Logo weiterlesen.de
Kommissar Morry - Schieß, wenn du kannst

Kommissar Morry - Schieß, wenn du kannst

Cedric Balmore

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2017.

Inhaltsverzeichnis

Title Page

Kommissar Morry

Copyright

Kommissar Morry | Schieß, wenn du kannst | Krimi von Cedric Balmore

Kommissar Morry | Schieß, wenn du kannst | Kriminal-Roman

Sign up for Cedric Balmore's Mailing List

Further Reading: 11 Thriller für den Sommer Juli 2017

Also By Cedric Balmore

About the Publisher

Kommissar Morry

Kommissar Morry ist eine Serie von Kriminalromanen mit allen Zutaten klassischer Detektivgeschicten im englischen Stil. Nebelige Gassen, unheimliche Geschehnisse, skrupellose Mörder und ein Ermittler, der mit Scharfsinn und Beharrlichkeit dem Verbrechen den Kampf angesagt hat. Die Romane erschienen in den 1950er Jahren und spiegeln ihre Zeit wieder.

Verfasst wurden die Kommissar Morry Kriminalromane  von Cedric Balmore (d.i. Hans E. Ködelpeter),  der später auch zahlreiche Romane zu den Serien Jerry Cotton, Kommissar X  und 'Die schwarze Fledermaus beitrug.

Kommissar Morry

Schieß, wenn du kannst

Krimi von Cedric Balmore

Ein Mann erwacht in einer Ruine, und mit ihm erwacht das Grauen, Auf der Flucht vor dem Gesetz, gejagt von der Anschuldigung, seine Freundin getötet zu haben, gerät er in die Maschen eines Netzes von Mord und Verbrechen. Verzweifelt wehrt er sich gegen den teuflischen Strudel, in den et sich immer tiefer zu verstricken droht, aber es bedarf erst des Eingreifens von Scotland Yard, um ihn aus diesem Alptraum zu retten.

SCHIESS, WENN DU KANNST ist ein lebendiger Kriminalroman bester Provenienz. Er schenkt dem Leser nichts. SCHIESS, WENN DU KANNST ist ein echter Morry, der bis zur letzten Seite nichts von seiner knisternden Spannung verliert. Sie werden diesen Roman so schnell nicht vergessen!

Kommissar Morry

Schieß, wenn du kannst

––––––––

Kriminal-Roman

Plötzlich war ihm kalt. Er richtete sich langsam auf und starrte in die Dunkelheit. Unter ihm knackten die Dielenbretter. Es waren nicht mehr viele. Die Straßenjungens hatten die meisten schon herausgerissen. Er spürte, daß seine Schultern schmerzten und sehnte sich nach einem weichen, warmen Bett.

Er schlüpfte in das Jackett, das er während des Schlafens über sich gebreitet hatte und fingerte nach dem Zigarettenpäckchen und den Streichhölzern in seiner Tasche. Ehe er eine der Zigaretten anbrannte, stand er ächzend auf, um aus dem Fenster zu blicken. In dem Rahmen steckten nur noch einige spitze, verdreckte Splitter. Die nächste Straßenlaterne verbreitete ein kalkiges Licht auf der leeren Straße.

Rasch steckte er die Zigarette in Brand und warf das Streichholz zu Boden, um es auszutreten. Während er einen tiefen Zug machte, überlegte er, was ihn gewckt haben mochte. Ach ja, die Kälte; vielleicht auch nur die Tatsache, daß er auf dem schmutzigen Holzboden gelegen hatte, ohne Unterlage, ohne eine wärmende Decke.

Oder war es die Angst gewesen?

