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Kommissare in Not: Zehn Krimis auf 1408 Seiten

Kommissare in Not: Zehn Krimis auf 1408 Seiten

Alfred Bekker et al.

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2018.

Inhaltsverzeichnis

Title Page

Kommissare in Not – Zehn Krimis auf 1408 Seiten

MORD AN BORD

Copyright

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Das brennende Paradies

Copyright

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Ein Killer in Marseille

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Personal

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Wer erschießt schon eine Leiche?

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Personen

Erstes Kapitel (30.Dezember)

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel (31.Dezember)

Siebtes Kapitel

Achtes Kapitel

Neuntes Kapitel

Zehntes Kapitel

Elftes Kapitel

Zwölftes Kapitel

Dreizehntes Kapitel

Vierzehntes Kapitel

DIE KOMMISSARIN GIBT AUF

Teil I

Teil II

Teil III

HORST BIEBER | Benthe war ein schönes Kind

IMPRESSUM

Klappe

Personen

Roman

Die Kommissarin schlägt zurück

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Sand im Mund

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

Liebe unter Piranhas

PETER SCHREIBER | DEINES NÄCHSTEN WITWE | Kriminalroman

Mörderkarussell | Kriminalroman | Walter G. Pfaus

Ein Toter spielt falsch | Ein Krimi aus Ulm | von Walter G. Pfaus

About the Author

About the Publisher

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Kommissare in Not – Zehn Krimis auf 1408 Seiten

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Kriminalromane der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre.

Gesamtumfang: 1408 Seiten

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

Alfred Bekker: Mord an Bord

Horst Weymar Hübner: Das brennende Paradies

Alfred Bekker: Ein Killer in Marseille

Horst Bieber: Wer erschießt schon eine Leiche

Horst Bieber: Die Kommissarin gibt auf

Horst Bieber: Benthe war ein schönes Kind

Horst Bieber: Die Kommissarin schlägt zurück

Peter Schreiber: Deines Nächsten Witwe

Walter G. Pfaus: Mörderkarussell

Walter G. Pfaus: Ein Toter spielt falsch

––––––––

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HORST WEYMAR HÜBNER  schrieb zahlreiche Thriller.

Horst Bieber wurde mit dem deutschen Krimi-Preis ausgezeichnet.

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden, Sidney Gardner, Jonas Herlin, Adrian Leschek, John Devlin, Brian Carisi, Robert Gruber und Janet Farell.

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MORD AN BORD 

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von Alfred Bekker

Ein Kurz-Krimi von der französischen Mittelmeerküste.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch

© by Author

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

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"Sieh mal, dahinten ist Onkel Jules mit seiner Yacht!" Catherine Laffont deutete mit dem ausgestreckten Arm hinaus auf das glitzernde Mittelmeer. Pierre, ihr Mann, nickte und hielt sich die Hand wie einen Schirm über die Augen.

"Ja", murmelte er zwischen den Zähnen hindurch. "Und das Schönste ist, dass das alles bald uns gehören wird, Catherine! Die Yacht, die Firma, das Aktienvermögen... Alles!"

"Noch ist es nicht so weit, Pierre!"

Pierre zuckte die Schultern. "Das kann schneller kommen, als man denkt. Onkel Jules ist nicht mehr der Jüngste. Eine Bypass-Operation hat er schon hinter sich und letztes Jahr, das mit den Nierensteinen war auch nicht ohne." Pierre lachte hässlich und fuhr fort: "Alles in allem hat er wohl immer schon mehr auf sein Geld geachtet, als auf seine Gesundheit!"

"Da hast du wohl recht! Allerdings könnte er auch auf die Idee kommen, alles an Monique fallen zu lassen... Dann sieht es übel für uns aus."

Pierre seufzte.

Monique, Onkel Jules blutjunge Geliebte war drauf und dran, zu einem Problem zu werden. Wenn sie ihn noch lange bearbeitete, würden die beiden vielleicht sogar heiraten.

Die Yacht kam näher, fuhr geradewegs auf den Strand zu.

"Er kommt dem Strand recht nahe", murmelte Catherine verwundert. Bei einer so großen Yacht war das nicht ungefährlich. Man konnte leicht auflaufen.

Inzwischen waren auch andere Strandgäste auf die Yacht aufmerksam geworden und sahen zu, wie das große Boot immer näher an den Strand herankam. Dann gab es einen scharfen Ruck und ein unangenehmes, knarrendes Geräusch. Die Yacht war auf Grund gelaufen und legte sich schräg zur Seite. Der Wind blies noch immer mit unverminderter Kraft ins Segel und drückte auf einer Seite die Reling ins Wasser.

"Da stimmt was nicht!", meinte Pierre. Denselben Gedanken schien offenbar auch der für diesen Strandabschnitt zuständige Bademeister zu haben. Er stand in seinen dunklen Shorts auf dem Beobachtungsstand und rief wild gestikulierend etwas zu seinen Helfern herunter. Wenig später trug er zusammen mit ein paar anderen Männern ein Schlauchboot zum Wasser.

"Ich muss wissen, was da passiert ist", sagte Pierre und lief hinter den Männern mit dem Boot her. Er stand bereits bis zu den Knöcheln im Wasser, als er sie einholte.

"Lassen Sie mich mitfahren! Da auf dem Boot, das ist mein Onkel!"

Der Bademeister blickte Pierre kurz an, dann nickte er. Der Motor wurde angeworfen und anschließend brauste das Schlauchboot auf die gestrandete Segelyacht zu. Der blonde Bademeister war der erste, der an Bord kam. Seine gewaltigen Muskeln spannten sich, als er sich an der Reling hochzog. Die anderen Insassen hatten etwas mehr Mühe, an Bord zu kommen. Als Pierre es schließlich geschafft hatte, fand er Onkel Jules in der großzügigen Kajüte. Er lag auf dem Boden, so als wäre er gestürzt. Der Bademeister hatte sich über ihn gebeugt und machte Wiederbelebungsversuche. Aber schon nach kurzem gab er auf.

"Es hat keinen Sinn", sagte er. "Dieser Mann ist tot!"

"Sollen wir nicht die Polizei rufen?", fragte der Gehilfe des Bademeisters, ein schmächtiger Junge, der höchstens gerade achtzehn war.

"Nach einem Verbrechen sieht das hier ja nun wohl nicht aus", beeilte sich Pierre, die Sache abzubiegen. Der Junge zuckte die Achseln.

Und der Bademeister schien auch nicht gerade wild entschlossen zu sein, die Angelegenheit von einem Kriminalkommissar untersuchen zu lassen.

"Auf jeden Fall müssen wir jemanden kommen lassen, der die Yacht birgt. Die Leiche können wir mit dem Boot an Land bringen."

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Alles schien so zu laufen, wie Pierre und Catherine es sich gewünscht hatten. Es gab kein Testament und daher war Pierre, als einziger lebender Verwandter von Onkel Jules auch sein Erbe.

"Wir sind reich", sagte er zu ihr und sie mahnte ihn, seine Freude nicht allzu deutlich zu zeigen. Vor allem nicht in der Öffentlichkeit..."

"Sonst nimmt am Ende doch noch jemand Onkel Jules' Tod genauer unter die Lupe."

Als sie Onkel Jules 12-Zimmer-Villa aufsuchten, trafen sie dort Monique an.

Die junge Frau trug schwarz und war wohl der einziger Mensch weit und breit, der wenigstens so tat, als würde er über Onkel Jules trauern. Denn beliebt war er nicht gerade gewesen.

"Für ein paar Tage kannst du natürlich noch hierbleiben, Monique", meinte Pierre mit großzügiger Geste. "Schließlich stehst du ja jetzt gewissermaßen vor dem Nichts..."

"Keine Sorge", sagte Monique. "Ich habe meine Sachen bereits gepackt und ziehe zu meiner Schwester. Ach übrigens... Ich habe eine Obduktion von Jules Leiche beantragt."

Pierres Augen wurden schmal und Catherine runzelte die Stirn.

"Warum hast du das getan?", fragte Pierre.

"Weil ich wissen möchte, ob Jules einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist. Meint ihr, ich wüsste nicht, wie lange ihr schon auf seinen Tod gewartet habt? Und wie leicht wäre es gewesen, ihm ein Gift zu verabreichen, das erst dann wirkt, wenn er bereits mit seiner Yacht weit draußen auf dem Meer ist."

"Das ist doch absurd!", rief Pierre.

Monique zuckte die Achseln. "Wirklich? Du warst fast jeden Tag mit ihm zusammen Pierre, und hast Jules bei der Leitung der Firma geholfen. Du kanntest seine Lebensgewohnheiten haargenau und wusstest, dass er bei gutem Wetter immer etwa um dieselbe Zeit hinaussegelte. Und zwar allein, um seine Gedanken zu sammeln."

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Monique zog noch am selben Tag aus und man hörte nichts mehr von ihr. Inzwischen machten es sich Pierre und Catherine in der großen Villa gemütlich.

Nach etwa einer Woche bekamen sie Besuch von einem Kriminalkommissar.

"Mein Name ist Amery", sagte er. "Und ich untersuche den Tod von Jules Laffont."

"Was gibt es da zu untersuchen?", fragte Pierre nicht gerade freundlich.

"Bei der Obduktion wurde eine Überdosis Schlafmittel festgestellt. Seine Lebensgefährtin sagte uns aber, dass Monsieur Laffont solche Mittel nie genommen hat, was auch plausibel ist, denn er war herzkrank und das betreffende Medikament ist für solche Leute das reinste Gift!"

"Sie meinen, Onkel Jules wurde ermordet?", fragte Catherine.

Kommissar Amery nickte. "Ja. Ich muss Sie bitten mir zu sagen, wer Ihr Hausarzt ist..."

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"Er wird alles herausfinden!", zeterte Catherine. "Dass ich mir die Schlafmittel von Dr. Dupont habe verschreiben lassen und sie dann angespart habe, anstatt sie einzunehmen..."

"Aber es gibt keinen Zeugen dafür, dass ich Onkel Jules kurz bevor er mit der Yacht ablegte noch einen Drink gemacht habe," verteidigte sich Pierre.

"Das hat alles Monique eingefädelt, diese Schlange!", zischte Catherine.

"Sie weiß nichts!"

"Aber sie wird nicht lockerlassen!"

Pierre rief Dr. Dupont an, aber der sagte nur, dass er sich in die Sache nicht hineinziehen lassen wollte. "Wenn dieser Kommissar Amery hier auftaucht, werde ich ihm die Wahrheit sagen müssen."

Pierre fluchte lauthals, als er den Hörer auf die Gabel knallte. Noch am Abend kam Kommissar Amery mit zwei Kollegen, um Pierre und Catherine Laffont festzunehmen. Allerdings nur wegen Mordversuch.

Pierre runzelte erstaunt die Stirn und Amery sagte: "Ja, Sie haben richtig gehört. Zwar haben Sie beide versucht, Ihren Onkel zu vergiften, aber die Dosis war zu gering. Das gerichtsmedizinische Gutachten sagt eindeutig, dass Jules Laffont nicht an dem Schlafmittel gestorben ist, sondern an den sogenannten Wiederbelebungsversuchen von Laroche, dem Bademeister. Er war der Ex-Freund von dieser Monique. Vielleicht hoffte er, dass sie zu ihm zurückkehren würde, wenn Ihr Onkel nicht mehr am Leben wäre..."

ENDE

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Das brennende Paradies

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von Horst Weymar Hübner

Der Umfang dieses Buchs entspricht 109 Taschenbuchseiten.

Zum wiederholten Mal brennen die Wälder bei Le Lavandou. Zeitgleich wird eine junge Frau tot aufgefunden. Die vierte Tote in vier Jahren. Während die Touristen, die sich auf den Campingplätzen befinden, um ihr Leben kämpfen, versucht ein junger Polizeibeamter einen Mörder zu fassen.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author / Cover by Krzyztof Wiktor/123RF, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

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Im Halbschlaf nahm er wahr, dass Manon aufstand und den Wohnanhänger verließ. Er vermisste das Rascheln ihres Bademantels und dachte, dass sie wenigstens das Laken hätte umhängen können. Oder das Frotteetuch.

Aber er war viel zu träge, um sich darüber aufzuregen, dass sie nackt hinausgegangen war.

Im Wohnwagen hing schwer und betäubend der Lavendelduft, der von den Blütenfeldern bei Le Lavandou herüberkam und sich mit dem Geruch des Pinienharzes mischte.

Die Türe hätte sie wenigstens zumachen können, überlegte er. Jetzt zieht die verdammte Hitze wieder herein! Und der Lärm der Zikaden ist kaum noch auszuhalten!

Das Schrillen der emsigen Tiere, ihr tausendstimmiges Konzert, drang durch das geöffnete Oberlicht und die halboffene Türe herein.

Irgendwo ging Licht an.

Jean Louis rollte sich auf den Rücken, blinzelte träge zum Oberlicht hinauf und sah auf dem Chromrahmen die sich spiegelnde Helligkeit.

Sie duscht, dachte er. Bei der Affenhitze eine gute Idee, auch wenn’s mitten in der Nacht ist!

Einen Moment erwog er, ebenfalls unter die Dusche im Waschhaus zu gehen. Er beließ es bei der Überlegung und schlief wieder ein, als er das Rauschen des Wassers vernahm.

Nach einer Weile registrierte sein Unterbewusstsein das sanfte Schaukeln des Wohnwagens und das Klappen der Tür, als Manon zurückkam und ihr Lager auf dem heruntergeklappten Bett einnahm.

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Ein fremder Geruch stach ihm irgendwann in die Nase. Er wurde halbwegs munter.

Seit wann raucht sie denn, wunderte er sich. Und das heimlich? Muss ein böses Kraut sein!

Er schnupperte, öffnete die Augen und sah immer noch das Licht, das sich am Chromrahmen des Oberlichtes spiegelte.

Ärger regte sich in ihm.

Die volle Festbeleuchtung hat sie auch brennen lassen, dachte er. Die Mädchen heutzutage, das ist ’ne ganz besondere Erfindung! Gleich fängt der Dicke von nebenan mit seinem Schimpfen und dem Protest an, watschelt schlurfend zum Waschhaus und dreht das Licht ab. Wetten, dass er sofort loslegt?

Ohne den Kopf zu wenden, sagte er leise: „Drück die verdammte Zigarette aus! Gegen Schnaken haben wir was unter der Küchenspüle.“

Manon gab keine Antwort.

„He, Cherie, die Luft ist schon ...“ Er schaute zu ihr hinüber und hielt verblüfft den Mund.

Sie rauchte nicht. Sie schlief. Ohne Laken.

Das Tuch hing unter ihrem Körper hervor auf den Boden.

Zum Teufel, woher kam dann der Gestank? Die Tür war doch zu!

Manons nackter Körper war von einem schwachen rötlichen Schein übergossen. Hinter der Gardine des großen Heckfensters war es richtig rot.

Hatten irgendein paar Verrückte etwa ein Lagerfeuer entzündet? Trotz der Trockenheit und des ausgedörrten Pinienwaldes? Konnten die Wahnsinnigen nicht die Verbotsschilder lesen?

Jean Louis setzte sich auf, griff nach der geblümten Gardine und schleuderte sie zur Seite.

Allmächtiger! Der gesamte Hang oberhalb des Einganges zum Campingplatz stand in hellen Flammen! Das Feuer hatte die schmale Zufahrtsstraße übersprungen!

Kein Lagerfeuer, nein, einer der gefürchteten Brände, wie sie immer in der heißen Jahreszeit in den Küstenwäldern durch Unachtsamkeit entstanden.

Warum gibt denn niemand Alarm? Das Feuer kommt herunter, der Wind drückt es genau auf den Platz zu!

Voller Schrecken erkannte Jean Louis, dass das Feuer auf einer breiten Front unaufhaltsam vorrückte. In ein paar Minuten musste es das Eingangsgebäude erreicht haben.

Die Gasflaschen! Lieber Himmel, sie hatten dort das Lager für die Gasflaschen!

Wo blieben denn die Leute, die den Nachtdienst versahen und zu spät ankommende Gäste auf den Warteplatz links des Einganges dirigierten? Wahrscheinlich ausgegangen. Mit ein paar flotten Puppen nach Ramatuelle hinüber. Oder sie hockten unten in der Bucht und vergnügten sich im Sand.

Verzerrt und undeutlich hörte Jean Louis jetzt irgendwo jemand schreien.

Vor der Flammenwand bewegte sich ein Wohnwagen. Scheinwerfer blendeten auf. Ein auf dem Warteplatz ausharrender Gast versuchte, sein Fahrzeug in Sicherheit zu bringen. Er kurvte draußen herum, schob den Wohnanhänger gegen den Berg und gegen die Flammen. Das gelbe Lichterpaar kam ins Blickfeld.

„Manon!“, rief Jean Louis. „Manon, wach auf! Der Wald brennt. Das Feuer kommt den Berg herunter.“

Er starrte dabei aus dem Fenster und sah, dass der Autofahrer beim Eingang das Unmögliche seiner Bemühungen eingesehen hatte. Den Berg kam er nicht mehr hinauf, weder vorwärts noch rückwärts. Die Zufahrt war ein wabernder, Flammen erfüllter Kanal. Schwarze Ruß- und Qualmwolken ballten sich und schienen unvermittelt zu explodieren. Rotes, wallendes Feuer schoss hervor.

Der Fahrer kam vom Warteplatz herab, fuhr durch das geschlossene Tor, dass Jean Louis die geborstenen Holzplanken im Scheinwerferlicht trudeln sah, und suchte Rettung auf dem Campingplatz.

Eine gellende, durchdringende Autohupe begann zu plärren.

Die flammende Feuerfront warf ihr Licht auf den Platz. Ein paar verschreckte Gäste rannten herum und zerrten kopflos irgendwelche Gegenstände aus ihren Wohnwagen.

„Manon, Cherie, komm hoch!“, rief Jean Louis nochmals.

Manon räkelte sich gähnend, sog schnuppernd die heiße Luft ein und sah ihn auf dem Bett kauern und aus dem Heckfenster sehen, angestrahlt vom roten zuckenden Flammenschein.

Sie war schlagartig munter, setzte sich auf und schaute fassungslos hinaus.

„Zieh dir was über!“, sagte Jean Louis. „Wir müssen ins Waschhaus. Das ist stabil. Das Feuer ist gleich bei den Gasflaschen.“

Wie hypnotisiert starrte sie auf die Flammenwand. Inmitten der fast zarten Feuerschleier standen gleich grellen Fackeln die entflammten Pinien, die vom Boden bis hinauf zu den äußersten Nadeln brannten. Die Hitze hatte alles zundertrocken werden lassen.

Funken und fliegende Aststücke reichten, um näher zum Platz her dorniges Bodengestrüpp und den Nadelteppich in Brand zu setzen.

An einigen Stellen musste die Hitze so mörderisch sein, dass meterweit entfernte Bäume in Flammen aufgingen, ohne dass Funken übergesprungen wären.

Jean Louis fasste Manon bei den Schultern. Ihre samtweiche warme Haut zog sich unter seinem harten Griff zusammen.

Er rüttelte sie, bis sie aus der Erstarrung erwacht war, und hörte draußen das aufbrandende Geschrei. Die gellende Autohupe hatte die Schläfer hochgetrieben.

Während Manon ihre Wäsche zusammensuchte, fuhr Jean Louis in seine ausgefranste Freizeithose, hatte mit dem nächsten Griff die schmale Ledertasche unter dem Kopfkeil hervorgezogen, wo er sie immer aufbewahrte, und sah dicht am Heckfenster Campinggäste vorbeilaufen. Das war die Richtung runter zur Bucht.

Aufgeregte Stimmen drangen zum Oberlicht herein.

Manon war noch nicht zur Hälfte mit dem Ankleiden fertig, wobei es bei ihr wirklich nicht viel anzuziehen gab, als die Leute zurückkamen. Ihrem Geschrei entnahm Jean Louis, dass der Weg zur Bucht abgeschnitten war und das Feuer bereits von Westen her auf den Platz und seinen Baumbestand übergegriffen hatte!

Eingeschlossen, schoss es ihm durch den Kopf. Das Feuer ist um den Platz herumgelaufen und kommt von Westen und von oben! Wir werden drauf gehen! Entweder von der Hitze oder von den hochgehenden Gasflaschen! Das ist kein Paradies hier, sondern in ein paar Minuten eine verzehrende Flammenhölle!

Er griff Manon beim Arm, die immer noch versuchte, ihre Brüste im Bikini-Oberteil unterzubringen, schnappte nach seinem Hemd und drängte sie rücksichtslos zur Tür.

Geistesgegenwärtig holte er aus dem Spind zwei Jacken und sprang aus dem Wohnwagen.

Der Dicke von nebenan kam eben aus der Tür, starrte auf die Flammenwand, deren Brausen, Knacken und Knallen bereits deutlich zu hören war, und schaute dann auf Manon und die viele Haut, die sie zeigte.

Voller Ärger sah Jean Louis den begehrlichen Ausdruck im Gesicht des Mannes. Er hatte immer gedacht, dass der Mann sich nichts aus Frauen machte. In den fünf Tagen, die sie hier auf diesem besonders ruhigen und schön gelegenen Platz waren, hatte Jean Louis mehrmals adrette Jüngelchen aus dem Nachbarwohnwagen kommen sehen.

Der Dicke jedoch bewohnte den Wagen allein.

Manon hatte sich nach Jean Louis umgeblickt und stieß einen Schrei aus, als sie erkannte, wie nah das Feuer von der Meeresseite her schon vorgedrungen war. Auf dem letzten Stellplatz brannte bereits ein Wohnwagen. Es roch nach Harz, Ruß, Farbe und Gummi.

Die elektrische Leitung, die von Baum zu Baum gespannt war und an jedem Stellplatz eine Steckdose hatte, flammte an einer Stelle hell auf. Knisternd und knallend sprangen Funken. Eine schwache Entladung folgte.

Kurzschluss!

Jean Louis fürchtete, dass bei der auch hier sehr provisorischen Verschaltung und Verkabelung, der gesamte Platz schon ohne Strom war.

Voll grimmigen Humors dachte er, dass sie auch keine elektrische Beleuchtung benötigten. Das Feuer würde ihnen kräftiger leuchten, als ihnen lieb war.

Überall rannten jetzt die verstörten Campinggäste den festen Gebäuden der Platzanlage zu. Instinktiv hatten sie erkannt, dass sich ihnen dort Rettung bot.

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Ein brausender Wind war aufgekommen, ganz unvermittelt wie ein Gewitter am blauen Himmel. Das war nicht mehr das sanfte Säuseln mit dem Lavendelduft.

Laub wurde mitgerissen, dürre und grüne Piniennadeln flogen, Kerne aus den Zapfen kamen von den Bäumen und prasselten auf die Wohnwagendächer.

Der brausende Wind wuchs, binnen wenigen Sekunden zum Sturm an.

Er blies nicht mehr aus Westen oder vom Berg herunter. Er kam vom Meer, und er wurde verursacht durch den Sog des gewaltigen Feuers, das Sauerstoff heran riss und erhitzte Luftmassen mit den Rauchwolken in die Höhe trieb.

Erlebt hatte Jean Louis ihn noch nie, nur davon gehört. Nach den Erzählungen musste der Feuersturm furchtbar sein!

Zum Meer hin lagen die besten und die meisten Plätze.

Darum war das Waschhaus auch sofort überfüllt. Ein paar Leute versuchten sich noch herein zu quetschen. Sie waren jedoch vernünftig genug, das Unmögliche ihres Unterfangens einzusehen. Sie packten die Tücher fester um den Kopf, mit denen sie sich vor Funkenflug schützten, und rannten weiter in Richtung Restaurant.

Etliche Feriengäste hatten Gefäße zum Waschhaus mitgebracht und begannen, diese zu füllen. Es war immer gut, Wasser zur Hand zu haben. Wer konnte schon wissen, ob die Wasserleitung das Feuer überstehen würde?

Manon war irgendwo eingekeilt. Man hatte den Frauen die Innenräume und Duschzellen überlassen.

