte, rote Plastikbank.

Ich stellte den Beutel zwischen meine Füße - aus Vorsicht, falls jemand die Absicht hatte, ihn unauffällig mitzunehmen.

Die Mechano-Bedienung brachte mir ein großes, gepanschtes Bier, das mich erst mal einige Zeit in Anspruch nahm.

»Wo hast du dich rumgetrieben?«, fragte Cab.

Er beugte sich zu mir herüber, sodass ich sein tätowiertes Gesicht bald mit der Nase berührte.

»Ich war ne Zeit draußen.«

»Was?! Hast du ne Macke? Was hast du denn da gesucht?«

»Musik gehört, gelesen, nachgedacht …«

»Schön blöd!«, meckerte Yate. »Hast Glück gehabt, dass du mit heilen Knochen wieder hier gelandet bist.«

Das »Gespräch« fing an, mich total zu nerven. Aber welche Leute hatte ich hier sonst erwartet? Ich hielt also den Mund und versuchte mich etwas zu entspannen. Doch die ganze Hektik hier ließ auch das nicht zu. Yate und Cab beschäftigten sich wieder mit sich selbst, ihren Motorrädern, Glücksscheinen, Tri-Di-Filmen und Doog-Stangen.

Dann hielt mir jemand von hinten die Augen zu.

»Lucky?«, riet ich vorsichtig.

Er lachte leise, zog mich hoch und nahm mich in die Arme. Und plötzlich fiel das alles von mir ab, die Unsicherheit, die Angst, die Traurigkeit und die Müdigkeit. Ich konnte mich nur noch freuen, brachte sogar ein Lachen zustande. Ich hielt ihn krampfhaft fest und versank beinahe in seiner Umarmung. Dann drängte sich jemand anders an uns. Flie, die große, warme Flie!

»Schön, dass du wieder da bist«, sagte sie leise und küsste mich auf die Nase.

»Ich freu mich auch. Aber dass ihr hier seid …«

»Reiner Zufall«, grinste Lucky. »Wir wollten nur ein paar Knollen X abstauben. War aber nix.«

»Kommst du mit zu uns?«, fragte Flie spontan.

»Sofort.«

Ich spülte den Rest vom Bier hinunter und folgte den beiden.

Zurück ließ ich versoffene, langweilige, angepasste Typen wie Yate und Cab, aber auch Stucker, der still in einer Ecke saß, sodass ich ihn erst gar nicht bemerkt hatte und mich mit traurigen Augen musterte. Ich konnte es nicht ändern. Ein Gespräch mit ihm lag im Moment für mich nicht an.

An der Tür schloss sich uns noch eine Frau an, die auch nur mal reingeschaut hatte. Ich kannte sie nicht. Sie schien aber eine Freundin von Lucky und Flie zu sein.

Es war ziemlich spät geworden oder auch nicht - wie man's nimmt. Trotzdem war es dank der überwältigenden Beleuchtung auf den Straßen taghell. Wir versuchten, so gut es ging, dem Trubel auszuweichen und nahmen dafür auch einige Umwege in Kauf.

Flie und die andere Frau unterhielten sich lebhaft. während Lucky und ich schweigend nebeneinander hergingen.

Ich wunderte mich, dass er so ruhig war, denn gewöhnlich alberte er meist etwas herum oder versuchte ein Gespräch anzufangen. Schließlich fragte ich ihn, was los sei.

»Nicht einfach«, sagte er nachdenklich und kniff die Augen zusammen.»Ich fühle mich nur in letzter Zeit so komisch. Aber ich weiß nicht, woran das liegt. Ich bin unruhig und nervös und finde keinen Grund dafür.«

Er hörte wieder auf zu sprechen, und ich wusste auch nicht, was ich dazu sagen sollte. Ich hatte in den vergangenen Wochen viel zu wenig Kontakt zu ihm gehabt, sodass ich auch keine Vermutungen anstellen konnte, warum er unruhig war. Und dann erzählte er auf einmal was ganz anderes.

»Neulich bei der Arbeit«, fing er an - er arbeitete jetzt schon fast ein Jahr in der größten Bibliothek der Stadt, der Job war vielleicht ne Ecke besser wie so mancher andere - »du weißt ja, was ich mache, und dass ich mich nie so für die Bücher, die da rumstehen, interessiert habe. Ich bin eben der Meinung, dass das ganze Gewäsch niemandem helfen kann. Heutzutage werden kaum noch Bücher geschrieben außer Krimis, Heldengeschichten, Pornos und Love Stories. Ich habe früher einiges von dem alten Zeug konsumiert, aber ich finde, es ist einfach für heute nicht mehr interessant oder nicht anwendbar.«

Er war wieder ne Weile ruhig und ich drängte ihn nicht, weiterzumachen. Ich fand alles nur ziemlich unzusammenhängend und verstand noch nicht, worauf er hinauswollte, oder ob er überhaupt auf etwas hinauswollte. Aber irgendwas musste ihn ganz schön aufgerüttelt haben. Er wirkte direkt etwas hilflos auf mich.

