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Kommissar Will Mallmann

JASON DARK

Die Welt des
JOHN SINCLAIR

KOMMISSAR
WILL MALLMANN

VIER SPANNENDE KULTGESCHICHTEN

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Inhalt

  1. Der Voodoo-Mörder
    (34. JOHN-SINCLAIR-Roman, erschienen als
    GESPENSTER-KRIMI Band 148, 1976)
  2. Das Trio des Teufels
    (Band 44, 1979)
  3. Knochensaat
    (Band 71, 1979)
  4. Der Sensenmann als Hochzeitsgast
    (Band 81, 1980)

DER VOODOO-MÖRDER

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Der Tod kam wie ein Blitz aus heiterem Himmel!

Nelly Parker hatte den Kellner herangewinkt, um zu zahlen. Nervös suchte sie in ihrer Handtasche nach der kleinen Geldbörse.

»Zwölf Shilling«, knurrte der Mann, der es eilig hatte, weil er auch schon vom Nebentisch gerufen wurde.

»Ja doch – ich …«

Plötzlich begann Nellys Herz rasend zu hämmern. Die Luft wurde ihr knapp. Nur mühsam öffnete sie den Mund, ein gequältes Stöhnen drang über ihre Lippen. Der Kellner war vor Schreck zwei Schritte zurückgewichen. Fassungslos beobachtete er, wie die junge Frau langsam vom Stuhl kippte und auf den blank gescheuerten Boden sank.

Erst jetzt erwachte der Mann aus seiner Erstarrung. »Einen Arzt!«, kreischte er. »Einen Arzt!« Der Kellner war ein schmalhüftiger Typ mit weiblichen Gesichtszügen und glatten schwarzen Haaren. Sein blütenweißes Jackett war hauteng auf Taille gearbeitet.

Schreiend und mit beiden Armen fuchtelnd lief er zum Tresen, fauchte die Bedienung an und verlangte nach einem Telefon.

Mittlerweile waren die meisten Gäste aufgesprungen. Stumm und mit blassen Gesichtern starrten sie auf die am Boden liegende Frau.

Es war Mittagszeit. Angestellte, Sekretärinnen und Hausfrauen bevölkerten die kleine Cafeteria im Herzen von London. Das Lokal war erst vor wenigen Wochen eröffnet worden, hatte aber einen enormen Zulauf, da hier auch Hamburger, Pommes frites und andere in England noch unbekannte »Köstlichkeiten« serviert wurden.

Und nun lag eine Tote auf dem Boden. Eine verdammt schlechte Reklame.

Der Meinung war wohl auch der Geschäftsführer, den eine aufgeschreckte Bedienung aus seinem Büro geholt hatte. Der Boss des Ladens, ein smarter Boy mit Managerambitionen, fuhr sich mit allen zehn Fingern durch sein welliges Haar.

»Ausgerechnet in diesem Lokal muss das passieren. Es ist zum Heulen.« Vorwurfsvoll sah er den Kellner, der den Tod der jungen Frau miterlebt hatte, an. »Hätte die nicht bei der Konkurrenz umkippen können?«

Der Kellner hob die Schultern. Er war blass geworden. »Ich – ich kann ja auch nichts dafür. Ich habe die Ambulanz schon verständigt, das war alles, was ich tun konnte.«

Der Geschäftsführer tippte dem Mann gegen die schmale Hühnerbrust. »Sie können noch was tun, mein Bester.«

»Und?«

»Stellen Sie sich vor den Ausgang und sehen Sie zu, dass niemand das Lokal verlässt, der noch nicht bezahlt hat. Ich kenne die Leute. Die warten ja nur auf solche Gelegenheiten.«

Der Kellner senkte den Kopf und sagte: »Yes, Sir.« Dann nahm er seinen zugewiesenen Platz ein.

Die Befürchtung des Geschäftsführers erwies sich als voreilig. Niemand verließ das Lokal. Die Gäste waren viel zu neugierig. Sie standen nur und glotzten, sogar die Frauen. Einige tuschelten auch erregt miteinander, und es war zu vermuten, dass manchem eine Gänsehaut über den Rücken lief.

In der Ferne jaulten Sirenen.

Die Ambulanz war auf dem Weg.

Schon bald stoppte der Kastenwagen mit kreischenden Bremsen. Die hintere Klappe flog auf, und zwei Männer stiegen aus, die eine Trage trugen. Sie wühlten sich durch den Ring der Neugierigen, die sich vor dem Lokal versammelt hatten und sich an den Scheiben die Nase platt drückten.

Ein Arzt folgte den beiden Helfern mit wehendem Kittel. Der Mann hatte neben dem Fahrer gesessen und trug eine Tasche in der rechten Hand.

Neben der Toten kniete er nieder, holte sein Stethoskop hervor und horchte auf Herztöne.

Mindestens zwanzig Augenpaare starrten ihn an. Teils sensationslüstern – teils ängstlich.

Nach einer halben Minute richtete sich der Arzt auf, strich eine graue Haarsträhne aus der Stirn, zuckte mit den Achseln und sagte lakonisch: »Exitus. Wie mir scheint, ist die Frau an einem Herzversagen gestorben. Da kann man nichts mehr machen.« Der Arzt gab den beiden Helfern einen Wink, und sie legten die Tote auf die Trage. Mit unbewegten Gesichtern marschierten sie hinaus.

Der Arzt blickte in die Runde. »Hat jemand den Tod der Frau beobachtet?«

Der Kellner trat vor. »Ich.«

»Gut, dann erzählen Sie mal.«

Der Kellner strich sich über sein blasses Gesicht und berichtete.

Der Doktor nickte mehrmals und meinte dann: »Ja, das sieht ganz nach einem Herzanfall aus.«

»Aber sie war doch noch so jung.« Der Kellner rang die Hände.

»Das hat heute gar nichts mehr zu sagen. Aber etwas anderes, junger Mann, ich muss natürlich der Polizei Meldung erstatten, und dann braucht man Sie als Zeugen. Halten Sie sich also bereit.«

Der Kellner nickte und schrieb dem Arzt schnell seinen Namen und die Adresse auf.

Der Weißkittel steckte den Zettel ein, ging hinaus und setzte sich wieder neben den Fahrer.

Der sah den Arzt an. »Wohin, Sir?«

Der Doktor blickte durch die Scheibe. Er hatte die Augen zu Schlitzen zusammengekniffen und sagte dann leise: »Fahren Sie zum Leichenschauhaus. Die Tote muss obduziert werden.«

»War es Mord?«

Der Arzt gab keine Antwort. Er hockte nach wie vor gedankenverloren auf dem Sitz.

Von der Bedford Street war es nicht weit bis zur Victoria Street, wo das Gebäude von New Scotland Yard stand. Zu diesem Komplex gehörte auch ein nach den modernsten Erkenntnissen eingerichtetes Leichenschauhaus.

Der Arzt sprach während der weiteren Fahrt kein einziges Wort mehr. Er ließ sich – als sie in der Victoria Street angelangt waren – sofort bei Chiefinspektor Tanner melden. Zum Glück war Tanner in seinem Büro.

»Hallo, Doc«, sagte er leutselig. »Was gibt es denn?«

Der Arzt ließ sich auf den Besucherstuhl fallen. »Eine Tote, Chiefinspektor.«

Tanner zog die Augenbrauen zusammen. Er war ein Kerl wie ein Baum, hatte schlohweißes dichtes Haar, tief in den Höhlen liegende hellblaue Augen und ein markantes Gesicht, über das jetzt allerdings ein düsterer Schatten flog.

»Wie soll ich denn das verstehen, Doc?«, erkundigte er sich vorsichtig.

»Wie ich es gesagt habe. Eine Leiche, Chiefinspektor. Und die vierte innerhalb von zwei Wochen. Wieder Herzanfall.«

Tanner hob die Schultern. »Es werden auch noch mehr Leichen gefunden«, sagte er. »Das ist in einer Riesenstadt wie London doch ziemlich normal. Und solange es kein Mord ist …«

Der Arzt war aufgesprungen. »Mal ehrlich, Chiefinspektor, wollen Sie mich nicht verstehen?«

Tanner zündete sich gelassen eine Pfeife an. »Ich weiß nicht, was Sie mit Ihrem komischen Verdacht bezwecken. Ein Herzanfall ist doch heute nichts Besonderes. Mein Gott noch mal, Doc, Sie kommen jetzt schon das zweite Mal zu mir. Ich bin für Mord zuständig, aber nicht für Herzanfälle.«

Der Arzt schlug sich gegen die Stirn. »Gut, von Ihrem Standpunkt aus haben Sie recht, Chiefinspektor. Aber es waren jeweils junge Frauen zwischen zwanzig und fünfundzwanzig Jahren, die diese Herzanfälle gehabt haben. Und das ist unnormal. Ich warte schon auf den nächsten Fall. Nein, zwischen diesen Toten muss es irgendeine Verbindung geben. Und da bitte ich Sie doch einzuhaken.«

»Tut mir leid, Doc, aber das ist nicht mein Bier. Jetzt müssen Sie mich leider entschuldigen, ich habe zu tun.«

Der Arzt lächelte gequält. »Danke, ich habe verstanden.« Mit müden Schritten ging er zur Tür.

Chiefinspektor Tanner holte ihn ein und legte ihm seine breite Hand auf die Schulter. »Ich kann nicht mit ansehen, dass Sie so geknickt sind, Doc. Ich werde Ihnen noch einen kleinen Tipp geben. Wenden Sie sich doch an Superintendent Powell. Sie wissen ja, er leitet die Sonderkommission, die sich mit außergewöhnlichen Fällen beschäftigt. Vielleicht kann der Ihnen weiterhelfen. Ich jedenfalls bin dazu nicht in der Lage.«

Der Arzt wandte sich um und blickte dem Chiefinspektor ins Gesicht. »Danke, das werde ich auch tun. Und lassen Sie sich eins gesagt sein, mein lieber Tanner, hinter diesen Todesfällen steckt mehr, als wir heute überhaupt ahnen …«

Marion Baumann stand an der Autobahn Frankfurt-Würzburg. Ein unangenehmer Aprilwind pfiff von den Höhen des Spessarts und bauschte den Parka des Mädchens auf.