Irgendwo in dem leeren, verlassenen Haus ächzte etwas. Eine Ratte, dachte er, ein toter elektrischer Draht, der im Winde schaukelt, möglicherweise eine streunende Katze. Er stand noch immer neben dem Fenster, trat aber sofort zurück, als ihm einfiel, daß man von draußen das glimmende Ende der Zigarette sehen konnte. Er schaute auf das Leuchtzifferblatt seiner Armbanduhr. Drei Uhr morgens. Fröstelnd hob er die Schultern und schob die Hände in die Hosentaschen. Seine Augen brannten, und zu dem Wunsch nach einem weichen, warmen Bett, gesellte sich ein bohrender Hunger. Ein gebratenes Hühnchen, braun, knusprig und wohlschmeckend, frisch aus dem Grill . . .

Er schluckte. Dann sagte er laut: „Mist!"

Da war er nun, Ray Crane, und verbarg sich in einem alten, ausgebombten Haus vor der Polizei. Ray Crane auf der Flucht . . .

Das war wahrhaft eine bemerkenswerte Variante in seinem Leben. Vielleicht würde einmal der Tag kommen, wo er am Kaminsims eines vornehmen Clubs lehnte und mit spöttisch-gelangweilter Miene dieses Abenteuer mit einigen verzeihlichen Korrekturen und Änderungen zum besten gab... in der Hand ein Glas Whisky on the rocks . . . auf der Zunge den vertrauten, rauchigen Geschmack des köstlichen Getränkes aus dem schottischen Hochland. Er schluckte zum zweitenmal. Whisky.

Er befeuchtete sich die Lippen mit der Zunge. Plötzlich hörte er Schritte. Langsame, hallende Schritte, die die Straße herab kamen, ein akustisches Phänomen, denn zu beiden Seiten der Straße gab es keine Häuserfassaden, die dieses Echogeräusch erklärten und begründeten, sondern nur tiefe düstere Parks . . . die kostbare und gepflegte Verpackung alter Villen. Dann sah er ihn.

Der Konstabler kam ohne Eile, die Hände auf dem Rücken, wie ein verträumter Spaziergänger in den Lichtkreis der Laterne. Er war ein älterer, breitschultriger Mann, das Urbild des unbestechlichen Bobby, treu und hilfsbereit . . .

Ray senkte die Mundwinkel. Hilfsbereit!

Wenn er wüßte, daß ich hier bin, verborgen in dem alten, seit etwa zwanzig Jahren verlassenen Haus, das tagsüber den Jungens als willkommener Spielplatz dient . . .

Der Konstabler blieb stehen, unmittelbar vor der Ruine. Nur ein halb zerbrochener Zaun und ein Streifen Vorgarten trennten ihn von dem dunklen Haus. Nachdenklich blickte er an den verwitterten Mauern in die Höhe und einen Moment dünkte es dem erschreckten Crane, als hätten sich ihre Blicke plötzlich gekreuzt und gefunden . . .

Er kann mich ja gar nicht sehen, überlegte Crane. Dennoch spürte er das Jagen seines Pulses.

Der Konstabler betrachtete die zerbrochene Fassade und die Fensterhöhlungen, die wie tote Augen wirkten, und er spürte das leise Erschauern, das er immer empfand, wenn ihn seine Dienststunde hier vorbei führte. Er erinnerte sich genau, wie damals in Addington eine einzelne Bombe gefallen war und ausgerechnet das Haus der Creaseys getroffen hatte. Der alte Creasey und seine Frau, die wohl einflußreichsten Leute dieses vornehmen Außenbezirkes von London, waren nur noch als kaum identifizierbare Leichen gefunden worden. Von der damals zweijährigen Pamela Creasey hatte man überhaupt nichts mehr entdeckt.

Es war ein Glück gewesen, daß sich die Dienerschaft in jener Nacht außerhalb Londons aufgehalten hatte, sonst wäre sicher auch sie ein Opfer der Bombe geworden. Der Konstabler seufzte und rückte seinen Helm zurecht. Es gab Leute, die steif und fest behaupteten, daß die jetzt schon erwachsene Pamela zu mitternächtlicher Stunde in dem ausgebrannten Haus spuke . . .

„Blödsinn!" murmelte der Konstabler und setzte seine Runde fort.