»Also, pass auf!« Plötzlich sprudelte er los. »Neulich kam ein Typ bei uns rein, so kurz vor Mittag. Er ging sofort auf mich zu, obwohl Louis viel näher bei ihm stand. Er fragte mich etwas unbeholfen nach einem ganz bestimmten Buch. Also ehrlich, ich hatte weder Titel noch Verfasser jemals vorher gehört. Ich ging also rüber zum Computer und fragte in der Zentralkartei nach, aber das war auch negativ. Ich sagte dem Typ also Bescheid und fragte mich im Stillen, woher er den Titel hatte oder ob das vielleicht ein Index-Buch war. Da griff der plötzlich ins Regal und holte ein Buch raus. Er zeigte es mir, und es war genau das Buch, das er haben wollte.«

«Was?«, machte ich ungläubig. »Das gibt es doch gar nicht.»

«Tja, das dachte ich auch. Aber er hielt es mir hin und machte mich an, dass ich es nicht rausgesucht hätte. Ich erklärte ihm, dass das Buch nicht in der Kartei war, und fragte ihn, wie er es gefunden hätte. Er grinste mich ein bisschen blöd an, und weißt du, was er dann machte? Er hielt mir das Buch hin und sagte, ich sollte es mir mal gut durchlesen. Dann haute er wieder ab.«

»Ist der bekloppt?« Ich konnte das nicht begreifen. »Erst gibt er sich so viel Mühe, an das Buch ranzukommen und dann gibt er es dir.«

»Was meinst du, was ich dachte. Ich stand echt da wie ein Hampelmann.«

»Merkwürdig. Muss ich schon sagen. Hast du das Buch denn eigentlich gelesen?«

Jetzt wurde er ganz unsicher. »Ja, ich bin gestern damit fertig geworden. Aber ich bin nicht ganz durchgestiegen. Ich will es noch mal lesen.«

»Muss ja interessant sein, wenn du schon was liest und dann gleich doppelt.«

»Weißt du, es ist einfach ne Beschreibung. Ne Beschreibung, wie es auf der Welt heute aussieht und was aus ihr mal wird.«

»Das gibt es ja gar nicht«, wiederholte ich mich. »Bestimmt ein verbotenes Index-Buch.«

»Okay. Ich kann es dir ja zeigen, wenn wir oben sind.«

Wir waren nämlich inzwischen bei dem alten, grauen Wohnblock angekommen, in dem Flie, Lucky und noch fünf andere Leute zusammen wohnten. In den zwei anderen Wohnungen lebten ebenfalls Wohngemeinschaften.

Flie stieß die Tür auf. Es war stockduster. Wir stolperten im Eingangsbereich über ein Chaos von Abfall und Müll.

»Da hat schon wieder jemand den Müll umgekippt«, schimpfte Flie. »Der wird auch schon seit Wochen nicht mehr abgeholt.«

Der Block war nicht an das automatische Versorgungs- und Verwertungsnetz der Stadt angeschlossen. Normalerweise wurde der Müll regelmäßig abgefahren.

Auch das Licht funktionierte nicht, und wir tasteten uns im Dunkel die steinerne Treppe rauf.

»Ich glaube, die wollen uns hier vergraulen«, knurrte Flie.

»Ach was, die wollen nur testen, was wir aushalten können«, widersprach Lucky. »Sie haben uns hier besser unter Kontrolle als auf der Straße. Aber was anderes - wir könnten mal versuchen, jemand mit Wagen aufzutreiben, der uns den Dreck wegfährt.«

»Kennst du etwa jemand, der sich nen Wagen leisten kann?«, fragte Flie ironisch.

Sie öffnete die Wohnungstür und wir betraten einen kleinen Flur. Links lagen Bad und automatische Küche, rechts ging es zu den Zimmern. Alles war eng und niedrig. Ab und zu tropfte das Wasser von den Wänden, und es quietschte und knarrte bei jedem Schritt. Es hatte auch keinen Zweck, hier noch großartig was zu renovieren. Hier war wirklich alles zu spät und die Leute hatten gerade genug Bucks, um die notwendigsten Reparaturen durchführen zu können.

Wir schlichen durch Bowlers Zimmer - er schlief schon - dahinter lag Flies. Sie zündete schnell ein paar Kerzen an, die dem Raum ein warmes, gemütliches Licht gaben. Hinten links lagen mehrere bezogene Matratzen mit einer bunten Decke auf dem Boden - Flies Bett -, davor lag ein weicher, brauner Teppich. Eine VID-Kompakt-Anlage, einige persönliche undefinierbare Gegenstände und eine wuchtige Holztruhe mit ihren Klamotten füllten das winzige Zimmer ganz aus.

Wir setzten uns auf den Teppich und Flie stellte leise Musik an. Sie setzte sich mir gegenüber. Ihr langes, schwarzes Haar fing das Licht einer Kerze ein. Ich kannte sie schon lange, länger als Lucky oder Stucker. Und ich war vor einigen Jahren ne ganze Zeit mit ihr zusammen gewesen. Noch bis vor Kurzem hatten wir manchmal Tage und Nächte gemeinsam verbracht, bis ich mich von allem zurückzog.

Lucky war vor ungefähr vier Monaten aufgetaucht und einer ihrer besten Freunde geworden - und einer von meinen, wenn nicht überhaupt der beste, einzige. Er war hier eingezogen, nachdem die vorige Bewohnerin ihr Leben durch einen Sprung von der grünen Mauer beendet hatte. Ich hatte sie nicht gekannt, aber die Nachricht von ihrem Tod rief in mir wieder all die Gedanken über Selbstmord hervor, die ich schon tausendmal im Schädel gehabt hatte. Es führte zu nix, außer dass ich einige Tage wie besoffen in den Straßen rumhing. Im übrigen war die grüne Mauer natürlich nicht grün. Sie war nur von irgendwelchen Leuten so genannt worden, um an Gras und Pflanzen zu erinnern. Ich hatte noch nie Gras gesehen und ich glaubte auch nicht, dass es noch welches gab.

