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Kommt Kuchen, kommt Liebe

AMY REICHERT

Kommt Kuchen, kommt Liebe

Roman

Ins Deutsche übertragen von

Melike Karamustafa

Zu diesem Buch

Lou scheint alles zu haben, wovon sie seit ihrer Kindheit geträumt hat. Sie hat einen erfolgreichen Anwalt zum Freund und besitzt ihr eigenes kleines französisches Restaurant. Bis sie ihren Verlobten in flagranti im Bett mit einer anderen Frau erwischt und ihr Leben komplett aus den Fugen gerät. Zu allem Überfluss besucht genau an diesem Tag auch noch der gefürchtete Restaurantkritiker A. W. Wodyski Lous Lokal, und natürlich geht so ziemlich alles schief, was schiefgehen kann. Als sie nach der verheerenden Kritik ihren Kummer in Alkohol ertränken will, trifft sie im Pub auf den Briten Al, der sie überredet, ihm die kulinarischen Schätze der Stadt zu zeigen. Lou willigt ein, aber nur unter der Bedingung, dass sie niemals über die Arbeit sprechen. Die allwöchentlichen Treffen werden zu einem Lichtblick für Lou, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis die beiden sich ineinander verlieben. Was Lou aber nicht weiß, ist, dass Al ist in Wahrheit der Kritiker Wodyski ist…

Für meine Großmutter Luella,

die mir die Bedeutung von mit Liebe gekochtem

Essen nahegebracht und meine Leidenschaft

für Kokosnuss geweckt hat.

Für meinen Ehemann.

Auf dass unsere Magnetsammlung weiterwächst.

Ich bin der festen Überzeugung, dass Kochen Liebe ist. Denken Sie nicht auch? Wenn man etwas ganz und gar Wunderbares für jemanden zubereitet, der einem nahesteht, dann ist das der schönste Valentinsgruß, den man verschenken kann.

Julia Child

1

Lou hob ihr Kleid über die Knöchel und stieß eine Reihe wimmernder Schmerzensschreie aus, als sie über den Parkplatz stöckelte. Die glitzernden Zehn-Zentimeter-High-Heels hatten im Karton so hübsch ausgesehen. Jetzt fühlte es sich mehr danach an, als würden die Knochen in ihren Füßen bei jedem Schritt mit Hammer und Meißel bearbeitet. Sie vermisste ihre grünen Crocs. Sie zupfte an dem engen, elastischen Stoff, der sie wie eine zweite Haut umspannte. Ein Geschenk ihres Verlobten Devlin, dem sie – mit fünf Schritten Abstand – hinterhertrippelte. »Überfüllte Trüffel an Gänseleberpasteten-Würstchen«, murmelte sie.

Devlin runzelte verwirrt die Stirn. »Wie bitte?«

»Ein neues Gericht, inspiriert von dem Gefühl, in diesen Klamotten zu stecken. Dazu vielleicht Butter-Dumplings …« Lou neigte den Kopf in dem Versuch, das neue Gericht vor ihrem geistigen Auge erstehen zu lassen.

Devlin warf ihr einen missbilligenden Blick zu und seufzte.

Lou schrumpfte angesichts seiner nur allzu vertrauten Reaktion in sich zusammen. »Entschuldige. Es hilft mir einfach dabei mich abzulenken.«

Seine Gesichtszüge entspannten sich, als er sie ansah. »Der Abend wird super laufen. Du siehst umwerfend aus.«

Lou schenkte ihm ein klägliches Lächeln, während sie durch den Eingang des Milwaukee Country Clubs traten. Warmes gelbes Licht und dezent gemusterte Teppiche, die so weich waren, dass sie bei jedem Schritt zu federn schienen, empfingen sie. Schwarz-Weiß-Fotografien, die die Geschichte des schrecklich vornehmen Clubs erzählten, zierten die eierschalenfarbenen Wände. Auf den meisten waren ehrgeizige junge Männer ganz in Weiß zu sehen, die hinter wohlhabenden Gentlemen in lustigen Hosen standen. In den Augen der jungen Männer war der Hunger nach mehr zu lesen. Lou verstand sie nur zu gut. Sie drehte sich zu Devlin um und hakte sich bei ihm ein. »Du hättest mich wirklich nicht den ganzen Tag in den Schönheitssalon schicken müssen, und so viel Geld für ein Kleid auszugeben wäre schon gar nicht nötig gewesen.« Sie strich mit den Händen über den Stoff. Das eng anliegende Unterkleid passte hervorragend zu ihrer angespannten Stimmung. Sie trug einen bodenlangen schwarzen Schlauch aus Jersey mit dazu passenden Handschuhen, die bis zu den Ellbogen hinaufreichten – schlicht, elegant und viel zu teuer.

»Das ist mein Geschenk an dich. Du gönnst dir selbst ja nie etwas«, meinte er und zuckte mit den Schultern. »Gewöhn dich schon mal daran. Die zukünftige Frau eines Staranwalts sollte es genießen, wenn sie verwöhnt wird.«

»Und wie soll ich all das zu deinem Geburtstag toppen?«

»Erstens wirst du den fantastischen Kokosnusskuchen deiner Großmutter backen. Alles andere erzähle ich dir später …« Er zwinkerte vielsagend.

Als Devlin auf sie herablächelte, stockte Lou für eine Sekunde der Atem. Er sah einfach umwerfend aus in seinem Smoking. Der klassische Schnitt betonte seine athletische Figur und verlieh ihm eine latente Aura von Macht und Männlichkeit. Ein schwacher Nelkenduft ging von ihm aus. Sein dickes schwarzes Haar bildete den Kontrast zu seinen kristallklaren blauen Augen – ihr ganz persönlicher Disney-Märchenprinz. Er streichelte ihr mit teurem Schmuck behangenes Handgelenk und führte sie weiter durch die Menge. Lou klammerte sich verzweifelt an seinen in feinste italienische Wolle gekleideten Arm wie an einen Rettungsanker, als sie sich einen Weg durch den Pulk zu stark parfümierter und gestylter Anwälte und ihrer Ehefrauen bahnten, die zu der jährlichen Firmengala geladen waren. Ein Club herausgeputzter Frauen und mächtiger Männer. Schwärme von Kellnern in weißen Smokingjacken wuselten durch die Menge, um zwanzig Jahre alten Whisky und kühlen Weißwein unter die durstigen Gäste zu tragen. Andere balancierten Tabletts mit Appetithäppchen – die obligatorischen Maronen im Speckmantel und Shrimps-Cocktails. Beim Anblick der einfallslosen Kreationen entfuhr Lou ein Seufzer, als sie sich vorstellte, was sie mit dem Budget dieses Abends alles hätte zaubern können.

Devlin führte sie zu einer Gruppe von älteren Herren, allesamt mit elegant gekleideten Ehefrauen an ihrer Seite. »Wie geht’s dir, Bill?«, brachte Devlin sich in das Gespräch ein und streckte dem größten Mann in der Runde die Hand entgegen. »Du erinnerst dich sicherlich an meine wunderbare Verlobte, Elizabeth.«

Aller Blicke richteten sich auf sie. Lou knirschte bei seinen Worten mit den Zähnen.

Bill richtete sich an Lou und Devlin. »Wir haben gerade über den neuen Restaurantkritiker gesprochen, A. W. Wodyski. Haben Sie schon eine seiner Rezensionen gelesen?«

Devlin schüttelte den Kopf. »Ich habe schon von ihm gehört, hatte aber noch keine Zeit, etwas von ihm zu lesen. Der Churman-Fall nimmt mehr Zeit in Anspruch, als ich vermutet hätte. Gibt er ein paar gute Empfehlungen?«

»Eher im Gegenteil. Er hat mit seinen Besprechungen bisher noch jedes Restaurant vernichtet. Aber wenigstens tut er es auf eine höchst unterhaltsame Weise. Der Dennis Miller der Restaurantkritiker sozusagen.«

»Wirklich?« Lou täuschte Gleichgültigkeit vor, um sich den beißenden Kommentar zu verkneifen, der ihr angesichts der arroganten Äußerung auf der Zunge lag.

»Ja, er hat nicht eine einzige positive Kritik geschrieben. Wie man hört, mussten einige Restaurants sogar schließen.«

»Das glaube ich nicht«, sagte Devlin. »Keine Besprechung der Welt könnte ein Restaurant ruinieren, das wirklich gut ist.«

»Das könnte sie schon, wenn der Laden vorher schon Probleme hatte«, erwiderte Lou leise und mit gerunzelter Stirn. Sie öffnete den Mund, um noch etwas hinzuzufügen, aber Devlin verpasste ihr unauffällig einen Ellbogenstoß in die Rippen. Sie nickte und schwieg, während sich die Unterhaltung wieder den üblichen Diskussionen über Mandanten und abrechnungsfähige Stunden zuwandte. Lou öffnete ihre mit Strass besetzte Clutch und fuhr über das Display ihres Handys. Keine neuen Nachrichten. Sie klappte die Handtasche wieder zu.