Marion war zweiundzwanzig Jahre jung und studierte Kunstgeschichte. Sie hatte ihr Abitur mit Ach und Krach geschafft und auch eigentlich nur durch Beziehungen einen Studienplatz gefunden. Nach vier Semestern schon hatte sie die Nase vorläufig voll gehabt, mit dem Studium kurzerhand ausgesetzt und sich vorgenommen, einmal Land und Leute kennen zu lernen. Das hieß im Klartext, sie wollte durch Europa trampen.

In Hamburg hatte sie sich an die Autobahnauffahrt gestellt, war mit einem älteren Ehepaar bis Köln gefahren, und von dort hatten sie zwei junge Burschen in einem alten VW nach Frankfurt mitgenommen. Am Frankfurter Verteiler hatte sie dann einen Vertreter gefunden, der sie bis zur Spessart-Raststätte mitgenommen hatte. Der Vertreter wollte hier die Nacht verbringen, und als Marion sich nicht bereit erklärte, mit ihm Zimmer und Bett zu teilen, hatte der Mann sie kurzerhand an die frische Luft gesetzt.

Marion Baumann hatte das eigentlich nicht viel ausgemacht. Sie war kein Mädchen, das lange auf eine Mitfahrgelegenheit warten musste. Dazu war sie zu hübsch und zu gut gewachsen, wenn auch unter dem weiten Pullover und den ausgewaschenen Jeans nicht viel von ihrer tadellosen Figur zu erkennen war.

Marion hatte dunkelblondes glattes Haar, das bis auf den Rücken fiel. Ihr Gesicht war apart, und die vollen, sinnlichen Lippen schienen immer zu lächeln.

Marion hatte ihre Reisetasche neben sich stehen. Sie war mit der Aufschrift einer Fluggesellschaft versehen. Marion hatte sich bewusst nicht an den Platz des Rasthauses gestellt, an dem die Fernfahrer hielten. Sie wollte – wenn es eben möglich war – einen Pkw erwischen. Nicht, dass Marion vor den Fernfahrern Angst gehabt hätte, sie beherrschte Judo und hatte damit schon manchen aufdringlichen Kavalier abgewehrt. Aber die schweren Lastwagen waren ihr einfach zu langsam, denn sie wollte vor Mitternacht noch in Nürnberg sein. Dort wohnte eine Bekannte, bei der sie für eine oder zwei Nächte gut unterschlüpfen konnte.

Der Vertreter, der sie das letzte Stück mitgenommen hatte, fuhr an ihr vorbei. Er hatte die Seitenscheibe heruntergekurbelt und rief: »Ich fahre jetzt zum Motel. Du kannst es dir noch überlegen, Kleine!«

Marion drehte sich abrupt zur Seite.

»Na, dann nicht, du Nutte!«, blaffte der Vertreter und fuhr ab. Der Motor des Opel heulte protestierend auf. Anscheinend ließ der Fahrer seine Wut an dem Wagen aus.

Weit im Westen verschwand die Sonne hinter den nördlichen Ausläufern des Odenwaldes. Die Temperatur sank, es wurde unangenehm kühl, und dazu kam noch Wind auf.

Marion schloss den Reißverschluss des Parkas, nahm ihre Tasche und schlenderte auf die Automatenboxen des Rastplatzes zu. Sie warf ein Geldstück in den Schlitz, und der Automat spuckte einen Pappbecher mit Kaffee aus.

Der Becher war heiß. Fast hätte sich Marion die Finger verbrannt. Das Getränk tat gut und belebte sie. Sie war nicht die Einzige, die sich in der Nähe der Automaten aufhielt. Einige Fernfahrer standen beisammen und unterhielten sich über ihre Touren. Hin und wieder warfen sie Marion abschätzende Blicke zu, die das Mädchen jedoch ignorierte. Schließlich fasste sich einer der Männer ein Herz, trat auf Marion zu und fragte, ob sie mitgenommen werden wolle.

»Nein!«

Der Fernfahrer hob die Schultern und verschwand. Schon wenig später bestiegen er und seine Kollegen ihre Wagen und fuhren los.

Die Zeit verrann.

Es wurde dämmrig. Längst brannten in der Raststätte die Lichter. Helle Bahnen fielen auf den Asphalt, spiegelten sich im glänzenden Lack der geparkten Wagen.

Marion warf den Becher weg. Von der Autobahn her drang das stetige Summen der vorbeirasenden Fahrzeuge. Die Lichtspeere der Scheinwerfer durchschnitten das Dunkel.

Marion Baumann wurde langsam ungeduldig. Wenn sie nicht bald jemanden fand, stand sie morgen früh noch hier.

Sie beobachtete, wie ein Wagen in die Einfahrt des Rastplatzes kurvte, an den parkenden Fahrzeugen vorbeifuhr und dann stoppte. Sekundenlang überschütteten die Scheinwerfer das Mädchen mit ihrem grellen Licht. Dann verloschen sie.

Eine Wagentür wurde geöffnet und fiel dumpf wieder ins Schloss. Schritte näherten sich dem wartenden Mädchen.

Männerschritte!

Marions Haltung spannte sich. Vielleicht hatte sie Glück, und der Mann würde sie mitnehmen. Sie wollte ihn auf jeden Fall ansprechen.

Der Mann blieb vor dem Kaffeeautomaten stehen, suchte nach einer Münze und zog einen Becher Kaffee.

Das Mädchen war mit zwei raschen Schritten zur Seite gegangen. Das Licht des Automaten leuchtete den Mann an. Er trug einen dunklen Anzug und einen hellen Rollkragenpullover. Sein Haar war schwarz und fiel lang in den Nacken. Am Mittelfinger der linken Hand funkelte ein seltsamer Ring. Der Mann hatte ein scharfes Profil mit einem hervorspringenden Kinn. Als er sich jetzt umwandte, glitt sein Blick blitzschnell und abschätzend über die Gestalt des Mädchens.

Die Augenpartie lag im Dunkeln, und Marion konnte das gefährliche Funkeln nicht sehen.

Sie lächelte etwas zaghaft.

Der Mann trat einen Schritt auf sie zu. Die Finger seiner rechten Hand schlossen sich um den heißen Pappbecher. Marion sah, dass auf dem Handrücken kleine schwarze Härchen wuchsen.

Irgendetwas ging von dem Fremden aus, das ihr Angst einflößte. Sie konnte nicht genau sagen was, aber es war eine Beklemmung, die sie erfasst hatte und ihr Herz schneller schlagen ließ.

»Warten Sie hier auf eine Mitfahrgelegenheit?«, fragte der Mann.

»Ja.« Marion antwortete, ohne es eigentlich zu wollen. Ihr fiel wohl auf, dass der Fremde Deutsch mit einem englischen Akzent sprach.

»Wohin wollen Sie denn?«

»Nach Nürnberg.«

»Ich fahre nach München. Da könnte ich Sie mitnehmen. Einverstanden?«

Marion senkte den Blick. »Ich weiß nicht so recht. Ich …«

»Ach, Sie brauchen keine Angst zu haben. Ich will Ihnen schon nicht an die Figur. Ich brauche auf der langen Fahrt nur etwas Unterhaltung. Ich hätte auch einen jungen Mann mitgenommen.«

Diese Worte räumten Marions Zweifel beiseite. »Okay«, sagte sie. »Ich komme mit.«

»Na, wunderbar.« Der Fremde bot Marion eine Pall Mall an. »Ich heiße übrigens Victor Jory.«

»Baumann, Marion Baumann«, murmelte das Mädchen, das sich Feuer geben ließ.

»Haben Sie noch Hunger?«, fragte Victor Jory.

»Nein, eigentlich nicht.«

Der Engländer lächelte. »Aber ich. Kommen Sie, eine Kleinigkeit kann nicht schaden.«

Die beiden betraten die Raststätte. Der Gastraum war gemütlich eingerichtet, und sie fanden einen Fensterplatz.

Marion hatte Hunger. Sie hatte es nur nicht zugeben wollen. Sie bestellte sich ein Filetsteak, Pommes frites und frischen Salat. Victor Jory nahm ein Kalbsschnitzel.

Marion Baumann aß mit Heißhunger. Sie bemerkte nicht, wie der Engländer sie mit kalten, gefühllosen Blicken taxierte. In diesen Augenblicken erinnerte der Mann an ein Raubtier, das sich seiner Beute schon sicher ist.

Nach dem Essen tranken sie noch eine Tasse Kaffee und gingen dann zu Jorys Wagen.

Es war ein stahlblauer BMW 2500. Aus den Augenwinkeln sah Marion, dass der Wagen eine Kölner Nummer hatte.

»Schicker Renner«, sagte Marion und ließ sich aufseufzend in den weichen Ledersitz fallen.

»Ja, er macht mir auch Spaß«, erwiderte Jory. »Möchten Sie Musik hören?«

Marion lachte. »Das habe ich doch nicht zu bestimmen. Ihnen gehört schließlich der Wagen.«

»Aber Sie sind der Gast.« Jory drückte auf die UKW-Taste. Einschmeichelnde Tanzmusik drang aus den beiden Lautsprechern der Stereoanlage.

Marion lehnte sich zurück und summte die Melodie mit. Der BMW fuhr leicht an, und Jory lenkte ihn sicher auf das breite Betonband der Autobahn.

Schnell beschleunigte der Wagen auf über hundert Stundenkilometer, doch die Geschwindigkeit war nicht zu merken.

Marion wurde müde. Sie war an diesem Tag schon früh auf den Beinen gewesen, und auch der volle Magen tat ein Übriges. Sie stellte sich den Sitz weit zurück und streckte die Beine aus.

»Ich bin wohl eine schlechte Unterhalterin«, sagte sie und blickte den Fahrer von der Seite her an, dessen Gesicht von der Armaturenbeleuchtung grünlich angestrahlt wurde und diesem ein dämonisches Aussehen gab.

»Sind Sie müde, Marion?«

»Wenn ich ehrlich sein soll – ja.«

»Macht nichts. Schlafen Sie ruhig ein Stündchen. Ich werde Sie schon rechtzeitig wecken.«

Und wieder bemerkte Marion den Unterton in der Stimme des Mannes nicht.

Es dauerte nicht lange, da war sie eingeschlafen.

Der Mann, der sich Victor Jory nannte, lächelte zufrieden. Das lief ja besser, als er es sich gedacht hatte.

Auf der Autobahn war relativ wenig Betrieb. Wie eine graue Schlange zog sich das Betonband durch die Höhenzüge des Spessart. Der Wind hatte aufgefrischt und jagte dunkle Wolkenberge vor den fahlen Halbmond.