Die Männer drängten sich dicht bei dicht im Vorraum und im Türeingang.

Jean Louis befand sich unter ihnen. Er konnte von seinem Platz aus sehen, dass das Feuer jetzt schon an vier Stellen auf die Campinganlage übergegriffen hatte.

Der Wohnwagen ganz unten in der Reihe stand in hellen Flammen. Die berußten Scheiben platzten von der, im Innern wabernden Feuerhölle heraus. Schwarze Kunststoffrußwolken schlugen in die Äste über dem Wagen, sie entzündeten sich explosionsartig und ließen die Nadeln und Zweige sofort hell auflodern.

Mit Windgeschwindigkeit rasten die Flammen durch das Geäst, sprangen im Sturmsog auf den nächsten Baum über und ließen Äste und glühende Rindenstücke auf einen anderen Wohnwagen und das dabei geparkte Auto herabregnen.

Ein gewaltiges Bersten und Klirren übertönte das Brausen des Feuersturmes und das Knallen der brennenden Bäume.

Entweder hatten die in Panik geratenen Gäste eines der großen Panoramafenster des Restaurants eingedrückt, oder eine dieser Scheiben war in der gewaltigen Hitze geplatzt.

Wenn das Feuer schon dort ist, dachte Jean Louis besorgt, dann ist es schlimm! Dort befindet sich die Telefonzentrale! Hoffentlich haben sie noch Anschluss bekommen, bevor das Feuer die Leitung zerstört hat!

Draußen hastete ein junger Mann vorbei, der zu dem Verwaltungsteam des Platzes gehörte und immer die dezenten Lautsprecherdurchsagen machte.

Man war hier sehr familiär, und der junge Mann war allgemein unter dem Namen Philippe bekannt.

Jean Louis’ dicker Nachbar, eingekeilt und schwitzend, erspähte an zwei Köpfen vorbei den rennenden Philippe, brach sich zornig schnaufend Bahn nach draußen und brüllte empört: „Ich werde die Platzhaltung verklagen, Monsieur! Warum wurde kein Alarm gegeben? Sie, ich bin mit dem Abgeordneten Bicheron verwandt, ich werde diesen Skandal vor die Kammer bringen lassen. Die Verantwortlichen wird man zur Rechenschaft ziehen, darauf können Sie sich verlassen! An den Schadenersatzsummen können noch Ihre Enkel nagen und ...“

Eine schmetternde Explosion riss den Wohnwagen auf dem untersten Stellplatz auseinander und fetzte das glühende Gestänge in alle Richtungen.

Ein merkwürdiges Schwirren war in der Luft. Es kam unheimlich schnell näher.

Das Gas!, dachte Jean Louis voller Entsetzen. Die Druckflaschen! Sie sind nicht nur im Lager, sie stecken auch in den Deichselkästen der Wohnanhänger!

Das Schwirren endete wie abgeschnitten.

Etwas fiel gegen Jean Louis’ Schulter, und ein feiner Sprühregen schoss ihm ins Gesicht.

Dann klirrte ein Metallstück auf den gefliesten Boden des Vorraumes.

Verständnislos schaute Jean Louis auf den stehengebliebenen Philippe und dorthin, wo vor einer Sekunde noch der Dicke gezetert und mit seinem Verwandten gedroht hatte.

Der Dicke war fort.

Nein, doch nicht.

Sein Körper war noch da und sackte jetzt eben zu Boden. Der Kopf war fort.

Jean Louis begriff nur mühsam, was ihn an der Schulter getroffen hatte.

Ein Sprengstück aus der explodierten Gasflasche hatte dem Dicken den Kopf abgeschlagen!

Es war gut, dass er eingekeilt war.

Der Sprühregen, das war Blut gewesen. Er wischte sich dennoch zweifelnd übers Gesicht und hob die Hand vor die Augen, um im Schein des brüllenden, röhrenden Feuers nachzuprüfen, was es war.

Die Hand war rot. Es war ein hässliches, schmieriges, klebriges Rot.

Ihm wurde so miserabel wie nie zuvor in seinem Leben.

Den Umstehenden ging es nicht viel besser. Einer übergab sich rülpsend, ein anderer fluchte erschreckt.

Philippe war bei dem schmetternden Knall zusammengefahren. Jetzt besann er sich darauf, dass ihn die Trümmer der nächsten hochgehenden Flasche treffen konnten.

Er warf noch einen Blick auf den enthaupteten Mann, warf sich herum und jagte davon wie von tausend Teufeln gehetzt.

Kaum war er hinter einem Wohnwagen mit Metallhaut aus dem Blickfeld geraten, erschütterte eine ungeheure Detonation den Campingplatz, deckte Ziegel vom Waschhaus ab, ließ Scheiben klirrend zusammenfallen und brachte den Boden zum Wanken.

Zischend schoss Wasser aus einer geborstenen Leitung.

Unmittelbar auf den Knall folgte die Druckwelle. Sie blies das halbe Dach fort, weil sie in die Löcher der fehlenden Ziegel packen konnte, drückte die rückwärtigen Fenster ein, stieß die Mauer mit den anmontierten Spülbecken um und packte die Wohnwagen.

Der Anhänger mit der Metallhaut, in der sich die Flammen spiegelten, wurde zusammengeknittert und gegen einen Baum geschoben.

Zwei andere stürzten um, als seien sie von einer Mauer gekippt.

Ein anderer legte sich schräg gegen ein Auto, verformte sich etwas und ließ die Tür auffliegen.

Mit der verheerenden Druckwelle kamen brennende Äste, glimmende Nadeln und Borkenstücke. Im waagerechten Flug zischten sie längs des Waschhauses vorbei und setzten Bäume und nadelbedeckten Boden in Brand und Glut.

Der ungeheure Explosionsdruck hatte vier, fünf lichterloh brennende Pinien einfach ausgeblasen. Für ein paar Augenblicke rauchten und qualmten sie, dann flammten sie wieder auf. Die heißen Holzgase hatten sich an Glutnestern entzündet.

Der Boden begann zu rauchen. Der braune Nadelteppich begann sich durch die ungeheure Hitze selbst dort zu entzünden, wo keine Funken gelandet waren.

Jean Louis begriff langsam, dass das große Gasflaschenlager beim Platzeingang explodiert war. Oder ein Teil davon.

Er wagte gar nicht daran zu denken, wie es dort und im näheren Umkreis aussehen mochte.

In das unheimliche, hohle Prasseln des Feuers und das Brausen des Sturmes mischten sich die Schreie von Verletzten und gellende Rufe von Menschen, die irgendwo eingeklemmt waren und vor den heranrasenden Flammen nicht weglaufen konnten.

Warum kommt denn keine Feuerwehr?, dachte Jean Louis in dumpfer Verzweiflung. Die Mauern halten nicht mehr lange! In dieser Hitze bersten sie, und von oben fällt das

Feuer jetzt schon herein! Wir verbrennen alle bei lebendigem Leib!

Es kam ihm verrückt vor, auf die Uhr zu schauen.

Er dachte an einen Irrtum, als er sah, dass seit dem Moment, als er das Feuer am Berghang entdeckt hatte, noch keine Viertelstunde vergangen war.

Er hoffte inständig, dass den Wehren Flügel wuchsen.

Das gewaltige Feuer musste weit über Le Lavandou im Westen hinaus zu sehen sein. Und im Osten die Küste entlang bis Cavalaire sur Mer. Vielleicht sogar bis hinüber zu den Inseln von Hye res.

Wenn Jean Louis Delorme gewusst hätte, dass in dieser Nacht entlang der Straße Nr. 559 an drei anderen Plätzen verheerende Waldbrände ausgebrochen waren und mit den Flammen und Rauchwolken die gellenden Todesschreie bei lebendigem Leibe verbrennender Menschen zum Himmel stiegen, er hätte seine Hoffnung auf Hilfe und Rettung von draußen begraben.

Die Feuerwehren aus Le Lavandou konnten nur eine Brandstelle erreichen. Danach war die Straße durch ein brausendes Feuermeer blockiert, das aus den Pinienwäldern der Küste kam und in die Maronenwälder hineinschlug.

Die Telefonverbindungen nach La Mole und Ramatuelle waren unterbrochen.

Die rasch zusammengetrommelte freiwillige Wehr aus Le Canadel kam überhaupt nur bis an den Ortsrand. Ein Gemüselastwagen auf dem Weg nach St. Tropez hatte kurz vor Le Canadel eine über die Straße springende Feuerwalze durchstoßen und war dabei in Brand geraten und in die Tankstelle gerast.

Den Weinbauern von Le Canadel war das Hemd näher als die Jacke.

Sie versuchten den Lastwagen zu löschen, bevor die Tankanlage in die Luft flog und ihren Ort in Schutt und Asche legte.

Sie sahen weiter entfernt die brennenden Pinienhänge. Die Schreie der Sterbenden hörten sie nicht.

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Kommissar Grossart war jetzt noch mehr zerknautscht als tagsüber. Er schien in Hemd, Hose und Jacke geschlafen zu haben und schaute mürrisch und unzufrieden drein.

Blaise, das Faktotum, stellte ihm eine Flasche Anisschnaps auf den lädierten Schreibtisch und ging hinaus, um eine Kanne Wasser zu holen.

Missbilligend blickte Grossart auf die Flasche und den Schreibtisch. Vor zwanzig Jahren hatte er erstmals einen neuen beantragt, nachdem sein Vorgänger den Kampf mit der Bewilligungsstelle aufgegeben hatte.

Grossart hatte nicht klein beigeben wollen. Seit zwanzig Jahren löcherte er alle paar Monate die Departementverwaltung. Die Leute dort hatten sich mittlerweile ein sehr dickes Fell zugelegt. Die ersten beiden Anträge hatten sie noch schriftlich und sehr höflich abgelehnt. Neue Schreibtische für Außenstellen waren nicht vorgesehen.

Danach waren nicht mal mehr schriftliche Ablehnungen gekommen.

„Hocken sich Schwielen an den Hintern“, brummte Grossart ungnädig.

Schwacher Protest kam aus Richtung Tür. Nicht von Blaise, der widersprach grundsätzlich nie. Roger Jacot war’s, der Neue. Eine Erwerbung, die nach Cannes oder Nizza oder nach St. Tropez gepasst hätte.

„Ich habe mir keine Schwielen an den Hintern gesessen, sondern war dienstlich unterwegs“, erwiderte Jacot. „Wie Sie es mir aufgetragen haben. Blaise hat mich zufällig unten aufgegabelt, als ich gerade nach Hause gehen wollte.“

Die hochgezogenen Augenbrauen Grossarts drückten schlechte Laune aus. „Sie sollten am Mann bleiben und nicht nach Hause gehen. Das habe ich Ihnen aufgetragen.  Ah, wie aus dem Ei gepellt. Sogar bei dieser Hitze. Ihnen wird noch viel wärmer werden, wenn Sie die Schweinerei vernehmen, die man uns eingebrockt hat.“

Jacot war ganz konzentrierte Aufmerksamkeit und gespannt darauf, Einzelheiten der Schweinerei zu erfahren.

Doch Grossart legte keine Eile an den Tag. Seit man ihm vor einem Jahr eine provinzielle Schwerpunktabteilung zur Verbrechensbekämpfung aufgehalst hatte, natürlich ohne höhere Bezahlung, aber dafür mit zwei zusätzlichen Kräften , war er zu einer langsameren Gangart übergegangen.

Man hatte Jacot bei der Verwaltung einen diesbezüglichen Wink gegeben, aber gleichzeitig hinzugefügt, dass Grossart dennoch ein höchst verdienstvoller Mann war und man mit ihm arbeiten konnte, wenn man seine Mucken ignorierte, oder sich auf sie einstellte.

Das war vor vier Wochen gewesen, als Jacot hierher ins Departement Var abgeschoben wurde.

Grossart fischte eine zerknitterte Zigarettenschachtel aus der Jackentasche und klopfte sich eine Gauloise aus der Packung. Tabakkrümel rieselten auf die abgewetzte und zerkratzte Schreibplatte.

Hingebungsvoll steckte der Kommissar die Zigarette an, blies den Rauch nach Jacot und zog aus einer der nicht mehr verschließbaren Laden eine Gebietskarte.

Jacot räusperte sich dezent und beugte sich vor. Aber Grossart deckte die fleischige Hand auf das Blatt, hängte sich die Zigarette in den Mundwinkel und sagte muffelnd: „Eins nach dem Anderen, lieber Jacot. Was haben Sie über Emile herausgebracht?“

Jacot rückte die dezent gemusterte Krawatte zurecht. „Ich blieb am Mann, wie Sie sagten“, antwortete er. „Oder besser an der Frau.“ Grossart klappte den Mund auf. Die Zigarette blieb an der Unterlippe kleben. Seine Augen nahmen einen unsagbar verwunderten Ausdruck an.

„Frau, lieber Jacot?“, murmelte er schließlich dumpf. „Ich hoffe doch nicht, dass Sie was mit der Bürgermeisterin angefangen haben!“

Das hätte ihm gerade noch gefehlt! Der Bürgermeister hatte vor einem Jahr einen gewaltigen Krach geschlagen, als bekannt wurde, dass die Polizeistation von La Mole zur Schwerpunktabteilung ausgebaut wurde.

Der vierschrötige Mann hatte sich sehr heftig aufgeführt und behauptet, das sei alles eine bodenlose Unverschämtheit. Und wie er jetzt vor den anderen Bürgermeistern dastehen würde! Alle würden doch denken, dass die Bewohner von La Mole durchweg hochkarätige Halunken und Gauner seien und besonderer Polizeiaufsicht bedürften.

Nur mühsam hatte Grossart dem Mann klarmachen können, dass die Maßnahme weder gegen die Bewohner, noch gegen La Mole gerichtet war, und schon gar nicht gegen das Ansehen des Bürgermeisters, sondern gegen die international zusammengesetzten Banden, die zur Ferienzeit an der Cöte d’Azur auftauchten und die Villen, Tresore und Schmuckschatullen der Reichen ausplünderten.

Lange Zeit hatten diese Banden von den großen Ferienorten aus operiert. Nizza, Cannes, St. Raphael, Ste. Maxime, Port Grimaud, St. Tropez und wie sie alle bis hinüber nach Toulon hießen. Sonderabteilungen der Polizei hatten diesen Banden eingeheizt und das Leben schwer gemacht.

Beweglich, wie die Halb und Unterwelt nun einmal war, hatte sie sich aus den großen Orten zurückgezogen und damit begonnen, von kleinen Orten aus ihre Raubzüge zu planen und auszuführen. Man hatte abgelegene Landhäuser angemietet oder aufgegebene Bauernhöfe gekauft. Das Verbrechen hatte sich in die Provinz zurückgezogen und schlug mit blitzschnellen Aktionen in den großen Ferienorten zu. In den kleinen Orten im Hinterland der Küste waren die Halunken sicher. Die dortigen Polizeistationen waren den Schachzügen der Gauner nicht gewachsen.

Um den angeschlagenen Ruf der Küste aufzupolieren und die verprellten Reichen zu besänftigen, hatten sich die Präfekten dazu entschlossen, die ländlichen Stationen aufzustocken und die Gaunerbanden sozusagen vom Hinterland her aufzurollen.

In Grossarts Bezirk hatte sich Emile, der Korse, niedergelassen. Er hatte eine Ferme, einen Hof, gekauft und wurde dringend dreier Brüche verdächtigt, die die Schickeria von St. Tropez in begreifliche Unruhe versetzt hatten.

Nur  gefunden hatte man bei Emile nicht ein Beutestück. Grossart hatte ihn zähneknirschend laufenlassen müssen.

Bis dann vor fünf Wochen die Villa der Maharani von Nampur ausgeräumt worden war. Die Maharani hatte den stolzesten Besitz von La Mole gekauft.

Für den Bruch kam nur Emile, der Korse, in Betracht.

Grossart hatte ihm wieder nichts nachweisen können. Und da hatten sie ihm Jacot geschickt. Einen überaus tüchtigen Mann, wie es geheißen hatte.

Die Tüchtigkeit äußerte sich jedoch nur in einigen Affären, die Jacot mit etlichen Frauen des Ortes hatte. Sehr zum Ärger der Bürgermeisterin, die gewissermaßen das angestammte Recht besaß, mit neu zugezogenen Männern etwas anfangen zu dürfen.

Ganz La Mole wusste, dass sie fremdging. Man sprach nur nicht darüber, denn der einzige ahnungslose Mensch, schien der Bürgermeister selber. Und der galt als gewalttätig und grob.

„Sie hat mich schon zweimal zum Abendbrot eingeladen“, erklärte Jacot pflichtschuldig. „Ich bin natürlich nicht hingegangen. Sie wird mich für ungalant halten.“

„So?“, bellte Grossart, balancierte die Zigarette in den Mund und machte zwei Züge. „Sie sind auch nicht als Liebhaber der Bürgermeisterin angestellt, sondern als Emiles Schatten. Entweder wir erwischen ihn eines Tages, oder er zieht fort, weil wir ihm lästig werden.“

„Wir haben ihn“, sagte Jacot trocken.

Grossart lauschte den Worten, als könnte er sie nicht fassen. Sollte Jacot doch so tüchtig sein, wie man ihm angekündigt hatte?

„So, wir haben ihn also! Und wo, bitte?“ Er faltete die Hände über der Karte.

„Ich habe mir erlaubt, ihn unten einzusperren. Blaise hat den Schlüssel“, erklärte Jacot. „Als Sie sagten, es könnte nur Emile sein, der den Bruch bei der Maharani gestoßen hat, fiel mir ein, dass er sich nie hat etwas nachweisen lassen. Da habe ich mich eben ins Café gesetzt.“

„Café? Ich verstehe nicht recht“, sagte Grossart verblüfft.

„Emile hat was mit der Serviererin“, erklärte Jacot geduldig. „Ich habe ihn beobachtet, er hat ihr nie auf den Hintern geklopft. Also musste das etwas zu bedeuten haben.“ Grossart bekam einen dicken Hals. Er hatte der adretten Denise auch schon hinten drauf getätschelt. „Und weiter?“, fragte er dumpf.

„Vor zwei Stunden kam er wieder und ging mit dem Mädchen weg. Es hat ein Zimmer hinter der Bürgermeisterei.“ Jacot versuchte, seinem Gesicht einen bedeutungsvollen Ausdruck zu verleihen.

„Wird ja wohl öfter vorkommen, dass einer mit seinem Mädchen aufs Zimmer geht, oder?“, bellte Grossart, dessen Nerven strapaziert wurden. War dieser verdammte Jacot vielleicht ein Umstandskrämer!

„Emile ist sonst nie zur Nacht ins Café gekommen“, berichtete Jacot. „Es hat mir nicht gefallen, darum bin ich den beiden hinterher. Emile hat sich von dem Mädchen einen Koffer und ein paar zusammengeschnürte Bilder geben lassen. Darum war auf der Ferme nichts zu finden.“

„Verreck!“, stieß Grossart hervor. „Darauf soll ein Mensch kommen! Wo ist das Zeug jetzt?“

„Blaise hat alles weggeschlossen. In den Weinkeller, glaube ich.“

„Die Gemälde der Maharani bei den Spinnen im Weinkeller!“ Grossart rang ächzend die Hände. „Es sind doch die Gemälde?“

„Es sieht so aus“, räumte Jacot ein. „Auch der Schmuck scheint noch vollzählig vorhanden.“

„Mann, geben Sie sich nicht so bescheiden!“, lärmte Grossart jovial. „Endlich können wir was vorzeigen. Das ist die beste Nachricht seit Jahren. Ich werde Ihren Leuten gratulieren, dass man Sie ausgerechnet zu mir versetzt hat.“

Jacot zuckte etwas zusammen und meinte dann mit flacher Stimme und gar nicht sehr laut: „Ich glaube, man ließ mich sehr gern gehen.“ Grossart war bestimmt nicht das, was man sich unter einem Kommissar an der Cote d’Azur vorstellt, gewinnend, immer gutgelaunt, und Tag und Nacht geschniegelt. Er besaß andere Qualitäten. Vor allem ein Gehör für Untertöne.

„Ach?“, machte er darum. „Dann war der Abschied nicht sehr herzlich, was?“

„In der Tat nicht“, gestand Jacot kleinlaut. „Ich hatte einen getarnten Massageclub entdeckt und ließ ihn hochgehen. Leider war er sehr gut besucht, und die Prominenz aus Beifort war äußerst ungehalten, als sie sich ausweisen musste. Zu meinem Pech war auch der Bruder meines Chefs unter den Gästen.“

Grossart war schon zu lange dabei, als dass ihn ausgerechnet dieser Umstand hätte sprachlos werden lassen. Mochte Jacot diese ins Auge gegangene Aktion als Unglück betrachten, er hatte hier schon ganz andere Sachen erlebt. Das Leben war ruppig. Das eines Polizisten ganz besonders.

„Also abgeschoben“, knurrte Grossart, und die Welt war wieder im Lot. „Das ändert aber nichts daran, dass Sie das Etablissement enttarnt haben, mein lieber Jacot. Jetzt haben Sie den Schmuck und die Bilder der Maharani herbeigeschafft, so Gott will und das Zeug nicht aus einem anderen Bruch stammt.“ Er nahm die Hände auseinander, fegte Tabak und Asche von der Karte und tippte mit dem Zeigefinger auf das Papier. „Probieren Sie Ihre Fähigkeiten an dieser Sauerei aus.  Kommen Sie her!“

„Und Emile, der Korse?“, fragte Jacot peinlich berührt.

Ungeduldig winkte Grossart ab. „Den knöpfe ich mir schon vor. Fragen Sie nicht, wie! Keine Sorge, ich werde schon nicht vergessen, dass' Sie ihn einkassiert haben.“

Roger Jacot ging hinter den altertümlichen Schreibtisch und schaute auf die Karte und den Punkt, den Grossarts Finger markierte. Es war eine Stelle auf halber Strecke zwischen La Mole und Cogolin an der Nationalstraße Nr. 98.

Die Straße beschrieb dort einen sanften Bogen nach Nordwesten in die Monts des Maures hinein und begleitete den Fluss, der unterhalb des Col de Babaou entsprang und bei Port Grimaud in den Golf von St. Tropez mündete.

Der markierte Punkt lag etwa vier Kilometer von La Mole entfernt.

„Und was ist dort los?“, fragte Jacot vorsichtig.

„Ein Mord, der als Unfall getarnt wurde“, bellte Grossart und schlug mit der Hand auf den Tisch. „Schon wieder einer!“

Jacot rückte an seiner Krawatte. „Ich fürchte, ich kann Ihnen nicht folgen“, sagte er dumpf. „Es gab dort demnach schon mehrere?“

„Das können Sie mir glauben“, versicherte der Kommissar. „Jedes Jahr zu Beginn der Ferienzeit. Es fing vor vier Jahren an. Irgendein Verrückter, der es auf ausländische Touristinnen abgesehen hat.“

„Und wie erfahren Sie mitten in der Nacht davon?“

„Die Straßenpolizei hat die Tote gefunden und einen Motorradfahrer hergeschickt. Wir waren alle schon gespannt, ob er wieder zuschlagen würde. Immer in meinem Bezirk, immer zwischen La Mole und Cogolin. Eine Rücksichtslosigkeit ist das! Meine Magengeschwüre werden aufbrechen.“

„Das tut mir leid“, beeilte sich Jacot zu versichern.

„Was gehen Sie meine Magengeschwüre an?“, brauste Grossart auf und nuckelte an der Zigarette. „Schwingen Sie sich in Ihr Auto und fahren Sie hin. Die Routiers warten an der Stelle. Nach den Papieren ist es eine Engländerin, von einem unbekannten Fahrzeug überfahren. Sie soll aber Brandverletzungen aufweisen, die nicht von dem Fahrzeug stammen können. Machen Sie sich einen passenden Vers darauf, ich kann es nicht. Vielleicht fehlt mir die nötige Phantasie.“

„Fällt Mord überhaupt in unsere Zuständigkeit?“, vergewisserte sich Jacot. Das Unbehagen stand ihm im Gesicht geschrieben.