Ein Kellner erschien und bot ihnen Getränke an. Lou warf einen Blick auf sein Namensschild, dann sah sie ihm in die Augen. »Danke, Tyler.« Der Mann wirkte für einen Moment irritiert, dann nickte er kurz. Lou lächelte ihn an. Der Rest der Gruppe war noch immer in ein Gespräch über anstehende Gerichtsverhandlungen und die Schwierigkeiten, ein gutes Kindermädchen zu finden, vertieft. Lou beobachtete, wie der Kellner durch die Menge in Richtung Bar huschte, rechts und links leere Gläser einsammelte und mit leichtem Kopfnicken neue Getränkebestellungen entgegennahm. Er arbeitete effizient, ohne Gespräche zu unterbrechen, zügig, aber nicht hektisch. Als Lou sich umdrehte, um ihm zu folgen, spürte sie, wie sich eine Hand auf ihren Arm legte. Als sie aufsah, stand Bills Ehefrau viel zu nah vor ihr, Wolken von Moschusduft gingen von ihr aus. »Wie haben Sie sich kennengelernt?«

Bevor Lou antworten konnte, drehte sich Devlin zu ihnen um. »Elizabeth hat damals bei Giuseppe’s gearbeitet.«

»Dort gab es eine offene Küche, wo man frische Nudelgerichte bestellen und dem Koch bei der Arbeit zusehen konnte«, fügte Lou lächelnd hinzu.

»Ich war zu einem geschäftlichen Mittagessen verabredet, aber der Termin wurde kurzfristig abgesagt. Also saß ich ganz alleine am Tresen – direkt vor dieser wunderschönen Köchin.« Devlin legte ihr einen Arm um die Schulter. »In der Woche bin ich jeden Tag zu Giuseppe’s gegangen.« Er sah sie liebevoll an und lächelte.

»Am Freitag ließ er neben dem Trinkgeld eine rote Rose und seine Visitenkarte liegen.«

»Am nächsten Tag rief sie mich an – und bald wird sie meine zauberhafte Braut sein.«

»Wunderschön! Und auch noch eine Köchin«, rief Bill bewundernd. »Kein Wunder, dass du das ›Geschäft‹ so schnell unter Dach und Fach gebracht hast.«

»Ich bringe jedes Geschäft schnell unter Dach und Fach.« Devlin ergriff ihren Arm. »Bitte entschuldigen Sie uns. Ich habe gerade Susan entdeckt. Ich muss sie unbedingt noch etwas fragen, zu einer Aussage, die sie für mich gemacht hat.« Er führte Lou durch die Menge in Richtung der französischen Flügeltüren.

»Ich muss noch mal kurz auf die Toilette, bevor das Essen anfängt. Treffen wir uns am Tisch?« Bevor Devlin antworten konnte, drehte sich Lou um und ging in Richtung der Waschräume. Nachdem die schwere holzgetäfelte Tür hinter ihr ins Schloss gefallen war, spürte sie augenblicklich, wie die Stille, die sie plötzlich umgab, etwas von ihrer inneren Anspannung löste.

In der winzigen Kabine, die eher die Bezeichnung Toiletten-Schuhkarton verdient hätte, kämpfte Lou damit, ihr Unterkleid wieder in seine ursprüngliche Position zu raffen, während sie gleichzeitig versuchte, ihre Gefühle unter Kontrolle zu bringen. Devlin hatte noch nie verstanden, wie viel ihr das Restaurant bedeutete. Er schien zu glauben, dass er sie vor einem Leben voller Mühsal und harter Arbeit bewahrte – ein Leben, wie seine Mutter es hatte erdulden müssen, als sie sich an zwei Kellnerinnen-Jobs aufrieb, um ihren akademisch begabten Sohn zu ernähren und einzukleiden. Sie berührte ihren Ring, ein makelloses Rechteck, klar wie ein Eiswürfel, der jeden Moment schmelzen mochte. Sie versuchte Trost in Devlins Art zu finden, ihr seine Liebe zu zeigen. Sie wackelte mit den Hüften, um ihr Kleid wieder an seinen ordnungsgemäßen Platz zu befördern, nahm ihre Handtasche und verließ das heilige Örtchen. Während sie sich die Hände wusch, trat eine schlanke Blondine aus einem der anderen »Schuhkartons« und stellte sich neben sie ans Waschbecken.

Lou lächelte sie im Spiegel an. »Finden Sie es nicht auch schrecklich, in diesen Outfits auf die Toilette gehen zu müssen? Ich fühle mich jedes Mal wie Hulk im Catwoman-Kostüm.«

Die junge Frau sah sie erschrocken an und legte ein wenig den Kopf schräg. Wahrscheinlich eine der Praktikantinnen: eifrig, ehrgeizig und idealistisch. Sie trug ein kleines Schwarzes, dazu eine schlichte Perlenkette und passende Ohrringe. Die Uniform der Jungen, Ambitionierten und Adretten. Auf der Party gab es Dutzende von ihnen, alle mit kinnlangen Haaren, minimalem Make-up und einer Handtasche voller Lipgloss und zu vielen Visitenkarten. Wahrscheinlich also eher kein Superhelden-Fan.

»Sind Sie Mr Pontelliers Verlobte?« Die junge Frau kniff die Augen zusammen, um ihrer Frage das nötige Gewicht zu verleihen.

»Ja, das bin ich. Lou.« Sie streckte dem hübschen Ding die Hand entgegen.

»Oh, ich dachte, Sie heißen Elizabeth.«

»Das stimmt, aber meine Freunde nennen mich Lou. Nur Devlin mag Elizabeth lieber.« Lou grinste schief und zuckte mit den Schultern.

»Ich bin Megan.« Sie schüttelte Lous Hand, aber anstatt sie nach einer angemessenen Anzahl von Aufs und Abs loszulassen, zog sie sie näher zu sich heran, um sie zu mustern.

Lou blickte auf die glänzenden Narben, die die blasse Haut ihrer Hände und Unterarme bedeckten. Es sah aus, als hätte ein Visagist versucht, das perfekte Rosarot für ihre Lippen darauf zu testen. »Berufsrisiko.« Lou zog ihre Hand zurück.

»Was machen Sie?« Megan sah sie neugierig an.

Als Lou über ihre Narben strich, konnte sie die weichen Erhebungen darunter deutlich spüren.

»Ich bin Köchin. Mein Dessertkoch sagt immer: Je mehr Kampfnarben, desto besser das Essen.«

»Dann müssen Sie die beste Köchin der Stadt sein. Es muss nett sein, zu Galaabenden wie diesem eingeladen zu werden, um sich auch mal selbst bedienen zu lassen.«

»Das denkt man vielleicht …« Lous Lächeln drohte an den Rändern einzubrechen. Bei dem übermäßigen Gebrauch an diesem Abend erschlafften ihre krampfhaft angespannten Muskeln so langsam. Als ihre Handtasche vibrierte, hätte sie vor Erleichterung beinahe laut aufgestöhnt. »Entschuldigen Sie mich.«

Lou stürzte aus der Toilette, während sie das Telefon aus der Tasche angelte. Devlin wartete mit einem Weinglas in der Hand im Flur auf sie. Sie gab ihm ein Zeichen, als sie den Anruf entgegennahm.

»Was gibt’s?«, fragte sie.

»Musst du gerettet werden?«, hörte sie die selbstbewusste Stimme von Sue, ihrer Souschefin und besten Freundin.

Lou blickte auf und erschrak, als sie Devlins abwartende Pose bemerkte. Ungeduldig tippte er mit der Schuhspitze auf den Boden und zog fragend die Augenbrauen hoch.

»Noch nicht. Gibt’s irgendein Problem?«

»Nein, alles in Ordnung. Nur ein Kontrollanruf. Ich weiß doch, wie sehr du diese Art Veranstaltungen liebst. Ich dachte mir, dass wir eine unglaubliche Katastrophe erfinden könnten, falls du da raus willst.«

»Ich werde es überleben. Immerhin ist die Gesellschaft nett.«

»Die Anwälte und ihre Gattinnen bezeichnest du als nette Gesellschaft? Wie viel hast du schon intus?«

»Nicht die – ich meinte Devlin.« Lou lächelte ihn an, als er mit dem Daumen in Richtung des Saals deutete.

»Wirklich?«

Lou seufzte. »Ich muss auflegen. Schreib mir später, wie der Abend gelaufen ist.« Sie ließ das Handy in ihre Handtasche gleiten und drehte sich zu Devlin um. »Entschuldige. Und danke für den Wein.« Sie nahm ihm das Glas aus der Hand.