Ray Crane entspannte sich etwas und nahm die Zigarette wieder zwischen die Lippen. Er nahm sich vor, das Haus spätestens gegen sieben Uhr zu verlassen. Da war es hell und niemand würde ihm Beachtung schenken. Außerdem war es leicht, in dieser einsamen, etwas abseitsliegenden Villenstraße ungesehen aus der Ruine zu huschen.

Es war ein Glück, daß es so unendlich viele Häuser dieser Art in London gab.

Aber tagsüber, wenn sich die Jugend in den Ruinen vergnügte, war es zu gefährlich für ihn, in seinen welchselnden Verstecken zu bleiben. Natürlich war es nicht weniger riskant, durch die Straßen zu streifen und hier oder dort ein Lokal aufzusuchen . . .

Aber, was zum Teufel, sollte er sonst tun? Crane spürte die lastende Müdigkeit in seinen Knochen, aber es widerstrebte ihm, sich erneut auf den schmutzigen Holzboden zu legen. Er hob den Blick und sah die bleiche, ausdruckslose Scheibe des Mondes. Er hing wie ein billiges Filmrequisiit hinter einem Mauerloch. Plötzlich schien es Crane, als höre er ein Schluchzen, ganz kurz und halb erstickt.

Dann war alles ruhig.

Er stand völlig unbeweglich. Nur das Herz kompensierte diesen plötzlichen Mangel an Bewegung durch ein Stakkato wilder Schläge. Ich bin übergeschnappt, dachte er. Meine Nerven sind überreizt und spielen mir einen Streich. So geht es einem, wenn man übernächtigt ist. Man sieht drohende, bizarre Schatten und glaubt die verrücktesten Sachen zu hören. Visionen eines Mannes, auf den der Henker wartet . . .

Er nahm einen weiteren Zug aus der Zigarette und ertappte sich dabei, daß seine Muskeln bis zum äußersten gespannt waren. Den Kopf hatte er lauschend zur Seite geneigt. Alles blieb ruhig. Er setzte sich auf den Boden und lehnte gegen die Wand. Bevor ich aus dem Haus gehe, muß ich mich gründlich abklopfen, dachte er flüchtig. Ich darf nicht wie ein Landstreicher aussehen. Mein erster Weg wird mich zum Friseur führen . . .

,Rasieren, bitte . . .!'

Die verdammten Haarschneider. Sie sind voll gesprächiger Neugier. Es ist schwer, ihre bohrenden Fragen schlagfertig zu beantworten.

Immer muß man daran denken, daß sie eines der verdammten Fotos in den Zeitungen gesehen haben könnten . . .

Ray drückte die Zigarette aus. Ray Crane, reicher, gesuchter und hoch angesehener Architekt, des Mordes angeklagt . . .

Sie wollen mich fertigmachen, überlegte er. Alle Indizien sprechen gegen mich. Ich habe keine Chance gegen sie. Sie wollen mich dem Henker ausliefern. Futter für die Klatschspalten der Sensationsblätter...

Er fror wieder stärker. Ich muß aus England verschwinden, murmelte er. Ich habe keine Lust, den Kopf in die Schlinge zu stecken. Ich will nicht, daß ein paar Dutzend alter, rührseliger Tanten vor dem Old Bailey Gefängnis demonstrieren und schäbige, mitleiderregende Plakate mit sich herumschleppen: GNADE FUER CRANE!

Niemand würde auf die alten Tanten hören. Und niemand würde meinen Unschuldsbeteuerungen Glauben schenken.

Nein, ich habe keine Lust, die englische Kriminalgeschichte um einen weiteren Justizirrtum zu bereichern.

Ray Crane zog die Knie an und schloß die Arme darum. Er legte den Kopf auf die Knie und schloß die Augen. Schlafen können, ruhen können . . .