„Vorläufig ja“, brummte Grossart. „Lassen Sie die Tote nach Cogolin bringen, die sind besser eingerichtet. Die persönliche Habe und was sonst vorhanden ist, eignen Sie sich an und kommen damit hierher. In, sagen wir“,  Grossart zerrte eine altertümliche Silberzwiebel mit Sprungdeckel an der Kette aus der Tasche und schaute darauf: „zwei Stunden. Das wäre ein Uhr früh.“

„Ich werde sehen, was sich machen lässt“, seufzte Jacot. „Der Dienst war an und für sich schon um sieben Uhr zu Ende.“

Grossart schaute den Untergebenen mit einem Blick an, der verriet, dass er jede weitere Aufsässigkeit im Keime ersticken würde. „Bei mir sind Sie immer im Dienst, Tag und Nacht, merken Sie sich das. Und jetzt ab!“

Jacot hob ergeben die Achseln und setzte sich in Bewegung. Er war noch nicht durchs halbe Zimmer gegangen, als die Tür aufgerissen wurde und Blaise mit der Wasserkanne hereinstürmte.

Er hielt das Gefäß so schräg, dass Wasser herausfloss und auf den Boden plätscherte.

„Grossart“, sagte er keuchend und ohne Förmlichkeit, weil er so alt war, dass er sich diese sparen konnte. „Es geht wieder los! Die Wälder an der Küste brennen von einem Ende bis zum anderen. Ein Wagen von der Forstverwaltung St. Tropez war gerade hier. Die Küstenstraße ist mehrfach unterbrochen. Da soll kein Mensch mehr durchkommen.“ Voller Wut haute Grossart auf den Schreibtisch, der bedrohlich knackte. „Ein Unglück kommt bekanntlich nie allein! Sieht nicht gut aus, was? Sind die Feuerwehren draußen?“

Blaise hob die Schultern. „Es gibt keine Verbindungen. Die ganzen Feriencamps sind vollgestopft bis zum letzten Platz.“

„Mit anderen Worten müssen wir wieder versuchen, entlang der Achtundneunzig das Feuer zu stoppen, sobald es heran ist! Merde, Scheiße!“, sagte Grossart derb. „Jacot, Sie hören ja, dass der Teufel los ist! Ich kann Ihnen keine zwei Stunden geben, sondern nur eine. Zischen Sie endlich ab, Mann!“

In Jacots Kopf wirbelten die Gedanken. Von den fürchterlichen Waldbränden an der Cote d’Azur hatte er genug gehört. Eine Vorstellung davon, wie schlimm sie wirklich waren, hatte er nicht.

Die Gesichter von Blaise und Grossart verrieten ihm, dass seine Phantasie gar nicht ausreichte, sich das Ausmaß der Katastrophe auszumalen.

„Gibt es die Brände jedes Jahr?“, fragte er und fügte erläuternd hinzu: „Weil Sie sagten, wir müssten das Feuer wieder stoppen!“

Grimmig nickte der Kommissar. „Jedes Jahr!“, bestätigte er. „Und immer entlang der Küstenstraße! Der Teufel soll es holen!“

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Jacot, der Neue, verließ die Station, die in einem verblichenen Weingut untergebracht war.

Während er seinen Wagen holte, formten sich allerlei Ideen in seinem Kopf. Roger Jacot beschritt mitunter sehr unkonventionelle Wege für einen Kriminalisten. Emile, der Korse, und die Prominenz von Beifort hatten das bereits zu spüren bekommen.

Der Himmel im Süden zur Küste hin war glutrot. Der harzige Rauch eilte den Bränden weit voraus und drang durch sämtliche Ritzen des klapprigen Wagens, den Jacot stolz sein eigen nannte.

Jacot ertappte sich dabei, dass er mehr zu den Bergen schaute als nach vorn auf die Fahrbahn, die vom Licht der Scheinwerfer aus der Dunkelheit gerissen wurde.

Dann und wann roch es noch würzig nach Thymian und Lavendel, aber der Rauch wurde mächtiger und überlagerte schließlich alles.

Jacot bildete sich ein, dass der Nachtwind vom rechten Fahrbahnrand, aus dem verdorrten gelben Gras, sogar schon Ascheflocken trieb.

Irgendwo da vorne muss es sein, dachte Jacot und schaute wieder zu den Küstenbergen. Aus einem Taleinschnitt stieg ein ferner Funkenregen. Es sah aus wie ein großartiges Feuerwerk.

Das Schauspiel nahm Jacot derart gefangen, dass er am rechten Fahrbahnrand die Bewegung nur undeutlich wahrnahm.

Instinktiv aber trat er voll auf die Bremse und mutete damit seinem Wagen allerhand zu. Das Fahrzeug brach nach links aus und kam knapp vor dem jenseitigen Fahrbahnrand zum Stehen.

Jacot war schon draußen. Der Gestank von verbranntem Gummi stieg ihm in die Nase.

Vor dem glutroten Feuerhimmel bewegte sich eine Gestalt.

Jacot fingerte die flache Taschenlampe aus der Jacke, die er vorsorglich eingesteckt hatte, und knipste sie an. Der Lichtstrahl riss eine Gestalt aus der Nacht, die im ersten Moment wie eine Fledermaus wirkte.

Dann erst erkannte Jacot, dass er einen Priester mit einem Fahrrad vor sich hatte.

Der Mann musste auf dem Weg dahergekommen sein, der von den Küstenbergen herunterführte und hier auf die Straße mündete. Natürlich hatte er kein Licht am Fahrrad.

Jacot begann nachträglich zu schwitzen, als er daran dachte, dass er um ein Haar den Geistlichen überfahren hätte. Andererseits war der auch ganz schön leichtsinnig gewesen.

Der Priester in seinem geknöpften Rock hob schützend die Hand vor Augen und schirmte den Lichtstrahl ab. Jacot sah Brillengläser blitzen. Die Baskenmütze des Geistlichen war verrutscht und gab dichtes graues Haar in sorgfältig gelegten Locken preis.

Dieser Anblick ließ Jacot etwas schmunzeln. Priester waren auch nur Menschen.

Er löschte die Taschenlampe und sagte: „Ich habe Sie nicht gesehen, tut mir leid!“

„Es war wohl mein Fehler“, erwiderte der Geistliche. „Ich bin in großer Eile. Die Wälder an der Küste stehen in Flammen.“

„Wir wissen es bereits“, sagte Jacot. Mann, dachte er, der muss ordentlich in die Pedale getreten haben! Der keucht ja wie eine alte Lokomotive mit Dampfbetrieb!

Um dem Geistlichen ein paar Freundlichkeiten als Gegenleistung für den ausgestandenen Schrecken zu bieten, fügte er hinzu: „Ich kann Ihnen gerne einen Weg abnehmen. Ich komme aus La Mole. Ich bin von der Polizei, wissen Sie.“

„Polizei?“, sagte der Geistliche immer noch heftig keuchend. „Nein, nein, danke, ich komme schon zurecht. Ich bin auf dem Weg nach Cogolin. Ich bin der Pfarrer von Ferrat. Nett, dass Sie sich bemühen.“

„Sie sind völlig in Ordnung?“, vergewisserte sich Jacot.

„Absolut“, bestätigte der Geistliche. Er schob sein Rad an, trat aufs Pedal und schwang sich in den Sattel.

Merkwürdiger Vogel!, dachte Jacot. Wenn er sich nicht helfen lassen will, ich dränge mich keinem auf!

Er hörte in der Nacht den davon radelnden Priester.

Erleichtert kehrte er zu seinem Wagen zurück, dessen Motor er bei dem heftigen Bremsmanöver abgewürgt hatte. Nach dem dritten Startversuch kam die Maschine.

Jacot legte den Gang ein und brachte das Fahrzeug auf die rechte Fahrspur zurück. Nach zweihundert Metern holte er den Geistlichen ein.

Nicht einmal ein Rücklicht, dachte Jacot. Er hupte, als er vorbeizog.

Der Geistliche wedelte mit der Hand.

Wird der noch einen Schreck kriegen, wenn er gleich an der Stelle vorbeikommt, wo die Routiers mit der Toten sind, dachte Jacot und blendete auf.

Nach zwei Kilometern schwenkte die Straße nach links. Auf der rechten Seite rückte der Fluss nahe an die Böschung heran, verschwand dann aber in der Dunkelheit.

Im Scheitelpunkt der wieder nach Nordosten zurückschwingenden Straße standen die Routiers. Drei Motorradfahrer und eine zweiköpfige Wagenbesatzung.

Sie winkten Jacot mit Rotlicht an die Seite.

Er hielt grinsend auf sie zu und stoppte den Wagen erst, als der Polizist mit der roten Leuchtkeule Anstalten traf, zur Seite zu springen.

„Sie, Sie!“, schnaubte der Mann, als er den Kopf zum Seitenfenster herabbeugte. Seine Stimme zitterte vor verhaltenem Grimm.

„Jacot von der Schwerpunktabteilung, Bezirk La Mole“, sagte Jacot eilig, bevor der Polizist ihn vielleicht beim Jackenkragen packte. „Ich wurde hergeschickt.“

„Können Sie auch gleich sagen!“, raunzte der Routier. „Grossart macht die Arbeit wohl nicht mehr selber. Oh, Sie sind der Neue, stimmt’s? Na, dann kommen Sie mal! Hoffentlich haben Sie Nerven! Bei den Neuen weiß man das vorher nie.“

Er trat zur Seite, damit Jacot Platz hatte, aus dem Wagen zu steigen.

Die anderen Routiers hatten auf dem Sprung gestanden, um ihrem Kameraden beistehen zu können, falls es erforderlich war. Nächtliche Autofahrer waren für manche Überraschung gut. Besonders dann, wenn sie einen zu viel zur Brust genommen hatten.

Jacot ging zu dem Wagen hinüber und stellte sich den Männern vor.

Die Motorradfahrer waren von der Station aus Cogolin, wie sie ihm sagten, und die Wagenbesatzung aus Cogolin. Aber alle fünf waren sichtlich in Eile. Aus dem Polizeiwagen quäkte und krachte unentwegt das Funkgerät.

Zwei der Männer schalteten große Lampen ein, die sie am Straßenrand aufgebaut hatten.

Jacot entdeckte den mit Kreidestrichen markierten Fleck auf der Straße. Es war keine Blutlache.

Danach wandte er seine Aufmerksamkeit dem Bündel zu, das von einer Decke verhüllt halb auf der Böschung lag.

„Ich habe sie entdeckt“, sagte der Routier, der an Jacots Wagen gekommen war. „War glatter Zufall. Sonst hätte man sie erst am Morgen gefunden.“

Jacot schlug einen Zipfel der Decke zurück.

Etwas begann seinen Hals zu würgen. Er verspürte einen Druck auf den Magen und merkte, dass ihm die Knie weich wurden.

Die junge Frau war entkleidet, über und über mit Brandverletzungen bedeckt und fast kahl. Die Haare waren verbrannt, die Ohren angekohlt.

Vorsichtig lüftete er die Decke weiter an.

Die Frau musste von dem unbekannten Wagen voll getroffen worden sein. Jacot entdeckte offene Brüche vom Schlüsselbein bis hinab zum Knöchel. Aber kaum Blut.

„Der Saukerl ist natürlich abgehauen“, erklärte ein Routier. „Aber seinen Wagen muss es ganz nett zusammen gebeult haben. Vielleicht erwischen wir ihn, wenn wir morgen früh gleich alle Werkstätten erreichen.“

Jacot verstand etwas von menschlicher Anatomie und schüttelte den Kopf.

„Die Werkstätten können Sie streichen“, sagte er dumpf und deckte die Leiche zu. „Sie war schon tot, als sie überfahren wurde. Sie ist nicht gegen ein Auto gelaufen, sondern hat schon auf der Straße gelegen, und der Wagen muss mehrmals über sie hinweggegangen sein. Absichtlich. Vielleicht wollte der Täter, dass das Gesicht zerstört wird.“

„Sie müssen’s wissen“, meinte einer der Männer.

Jacot nickte und trat auf die Straße zurück. „Ölspuren. Vom Hals bis zu den Knien Ölspuren. Sie müssen von der Unterseite des Wagens stammen. Die Tote hat nicht geblutet. Sie ist an anderer Stelle umgebracht worden, weil auch auf der Straße kein Blutfleck ist. Hier hat man sie abgelegt. Können Sie sich die Brandverletzungen erklären?“ Einer schabte sich am Kinn. „Vielleicht mit Benzin übergossen?“

„Das hätte ich gerochen“, sagte Jacot. „Es war kein Benzin.“ Er drehte sich um und schaute zur Küste, wo der Himmel bereits eine intensive rosarote Farbe angenommen hatte.

Einen Moment lang hegte er den Verdacht, dass die Tote von dort stammen könnte. Verdammt, wie war sie dann so rasch hierher auf diese Straße gebracht worden?

„Ein verdächtiges Fahrzeug hielt sich hier nicht auf?“, fragte er rein routinemäßig.

„Das hätten wir sofort an die Kette gelegt“, sagte ein Routier, und seine Stimme klang sehr beleidigt.

„Es war nur eine Frage“, wiegelte Jacot ab. „Wie kommen Sie darauf, es sei eine Engländerin?“

„Kommen Sie nur“, sagte einer und ging zum Polizeiwagen voran. „Wir haben alles sichergestellt, was sie bei sich hatte.“

„Sie hatte Dinge bei sich?“, fragte Jacot scharf. „Soweit ich gesehen habe, war sie nackt, und auf meine Augen konnte ich mich bisher jedenfalls ganz gut verlassen. Also bitte etwas präziser!“

„Na ja, wenn’s Ihnen darauf ankommt! Also, die Dinge lagen am Straßenrand. Kein Mensch schmeißt Kleid, Dessous, Schuhe und Handtasche bei Nacht aus einem Auto, nur weil ihm zu wohl wird. Daraus schlossen wir, dass die Gegenstände der Toten gehören. Eine Evelyn Marple, Sheffield in England, dreiundzwanzig. In der Tasche steckte eine Karte von einem Campingplatz an der Bucht von Pampelonne. Sie können sich das alles in Ruhe ansehen.“

„Hat sich was mit Ruhe!“, knurrte Jacot. „Schauen Sie runter zur Küste, dann wissen Sie, wie geruhsam die nächste Zeit werden wird. Beordern Sie den Leichenwagen von Cogolin her. Befehl von Grossart, dass die Tote vorläufig dorthin kommt. Den persönlichen Besitz nehme ich mit.“

„Gegen Quittung“, sagte einer der Routiers spitz.

Das hatten sie davon, dass sie die Tote gefunden hatten. Noch mehr Arbeit! Und die verdammte Aufgabe, einen Leichenwagen aufzutreiben!

Jacot ließ sich im Polizeifahrzeug den vermutlichen Besitz der toten Engländerin aushändigen, unterschrieb dessen Empfang und trottete zu seinem Wagen zurück.

Der Abschied von den Polizisten der Straßenstreife gestaltete sich etwas unterkühlt. Jacot wendete den Wagen und brauste zurück nach La Mole.

Bei jeder Kurve wartete er darauf, dass ihm der Priester mit dem unbeleuchteten Fahrrad wieder vor die Stoßstange geriet.

Aber der Mann begegnete ihm auf der ganzen Strecke nicht. Und das wunderte Roger Jacot denn doch mächtig.

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Um 0 Uhr 18 explodierte die Tankstelle in Le Canadel samt den Resten des Gemüselastwagens.

Ein paar tausend Liter Benzin platschten brennend nieder und verbrannten drei Bauern, die der freiwilligen Feuerwehr angehörten, bei lebendigem Leib. Fünf andere erlitten schwere Verbrennungen. Einen bekamen die entsetzten Helfer gar nicht aus den Kleidern geschält. Wo sie auch anpacken wollten, ging die Haut des Mannes mit ab.

Zwei Weinhöfe, die der Tankstelle benachbart lagen, gerieten in Brand.

Eine Trockenscheune war nicht mehr zu retten. Die Feuerwehrleute beschränkten sich, soweit sie sich nicht um die Verletzten kümmerten, auf den Schutz der beiden Hauptgebäude.

Die einzige Motorpumpe, die die Wehr besaß, winselte in den höchsten Tönen und konnte gar nicht soviel Wasser drücken, wie benötigt wurde.

Knallend spritzten die schweren provenzalischen Dachziegel in der Hitze auseinander und ließen klaffende Löcher in den Dächern entstehen.

Die Wehrmänner konnten die Hauswände und Fensterkreuze nur noch unzureichend ablöschen und bemühten sich, mit den Wasserstrahlen die Funken zu erwischen, die von der hell lodernden Scheune herübertrieben und sich in die Dachlöcher senken wollten.

Zum Glück verfügte Le Canadel über jede Menge Wasser, so dass nicht zu befürchten stand, es könnte knapp werden.

Der Bürgermeister rannte immer wieder zurück zu seinem Dienstgebäude, in dem auch der Kindergarten samt der Bibliothek untergebracht war, und drehte die Telefonscheibe.

Er bekam keinen Anschluss. Die Leitung war tot.

Es fehlte nicht viel, und er hätte das Telefon genommen und gegen die Wand gefeuert.

Als er schnaufend und mit rutschender Hose an den Brandherd zurückkehrte, sank gerade die Scheune zusammen. Ein paar Balken blieben wie glühende Rippen stehen.

Aus dem Trichter, den der explodierte Benzintank auf dem Gelände der Tankstelle gerissen hatte, schoss noch immer fauchend eine Feuersäule in den Nachthimmel.

Die Wehrmänner versuchten verzweifelt, den Funkensturm einzudämmen, der aus der nieder gebrochenen Scheune stob und gegen die beiden Häuser trieb.

Eine Spritzenbedienung kletterte auf eine Mauer und richtete das eine Strahlrohr auf die Brandstelle, um die Flammen niederzukämpfen, die mit ihrem aufsteigenden Sog immer wieder Funken hinauf wirbelten. Wenn es rauchte, war es nicht so schlimm.

Nur offen brennen durfte es nicht.

Die Tankstelle, gut, die war beim Teufel! Aber wenn das Feuer auf die zwei Häuser übersprang, drang es in den Ort vor. Hier war alles sehr eng gebaut.

In der Glut der Scheune gingen knatternd Patronen los. Verblüfft hielten die Männer einen Augenblick inne. So mancher begann danach zu grinsen. Goulet, der Weinbauer, hatte immer bestritten, ein Gewehr zu besitzen und heimlich auf die Jagd zu gehen.

Jetzt wusste der halbe Ort, warum bei Goulet dennoch manchmal Drosselfedern auf dem Misthaufen lagen oder sein Hund mit einem frischen Kaninchenfell herumspielte.

Goulet hatte eben etwas gewildert und sich was für seinen Kochtopf besorgt. Die Patronen hatte er in der Scheune versteckt gehabt. Das Gewehr wahrscheinlich auch.

Der Bürgermeister stieß einen lästerlichen Fluch aus und war Gott dankbar, dass seine Scheune nicht abbrannte und seine Patronen explodierten. Er nahm sich vor, sofort am Morgen ein neues Versteck zu suchen.

Die Sache bei Goulet würde sich allmählich herumsprechen, und irgendwann würden die verdammten Polizisten von der Gendarmeriestation davon hören und herumzuschnüffeln beginnen.

Es war nicht der Reputation dienlich, wenn sie ausgerechnet beim Bürgermeister eine Jagdwaffe und Patronen fanden.

Nach einer halben Stunde war die Gefahr gebannt, dass die Wohnhäuser der beiden Weinhöfe noch in Schutt und Asche sinken konnten.

Die Männer begannen jetzt, in den zischenden und brausenden Trichter zu spritzen, um die Flammensäule aus dem geborstenen Tank zusammenfallen zu lassen.

Um ein Haar hätte es noch eine Explosion gegeben.

Brodelnd und knallend wurde das Löschwasser aus dem Loch herausgeschleudert. Wo es niederging, dampfte der Boden.

Mit Wasser, das erkannten die Wehrmänner, war dem brennenden Benzin nicht beizukommen.

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Jean Louis hörte das Schreien der Frauen und Mädchen und Kinder und vernahm gleichzeitig das hohle Brausen der näher kommenden Flammenfront.

Die Explosion der Gasflaschen im Lager musste das Feuer um hundert oder zweihundert Meter vorangetrieben haben.

Der Himmel war glutrot, und in der Luft flogen Millionen weißglühender Funken. Er konnte sie sehen, sobald er den Kopf hob. Das Dach des Waschhauses war ein Dutzend Schritte entfernt dröhnend und polternd aufgeschlagen und hatte sich vor den zerknitterten Wohnwagen mit der Metallhaut getürmt.

In den inneren Räumen brach urplötzlich eine Panik aus.

Offensichtlich dachte kein Mensch mehr an das gezapfte Wasser, mit dem man sich den Kopf hätte nass machen können, um die näher kommende Hitzefront in ihrer Auswirkung zu mildern und die Funken abzutöten, bevor sie schmerzhaft auf der Haut brannten oder die Haare versengten.

Von einem Augenblick zum anderen entstand ein wildes Schieben und Drängen von hinten. Zwei, drei Frauen schrien hysterisch und peitschten die gequälten Nerven noch mehr auf.

Verzweifelt versuchte Jean Louis, sich gegen den Druck zu stemmen.

Er hätte auch versuchen können, einen Berg von der Stelle zu rücken.

Die Menschen waren in Bewegung, die Masse war in Schwung, und keine Macht der Erde konnte sie noch aufhalten.

Jean Louis spürte, wie es ihn hinaus drückte, wie er fortgespült wurde und über etwas stürzte, unter dem er mit dem rechten Fuß hängengeblieben war.

Er bemühte sieh, den Fuß freizubekommen.

Da war im selben Moment die Menge da und trampelte rücksichtslos über ihn hinweg. Turnschuhe, nackte Füße und festes Schuhwerk trafen ihn und verursachten ihm höllische Schmerzen.

Er brüllte, er schlug um sich, versuchte, jemand zu packen und dadurch in die Höhe zu kommen.

Da war eine Hand, ein Arm. Jean Louis klammerte sich fest. Seine Halt suchenden Finger glitten auf schweißnasser Haut ab und blieben an einem Uhrenarmband an dem gepackten Handgelenk hängen.

Es gab einen Ruck. Das Band war gerissen, und Jean Louis lag erneut am Boden, während sie über ihn hinwegliefen und brüllten wie die Verrückten.

Der Schädel dröhnte ihm, der Rücken schmerzte, und sein ganzer Körper brannte wie tausend Höllenfeuer. Schlimmer konnten die Flammen auch nicht sein.

Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, bis der Strom schwächer wurde und bis die von Todesangst gepeitschten Menschen alle heraus waren. Er hob matt den Kopf und sah, dass sie versuchten, noch einen Fluchtweg hinunter zur Bucht zu finden.

Er war versucht, gallig zu lachen. Doch dazu fehlte ihm die Kraft. Die Bucht war vor einer Weile schon versperrt gewesen. Er hatte ja Gäste des paradiesischen Platzes umkehren sehen.

Hinter dem Waschhausdach mit den aufragenden Balken und den zusammengeschobenen Ziegeln rannten ein paar weinende Kinder kopflos durch Rauch und Funkenflug und riefen nach den Eltern.

Rechts von Jean Louis bewegte sich etwas. Er drehte den Kopf und sah Manon, die sich suchend umblickte und ihn in diesem Moment entdeckte.

„Jean Louis!“ Ihr Schrei war lauter als das Brausen des Feuers.

Sie kam mit langen Sprüngen herüber, kauerte sich zu ihm und strich ihm durchs Haar.

„Die haben mich fast totgetrampelt“, ächzte er und versuchte, sich aufzustemmen. Manon half ihm. Er kam auf die Knie und sah, dass er über den kopflosen Körper des Dicken gestrauchelt war.

Manons Mund öffnete sich zu einem Schrei.