Mit Lucky hing ich damals oft zusammen. Tagelang waren wir sozusagen unzertrennlich. Er konnte einfach auf Leute eingehen, wie ich es noch nie erlebt hatte. Und er hatte ähnliche Gedanken im Kopf wie ich. Wir erzählten uns gegenseitig, wie wir uns ein besseres Leben vorstellten und lauter so 'n Zeug. Wir packten Sachen gemeinsam an, die keiner von uns allein geschafft hätte. Er half mir, manchen Job durchzustehen. Ich besuchte ihn oft in der Bibliothek. Es konnte uns natürlich nie gelingen, eine alternative Lebenspraxis zu entwickeln. Das waren halt immer nur Überlegungen. Bis ich es dann nicht mehr aushielt und alles hinschmiss. Lucky konnte da etwas mehr ertragen. Er hatte auch einen nicht allzu schlechten Job.

Ich hatte dann weder Wohnung noch Arbeit. Ich konnte eben die Wuchermiete ohne Arbeit nicht bezahlen. Der Staat aber ließ einen nicht verhungern. Das passte nicht in das Image einer Wohlfahrtsstadt. Er war so großmütig, dass er jedem erlaubte zu leben - unter seinen Bedingungen. Bloß wie soll man mit 300 Bucks im Monat auskommen. Das war gerade so viel, dass man nicht verhungerte. Und so arbeitete man eben meistens lieber.

Aber ich konnte nicht mehr arbeiten, nicht in den riesigen, brutalen Maschinenhallen. Und was anderes kriegte ich nicht ohne so ne Scheiß Uni-Ausbildung. Da nahm ich doch lieber den entmenschlichenden Gang zum Wohlfahrtsamt auf mich und bettelte um das Geld, um mich so gut ich konnte durchzuschlagen. Jedes Mal machten mich die Verwaltungstypen an, dass sie mir gar kein Geld zu geben brauchten. Ich hätte ja selbst Schuld, dass ich mein Studium aufgegeben hätte. Und wenn ich schon nicht studieren würde, sollte ich wenigstens arbeiten. Sie saßen da lässig zurückgelehnt in ihren Stühlen, laberten gnädig wie Pfaffen, elende Arschkriecher. Sie wussten genau, dass sie Menschenleben entscheidend beeinflussen konnten, dass die Leute, die zu ihnen kamen, von ihnen abhängig waren. Und so zwangen sie einen, ihre Predigt bis zum Schluss anzuhören, nichts dagegen zu sagen, nur stumm zu nicken, sich selbst zu verleugnen. Widerlich!

Gerade das mit der Uni hatten kaum Leute verstanden. Denn mit so einer Ausbildung hätte ich ja selbst einer von diesen Blutegeln werden können. Oder vielleicht Oberaufseher in einer Fabrik, immer vergnügt die Leute zur Arbeit anhaltend. Oder Jurist, um einen Computer um Gnade für einen Systemschädling anzuflehen. Oder Architekt, um einen prunkvolleren Regierungspalast zu entwerfen. Oder … nein danke. Das reicht wohl. Und man kann sich vorstellen, mit was für Leuten ich da zusammengekommen bin. Ich weiß gar nicht mehr genau, wie ich es eigentlich geschafft habe, mich von dieser erlauchten Gesellschaft abzusetzen. Ich hatte ja damit nicht nur einen Beruf verloren, sondern gleichzeitig alle Rechte. Als Abschaum der Gesellschaft wird man von niemandem akzeptiert außer von denen, die auch in dem Schaum rumspülten.

Tja, so waren mal wieder die Gedanken mit mir durchgegangen. Lucky hatte längst Bier aus seinem Zimmer geholt. Eine leichte Unterhaltung über Gott und die Welt war in Gang gekommen. Ich erfuhr, dass das fremde Mädchen Yuka hieß und das Glück hatte, in einem der Randbezirke im Büro zu arbeiten. Ich beteiligte mich kaum an dem Gespräch, denn ich war eigentlich schrecklich müde und überlegte dauernd, ob ich mich in Luckys Zimmer schlafen legen sollte.

Und dann geschah auf einmal etwas Merkwürdiges mit mir.

Ich lehnte an der Wand und hatte plötzlich den Eindruck, als ob sie nach hinten wegkippte. Ich fand keinen Halt mehr und fiel hintenüber. Mir kam flüchtig der Gedanke, dass irgendein Dope im Bier gewesen war, aber ich verwarf das sofort wieder, da ich keinem hier so was zutraute. Ich versuchte mich aufzurichten - vergeblich. Ich steckte irgendwie in einer dicken, zähen Suppe. Ich konnte weder rufen noch mich sonst irgendwie bemerkbar machen. Ich kriegte furchtbare Angst, da ich mir das alles nicht erklären konnte. Dann verschwand auch noch die gewohnte Umgebung, und ich sah nur noch ein milchigweißes Flimmern.