Schon bald näherte sich der BMW der Stadt Würzburg. Die Lichterkette schimmerte zur linken Seite der Autobahn.

Kilometer um Kilometer fraßen die breiten Gürtelreifen des BMW. Jory fuhr sehr sicher. Ab und zu warf er einen Blick auf das schlafende Mädchen. Manchmal bewegten sich auch seine Lippen wie im Selbstgespräch, doch kein Laut war zu hören.

Jory hatte die Musik abgestellt. Er brauchte diese Geräuschkulisse nicht.

Jory überholte noch eine Dreiergruppe Lastwagen, betätigte den rechten Blinker und fuhr dann von der Autobahn ab. Hinweisschilder auf die nächstliegenden Ortschaften wurden aus der Dunkelheit gerissen. Jory fuhr nach rechts auf die Landstraße und gondelte im Fünfzig-Kilometer-Tempo weiter. Was er suchte, war ein einsamer Weg, der nach Möglichkeit in einen Wald führte.

In dieser Gegend keine Schwierigkeit.

Er hatte ihn bald gefunden. Niemand sah, dass der Wagen von der Straße abbog und auf einer schmalen Stichstraße weiterfuhr, die zu einem fünf Kilometer entfernt liegenden Dorf führte.

Feldwege zweigten von der schmalen Straße ab, und auf der rechten Seite ballte sich die dunkle Wand eines Waldes.

Jory bog in den Feldweg ein. Er war mit Schlaglöchern übersät, und der BMW wurde ein paar Mal heftig durchgeschüttelt.

Victor Jory presste die Lippen zusammen und warf einen Blick auf das Mädchen.

Noch schlief die Kleine, und der Engländer hoffte, dass dieser Zustand noch einige Minuten anhalten würde.

Dann verschluckte der Wald das Fahrzeug, und der Weg war auf einmal zu Ende. Ein rotweiß gestrichener Holzbalken versperrte die Weiterfahrt.

Jory verschluckte einen Fluch.

Er bremste.

In diesem Augenblick wurde Marion Baumann wach. Sie schreckte regelrecht hoch und rieb sich die Augen.

Der Wagen stand.

Verwundert sah sich Marion um. Auf Jorys Gesicht blieb ihr Blick haften.

»Wo – wo sind wir hier?«, fragte das Mädchen.

Als Antwort schlossen sich Jorys Finger um ihr linkes Handgelenk.

»Was soll das?«, schrie Marion. »Sie tun mir weh. Sie …«

»Halt den Mund, zum Teufel!«

Marions Augen wurden weit. Ihr Blick fraß sich in dem Gesicht des Engländers fest. Es schien plötzlich nur noch aus den beiden Augen zu bestehen, in denen ein unheimliches, mörderisches Feuer loderte.

»Nein«, flüsterte Marion, »bitte nicht. Sie – Sie haben mir doch versprochen …«

Jory lachte blechern. »Keine Angst, ich werde dich schon nicht vergewaltigen.«

»Was wollen Sie denn?«

Der Engländer gab keine Antwort, verstärkte nur den Griff.

Die schrecklichsten Gedanken wirbelten durch Marions Kopf. Oft genug hatte sie von Anhalterinnen gehört, die ermordet worden waren. In vielen Fernsehsendungen war das Thema immer wieder aufgegriffen worden. Und sie hatte nur darüber gelacht. Mir kann doch so etwas nicht passieren. Mit diesem Satz hatte sie alle Warnungen in den Wind geschlagen.

Doch jetzt war alles anders.

Tränen schossen in Marions Augen. »Bitte, lassen Sie mich laufen. Ich – ich habe Ihnen doch nichts getan. Wenn Sie unbedingt mit mir schlafen wollen, dann …«

Wehr dich doch! Plötzlich schoss der Gedanke in Marion Baumann hoch. Du kannst doch Judo und hast einen Karatekurs absolviert. So einfach soll es dieser Kerl nicht haben.

Marion handelte.

Ihre gekrümmte Handkante fiel plötzlich wie ein Fallbeil nach unten. Sie traf genau den Unterarm des Mannes.

Damit hatte Jory nicht gerechnet. Ein mörderischer Schmerz raste in seinem Arm hoch. Zwangsläufig ließ er das Mädchen los.

Das war genau die Chance, auf die Marion gelauert hatte. Sie warf sich zur Seite, riss die Tür auf und schnellte aus dem Wagen. Sie sah nicht, wohin sie lief, Angst und Panik machten sie blind. Sie spürte nur, wie Zweige und Äste ihr Gesicht peitschten und Dornen den Parka aufrissen.

Sie sah auch nicht die Baumwurzel, die aus dem Boden wuchs. Plötzlich wurde ihr das linke Bein weggerissen, und Marion Baumann landete schwer auf dem Rücken.

Sie stöhnte vor Schmerzen.

Gleichzeitig bemerkte sie den starken Strahl der Taschenlampe, der durch den Wald geisterte. Die Stimme des Engländers klang wie ein Lockruf aus der Hölle.

»Jetzt hole ich dich, mein Täubchen …«

Marion Baumann drehte sich auf den Bauch und presste ihr Gesicht gegen die feuchte Erde. Dreck drang in ihren Mund, knirschte zwischen den Zähnen.

Wie ein langer heller Finger tanzte der Taschenlampenstrahl durch den Wald, berührte dicke Baumstämme und riss Sträucher und hüfthohes Farnkraut aus der Dunkelheit.

Marion Baumann stemmte sich hoch. Sie musste hier weg, konnte nicht liegen bleiben, denn es war eigentlich nur eine Frage der Zeit, wann der Mann sie finden würde.

Marions linker Knöchel schmerzte, war aber nicht verstaucht oder gar gebrochen. Das merkte sie, als sie auftrat und das Gewicht auf das linke Bein verlagern konnte.

Aber wo sollte sie hin?

Der Rückweg zum Wagen war abgeschnitten. Also nach vorn in den Wald, in der Hoffnung, irgendein Versteck zu finden.

Marion schlich geduckt weiter, wand sich an den Bäumen vorbei und zuckte nicht einmal mehr zusammen, als Fichtenzweige ihr Gesicht streiften.

Der Lampenschein war verloschen. Hatte der Mann es aufgegeben, sie zu verfolgen?

Eine wahnsinnige Hoffnung keimte in Marion auf, die jedoch Sekunden später brutal zerstört wurde.

Sie hörte Schritte und heftiges Atmen. Und das ganz in der Nähe, direkt hinter ihr.

Marions Herz machte einen schnellen Sprung. Ihr Puls raste. Schweiß trat ihr aus den Poren.

An einem Baum gepresst, blieb sie stehen, nackte Todesangst im Blick.

Schleichende Schritte, die immer näher kamen. Ein teuflisches Kichern geisterte durch den Wald. Die Vorfreude eines wahnsinnigen Mörders?

Marion schickte ein Stoßgebet zum Himmel. Sie flüsterte unverständliche Worte, und sie hallten in ihren Ohren so laut wie Hammerschläge.

Und dann flammte die Lampe auf.

Der Lichtspeer zuckte an Marion vorbei, streifte sie, kehrte zurück und nagelte sie förmlich fest.

»Jetzt hab ich dich!«, keuchte die Stimme.

Marions Reaktion war ein Reflex. Ohne zu überlegen, hechtete sie zur Seite, tauchte in die schützende Dunkelheit und rannte – rannte – rannte.

Sie kam höchstens fünfzehn Meter weit. Kurz bevor sie eine kleine Fichtengruppe erreicht hatte, umschlossen stahlharte Finger ihre rechte Schulter.

Ein gewaltiger Ruck wirbelte sie herum.

Marion wurde zu Boden geschleudert, und im nächsten Augenblick war der Mann über ihr.

Mit den Knien nagelte er sie am Boden fest. Heißer Atem strich über ihr Gesicht. Wild tanzte der Lampenstrahl auf und ab.

Marion schrie. Brüllte ihre Not und ihre Qual hinaus, bis ihr eine harte Hand den Mund verschloss.

Und doch wehrte sie sich. Sie schlug und trat um sich wie eine Wildkatze. Es war ein Kampf ums nackte Leben.

Einmal rammte sie dem Mann den Ellbogen in die Magengrube.

Der Kerl stieß einen Fluch aus, bog plötzlich blitzschnell ihre Arme zur Seite und schlug mit der Taschenlampe zu.

Marion spürte einen mörderischen Schlag an der Schläfe, vor ihren Augen blitzte es auf, und dann fiel sie in den tiefen Schacht der Bewusstlosigkeit.

Schwer atmend stand der Mann auf. Mit dem Handrücken wischte er sich den Schweiß von der Stirn und starrte auf den regungslosen Mädchenkörper. Nie hätte er gedacht, dass ihm die Kleine so große Schwierigkeiten bereiten würde. Dabei hatte es so gut angefangen. Doch ausgerechnet im letzten Augenblick musste sie noch aufwachen.

Victor Jory ließ einige Minuten verstreichen, um wieder zu Atem zu kommen. Dann bückte er sich, hob das Mädchen auf und warf es sich über die Schulter. Ächzend und leise vor sich hin fluchend ging er den Weg zum Wagen zurück.

Neben dem BMW ließ er Marion Baumann zu Boden sinken. Er öffnete jeweils die rechte Vorder- und Hintertür des Fahrzeugs und holte aus dem Handschuhfach eine Rolle dünnen Draht. Damit fesselte er seinem Opfer sicherheitshalber Arme und Beine. Denn für das, was er mit dem Mädchen vorhatte, brauchte er Zeit.

Auf dem Rücksitz des BMW lag ein Koffer. Er war aus Rindsleder und ziemlich unscheinbar. Victor Jory stellte den Koffer auf den Boden und legte seine Taschenlampe so auf den Rücksitz des Wagens, dass sie den Platz ausleuchtete, den er benötigte.

Die beiden Hebel der Schlösser schnappten mit einem metallischen Klicken zurück.

Jory hob den Deckel. Der Koffer war von innen mit Ölpapier ausgeschlagen und bis zum Rand mit lehmigem Ton gefüllt.

Auf der Innenseite des Deckels gab es einige Fächer, in denen seltsame Gegenstände steckten. Kerzen, Räucherstäbchen, Kreide und eine lange Schere.