»Kannst du heute Abend ausnahmsweise mal keine Köchin sein?«

»Ich kann’s versuchen.«

»Du solltest einen Küchenchef einstellen. Dann hättest du mehr Zeit für mich.«

»Das kann ich mir nicht leisten. Außerdem macht das Kochen am meisten Spaß.«

»Ich dachte, du würdest einen freien Abend genießen.«

»Das tue ich auch. Allerdings umfasst meine Vorstellung von einem freien Abend weder High Heels noch ellbogenlange Handschuhe. Zumindest nicht in Kombination mit einem Abendkleid.« Lou schenkte ihm ein Lächeln und stieß ihn mit der Hüfte an. »Die Nacht ist noch jung.«

Er hielt ihr mit einem versöhnlichen Lächeln die Tür auf und folgte ihr in den Saal. »Bald wirst du sowieso nicht mehr arbeiten müssen, und ich kann dich von morgens bis abends verwöhnen.«

Lou drehte sich zu ihm um, ihre Augen schienen ihn förmlich anzuflehen, ihr zuzuhören. »Das Restaurant entwickelt sich sehr gut. Und ich liebe meinen Job. Warum müssen wir das immer wieder diskutieren?«

»Elizabeth, du arbeitest zu viel. Und wenn wir erst einmal ein Haus und Kinder haben, brauchst du mehr Zeit. Du wirst immer noch Gelegenheit haben, fantastisches Essen zu kochen, aber du musst dich dann nicht mehr mit Personalplanung, Miete und Rechnungen herumschlagen. Das wäre doch perfekt für dich.« Devlin gab ihr einen Kuss und tätschelte fürsorglich ihre Hand, leider war er mit seiner kleinen Ansprache mal wieder vollkommen ungebremst durch alle ihre Pläne gewalzt.

Lou hatte angesichts seiner Vorstellungen von ihrer Zukunft plötzlich Mühe, Luft zu bekommen.

Nach dem Essen flüchtete sich Lou in die ungewöhnlich warme Aprilnacht hinaus. Sie zog die Handschuhe aus und stieg aus den unbequemen Schuhen. Als sie das kühle Gras unter den Füßen spürte, stieß sie einen Seufzer der Erleichterung aus. Dann nahm sie das Handy, um Sue eine SMS zu schicken.

Ruhige Nacht?

Lou blickte in den Sternenhimmel, während sie auf die Antwort wartete.

Wir haben einen neuen Rekord aufgestellt. 102 Teller. Brauchen einen weiteren Kellner.

Lou pfiff anerkennend durch die Zähne.

Hinter sich hörte sie Stimmen, die von der anderen Seite des Rasens kamen. Lou sah sich um und entdeckte eine Handvoll weiß livrierter Kellner, die eine Pause einlegten, um eine Zigarette zu rauchen. Unter ihnen war auch Tyler, der ihr schon im Saal aufgefallen war.

Ich arbeite dran.

Ohne die Augen von den jungen Männern zu lösen, ließ sie ihr Telefon in die Tasche gleiten, nahm die Schuhe in die Hand und ging auf die Gruppe zu.

»Äh, Entschuldigung. Tyler?« Drei aufgerissene Augenpaare starrten ihr erschrocken entgegen. »Entschuldigung, ich wollte Ihre Pause nicht stören. Aber haben Sie vielleicht einen Moment Zeit?«

»Lou?« Devlins Stimme schnitt durch die Dunkelheit hinter ihr.

»Mist«, murmelte Lou ärgerlich, während sie eine Karte aus ihrer Tasche angelte. »Mir gehört ein Restaurant, das Luella’s. Wenn Sie auf der Suche nach einem regelmäßigen Job mit guten Trinkgeldern sind, dann rufen Sie mich an.« Sie drückte Tyler das steife Stück Papier in die Hand. Als sie sich umdrehte, stand Devlin direkt hinter ihr und starrte die Kellner an. Sie hörte, wie die sich entfernten.

Devlin zog die Augenbrauen hoch, als er sagte: »Ich habe mich gefragt, wohin du verschwunden bist. Gehen wir?«

Lou atmete aus. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass sie in Erwartung von Devlins Vorwürfen die Luft angehalten hatte. »Ja, bitte. Meine Füße bringen mich um.«

Devlin warf einen Blick auf die High Heels, die an ihren Fingern baumelten. »Das sieht man. Warum gehen wir nicht ums Haus herum, damit du sie nicht wieder anziehen musst?« Als er sie anlächelte, entspannte sie sich allmählich wieder. Devlin nahm ihren Arm und führte sie vor das Haus, wo sein Jaguar bereits vorgefahren worden war. Nachdem er sie auf den Beifahrersitz bugsiert hatte, zog er eine Geschenkschachtel von der Rückbank, auf der in geschwungenen Buchstaben La Perla stand.

Nachdem Devlin auf der Fahrerseite eingestiegen war, zog Lou vielsagend eine Augenbraue hoch. »Ist das Teil zwei deines Geburtstagsgeschenks?«

Devlin zwinkerte ihr zu und startete das Auto.

»Du weißt aber schon, dass es normalerweise so ist, dass man dir etwas zum Geburtstag schenkt.«

»Betrachte es als Verpackung für das Geschenk, das ich mir wirklich wünsche.« Devlin lenkte den Wagen vom Parkplatz auf die Straße in Richtung seines Apartments.

Lou verdrehte die Augen und öffnete die Box. Eingebettet in ein Nest aus blütenzartem weißen Papier lag ein geschmackvolles Negligé aus blauer Seide und cremefarbener Spitze. Als sie das verführerische Stück aus der Box hob, blieb das zarte Material an den rauen Kuppen ihrer Finger hängen. Sie versteifte sich nervös. Hoffentlich hatte sie den transparenten Stoff nicht beschädigt. Schnell ließ sie den Hauch eines Nachthemds wieder in die Box gleiten und schluckte. »Soll ich es später bei dir anprobieren?«

Devlin deutete mit dem Kinn auf den Geschenkkarton. »Sieh dir mal den Deckel von innen an.«

Lou hob fragend die Augenbrauen, drehte den Deckel des Kartons aber folgsam um und entdeckte einen festgeklebten Schlüssel. »Ein Schlüssel? Wofür?«

»Für meine Wohnung.«

»Aber ich habe doch schon einen.«

Devlin stieß einen frustrierten Seufzer aus. »Ich weiß, dass du schon einen hast«, sagte er. »Das war mein Versuch dich zu fragen, ob du bei mir einziehen willst, aber offensichtlich habe ich den Job gründlich vermasselt. Ich will nicht warten, bis wir verheiratet sind.«

Lou schluckte noch einmal und schob den Deckel zurück auf die Box. »Vielleicht sollten wir uns das Negligé aufsparen, bis ich eingezogen bin. Wir könnten es so lange bei dir im Schrank aufbewahren.«

Devlin lächelte. Er war sich sicher, einmal mehr den Sieg davongetragen zu haben.

Lou fuhr sich mit der Zunge über die Lippen, die plötzlich vollkommen ausgetrocknet an ihren Zähnen zu kleben schienen.

Lou kniff die Augen zusammen, als sie Harley, ihren Dessertkoch, zwischen den glänzenden Regalen hindurch beobachtete, die seinen Bereich vom Rest der Küche abtrennten. Er schien sie nicht zu bemerken. Sie konnte die bernsteinfarbene Flasche mit der Vanille sehen, die ein paar Meter entfernt auf einem Bord auf seiner Seite stand. Ohne ihn dabei aus den Augen zu lassen, machte sie einen weiteren Schritt in Harleys Richtung. Das grelle Deckenlicht, das sich auf den Edelstahloberflächen der Küche brach, blendete sie. Nur das plötzlich einsetzende surrende Geräusch des Mixers, der den Brotteig durchknetete, durchbrach die Stille. Noch ein Schritt. Und noch einer. Sie streckte vorsichtig die Hand nach der Vanille aus. Surr, surr. Nur noch ein paar Zentimeter. Fast. Nur noch ein Zentimeter.

Harley fuhr herum, als Lous T-Shirt zu klingeln begann. Mit einem Blick erfasste er ihre verfängliche Pose und schüttelte abwehrend den Kopf.

Lou fischte seufzend das Handy aus ihrem BH und lächelte. »Herzlichen Glückwunsch, mein Schatz! Du bist aber früh wach.« Sie wandte Harley den Rücken zu.

»Du auch«, sagte Devlin. »Ich dachte, du schläfst bestimmt noch, und wollte dir nur eine Nachricht hinterlassen.«

»Ich habe heute Morgen einige Lieferantentermine«, log sie.

»Okay. Aber du hast immer noch vor, heute Abend früher zu gehen, oder?«

»Wenn es nicht zu voll wird, müsste ich gegen zehn hier rauskommen. Ist das in Ordnung?«

»Erst um zehn? Ein bisschen länger wollte ich schon mit dir feiern. Kannst du nicht früher gehen?«

Lou hatte das Gefühl, seinen weit aufgerissenen Hundewelpen-Blick sogar durch das Telefon sehen zu können. Sie dachte kurz darüber nach, ihm von ihrem geplanten Besuch zu erzählen. Aber die Vorfreude auf seinen überraschten Gesichtsausdruck, wenn sie später mit dem Kuchen vor seiner Tür stehen würde, ließ sie den Drang, ihn jetzt zu beruhigen, niederkämpfen. Nichts konnte Kuchen zum Frühstück übertreffen – und erst recht keinen Geburtstagskuchen.