Jean Louis griff nach ihren Schultern und drehte sie mit aller Kraft, die er noch besaß, zur Seite, damit sie nicht länger den entsetzlichen Anblick vor Augen hatte.

Er quälte sich auf die Füße, zog Manon hoch und schaute hinter sich ins leere Waschhaus.

Umgestoßene Gefäße, Kleidungsstücke und zwei Decken lagen dort. Er konnte jede Einzelheit erkennen. Die Flammen beleuchteten alles genau. Zudem war die rückwärtige Wand geborsten und hereingekommen.

Das war es also, dachte er, was die Panik verursacht hatte! Sie glaubten sich nicht sicher genug! Jetzt rennen sie dafür in den sicheren Untergang!

Aus Richtung Bucht hörte er gellende, kreischende Schreie, wie sie nur Menschen in höchster Todesnot ausstoßen konnten.

„Die Decken!“, ächzte er. „Cherie, hol die Decken dort drin. Mach sie nass, ich höre irgendwo Wasser rauschen.“

Manon fürchtete sich, hineinzugehen. Sie sah das Waschhaus als tödliche Falle.

Jean Louis musste seine Worte wiederholen, bevor sie sich aus der Erstarrung löste und hineinging.

Keuchend und schwankend wie ein Rohr im Wind wartete Jean Louis. Er brauchte Luft, frische Luft. Die verdammten Narren hatten sie ihm aus den Lungen getrampelt, und jetzt bekam er mehr Rauch zu schlucken als er verkraften konnte.

Die Kehle kratzte, in der Luftröhre biss es. Er hustete erstickt und beobachtete Manon, die beide Decken ergriffen hatte und in einer Duschzelle hantierte.

Schließlich kam sie und trug schwer an den vollgesogenen Decken.

Er half ihr, eine über Kopf und Schultern zu breiten. Wasser lief heraus.

„Damit schaffen wir’s vielleicht!“, stieß er erstickt hervor.

„Und wohin?“, fragte Manon. Er sah, dass ihre Mundwinkel zuckten und die Lippen zitterten. Mühsam bewahrte sie einen letzten Rest Fassung. Wenn nicht bald etwas geschah, drehte sie durch. Und davor fürchtete er sich, weil sie dann wohl den gleichen Fehler machte, wie die kopflos davongerannten Menschen, deren gellendes Schreien immer noch aus Richtung Bucht drang.

Vielleicht waren sie von zwei Feuerriegeln eingeschlossen und konnten keinen Schritt mehr von der Stelle.

Jean Louis breitete sich mühsam die zweite Decke über. Er sah, dass sie in der Hitze zu dampfen begann. Piniennadeln kamen geflogen, brennend die einen, glühend die anderen. Der Unterschied war nicht mehr groß. 

Er war eben im Begriff, Manon an der Hand zu fassen und mit ihr in das Waschhaus zurückzukehren, als er die weinerliche Kinderstimme hinter sich hörte. Gedämpft, verzerrt und schwach zwar, aber es war unverkennbar eine Kinderstimme.

Wie von der Tarantel gebissen fuhr er herum und verspürte Millionen Stiche in seinem geschundenen Körper.

Seine Blicke flogen über den glimmenden Platz, die nähere Umgebung, suchten die zwischen den Stämmen daher treibenden Rauchschwaden ab, ob da nicht eine torkelnde Kindergestalt auftauchte.

Da war nichts. Nur die Brandnester auf dem Nadelteppich am Boden und die wie Fackeln auflodernden Bäume ganz in der Nähe.

Wieder drang die Stimme an seine Ohren.

Es kam mehr von links.

Sollte ein Kind unter das Waschhausdach gekommen sein, dachte er entsetzt. Ausgeschlossen, ich stand doch in der Tür, ich habe doch kein Kind laufen sehen. Lieber Himmel, in meinem Zustand kann ich das Kind nicht aus den Trümmern graben!

„Warte!“, rief er gegen das Brausen, Brüllen und Knallen Manon zu und tappte ächzend und schnaufend auf den Trümmerhaufen los.

Wenn er nur einen Balken anzuheben brauchte, einen kleinen Balken, das konnte gehen.

Er wollte sich bücken, als er das Kindergesicht mit schreckhaft weit aufgerissenen Augen an einem Fenster des zerknitterten Wohnwagens bemerkte.

Jean Louis wunderte sich nicht, er handelte. Er packte einen Ziegelbrocken, stieg über Trümmer hinweg, während ein Gluthauch sein Gesicht streifte, und bedeutete dem Kind drinnen, vom Fenster wegzugehen.

Es erschien ihm endlos, bis das Kind begriffen hatte. Ein Mädchen, wie er sah.

Er führte einen wuchtigen Schlag gegen das Fenster und begriff danach, warum es weder durch die Druckwelle noch durch das Zusammenschieben des Wohnwagens zerstört worden war. Es bestand aus einem dieser neuen Kunststoffe, die garantiert unzerbrechlich waren und auch Hammerhieben standhielten.

Jean Louis teilte seine Kräfte rationell ein. Einen zweiten Schlag führte er gar nicht. Er ließ den Ziegelbrocken fallen, tastete sich an der eingedrückten und zusammengefalteten Wand des Wagens entlang und fingerte an dem versenkten Türgriff herum.

Die Hitze stach scharf und beißend durch die nasse Decke. Brennende Äste und Rindenstücke flogen knapp über ihn hinweg und prallten funkensprühend auf den zusammengeschobenen Wohnwagen.

Die Tür hatte es ebenfalls gefaltet. Nach innen. Er hoffte, dass sie dadurch leichter aufging. Wenn sie doch von allein aufgesprungen wäre! Wie bei dem Wagen, der sich gegen das Auto gelegt hatte.

Jean Louis bekam den Türöffner zu packen und erschrak ob der Hitze, die von dem Metall ausging. Aluminium! Es konnte der Hitze nicht lange genug standhalten. Den Feuersturm würde es in keinem Falle überstehen.

Er drückte mit aller Kraft, die er in den Fingern hatte, undvermeinte ein leises Schnappen zu hören.

Ohne Rücksicht auf sich selber krallte er zwei Finger unter den halbrunden Öffner und zog daran.

Die Tür bewegte sich. Aber sie klemmte irgendwo.

Ein Beil, dachte Jean Louis und hörte dicht hinter sich Ziegel klirren. Ich brauche ein Beil, sonst verbrennt der arme Wurm da drin mit Haut und Haaren! Wieso ist denn nur das Kind da? Sind die Eltern ausgegangen?

Während er wieder an der klemmenden Tür riss, überdachte er jede Einzelheit im Zusammenhang mit diesem Wohnwagen, die ihm im Unterbewusstsein vorhin aufgefallen war, als sie zum Waschhaus geflüchtet waren. Natürlich  das Auto fehlte!

Es war nicht da. Die Eltern waren demnach fortgefahren, die Kleine hatten sie dagelassen, weil es eine lange Nacht werden würde.

Oh, verdammt, dachte er bitter, eine wahrhaft lange Nacht! Und für viele keinen Morgen!

Etwas stieß ihn an der Schulter an. Er wandte den Kopf, schnappte nach der Decke, die ihm vom Kopf zu gleiten drohte, und sah Manon, die ihm zu Hilfe kam. Sie hielt einen Ziegel in der Hand und machte eine Bewegung gegen die Tür.

Donner und Doria, Manon? Es gehörte eine ganze Menge Mut dazu, in dieser Hölle auszuharren und nicht einfach davonzulaufen. Sie war ein Luxusweibchen, und er hätte nie im Leben gedacht, dass sie soviel Härte und Energie aufbringen würde, um sich wie ein richtiger Mann zu benehmen.

Jean Louis begann plötzlich anders für sie zu empfinden, sie mit anderen Augen zu sehen. Bis jetzt war sie ihm nur Bettgespielin und ständige Begleiterin gewesen.

Sie deutete wieder mit dem Ziegel gegen die Tür und machte eine Bewegung, als wollte sie den Tonbrocken irgendwo einschieben.

Jean Louis holte Luft, wobei er fast mehr Rauch schluckte, als er verkraften konnte.

„Mach es!“, brüllte er gegen den tobenden Feuersturm an, krallte die Finger wieder unter den Öffner und zerrte mit verzweifelter Wut an der Tür.

An der Oberkante klemmte sie. Unten konnte er sie fingerbreit aus der gedichteten Rille ziehen.

Manon bückte sich, schrammte gegen seine rechte Hüfte und brachte ihn um ein Haar aus dem Gleichgewicht. Er sah ihre Arme, die Hände, die den Ziegel hielten und genau in den Spalt der Aluminiumtür schoben.

Er fand, dass sie das ausgezeichnet gemacht hatte. Jetzt konnte er in den unteren Spalt greifen und hatte mehr Ansatzfläche. Vor allem konnte er beide Hände zu Hilfe nehmen.

Er bückte sich, seine Finger legten sich um das sehr warm gewordene Metall. Mit einem wilden Ruck, der ihm fast das Rückgrat sprengte, riss er an der Tür.

Mit einem hässlichen, durch Mark und Bein dringenden Kreischen flog sie auf und schlug gegen die Wand. Er verlor die Balance und taumelte.

Etwas rann ihm den nackten Hals hinab. Wasser, Schweiß vielleicht. Es war unangenehm und störte ihn. Er wischte den Tropfen weg.

Seine Finger klebten. Er schaute sie an und sah, dass er kein Wasser fort gewischt hatte, sondern Blut. Er blutete. Irgendwo im Nacken. Es musste passiert sein, als die Leute in panikartiger Flucht über ihn hinweg getrampelt waren.

Rauch trieb an Jean Louis vorbei, als er sich an der Wohnwagenwand abstützte. Die rußigen Schwaden wälzten sich in die Türöffnung hinein wie in ein Vakuum.

Er packte die Decke fester um sich und stieg durch die Tür, als er das Mädchen nicht auftauchen sah.

Licht anzumachen konnte er sich schenken. Das heran walzende Feuer gab genug Helligkeit, um ihn die Einrichtung erkennen zu lassen.

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Nur das Mädchen war nicht da!

„He, Kleine, ich habe die Tür auf! Komm schnell, wir müssen sofort weg!“, rief er und bemühte sich, seiner Stimme einen freundlich väterlichen Klang zu geben. Oder jedenfalls das, was er für väterlich hielt. Erfahrung hatte er darin keine.

Er vermeinte, ein Weinen zu hören.

Das spornte ihn an. Vielleicht war die Kleine gestürzt, als sie vom Fenster zurückgewichen war. Es half nichts, er musste hinein.

Ohne Manon von seiner Absicht zu verständigen, stieg er hinein, bis er den Wagen in voller Länge sehen konnte. Manon würde das verstehen. Wäre sie ihm sonst mit dem Ziegel zu Hilfe gekommen?

Das Weinen kam von rechts, wo auch das unzerbrechliche Fenster lag.

Die Einrichtung war durch das Fortschleudern des Wohnwagens verstreut worden, zwei Spinde hatten sich aus der Wandverankerung gelöst und waren zerbrochen.

Jean Louis stieg über die Trümmer hinweg, kam durch die winzige Küche und geriet in einen Tagesraum, in dem ein Wandbett herab geklappt war. Eines! Demnach musste das Mädchen hier schlafen.

„Hallo, Kleine, wo bist du? Ich kann dich nicht sehen!“, rief er. Heißer Rauch trieb an ihm vorbei und begann das Wohnwageninnere zu vernebeln.

Wenn er die Kleine nicht gleich fand, dann wurde dies zu einer tödlichen Falle. Oder er gab auf und brachte die eigene Haut in Sicherheit.

Er verwarf diesen Gedanken sofort. Er war nicht bis hierher vorgedrungen, um dann feige zu kneifen.

In diesem Raum waren auch Wandborde herab gerissen worden.

Das Mädchen konnte unmöglich darunterliegen, denn er hatte es nach der Explosion ja noch am Fenster gesehen.

Hinter einem der Borde bewegte sich etwas. Dann tauchte zaghaft und schüchtern ein Kopf mit strähnigem brünettem Haar auf, das in zwei Rattenschwänzen endete. Jean Louis glaubte sich jedenfalls daran zu erinnern, dass man bei jungen Mädchen solche Zöpfe, die noch keine waren, so nannte.

Große, entsetzte Augen, die nichts verstanden und nichts begriffen, starrten Jean Louis an.

Er versuchte ein Lächeln, ohne zu wissen, dass er dadurch noch mehr wie ein rußgeschwärzter Teufel aussah.

„Komm schon, wir gehen jetzt raus!“, sagte er und streckte die Arme vor. „Es kommt zu viel Rauch herein, und heiß wird es auch. Ich trage dich hinaus, wenn es dir Spaß macht, ja?“

Die Vorstellung, von dem rußgeschwärzten Teufel aus dem Wohnwagen getragen zu werden, bereitete ihr offensichtlich Freude. Der entsetzte Ausdruck verschwand aus den Augen.

Aber die Kleine kam nicht. Sie schaute unter sich und sagte hustend: „Aber Giselle muss auch mit. Sie ist herunter gefallen und ist sehr krank.“

„Sicher, mein Kleines, Giselle kommt auch mit“, stimmte Jean Louis in dumpfer Verzweiflung zu, wobei er überlegte, wer um alles in der Welt Giselle war.

Die Katze? Das konnte er nicht riskieren. Die würde in diesem Feuersturm irrsinnig werden und jeden zerkratzen und zerbeißen, der ihr zu nahe kam.

Oder ein Vogel, der in einem Käfig gefangen war und unter das Bord geraten war?

Vielleicht auch ein Hund?

Lieber Himmel, lass es nicht wahr sein!, dachte Jean Louis. Keine Tiere in dieser Situation!

Gegen seinen Willen fragte er freundlich: „Wo ist denn Giselle?“

„Na, hier“, gab die Kleine zur Antwort und zeigte vor sich zu Boden.

Er stieg über das Bord hinweg, während hinter ihm etwas heftig gegen die Wohnwagenwandung hämmerte.

Eine Zentnerlast fiel Jean Louis von der Seele, als er erkannte, dass es sich nicht um Haustiere handelte. Giselle war die Puppe der Kleinen. Wie alle Lieblingspuppen war sie unansehnlich geworden vom vielen Gebrauch.

Er hob das Bord an, und die Kleine hob die Puppe Giselle auf und drückte sie mütterlich gegen das lange Nachthemdchen.

„Und wie heißt du denn?“, fragte er, während er merkte, dass ihn gleich ein Hustenanfall zu würgen begann.

„Christiane d’Aubry“, hörte er die Kleine noch außerordentlich selbstbewusst sagen, bevor der Anfall losbrach.

Es wurde so schlimm, dass er sich auf das Bord setzen musste. Er fürchtete, dass ihm die Lungen schon geplatzt waren.

Immer noch hämmerte jemand. Das konnte nur Manon sein.

Die Erkenntnis, nun für zwei Menschen verantwortlich zu sein und darüber hinaus noch für die Puppe Giselle, trieb Jean Louis hoch.

„Wo sind deine Sachen?“, fragte er krächzend und mit halb erstickter Stimme.

Die kleine Christiane zeigte auf einen Kinderspind, dessen Tür angelehnt war. Wahrscheinlich war sie aufgesprungen.

Mit einem Schritt war Jean Louis dort, zog den Spind auf und blickte gehetzt über die Sachen.

Die d’Aubrys schienen zu den Leuten zu gehören, die schon einen gewieften Steuerberater zum Ausfüllen ihrer Einkommensteuererklärung benötigten. Für Christiane schien nichts zu gut und nichts zu teuer gewesen zu sein. Es war Kleidung vorhanden, mit der ein halber Kinderhofstaat hätte ausgestattet werden können.

Jean Louis wählte nicht, er griff zu, und das unter praktischen Erwägungen. Es durfte keine Kleidung aus Kunststoffen sein, weil die in der Hitze fürchterliche Verletzungen verursachte und sich kaum noch entfernen ließ, wenn sie erst mal geschmolzen war.

Er knüllte die Sachen zu einem Bündel zusammen. Schuhe! Das war so wichtig wie ein Kopfschutz für die Kleine.

Er entdeckte Schuhwerk unten im Spind.

Die Gummistiefel feuerte er beiseite, die Sandalen ebenso. Lederstiefel gab es nicht, nur Halbschuhe. Er griff ein Paar, ließ Christiane hinein schlüpfen und hob die Kleine über das Bord hinweg, während er spürte, wie der nächste Hustenanfall unabwendbar kam.

Fast grob trieb er die Kleine zur Tür.

Das Hämmern hörte endlich auf. Manon ließ den Ziegel fallen und griff nach dem Mädchen, das vor dem Feuer draußen, dem dichten Rauch und der Hitze zurückweichen wollte.

Jean Louis hielt sich an einer Kleiderstange fest und hustete so jämmerlich, dass es ihn durchbeutelte bis zu den Füßen.

Er fühlte sich ausgebrannt, verbraucht und schlapp. Wenn er jetzt aber aufgab, war alle Mühe umsonst gewesen.

„Das Nachthemd, Kunststoff, weg damit!“, brüllte er gurgelnd Manon zu und hielt ihr das mitgebrachte Kleiderbündel hin.

Sie griff danach. Ihre Decke auf Kopf und Schultern dampfte wie eine Waschküche. Mit Bestürzung sah er, dass brennende Äste auf das Waschhaus gefallen waren und dichter weißgelber Qualm aus den aufragenden Mauern und der Türöffnung quoll.

Pest und Verdammnis, damit hatte er nicht gerechnet! Das Waschhaus war ihm auch als Ruine noch sehr sicher vorgekommen. Wenn da noch mehr Feuer hineinfiel, begann das Wasser in den Leitungen zu kochen, bis die Rohre platzten.

Ein schöner Mist! Er musste sich nach einem guten Platz für drei Menschen und eine Puppe umtun.

Er ließ die Kleiderstange los, während Manon der Kleinen das Nachthemd auszog und sie in eine feste lange Hose und einen Anorak stülpte.

Jean Louis blickte mit neuem Interesse auf die Kleiderstange. Daneben war ein Bord festgeschraubt, dessen Klapptür schräg in den Angeln hing.

Er zog die Tür auf. Hüte in allen Schattierungen. Von Madame und Monsieur d’Aubry. Keiner passte der Kleinen.

In der Not frisst der Teufel bekanntlich alles, was dick macht, sagte sich Jean Louis, griff einen spitzen Filzhut von Monsieur heraus, wie ihn die Gebirgler von Hoch Savoyen trugen, und trat damit an die Küchenspüle.

Die Wasserversorgung funktionierte noch, der Behälter schien gut gefüllt.

Jean Louis weichte den Hut ein wie ein Stück altes Weißbrot, das an die Hühner verfüttert werden soll, und kehrte zur Tür zurück.

Manon war fertig mit der Kleinen. Sie hatte sogar die überzählige Kleidung zu einem handlichen Bündel geschnürt und umgehängt. Zudem trug sie seine Tasche.

Verdammt! Er griff an sich hinab. Seine Tasche war weg, er musste sie in der Panik verloren haben, und Manon hatte sie gefunden und an sich genommen.

Ihre Umsicht war noch ein Wesenszug, den er bisher nicht an ihr hatte entdecken können. Aber er war vorhanden, wie er selbst sah.

Er setzte der kleinen Christiane den tropfnassen Hut auf, grinste wieder und nahm das Mädchen auf den Arm, das krampfhaft seine zerfledderte Puppe festhielt.

„Müssen wir verbrennen?“, fragte die Kleine plötzlich. Aus ihren Augen sprach mehr kindliche Neugierde als Angst.

„Nein, müssen wir nicht“, sagte Manon mit fraulich warmer Stimme.

„Wir spielen gleich ein Rennspiel“, fügte Jean Louis hinzu. „Wenn wir zum Restaurant kommen, haben wir gewonnen.“

„Au, fein, und was bekommen wir dann?“, wollte Christiane wissen.

„Mal sehen, was da ist“, wich Jean Louis aus. Er schlug die warm gewordene Decke mit um die Kleine, damit sie besser geschützt war, und hoffte, dass er das Gewicht lange genug schleppen konnte.

Vier mochte sie sein, vielleicht auch ein halbes Jahr älter. Nie zuvor hätte er gedacht, dass so kleine Kinder ein so großes Gewicht zusammenbrachten.

Manon trat einen brennenden Zweig aus, der vor ihre Füße geflogen war und dessen Flammen nach ihren Hosenbeinen griffen. Sie blickte danach Jean Louis fragend an. Ihr Gesicht war von der Hitze knallrot und vom Ruß schwarz gefleckt. Auf dem Nasenrücken hatte sie Hitzebläschen.

„Restaurant?“, vergewisserte sie sich. „Von dort ist nichts mehr zu hören!“ In ihrer Stimme klang Verzweiflung mit.

Jean Louis hob den Kopf. Tatsächlich, seit der Explosion hatte er von dort nichts mehr gehört. Das konnte aber auch am Brausen und Prasseln der Feuerfront liegen.

„Los!“, rief er und stieg über die Dachtrümmer hinweg. Als er in Richtung Restaurant einbog und Manon neben sich auftauchen sah, fiel sein Blick zufällig auf seinen Wohnanhänger und das Auto.

Sie brannten. Da war nichts mehr zu retten. Das Feuer war nicht drüber gesprungen, wie er gehofft hatte.

Es gab ihm ein paar Stiche. Er hatte viel Geld in Auto und Anhänger gesteckt, das sich jetzt in Rauch und Qualm auflöste.

Egal, das lässt sich alles irgendwann ersetzen, dachte er. Hauptsache, wir kommen davon!

Er rannte neben Manon her, die Kleine im Arm.

Da war der Weg, gesäumt von den hohen rotblühenden Oleanderbüschen. Die langen, schmalen Blätter hatten sich in der Hitze schon gerollt, der Boden war bedeckt mit ihnen.

Sie rannten keuchend und mit schmerzenden Lungen den Weg entlang, während ihnen dichter Rauch immer wieder die Sicht raubte.

Eine flammende, brüllende Feuerhölle tat sich vor ihnen auf, als sie das Ende des Weges erreicht hatten.

Starr vor Schreck und Entsetzen blieben sie stehen.

Das Restaurant hatte sich in eine infernalische Feuersäule verwandelt. Auf den Stufen lagen Tote, übersät von den Scherben der mächtigen Panoramascheiben.

Das Obergeschoss des Gebäudes war fort, als hätte es nie existiert. Einfach weggeblasen.

Manon stieß einen erstickten Schrei aus und zeigte auf den Swimmingpool neben der Restaurantterrasse. Das Wasser war bedeckt mit Asche und treibenden Trümmern, mit Ästen, Laub und Nadeln. Dazwischen trieben Tote, denen die urgewaltige Hitze bereits den Bauch aufgebläht hatte. Vielleicht waren das Gäste, die sich zum Zeitpunkt der Explosion noch in der Bar aufgehalten hatten. Die Bar schloss immer erst, wenn am Morgen die Sonne jenseits der Bucht aufging.

„Haben wir gewonnen?“, fragte Christiane, die gemerkt hatte, dass Jean Louis nicht mehr rannte.

„Noch nicht!“, gab er ächzend zurück. „Noch nicht, Kleines.“

Er blickte sich gehetzt um.

Vom Restaurant her war das Feuer auf die Bäume übergesprungen. Hinter dem Restaurant schob sich krachend und flammend die große Feuerwalze heran.

Das Feuer, das unmittelbar am Ufer entlanggelaufen war, hatte sich eben mit einem puffenden Geräusch mit den Flammen vereint, die über das Waschhaus hergelaufen waren.

Der Rückweg war abgeschnitten.

Einen Ausweg gab es nicht.

Hier war es zu Ende. Jean Louis erkannte es voll bitterer Resignation. Er packte die Decke fester um die Kleine, damit sie nicht sah, wenn die Flammen sprangen. Er hoffte nur, dass es schnell ging.

Seine Hände brannten und schmerzten. Er starrte verwundert auf den Rücken der linken Hand und sah Hitzeblasen entstehen, unter denen sich Wasser sammelte.