Jory nahm die Schere mit spitzen Fingern. Das Metall reflektierte blitzend den Lampenstrahl.

Victor Jory lächelte grausam, als seine Finger in die dafür vorgesehenen Öffnungen der Schere glitten. Er ließ die Schere ein paar Mal auf- und zuschnappen, und dann näherte sich seine rechte Hand mit der gefährlichen Waffe dem Kopf des bewusstlosen Mädchens …

Im selben Augenblick erwachte Marion Baumann aus ihrer Ohnmacht. Der Schlag war nicht sehr fest gewesen, und Marion verspürte auch keine großen Nachwirkungen.

Innerhalb von zwei Atemzügen wurde sie sich über ihre Lage klar. Sie sah die beiden Schenkel der Schere und die grausam funkelnden Augen des Mannes.

Das nackte Entsetzen schnürte Marion die Kehle zu.

Jetzt blitzte das Metall dicht vor ihren Augen. Noch eine Sekunde, dann …

Die Schere schnippte zu.

Marion hörte das Geräusch dicht neben ihrem Ohr, wartete auf den alles zerstörenden Schmerz, der sie von innen her auffressen würde, um wenig später ihrem Leben ein Ende zu setzen.

Er blieb aus.

Victor Jory beugte sich zurück, und als Marion ihre Schrecksekunde überwunden hatte, sah sie, dass der Mann ihr einige Haare abgeschnitten hatte. Er hielt sie zwischen Daumen und Zeigefinger der linken Hand.

Ein Verrückter!, schoss es Marion durch den Kopf. Wirklich, ich bin an einen Verrückten geraten. Eine andere Erklärung fand sie nicht.

Victor Jory legte die Haare in ein kleines Kästchen, das er sorgfältig verschloss.

Marion Baumann konnte noch immer nicht begreifen, dass sie mit dem Leben davongekommen war. Aber langsam fasste sie wieder Mut.

Sie musste sich räuspern, ehe sie ein Wort sprechen konnte. »Was – was haben Sie mit mir gemacht?«, fragte sie mit schwacher Stimme.

Jory gab keine Antwort. Er drehte sich zur Seite, beugte sich in den Wagen, hantierte dort herum, wandte kurz den Kopf, und ehe Marion sich versah, warf er sich über sie und presste ihr einen übel riechenden Wattebausch vor den Mund.

Äther! Das war das Letzte, woran Marion denken konnte, ehe sie ohnmächtig wurde.

Victor Jory nickte zufrieden. Er entfachte eine fieberhafte Tätigkeit.

Zuerst löste er die Fesseln des Mädchens und verstaute den Draht sorgfältig wieder im Handschuhfach. Er musste sich beeilen. Er hatte sowieso schon zu viel Zeit verloren. Die Flucht des Mädchens hatte ihm nicht ins Konzept gepasst. Normalerweise hatte er seine Opfer blitzschnell überwältigen können und letzten Widerstand mit dem äthergetränkten Wattebausch erstickt.

Die Taschenlampe gab für seine Arbeit genügend Licht. Victor Jory griff in den Koffer, holte einige Räucherstäbchen hervor und steckte sie so um das Mädchen herum in den Boden, dass sie die Form eines Pentagramms ergaben. Dann zündete er eine Kerze an und hielt die Flamme gegen die einzelnen Stäbchen.

Augenblicklich wölkte Rauch auf und zog träge über das am Boden liegende Mädchen. Ein süßlicher, aber doch ekelhaft beißender Geruch zog in die Nase des Mannes.

Jory hatte inzwischen in den Koffer gegriffen und seine beiden Handflächen mit Lehm bedeckt.

Es war ein besonderer Lehm. Dämonenerde, vermischt mit dem schwarzen Blut der Höllendiener. Es gab diesen Lehm nur an einem Platz der Erde, und der wiederum war nur wenigen Eingeweihten bekannt.

Victor Jory kannte ihn gut, sehr gut sogar, denn dieser Platz sollte einmal die Stätte seines großen Triumphes werden.

Im Schneidersitz hockte der Engländer am Boden. Er hatte den Kopf in den Nacken gelegt, die Augen zu Sicheln verengt, und seine Finger umschlossen die Dämonenerde.

Sie bohrten sich in den Lehm, kneteten ihn durch, formten, modellierten, und während Jorys Lippen geisterhafte Beschwörungen murmelten, entstand unter seinen geschickten Fingern eine Figur.

Eine Frauenfigur.

Jory arbeitete selbstvergessen. Er war in einen tranceähnlichen Zustand gefallen, schien die Umwelt völlig vergessen zu haben, und nur an der Tätigkeit seiner Finger war zu erkennen, dass überhaupt Leben in ihm steckte.

Die Zeit verrann.

Die kleine Figur wurde glatter, die Hüften rundeten sich, Brüste waren entstanden.

Jetzt war das Gesicht an der Reihe.

Jorys Fingerkuppen formten eine Nase, den Mund, Ohren, Augen. Beinahe jede Falte wurde nachmodelliert. Als die Figur fast fertig war, folgte der wichtigste Teil der Arbeit.

Jory öffnete das Kästchen und holte die Haare des Mädchens hervor. Er presste sie in den Lehm, glättete die Stelle mit dem Handballen und hatte das fertige, etwa unterarmgroße Abbild einer Frau vor sich.

Jory nahm die kleine Figur und legte sie auf den Körper der ohnmächtigen Marion Baumann.

Träge zog der beißende Rauch der Räucherstäbchen durch den Wald und legte sich wie ein weißgrauer Nebel auf den Körper des Mädchens.

Jetzt begann der letzte Teil des Rituals.

Victor Jory kniete sich hin, hob die Arme und drehte die Handflächen nach außen.

Er öffnete den Mund. Seltsame abgehackte Laute drangen über seine Lippen. Es war eine Sprache, die auf der Welt nicht mehr gesprochen wurde – es sei denn, besonders gefährliche Situationen erforderten es.

So wie jetzt!

Die Luft schien sich plötzlich zu verdichten. Der Rauch ballte sich zusammen, wirkte wie eine feste plastische Masse.

Victor Jory sprach immer schneller. Er selbst war in Schweiß gebadet. Die Beschwörung kostete ungeheuer viel Kraft, doch dann hatte er es geschafft.

Aufseufzend ließ er die Arme sinken, saß minutenlang in völliger Regungslosigkeit und nahm dann die Räucherstäbchen aus dem Boden, die so gut wie abgebrannt waren. Sorgfältig verstaute Jory die Stäbchen wieder in den dafür vorgesehenen Taschen, schloss den Koffer und legte ihn auf den Rücksitz.

Dann erst wandte er sich dem immer noch bewusstlosen Mädchen zu.

Mit spitzen Fingern nahm Jory die Puppe hoch, hielt sie gegen das Licht der Taschenlampe.

Der Engländer hatte Mühe, einen Triumphschrei zu unterdrücken.

Die Beschwörung war gelungen und damit ein unheimliches Karussell in Gang gesetzt worden.

Die Puppe hatte jetzt das Gesicht der ohnmächtigen Marion Baumann!

Victor Jory lachte böse. Sein Herz hüpfte vor Freude. Wieder ein Opfer mehr. Aber das Mädchen wusste nichts davon. Es würde sich wundern, wenn es erwachte.

Der Engländer wickelte die Puppe vorsichtig in ein Tuch ein. Sie war jetzt hart geworden, und es musste schon Kraft aufgewendet werden, um die äußere Schale zu zerstören.

Victor Jory beseitigte die letzten verräterischen Spuren und schloss die Tür des Wagens. Bevor er sich hinter das Lenkrad setzte, blieb er einige Zeit neben der Bewusstlosen stehen. Er blickte in das Gesicht, das weiß in der Dunkelheit leuchtete.

»Wir sehen uns wieder«, flüsterte Victor Jory. »Bald schon. Und dann wirst du eingehen in den Kreis der Gleichgesinnten, um die Aufgabe des großen Guru erfüllen zu können.«

Abrupt drehte sich der Mann um, stieg in den BMW, startete und fuhr zurück.

Er wendete am Waldrand und rollte gemächlich der Straße entgegen, über die er die Autobahn erreichen wollte.

Er wollte bis Nürnberg fahren, dort den Wagen einfach stehen lassen, um dann mit dem Zug München zu erreichen. Von dort aus sollte es mit einem Flugzeug nach London gehen. Durch den kleinen Umweg über München hoffte er, seine Spur gut genug verwischt zu haben.

Zurück blieb ein junges Mädchen, das nicht ahnte, dass es mit dem Satan einen unfreiwilligen Pakt geschlossen hatte …

Als Marion Baumann zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit aus ihrer Bewusstlosigkeit erwachte, war ihr hundeelend. Sie hatte noch immer den widerlichen Äthergeruch in der Nase, und im nächsten Augenblick stieg ihr der Magen in die Kehle.

Marion Baumann musste sich übergeben. Danach ging es ihr ein wenig besser.

Sie stellte fest, dass sie nicht mehr gefesselt war. Sie wälzte sich auf die Seite und zog sich an einem Baumstamm hoch. Für einen Moment begann sich alles um Marion herum zu drehen, und nur durch tiefes Durchatmen gelang es ihr, die Welt so zu sehen, wie sie tatsächlich war.

Sie befand sich noch immer in dem Wald. Der Mann jedoch war verschwunden. Da sich Marions Augen inzwischen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, konnte sie erkennen, dass die Profile des BMW Spuren im Boden hinterlassen hatten und Marions Abenteuer demnach kein Traum gewesen war.

Aber was hatte dieser komische Kerl von ihr gewollt? Vergewaltigt hatte er sie nicht. Vielleicht war der Typ auch ein Perverser, der sich an bewusstlosen Frauen weidete, ohne sie anzufassen. Man musste heutzutage alles in Betracht ziehen. In einer Zeit, in der das Anormale zum Normalen erhoben wurde, war eben alles möglich.

Die Hauptsache war jedoch, dass sie noch lebte.

Vergeblich versuchte sie sich an den Namen des Mannes zu erinnern. Er wollte ihr einfach nicht einfallen.

Auf jeden Fall musste sie erst mal zusehen, dass sie aus diesem düsteren Wald hinauskam. Nach ein paar Schritten stolperte sie über etwas Weiches und wäre fast gefallen, wenn sie sich nicht im letzten Moment an einem knorrigen Ast festgehalten hätte.