»Klar.«

»Toll. Könntest du dann auch gleich meine Wäsche aus der Reinigung abholen?«

Lou seufzte. »Ich weiß nicht, ob ich das schaffe.«

»Bitte! Als Geburtstagsgeschenk?«

»Oh, Mann, na gut.«

»Du bist die Beste.«

»Ich liebe dich auch.«

Lou stopfte das Handy unter ihr T-Shirt und konzentrierte sich wieder auf ihre Mission. Das war ihre Chance. Harley war gerade darauf konzentriert, hauchdünne Lagen Filouteig zu einem Strudel aufzuschichten. Trotz seiner Größe von über einen Meter achtzig, den unzähligen Tätowierungen, knuddelbärbraunen Augen und der polternden Stimme hatte er weitaus mehr Ähnlichkeit mit einem Kuschel-Rocker als einem Hells-Angels-Mitglied, aber seine Vanille verteidigte er mit der Leidenschaft einer überfürsorglichen Bärenmutter. Lou schlich sich auf Zehenspitzen an das Regal heran – ein Auge auf ihn, das andere fest auf ihr Ziel gerichtet. Dieser Kuchen musste spektakulär werden, und dafür brauchte sie die beste Vanille: Harleys Vanille. Er kannte irgendeinen Typen in Mexiko, der irgendeinen Typen kannte, der das Zeug in kleinen Tütchen verkaufte. Es war die beste Vanille, die sie jemals probiert hatte. Sie hatte Harley schon dabei beobachtet, wie er den Rand der Flasche mit einem Stift markierte, um festzustellen, ob sich jemand daran bedient hatte. Solange er nur mit dem Rücken zu ihr …

»Nein!«, sagte Harley, ohne sich zu ihr umzudrehen.

»Komm schon.« Lou zog die Hand zurück und ließ verzweifelt die Schultern sinken. Sie musste an diese Flasche ran. »Bitte, Harley. Ich brauche deine Super-Vanille für meinen Kuchen.«

»Er verdient sie nicht.« Harley drehte sich zu ihr um und schüttelte entschlossen den Kopf. »Und ich kann einfach nicht fassen, dass du bei ihm einziehst.«

Lou knetete ihre Schürze zwischen den Händen. »Ich habe noch nicht Ja gesagt. Darum muss der Kuchen auch unbedingt perfekt werden.«

»So eine Feinheit wird er ohnehin nicht bemerken. Er will, dass du einziehst, also wird es zwangsläufig auch dazu kommen.«

»Ich weiß nicht. Ein Ring ist eine Sache. Aber zusammenziehen … fühlt sich so endgültig an.« Sie streckte noch einmal die Hand nach der Flasche aus.

Harley beobachtete sie, wartete ab, was sie als Nächstes tun würde. Sein ordentlich getrimmter blonder Bart ließ ihn aussehen wie Kenny Rogers um 1985. Dafür verbarg das ewig präsente schwarze Bandana jedes Haar auf seinem Kopf. Sein voller Name war Harley Rhodes. Ob aus Vorbestimmung oder dummem Zufall, aber der Name passte zu ihm.

»Verdammt, Harley! Als Dessertchef achte ich dich mit vollem Respekt, und als meinen Freund schätze ich dich über alles. Aber jetzt gerade gehst du mir wahnsinnig auf die Nerven. Ich bezahle den ganzen Kram, also benutze ich ihn auch, wann immer ich will.« Lou schnappte sich die Flasche und drehte sich aufgebracht zu ihrem Mixer um. Sie konnte förmlich spüren, wie Harley hinter ihr lächelte. Sie holte tief Luft und ließ den Atem langsam entweichen, dann suchte sie die restlichen Zutaten aus den Regalen zusammen. Sie hätte sich blind bewegen können, ohne auch nur einmal danebenzugreifen, so vertraut waren ihr sämtliche Handgriffe. Sie stellte eine große Schüssel vor sich hin und füllte eine Tasse Mehl nach der anderen hinein. Mit jeder weiteren Portion stob ihr eine weiße Wolke entgegen.

»Du solltest die Waage benutzen«, kommentierte Harley, der plötzlich hinter ihr stand.

Lou fuhr mit einem spitzen Schrei herum. »Meine Großmutter hat die Zutaten auch nicht abgewogen.«

»Du bist aber besser als deine Großmutter.«

Ha, wenn das nur stimmen würde. Luella war Lous Lieblingsoma gewesen. Viele Großmütter nahmen ihre Enkel mit in den Park oder kauften ihnen Bücher und Puppen oder erzählten ihnen die besten Geschichten. Lous Großmutter hatte ihr ihre alten Rezepte verraten. Sie hatte Lou beigebracht, wie man prüfte, ob der Truthahn gar war, wie man Gemüse zerkleinerte, ohne sich dabei die Finger abzuschneiden, und wie man einen Kokosnusskuchen backte, bei dessen Genuss ausgewachsenen Männern schwindelig wurde. Stets hatte ein kontinuierlicher Strom tröstlicher Gerüche ihre Küche gefüllt – ein Ausdruck ihrer Liebe, die so stark war, dass man sie förmlich schmecken konnte. Durch sie war Lou bereits als Kind mit dem kulinarischen Virus infiziert worden. Es freute sie, nach ihrer Großmutter benannt worden zu sein, aber Lou zweifelte trotz allem daran, jemals so gut kochen zu können wie sie. Jetzt verdrehte sie angesichts Harleys übertriebener Komplimente die Augen. »Ich versuche es so zu machen wie sie.« Sie starrte ihn so lange an, bis er sich wieder in seinen Küchenbereich verzog.

Zurück zum Kuchen. Lou gab Backpulver und Salz zum Mehl und verrührte alles. In einer kleineren Schüssel verquirlte sie Kokosnusscreme und Milch. Sie konnte nicht widerstehen, kurz daran zu schnuppern, um den berauschenden Duft zu genießen. Dann benutzte sie ihren Standmixer, um die Butter so lange zu schlagen, bis sie weiche Flöckchen bildete. Sie fügte Zucker hinzu und schlug die Masse so lange, bis sie hellgelb und schaumig war. Um ein bestimmtes Ergebnis zu erzielen, wurden Backzutaten in einer bestimmten Reihenfolge gemischt. Lou hatte plötzlich das Gefühl, dass es bei Beziehungen gar nicht so anders war. Wenn sich Leute nicht gut mischen ließen, war das Ergebnis am Ende oft nicht zufriedenstellend. Als Nächstes gab sie Kokosnussextrakt und Vanille hinzu. Bevor sie das kostbare Fläschchen sorgfältig verschloss, tupfte sie sich noch ein ganz klein wenig davon hinters Ohr, als handle es sich nicht um ein Pflanzenextrakt, sondern Chanel N° 5. Dann nahm sie Mehl und Kokosnussmilch und rührte sie abwechselnd unter die Buttermischung. Der Trick, wenn man einen lockeren Kuchen wollte, bestand darin, nicht zu viel zu rühren. Schlug man den Teig zu lange oder zu stark, geriet er schnell zu schwer und fest. Wenn man zu viel auf einmal wollte, konnte es einem passieren, dass man etwas damit kaputt machte. Sie würde Devlin gerne dazu bringen, ihr Restaurant genauso zu lieben wie sie, aber jeder Versuch, ihn mehr zu involvieren, hatte bisher in Streit und anschließendem Schweigen geendet. Vielleicht zu viel gerührt, dachte Lou. Sie warf einen Blick in die Schüssel. Der perfekte Mix. Immerhin bekam sie das richtig hin. Sie verteilte den Teig auf zwei Backformen und trug sie zum Ofen.

Harley hörte sie kommen. »Raus aus meinem Bereich.«

»Harley, ich muss die hier backen.«

»Es ist schon schlimm genug, dass du meine Vanille als Parfum missbrauchst. Du kannst jetzt nicht auch noch meine Backöfen in Beschlag nehmen.«

»Genau genommen sind es meine Backöfen.«

Harley baute sich mit verschränkten Armen vor ihr auf. »Ich probiere gerade verschiedene Brote aus.«

»Wie du meinst.« Lou stapfte wütend zurück zum Hauptkochbereich und schob die Backformen in den kleinen Ofen mit der gelben Tür hinter dem Grill. Sie benutzte ihn normalerweise für Gerichte, die geschmort werden mussten. Er war nicht so gut zu regulieren wie die anderen, aber er würde seinen Zweck erfüllen. Ihre Großmutter hatte schließlich auch keinen teuren Ofen gebraucht. Sie trug die schmutzige Schüssel zur Spüle, während sie mit einem Finger am Rand entlangfuhr und ihn anschließend in den Mund steckte. Genüsslich schloss sie die Augen, als sich die Aromen auf ihrer Zunge entfalteten – nicht zu süß, genug Kokosnuss, aber nicht so viel, dass man die Vanille nicht mehr herausschmeckte. Perfekt. Ihre Großmutter wäre stolz auf sie. »Willst du probieren?« Lou hielt Harley die Schüssel hin.