Wasser? Er grinste verzerrt. Er würde ganz schön zischen, wenn ihn die Flammen umloderten.

Wurde man eigentlich schnell ohnmächtig? Oder blieb man bei Besinnung bis zum letzten Augenblick?

Orgelnd, krachend und brausend rasten zwei Feuerwalzen aus entgegengesetzten Richtungen auf diesen Platz zu. Ihr Sauerstoffsog war so stark, dass es die schweren nassen Decken Manon und Jean Louis gegen die Hosenbeine presste.

Jean Louis dachte daran, dass es schon vorgekommen war, dass es Menschen mit dem Sog in die flammende Hölle hineingerissen hatte.

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Der Bürgermeister von Le Canadel ließ Erde aus irgendwelchen Vorgärten herbeischaffen. Eine Menge Blumenerde, eine Rarität auf dem Boden des Ortes, ging damit zum Teufel.

Aber es blieb nicht die Zeit, Erde aus den entfernt liegenden Weinfeldern heranzuholen, um den feuerspeienden Explosionstrichter zuzuschütten.

Mit dem Wasser wurden die Reste der abgebrannten Scheune gelöscht, und wer nicht bei diesen Arbeiten benötigt wurde, der half, die Toten in ein Haus gegenüber zu tragen, das einen großen Wohnraum hatte.

Die Verletzten hatte man ein Haus weiter transportiert. Frauen des Ortes kümmerten sich um sie.

Wieder einmal rannte der Bürgermeister auf seinen krummen Beinen zu seinem Amtsgebäude zurück, um zu hören, ob das Telefon jetzt funktionierte.

In den Fensterscheiben spiegelte sich der glutrote Nachthimmel aus Richtung Le Lavandou.

Wenn das Feuer nur nicht herüberkommt und in die Weinfelder springt, dachte der Bürgermeister bekümmert. Das war schon einmal passiert. Es hatte Jahre gedauert, bis die neu gepflanzten Reben einen Ertrag brachten. Einige Familien waren darüber bettelarm geworden und nach Marseille gezogen, wo die Männer Arbeit im Hafen annahmen.

Der Bürgermeister stutzte. Hatte nicht vorhin noch, als er wieder erfolglos das Telefon ausprobiert hatte, der Wagen dieses Mannes aus St. Tropez hinten bei der Mauer zum Hühnerhof gestanden?

Er meinte ja, denn die Scheiben hatten die Brände gespiegelt.

Der Bürgermeister wurde unsicher. Es konnte auch schon beim vorvorigen Mal gewesen sein. Oder noch eher. Er hatte tausend Sorgen im Kopf wegen der Toten, der Verletzten, des Feuers, der Tankstelle, der Weinfelder und des verdammten Jagdgewehres samt Patronen in seiner Scheune, dass er gar nicht richtig auf das Auto geachtet hatte. Er wusste lediglich, dass der Mann zwei Tage hier gewesen war, um sich Land anzusehen, das zu kaufen war. Aus St. Tropez komme er, hatte er gesagt.

An den Namen konnte sich der Bürgermeister nicht erinnern. Es war ihm auch gleichgültig, denn es war nicht sein Land, das verkauft werden sollte.

Der Mann hatte nach viel Geld ausgesehen. Vielleicht ein Rechtsanwalt, der sich nach St. Tropez zurückgezogen hatte. Recht gescheit hatte er mit seiner Brille jedenfalls ausgesehen. Und das Auto musste auch eine hübsche Kleinigkeit gekostet haben.

Vielleicht war der Mann auch schon fortgefahren, als die Scheune noch gebrannt hatte. Der Bürgermeister wurde um so unsicherer, je länger er nachdachte.

Hoffentlich kam er durch, der Mann aus St. Tropez. In dieser Nacht schien es an allen Ecken und Enden zu brennen.

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Ist das alles?“, knurrte Grossart ungnädig. Er stocherte mit einem zerkauten Bleistift in den persönlichen Gegenständen der toten Engländerin Evelyn Marple aus Sheffield herum.

„Ihren Koffer samt anderem Gepäck hatte sie nicht dabei, in der Tat“, bestätigte Jacot mit undurchdringlichem Gesicht. „Wir sollten diese Mängelrüge unbedingt mit in den Bericht aufnehmen.“

Grossart schwoll der Hals. Die Adern traten dick hervor.

„Wollen Sie mich verarschen?“, brauste er auf.

Jacot verzog den Mund, als hätte er unbändige Zahnschmerzen. Er verzichtete darauf, Grossarts Frage zu beantworten.

„Fertigen Sie eine Aufstellung an“, sagte Grossart. Der Sturm war vorbei, er sprach wieder in normalem Tonfall. „Und lesen Sie das Protokoll durch. Emile, der Korse, hat es unterschrieben. Der Drecksack wagte es, mir mit ein paar kräftigen Unterweltfiguren zu drohen.“

Tiefsinnig schaute Jacot auf die geplatzten Knöchel an Grossarts rechter Hand. „Das wird er wohl nicht so schnell wieder machen, wie?“, fragte er vorsichtig. „Eigentlich liegt es ja auf der Hand, dass ein Bursche wie er Freunde hat. Beute muss abgesetzt werden. Möglichst weit weg. Und aus Gründen eines wasserdichten Alibis kann ein Einbrecher oft genug nicht seinen Ort oder seine Stadt verlassen. Also müssen zuverlässige Freunde die Beute versilbern.“

„Ihre blödsinnigen Erkenntnisse sind so alt wie das Verbrechen!“, schimpfte Grossart.

„Ich wollte Sie nur auf die Möglichkeit hinweisen, dass Emiles Drohung nicht mit einem Schulterzucken abgetan werden sollte. Vielleicht sollten Sie Ihre Pistole aus der Schublade holen“, empfahl Jacot. „Sie können sich dann besser verteidigen.“

„Gegen ein paar Nachtschattengewächse, die über die Handlangerlaufbahn nie hinaus gekommen sind?“, Grossart lachte gallig.

„Ich darf darauf hinweisen“, sagte Jacot unbeirrt, „dass der große Kommissar Blacheron aus Bordeaux von einem simplen Taschendieb, am hellen Tag, auf offener Straße, vor hundert Zuschauern erschossen wurde. Von einem Taschendieb., ich bitte Sie! Emile, der Korse, ist mehr als ein Geldbörsenzieher. Das hätten Sie bedenken müssen, bevor Sie ihn verprügelt haben.“

Maßloses Erstaunen lag in Grossarts Blicken. „Verprügelt? Ich?“, fragte er.

Grob und gar nicht zartfühlend sagte Jacot: „Kleben Sie sich wenigstens Pflaster über die Knöchel, dann glaubt man Ihnen den Unschuldsengel schon eher.“

„Verreck!“, keuchte Grossart und zog die Hand vom Schreibtisch.„Sie, Jacot, ich habe die dumpfe Ahnung, dass Sie mehr sind als der peinlich korrekte Einfaltspinsel mit gelegentlichen Geistesblitzen, als der Sie sich ausgeben.“

„Das zu beurteilen überlasse ich Ihnen“, erklärte Jacot entgegenkommend. „Jedenfalls sollten Sie sich vorsehen, dass Sie nicht unversehens mit einer Kugel zusammen stoßen, die von einem der dubiosen Freunde des Korsen kommt.  Ist es übrigens der Schmuck der Maharani?“

„Nach der Beschreibung ja. Sie kommt morgen her, ein Agent ihrer Versicherung ebenfalls. Das heißt, wenn er durch das Feuer kommt, was ich aber für unwahrscheinlich halte. Sonst müssen wir Identifizierung und Übergabe verschieben. Hm, Emiles Fall haben Sie mit Bravour gelöst. Übernehmen Sie auch den Fall Marple, klar?“

„Wenn es Sie oder Blaise nicht überanstrengt, hätte ich gerne die Akten der vergangenen Jahre“, sagte Jacot bescheiden. „Die Todesfälle von der Achtundneunzig und die Feuerbrände.“

Grossarts fleischiges Kinn begann zu beben. „Sie!“, fauchte er. „Wir sind hier bei der Polizei und nicht im Staatsarchiv oder der Nationalbibliothek! Merken Sie sich das!“

„Ich sehe es auch“, sagte Jacot trocken. „Dort wird Staub gewischt, Also werde ich in Cogolin nachfragen. Die Tote ist übrigens auf einem Platz bei St. Tropez abgestiegen. Da ist eine Clubkarte. Pam Beach Club, Pampelonne. Ich werde morgen hinfahren. Und ein Terminzettel eines Zahnarztes. Der Doktor wird vergeblich warten. Ich glaube, ich werde ihn anrufen und absagen. Ich verstehe nicht, dass die Engländer hier zum Zahnarzt gehen. Zu Hause sind Behandlung, Medikamente und Zahnersatz kostenlos, bei uns unverschämt teuer.“ Er schüttelte den Kopf und fragte vorsichtig: „War vielleicht ein Anruf da von einem Pfarrer? Oder war er etwa selber hier? Er wollte nach Cogolin, aber ich bin ihm nicht begegnet. Er könnte ja auch, hierher gefahren sein.“

„Hier war kein Pfarrer“, sagte Grossart. „Was haben Sie mit dem Mann? Weshalb sollte er anrufen?“

„Er ist mir beinahe vors Auto gesaust, natürlich ohne Licht“, erklärte Jacot.

„Wo?“, bellte der Kommissar.

Jacot beschrieb den Platz und den glücklich verlaufenen Zwischenfall.

„Den Feldweg kenne ich“, sagte Grossart. „Geht dort in die bergigen Küstenwälder. Ein sehr schlechtes Jagdgebiet, obgleich menschenleer. Was hat er dort herumzufahren?“

„Wieso Feldweg?“, fragte Jacot verblüfft. „Er sagte, er sei der Pfarrer von Ferrat, und ich dachte, der Weg führt nach Ferrat.“

Blaise stieß im Hintergrund ein Glas um, und Grossart warf die Arme auf den Schreibtisch und schaute Jacot von unten herauf an.

„Mein lieber Jacot“, sprach er mit milder Nachsicht, „Sie sollten sich mehr mit den örtlichen Gegebenheiten vertraut machen. Ferrat ist vor vier Jahren beim großen Waldbrand eingeäschert worden und seitdem verlassen. Es gab elf Tote, und von einem weiß ich ganz genau, dass er dazugehörte, der Priester nämlich. Er war mein Onkel.“

Jacot setzte sich so heftig auf einen der reparaturbedürftigen Stühle, dass das Möbel aufreizend knarrte. Er erkannte, dass er für eine Minute das Ende eines wichtigen Fadens in der Hand gehalten und es nicht gewusst hatte.

Darum die Merkwürdigkeiten, das jähe Auftauchen aus dem Feldweg heraus! Die ondulierten Haare unter der Baskenmütze, dass der Mann ihm auf dem Rückweg nicht begegnet war! Pfarrer war er auch nicht, das fürchtete Jacot. Und Ferrat war ein totes Nest, das vor vier Jahren schon gestorben war.

Vor vier Jahren, als es mit den gewaltigen Waldbränden und mit den Morden begonnen hatte.

Jacot fiel es wie Schuppen von den Augen. Er hatte eine Chance gehabt, wie sie sich nur einmal in tausend Jahren einem Kriminalisten bot. Er hatte sie nicht erkannt.

„Ich Rindvieh!“, sagte er erschüttert.

Gehässig sagte Grossart: „Gut, dass Sie das einsehen. Da ist noch nicht alle Hoffnung verloren!“

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Die beiden brausenden, orgelnden Feuerwalzen aus entgegengesetzten Richtungen näherten sich einander mit atemberaubender Geschwindigkeit. Sie mussten hier zusammenprallen.

Hier auf diesem Platz vor dem Restaurant.

Jean Louis spürte die saugende Gewalt des Sturmes, die an seiner Decke rüttelte. Die Hitze schlug durch den schon fast wieder trockenen Stoff und brannte auf der Haut der Oberarme.

Ein urweltliches Heulen war in der Luft.

Der mächtige Sog wirbelte Blätter, Laub, Papier, Nadeln und Äste nach rechts und links in die zusammenrückenden Feuerwände. Über den brausenden Feuerwalzen loderten fackelgleich entflammte Bäume, deren Äste herunterbrachen oder in Sekundenschnelle nur noch stummelartige Auswüchse waren.

Er merkte, dass sich Manon furchtsam an ihn und das Kind drängte. Ihre Nerven hatten bis hierher mitgespielt, und sie hatte sich prächtig gehalten. Wie ein richtiger Kamerad, der mit einem notfalls auch durch die Hölle ging.

Und hier war die Hölle. Ringsum. Ein Orkan aus Glut, Flammen, Funken und tödlicher Hitze.

Wahrscheinlich hätte mancher bärenstarke Mann schon viel früher die Nerven verloren. Jean Louis hatte es am eigenen Leib zu spüren bekommen, als sie über ihn hinweg getrampelt waren.

Manon brachte ihren Kopf an den seinen. Ihre Lippen bewegten sich. Sie waren rissig, spröde geworden, und aus den Schrunden quoll Blut.

Er verstand nicht, was die Lippen murmelten. Aber er las die Angst, die Verzweiflung in den Augen.

Es war aus! Man wusste es.

Von hier kamen sie nicht mehr weg. Die paar Dutzend anderen waren nur zehn Minuten vor ihnen gestorben. Jetzt machte es keinen Unterschied mehr.

Gellende Schreie drangen plötzlich wieder von der Bucht her und übertönten das gewaltige Brausen des Feuers. Rauch wurde in die Flammen gerissen, hoch gepeitscht und zu dichten Wolken zusammengetrieben, die von der alles fressenden Glut rosarot beleuchtet wurden.

Eine dumpf dröhnende Explosion hinten in der Oleandergasse ließ die wabernde Luft erzittern und drückte gewaltige Rauchschwaden aus den Feuerriegeln.

Der Luftdruck stieß Jean Louis zwei Schritte nach vorn. Manon war plötzlich ihres Haltes beraubt und strauchelte.

Jean Louis ließ die Decke los und packte sie an der Schulter, bevor sie auf die Blätter und Nadeln stürzte, die sich bereits selbsttätig entzündeten.

Die Druckwelle packte einen Papierkorb, der, weiß der Teufel wie, übriggeblieben war. Der Kunststoffkasten hatte sich schon verformt, aber bisher hatte er der Hitze standgehalten.

Jetzt schleuderte es ihn über den Platz, Unrat wurde heraus gewirbelt, und mit einem kleinen Satz übersprang der Papierkorb die steinerne Umrandung des Swimmingpools und setzte inmitten schwarzer Flugasche, Dreck, Ästen, Papier und aufgeblähten Bäuchen der Toten auf. Schmutziges Wasser spritzte auf.

Wasser!

Vielleicht schafften sie es doch!

Eine Idee war im Kopf Jean Louis, gewann Gestalt und Umfang.

„Komm!“, brüllte er Manon zu, um das Orgeln des Feuerorkans zu übertönen. „Ins Wasser!“ Sein Kinn stieß vor und gab die Richtung an.

Er sah das Entsetzen und den Schauder in ihren Augen. Zu den Toten, fragten die Augen.

Er ließ ihr nicht die Zeit, sich noch mehr zu entsetzen. Er gab ihr einen kameradschaftlichen Schubs und grinste auf eine Art, die ihr Mut machen sollte.

Sie rannten gleichzeitig los.

Christiane auf den Armen von Jean Louis fand es herrlich und begann quiekend zu lachen. Die Puppe Giselle lugte aus dem Schlitz der Decke, die fest um das Kind gehüllt war.

Manon sprang aus zwei Meter Distanz. Sie blieb mit den Füßen an der steinernen Einfassung hängen. Es drehte ihren Körper wie um eine tiefliegende Achse.

Mit dem Kopf voran schoss Manon in die dreckige, aufspritzende Brühe, die vor ein paar Stunden noch eines der Schmuckstücke des „Camping au Paradis“ gewesen war.

Jean Louis kam mit den Füßen voran hinein. Er fasste Grund und stauchte sich den linken Fuß. Es schmerzte, aber die Pein war längst nicht so schlimm wie eben noch die Hitze.

Das Wasser war bereits warm, aber es kühlte auf wundersame Art.

Christiane d’Aubry war in der Decke gefangen und für einen Moment unter Wasser geraten. Sie hatte ein paar Schlucke erwischt und hustete zum Gotterbarmen.

Jean Louis befreite sie so weit, dass sie herausschauen konnte. Ihre Rattenschwänze trieften, die Puppe Giselle war noch unansehnlicher geworden.

Der Kleinen gefiel dieses Spiel überhaupt nicht mehr, und sie sah auch treibende, aufgedunsene Körper und konnte sich keinen Reim darauf machen.

„Monsieur“, sagte sie streng zu Jean Louis, „was machen die Leute da?“

Geistesgegenwärtig sagte er: „Die haben verloren und müssen jetzt eine Weile mit dem Bauch nach oben herumschwimmen. Wir haben den ersten Teil des Spieles gewonnen und dürfen stehen. Ich halte dich schön fest, du brauchst keine Angst zu haben.“.

„Sie beschwindeln mich auch nicht?“, vergewisserte sie sich.

Er schüttelte den Kopf und bemühte sich, nicht allzu ernsthaft drein zu blicken.

„Ist aber doch ein komisches Spiel“, fand Christiane d’Aubry. „Maman wird mit mir schimpfen, wenn ich das erzähle.“

„Ah, sie glaubt dir wohl nicht?“, fragte er und achtete höllisch scharf auf die heranrückenden Flammen. Die Stelle beim Oleanderweg, an der sie gerade noch gestanden hatten, loderte hell auf. Feuer fraß sich durch die grünen Büsche. Die Blätter prasselten und knackten. Es klang, als ließe jemand Erbsen aus der Hand auf ein Blech fallen.

„Manchmal nicht“, sagte Christiane.

Manon schob sich langsam heran.

Ihr war schlecht von den treibenden Toten. Sie ekelte sich davor, sie berühren zu müssen. Darum schwamm sie nicht, sondern watete vorsichtig über den Grund des Pools, der mit allerlei Dingen bedeckt war, die die Explosion hineingeschleudert hatte.

Sie hob jetzt ebenso überrascht den Kopf wie Jean Louis und begriff nicht, warum sie das Prasseln der brennenden Oleanderblätter hören konnte.

War die Macht des Feuerorkans gebrochen? Bewegten sich die Flammenwalzen, die bis hinauf zu den höchsten Ästen der zundertrockenen Pinien reichten, jetzt in eine andere Richtung? Zurück etwa, wo sie sich totlaufen mussten? Wo es keine Nahrung mehr für das Feuer gab und wo nur noch rauchende Baumruinen standen?

Sie schaute Jean Louis an.

Er hatte die Stirn gerunzelt. Seine Decke war vorne auseinander geglitten. Wässriges Blut rann ihm von hinten am Hals herab und verfärbte sein auf der Haut klebendes Hemd.

Er hob die Achseln und versuchte, sich alles ins Gedächtnis zu rufen, was er je über Waldbrände und überhaupt über gewaltige Feuer auf großen Flächen gehört und gelesen hatte.

War da nicht die Rede davon, dass für Überlebende der schlimmste Augenblick kam, wenn zwei Flammenwalzen zusammentrafen?

Bruchstückhaft fielen ihm Schilderungen von Flächenbränden ein. Es hatte mit dem Sog zu tun. Beide aufeinander zulaufenden Feuer rissen Sauerstoff zu sich heran. Im letzten Moment entstand dann eine zwei, drei Meter breite Gasse ohne Sauerstoff, die einer Art Vakuum glich.

In dieses Vakuum platzten beide Feuer dann unter explosionsähnlichen Begleitumständen hinein. Es sollte zu Stichflammen kommen, zu Temperaturen, wie sie in Hochöfen herrschten.

Diese tödliche Hitze sollte zwar nur für Momente auftreten. Wer aber gerade in diesem Augenblick Atem holte, der sog die heißen Gase in den Körper und verbrannte sich Luftröhre und Lungen und starb eines qualvollen Todes.

Jean Louis merkte, wie er zu frieren begann. Jetzt griff die Angst auch nach ihm. Die Feuer hatten nicht abgedreht, der Orkan war nicht von einer Sekunde zur anderen eingeschlafen.

Die fast angenehme Stille ergab sich aus dem Umstand, dass der Swimmingpool in der Gasse zwischen den Feuermauern lag und damit im Vakuum.

Die Luft leitete das Fauchen, Knacken und Prasseln nur noch ungenügend.

Jean Louis merkte, wie er unter Atemnot zu leiden begann. Der Hals wurde ihm dick, der Kopf bekam Überdruck und schmerzte, als wollte er zerplatzen und zuvor Gehirn und Augen herausdrücken.

Gleich mussten die beiden Feuermauern in die Gasse fallen, mussten sich zu einer gemeinsamen Walze vereinen. Das bedeutete, dass die Explosion unmittelbar bevorstand. dass glühend heiße Stichflammen hochschossen, dass alles verbrannte, was noch zu erreichen war.

Jean Louis starrte auf das Feuer, dann auf die Toten.

Alles würde verbrennen, was an und über der Oberfläche war. Aber nicht, was unter Wasser war.

Standen er und Manon nicht bis zur Brust darin?

Er streckte die Hand nach ihr aus, seine Finger krallten sich in die Decke, die sie sich wieder über den Kopf gezogen hatte. Langsam zog er sie zu sich heran.

Christianes Gesicht verzog sich weinerlich. Sie spürte irgendwie, dass etwas nicht in Ordnung war und dass dieses Spiel viel zu aufreibend verlief, als dass es noch ein richtiges Spiel sein konnte.

Wenn sie zu Hause ein paar Sternchen ins Goldfischbecken im Vorgarten warf, taten die Großen gleich, als müsste die Welt untergehen. Und hier hatten sie sogar Asche, Laub und Gras und Holzstühle in den schönen Swimmingpool geworfen, und niemand regte sich auf. Im Gegenteil, die Großen schwammen auch noch mitten darin herum und sagten kein Wort dazu.

„Wenn ich sage 'Runter', dann tauchen wir alle drei eben ein bisschen ins Wasser“, sagte Jean Louis. Seine Stimme klang aufgekratzt. Aber Manon sah, dass sein Adamsapfel in höchster Erregung auf und nieder hüpfte.

„Ich will aber nicht!“, erklärte Christiane eigensinnig.

„Dann haben wir auch verloren“, sagte Jean Louis traurig. „Aber wenn du mitmachst, gewinnen wir vielleicht auch den zweiten Teil.“

Sie zog einen Schmollmund und ließ sich dann zu dem Zugeständnis herab: „Ja, dann!“

„Schlimm?“, wisperte Manon.

Jean Louis nickte knapp und kniff ein Auge zu.

Er lauschte, er schaute hinter sich, seine Nerven spannten sich wie Stahlseile unter extremer Belastung.

„Und vorher schön Luft holen, klar?“, sagte er gepresst zu der Kleinen und wiegte sie auf seinem rechten Arm, der längst gefühllos geworden war. Mit zwei Fingern hielt er die Decke vor Christianes Körper zusammen gekrallt. Mit der linken Hand hielt er Manons Decke fest. Er drehte langsam den nassen Stoff zusammen, so gut er konnte.

Sie durfte sich nicht aus lauter Angst aus der Decke befreien können, wenn ihr der Atem etwas knapp wurde, und auftauchen  mitten in die zusammenschlagenden Feuerwalzen hinein.

Ein Fauchen war plötzlich in der Luft, das sich unheimlich rasch steigerte und in ein schrilles Pfeifen überging. Es klang gerade so, als jage, der heiße Wind mit zweihundert Stundenkilometern um die Baumstämme.

Ein Orgeln und Dröhnen mischte sich in das Pfeifen.

Jean Louis hatte es nie selber erlebt, aber er wusste plötzlich, dass dies der entscheidende Moment war. Gleich schlugen die Flammen zusammen!