Und dann hörte ich auch noch Stimmen. Stimmen, die ich noch nie vorher gehört hatte. Ich dachte, ich würde durchdrehen. Von dem, was sie sagten, verstand ich immer nur einzelne Satzbrocken, weil sie manchmal so leise waren, dass sie bis auf ein Flüstern erstarben. Ich hörte:

»… funktioniert … wenig … Energie … sichtbar machen.«

Und die zweite Stimme;

»… Unsinn … nichts … anfangen … vor dem Rat.«

Es machte mich stutzig, dass vom Rat die Rede war, denn so nannte sich die Regierung.

Ehe sich mein Kopf noch weiter vernebelte, verschwand der ganze Spuk wieder und ich rappelte mich mühsam auf.

»Bist du eingeschlafen?«, fragte Flie.

Ich schüttelte vollkommen benommen den Kopf.

»Leg dich doch zu mir rüber. Ich muss morgen erst später hin. Wir können dann noch zusammen frühstücken.«

Das ließ ich mir von Lucky nicht zweimal sagen. Es war auch das Beste, was ich jetzt tun konnte. Mein Kopf fühlte sich an, wie ein Feuerwerk. Und dieser Spuk war richtig unheimlich gewesen. Er hatte den Eindruck hinterlassen, als hätte ich das alles nicht nur gefühlt und gehört, sondern mit dem ganzen Körper aufgenommen. Und das war trotz aller Angst ein gutes Gefühl gewesen. Es war heute einfach zu viel geschehen. Ich war unheimlich froh, als ich auf Luckys Bett lag. Ich brachte es gerade noch fertig, meine Klamotten auszuziehen, bevor ich einschlief.

I am a man who looks after the pigs

Usually I get along okay.

I am man who reveals all he digs,

Should be more careful what I say.

I'm getting put down,

I'm getting pushed round,

I'm being beaten every day.

My life's fading,

But things are changing,

I'm not gonna sit and weep again.

The Who - »The Dirty Jobs«

3.

Als ich aufwachte, schien die Sonne. Erstaunlich, wenn man bedenkt, dass die meisten Gebäude jetzt so hoch gebaut wurden, dass die Sonne keine Chance hatte, dazwischen durchzuscheinen. Aber hier mussten sie eine Lücke gelassen haben - wohl ein Konstruktionsfehler. Ob der Chef-Architekt deswegen degradiert worden war?

Ich hatte reichlich fest und tief geschlafen.

Nur langsam kamen die Erinnerungen an den letzten Tag hervor. Ich schüttelte ungehalten den Kopf. Ein andermal! Jetzt war ich wirklich nicht in Stimmung, darüber nachzudenken.

Neben mir vernahm ich die regelmäßigen Atemzüge von Lucky. Vorsichtig, um ihn nicht aufzuwecken, stützte ich mich auf meinen linken Arm und sah ihn an. Aber es war gar nicht Lucky. Es war Flie, die neben mir lag. Schon wieder eine Überraschung. Aber diesmal eine schöne, freudige. Ich hatte das Gefühl, als würde ich mit einer Gewaltkur aus meinem Gewohnheitstrott herausgerissen. Trotzdem war ich mir nicht sicher, ob es ausreichen würde.

Es sah aus, als hätte sich Flie im Schlaf in ihr Haar eingewickelt. Ihr Mund hatte sich zu einem kleinen Lachen verzogen. vielleicht träumte sie gerade was Angenehmes. Ich hatte nichts gemerkt, als sie zu mir ins Bett gekrochen war. Ich dachte kurz an die Zeit zurück, als wir näher und öfter zusammen waren. Mir fiel nur ein, dass sie oft verrückte Ideen im Kopf hatte und dass wir uns manchmal gestritten hatten, dass die Fetzen flogen.

Ich sah auf Luckys Uhr auf dem niedrigen Tisch neben dem Bett. Es war noch nicht so spät, wie ich gedacht hatte. Ob Flie noch immer diese blöde Schule besuchte? Dann hatte sie wohl Ferien.

Und wieder musste ich daran denken, was ich aus mir machen sollte. Ich war mir irgendwie sicher, dass ich es nicht aushalten würde, noch längere Zeit hier zu leben. Wenn man bloß irgendwie raus könnte! Mit ein paar Freunden. Außerdem brauchte ich dringend Geld. Ich hatte Schulden. Und dann wollte ich mir zwei oder drei bestimmte verbotene Bücher beschaffen. Ich kannte einen Typen, der welche vertickte, nicht weil er damit eine Überzeugung oder so verbreiten wollte, sondern weil es ihm nen Haufen Bucks einbrachte. Ich erinnerte mich, dass ich Lucky fragen wollte, ob er ein Buch verstecken konnte, das ich bei mir trug. Andere hatte ich draußen gelassen. Draußen … Ob ich jemals wieder so einen

Platz finden würde? Ich hatte Ruhe gehabt und Zeit. Aber es war auch nichts auf die Dauer.

Flie bewegte sich leicht und legte im Halbschlaf den Arm um meinen Nacken.

»Komm her, Speedy. Du siehst so traurig aus.«

Das stimmte wahrscheinlich. Aber nun hatte ich wirklich keine Lust mehr, über irgendwas nachzudenken. Ich begriff nur, dass sich zwischen uns nicht so viel geändert hatte, wie ich angenommen hatte. Ich kuschelte mich an sie und eine Welle von Wärme und Zärtlichkeit breitete sich aus. Zeit und Gegenwart verschwammen und hatten keine Gültigkeit mehr.