Das Hindernis war ihre Tasche. Der Fahrer hatte sie aus dem Wagen geworfen.

Eigentlich nett, dachte Marion, hob die Tasche auf und hängte sie sich über die linke Schulter.

Sie verließ den Wald, und je weiter sie ging, umso stärker spürte sie die Nachwirkungen der brutalen Behandlung. Sie hatte Kopfschmerzen, und dort, wo sie der Schlag mit der Taschenlampe getroffen hatte, wuchs eine Beule aus der Stirn. Außerdem war das Gefühl der Übelkeit noch nicht ganz gewichen.

Hinter einer mit Gras bewachsenen Hügelwelle funkelten die Lichter eines Dorfes. Marion blickte auf ihre Uhr und stellte fest, dass es noch fast eine Stunde bis Mitternacht war. Sie wollte das Dorf ansteuern, vielleicht konnte sie dort ein Zimmer für die Nacht mieten.

Um Punkt vierundzwanzig Uhr stieß sie die Tür zu einer Gaststätte auf. In dem Gebäude befand sich auch eine kleine Pension.

Der Wirt spülte Gläser und sah überrascht auf, als das Mädchen den Schankraum betrat.

»Wir haben schon geschlossen«, brummte der Mann. »Es gibt nichts mehr.«

Marion ließ sich nicht beirren, sondern ging bis zum Tresen. Sie stellte die Tasche ab, stützte beide Hände auf den Handlauf und fragte leise: »Kann ich für die Nacht vielleicht ein Zimmer bekommen?«

Erst jetzt schaute der Wirt richtig auf. Er legte das Geschirrtuch zur Seite und bekam große Augen. »Himmel, wie sehen Sie denn aus?«

»Wieso? Ich …« Marion sah an sich herunter und erkannte, wie verdreckt ihre Kleidung war.

»Ist etwas passiert?« Die Stimme des Wirtes klang besorgt. Er war ein Mann um die Fünfzig mit einer spiegelglatten Glatze und einem runden Bauch, um den sich eine Lederschürze spannte.

Marion versuchte ein Lächeln. »So kann man es auch nennen. Ich bin per Anhalter gefahren, und der Mann …«

»Sie brauchen gar nicht weiterzureden«, sagte der Wirt. »Er hat versucht, Sie zu vergewaltigen.«

»Ja«, log Marion. »Nur hat er es nicht geschafft.«

»Na, da haben Sie ja noch mal Glück gehabt. Und jetzt kommen Sie mal mit in die Küche. Meine Frau wird Ihnen sicherlich noch etwas zu essen machen. Ein Zimmer können Sie natürlich auch haben.«

»Danke, Sie sind sehr nett.«

Der Wirt hob verlegen die Schultern.

Die Wirtin schlug dem Mädchen einige Eier in die Pfanne, und während Marion aß, musste sie die ganze Geschichte erzählen. Sie dichtete viel hinzu, sprach von einer atemberaubenden Flucht und verschwieg die eigentlichen Tatsachen. Die hätte ihr sowieso niemand geglaubt. Nachdem sie satt war und auch eine Zigarette geraucht hatte, fragte sie, ob sie einmal nach Nürnberg telefonieren könne.

»Aber sicher doch«, sagte die Wirtin. »Der Apparat steht in der Gaststube.«

Marion wählte die Telefonnummer ihrer Nürnberger Bekannten. Sie wartete ungeduldig darauf, dass jemand den Hörer abnahm, und endlich – nach dem siebenten Läuten – meldete sich eine verschlafene Stimme.

»Hör zu, Karin«, sagte Marion schnell. »Ich bin’s.«

»Lieber Himmel, ich dachte, du würdest gar nicht mehr kommen. Bist du schon in Nürnberg? Soll ich dich abholen?«

»Nein, nein, Karin, ich komme erst morgen. Es ist etwas passiert.«

»Was Schlimmes?«

»Das erzähle ich dir alles morgen. Du brauchst dir jedenfalls keine Sorgen zu machen.«

»Wenn du das sagst. Also dann bis morgen. Nein – heute«, verbesserte sich Karin Klinger. »Und gib auf dich acht, ja?«

»Natürlich, Karin, wird schon schiefgehen.«

Marion Baumann legte den Hörer auf. Die Wirtin stand hinter ihr, lächelte sie freundlich an und sagte: »Kommen Sie, ich zeige Ihnen jetzt Ihr Zimmer.«

Es lag im ersten Stock und war ein gemütlich eingerichteter Raum mit einem großen Federbett. Marion zog sich aus, wusch sich, fiel in das Bett und war innerhalb der nächsten Sekunden eingeschlafen.

Sie schlief einem neuen, grauenvollen Tag entgegen …

Superintendent Powell erhob sich von seinem Schreibtischsessel, als der Arzt von einer Sekretärin in das Büro geführt wurde.

»Sie sind Dr. Hollister«, sagte Powell mit einem verbindlichen Lächeln auf dem Gesicht.

»Ja.« Der Arzt nickte, nahm den angebotenen Platz dankend an, öffnete seine Aktentasche, entnahm dieser einen roten Schnellhefter und legte ihn auf Powells Schreibtisch.

Der Superintendent musterte Hollister durch die dicken Gläser seiner Brille. Dr. Hollister war ein mittelgroßer Mann mit energischen Gesichtszügen, in denen die blauen Augen wie zwei Dolche hervorstachen. Der Mann sah aus, als ließe er sich nichts vormachen. Er hatte früher in einem großen Londoner Krankenhaus gearbeitet, dann gekündigt und war Polizeiarzt beim Yard geworden. Hier hatte Hollister schon für einiges Aufsehen gesorgt, denn er gehörte nicht gerade zu den Jasagern.

»Sie hatten mir ja schon am Telefon einige vage Andeutungen gemacht, Doktor«, sagte Powell, »aus denen ich eigentlich nicht richtig schlau geworden bin. Womit kann ich Ihnen nun konkret helfen?«

Der Arzt legte beide Hände gegeneinander und blickte Powell an. »Das ist auch jetzt nicht so einfach zu erklären. Um es vorauszuschicken, ich habe keinen Beweis, nur Annahmen und reine Verdächtigungen.«

»Dann schießen Sie mal los.« Superintendent Powell lächelte schmal. »Wie Sie ja sicherlich wissen, sind wir eine Abteilung, die sich mit Fällen beschäftigt, die etwas außerhalb der Norm liegen. Unter Umständen sind Sie bei uns gerade richtig.«

»Das hoffe ich, Sir. Um es direkt zu sagen, mich beschäftigen einige Todesfälle. Normale Todesfälle, wie Ihre Kollegen meinen. Aber ich bin anderer Meinung.«

»Haben Sie Gründe?«

»Ja und nein. Denn hier schon beginnt die Spekulation. In letzter Zeit haben sich in London Todesfälle gehäuft, die durch Herzversagen eingetreten sind. Fünf junge Mädchen im Alter zwischen zwanzig und fünfundzwanzig Jahren fallen mir nichts dir nichts um. Diagnose: Herzversagen.«

»Entschuldigen Sie, Doktor, aber ist das nicht normal?«

»Sehen Sie, Sir, so haben Ihre Kollegen auch argumentiert. Ich bin mit meiner These nirgendwo auf fruchtbaren Boden gestoßen, doch ich lasse mich nicht davon abbringen, dass an diesen Todesfällen etwas faul ist. Fünf Mädchen in einem blühenden Alter. Das ist«, Hollister breitete die Arme aus, »ich will nicht gerade sagen unmöglich, aber doch ungewöhnlich. Doch es sind nicht nur Theorien, die ich habe. Ich selbst habe mich persönlich in den Fall, wenn ich ihn mal so nennen darf, hineingekniet. Ich habe mich um das Privatleben der Opfer gekümmert und festgestellt, dass die Mädchen samt und sonders Studentinnen waren und gern per Anhalter fuhren.«

Superintendent Powell nickte nachdenklich. »Das ist zwar immer noch kein Beweis, doch eine Spur, die sich mit unseren Vermutungen deckt.«

»Wie soll ich das verstehen?«

Powell lehnte sich in seinem Schreibtischsessel zurück. »Wir haben seit einiger Zeit hier beim Yard einen Supercomputer, der alles speichert, was sich in der Welt an ungewöhnlichen Vorfällen ereignet, die Informationen sortiert, auswertet und uns auf etwaige Zusammenhänge aufmerksam macht. Gekoppelt ist der Apparat an die elektronische Anlage von Interpol. Diese Todesfälle sind leider nicht nur in England vorgekommen, sondern auch auf dem Kontinent. In den Niederlanden und in Frankreich hat es ebenfalls vier Tote gegeben. Auch junge Mädchen, die gern per Anhalter reisten.«

»Das ist ein Ding.« Dr. Hollister schlug mit der Faust auf Powells Schreibtisch. »Und mir wurde gesagt, dass ich spinne und …«

»Langsam, langsam, lieber Doktor. Ich muss meine Kollegen in Schutz nehmen. Es weiß niemand außer einigen Eingeweihten von unserem Verdacht, und wir werden uns hüten, ihn an die große Glocke zu hängen. Nein, noch ist alles in der Schwebe. Wenn die Sache an die Öffentlichkeit dringt, könnte es die größte Unruhe geben. Unsere Abteilung, die sich mit außergewöhnlichen, übersinnlichen Fällen beschäftigt, arbeitet ziemlich im Geheimen. Wir haben kaum Mitarbeiter. Die meisten sind in der Verwaltung beschäftigt.«

»Aber wie lösen Sie denn dann die Fälle?«

»Well, da gibt es einen Mann, der unter den Kollegen Geisterjäger genannt wird. Früher eher abfällig, doch heute spricht man schon mit einiger Hochachtung von ihm, denn dieser Mann ist ein Ass, und die Aufklärungsquote seiner Fälle beträgt hundert Prozent.«

»Und wie heißt der Mann?«, fragte Dr. Hollister.

»Oberinspektor John Sinclair.«

Hollister pfiff durch die Zähne. »Ja, davon habe ich gehört. Wenigstens von diesem Mann. Dieser John Sinclair soll ja ein kleines Wundertier sein.«

»Alles halb so schlimm. John Sinclair tut nur das, was wenige Menschen machen. Er paart Fantasie und Verstand. Und diese Basis braucht man bei solch kniffligen Fällen.«

»Weiß er schon von seinem Glück?«, fragte Doc Hollister.