„Luft holen!“, sagte er so ruhig, wie es ihm überhaupt nur möglich war. Er wunderte sich über seine Stimme. Sie klang fremd, als gehörte sie einem anderen und nicht ihm. „Und jetzt runter!“

Er merkte, dass Christiane sich sperrte. Wie Klammern bogen sich seine Finger um die wulstigen Deckenkanten und hielten eisern den vollgesogenen Stoff und die Kleine fest.

Mit der anderen Hand zog er Manon unter die Dreck übersäte Wasseroberfläche.

„Nur keine Angst, Kleines, du kannst mich ja spüren“, sagte er noch zu Christiane und ließ sich langsam untersinken.

Die Kleine versuchte, gegen seine Hüfte zu treten, sich aus der Decke zu befreien. Ihre Hände packten schmerzhaft zu und quetschten ihm Haut zusammen.

Ich halte es aus, dachte er. Die paar Sekunden werde ich auch noch überstehen!

Der Pool enthielt Süßwasser, und Jean Louis riskierte es, unter Wasser die Augen zu öffnen.

Die Sicht war trübe. Schmutz und Unrat, Schwebestoffe und anderes Zeug trieben unter der Oberfläche. Stühle, Steine, Gläser und Flaschen lagen auf dem Boden des Bassins.

Einen grotesk feierlichen Anblick boten die Toten, die seltsam verzerrt erschienen und zu zwei Dritteln eingetaucht waren.

Dicht vor seinen Augen erschien jetzt Manons angstverzerrtes Gesicht. Haarsträhnen waren unter der Decke hervorgekommen und bewegten sich mit den Schwankungen des Wassers wie Seetang in der Grunddünung.

Ihr Kopf erschien ihm größer, als er wirklich war. Lag das am Luftmangel?

Oder täuschte ihn das miserable Licht hier unten? Das rote Feuer, die Glut mit ihrem Schein drang durch die Unrat und Ascheschicht und schuf eine unwirkliche Beleuchtung, wie in einem Höllenloch.

Christiane trat wieder um sich.

Die Kleine tat ihm leid, aber sie musste unten bleiben. Sie war noch jung. Den Schock würde sie überwinden, wenn sie überhaupt einen davontrug. Kinder waren sehr viel robuster, als man gemeinhin von ihnen annahm.

Genau über dem Pool zuckten jäh grelle Blitze.

Ihre blendende Helligkeit schlug so stark durch, dass Manon die Augen schloss und Jean Louis aus schmalen Schlitzen beobachtete, was jetzt geschah.

Das mussten die Stichflammen sein, von denen er gehört hatte.

Also waren die Feuerwalzen zusammengeprallt.

Es mussten gewaltige Entladungen sein. Er schloss es aus der enormen Helligkeit der Stichflammen.

Dazwischen flackerte der rote Widerschein des Feuers, das alles auf seinem Weg vernichtete.

Und dann kamen die explosionsartigen Verpuffungen.

Die schmetternden, grummelnden Schläge waren unter Wasser besonders deutlich zu hören. Es klang, als würde das Bassin mit seiner Füllmenge von gigantischen Kräften gepeitscht.

Die treibenden Toten schossen plötzlich wie angetrieben herum. Einige stieß es tief unter die Oberfläche. Starre Augen glotzten Jean Louis an. Augen, in denen noch das nackte Entsetzen stand, oder Verständnislosigkeit.

Aschewolken senkten sich wie gewaltige Schlierenansammlungen auf den Bassingrund.

Manon wollte im ersten Schrecken hoch, wollte auftauchen aus diesem Höllenloch, in dem man wahnsinnig werden konnte.

Mit übermenschlicher Kraft hielt Jean Louis sie unten. Er merkte, dass er es nicht mehr lange schaffte. Sein eigener Antrieb machte sich bemerkbar und drohte, ihn an die Oberfläche zu heben.

Und die kleine Christiane rührte sich plötzlich nicht mehr. Das schmerzhafte Quetschen ihrer Händchen hörte auf. Die Beinchen kamen zur Ruhe.

Noch ein paar Sekunden, hämmerte es in seinem Schädel. Nur noch ein paar Sekunden! Herrgott, die werden wir noch schaffen! Es kann doch nicht alles umsonst gewesen sein!

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Roger Jacot hatte sich des Telefons bemächtigt, und je länger er telefonierte und sich umständlich Notizen machte, desto unfreundlicher knurrte Grossart, der schwitzte wie ein Affe und ständig den Hals samt Nacken abwischte.

Blaise war nach unten gegangen, um sich davon zu überzeugen, dass Emile, der Korse, noch wohlverwahrt im Keller steckte. Er hatte eine Rolle Pflaster aus der Apotheke im Waschraum genommen und war entschlossen, Emile zu verarzten. In diesem Zustand durften sie ihn nicht abliefern, sonst bekam Grossart mehr Ärger, als er auf seinem breiten Rücken tragen konnte.

Nach zehn Minuten kehrte Blaise zurück und schmiss zwei unbrauchbar gewordene Pflasterstreifen in Grossarts Papierkorb, in dem ohnehin immer mehr landete, als wirklich hineingehörte.

Grossart war kein großer Freund von Schreibarbeit, Ablage und allgemeinem Bürokram.

Die Blicke des Kommissars wurden nadelspitz, aber Jacot schien trotz seiner Statur das dicke Fell eines Elefanten zu besitzen, denn er redete munter weiter und kritzelte wieder auf seinem Block herum.

Er hatte die Polizeistation von Cogolin dran. Irgendwie war ihm das Kunststück gelungen, den Wachhabenden zu animieren, die alten Akten über die Brände und die Morde hervorzukramen. Und das in dieser Nacht!

Grossart mischte sich einen Pernod zurecht. Er hatte eine eigene Rezeptur. Halb und halb. Das Ergebnis half, den Gallenspiegel zu drücken.

Nach einer Stunde war der Wachhabende in Cogolin mit der Verlesung der wichtigsten Untersuchungsberichte fertig, und Jacot bedankte sich überschwänglich und legte auf.

„Nett, dass Sie mir auch mal den Apparat überlassen wollen“, knurrte Grossart. „Wo denken Sie eigentlich, wo Sie sind? Bei der Sûreté? Oder bei Interpol? Wir haben hier nur den einen Apparat.“

„Ja, das ist sehr hinderlich bei der Arbeit“, pflichtete Jacot ihm bei und drehte mit unbewegtem Gesicht schon eine neue Nummer.

Grossart stellte ächzend sein Glas ab und bekam fast einen Schlaganfall.

Als auch diese bühnenreife Darbietung von der rapiden Verschlechterung seines Gesundheitszustandes keinen Eindruck auf Jacot machte, ließ Grossart einen heulenden Fluch los, der aus dem geöffneten Fenster drang und weithin im nächtlichen La Mole zu hören war.

Roger Jacot hatte die Leitstelle der Police Routiere an der Strippe und bat, sämtliche in dieser Nacht eingesetzten Polizisten auf einen Wagen anzusprechen, auf dessen Dach oder in dessen Kofferraum ein Fahrrad transportiert worden war. Der Fahrer könnte Brillenträger sein. Und der Wagen könnte nur auf der Nationalstraße Nr. 98 aufgetaucht sein. In Richtung Cogolin - St. Tropez - St. Maxime. Oder in entgegengesetzter Richtung nach Hyeres.

Als er aufgelegt hatte, bellte Grossart: „Entweder sind Sie der unverschämteste Tropf, der je meinen Weg gekreuzt hat, oder ein wirklicher Wunderknabe, der durch den Wald geht, mit dem Stöckchen den Boden auf kratzt und die köstlichsten Trüffel findet. Mann, wieso nur die Nummer Achtundneunzig?“

„Sie sagten doch selbst, dass die Küstenstraße unterbrochen ist“, erwiderte Jacot ungerührt. „Die Engländerin wurde mit einem Wagen überfahren, als sie schon tot war, nicht mit einem Fahrrad. Der Priester von Ferrat, der wohl kein Priester war, weil Ferrat keinen nötig hat, saß auf einem Fahrrad. Dieses Fahrrad habe ich überholt, als ich zum Fundort der Leiche fuhr. Während ich dort war, kam es nicht vorbei, und als ich zurückkehrte, begegnete es mir nicht. Daraus folgt, dass das Fahrrad gar nicht mehr am rollenden Straßenverkehr zu diesem Zeitpunkt teilnahm, sondern schon in ein geeignetes Transportmittel verladen war. Zum Beispiel in ein Auto.“

Grossart und Blaise hatten mit wachsender Unruhe zugehört. Nicht das, was gesagt wurde, verwirrte sie, sondern wie Jacot es gesagt hatte.

Hilfesuchend wandte sich der Kommissar an sein Faktotum Blaise.

„Ist er gestern zu lange ohne Hut in der Sonne gewesen, oder hat er im Café etwas zur Brust genommen, das ihm aufs Gehirn gegangen ist? Vielleicht hat ihm die Schlampe von Emile was ins Glas gemischt!“

Blaise war mit den Nerven auch ziemlich herunter.

„Bis vor einer Stunde hat er noch ganz normal auf mich gewirkt“, gestand er. „Ich kann’s mir auch nicht erklären.“

Jacot grinste dünn, stand auf und holte sich Grossarts Bezirkskarte und einen Rotstift.

„Kommissar“, sagte er trocken und tippte auf die Karte, „wie viele Straßen gibt es, die von der blockierten Küstenstraße durch die Berge herüber zur Achtundneunzig führen?“

„Ha?“, machte Grossart. „Der Teufel soll aus Ihnen schlau werden. Ich schaffe es nicht. Eine Straße gibt es, und die führt von Le Canadel herüber zu uns. Ein paar Gassen von hier entfernt mündet sie ein. Aber Straße ist ein hochtrabender Begriff. Ich würde keinem raten, die Strecke bei Nacht zu fahren. Sie ist am Tag schon gefährlich.“

„Wie gefährlich?“

„Höllisch. Lauter Serpentinen. Und miserable Sicht unter den Maronenbäumen. Da haben sich auch schon Einheimische das Genick gebrochen.“

„Danke für die erschöpfende Auskunft. Gibt es sonst noch Verbindungen?“, wollte Jacot wissen.

„Ja, dieser verdammte Feldweg, der über Ferrat führt. Auch von Le Canadel aus. Mann, Jacot, warum fragen Sie mir Löcher in den Bauch? Ich bin schon ganz krank.“

„Sie sollten vielleicht eine Kur antreten“, riet Jacot herzlos. „Ein Bad gegen Gallenleiden wäre sehr zu empfehlen.“ Er räusperte sich umständlich, kreuzte den Feldweg auf der Karte an und malte ein paar Kringel und Haken in die Gegend.

„Das ist meine Karte“, protestierte Grossart dumpf.

„Ich esse sie Ihnen nicht auf“, versprach Jacot. „Aus Cogolin habe ich erfahren, dass es hier und hier und hier brennt. Auch bei Croix Valmer. Die fürchterlichen Brände sind in zeitlichen Abständen ausgebrochen, die einwandfrei ergeben, dass sie von jemand gelegt wurden, der über ein Auto verfügte, nicht über ein Fahrrad. Zuerst brannte es hier bei Le Lavandou. Das „Camping au Paradis“ soll ein einziges Flammenmeer sein. Der Brandstifter folgte dann der Küstenstraße und legte an den anderen Orten Feuer. Er hat eine Vorliebe für Pinienwälder und den Küstenstrich. Wenn wir davon ausgehen, dass wir es mit einem Pyromanen zu tun haben ...“

„Reichlich weit hergeholt“, bellte Grossart. „Zudem verstehe ich dann Ihre Fragen wegen der Querverbindungen zur Inlandstraße nicht. Der Kerl ist einfach auf der Küstenstraße weiter gesaust und in St. Tropez oder sonst irgendwo untergetaucht. Dort finden nicht mal Sie ihn, verlassen Sie sich darauf.“

Jacot grinste wie der große Magier, der statt des erwarteten Kaninchens eine ausgewachsene Gans aus dem Zylinder zaubert.

„Das konnte er nicht“, sagte er zufrieden. „Die Straße am Ortseingang von Croix Valmer ist nämlich seit dem frühen Abend gesperrt. Ein Wasserrohrbruch hat die Fahrbahn unterspült. Sie müssen jeglichen Verkehr umleiten. Ich denke mir, unser unbekannter Brandstifter sah die Sperre und die Polizei und bekam das Fracksausen. Also wendete er, fuhr zurück, so schnell er konnte und bevor ihm die eigenen Brände den Weg abschnitten, und nahm einen Weg, der ihn aus dem Küstenbereich auf die Nationalstraße Achtundneunzig brachte. Er hat seinen Wagen aber irgendwo abgestellt und gondelte mit einem Fahrrad zurück, denn er wollte schließlich sehen, wie seine Feuer loderten. Bei Pyromanen ist das nun mal so. Fragen Sie Feuerwehrleute, die bestätigen es. Unter den Neugierigen in der ersten Reihe steht bei Brandstiftung meist der Kerl, der das Feuer gelegt hat. Oder er beteiligt sich besonders emsig an den Löscharbeiten.“

„Haben Sie das studiert?“, fragte Blaise beeindruckt.

„Ich habe ja von Anfang an befürchtet, dass er einen Vogel hat“, lamentierte Grossart. „Wie soll ich das bloß in den Bericht schreiben?“

„Ich danke für die hohe Meinung, Kommissar. Meine von Ihnen ist nicht besser“, sagte Jacot sauer.

Grossart winkte ab. „Die Empfindlichkeit haben Sie abgelegt, wenn Sie so lange wie ich dabei sind“, sagte er. „Sie behaupten also, Sie sind dem Burschen begegnet? Ihr einziger Anhaltspunkt ist das Fahrrad! Mann, hier gibt es Tausende Fahrräder.“

„Aber keine falschen Priester eines Ortes, der nicht mehr bewohnt ist. Ich ziehe daraus den Schluss, dass der Bursche gar nicht weiß, dass Ferrat aufgegeben wurde.“ Jacot klopfte mit dem Rotstift energisch auf die Karte.

Grossart rieb sich nachdenklich über sein stoppelbärtiges Doppelkinn. „Die Theorie klingt ja ganz nett, wenn man auf die Ungereimtheiten nicht achtet“, meinte er unhöflich. „Wo bringen Sie in dieser haarsträubenden Geschichte jetzt die tote Engländerin unter?“

„Sie starb an entsetzlichen Brandverletzungen“, sagte Jacot ganz ruhig. „Sie wurde durch Feuer getötet. Vielleicht ist unser Pyromane auch ein Sadist und der lange gesuchte Mörder. Vielleicht ist es Ihnen entgangen, oder Sie haben sich nicht mehr darum gekümmert, die erste Tote vor vier Jahren war eine Schwedin. Ein Aupair Mädchen aus St. Tropez. Sie starb in der Nacht, als bei Cavaliere der große Brand ausbrach. Aber sie wurde auf unserer Straße hier in der Kurve gefunden. Aus einem Fahrzeug geworfen, nachdem sie erdrosselt worden war. An den Fußsohlen fand man Brandflecken von glühenden Zigaretten. Ein Jahr darauf die großen Brände von Ferrat und Le Canadel. Sie brachen um Mitternacht aus. Gegen drei Uhr wurde in der Todeskurve die Leiche einer Deutschen aus Mayence gefunden.“ Er gebrauchte den französischen Namen für Mainz. „Brandflecken auf den Brüsten und im Nacken. Die Todesursache war vermutlich ein Schraubenzieher, der ihr in den Schädel gestoßen wurde. Interessanterweise an einer Stelle, an der jede Verletzung tödlich ist.“

„Und daraus schließen Sie, dass der Täter etwas von Medizin versteht, wie?“, fragte Grossart und mischte sich einen Pernod. Den zehnten oder zwölften in dieser Nacht. Gezählt hatte er sie nicht.

„Das liegt wohl auf der Hand. Die Erdrosselung der Schwedin soll sehr fachmännisch vorgenommen worden sein“, sagte Jacot grob. Es freute ihn, dass Grossart bleich wurde und sich an seinem altertümlichen Schreibtisch festhielt. „Dann kam im Jahre darauf der Brand auf Cap St. Tropez, als das gesamte Vogelschutzgebiet zum Teufel ging. In der Frühe fand ein Fernfahrer in unserer Kurve die Holländerin, die sich das Genick gebrochen hatte. Ohne Fremdeinwirkung, wie festgestellt wurde. Interessant ist, dass sie nur einen unbedeutenden Brandfleck auf der Innenseite des rechten Oberschenkels hatte. Meine Theorie dazu ist, dass unser Mann sie quälen wollte, sie sich aber losreißen konnte und möglicherweise aus einem Auto flüchtete. In der Dunkelheit muss sie über eine Felskante gestürzt sein. Das war tödlich. In ihrem Haar fand man Tangspuren. Sie muss also auf Felsen am Meer geprallt sein. Gefunden hat man sie jedoch in der Kurve. Allen drei Mädchen ist gemeinsam, dass sie als heiß galten und viele Männerbekanntschaften hatten. Die Ermittlungen in dieser Richtung haben nichts erbracht. Mit ihrem Mörder müssen sie andererseits auf gutem Fuße gestanden haben, denn alle drei waren sie unbekleidet, als man sie fand. Die Textilien waren in der Nähe fortgeworfen. Es macht wirklich keine Freude, einem Pyromanen und Sadisten in die Spur zu steigen.“

Grossart hatte das Glas geleert und das Doppelkinn aufgestützt.

Anerkennend sagte er plötzlich: „Mensch, wie Sie die Sache vortragen, gewinnen die Fakten an Leben und Bedeutung. Es könnte wirklich was dran sein an Ihrer Geschichte.“

„Es freut mich, dass Sie mir folgen“, sagte Jacot. „Wir sollten uns gleich am Morgen den Feldweg ansehen und notfalls bis Ferrat hinauffahren. Ich fürchte, dass wir dort irgendwo den Ort finden, wo die Engländerin umgebracht wurde.“

„Ich dachte schon, Sie wollten den Fall nur vom Schreibtisch aus lösen“, bekannte Grossart, und die Tatsache, dass Jacot seine Suppe auch nur mit Wasser kochte, ließ ihn befreit aufatmen. Verdammt, der Bursche war ihm doch tatsächlich unheimlich geworden.

An das Tempo könnte man sich ja noch gewöhnen. Aber diese Kombinationen, die der Bursche anstellte, das war schon Hexerei!

Grossart mischte sich wieder einen zurecht.

Als er das Klingeln der Feuerwehren hörte, die aus Cogolin, Port Gri maud, St. Tropez und den anderen Orten zusammengezogen worden waren, wusste er, dass er sein Bett vorerst nicht wiedersah.

Die Wehren richteten im Schulhaus von La Mole ihren Befehlsstand ein, die Wagen rückten weiter. An drei Stellen drohte das Feuer weit im Landesinneren die Nationalstraße Nr. 98 zu überspringen.

Eine erste Schätzung ergab, dass mehr als 40 000 Hektar Wald in Flammen standen und dass sieben Camping und Caravanplätze eingeschlossen waren und drei Dörfer.

Als Grossart, Jacot und Blaise ins Schulhaus gingen, kam dort eben die Meldung herein, dass mit dem ersten Grau des Morgens fünf Löschflugzeuge in die Bekämpfung der verheerenden Brände eingreifen würden, und dass aus Aix-en-Provence die schweren Bergungs- und Räumpanzer der 3. Panzerdivision im Anrollen waren.

„Was wollen die mit Panzern?“, fragte Jacot zweifelnd. „Tank und Löschfahrzeuge wären weit dringender nötig.“

„Sie brechen damit breite Schneisen in die Wälder und verhindern ein Überspringen des Feuers“, erklärte Grossart und wischte sich den Schweiß ab. Eine Hitze war das. Der verdammte Rauch kam schon bis in die Häuser. Alles roch nach Brand und Feuer.

Als der Kommissar, Jacot und Blaise zurückgingen, war der rotglühende Himmel über der Küste bereits so hell, dass man ohne Mühe Zeitung lesen konnte.

Die armen Schweine, die da noch drinstecken, dachte Jacot, und eine Gänsehaut lief ihm trotz der Hitze über den Rücken.

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Das Blut hämmerte ihm in den Schläfen, in den Ohren, er spürte Blutgeschmack im Mund, während die Explosionen durchs Wasser dröhnten.

Sie klangen fern, aber deutlich. Dabei waren sie so nah.

Als Jean Louis es nicht mehr aushalten konnte, gab er dem Auftrieb nach.

Die Puppe Giselle stieg vor seinem Gesicht hoch und stieß ihm gegen die Nase.

Er prallte mit dem Kopf gegen einen schweren Körper und dachte im ersten Schrecken, dass etwas, vom brennenden Restaurant herabgefallen war und ihm den Schädel zerschmetterte.

Aber da war kein Schmerz, und der Körper ließ sich beiseite schieben.

Es war eine tote Frau, verbrannt bis zur Unkenntlichkeit und aufgetrieben von der erbarmungslosen Hitze.  .  .

Er drückte die Tote mit der Schulter fort, gab ihr Schwung und riss Manon an die Oberfläche. Wie eine Wassernixe tauchte sie auf, eingeweicht bis auf die Knochen und besinnungslos.

Er krallte die Decke mit der Hand fest, ging rückwärts und zog Manon zum Bassinrand. In den quirlenden Strudeln der schmutzigen Oberfläche trieb die Puppe.

Er packte Giselle und warf sie auf die steinerne Einfassung. Dann wuchtete er Manon mit dem Oberkörper so weit hinaus, dass sie nicht zurückgleiten konnte, und zog sich selber aus dem Swimmingpool.

Die Einfassung war heiß.

Aber das Brausen war fort, die Wut des Feuerorkans war gebrochen. Die verstümmelten Pinien brannten. Hoch oben im roten Nachthimmel flogen Millionen glühender Funken, und gewaltige Rauchwolken wälzten sich dort davon und zogen mit dem Seewind landeinwärts.

Die Hitze war immer noch schlimm. Aber die größte Gefahr war überstanden, dachte Jean Louis.

Er wickelte die kleine Christiane aus der triefenden Decke. Die Händchen waren unnatürlich verkrallt, das Gesichtchen bleich.

Mein Gott, sie wird doch nicht ertrunken sein, dachte er voller Entsetzen. Dann hätte ich sie auf dem Gewissen! Ich wollte sie doch retten und nicht ertränken!

Er legte sie auf die Seite, beobachtete den kleinen Körper. Die Brust hob und senkte sich schwach.

Er öffnete ihr den Mund, kniete und packte Christiane bei den Beinen. Blitzschnell stellte er sie auf den Kopf.

Sie gab eine Menge Wasser von sich.

Als nichts mehr kam, legte er sie auf die Seite und beobachtete weiter.

Funken kamen geflogen. Sie verlöschten, als sie sich auf der Kleinen, auf Manon und Jean Louis niederließen. Noch gewährte die Nässe Schutz. Aber Decken und Kleidung begannen schon wieder zu dampfen.

Die Kleine atmete schon wesentlich ruhiger. Eine Mund zu Mund Beatmung brauchte er nicht zu machen, das erkannte Jean Louis. Er drückte die Puppe Giselle der Kleinen in den Arm und holte Manon vollends aus dem Wasser.

Genau in diesem Moment kam sie zu sich und übergab sich. Es war fast nur Wasser.

Jean Louis hockte sich zu ihr, hielt ihr den Kopf und streichelte ihren samtweichen Hals, von dem die Tropfen rannen.

Er war fast froh, als sie zu weinen begann. Die aufgestaute Angst musste sich irgendwie Bahn brechen. Sie konnte nicht einfach alles in sich hineindrücken.

Beißender dichter Rauch trieb von den Stellplätzen heran. Irgendwo brannte Kunststoff. Der Gestank war mörderisch, der Rauch so gefährlich wie das Feuer.

Jean Louis blickte sich um. Das Feuer schien sich nach Westen und Norden auszudehnen und die Wälder aufzufressen. Durch den Rauch sah er die Feuerwalzen leuchten.