Er kam zu ihr herüber, steckte einen Finger in die Schüssel und leckte ihn ab.

»Und?« Lou sah ihn gespannt an.

»Du hättest die Waage benutzen sollen.« Aber Lou bemerkte das verschmitzte Lächeln, das sich unter seinem Bart in den Mundwinkeln andeutete. Als er seine Hand noch einmal nach der Schüssel ausstreckte, zog Lou sie zurück.

»Dann gibt’s für dich auch nichts mehr.« Sie stellte die Schüssel neben der Spüle ab. Als sie sich abwandte, konnte sie aus den Augenwinkeln sehen, wie Harley sie sich heimlich schnappte, um sie auf seine Seite mitzunehmen.

Während die beiden Tortenböden im Ofen backten, bereitete Lou für sich und Harley Frühstück zu. Sie legte ein paar Scheiben Speck auf den vorgewärmten Rost. Als sie zu brutzeln begannen, vermischte sich der verführerische Geruch des salzigen Specks mit dem süßen Duft des Kokosnusskuchens. »Himmlisch.« Sie bestrich ein trockenes Baguette mit Butter, um es anschließend zu toasten, und zerschlug in einer Pfanne Eier für die Frühstückssandwiches. »Und jetzt noch Käse. Brie? Oder Emmentaler? Mhm, nein, lieber geräucherten Zwiebelcheddar.«

Während die klappernden Kochgeräusche in dem leeren Restaurant von den Wänden widerhallten wie umherspringende Gummibälle, wurde ihr wieder bewusst, wo sie sich befand und warum sie hier war. Sie konnte immer noch nicht richtig glauben, dass das Luella’s wirklich ihr gehörte. Dass sie den Mut aufgebracht hatte, das Restaurant zu eröffnen. Wenn Sue und Harley ihr nicht versprochen hätten, hier zu arbeiten, dann hätte sie es nicht gemacht. So etwas allein durchzuziehen wäre keine Option gewesen. Jeden Monat, wenn sie ihre Abrechnung machte, überlief sie eine kleine wohlige Welle, wenn die Zahl am Ende schwarz war. Der Gewinn war winzig, aber es war ein Gewinn. Nach einem Jahr harter Arbeit sah es inzwischen so aus, als ob es das Luella’s tatsächlich schaffen würde.

Lou spülte das Frühstück, das sie im Stehen an der Spüle aßen, mit zwei Tassen Kaffee hinunter, die genug Zucker und Sahne enthielten, um als Dessert durchzugehen. In dem Moment, als Lou ihren leeren Teller wegräumte, hörte sie das Pling! der Küchenuhr. Als sie die Backofentür öffnete, schlug ihr heiße Luft entgegen. Der süße Geruch von Kokosnuss durchdrang ihre Sinne. Die beiden Tortenböden erstrahlten in nahezu goldener Perfektion und hatten genau die richtige Konsistenz. Perfekt. Sie hatte vorsichtshalber zwei gebacken, falls einer beim Herausnehmen aus der Form zerbrechen sollte. Abgesehen davon würden sich ihre Angestellten, wenn sie mit den Vorbereitungen für den Abend begannen, mit Begeisterung über die Reserve hermachen. Während die Kuchen abkühlten, bereitete Lou das Frosting vor. Mehr ungesalzene weiche Butter, Kokosnussmilch – exakt so viel, wie es brauchte, damit sich die Glasur gut verstreichen ließ –, Puderzucker und noch mehr von der wunderbaren Vanille. Lou konnte nicht widerstehen und tauchte einen Finger in die dekadente cremige Masse, um sich einen Klacks von Tischtennisballgröße in den Mund zu stecken. Nachdem sie die Kuchen mit der Glasur bestrichen und geröstete Kokosnussraspeln darübergestreut hatte, warf Lou einen Blick auf die Uhr. Der kleine Zeiger stand fast auf der Sieben. »Verdammt!« Lou schob die frische Köstlichkeit in eine Transportbox aus Karton und faltete sie über dem Kuchen zusammen. Sie knotete eine Schnur darum, schnappte sich ihre Schlüssel, winkte Harley im Vorbeirennen zu und stürzte genau in dem Moment durch die Tür, als Sue die Küche betrat. Lou bemerkte, wie Harley innehielt und sie anstarrte.

»Morgen, Lou. Hey, Harley. Gibt’s schon Kaffee?«, fragte Sue in seine Richtung, vermied aber, ihm in die Augen zu sehen. Als sie die Box in Lous Hand entdeckte und den Vanille-Kokosnussgeruch in der Küche wahrnahm, hörte sie auf der Stelle auf, ihre langen roten Haare zu flechten. Beim Kochen trug sie immer zwei Zöpfe. Und wenn es wirklich hektisch wurde, band sie sie auf dem Kopf zusammen, sodass sie aussah wie eine durchgeknallte erwachsene Pippi Langstrumpf.

Lou musste angesichts Sues knapper Begrüßung lächeln – es war eben doch noch ziemlich früh am Morgen. »Ja«, antwortete sie. »Aber ich muss los. Ich muss noch Besorgungen machen, bevor ich Devlin mit dem Kuchen überrasche. Eigentlich rechnet er erst heute Abend mit mir, aber ich habe mir gedacht, dass eine kleine Feier vor der Arbeit eine nette Geste wäre. Ich komme später wieder. Der Reserve-Kuchen steht neben der Kaffeekanne – lasst es euch schmecken.« Dann lehnte sie sich näher zu Sue und flüsterte: »Erzähl mir nachher, was Harley davon gehalten hat.«

»Na klar.« Sue ging zur Kaffeemaschine. Mit einem Mundvoll Kuchen fügte sie hinzu: »Er verdient dich nicht, Lou.«

Aber Lou war schon halb aus der Tür – den Kuchen in der einen und die Handtasche in der anderen Hand und mit dem festen Vorsatz, ihren Verlobten zu überraschen.

2

Irritiert stand Al Waters – eine weiße Notizkarte in der Hand und den viel zu kalten Frühlingswind im Rücken – an der Ecke St. Paul und Milwaukee Street. Das schneeweiße Papier wurde von zwei Dingen durchbrochen: den blaugrauen Initialen DP in der rechten oberen Ecke und der kurzen Notiz in der rechten unteren Ecke:

Mr Wodyski, denken Sie über einen Besuch im Luella’s nach. 320 St. Paul Street.

Nachdem er die knappe Nachricht erhalten hatte, hatte Al alle Vorkehrungen getroffen, damit A. W. Wodyski heute Abend im Luella’s inkognito essen konnte. Jetzt musste er den verdammten Laden nur noch finden: »Drei-null-sechs, drei-null-zwölf, drei-zwei-null … Da ist es ja.« Er kritzelte schnell ein paar Notizen auf die Rückseite der Karte:

  • Öffnungszeiten
  • Sonntag – Donnerstag: 17–22 Uhr
  • Samstag + Freitag: 17–24 Uhr

Al spähte neugierig zum Eingang hinüber. Er liebte es, vor dem Abendessen neue Lokale auszukundschaften, ohne die Ablenkung durch das Gewusel anderer Restaurantbesucher. Durch die großen Glasfenster konnte er eine Frau mit roten Zöpfen erkennen, die in der Nähe der Küchentür stand. Wahrscheinlich die Köchin. Luella’s – was für ein einfallsloser Name –, wahrscheinlich der Name der Großmutter, dachte Al. Er warf einen Blick auf die Speisekarte, die hinter Glas in einem bronzefarbenen Rahmen neben der Eingangstür hing. Er musste ein Gähnen unterdrücken, als er die lange Liste der üblichen französischen Gerichte überflog. Diese Kritik würde sich wie von selbst schreiben.

Al schauderte und machte sich zurück auf den Weg Richtung Milwaukee Street. Angesichts des schneidenden Windes, der im Kontrast zum knallblauen Himmel hoch über ihm kalt zwischen den Hochhäusern wehte, blickte er finster drein. Er meinte sich an einen Starbucks ein paar Blocks entfernt zu erinnern; er konnte wirklich einen heißen Tee gebrauchen, selbst wenn er nur von dort kam. Als er den überfüllten Coffeeshop betrat, schlug ihm eine heiße Welle koffeingeschwängerter Luft entgegen. Kaffee kannte einfach keine Raffinesse. Im besten Fall schmeckte er bitter, im schlechtesten wie ein Haufen Schlamm von der nächsten Müllhalde. Mit einem Mokka oder Latte kam er noch einigermaßen klar, aber die zählten nicht wirklich als Kaffee. Al drängte sich zur Kasse durch und bestellte einen Earl Grey mit einem Schuss Milch. Die Kette bot eine absurd große Auswahl an Teesorten an – doch Darjeeling und Earl Grey waren die einzigen zumutbaren Optionen. Die anderen enthielten entweder Beeren oder Kräuter – kein einigermaßen vernünftig denkender Engländer würde so etwas je bestellen. Während er am Abholtresen auf seine Bestellung wartete, tippte er ungeduldig mit der Fußspitze auf den Boden. Nachdem er seinen Tee endlich bekommen hatte, bahnte er sich – stets höflich lächelnd – seinen Weg durch die koffeinverpestete Luft zurück zur Tür. Warum in Gottes Namen waren all diese Menschen um sieben Uhr morgens schon so verdammt fröhlich? Al trat aus dem Coffeeshop und überquerte die Straße in Richtung des Milwaukee Public Market, dem einzigen, wenn auch kleinen, Lichtblick der kulinarischer Szene dieser Stadt. Er hatte mal von einem Bauernmarkt gehört, der angeblich immer im Sommer stattfinden sollte. Nach vier Monaten in dieser gottverdammten, eiskalten Stadt hatte Al allerdings eher den Eindruck, dass man Neuankömmlingen das Märchen vom Sommer erzählte, um sie auf den Arm zu nehmen. Der heutige Tag war als erster warmer Frühlingstag angekündigt worden, weshalb er seinen Wintermantel zu Hause gelassen hatte. Selbst schuld.