»Nein. Er ist zwar über die Todesfälle informiert, ahnt aber noch nicht, dass wir einsteigen. Sie können beruhigt sein, Doc, der Fall liegt bei John Sinclair in guten Händen.«

»Das bin ich tatsächlich, Sir«, sagte der Arzt und erhob sich.

Powell reichte ihm zum Abschied die Hand und begleitete ihn bis zur Tür. »Es ist klar, dass wir Sie auf dem Laufenden halten«, sagte der Superintendent. »Unternehmen Sie nur nichts, und machen Sie auch die Kollegen nicht kopfscheu.«

»Natürlich, Sir. Auf Wiedersehen.«

Als sich die Tür hinter Doc Hollister geschlossen hatte, nahm Powell eine Magentablette und spülte sie mit einem Schluck Wasser hinunter. Der Superintendent hatte ein ungutes Gefühl. Er sah dunkle Wolken am Horizont aufziehen, bildlich gesprochen. Eins war jedenfalls klar. Hinter diesen Todesfällen steckte ein teuflisches System. Aber was für eins es war, das sollte John Sinclair herausfinden.

Der Superintendent drückte die Sprechtaste und bat den Oberinspektor in sein Büro.

Wenig später hatte John Sinclair einen Fall am Hals, der ihn in des Teufels Küche führen sollte …

Victor Jory war wieder in London!

Mit gemessenen Schritten schlenderte er durch die große Abfertigungshalle des Flughafens. Alles war glattgegangen. Niemand hatte sich um ihn gekümmert, niemand hatte ihn aufgehalten. Jory konnte hochzufrieden sein.

Der braune Koffer war durch eine Kette mit seinem rechten Handgelenk verbunden. Wenn er ihn verlor, dann sah es schlecht aus. Und es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass Diebe einem Reisenden das Gepäck gestohlen hätten.

Für Jory war die Londoner Luft wie Balsam. Hier in der britischen Metropole fühlte er sich wohl, hier war er geboren, hier war er zu Hause. Er hatte seinen Aktionsradius zwangsläufig auch auf das Festland ausweiten müssen, denn noch einige Todesfälle mehr in der Millionenstadt hätten unter Umständen zu großes Aufsehen erregt. Und die englische Polizei schlief nicht, insbesondere nicht Scotland Yard. Aber anscheinend war doch alles gut über die Bühne gegangen. Von irgendwelchen polizeilichen Aktivitäten hatte Victor Jory bisher nichts gemerkt.

Vor dem Flughafen winkte er sich eines der berühmten Londoner hochrädrigen Taxis und nannte sein Fahrtziel, die William Road, eine ruhige Straße am östlichen Rand des Hyde Park.

Aufseufzend ließ sich Victor Jory in die Polster sinken. Während das Taxi anfuhr, schloss er die Augen und war kurze Zeit später regelrecht eingeschlafen.

Jory brauchte Kraft für das, was vor ihm lag. Er war seinem Endziel bereits sehr nahe. Alle Vorbereitungen waren getroffen worden, jetzt musste sich der Lohn seiner Arbeit zeigen.

Jory hatte nicht umsonst zehn Jahre seines Lebens auf Haiti verbracht und dort den Voodoo-Kult genauestens studiert. Er hatte gesehen, wie Medizinmänner Tote wieder zum Leben erweckten. Es war ein fantastisches, grausiges Schauspiel gewesen. Und es hatte Victor Jory ungeheuer beeindruckt. Er hatte es geschafft, das Vertrauen der Medizinmänner zu erringen, hatte die magischen Formeln und Riten studiert – und dann, als er den Medizinmann nicht mehr brauchte, ihn eiskalt umgebracht.

Jory war wieder nach England zurückgekehrt und arbeitete als Bibliothekar an der Universität. Man hatte ihn nie für voll genommen. Er hatte nur immer die Dreckarbeit erledigen müssen, und das fraß in ihm. Verlacht hatten ihn die Leute, vor allem die Studentinnen. Jory hatte sich nie gewehrt, doch tief in seinem Innern war ein teuflischer Plan entstanden, der jetzt kurz vor der Verwirklichung stand.

Sie hatten gebüßt – alle!

Jory schreckte hoch, als er die Stimme des Taxifahrers hörte. »Wir sind am Ziel, Sir.«

»Natürlich, entschuldigen Sie. Ich bin wohl eingeschlafen.«

»Das kann man sagen.« Der Fahrer lachte. »Sie haben eine anstrengende Reise hinter sich?«

»Sehr, mein Lieber.«

Victor Jory zahlte und stieg aus. Sein Haus lag eingeklemmt zwischen den anderen Bauten. Diese Gegend war eine reine Wohnsiedlung, nicht sehr anspruchsvoll, aber auch nicht gerade zur unteren Klasse gehörend. Mittelmaß.

Jory schloss die Haustür auf. Er bewohnte in der ersten Etage ein Fünf-Zimmer-Apartment. Der Hausbesitzer hatte vor Jahren aus zwei Wohnungen eine gemacht, und Jory hatte augenblicklich zugegriffen.

Niemand begegnete ihm im Treppenhaus. Seine Ankunft wurde gar nicht bemerkt.

Jory schloss die Korridortür auf. Muffige Luft schlug ihm entgegen. Victor Jory verzog das Gesicht und öffnete erst mal einige Fenster. Dann betrat er sein Arbeitszimmer, das durch ein Spezialschloss und mehrere Riegel besonders gesichert war.

Jory knipste Licht an. Dunkle Vorhänge bedeckten die Fenster. Es war ein Raum, der Beklemmung ausstrahlte. In der Mitte lag ein seltsamer Teppich, in den allerlei fremdartige Symbole gestickt waren. Fabelwesen und Horrorgestalten aus einer Mythologie, die in den Geschichten und Sagen der Eingeborenen von Haiti heute noch stark vertreten sind. Die Wände waren ebenfalls mit dunklem Tuch bespannt, das seidig glänzte und vom Luftzug, der durch die offen stehende Tür zog, bewegt wurde.

Victor Jory löste die Kette von seinem Handgelenk und stellte den Koffer auf einen kleinen Tisch an der Längswand des Zimmers. Dann schlüpfte Jory aus seinem Mantel, hängte ihn an die Garderobe und kehrte in den Raum zurück.

Er schloss die Tür und trat an einen großen, dunklen Palisanderschrank, der bis zur Decke reichte.

Den Schrank hatte er auf einer Versteigerung erworben. Es war ein prächtiges Stück, handgearbeitet und massiv.

Jory schloss die beiden Doppeltüren auf.

Rötliches Licht geisterte im Innern des Schrankes auf, als er die Türen aufzog.

Über das Gesicht des Mannes glitt ein böses Lächeln, als seine Augen die Figuren betrachteten, die, sorgfältig aneinandergereiht, in einem Regal standen.

Es waren Puppen.

Voodoo-Puppen!

Ihre Gesichter glichen denen der ermordeten Mädchen. Sie waren verzerrt, als hätten sie eine ungeheure Qual und Pein erlebt. Aber das war nicht das Schlimmste. In jeder Puppe steckte eine dünne, jedoch stabile Nadel. Sie war mit der Spitze tief in die Brust der Puppe gedrungen, genau dort, wo bei einem Menschen das Herz sitzt …

Neun Puppen waren es.

Neun Tote …

Und heute noch sollte die zehnte hinzukommen.

Jorys Augen funkelten, als er sich abwandte und seinen Koffer aufschloss.

Die Puppe lag auf dem Rücken. Noch war ihr Gesicht friedlich, zeigte den Ausdruck, den Jory bei der bewusstlosen Marion Baumann gesehen hatte.

Doch das sollte sich ändern.

Vorsichtig nahm Jory die Puppe in die Hand, trat auf den Teppich und ließ sich in dessen Mitte nieder.

Aus der Innentasche seines Jacketts holte er ein kleines schmales Etui hervor, öffnete es und entnahm diesem eine Nadel.

Sie war etwa fingerlang, vorne zugespitzt und bestand aus einem Metall, das in einer Dämonennacht geschmiedet worden war. Die Legierung war biegsam und doch hart.

Es war die letzte Nadel.

Aber zehn Opfer reichten Victor Jory. Mit ihnen konnte er seinen höllischen Plan durchführen.

Der schwarzhaarige Engländer war in sich zusammengesunken. Langsam strich er mit der Nadel über seinen Ring, der wie festgewachsen an seinem Finger der linken Hand saß.

Dieser Ring war ein Werk des Teufels. Jory hatte ihn dem Medizinmann gestohlen.

Er hatte eine dunkelgrüne Oberfläche, die plötzlich in Bewegung geriet, als Jory mit der Nadel darüberstrich.

Der Ring begann sich zu verändern. Die tiefgrüne Farbe verblasste, wurde durchscheinend, und dann war für Bruchteile von Sekunden ein schreckliches Gesicht zu sehen.

Das Gesicht des Teufels!

Es war so weit.

Der Satan hatte Victor Jorys Opfer angenommen.

Tief zog Jory den Atem ein. Er nahm die Puppe und legte sie auf den Handteller der linken Hand. In der rechten Hand hielt er die Nadel.

Langsam näherte sich die Spitze der kunstvoll geformten Puppe.

Eine fast greifbare Spannung schien in dem Zimmer zu liegen. Jory keuchte, seine Augen drohten aus den Höhlen zu treten. Sein Herz raste.

Jetzt berührte die Spitze der Nadel die Brust der Puppe.

Ein Ruck – und …

Ein leiser, unheimlicher Laut drang aus dem Mund der Puppe. Das Gesicht verzerrte sich zu einer Grimasse der Qual und Pein.

Victor Jory lachte. Stück für Stück bohrte er die Nadel in den Körper der Puppe, bis die Spitze das Herz berührte …

Marion Baumann war mit dem Zug nach Nürnberg gefahren. Die Wirtsleute gaben ihr noch gute Ratschläge mit auf den Weg. Sie hatten noch nicht einmal etwas für die Übernachtung und das Essen genommen. So etwas fand man selten.

Mit dem Bahnbus war Marion bis nach Würzburg gefahren und hatte dort den Zug genommen.