Es wurde ein glücklicher, beruhigender Tagesanfang. Ich hatte mich lange Zeit nicht mehr so wohl gefühlt. Welch ein Unterschied zu gestern, dieser Verwirrung und Niedergeschlagenheit! Da kam ich wirklich nicht so recht mit. Und trotzdem konnte ich mir vorstellen, dass meine Stimmung ebenso plötzlich wieder umschlagen konnte.

Irgendwann kam Lucky rein, setzte sich zu uns, nahm uns in die Arme und fragte, ob wir mit frühstücken wollten. Wir standen dann langsam auf, und ich glaubte, dass ich mich in Flie immer wieder verlieben konnte, ein unheimlich gutes, befriedigendes Gefühl. Wir hatten mal darüber gesprochen, und sie meinte, dass es ihr auch so ginge. Und so war die Beziehung wie eine immerwährende Wiederkehr zueinander.

Die Barriere von Misstrauen, Neid, Eifersucht und Konkurrenz hatte ich eigentlich ziemlich schnell überwunden, weil es sie unter diesen Leuten hier nicht gab. Das ganze Hin und Her um Zweierbeziehungen, Besitzansprüche, mit wem man schläft und mit wie vielen, konnte mich auch reichlich ankotzen. Nachdem ich das einmal durchgespielt hatte, reichte es mir für immer. Die Gesellschaft tolerierte alle Arten von Beziehungen offiziell. Aber unter der Hand waren Ehe und Zweierbeziehungen nach wie vor erwünscht. Niemand sagte etwas gegen Vielbeziehungen oder Kommunen. Aber man bekam die Benachteiligung auf andere Art zu spüren. Man erhielt nicht so schnell einen Job, kriegte weniger Geld als andere für die gleiche Drecksarbeit. Und man wurde von den ganzen gesellschaftlichen Etiketten, Traditionen und Zeremonien ausgeschlossen, was uns natürlich wenig kratzte, aber für viele ein Grund war, sich den Standardnormen zu unterwerfen. Denn ein Outsider lebt nicht besonders angenehm.

Die Kirche dagegen hatte kaum noch Einfluss, seitdem die Regs alles in die Hände genommen hatten. Das hatte wenigstens uns geholfen, veraltete Moral- und Lebensvorstellungen über den Haufen zu werfen. Denn wir hatten sowieso nicht vor, uns in irgendeiner Weise zu etablieren.

Wahrscheinlich war die Sexualerziehung nicht mehr so verklemmt wie vor dem Krieg, aber in einer solchen Gesellschaft ist Sexualität natürlich eine beliebte Ware und so blühte das Geschäft mit dem Sex und männliche und weibliche Prostitution standen hoch im Kurs. Von Liebe Zärtlichkeit und Gefühlen blieb dabei natürlich nicht viel übrig.

Unter Leuten in unserem Alter war es weiterhin üblich, Zweierbeziehungen einzugehen, allerdings oft ohne Ehe. Aber was besagte das schon. Die Eingeengtheit, Stumpfsinnigkeit und eingefahrenen Gewohnheiten machten sich genauso breit und lähmten jegliche Neugier und Erfahrungsmöglichkeit - sehr im Sinn der Regs und ihrer Bürokratie.

Wir waren Außenseiter - eine geduldete Minorität -, weil wir diese Tretmühle und die Scheinsicherheit in dieser Form des Zusammenlebens grundsätzlich ablehnten. Es klappte natürlich auch bei uns bei Weitem nicht alles - es war eben wahnsinnig schwierig seine Gefühle unter Kontrolle zu haben und gleichzeitig auszuleben -, aber immerhin besser als das sogenannte normale Gefühlsleben. Was wir im Großen und Ganzen überwunden hatten, waren Konkurrenzkisten und Eifersucht, großartige Szenen, in denen sich jeder beweisen musste, und die Brutalität einer eheähnlichen Lebensweise. Ich hatte den Kram ja mal praktiziert, und mir wurde schlecht vor mir selbst, wenn ich daran dachte.

Da wir mit mehr Leuten engen Kontakt hatten, waren wir sensibler geworden, empfänglicher für andere Gedanken und Handlungen, wir verstanden einander besser und konnten uns mehr aufeinander einstellen. Wir lernten viel mehr Anschauungen, Ideen, Lebensweisen, Fantasien kennen als der Durchschnittsbürger. Während meiner Studiumszeit an der Hohen Universität hatte ich oft mit Leuten diskutiert, die den Normen entsprachen und sie verteidigten. Das ganze Geschwafel, dass man sich eben nur auf eine Person konzentrieren könnte, eine besondere Geborgenheit brauchte, darum auch nur eine(n) lieben könnte und so weiter, durchschaute ich jetzt als mühsame Verteidigung vorgelebter Erfahrungen, alles schon etliche Male und Generationen vorexerziert, ohne jeglichen neuen Erfahrungswert für jemanden, der sich nicht an die überlieferten Schemata zu halten gedachte, teilweise mit einem progressiven Touch (»du kannst auch ruhig mit nem anderen Typen schlafen«), und teilweise ebenso verlogen, wenn man sich die Praxis der Leute ansah, die mit so vielen und nichtssagenden Worten um sich warfen. Ich hatte die Lebensgewohnheiten dieser Klugscheißer kennengelernt, ihre versteckten Streitereien, ihre nur notdürftig verborgene Geilheit auf andere Frauen und Typen, den wöchentlichen Gruppensex und seine wissenschaftliche Begründung, die Konkurrenten, die sich am liebsten duelliert hätten, und es sehr hinterhältig und versteckt auch taten, die Gutgläubigen, die immer eins aufs Dach kriegten, weil sie die Spielregeln nicht beherrschten, die dummen Mitspieler und die Leidenden (oft Frauen), die Macker und Regisseure, immer potenzkräftig, problemlos und modern gekleidet, die Redner und Zuhörer, die Zupacker und die Always Loser -, bis der morsche Bühnenboden unter mir krachend nachgab, und Unwissenheit und Unsicherheit meine sicheren Begleiter wurden.