Aus weiter Ferne drangen gellende Todesschreie heran.

Es gab wilde Camps in den Wäldern und auf den Klippenplateaus, die schwer zugänglich waren und auch schwer zu verlassen waren. Das Feuer schien diese Camps überrollt zu haben, ohne den Menschen darin eine Chance zu lassen.

Zur Bucht hinunter standen wie Fackeln brennende Baumstämme. Da und dort brachen Äste nieder und wirbelten Asche und Funken auf. Der Boden qualmte und rauchte, das harzreiche Holz der Bäume knallte und barst in der Hitze, die sich jetzt erst richtig in den Stamm vorfrass.

„Ich glaube, jetzt schaffen wir es zur Bucht“, sagte Jean Louis und war Manon behilflich, sich aufzusetzen.

Ihre geröteten Augen blickten ihn dankbar an. Bislang war er nur ihr Freund und ein guter Liebhaber gewesen. In dieser Nacht lernte sie ihn von einer Seite kennen, die sie nie bei ihm vermutet hätte. Er war fürsorglich, mutig und entschlossen und handelte mit beinahe rücksichtsloser Konsequenz.

Wie er sich um die Kleine bemüht hatte! Als ob er es gelernt hätte.

„Ja, wir schaffen es“, sagte Manon heiser. Sie schwankte, als sie aufstand.

Jean Louis legte ihr die Decke um und überzeugte sich, dass sie die Schuhe nicht verloren hatte.

Dann hob er die kleine Christiane auf. Das Kleiderbündel war fort. Es war zwecklos und gefährlich, danach zu suchen.

Die Rauchwolken schwenkten auf den Swimmingpool ein und trieben zu höchster Eile an. Vom Restaurant herüber, das ein knallender, prasselnder Flammenberg war, sprang eine Hitze, die sofort neue Blasen auf den ungeschützten Hautpartien entstehen ließ.

Auf was er sich eingelassen hatte, bekam Jean Louis sofort zu spüren.

Seine Füße versanken bis zu den Knöcheln in glühender Asche, die der Feuersturm in einer Vertiefung zusammen geweht hatte.

Er stieß einen brüllenden Schrei aus und sprang hoch, als hätte er auf eine Starkstromleitung getreten.

Manon hastete herbei und wollte ihm helfen.

„Bleib zurück!“, schrie er. „Glühende Asche, überall glühende Asche! Tritt nur dort hin, wo du sicher bist, dass es fester Grund ist.“

Er biss danach die Zähne zusammen und suchte sich vorsichtig einen gangbaren Weg, konnte aber nicht verhindern, dass er noch zweimal in Löcher rutschte, die bis obenhin mit Glut gefüllt waren.

Das Zeug brodelte an einer Stelle wie Lava und kochte aus der Vertiefung heraus.

Manon wurde von einem brennenden Ast getroffen, der von einem lodernden Baum brach. Sie taumelte unter dem unverhofften Schlag und stürzte auf die Knie.

Der heiße Boden und der Schmerz trieben sie schnell wieder in die Höhe.

„Bist du in Ordnung, Cherie?“, fragte Jean Louis besorgt.

Sie nickte tapfer und rieb sich den Kopf unter der Decke.

Getrieben von den beißenden, ätzenden Rauchschwaden kämpften sie sich hinunter zur Bucht.

Alles war erfüllt vom tanzenden, zuckenden Licht der entflammten Stämme und von einem widerlich süßlichen Gestank, den sie sich zunächst nicht erklären konnten.

Bis sie an die Erdböschung kamen, auf der Oleander gepflanzt gewesen war. Die Büsche waren weggebrannt, so gründlich, als hätte es sie nie gegeben.

An der Böschung lagen haarlose, verkrümmte und verkohlte Gestalten, zusammengeschmort in der Hitze auf die Größe von Kindern.

Von ihnen kam der süßliche Geruch.

Manon wandte sich würgend ab.

Jean Louis ging weiter. Die Menschen mussten hier Schutz vor der Feuerwalze gesucht haben. Vielleicht hatten sie gehofft, dass die Feuerwand die Böschung überspringen würde.

Es sah aus, als sei das Feuer genau von oben auf sie herabgekommen. Urplötzlich und so schnell, dass niemand mehr die Chance hatte, sich zur Flucht zu wenden. Sie lagen alle in einer Richtung.

Oberhalb der Bucht gab es Felslöcher und künstliche Mauern. Als Manon und Jean Louis dort anlangten, bewegten sie sich vorsichtiger als in einem Minenfeld. Ein Fehltritt, und sie sanken bis an die Hüften in zusammengewehte Glut.

Eine gellende Stimme drang plötzlich verweht aus der Bucht herauf, kreischend und heiser: „Ihr Schweine, ihr verdammten Schweine! Helft mir doch! Hilfe, zu Hilfe! Hunde, ihr feigen Hunde, das büßt ihr alle noch. Alle miteinander!“

Jean Louis strengte seine tränenden Augen an.

Was er sah, erschreckte ihn zutiefst.

Sie kamen nicht weiter! Das erkannte er zuerst. Der Holzsteg, der in die Steilküste hineinführte und den einzigen Zugang zur Bucht darstellte, war fort. Abgebrannt und hinabgestürzt.

Hinunterspringen konnten sie nicht. Es ging über zwanzig Meter in die Tiefe. Das überstanden sie nicht einmal, wenn ihnen sämtliche Schutzengel beistanden und sie auf Flügeln hinunter geleitet hätten.

Dann entdeckte Jean Louis den brüllenden, kreischenden Mann, der dem Wahnsinn nahe sein musste. Der bedauernswerte Bursche hing baumelnd an der Klippe rechts drüben und versuchte, sich hinaufzuziehen.

Im Schein der Flammen waren unterhalb der Klippe auf den umschäumten Felsen verkrümmte Gestalten zu sehen.

Ein entsetzliches Drama musste sich hier abgespielt haben. Vielleicht waren sie hinabgesprungen, als das Feuer herangerast war. Oder sie hatten auch an der überhängenden Klippe gehangen, bis die Kraft sie verlassen hatte.

Jener eine hielt noch aus. Seine Stimme war nur noch ein Krächzen.

Wem seine Flüche und Verwünschungen galten, sah Jean Louis jetzt erst. Die Wut kam in ihm hoch über so viel Feigheit und Niedertracht.

In der Bucht lagen immer Boote. Als das Feuer heranraste, hatten es einige Leute geschafft, diese Boote zu erreichen, bevor der Steg verbrannt war.

Jetzt hockten sie dort unten in den schaukelnden Wasserfahrzeugen und starrten zu dem kreischenden Mann in der Klippe herauf. Mehrere Boote waren nur mit einem Menschen besetzt.

Es war eine bodenlose Schweinerei.

„Kannst du sie mir abnehmen?“, fragte Jean Louis und hielt Manon die kleine Christiane hin. „Das kann man sich nicht mitanhören. Ich versuche, ihn heraufzuziehen.“

Manon nahm die Kleine unter die Decke und wiegte sie wie ein Baby, während Jean Louis nach einem Weg suchte, der ihn nicht geradewegs in die Hölle führte.

Als er eine heiße Mauer erreichte, deren Steine vom Rauch geschwärzt waren, blieb er abrupt stehen. Aus hervorquellenden Augen blickte er auf den Mann in der Klippe.

Er konnte ihn nicht mehr erreichen. Vielleicht hing der Mann schon eine Stunde so und hatte sich die Seele und den Verstand aus dem Leib gebrüllt. Jetzt wich die Kraft aus seinen Armen.

Mit einem Schrei, der die Kopfhaut zusammenzog, fiel der Mann aus der Klippe und schlug unten auf die Felsen.

Ein dumpfer Schlag drang herauf, der Schrei endete wie abgeschnitten.

Verkrümmt blieb der Mann liegen. Mitten zwischen den anderen, die es schon zuvor hinter sich gebracht hatten.

Aus der Bucht herauf drang nur noch das leise Klatschen der Wellen gegen die Bootskörper.

Jean Louis ließ die Schultern hängen und kehrte vorsichtig zurück.

„Ich wollte es versuchen“, murmelte er dumpf.

„Es ist nicht deine Schuld, dass es nicht gelungen ist“, sagte Manon weich. „Ich glaube, unsere Kleine kommt zu sich.“ Sie schlug die Decke zurück und betrachtete Christiane.

Das Mädchen begann sich zu regen. Es machte krampfartige Schluckbewegungen, ballte die Händchen und stieß wild um sich.

Manon griff nach den Fäusten und hielt sie fest.

„Es ist jetzt alles gut, mein Kleines“, sagte sie mütterlich. „Du hast nur ein wenig schlecht geträumt.“

Jean Louis hielt den Mund und sah lieber zu.

Es dauerte ziemlich, lange, bis Christiane so weit klar war, dass sie ihre Umgebung wahrnehmen konnte.

Ihre ersten Worte bewiesen, dass sie Manon sehr gut verstanden hatte und einen scharfen Verstand besaß.

„Es ist nicht wahr, ich habe nicht geträumt“, sagte sie schluckend. „Wir sind ins Wasser gesprungen. Ich bin ganz nass.“

„Das trocknet schnell wieder, und wenn erst die Sonne aufgeht, denkst du gar nicht mehr daran“, sagte Manon und zwang sich zu einem Lächeln.

Die Kleine drehte den Kopf und schaute Jean Louis prüfend an. „Haben wir das Spiel jetzt ganz gewonnen? Ich möchte jetzt nicht mehr. Ich kenne schönere Spiele, nicht so blöde.“

Da hast du sicher recht, dachte Jean Louis. Er nickte und sagte: „Wir haben gewonnen, richtig. Aber wir müssen hier warten, bis es hell geworden ist. Es wird dir langweilig vorkommen. Du kannst ein wenig schlafen, wenn du möchtest. Oder ich erzähle dir eine unheimlich tolle Geschichte vom Bären und der Prinzessin.“

Sie war sofort interessiert. „Frisst er sie auf?“

„Wer?“, fragte Jean Louis irritiert. „Der Bär“, sagte Christiane spitz. Kinder hatten mitunter eine verdammte Art, einem Erwachsenen ihre Logik nahezubringen. „Er muss sie auffressen, sonst ist es keine tolle Geschichte.“

Um Manons Mundwinkel zuckte es verräterisch. Sie beherrschte sich aber.

„Hör mal, der Bär frisst die Prinzessin doch nicht auf“, versuchte Jean Louis zu erklären. „Er ist ein verzauberter Prinz...“

„Och!“, schmollte das Mädchen. „Das ist doof wie dein Spiel. Gehen wir lieber den richtigen Bären suchen.“

„Einen richtigen Bären?, fragte er vorsichtig. „Hier gibt es keine Bären, weißt du. Die kann man im Zoo sehen.“

„Da sind doch die Affen und Tiger“, belehrte ihn die Kleine. „Der richtige Bär ist hier. Da gibt es noch andere lustige Tiere ...“

„Hier?“, fragte Jean Louis. „Bist du ganz sicher?“

„Ich war mit Maman schon dort. Sie haben auch böse Schweine mit ganz spitzen Zähnen. Aber ich habe die Eiskrem dem Bären gegeben, und da hat mich Maman nicht mehr mitgenommen. Die Gräfin hat aber doch so gelacht, als der Bär ins Haus kam und mehr Eiskrem haben wollte.“

Manon schüttelte leicht den Kopf, als Jean Louis sie fragend anschaute. Die Kleine hatte doch einen gehörigen Schock davongetragen. Kein Wunder bei diesen Umständen. Auch Erwachsene hätten diese Nacht kaum ohne seelischen Schaden überstanden.

„Das ist natürlich eine viel tollere Geschichte als meine“, beeilte sich Jean Louis zu sagen, als ihn Christiane prüfend anblickte. „Ist die Gräfin eure Nachbarin?“

Sie rümpfte das Näschen und meinte herablassend: „Bist du doof! Die wohnt doch hier, und Papa hat Geschäfte mit ihr. Da oben ist ihr Haus. Wenn es hell wäre, könntest du es sehen. Ich bin doch mit Maman hingegangen, weil Papa gesagt hat, das kurze Stück fährt er nicht.“ Durch Jean Louis ging ein Ruck. Ein Haus? Es gab hier herum in den Wäldern mehrere Landsitze. Vielleicht war die Gräfin überspannt und hielt sich darum einen Privatzoo. Er hoffte, dass nicht allzu viele Gräfinnen hier wohnten und die richtige auf Anhieb zu finden war. Die konnte sicher behilflich sein, dass Christiane wieder in die richtigen Hände kam.

„Na“, sagte er ziemlich aufgekratzt, „dann suchen wir die Bärengräfin eben. Kennst du den Weg?“

„Vom Büro aus gibt es einen Fußweg“, sagte Christiane verständig.

Sie meinte ohne Zweifel das Eingangsgebäude. Es stimmte, es gab dort einen Fußweg, der nach Osten führte, irgendwo hinein in den Pinienwald. Dort hätte er nie einen Landsitz vermutet. Allerdings standen die Bäume sehr dicht und gestatteten keinen großartigen Ausblick.

Es war durchaus möglich, dass sich dort das angegebene Ziel befand.

Der Kleinen schienen jedoch Bedenken zu kommen, denn sie klammerte sich plötzlich an Manon fest und schaute flehentlich auf Jean Louis. „Du sagst aber nichts davon, dass ich nicht geschlafen habe, ja? Sonst wird Maman böse. Ich bin doch aus dem Bett gefallen, als es so gebumst hat und das Feuer so lustig brannte.“

„Ich sage keinen Ton, großes Ehrenwort“, sagte er. Und ganz plötzlich hatte er einen bestimmten Verdacht. Warum war die Kleine ausgerechnet jetzt darauf gekommen, nichts davon zu sagen, dass sie am Fenster des Caravans gestanden hatte?

„Ist deine Maman bei der Bärengräfin?“, fragte er ahnungsvoll.

Christiane nickte ernsthaft. „Sie sagte, es sei eine Einladung, und Papa musste auch mit hin. Mich haben sie nicht mitgenommen. Es sei nur für große Leute, hat Maman gesagt, und sie hätte noch die Nase voll wegen der Eiskrem. Gehen wir hin? Au fein.“

Sie hüpfte, dass sie Manon um ein Haar vom Arm fiel.

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O, verdammt, dachte Jean Louis, hoffentlich sind die Eltern nicht von Sinnen gekommen, als sie das Feuer sahen und den brennenden Platz! Und wenn die Flammen den Landsitz eingeäschert haben und dort niemand mehr am Leben ist? Das Feuer ist in diese Richtung gezogen! Wohin dann mit der Kleinen?

Er überlegte, ob es zweckmäßig war, den Tagesanbruch abzuwarten, oder jetzt schon mit der Suche zu beginnen.

Da und dort waren Stämme erloschen, die vor kurzem noch hell gebrannt hatten. Das Licht wurde schwächer, und da und dort wurden die roten Glutnester am Boden sichtbar.

Es war vernünftiger, jetzt loszugehen. War es erst hell, dann verdeckte die graue Asche die Glutstellen. Noch einmal wollte er nicht in ein Loch hineintreten.

Er nahm Christiane auf den Arm und ging vorsichtig voran.

Von der Bucht aus gab es einen direkten Weg zum Eingang. Vormals war es eine von Blumen und Blüten gesäumte Straße gewesen. Jetzt war es eine wüste Trümmerstrecke, übersät mit Asche, Dreck, Ästen und den Resten eines Caravans, der sich vielleicht gelöst hatte und hier auseinandergefallen war.

Aus einer gemauerten Wasserzapfstelle kroch ihnen eine lallende Gestalt mit abgebranntem Haar entgegen. Es war ein Mann, und es grenzte an ein Wunder, dass er überhaupt so lange gelebt hatte. Er trug keinen Fetzen mehr auf dem Leib und war über und über verbrannt. Die Haut hatte faustgroße Blasen geworfen und war aufgequollen.

Jean Louis erkannte ihn erst, als er ächzend zusammenbrach und zuckend auf den Rücken rollte. Das Licht brennender Bäume beleuchtete ihn.

Es war Philippe, der freundliche Ansager.

Der junge Mann streckte sich zitternd. Sein Mund war ein rundes schwarzes Loch. Die Zähne waren abgebrochen. Er musste die Hölle in ihrer ganzen gnadenlosen Tiefe durchwandert haben.

Als Jean Louis vorsichtig nach seinem Herzen tastete, ob noch der Schlag zu spüren war, blieb es dort ruhig.

Philippe war so grässlich gestorben wie viele vor ihm in dieser Nacht.

Aus großen starren Augen hatte Christiane zugesehen. Plötzlich sagte sie: „Der hat ja keine Haare. Schläft er jetzt?“

„Ja, er schläft jetzt sehr fest und gut“, sagte Jean Louis heiser und ging schneller. Er konnte es hier riskieren. Zwar war die Asphaltdecke ebenfalls abgebrannt, aber der geschotterte Grund war noch fest. Vor allem verbarg er keine Löcher, die mit Glut gefüllt waren.

An Tod und Vernichtung vorbei kämpften sie sich zum Ausgang. Oft zwang sie starker beißender Rauch zu Umwegen, aber sie schafften es, auch wenn sie das Zeitgefühl darüber verloren.

Wo das Lager gestanden hatte, klaffte ein Trichter, aus dem es immer noch rauchte. Im weiten Umkreis lagen Stücke der explodierten Gasflaschen. Lodernde Bäume beleuchteten die düstere Szene.

Die Hauptrichtung des Feuers hatte sich den Hügeln und Bergen zugewandt. Vom Seewind angetrieben, rollten dort drei mächtige Feuersäulen die Hänge hinauf. Es musste über einen Kilometer entfernt sein.

Aus einer nicht zu bestimmenden Richtung war das Klingeln eines Feuerwehrzuges zu hören.

Von Westen her näherte sich das typische Brummen und das schlagende Rotorengeräusch eines Helikopters. Manon und Jean Louis hoben den Kopf, ihre Blicke suchten das Fluggerät.

Aber die treibenden Rauchschwaden waren so dicht, dass sie nicht einmal die Positionslichter zu erkennen vermochten.

Auch die drei mächtigen Feuersäulen an den Hängen waren jetzt durch ziehenden Rauch verdeckt. Nur schwach schimmerte Helligkeit durch.

Der Rauch bereitete Jean Louis Sorge. Wenn er herunterkam und dicht über dem Boden trieb, dann war es schlecht um sie bestellt. Eine Rauchvergiftung hatten sie sowieso alle drei, davon war er überzeugt.

Aber er wollte nicht in den gelblich weißen Schwaden ersticken, nachdem er mit Manon und der Kleinen bis hierher gelangt war.

„Weiter!“, sagte er rau und heiser. In seinen Lungen begann es wieder zu stechen. Er kannte das schon. Der Mensch konnte sich an vieles gewöhnen.

Er fand den von Flugasche bedeckten Fußweg. Die Asche war noch warm, da und dort dampfte der Boden. Jeden Fußbreit tastete er mit den Schuhen ab, bevor er fest auftrat.

Das Feuer hatte hier nicht ganz so schlimm gewütet. Vielleicht hing es mit der Explosion zusammen. Oder die Flammen waren einfach, da und dort, über Büsche und ganze Buschgruppen hinweg gesprungen.

Die grünen Inseln inmitten der grauen, rauchenden und glühenden Einöde boten einen grotesken Anblick.

Der Fußweg näherte sich bis auf wenige Schritte der Einfriedung des Platzes „Camping au Paradis“. Auch in dieser Ecke gab es sanitäre und Warmduscheinrichtungen, die in einem sogenannten Waschhaus untergebracht waren.

Das flache Gebäude im provenzalischen Stil war unversehrt, die Fenster ganz und alle Ziegel auf dem Dach. Nur Flugasche war im Übermaß zusammengeweht worden.

„Hallo?“, rief Jean Louis gespannt gegen das Haus. „Sind hier Leute übriggeblieben?“

In der dunkel gähnenden Türöffnung entstand Bewegung. Ein paar flackernde Feuer gaben noch etwas Licht, so dass zu sehen war, dass drei Frauen herauskamen.

„Wer seid ihr?“, wollte eine wissen.

„Jean Louis Delorme, Manon Bazin und Christiane d’Aubry. Wir hatten die Caravans weiter unten am Meer.“

„Wie sieht es dort aus?“

„Schlimm. Geht besser nicht hin. Der Boden ist voller Löcher mit heißer Asche und verborgenen Glutnestern. Und auch sonst ist der Anblick nicht sehr einladend. Es gab viele Tote, als das Gasflaschenlager explodierte, den Rest hat das Feuer geschafft. Ist das Feuer hier umgesprungen?“ fragte Jean Louis.

„Wir wissen es selber nicht“, erwiderte eine der Frauen. „Erst war alles voller Flammen und Rauch. Und entsetzlich heiß wurde es. Dann gab es weiter unten einen dumpfen Knall, und die Flammen schossen zwanzig, dreißig Meter hoch in die Luft und erloschen. Das Feuer ist regelrecht um uns herumgelaufen, wir konnten es sehen. Können wir helfen?“

„Ich fürchte nein“, gab er zurück. „Wartet lieber, bis ihr jemand rufen hört. Und sorgt für Licht. Die Nacht ist noch nicht um, und die Bäume erlöschen nach und nach.“

„Bleibt hier bei uns“, bot die dritte Frau an. „Es ist zu gefährlich da draußen. Wir haben vorhin Wasser rauschen hören. Aus Richtung Park.“

„Was für ein Park?“, fragte Jean Louis elektrisiert.

„Es gibt da eine kauzige Gräfin, die sich Raubzeug im Park hält. Und große Fischteiche hat sie. Vielleicht ist da was passiert, und ein Damm ist gebrochen“, mutmaßte die Frau.

„Und ihr konntet es hören?“, vergewisserte sich Jean Louis.

„Aber ja. Der Wind ist doch umgesprungen.“

„Danke!“, sagte Jean Louis dumpf und hob knapp die schmerzende Hand.

Bei allen Feuerteufeln der Küste, der Wind kam tatsächlich ziemlich scharf von Osten und brachte Rauch mit und das neuerliche Knacken, Brausen und Orgeln eines Feuersturms. Es klang noch sehr weit entfernt, und dazwischen waren die Klingeln von Feuerwehren zu hören. Irgendwo da vorne schien ein Dorf in Bedrängnis geraten zu sein.

„Willst du nicht besser mit der Kleinen hier bleiben?“, fragte Jean Louis. „Ich schaue mich erst mal um und versuche herauszufinden, was passiert ist.“

Sehr energisch schüttelte Manon den deckenverhüllten Kopf. „Wir gehen mit. Die Lage kann sich binnen Sekunden völlig ändern, und was machen wir dann ohne dich?“

„Dann probieren wir unser Heil in dieser Richtung“, sagte er und schob tastend den rechten oder linken Fuß voran. Er ging nicht von seiner Vorsichtsmaßregel ab, erst den Boden zu prüfen.

Die drei Frauen vor dem Waschhaus starrten ihnen nach, wie sie in der rot leuchtenden Nacht verschwanden.

Jean Louis hörte vom Meer her das Brummen von Flugzeugmotoren. Landeinwärts knatterten jetzt zwei Hubschrauber herum.

Jetzt kamen sie, jetzt, wo es für viele zu spät war. Und was wollten sie in der Nacht auch schon mit Hubschraubern ausrichten?

Das Gelände, in das Jean Louis, Manon und die Kleine gerieten, war ihnen unbekannt und wirkte nach all der verbrannten, qualmenden Gleichförmigkeit wie die fremdartige Vegetation eines fernen Planeten.

Der Fußweg senkte sich unverhofft nach Osten in ein flaches Tal, dessen Tiefe nicht einmal abzuschätzen war. Wasser aus den Küstenbergen mussten es vor Urzeiten gerissen haben, und später waren durch Verwitterung seine Hänge sanfter und flacher geworden.

Wie es aussah, war dort unten nicht ein Strauch verbrannt. Verblüfft versuchte Jean Louis, der Spur des Feuers nachzublicken.