Jäh riß er den Kopf in die Höhe, als er wieder ein Geräusch hörte. Diesmal war es ein dumpfes Stöhnen . . . schmerzvoll und grauenerregend zugleich. Einige Sekunden lang vernahm er nur sein keuchendes Atmen, dann schloß er den Mund. Was war das eben gewesen? Er war jetzt überzeugt, daß außer ihm noch ein Mensch im Haus sein mußte . . .

Aber wer war es? Und wo befand er sich? Das Haus war groß; obwohl es nur noch aus dem Erdgeschoß und den Resten des ersten Stockwerkes bestand, hatte es etwa zwölf Zimmer. Davon war gut die Hälfte nicht mehr, oder doch nur teilweise überdacht. Es war nicht einfach, in der Dunkelheit durch die Räume zu gehen. Auf den Böden lagen vermoderte Balken und herabgefallene Steine, und stellenweise gähnten große Löcher, durch die man leicht in das darunterliegende Stockwerk oder in den Keller stürzen konnte.

Ray Crane befand sich im ersten Stock; es war ein vollständig überdachtes Zimmer, das von der Treppe am weitesten entfernt lag. In Gedanken lief er den kalten, zugigen Korridor zurück und dachte an die schwarzen Türöffnungen, die links und rechts zu den ausgebrannten Räumen führten. Die Türen selbst waren entweder verbrannt oder gestohlen worden. Im ersten Stockwerk mochte es noch fünf oder sechs Zimmer geben . . .

Als Crane jung war, hatte er einmal ein Fabelbuch gelesen, in dem von den Qualen einer armen Seele die Rede gewesen war. Seit jenen Tagen hatte er eine höchst skurrile Vorstellung von den Klagen, die diese toten Seelen äußerten . . .

Merkwürdig. Das Geräusch, das er gehört hatte, glich dieser Vorstellung aufs Haar.

Trotzdem: er war jetzt ganz wach und wußte, daß ihm die Phantasie durchaus keinen Streich gespielt hatte. War es ein Gejagter wie er? Oder handelte es sich nur um ein Liebespärchen? Unsinn, das scheidet aus, dachte er. Keinem Liebespaar wird es einfallen, diese wüste Stätte aufzusuchen.

Aber jetzt war es ruhig, verdächtig ruhig. Er stand auf und verzog wieder das Gesicht, als die Dielen knarrten. Während er vorsichtig auf die schwarze, gähnende Türöffnung zuschritt, würgte etwas in seinem Hals. Er war kein ängstlicher Mensch, aber in diesem kalten, zerstörten Haus herrschte eine Atmosphäre des Unheimlichen, Spukhaften, die ihm an die Nieren ging. Er trat auf den Korridor.

Am Ende des Ganges fiel durch ein leeres Rosettenfenster das Mondlicht ein. Stellenweise strömte es durch die aufgerissene Decke ins Innere. Es war ein Licht, das wie Silberstaub glänzte und seltsam unwirklich schien. Es vermochte nicht, den ganzen Korridor auszuleuchten und ließ die Ecken im tiefsten Dunkel.

„Hallo?" rief er gedämpft.

Seine Stimme klang fremd und gepreßt. Er erschrak vor ihr, als gehöre sie einem anderen. Nichts rührte sich. War es möglich, daß nur wenige Meter von ihm entfernt, vielleicht schon hinter dem Türrahmen des nächsten Raumes, ein Mensch den Atem anhielt und mit wildem Terror im Herzen dieser Stimme lauschte?

„Hallo!" wiederholte Ray, diesmal etwas lauter und natürlicher.

Wieder blieb alles ruhig.

Plötzlich verspürte er den Wunsch, aus dem Haus zu stürmen. Er kaute nervös auf der Unterlippe und merkte, daß seine Hände trotz der Kälte schweißnaß waren.

„Hallo!"

Keine Antwort.

Jetzt laufe ich davon, dachte er. Ich gehe einfach auf die Treppe zu und steige nach unten, Stufe für Stufe, ganz vorsichtig . . .