Gegen Mittag traf sie in Nürnberg ein. Sie kam sich ein wenig verloren auf dem Bahnhof vor, wurde ein paar Mal angesprochen, war es schließlich leid und suchte eine Telefonzelle auf, um ihre Freundin Karin Klinger zu erreichen.

Karin arbeitete bei einer großen Versicherung. Sie hatte nach dem Abitur diesen Job angenommen, da der Numerus clausus ihr einen Platz für Medizin verwehrte.

Marion wurde ein paar Mal hin und her verbunden und hatte ihre Freundin schließlich an der Strippe.

Karin Klinger freute sich, dass Marion schon in Nürnberg war. Sie wollte sich sogar einen halben Tag frei nehmen und Marion vom Bahnhof abholen. Die beiden Mädchen verabredeten sich für vierzehn Uhr. Als Treffpunkt diente der Wartesaal.

Bei einer Tasse Kaffee vertrieb Marion sich die Zeit. Noch immer spukte ihr das Erlebte im Kopf herum, und ein ums andere Mal stellte sie sich die Frage: Was hatte dieser Kerl nur von ihr gewollt? Er war doch bestimmt nicht ohne Grund mit ihr in diesen Wald gefahren. Irgendetwas hatte er doch damit bezweckt.

Karin Klingers Eintreffen riss Marion aus ihrer Grübelei.

»Hallo, Marion!«, rief Karin, und Sekunden später lagen sich die beiden Freundinnen in den Armen.

Karin Klinger war ein kleines zierliches Persönchen mit einem schwarzen Wuschelkopf und großen braunen Rehaugen. Sie trug fast ausschließlich Hosenanzüge, denn sie war der Meinung, dass sie darin größer wirkte. Karin war etwas rundlich, was auf den Genuss von allzu viel Sahnetorte zurückzuführen war. Aber wegen ihrer Figur machte sie sich keine Sorgen. Sie stand auf dem Standpunkt, dass Männer gern etwas im Arm haben wollten.

»Komm, setz dich«, sagte Marion. »Wir trinken noch eine Tasse Kaffee.«

Karin schüttelte den Kopf. »Nein, Schatz. Wir fahren zu mir, dort ist es billiger.«

»Auch gut.«

Marion Baumann zahlte, und die beiden Mädchen verließen Arm in Arm den Wartesaal.

Karin hatte ihren Wagen vor einer Parkuhr abgestellt. Es war ein orangefarbener VW, Baujahr 1968. Karin hatte das Fahrzeug billig erstanden, und für den Stadtverkehr war es genau richtig.

Während der Fahrt zu Karins Wohnung unterhielten sich die beiden Freundinnen über die Vergangenheit. Marion berichtete auch von ihrem Erlebnis. Karin Klinger war der Meinung, dass Marion es doch aufgeben solle, immer per Anhalter zu fahren.

»Ich glaube, das werde ich auch«, meinte Marion.

Karin Klinger wohnte in einem Nürnberger Vorort in einem zehnstöckigen Hochhaus. Sie hatte dort ein kleines Apartment gemietet. Es bestand aus einem Zimmer, der kleinen Küche und einer Dusche. Ihren Wagen konnte Karin in einer Tiefgarage parken.

Mit dem Fahrstuhl fuhren die Mädchen in den siebenten Stock. Karin schloss die Wohnungstür auf und sagte: »Bitte einzutreten, die Dame.«

Durch eine winzige Diele ging es in den Wohnraum. Er war ungefähr fünfundzwanzig Quadratmeter groß und modern eingerichtet. Regale bedeckten die Wände. In der Mitte des Raumes standen einige Sitzelemente, die Karin zu einer Couch zusammengebaut hatte und vor der ein niedriger Tisch stand.

»Nett hast du’s hier«, sagte Marion.

Karin lächelte. »Ich fühle mich ganz wohl.«

»Und wo schläfst du?«

»Auf der Couch. Ist doch Platz genug. Aber jetzt etwas anderes – wahrscheinlich willst du erst mal duschen, oder?«

Marion nickte. »Du, das ist ’ne Idee.«

»Wusste ich’s doch.« Karin Klinger öffnete die Tür zu der kleinen Duschkabine. »Ein Handtuch findest du auch. Ich koche inzwischen Kaffee. Willst du meinen Bademantel haben?«

»Das wäre nett.«

Karin holte den Bademantel aus einem Einbauschrank in der Diele, und wenig später stand Marion Baumann unter der Dusche.

Sie fühlte sich fast wie im Paradies, als die Wasserstrahlen auf ihren Körper prasselten. Mal heiß – mal kalt. Marion reckte sich wohlig, und sie hatte das Abenteuer der letzten Nacht schon fast vergessen …

»Der Kaffee ist fertig!«, rief Karin aus dem Wohnraum.

»Ich bin gleich so weit!« Marion hatte Mühe, mit ihrer Antwort das Rauschen der Dusche zu übertönen.

Sie drehte den Hahn zu, frottierte sich ab und öffnete das kleine Fenster. Dann schlüpfte sie in den flauschigen Bademantel. Fröhlich pfeifend betrat sie den Wohnraum.

Karin hatte schon den Tisch gedeckt. Kaffeegeruch zog durch den Raum und kitzelte angenehm Marions Nase. Eine Schale mit Gebäck stand ebenfalls bereit.

»Setz dich, und greif zu«, sagte Karin Klinger, während sie den Kaffee einschenkte.

Marion hatte Hunger. Sie aß mit großem Appetit und trank zwei Tassen Kaffee. Hinterher – als die Zigaretten brannten – fragte Karin: »Was hast du denn jetzt vor?«

Marion hob die Schultern. »Das weiß ich selbst noch nicht. Ich wollte eigentlich nach Süden trampen.«

Karin sah die Freundin zweifelnd an. »Na, ich weiß nicht.«

Marion lächelte. »Ja, nach dem Abenteuer mit diesem komischen Kerl ist mir die Lust auch vergangen. War eben Pech. Ich habe einfach keine Lust mehr, in der Uni zu hocken und mir jeden Tag das Gelaber der Professoren anzuhören. Ich will etwas erleben. Wenigstens solange ich noch jung bin.«

»Und später?«

»Wird geheiratet. Ich denke, so mit fünfundzwanzig werde ich schon einen finden, der genügend Geld hat.«

Karin Klinger lächelte. »Vorstellungen hast du …«

»Wieso?«

»So einfach sind die Männer auch nicht zu kriegen. Die wissen heute genau, was sie wollen. Und meistens sind die guten Partien schon weg.«

»Sprichst du aus Erfahrung?«

»Teils – teils. Ich kannte mal einen, da dachte ich, es wäre die große Liebe. Aber dann habe ich gehört, dass der Knabe verheiratet ist. Pech – er hat mich eiskalt ausgenutzt.«

»Und jetzt?«, fragte Marion. »Hast du einen festen Freund?«

»Nein. Aber viele Bekannte.«

»Aha.« Marion lächelte wissend.

»Du, da fällt mir ein, wir könnten heute Abend eine Party starten. Hast du Lust? Ich lade ein paar von unserer Clique ein. Irre Typen, kann ich dir sagen.«

»Meinetwegen. Wenn es dir nicht zu viel Mühe macht.«

»Unsinn. Ich hänge noch einen Tag Urlaub dran. Dann können wir richtig auf die Pauke hauen. Dabei wirst du bestimmt diesen Mistkerl von gestern Nacht vergessen.«

Karin Klinger wollte aufspringen, um zum Telefon zu gehen, doch mitten in der Bewegung stoppte sie.

Marion Baumann war plötzlich blass geworden. Sie bog sich auf der Couch zurück und presste ihre Hand in Höhe des Herzens gegen die Brust. Schweiß glänzte auf ihrem Gesicht.

»Himmel, Marion, was ist?« Karin Klinger war aufgesprungen. Aus entsetzten Augen starrte sie auf ihre Freundin, die zur Seite gekippt war und sich in wilden Krämpfen auf der Couch wand.

»Ich – ich …«, röchelte Marion. »Ich weiß nicht, was …« Ihre Stimme versagte. Schaum stand plötzlich vor ihrem Mund. Sie schrie auf, ihr Gesicht lief blau an. Fingerdick traten die Adern hervor.

Karin Klinger rannte zum Telefon. Ein Arzt, hämmerte es in ihrem Hirn. Ich muss einen Arzt anrufen.

Es war schon zu spät. Als Karin Klinger einen Blick auf ihre Freundin warf, sah sie, wie sie sich ein letztes Mal aufbäumte und dann mit einem Ächzlaut zusammensank. Ihr linker Arm fiel herab, die Finger wühlten sich in den flauschigen Teppich.

Marion Baumann war tot!

Das nackte Entsetzen war in Karin Klingers Gesicht gemeißelt. Sie konnte nicht fassen, was ihre Augen sahen. Mit leerem Blick stierte sie auf die Tote.

»Marion«, flüsterte sie. »Marion, um Himmels willen, so sag doch etwas!«

Doch Marion Baumann gab keine Antwort.

»Marion!« Plötzlich brüllte Karin Klinger los. Ihre Nerven spielten nicht mehr mit. Sie warf sich auf dem Absatz herum, rannte durch die kleine Diele und riss die Wohnungstür auf.

»Sie ist tot!«, schrie sie. »Sie ist tot!«

… tot … tot …

Schaurig hallte die Stimme im Treppenhaus wider. Türen wurden aufgerissen. Menschen liefen zusammen. Ein Mann packte die Tobende an den Schultern, rüttelte sie durch, und als das auch nichts half, versetzte er ihr eine Ohrfeige.

Karin Klingers Schreien verstummte. Verwirrt blickte sie den Mann an.

»Also, was ist geschehen, Fräulein Klinger?«

Karin begann zu weinen. »Sie ist tot«, schluchzte sie.

»Wer ist tot?«

»Marion, meine Freundin. Sie liegt – sie liegt in meinem Zimmer. Plötzlich, ich weiß auch nicht wie …«

Der Mann hörte gar nicht mehr zu, sondern rannte in die Wohnung. Betroffen blieb er auf der Schwelle zum Wohnraum stehen.

»Au, verdammt«, keuchte er und lief zurück. »Wir müssen die Polizei benachrichtigen. Kümmere dich um das Mädchen«, sagte er zu seiner Frau, die ebenfalls aus der Wohnung gekommen war.