Der Milwaukee Public Market bestand aus einem einzigen, lang gezogenen Gebäude, das sich über die Länge eines Blocks erstreckte. Im Erdgeschoss reihten sich Stände aneinander, die von Kaffee über Fleisch bis hin zu Gewürzen alles Mögliche verkauften. Die Qualität war überall akzeptabel und die Auswahl für einen solch kleinen Markt durchaus anständig; kein Vergleich natürlich mit den niemals endenden, verschlungenen Märkten in London, Paris oder sogar auf Vancouvers Granville Island. Auf der Empore der ersten Etage gab es einen Sitzbereich, von wo man das Treiben unten beobachten und die zuvor erstandenen Lebensmittel probieren konnte. Manche Stände boten kleine Mittagssnacks an, was von den Geschäftsleuten, die ihren Großraumbüros im Austausch gegen ein wenig frische Luft und Sonne für eine halbe Stunde entkommen wollten, dankbar angenommen wurde. Zu den seltenen Gelegenheiten, wenn Al nicht berufsbedingt auswärts zu Mittag aß, kam er auf den Markt, um die frischesten Zutaten für das Abendessen zu besorgen. An diesem Morgen suchte er jedoch nur eine Möglichkeit, dem kalten Wind zu entkommen. Die Schlange an dem Stand, an dem er für gewöhnlich seine Zeitung kaufte, war lang, aber Al hatte Zeit. Da er normalerweise am Nachmittag und bis in den späten Abend hinein arbeitete, musste er nicht vor zwölf im Büro sein. Während er geduldig wartete, wippte er auf den Füßen vor und zurück und nippte dabei an seinem heißen Tee. Er schloss die Augen und atmete tief ein, um den vertrauten warmen und tröstlichen Geschmack zu genießen. Es schmeckte fast ein bisschen nach zu Hause: duftig und frisch, nach einem Hauch von Milch. Al nahm noch einen tiefen Atemzug, als sich Kokosnuss, Vanille und Speckgeruch unter seinen Earl-grey-Duft mischten. Neugierig blickte er sich nach der Quelle der verführerischen Gerüche um, wobei er fast mit der braunhaarigen Frau zusammengestoßen wäre, die direkt hinter ihm stand. Ein paar Tropfen Tee spritzten auf die makellos weiße Geschenkbox in ihren Händen.

»Oh, das tut mir leid«, platzte Al heraus, während er den Becher abzufangen versuchte, damit sich nicht auch noch der Rest des Inhalts über die Frau ergoss.

Sie verzog das Gesicht zu einem umwerfenden Lächeln, das ihre blendend weißen Zähne offenbarte, die bis auf einen, der auf charmante Weise ein wenig krumm stand, schon fast unheimlich ebenmäßig waren. Ihre Nase kräuselte sich, als das Lächeln auch die äußersten Mundwinkel erreichte und die zarten Sommersprossen in ihrem Gesicht tanzen ließ. »Nichts Schlimmes passiert«, sagte die Frau.

Al lächelte zurück. Sie hatte die Art von Gesicht, das einen sofort entwaffnete. Ihre Haare waren am Hinterkopf zu einem lockeren Pferdeschwanz zusammengebunden und sie trug kein Make-up – bemerkenswerter war jedoch, dass sie gar keins brauchte. Sie trug Jeans, die weder zu eng noch zu weit waren, und eine gesteppte braune Weste über einem braunen langärmeligen T-Shirt. Ihr Anblick ließ alles andere um sie herum in den Hintergrund treten. Er konnte einfach nicht aufhören sie anzustarren, auch wenn er das dumpfe Gefühl hatte, dass es höchste Zeit dafür war, aber er wollte ihren Anblick in seine Erinnerung einbrennen. Ein Schauer durchfuhr ihn.

»Kalt?«, fragte die Frau.

»Eiskalt. Laut Wetterbericht sollten es heute über zwanzig Grad werden. Aber das können nicht mehr als zehn sein.«

Die Frau nickte. »Das kommt durch den See.« Al runzelte die Stirn. »Sie wissen schon, in der Nähe des Sees ist es kälter.«

»Was?«

»In der Nähe des Sees ist es kälter. Ich bin mir sicher, dass sie das im Wetterbericht auch gesagt haben«, erklärte sie.

»Ja, vielleicht. Aber wir sind nicht am See.«

»Aber nahe genug dran. Das Ufer ist gerade mal zehn Blocks entfernt.« Die Frau deutete über seine Schulter. »Aber damit kann auch einige Kilometer weiter entfernt gemeint sein. Der Lake Michigan ist so riesig, dass er mit unserem Wetter alle möglichen verrückten Dinge anstellt. Warten Sie ab, bis wir erst den vom See beeinflussten Schnee bekommen.« Das Lächeln der Frau war noch breiter geworden, und eine kleine Andeutung von Spott hatte sich hineingeschlichen. »Ich empfehle Lagenlook.«

Lou versuchte sich zurückzuhalten und den armen Kerl nicht laut auszulachen. Er sah halb erfroren aus in seiner ordentlich gebügelten hellbraunen Stoffhose und dem blauen Anzughemd. Als er die Arme vor der Brust verschränkte, um sich warm zu halten, spannten sich unter dem dünnen Stoff die Muskeln an seinen breiten Schultern und Armen. Er war nicht besonders groß, sodass sie ihm in die auffallend blauen Augen schauen konnte. Es war diese Art von Augenfarbe, die sich der Stimmung anpasste. Gerade jetzt hatten sie die Farbe eines tiefblauen Winterhimmels: kristallklar, aber kalt. Sein blasses Gesicht verriet, dass er sich zu viel drinnen aufhielt, und seine gerade Haltung erinnerte sie an die von Privatschülern aus Filmen wie Der Club der toten Dichter. Seine braunen Haare waren an den Seiten kurz geschnitten, in der Mitte jedoch länger und teilweise sogar ein wenig zottelig. Haare, in die man bei einem langen, leidenschaftlichen Kuss seine Finger wühlen konnte. Der Schatten eines Barts verriet, dass er sich seit ein paar Tagen nicht rasiert hatte und wahrscheinlich beim Küssen kratzen würde. Vielleicht sollte sie ihm anbieten, ihn zu wärmen … Lou schüttelte den Kopf, um sich auf seine Frage zu konzentrieren.

»Darf ich fragen, was in dem Paket ist? Kokosnuss?«

»Kokosnusskuchen.« Sie verlagerte das Gewicht der Wäsche, die sie aus der Reinigung geholt hatte, und des Kaffeebechers, den sie in der anderen Hand hielt, um den Karton besser festhalten zu können. Er wäre ihr fast heruntergefallen, als sich der Mann so plötzlich zu ihr umgedreht hatte.

»Wo haben Sie ihn gekauft?« Er lehnte sich ein wenig vor und schnupperte.

»Ich habe ihn selbst gemacht.«

Er riss erstaunt die Augen auf. »Wirklich? Da kann sich aber jemand sehr glücklich schätzen.« Mit diesen Worten drückte er dem Verkäufer das Geld für die Zeitung in die Hand und eilte davon. Erst an der nächsten Ecke blieb er noch einmal kurz stehen, um einen Blick zurückzuwerfen.

Lou kaufte mit einem leisen Seufzen die Kaugummis, die Devlin so gerne mochte, und eine Zeitung, um einen Blick auf die Kritiken dieses A. W. Wodyski zu werfen. Ihr Handy vibrierte. Eine SMS von Sue.

Harley hat ein Stück in der Größe eines Vorstadt-Waschbären verdrückt. Ich würde mal behaupten, dass es ihm geschmeckt hat.