Aber dann fiel ihm ein, daß der Weg zur Treppe an der schwarzen, gähnenden Türöffnung vorbei führte. Welches unheimliche, fremde Augenpaar würde ihn dabei beobachten . . . und wie würde der Besitzer dieser Augen reagieren?

Ray verfluchte die Tatsache, daß er keine Taschenlampe bei sich trug. Einen Moment überlegte er, ob es ratsam sei, ins Zimmer zurückzukehren und aus dem Fenster zu springen. Aber dann fiel ihm die Höhe des ersten Stockwerkes ein und er verwarf diesen Gedanken.

Trotzdem ging er nochmals zurück ins Zimmer und trat ans Fenster, um die Möglichkeit eines Sprunges in die Tiefe in Erwägung zu ziehen. In diesem Moment kam ein Mann die Straße herab, ein hoher, schwarzgekleideter Mensch, der den Kragen seines Mantels hoch- gestellt und den dunklen Hut tief in die Stirn gezogen hatte.

Er lief leicht vornüber gebeugt, als wäre ihm seine Körpergröße lästig. Dabei bewegte er sich seltsam schnell und lautlos. Er wirkte, als kenne er sein Ziel sehr genau und habe es eilig, ungesehen und ungehört dorthin zu gelangen. Ray Crane erschrak, als der Unbekannte durch die Öffnung des Zaunes schlüpfte und direkt auf die Ruine zulief.

Sekunden später vernahm Ray, wie der Fremde durch die unteren Räume des Hauses ging. Eine Oeffnung im Fußboden verriet, daß er eine Taschenlampe bei sich trug. Der Lichtkegel huschte gespenstisch durch die kahlen Räume. Gelegentlich stolperte der Fremde über einen Stein und stieß ihn wütend zur Seite. Der Unbekannte führte die Inspektion in größter Hast aus. Schon nach einer halben Minute hörte ihn Ray die Treppe herauf kommen. Ray blickte aus dem Fenster nach unten. Die Entfernung zum Blumenbeet betrug etwa fünf Meter. Wenn er hier hereinkommt, springe ich, dachte er. 

Ray war überzeugt, daß der Unbekannte kein Polizist war. Aber wen suchte er hier?

Verfolgte er den Menschen, dessen Stöhnen vorhin so schauerlich durch das Haus geklungen hatte? Der Fremde hatte inzwischen schon zwei Räume im ersten Stockwerk inspiziert. Gerade als er das dritte Zimmer betrat, hielt er jäh inne. Die plötzliche Stille stand im merkwürdigen Gegensatz zu seiner bisherigen Eile und den damit verbundenen Geräuschen. Einen Moment überlegte Ray, ob sich der Mann aus irgendeinem Grund plötzlich entschlossen haben mochte, auf leisen Sohlen weiterzuschleichen.

Aber noch ehe Ray den Gedanken zu Ende gebracht hatte, hörte er den Fremden schon wieder. Diesmal hastete er noch rascher, als er gekommen war, die Treppe hinab . . .

Im nächsten Augenblick tauchte er im Garten auf, lang, hager und schwarz, ein dürrer, düsterer Riese, der mit Riesenschritten der Straße zustrebte und verschwand.

Was hatte er im dritten Zimmer entdeckt? Was hatte den Mann veranlaßt, seinen nächtlichen Besuch so überraschend abzubrechen? Ich muß es in Erfahrung bringen, dachte Ray.

Er betrat den Korridor und tastete sich auf die bewußte Türöffnung zu. Sein Hals war wie zugeschnürt und er spürte das Rauschen des Blutes in den Schläfen. Aber er ging weiter, Schritt für Schritt, und fest entschlossen, das Geheimnis des Hauses zu lüften.

Er hatte das Gebäude in der Abenddämmerung betreten und kannte fast alle Räume. Er wußte, daß das Zimmer, dem er sich jetzt näherte, kaum noch eine Decke besaß. Das Mondlicht konnte also ungehindert einströmen. Es mußte ziemlich hell in dem Raum sein.