Dafür waren wir Ausgestoßene. Die Regs wussten, welches Potenzial in uns stecken konnte, in den Fragen, auf die es keine Antwort gab. Sollte es zum Vorschein kommen, würden wir radikal bekämpft werden. Es gab eine ungeschriebene, unausgesprochene Grenze, bis zu der wir uns bewegen durften. Und darüber hinaus war Sense.

Beim Frühstück fragte ich Lucky, ob er das Buch verstecken könnte, was ich bei mir hatte. Er war leicht erstaunt.

»Ja, sicher. Ich kenn genug Plätze. Aber ich wusste gar nicht, dass du noch welche liest.«

»Ich hab nie damit aufgehört.«

»Trotzdem begreife ich immer noch nicht, was du davon hast.«

»In den Index-Büchern steht zum Beispiel oft viel drin, was uns in der Schule oder an der Uni nicht erzählt oder falsch erzählt wird. Hauptsächlich so geschichtliche Sachen. Das ist heute oft ne richtige Fälschung. Hast du mal was von Gewerkschaften gehört?«

»Nee. Was soll das denn sein?«

»So genau weiß ich das auch nicht. Es stand mal in einem Roman über Arbeiter und die waren in einer Gewerkschaft organisiert. Und als ihnen die Löhne zu niedrig waren, hat es diese Gewerkschaft erreicht, dass sie mehr Geld kriegten.«

»Wie denn?«

»Tja, da hab ich auch nicht durchgeblickt«, musste ich zugeben. »Immerhin wird uns hier nie was davon gesagt, dass Arbeiter mal was gemacht haben.«

Lucky blieb skeptisch und Flie warf ein: »Woher willst du wissen, dass diese Geschichte nicht erfunden war, und das, was wir hier lernen richtig ist?«

»Weil ich das oft gelesen habe, dass es politische Bewegungen gab, die gegen die Regs gekämpft haben.«

»Meinst du wie die Gangs hier?«, fragte Flie.

»Seit wann kämpfen die denn?«, bemerkte das Mädchen mit dem merkwürdigen Namen Yuka. »Die tun doch nix.«

Ich sah sie jetzt das erste Mal bewusst an. Sie hatte kurzes braunes Haar und eine auffällige Narbe an der Nase. Sie trug ein kurzes Kleid mit lustigen Motiven aus irgendwelchen Comics.

»Und wie haben die gekämpft?«, bohrte Lucky nach. »Mit zehn Leuten und Steinen gegen Schocklader?«

»Mensch, das weiß ich doch nicht. Ich bin doch keine lebendige Bücherei!« Ich fühlte mich hilflos und wütend.

»Es greift dich doch keiner an«, beruhigte Yuka mich. »Wir können es uns eben nicht vorstellen.«

»Okay«, brummte ich. »Ich les ja auch noch andere Sachen.«

Flie musste krampfhaft lachen und prustete ihren Kaffee über den Tisch. Lucky brachte sich mit einem Satz in Sicherheit während Yuka die Brühe übers Kleid lief.

»Oh, Scheiße!«, rief sie, während ich nun auch noch lachen musste.

Daraufhin sah sie mich so komisch an, dass ich gar nicht mehr aufhören konnte zu lachen. Ich weiß nicht, was in dem Moment alles aus mir rausgekommen ist.

»Flie, ich brauch ein paar Klamotten von dir.«

Yuka ärgerte sich nicht mehr, hatte aber ihr Gesicht immer noch so komisch verkniffen. Lucky wischte den Tisch ab, Yuka ging sich umziehen und ich wühlte das Buch, das ich mitgenommen hatte, hervor. Flie nahm es mir aus der Hand.

»Zwanzig Sterne über mir«, las sie, während sie kaute. »Komischer Titel.»

»Es handelt von einem Typ, der zwanzig verschiedene Welten besucht und auf keiner leben kann«, versuchte ich zu erklären.

Lucky verzog das Gesicht. »Das ist ja schlimmer als hier. Wir haben wenigstens nur eine Welt, mit der wir fertig werden müssen.«

»Es geht auch mehr um die Lebensformen, die da beschrieben werden«. Ich war schon wieder in so ner Verteidigerrolle.

»Leider gibt's die ja nicht. Was hat es also für einen Sinn, sich damit zu beschäftigen?«

Wollte Flie schon wieder ne Diskussion anfangen? Yuka kam wieder rein. Sie hatte sich ne Hose und nen Pullover von Flie angezogen.

»Es könnte solche Lebensformen aber geben«, nahm ich den Faden wieder auf.

»Siehst du welche?«, fragte Flie ironisch.

»So weit bin ich auch schon, aber ich weiß nicht, was das bedeutet oder ob es was bedeutet.« Ich hatte keine Lust mehr.

Yuka blickte uns fragend an und dann stand Lucky auf.