Lou freute sich schon darauf, ihn später damit aufzuziehen. Mit einem Schmunzeln schob sie sich die Zeitung unter den Arm, steckte die Kaugummis in die Westentasche, packte die Wäsche so, dass sie nicht aus der glatten Plastikhülle rutschen konnte, nippte an Devlins Soja-Latte und nahm die Kuchenbox von der Theke des Verkaufsstands, wo sie sie zum Bezahlen abgestellt hatte. Mit einem Blick auf die Uhr hinter dem Zeitungsstand stellte sie fest, dass sie noch dreißig Minuten hatte, bevor Devlin sein Apartment verlassen würde, um in die Kanzlei zu gehen. Sie raffte ihre Sachen an sich und ging schnellen Schrittes die wenigen Blocks bis zu seiner Wohnung. Als sie vor dem Apartmenthaus ankam, war der Kaffee noch heiß – so heiß, dass sie für ihre von der Küchenarbeit schwieligen Hände dankbar war. Sie hatte Devlin bisher noch keine Antwort auf seine La-Perla-Frage gegeben (sie hatte aus irgendeinem Grund an diesem Ausdruck Gefallen gefunden), weswegen das Negligé noch immer ungetragen in seinem Schrank hing. Zusammenzuziehen kam ihr sehr viel endgültiger vor, als sich zu verloben. Da sie nicht einmal über ein Datum für die Hochzeit gesprochen hatten, fühlte sich Lou bisher nicht sehr viel anders, bis auf die Tatsache, dass sie nun stolze Besitzerin eines ziemlich teuren und funkelnden Schmuckstücks war. Sonst war eigentlich alles wie vorher. Die Vorstellung, sein Leben mit jemandem zu teilen, immer ein Date zum Valentinstag zu haben oder Weihnachten gemeinsam Geschenke auszupacken, gefiel ihr, aber mit jemandem zusammenzuziehen bedeutete Veränderung. Aus ihrem Apartment ausziehen, ihr Leben mit dem von Devlin zusammenzuwerfen – Bücher, Musik, Kleider. Auch wenn sie nicht oft zu Hause war, mochte sie den Gedanken, dass ihr Apartment mit ihren Bildern, ihren Kochbüchern und ihrem Bett am Abend auf sie wartete. Sie fand Devlins Wohnung nicht schlecht, aber er besaß einfach zu viele schöne Dinge. Jedes Mal wies er sie darauf hin, dass sie aufpassen, nicht irgendeine Statue umstoßen und keinen Wein auf dem Sofa trinken sollte. Zu oft hatte sie sich wie eine Schauspielerin in einem Theaterstück gefühlt, die brav nur das tat und sagte, was im Skript stand. Sie brauchte ihr eigenes Apartment, wo auch mal etwas auf dem Boden landen durfte und Dinge zu Bruch gingen; wo sie laut und sie selbst sein konnte. Auf der anderen Seite freute sie sich darauf, mit Devlin bei einer guten Flasche Wein zusammenzusitzen, seine nächsten Karriereschritte zu planen und gemeinsam über die absurden Grimassen der Pflichtverteidiger zu lachen. Doch, die Vorteile überwogen ihre Bedenken. Sie würden ihren Streit über das Restaurant beilegen – vielleicht könnte sie ihn sogar überzeugen, Mandanten zu privaten Abendessen dorthin einzuladen. Die Menschen liebten es, in einem Restaurant hofiert zu werden. Lou musste lächeln, als sich die Last auf ihren Schultern bei dem Gedanken ein wenig verringerte.

Leise schob sie den Schlüssel in das Schloss zu Devlins Apartment, während sie die Schnur um die Kuchenbox mit den Zähnen festhielt, damit sie ihr nicht herunterfiel. Als die Tür einen Spaltbreit offen stand, nahm sie den Karton wieder in die Hand und stieß die Tür mit einem Hüftschwung weiter auf. »Überraschung!« Lou sah sich nach Devlin um, doch die einzige Person, die sie sah, war Megan, die blonde Praktikantin von der Gala, die in Lous blauem La-Perla-Negligé in Devlins Wohnzimmer stand. Als Devlin, in Boxershorts und mit einem Haufen Kleidung auf den Armen, aus dem Schlafzimmer kam, stand Lous Mund noch immer offen – ihr Körper schien eingefroren.

Devlin starrte erst Lou, dann Megan an. »Es ist nicht so wie du denkst«, sagte er und ließ die Klamotten auf den Boden fallen, um die Hände vor sich auszustrecken, als wolle er in letzter Sekunde einen Autounfall verhindern.

Ein Unterwäscheensemble aus schwarzer Spitze thronte zuoberst auf dem Kleiderhaufen zu seinen Füßen. Lou hatte größte Mühe, die augenblickliche Situation mit dem in Einklang zu bringen, was sie noch vor Sekunden vorzufinden geglaubt hatte. Doch mit einem Mal traf es sie wie der frostige Blitz, der einen nach zu viel Eis durchzuckte: Ihr wurde wahnsinnig kalt, und sie hatte das Gefühl, nicht mehr richtig sehen zu können. Kaffee spritzte über den teuren Holzfußboden, der Plastiksack aus der Reinigung rutschte von ihrem Arm, die Kuchenbox fiel auseinander, als sie auf den Boden traf, saugte den Kaffee auf und überzog die frische Wäsche mit brauner Butterglasur. Der heiße Kaffee verwandelte ihren wunderschönen Kokosnusskuchen innerhalb von Sekunden in Matsch. Und ihr Herz musste sich ebenfalls irgendwo da unten inmitten dieser Schweinerei befinden. An seiner Stelle klaffte ein großes Loch in Lous Brust. Aus Angst sich übergeben zu müssen, schloss sie vorsichtshalber den Mund. Dann machte sie vorsichtig ein paar Schritte rückwärts durch die noch immer offen stehende Tür in den Flur, wobei sie Devlin nicht aus den Augen ließ. Schließlich drehte sie sich abrupt herum, stürmte die Treppe hinunter, aus dem Gebäude und auf die Straße – und prallte im nächsten Moment gegen einen Passanten. »Sorry«, murmelte sie und hetzte weiter den Bürgersteig entlang.

Al taumelte zurück, als ihn ein braunhaariges Etwas fast umrannte. Die Frau vom Zeitungsstand. Al sah Miss Kokosnusskuchen hinterher, wie sie den Gehweg hinunterlief, wo sie weiße Flecken von dem Frosting hinterließ, das an ihren Schuhen klebte. Er verspürte den Drang, ihr hinterherzurennen, damit sie ihn noch einmal so anlächelte wie eben am Zeitungsstand. Der kalte Frühlingswind, der durch die Straße wehte, schien ihn geradezu in ihre Richtung zu pusten. Er folgte den Glasur-Spuren auf dem Bürgersteig, doch als er die nächste Ecke erreichte, verlor sich die Spur der kuchenlosen Miss Kokosnusskuchen im Gewimmel der Menschen, die zur Arbeit hasteten. Al zuckte mit den Schultern, auch wenn er ein wenig enttäuscht war. Wahrscheinlich ist es besser so. Er hatte ohnehin nicht vor, noch viel länger in Milwaukee zu bleiben.

3

»Hey, Harley, hat Lou angerufen?«, fragte Sue. »Ich dachte, sie wollte längst zurück sein, um den Laden aufzumachen.« Es war inzwischen nach zwölf, und Harley hatte angefangen Brot zu backen und die Desserts für den Abend zuzubereiten, während Sue mit den Vorbereitungen für die Hauptgerichte beschäftigt war.

»Nö.«

»Ich rufe auf ihrem Handy an; sie kommt sonst nie zu spät. Und dabei ist mir scheißegal, was sie diesem Arsch gerade zum Geburtstag schenkt.«

»Okay.«

»Ich erzähle ihr, dass du den halben Kuchen gegessen hast.«

»Okay, ich mache mir Sorgen. Bist du jetzt glücklich?«

Harley und Sue blickten auf, als sie hörten, wie die Hintertür zufiel. Lous Haare sahen aus, als hätte sie mit einem Sturm gerungen, dabei war es nicht einmal sonderlich windig. Ihre Weste war ihr über die Schulter gerutscht, und ihr Gesicht so kreidebleich wie die Kochschürze, nach der sie im Vorbeigehen angelte. Sie musste viermal danach greifen, bevor sie sie endlich vom Haken bekam.

»Was hat er getan?« Sue stürzte hinter der Anrichte hervor auf sie zu. Lou hob zwar den Kopf, fixierte jedoch die Küche hinter ihr.

»Ich habe den Kuchen fallen lassen«, sagte Lou.

»Oh, Mist. War er sehr wütend? Harley hilft dir sicher, einen neuen zu backen. Nicht wahr, Harley?«

Harley murmelte zustimmend.

»Es wird keinen neuen Kuchen geben.«

»Was hat dieser Mistkerl zu dir gesagt?«, fragte Sue.

Lou schüttelte den Kopf, konnte den leeren Ausdruck in ihren Augen damit jedoch nicht vertreiben. »Es ist aus. Ich will nicht darüber reden. Wie weit sind wir mit den Vorbereitungen?«

Ohne ein Wort zu sagen, ging Harley um die Dessert-Station herum und schlang seine breiten, tätowierten Arme um Lou. Kaum dass sie die tröstliche Umarmung der mit Zucker bestäubten Python-Arme spürte, konnte Lou sich nicht mehr zurückhalten und schluchzte haltlos in Harleys T-Shirt.