Die Flammen waren hier oben am Knick noch entlanggelaufen, aber sie waren nicht hinuntergekommen, sondern vor dem Seewind zu den Hügelkuppen hoch gebraust.

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Aus Richtung Cavaliers rückte von Osten ein Feuerorkan heran. Die flammenden Mauern bewegten sich schneller, als Jean Louis befürchtet hatte. Lodernde Funkengarben schossen aus der Feuerwalze, Rauch rollte sich überschlagend vor den Flammen her. Es sah aus, als liefe eine gigantische Wasserwelle auf den Strand.

Das rasch näher kommende Feuer warf bereits so viel Helligkeit voraus, dass schon wieder Einzelheiten zu erkennen waren, einige unbewaldete kleine Flecken in diesem Tal, die sehr wohl die Fischteiche darstellen konnten, ein größeres Areal mit mächtigen Laubbäumen und dem Dach eines nicht näher zu bestimmenden Gebäudes.

Ein anderes Haus war nirgends zu sehen. Die Tatsachen stimmten alle haargenau überein.

Jean Louis fasste die Kleine fester und eilte den Fußweg in das Tal hinab. Dornengestrüpp hakte sich an der Decke fest und wollte sie ihm von der Schulter reißen.

Sein Lauf wurde jäh gebremst. Manon prallte voll auf ihn. Sie stürzten beinahe in das Gestrüpp und verschafften sich gegenseitig Halt.

Mit einem heftigen Ruck befreite er seine Decke und konnte von hier auf das Meer sehen. Immer mehr verstärkte sich sein Verdacht, dass dies ein gewaltiger Privatbesitz war mit eigenem Strand, der offiziell gar nicht mehr statthaft war. So bestimmte es jedenfalls ein Gesetz.

Aber wer wollte einen Besitzer zwingen, den Strand öffentlich zu machen, wenn auf den Grenzen steile Klippen und Felsbarrieren eben den öffentlichen Zugang entlang des Strandes versperrten? Und Badegäste und Strandläufer von der Straße her über sein Grundstück zum Wasser gelangen zu lassen, das konnte niemand von einem Besitzer verlangen. Es gab nämlich auch ein Gesetz, nach dem Besitz unantastbar war.

Und dieser gewaltige Besitz schien sehr unantastbar zu sein. Keine Wege, keine Straße, kein Betrieb, kein Caravanplatz und keine Müllbehälter und scheppernden Blechdosen, wie sie sonst allenthalben herumflogen und Strand und Wald verunzierten.

Ein scharfes Fauchen drang plötzlich aus dem tiefen Schatten einer dichten Baumgruppe.

„Was ist das?“, fragte Manon hastig und drängte sich Schutz suchend an ihn.

„Keine Ahnung“, gab er zurück, obgleich er schon Ahnungen hatte. Nur keine guten. Diese Gräfin besaß doch freilebende Tiere. Einen Zaun gab es ja wohl irgendwo noch. Eines der Tiere musste entwischt sein. Vielleicht war es durch das nahe Feuer beunruhigt worden, oder der Rauch hatte es vertrieben und leicht reizbar gemacht.

Jean Louis beschloss, den Teufel an den Barthaaren zu zupfen. Er bückte sich, tastete herum, bis er einen Stein fand, der ihm zweckmäßig erschien, und schleuderte den Brocken in den tiefen Schatten unter der Baumgruppe.

Das angriffslustige Fauchen verstummte und ging in einen sehr erschrocken klingenden Tierschrei über, der sich blitzartig entfernte.

Das konnte auf eine Raubkatze hindeuten. Jean Louis kannte kein Tier, das sich hätte schneller bewegen können.

Manon war die Sache nicht sehr geheuer. Sie wollte lieber umkehren. Aber sie waren schon so weit vorgedrungen, dass es besser war, sie hielten auf das Haus zu, dessen Dach eben noch zu sehen gewesen war.

Wer wusste schon zu sagen, wie schnell das Feuer vorankam?

Von der Feuerwalze war im Augenblick nichts zu sehen. Lediglich beißende Rauchschwaden trieben heran und wurden vom Ostwind tief an den Boden gedrückt.

Manon war es, als zeige sich draußen auf dem Meer weit im Osten ein heller Streifen.

Sie hob den Arm und machte Jean Louis darauf aufmerksam.

„Es wird hell“, sagte er, und unsagbare Erleichterung war in seiner krächzenden Stimme.

Sie bewegten sich vorsichtig auf dem unbekannten Gelände voran.

Nach zehn Minuten waren die Rauchschwaden so dicht, dass Jean Louis fürchtete, die Orientierung verloren zu haben.

Plötzlich stieß Manon einen gellenden Schrei aus.

Schlagartig wurde es gefährlich hell zwischen und unter den Bäumen. Das Brausen und Knacken, Prasseln und Fauchen des Orkans war wieder da.

Eine Feuerwalze von ungeheuren Ausmaßen raste unten beim Strand von Osten heran und schwenkte in das Tal herein.

Jean Louis fluchte so heftig, dass die kleine Christiane zusammenzuckte und kaum noch zu atmen wagte. Gesprochen hatte sie die letzte halbe Stunde ohnehin nicht mehr.

Das rasende, springende Feuer drohte die drei Menschen von dem rettenden Haus abzuschneiden, das irgendwo da vorne verborgen war.

„Jetzt“, sprach Jean Louis heiser und schwer, „müssen wir um unser Leben laufen. Bleib dicht hinter mir, hörst du? Du darfst nicht den Anschluss verlieren!“

„Ja, in Ordnung“, sagte Manon mit leiser, mutloser Stimme.

Sie begannen zu rennen.

Ein Zaun war plötzlich vor ihnen, kaum zu erkennen. Sie prallten beide dagegen und taten sich höllisch weh. Christiane begann leise zu weinen und drückte die zerzauste Giselle an sich.

Es gab keine Tür und kein Tor. Die Zeit hatten sie nicht mehr, danach zu suchen. Und den Fußweg hatten sie verloren.

Eine Tür musste vorhanden sein, denn den Gästen wurde sicher nicht zugemutet, über den Zaun zu steigen.

Manon und Jean Louis kletterten hinüber. Sie spürten, wie ihre Brandblasen platzten und wie das Wasser über die Haut rann.

Der Zaun war stabil und bog sich nicht um. Das war wohl wegen der Tiere beabsichtigt.

Beißende Hitze war bereits wieder zu spüren. Sie wehte das Tal herauf und zog unter den Bäumen her, die sich rauschend im Wind bewegten. Nachtgetier flüchtete raschelnd vor der heranwalzenden Katastrophe.

Funken flogen ins grüne Unterholz. Auf dem trockenen Nadelteppich entstanden die ersten Glutnester, die vom Wind angefacht wurden. Weißer Rauch trieb durch die Dornbüsche und die Wolfsmilchgewächse.

Es roch wieder nach Tod und Vernichtung.

„Mehr nach links!“ brüllte Jean Louis. „Das Feuer kommt zu schnell.“

Links befanden sich die unbewaldeten Flecken, die er für die Fischteiche angesehen hatte. Wenn sie nicht vorher zum Haus durchkamen, dann mussten sie versuchen, dort im Wasser nochmals die Flammenwand zu überstehen.

Sie rannten, was sie konnten. Die Lungen stachen, die Füße schmerzten, und die Kräfte waren längst aufgezehrt. Es wunderte sie selber, weshalb sie immer noch in der Lage waren, vor dem Feuer davonzulaufen.

Manon glitt unvermittelt auf glitschigem Untergrund aus, schlug schwer hin und konnte nicht mehr aufstehen.

Jean Louis lief die paar Schritte zurück, packte sie am Arm und zog sie brutal hoch. Er zerrte sie hinter sich her.

Da war Wasser auf dem Boden. Gras war da und raschelte um die Beine.,

Das war sicher ein Abfluss aus den Fischteichen!

Jean Louis wandte sich noch mehr nach links, stolperte über Steinbrocken und fiel eine Art Erddamm hinauf.

Da war Wasser. Er konnte es riechen.

Er bewegte sich keuchend auf den Knien, zog Manon mit sich und trug die Kleine.

Eine weite Wasserfläche mit Schilfgräsern am Rand blinkte ihm entgegen. Er stieß einen brüllenden Freudenschrei aus, stieß Manon hinein und wollte eben Christiane unter der Decke hervorholen, als ihn ein wildes, wütendes Grunzen herumfahren ließ.

Lieber Gott im Himmel!, dachte er. Lass es nicht wahr sein!

Es war aber wahr.

Ein Wildschwein, wie man es bestenfalls in den dichten Buchenwäldern von Savoien noch fand, stand auf dem Damm. Hinter dem Tier brannte bereits das Unterholz. Feuerlohen sprangen durch das Baumgeäst, Funken regneten herab und machten das Tier angriffslustig und gefährlich.

Es war vor der Hitze und der Helligkeit zu spät geflüchtet und hatte sich ausgerechnet diesen Damm des Fischteiches als Fluchtweg ausgesucht. Und jetzt sah es diesen Fluchtweg versperrt.

Die Gräfin hat wirklich einen Sprung in der Schüssel, dachte Jean Louis und reichte die Kleine zum Wasser hin, wo er Manon sich bewegen sah. Die hält nicht nur Bären und Raubkatzen, sondern auch Wildschweine! Und was für ein Brocken das ist! Ein Treffer mit den Hauern, und ich bin erledigt! Die hat einen Vogel, die gehört eingesperrt und für Geld herumgezeigt! Privater Wildpark! Wo gab es das noch?

Er spürte, dass Manon ihm Christiane abnahm.

Vorsichtig bewegte er sich rückwärts, tauchte mit den Füßen in den Uferschlick und hoffte, dass das gefährliche Vieh so lange stillhielt, bis er vom Damm weg war.

Das Wildschwein tat ihm nicht den Gefallen.

Brausend schossen Flammen den Erddamm herauf, Funken flogen auf das Tier.

Es stieß ein zorniges Grunzen aus, senkte den dreieckigen hässlichen Kopf und raste zum Angriff heran. Es verließ den Damm und rannte durch den Uferschlick, dass Schlamm und Wasser auf spritzten.

Jean Louis griff nach einem schwarzen Aststück, das faulend und modernd halb im Wasser lag.

Er war schon heilfroh, dass es nicht zerbrach, als er es hochhob und weit nach hinten über den Kopf schwang.

Er war nicht gewillt, sich kampflos von dieser gereizten Bestie überrennen und zerfetzen zu lassen. Das Wildschwein sollte auch Federn lassen.

Er spannte alle Muskeln, berechnete die Bewegungen des Tieres, das den Rüssel dicht über dem Wasser hielt, und schlug mit aller Macht zu, während er einen wilden Kampfschrei losließ.

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Treiben Sie mir schon wieder die Gebührenrechnung hoch?“, meckerte Grossart und schaute zu, mit welcher Behändigkeit Jacot die Wählscheibe drehte. „Ich wünschte, Sie hätten alle Finger in Gips.“

Jacot ging gar nicht auf seine Proteste ein, die seiner gereizten Stimmung entsprangen. Er hatte die Karte mit den Markierungen neben dem Telefon liegen und die Notizen dazu.

Vor ein paar Minuten hatte er sie nochmals überflogen, und dabei waren ihm die zahlreichen Männerbekanntschaften aufgestoßen, die den Opfern nachgesagt wurden. Das hatte ihn auf eine verwegene Idee gebracht, wie er selber eingestand.

Aber war’s drum! Er hatte gelernt, auch verschüttete Spuren freizulegen. Und oft führten die zu sensationellen Erkenntnissen.

Während er auf den Wachhabenden in Cogolin wartete, fragte er an Grossart gewandt: „Hat sich irgendein Verdacht ergeben, wer der Brandstifter sein könnte? Jeder Polizeibezirk hat doch für solche Fälle seinen, oder seine Kunden.“

„Wir haben gar nichts, und es ist auch nie einer aufgefallen, jedenfalls keiner von den Einheimischen, Jacot. Mein lieber Mann, wir haben jedes Jahr Hunderttausende von Gästen an der Küste. Natürlich werden da Pyromanen darunter sein, und manchmal wird ja auch einer erwischt, wie er ein Streichholz an einen trockenen Busch hält. Aber aus der hiesigen Gegend ist keiner bekannt.“

„Dann“, sagte Jacot sanft, „hat er sich verdammt gut getarnt.  Hallo, ja, hier ist nochmals Jacot! Was ist das für ein Krach bei Ihnen? So, die Wasserabwurfflugzeuge sind eingetroffen? Sprechen Sie vom Flugzeug aus? Dann machen Sie das Fenster zu. Also, ich benötige nochmals die Akten zu den Morden. Ja, genau die. Da ist die Rede von Männerbekanntschaften. Haben Sie die Protokolle? Gut, danke. Sind dort Männer beschrieben, die Brillenträger sind? Nicht, das machen Sie nicht? Schade, es hätte mir sehr geholfen. Dann rettet Sie nichts. Sie müssen mir die ganzen Listen der ermittelten Männer herunter beten. Fangen Sie an!“

Er legte seinen Block zurecht und begann Namen zu kritzeln, während Grossart schon die dummen Rückfragen der Departementsverwaltung hörte, warum ausgerechnet seit Einstellung des Roger Jacot die Telefonrechnung sprunghaft gestiegen war.

„Verreck!“, sagte Grossart und stülpte das leere Glas um. Die Flasche Pernod war geleert, und mit dem Rest Wasser hatte Blaise den Gummibaum begossen, den er mit irgendwelchen Tricks seit zehn Jahren am Leben hielt. Die Pflanze wuchs nicht mehr und schob kein neues Blatt. Aber sie ging auch nicht ein.

Jacot kritzelte wie ein Gerichtsprotokollant.

Bin gespannt, ob er sein Geschmiere nachher noch lesen kann, dachte Grossart. Die jungen Leute haben ein Tempo am Leibe, das ist schon beleidigend. Vielleicht bin ich auch schon zu alt für solche Sachen.

Dieses verdammte Provinznest hat mich vorzeitig geschafft. Immer warten und warten. Auf den Schreibtisch, der nie kam, auf eine Beförderung, die es nicht gab, auf eine Zulage, die dann doch dem Sparstift zum Opfer fiel. Soll Jacot sich doch die Nerven kaputtmachen! Er hat noch gute, die halten noch eine Weile!

„Ach?“, machte Jacot in diesem Moment verwundert. „Das waren erst die Männer im Falle der Schwedin? Alle Achtung, lieber Freund! Dann geben Sie mir jetzt die Namen im Falle der Deutschen durch.“

Er notierte weiter mit der Verbissenheit eines Mannes, der weiß, dass er auf der richtigen Spur ist, der aber noch nicht den Dreh der Sache durchschaut hatte.

Nach zwei Minuten war die Liste durch. Jacot erkannte, dass zwei Männer sowohl zum Bekanntenkreis der Schwedin als auch der Deutschen gehört hatten. Diese Namen unterstrich er und fragte zurück, ob man auch die Wohnorte festgehalten habe.

„Selbstverständlich“, beeilte sich der Mann in Cogolin am Telefon zu versichern. Er nannte die Orte  St. Tropez und Port Grimaud.

Das brauchte noch nichts zu bedeuten, aber Jacot merkte, wie er feuchte Handflächen bekam. Das Jagdfieber hatte ihn gepackt.

„Und jetzt die Namensliste im Falle der Holländerin“, bat er und schrieb auf, was ihm durchgegeben wurde.

Es tauchte nur noch ein Name auf, der des Mannes aus St. Tropez. Der Schürzenjäger aus Port Grimaud war bei der Holländerin gar nicht ins Rennen gegangen.

Grinsend malte Jacot den übriggebliebenen Namen auf ein neues Blatt Papier, groß und deutlich. Und er unterstrich ihn.

Martin Valouse.

Er glaubte an eine Menge Zufälle, aber an eine solche Häufung nicht mehr. In allen drei Fällen war Martin Valouse mit den Opfern bekannt gewesen und hatte Beziehungen unterhalten.

Der Name erinnerte ihn plötzlich an etwas.

Es gab ihm einen derartigen Ruck, dass er sich kerzengerade hinsetzte und der Stift aus seiner Hand fiel. Es hätte nicht viel gefehlt und auch der Telefonhörer wäre ihm entglitten.

Der Wachhabende aus Cogolin meldete sich. „Monsieur Jacot, haben Sie noch diesbezügliche Fragen?“

„Nein, danke, ich komme damit aus. Ich glaube, Sie haben mir sehr geholfen.“ Er legte auf, als unerträgliches Motorengebrumm aus dem Hörer drang.

Aber es kam nicht nur aus dem Hörer. Es drang auch zu den Fenstern herein.

Blaise stand auf und schaute hinaus.

Er fuchtelte aufgeregt herum: „Die Löschflugzeuge kommen  die Löschflugzeuge sind da! Drei  vier  fünf! Mann, hängen die tief! Sie werden doch nicht den Turm umstoßen? Ah, jetzt haben sie Licht, jetzt wird es hell. Da können sie richtig abladen!“

Jacot warf einen Blick zum Fenster. Zwischen dem klobigen Viereckturm der Kirche und dem Dach war im Osten heller Himmel zu sehen. Ein unförmiges Flugzeug schob sich durch diesen Sektor, langsam und bedächtig.

Jacot hatte diese Maschinen noch nie im Einsatz gesehen. Er hatte nur gehört, dass sie sich im Tiefstflug auf ein entsprechend großes Gewässer senken, und während des Langsamfluges über fünf Tonnen Wasser aufnehmen konnten, das sie dann über den Brandherden abließen. Eine solche Maschine konnte stundenlang in der Luft operieren, ohne einmal landen zu müssen.

Als der dröhnende Lärm der vorbeifliegenden fünf Maschinen langsam verebbte und das verhaltene Klirren der Fensterscheiben nachließ, schaute Jacot nach der leeren Pernodflasche auf Grossarts Schreibtisch.

Er hätte jetzt einen gebraucht. Der Kopf dröhnte ihm, die Gedanken überschlugen sich.

Der Name! Er hatte ihn schon gehört, nein, gelesen Valouse. Nicht vor Tagen, sondern diese Nacht. Der Name war noch frisch in seinem Gedächtnis.

„Ist Ihnen nicht besonders?“, fragte Grossart. „Ich habe mir doch gleich gedacht, dass Sie sich so lange abnudeln, bis Sie zusammenklappen. Das dankt Ihnen kein Mensch, denken Sie an meine Worte.“

„Die Tasche!“, stieß Jacot hervor und schoss vom Stuhl hoch, als hätte er sich in ein Wespennest gesetzt. Grossart nahm vorsichtshalber die Arme in halbe Höhe und rief Blaise zu: „Nimm einen Schlagstock, und wenn er mir was will, haust du ihm auf den Kopf, klar?“

„Für einen Komiker sind Sie noch nicht reif genug!“, zischte Jacot bissig. „Die Tasche der Engländerin, verdammt!“

Er entdeckte sie im Regal, wo Blaise sie als Beweismittel bereits neben dem Kleiderbündel und den Schuhen deponiert hatte. Eine Nummer hatte er ihr auch schon gegeben.

Jacot öffnete mit fliegenden Fingern die Tasche, kramte darin herum und riss den Schein heraus, den Terminzettel des Zahnarztes. Triumphierend hielt er das Papier dem Kommissar hin.

Und mühsam buchstabierte Grossart: „Martin Valouse, Dentiste, St. Tropez Var.“ Er legte bedächtig die Hände zusammen und meinte: „Das haben Sie mir schon mal gezeigt, Jacot.“

„Ja, aber da wusste ich noch nicht, dass der Zahnarzt Valouse auch zur Bekanntschaft der Mordopfer gehörte. Aller Mordopfer, die in der Todeskurve gefunden wurden.  Er hat eine Telefonnummer. Hören wir uns an, was er zu sagen hat.“

Bevor Grossart einschreiten oder es verhindern konnte, drehte Jacot schon wieder die Scheibe.

Der Ruf ging lange ab, ehe jemand abnahm und knapp sagte: „Ja?“

Es war eine Männerstimme, und Jacot wollte es erscheinen, als klinge sie angeräuchert. Verschlafen klang sie auf jeden Fall. Aber das brauchte nichts zu bedeuten. Es gab Schlafmittel, die halfen, ein Alibi zusammenzukitten.

„Monsieur Valouse, entschuldigen Sie die Störung“, sagte Jacot freundlich, aber bestimmt. „Hier ist das Petanques. Besteht die Möglichkeit, dass Sie mit einem unserer Gäste die Brille verwechselt haben?“

„Was?“, drang es unwirsch an Jacots Ohr. „Ich war vor einem Jahr zuletzt bei Ihnen, und ich kann weder Ihre Küche noch Ihre Preise empfehlen.“

„Einen Augenblick bitte, Monsieur Valouse!“, säuselte Jacot. Er kämpfte wie ein Ertrinkender, damit der Bursche nicht auflegte. „Ich höre nach, ob eine Verwechslung vorliegen kann.“ Er deckte absichtlich die Sprechmuschel nicht ganz ab, zwinkerte Grossart zu und fragte den: „Besteht nicht auch die Möglichkeit einer Verwechslung, Monsieur?  Nein, Monsieur Valouse, der Gast ist sich ziemlich sicher. Könnten Sie bitte nachprüfen, ob es auch Ihre Brille ist? Wenn nicht, bitten wir, sie im Petanques abzugeben. Ich darf mich für die Störung entschuldigen.“

„Verdammt, ich habe meine eigene Brille und nicht die eines hergelaufenen Burschen!“, tobte Valouse. „Was verkehrt denn bei Ihnen schon anderes!“ Er schmetterte den Hörer auf, dass es Jacot fast das Trommelfell zerriss, bevor die Verbindung unterbrochen war.

„Sie sind das größte Lügenmaul an der Küste“, ächzte Grossart. „Und das will etwas heißen! Warum schmieren Sie diesen Zahnklempner am frühen Morgen an? Was hat der Mann Ihnen getan?“

„Er ist Brillenträger!“, sagte Jacot. „Das wollte ich herausfinden. Ich habe ihn diese Nacht getroffen. Einen merkwürdigen Brillenträger jedenfalls. Graues onduliertes Haar, sehr gepflegt. Verflucht, seit wann gibt ein Priester schätzungsweise fünfzig Franc für einen Friseur aus?“

Grossart wischte sich den Schweiß ab.

„Mein Onkel“, erinnerte er sich, „machte es selber mit einer Schere. Das ging schnell und war billiger.“

„Eben“, sagte Jacot. „Blaise, ein paar Handschellen! Der Kommissar und ich fahren nach St. Tropez, um jemand abzuholen.“

„Sie sind doch wahnsinnig!“, keuchte Grossart. „Dafür braten sie uns mit Haut und Haaren. Sie können doch nicht der Präfektur dort einen Verdächtigen unter der Nase weg verhaften und nach hier schaffen. Jacot, ich flehe Sie an, kommen Sie zu sich und denken Sie an meine bescheidene Pension, die ich vielleicht in ein paar Jahren bekomme!“

„Ich denke nicht an Ihre Pension, sondern an vier Mordopfer und katastrophale Waldbrände, die auch viele Menschenleben gefordert haben“, sagte Jacot hart. „Wir fahren, und wenn es Feuer regnet.“

„Beschwören Sie das nicht!“, ächzte Grossart. „Verreck! Wo haben Sie gelernt, so hartherzig mit Vorgesetzten umzugehen?“

„Auf der Polizeiakademie“, sagte Jacot trocken.

„Auf der... !“ Grossart sprach nicht weiter. Er schluckte eine Weile und meinte dann bitter: „Kein Wunder, wenn da die Prominenz von Beifort aufgeflogen ist. Mensch, ich wette, das war Absicht, volle Absicht! Geben Sie es zu!“

„Ich wette nicht dagegen“, sagte Jacot. „Können wir, oder können wir nicht?“

Ergeben schraubte sich Grossart aus dem Stuhl hoch.

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