»So, ich muss jetzt gleich weg. Was hast du denn nun vor, Speedy?«

»Na, ich muss wohl Arbeit suchen. Und wenn nur für einige Wochen. Aber ich brauche Bucks. … Bevor du gehst, kannst du mir mal das Buch zeigen, das der Typ dir in der Bibliothek gegeben hat.«

»Ja, klar. Hätte ich ganz vergessen.«

Lucky verschwand kurz in seinem Zimmer. Flie stellte das Geschirr zusammen - alles eklige Plastiksachen, aber es gab nix anderes oder es war wahnsinnig teuer - und ließ Wasser einlaufen. Die anderen aus der Wohngemeinschaft waren schon lange zur Arbeit.

Lucky brachte das Buch. Der Titel sagte mir überhaupt nichts: Zone Null.

»Ich lese einige Stellen daraus immer wieder. Aber ich begreife die ganze Sache einfach nicht. Ich lese sonst ja kaum was, aber davon komm ich nicht weg.«

Lucky war wieder ziemlich durcheinander, als er von dem Buch sprach. Mich machte sein ganzes Verhalten neugierig. Er sah auf die Uhr und sprang auf.

»Jetzt muss ich aber los, sonst feuern sie mich.«

»Kannst du mir das Buch mal ausleihen?«, rief ich ihm hinterher. »Ja, klar. Aber behalt's nicht zu lange. Ich les auch immer drin.«

Ich packte das Buch weg und fragte Yuka und Flie danach. Aber sie hatten es nicht gelesen und interessierten sich auch nicht sonderlich dafür. Ich fragte Flie ein bisschen über die Schule aus, aber sie hatte - verständlicherweise - keine Lust darüber zu sprechen.

»Immer derselbe Mist«, wehrte sie ab. »Unterricht nach Programm und nichts davon kann man gebrauchen. Das einzige, wo ich was Nützliches lerne, ist der Selbstverteidigungskurs. Ich glaube immer noch, dass da beim Computer ne Schraube locker war, sonst hätten wir das bestimmt nicht.«

»Da habt ihr ganz schön Glück«, warf Yuka ein. »Nachts kann man sich allein kaum noch auf die Straße trauen. Und als Frau schon gar nicht. Ich habe den Eindruck, dass die Gangs schon fast die Stadt beherrschen.«

»Genau«, bekräftigte Flie. »Neulich lief so ne Truppe in der City rum und schlug wahllos Leute zusammen und räumte ihnen die Taschen aus. Keiner half den Leuten. Einige sahen sogar interessiert zu.«

»Und die Cops?«, fragte ich.

»Ach, die ließen sich gar nicht erst blicken. Sie kamen, nachdem alles vorbei war, und gaben den Leuten gute Ratschläge, wie sie sich besser schützen sollten.«

Yuka knirschte mit den Zähnen. »Da haben die Leute sogar noch Glück gehabt. Neulich haben die Cops sich an einer dunklen Ecke ne Frau gegriffen, ihr das Geld abgenommen und sie vergewaltigt. Ich hab nur den Anfang gesehen, dann bin ich weggerannt Zuhause musste ich erst mal kotzen.«

Ich fühlte mich plötzlich sehr schlecht und so überflüssig.

»Als ich wegging, war doch mit den Gangs nicht viel los«, sagte ich leise.

»Einen Tag später haben sie praktisch die Stadt überschwemmt«, klärte Flie mich auf.

»Sie stecken alle unter einer Decke«, entfuhr es mir zornig.

Es war mehr oder weniger ein offenes Geheimnis, dass die Gangs von den Regs toleriert und zeitweise auch unterstützt wurden. Sie wurden draußen geduldet, und man unternahm nichts gegen sie, wenn ihre Überfälle in der Stadt ein gewisses Maß nicht überschritten. Ich vermutete, dass es Absprachen gab, zwischen irgendwelchen Behörden und den verschiedenen Banden. Und solange sie sich nur untereinander abstachen, störten sie ja auch niemand. Die Regs konnten es sich jedenfalls nicht leisten, sie zu Feinden zu haben, obwohl sie ab und zu Treibjagden auf sie veranstalteten, eine große Show, die die Bevölkerung beruhigen sollte. Ich dachte an meinen Bruder, der irgendeine wichtige Rolle bei den Gangs spielte. Ich hatte ihn ewig nicht gesehen. Eigentlich kannte ich ihn gar nicht. Trotzdem konnte ich mir nicht vorstellen, dass er solche Überfälle inszenierte. Aber ich konnte es mir wohl nur nicht vorstellen, weil er mein Bruder war. Ich wusste nicht, ob die Gangs die Regs ebenso hassten wie wir. Wenn ja, waren sie eigentlich potenzielle Verbündete …

Wir halfen Flie dann beim Abwasch, auch so ein Anachronismus. Nahezu 90% aller Haushalte besaßen eine Spülautomatik ebenso wie einen Abfallkonverter und einen Anschluss an das Rohrpostsystem, und viele hatten sogar eine Wareneinkaufsautomatik. Nichts davon hier. Die Bewohner mussten ihre Post abholen, einkaufen gehen, ihren Müll nach draußen stellen. Als die Leute hier einzogen, mussten sie alles renovieren - auf eigene Kosten natürlich. Mauern, tapezieren, streichen, abdichten usw. Alles ohne die Hilfe irgendwelcher Automaten, denn dafür war kein Geld da. Außerdem war es gut, die Arbeit mit den eigenen Händen zu tun, zu sehen, wie alles langsam Formen annahm, das Material zu fühlen und schließlich ein Endprodukt zu haben, in dem man selbst drinsteckte. Ich hatte damals ähnlich in meiner Wohnung arbeiten müssen, wenn man so was Wohnung nennen konnte. Da die Leute alle nur sporadisch arbeiteten, dauerte es ne ganze Zeit, bis es in der Wohngemeinschaft so aussah, wie jetzt.