»Ich bringe sie in die Höhle. Heute Abend müssen wir allein klarkommen«, sagte Harley, während er Lou in Richtung des Büros am Ende der Küche bugsierte.

Drinnen war jede freie Wandfläche mit Rezepten, Fotos und Speisekarten-Entwürfen bedeckt; Berge von Papier stapelten sich auf dem Schreibtisch, und unzählige Kochbücher, Aktenordner und Vorratsschachteln ließen kaum ein Fleckchen Boden frei. In einer Ecke stand eine schmale Liege, und eine Tür führte in das kleine Badezimmer mit Dusche. Nachdem das Restaurant eröffnet worden war, hatte Lou Stunden allein hier verbracht und war jedes Mal mit glänzenden Augen und einer neuen Idee für das Restaurant herausgekommen. Sue hatte Lou deswegen immer ein böses Genie genannt, das in seiner Höhle Pläne schmiedete. Seitdem hieß das Büro nur noch »die Höhle«.

Als sie den Raum betraten, klingelte das Telefon. Sue schob einen Stapel Papier zur Seite, um nachzusehen, wer anrief. Als sie die Anruferkennung las, warf sie Harley einen kurzen Blick zu und nahm dann ab. »Wenn du sie noch ein einziges Mal belästigst, schneide ich dich in Scheiben und serviere dich als Tagesgericht.« Sie knallte den Hörer auf.

»Das war noch viel zu nett«, brummte Harley.

Lou nahm einen tiefen, zittrigen Atemzug und befreite sich aus Harleys Armen. Beim Anblick des Chaos um sie herum schüttelte sie den Kopf. »Vielen Dank, aber ich kann unmöglich hierbleiben. Ich muss arbeiten. Wenn ich mich hinsetze, denke ich zu viel nach.« Sie zerrte sich den Verlobungsklunker vom Finger und schleuderte ihn auf den Schreibtisch, dann marschierte sie an Harley und Sue vorbei in die Küche, ohne den besorgten Blick zu bemerken, den die beiden tauschten.

Al kam um elf im Büro an, hastete eiligen Schrittes zwischen den Schreibtischen hindurch, hinter denen er zwar einige Gesichter erkannte, deren Namen zu behalten er sich aber nie die Mühe gemacht hatte. Als er seinen Arbeitsplatz erreichte, saß sein Kollege bereits am benachbarten Schreibtisch. »Was hat es mit diesem In-der-Nähe-des-Sees-ist-es-kälter-Quatsch auf sich?«, fragte Al, ohne sich die Mühe einer ordentlichen Begrüßung zu machen.

»Wohl ein bisschen ausgekühlt heute Morgen, was?«, fragte John zurück. John war für das Moderessort der Zeitung zuständig, auch wenn sein Äußeres Als Ansicht nach einiges zu wünschen übrig ließ. Johns braunes Kiffer-trifft-auf-Bergsteiger-Haar und der zottelige Bart verdeckten den Großteil seines Gesichtes und sahen aus, als hätten sie seit mindestens einem Monat kein Wasser mehr gesehen. John hatte einmal erwähnt, dass er eine Frau zu finden hoffte, die Gesichtsbehaarung sexy fand – weil so ein Mädchen vielleicht auch ein wenig auf abgefahrene Dinge stand. Dann hatte er noch irgendwas von einer speziellen Webseite gemurmelt. Heute trug er ein bis zur Unkenntlichkeit verknittertes Hemd, in dessen Brusttasche zwei Stifte steckten (grün und lila), eine nicht minder verknitterte Stoffhose und rote Converse All Stars. Al bemerkte einige Brusthaare, die aus seinem Kragen lugten.

»Verdammte Kälte. Was soll das mit den Haaren?« Al gestikulierte in Richtung von Johns Brust.

»Ich habe aufgehört, sie zu trimmen.«

»Dann trag doch wenigstens halsnahe T-Shirts, Mann!«

»Die Ladys lieben Brustbehaarung. Es gibt ganze Webseiten, die sich dieser Leidenschaft widmen.«

»Hast du irgendeines dieser Themen schon mal ernsthaft gegoogelt, oder denkst du dir das alles nur aus?«

»Nicht an meinem Arbeitscomputer.«

In den vier Monaten, die Al für die Zeitung arbeitete, hatte er es nicht geschafft, die äußere Erscheinung seines Kollegen mit der seines Schreibtisches unter einen Hut zu bringen. Auf einem Regalbrett stand, ordentlich abgeheftet, etikettiert und in alphabetischer Reihenfolge, eine Reihe von Modemagazinen. Seine Pinnwand war in gleich große Quadrate unterteilt, die unterschiedlichen Themenbereichen wie Stoffproben, Modebildern und Streetstyle-Fotos zugeordnet waren. Eine schicke Lampe aus Kupfer mit grünem Seidenschirm stand auf seinem Tisch, und über dem Bürostuhl hing ein schokoladenbrauner Kaschmirschal. Unter seinem Schreibtisch befanden sich ordentlich aufgestapelte Kartons mit Schuhen und Kleidern verschiedener Modelables.

Al drehte sich auf seinem Stuhl um und schaltete den Computer ein. Während der surrend zum Leben erwachte, zog er die weiße Karte mit der Adresse und den Öffnungszeiten vom Luella’s heraus. Sein Schreibtisch sah grau und langweilig aus. Den einzigen Hinweis auf seinen temporären Besitzer lieferten die Bücher über Essen und Kritiken auf dem Regalbrett darüber. Al versuchte möglichst wenig aufzufallen, um seine geheime Identität zu schützen. Ein leer wirkender Schreibtisch hielt die Kollegen davon ab, ihn mit überflüssigen Gesprächen zu belästigen, auch wenn die Abschreckungsmethode seinen Tischnachbarn wenig zu beeindrucken schien.

»Lust, nach der Arbeit was trinken zu gehen?«, fragte John.

»Habe schon eine Restaurantreservierung für eine neue Kritik gemacht, sorry.«

»Welches?«

»Luella’s.«

»Kann ich mitkommen?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Weil du deine Klappe nicht halten kannst.«

»Manche Frauen mögen das.«

Al verdrehte die Augen und blickte wieder auf seinen Computer.

John lächelte.

Der PC hatte endlich alle Desktop-Funktionen hergestellt, und das laute Belüftungsgeräusch beim Hochfahren war einem leiseren Surren gewichen, sodass Al ein neues Dokument öffnen konnte. Er begann mit den Vorbereitungen für die Restaurantbesprechung des heutigen Abends, wobei er in seiner gewohnt bissigen Wortwahl schwelgte. Er würde die Details später ergänzen, wenn er ein paarmal dort gegessen und die verschiedenen Gerichte und Kellner kennengelernt hatte.

»Guten Morgen, Al.«

Die melodische Stimme seiner Chefredakteurin Hannah erklang über ihm. Sie war Mitte dreißig, blond und gefährlich gerissen. Auf ihrer Nase saß eine rahmenlose Brille, und ihre Haare waren im Nacken zu einem Knoten geschlungen, in dem in wahlloser Anordnung mehrere Bleistifte steckten. Sie war ein Risiko eingegangen, als sie Al als einen bis dahin unerfahrenen Restaurantkritiker eingestellt hatte – und hatte sich damit als einer von sehr wenigen Menschen Als Respekt verdient. Beim London Journal hatte er vor allem über die Royals geschrieben, mit denen er zu einem großen Teil sogar in Eton die Schulbank gedrückt hatte. Und obwohl er das Ressort gehasst hatte, hatten die Themen doch erheblich dazu beigetragen, seinen zynischen Schreibstil zu entwickeln. Nach ein paar Jahren, in denen er über fade Sprösslinge reicher Familien und ihre Eltern geschrieben hatte, wollte er weg. Mit dem Ziel, so viele Kilometer wie möglich zwischen sich und die Adelsfamilien zu bringen – und natürlich auch, um seiner Leidenschaft zu folgen –, hatte er sich in den Staaten auf so ziemlich jeden Job als Restaurantkritiker beworben. Und Hannah war die Erste gewesen, die auf ihn aufmerksam geworden war. Sie erkannte Talent, wenn sie es vor der Nase hatte.

»Wir haben einige Rückmeldungen auf Ihre letzten Restaurantbesprechungen bekommen.«

»Und?«

»Ich zitiere.«, Hannah räusperte sich und hielt die ausgedruckte E-Mail hoch. »›Ich hatte noch nie so viel Spaß daran, eine Kolumne zum Thema Essen zu lesen. Ich liebe Wodyskis geistreiche Kommentare. Jetzt muss ich meine Zeit nicht mehr damit vergeuden, schlechte Restaurants auszuprobieren.‹«

»Zumindest wissen die Menschen meine Hilfe zu schätzen.«

»Ich habe noch ein paar mehr. Einige finden Sie ein bisschen zu gemein, aber man kann eben nicht jeden glücklich machen.

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