Mit zitternden Fingern wählte der Mann den Notruf der Polizei. Mit ein paar Worten erklärte er die Lage, und der Beamte versprach, einen Wagen vorbeizuschicken.

Der Mann ging wieder zurück in den Flur. Karin Klinger lehnte an der Wand und weinte. Andere Hausbewohner standen ratlos herum. Manche tuschelten miteinander, doch keiner wusste so recht, wie er sich verhalten sollte.

»Sie war doch noch so jung«, flüsterte Karin Klinger unter Tränen. »Warum musste gerade sie sterben? Alles kam so plötzlich. Wir hatten noch miteinander gesprochen – und dann …«

Die gleichen Worte erzählte Karin auch eine Stunde später der Polizei. Sie saß im Präsidium Oberkommissar Hartmann gegenüber. Hartmann war ein alter Praktiker, schon über zwanzig Jahre im Dienst und hätte sich eigentlich gar nicht weiter um diesen Fall gekümmert, wenn er nicht das Fernschreiben von Interpol gelesen hätte. Darin hieß es, dass sämtliche angeblich normalen Todesfälle, vor allen Dingen bei jungen Mädchen, sofort gemeldet werden müssten. Und dies war solch ein Todesfall.

Hartmann begann zu kombinieren und rief – nachdem Karin Klinger nach Hause gebracht worden war – das Bundeskriminalamt in Wiesbaden an. Die Beamten dort hatten einen direkten Draht zur Interpol-Zentrale in Paris.

Ein Computer begann zu arbeiten, stellte Parallelen zu den anderen Todesfällen fest, und über Fernschreiber gelangte auch die Meldung nach London auf Superintendent Powells Schreibtisch.

Der Beamte schlug mit der Faust auf den Schreibtisch. »Das ist der zehnte Fall«, sagte er leise. »Es wird verdammt Zeit, dass wir etwas unternehmen.«

Lange konnte Powell die Sache nicht mehr geheim halten, und wenn sich erst mal die Presse darauf stürzte, war ein effizientes Arbeiten unmöglich. Hoffentlich schaffte John Sinclair es, dieses Rätsel zu lösen.

Der ganze Fall passte John Sinclair von Beginn an nicht. Er hatte zu wenig in der Hand. Vieles beruhte auf Vermutungen, Hypothesen, doch einen handfesten Anhaltspunkt, den gab es nicht.

John war nicht der Typ eines Grüblers. Er gehörte zu den Praktikern, die auch mal richtig hinlangten. Das hieß allerdings nicht, dass er arbeitete, ohne seinen Verstand einzusetzen. Im Gegenteil, John Sinclair war schon mit Fällen konfrontiert worden, bei denen andere verzweifelt wären. Er hatte die unglaublichsten Dinge erlebt, hatte sich mit der Dämonenwelt angelegt und bisher immer gesiegt. Langsam war sein Name zu einer Drohung für Geister und Dämonen geworden, und gewisse Kräfte hatten alles darangesetzt, um John Sinclair zu töten. Bisher ohne Erfolg. Dabei half dem Oberinspektor, dass ihn die Schattenwesen nicht ohne weiteres erschießen wollten, nein, das war ihnen zu billig. Sie wollten John Sinclair fangen, um ihn langsam sterben zu lassen. Aber das waren bisher Wunschträume finsterer Mächte geblieben, denn John war schließlich auch kein Dummkopf und wusste sich schon gegen gewisse Attacken zu wehren.

Dabei war John Sinclair vom Äußeren her das glatte Gegenteil eines finsteren Hexenjägers. Er hatte die Dreißig soeben überschritten und war damit der jüngste Oberinspektor bei Scotland Yard. John war ziemlich groß, hatte blonde, kurz geschnittene Haare und blaugraue Augen.

Als Powell John den Fall übertragen hatte, hatte er sich leicht ironisch nach dem Befinden des Oberinspektors erkundigt.

»Mir geht es gut«, hatte John wider besseres Wissen geantwortet. Am liebsten hätte er sich ins Bett gelegt, denn am vergangenen Abend hatten er, die Privatdetektivin Jane Collins und das Ehepaar Conolly eine Party gefeiert. Doch Powell nahm auf so etwas keine Rücksicht. Ein Beamter ist immer im Dienst, pflegte er zu sagen.

Nun ja, John gab sein Bestes.

Momentan hatte er eine Liste vor sich liegen. Die Namen der Opfer waren darauf vermerkt. Zehn an Herzschlag verstorbene Frauen waren es. Die letzte Meldung war erst vor zwei Stunden über Interpol eingetroffen. In Deutschland hatte es ebenfalls einen rätselhaften Todesfall gegeben. Die Parallelen waren eindeutig, und Interpol hatte es für richtig gehalten, sich ebenfalls einzuschalten. Ein deutscher Kommissar mit Namen Will Mallmann vom BKA sollte am nächsten Tag in London eintreffen.

Immer wieder las John Sinclair die Namen und die Lebensläufe der Toten durch, suchte nach Gemeinsamkeiten und fand sie eigentlich nur bei den Opfern, die von der Insel stammten. Die fünf toten Girls hatten samt und sonders an der Uni London studiert. Das war vielleicht ein Punkt, bei dem man einhaken konnte. John kannte an der Universität einige Dozenten und hatte sich auch schon für vierzehn Uhr angemeldet.

Eine Stunde vorher setzte er sich in seinen metallicfarbenen Bentley und fuhr los. Es war eine ziemliche Strecke, quer durch London. Über die Whitehall Parliament Street ging es in Richtung Norden. Dann weiter auf der Charing Cross Road, die in die Tottenham Court Road überging, an der auch ein paar Gebäude der Universität lagen.

John fuhr an den modernen, neu errichteten Studentenwohnheimen vorbei und parkte auf einem großen Platz vor dem Verwaltungsgebäude der Universität.

Es herrschte ziemlich viel Betrieb. Das schöne Wetter hatte die Studenten nach draußen gelockt. Man sah die ersten duftigen Kleider und engen T-Shirts der jungen Mädchen. Ein prächtiger Anblick für jedes Männerauge. Auch John Sinclair genoss ihn.

Das Verwaltungsgebäude war ein alter Kasten mit dicken Mauern und hohen Gängen.

An der Anmeldung döste ein Portier, den John durch das Klopfen an der Glasscheibe aufschreckte.

Der Oberinspektor nannte den Grund seines Kommens und musste mit dem Paternoster in den dritten Stock fahren, wo der stellvertretende Personaldirektor, Mr Higgins, residierte.

Higgins kam mit ausgestreckten Händen auf John zu. »Hallo, Oberinspektor!«, rief er. »Ist ja eine Ewigkeit her, dass wir uns das letzte mal gesehen haben!«

»Meine Studentenzeit liegt ja auch schon etwas zurück«, erwiderte John grinsend.

Higgins lachte. »Immer noch der alte Witzbold, wie?«

»Ich kann’s nicht leugnen.«

Higgins ließ sich in seinen Stuhl fallen. »Also, wenn Sie meinen Job hätten, wäre Ihnen das Lachen schon vergangen.«

»Ansichtssache.«

John kannte Higgins schon einige Jahre.

Der stellvertretende Personalchef war ein Mann mit krummem Rücken, fahrigen Bewegungen und ewig verschnupfter Nase. Sein schütteres Haar klebte am Kopf.

»Es geht wohl um die toten Mädchen, nicht?«, sagte er, als die Männer Platz genommen hatten.

»Ich erwähnte es ja schon am Telefon und hoffe, dass Sie mir helfen können.«

Higgins zog ein trauriges Gesicht und schnäuzte sich umständlich die Nase. »Ich fürchte, mein lieber Oberinspektor, da sind Sie auf dem falschen Dampfer. Ich fühle mich hier praktisch als menschlicher Computer. Über das Privatleben der Studenten bin ich leider nicht informiert.«

John kniff das rechte Auge zu. »Tatsächlich nicht?«

Higgins wusste nicht, was er sagen sollte. Er lächelte fahrig. »Wie meinen Sie denn das?«, fragte er vorsichtig.

»Reden wir doch mal im Klartext, mein lieber Higgins. Wir sind ja unter uns. Seit den Studentenunruhen gibt es doch auf den Universitäten so etwas wie eine geheime Polizei. Es gibt Spitzel, die ihre Kommilitonen im Auge behalten und der Direktion laufend Berichte erstatten. Das System ist sogar sehr gut ausgeklügelt, direkt vom Secret Service übernommen. Sie sehen also, Higgins, wir wissen so einiges. Und deshalb bin ich ja auch zu Ihnen gekommen.«

Higgins war blass geworden. Abwehrend winkte er mit beiden Händen. »Um Himmels willen, Oberinspektor, reden Sie nicht so viel. Diese Sache gibt es gar nicht offiziell. Wenn das nach außen dringt …«

»Wird es nicht, Higgins.«

»Also gut, weil Sie es sind, Sinclair.«

John lächelte. »Ich wusste, dass ich mich auf Sie verlassen kann. Die Namen kennen Sie ja selbst.«

»Natürlich.« Higgins stemmte sich aus dem Stuhl. »Ich muss Ihnen aber noch einmal sagen, wie sehr mir das gegen den Strich geht.«

»Und mir erst«, erwiderte John grinsend. Doch im nächsten Augenblick wurde er ernst. »Schließlich geht es um die Klärung von zehn rätselhaften Todesfällen, und da muss man eben zu etwas unkonventionellen Mitteln greifen.«

Higgins trat kopfschüttelnd an einen Schrank und schloss ihn auf. Er holte einen unscheinbaren grauen Schnellhefter hervor und drückte ihn John in die Hand. »Ich habe schon alles vorbereitet, Oberinspektor«, meinte er mit einem säuerlichen Lächeln.

»Wir verstehen uns immer besser, Higgins.« John schlug den Schnellhefter auf. Die Namen der Toten waren alphabetisch geordnet. Die erste Seite beschäftigte sich mit den persönlichen Daten der Mädchen, wie Geburtstag, -ort und so weiter.

John las die Vermerke in aller Ruhe. Ein paar Mal machte er sich Notizen und klappte den Hefter schließlich zu.

Higgins riss ihn John förmlich aus der Hand und schloss ihn wieder weg.

»Nun, Oberinspektor, schlauer geworden?«

»Ja.«

»Ach.« Higgins ließ sich überrascht in seinen Stuhl fallen. »Was ist Ihnen denn aufgefallen?«

»D

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