Langsam kam mir zu Bewusstsein, dass ich mich ja nun mal auf den Weg machen musste zum Arbeitscomp. Mir grauste davor, aber mir blieb nichts anderes übrig.

»Vielleicht hab ich was für dich«, unterbrach Yuka das Geschirrklappern.

»Was meinst du damit?«

»Ich arbeite in einen Randbezirk – beim Bau. Dort sollen neue Wohnblocks entstehen - eng und hoch, stickig und monoton. Beton- und Plastikklötze wie alles, du weißt schon. Wir könnten mal fragen, ob sie was für dich haben. Ich hab mir zwar heute freigenommen, aber wir können zusammen hingehen. Es ist besser als am Fließband oder in einer Maschinenhalle.«

Na, wenn das keine Gedankenübertragung war!

»Begeistert bin ich zwar nicht, aber was Besseres wird sich wohl kaum finden. Wenn du Lust hast, deinen Arbeitsplatz auch heute zu sehen …«

Yuka lachte. »Von Lust kann wohl keine Rede sein.«

Ne Stunde später saßen wir im A-Grav-Bus. Es war voll und stinkig. Sitzplätze gab es nur wenig. Und alle waren unheimlich eng zusammengepfercht. Die Platzangst war ein Phänomen, mit dem man fertig werden musste. Aber das war man sozusagen von Kind auf gewohnt. Es sollte allerdings Leute geben, die dadurch krank wurden. Die staatliche Propaganda benutzte dieses Argument, wenn sie mal wieder Leute in ihre Irrenhäuser sperrten. Dort sollte es schlimmer zugehen als im Knast. Doch niemand, den ich kannte, hatte jemals eine solche Anstalt von innen gesehen. Ich wusste nur, dass dorthin die »politischen Fälle« geschafft wurden, während im Knast die »einfachen Verbrecher« saßen.

An Platz wurde gespart, da es dem Staat überflüssig erschien, mehr als gerade eben notwendig bereitzustellen, und es kostete ihn schließlich was, neue Häuser bauen zu lassen. Der ganze Bausektor war zwar in staatlicher Hand, aber die Zulieferungsfirmen mussten bezahlt werden - und die Arbeiter. Ich glaubte, wenn man alles aufschlüsseln würde, blieben im Endeffekt gerade vier oder fünf Konzerne übrig, die alles beherrschten. Der Staat war der größte. Opposition dagegen gab es nicht. Gewerkschaften waren abgeschafft - wozu auch in einem Wohlfahrtsstaat? - Parteien gab es noch - Wahlen auch - aber sie unterscheiden sich nur in der Farbe ihrer Kleidung.

Der A-Grav-Bus flog kreischend etwa fünf Meter über der Straße dahin und ich konnte die Menschen sehen, die sich auf den Bürgersteigen drängten. Jetzt ging es ja noch, aber bei Feierabend wurden manchmal Menschen auf dem Heimweg zerquetscht.

An der nächsten Station geschah etwas, das etwa alle zehn Minuten außerhalb der Wohnung üblich war. Zwei Robot-Kontrolleure stiegen ein. Die Maschinen sagten keinen Ton, doch die Prozedur war allgemein bekannt. Wir mussten unsere Identitätsplaketten überprüfen lassen, wurden nach staatsfeindlichen Waren durchsucht und unsere Fahrtmarken wurden kontrolliert. Die Robots schoben rücksichtslos alte Leute und Kinder beiseite, um sich Platz zu schaffen. Widerstandslos ließen wir alle diese unwürdige Behandlung über uns ergehen. Dann erwischten die Roboter eine ältere Frau, die anscheinend ihre Plakette vergessen hatte. Verzweifelt suchte sie in ihren Taschen und beteuerte immer wieder, dass sie die Plakette nicht etwa verloren hatte, denn darauf stand eine hohe Strafe. Schließlich wurde sie gepackt und zum Ausgang gezerrt, wobei ein Mann, der unbeabsichtigt im Weg stand, von den Automaten niedergeschlagen wurde. Keiner sagte ein Wort. Wir waren alle abgestumpft und wehrlos. Fast jeden Tag war man Augenzeuge solcher Vorfälle. Nur ein Kind fing an zu weinen, wurde aber schleunigst von seiner Mutter wieder beruhigt. Yuka und ich versuchten, den am Boden liegenden Mann wieder auf die Beine zu kriegen. Ein Typ reichte uns schweigend ein Taschentuch, mit dem wir das Blut abwischen konnten. Langsam erholte er sich wieder. Er sah uns nur erstaunt an und stieg an der nächsten Station aus. Hätte er sich was gebrochen, kein Krankenhaus hätte ihn aufgenommen, und er hätte Schwierigkeiten gehabt, einen Arzt zu finden, der ihn behandelte. Jemand, der durch die Kontrollorgane in Schwierigkeiten geriet, hatte keinen Anspruch auf Hilfe.

W

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