Ray Crane atmete so laut und heftig, daß er einen Moment stehenblieb, um sich zu beruhigen. Dann tastete er sich weiter. Als er den Türrahmen erreicht hatte und, flach mit dem Rücken an die Wand gepreßt, die Arme wie ein Gekreuzigter an das Mauerwerk legte, den Kopf nach vorn schob, um in das Innere des Raumes zu blicken, arbeitete sein Herz wie ein tanzender, unbarmherziger Knüppel. Dann fielen seine Arme herab, ohne daß er es merkte.

Er wußte plötzlich, daß er sich vor keinem Menschen mehr zu fürchten brauchte.

Wenigstens nicht vor einem Lebenden, und ganz gewiß nicht in dieser Stunde.

Er trat nach vorn und überblickte jetzt den ganzen Raum. Die Tote bildete eine reglose, schwarze Silhouette vor dem hellen Rechteck des Fensters. Sie hatte sich an einem der Deckenbalken aufgeknüpft. Unter ihr lag ein alter, umgestürzter und halb zerbrochener Tisch, den sie benutzt hatte, um den Strick zu befestigen.

Ray Crane trat zögernd näher. Ein blasser Mondstrahl beleuchtete die Züge der Toten.

Es war eine ältere Frau, etwa um die Fünfzig herum. Sie war weder schön noch häßlich. Das Gesicht war rund und leicht faltig. Es mochte zu Lebzeiten sympathisch und angenehm gewesen sein, jetzt aber hatte die grausige Starre des Todes dies alles ausgewischt.

Die Frau war einfach, aber keineswegs schäbig gekleidet. Ihr blauer Sommermantel war mit einem Gürtel verknotet. Der Mantel war aus gutem Stoff. Die Tote trug schwarze Schuhe mit flachen Absätzen. Die Füße hingen mit den Spitzen weit nach außen, und Ray vermochte sich vorzustellen, welchen Gang die Frau gehabt hatte.

Wahrscheinlich eine Ehetragödie, dachte Ray.

Sie hatte vermutlich Depressionen gehabt. Wahrscheinlich wohnte sie irgendwo in der Nähe und hatte gelegentlich davon gesprochen, sich eines Nachts in dieser Ruine zu erhängen. Als ihr Mann sie dann nach einem Streit vermißte, war er umhergelaufen, um sie zu finden. Dieser Mann vorhin . . .

Ray zuckte zusammen. Ihm fiel ein, daß der Mann zur Polizei gelaufen sein konnte.

Ray wandte sich ab und hastete die Treppe hinab, um ins Freie zu gelangen. Er fühlte sich bedeutend wohler, als er die Straße erreicht hatte.

Es war jetzt halb vier Uhr. Eine verdammte Zeit. Wenn ihn ein Konstabler hier im Villenviertel traf, unrasiert und durchfroren, war das gleichbedeutend mit peinlichen Fragen.

,Ihren Ausweis, bitte . . .´

Nein, das durfte nicht passieren. Das war das Ende. Kurz entschlossen kletterte Ray über einen Zaun. Er wußte, daß die meisten der großen Villengrundstücke einen Gartenpavillon haben, ein Teehäuschen, vielleicht auch nur einen Geräteschuppen . . .

Ich werde schon etwas finden, dachte er. Hauptsache, ich werde von keinem Hund angefallen.

Während er, immer im Schatten der Bäume bleibend, den Park durchstreifte, lauschte er mit einem Ohr zur Straße hin, stets gewärtig, das Heulen einer Polizeisirene zu vernehmen. Aber alles blieb ruhig. Plötzlich sah er ein Licht zwischen den Bäumen.

Vorsichtig ging er darauf zu. Dann bemerkte er das große, weiße Haus mit dem von Säulen gestützten Balkon, der die breite Auffahrt überdachte. In einem Zimmer des Erdgeschosses brannte Licht. Das Fenster stand offen und Ray hörte die Stimme eines Mannes:

„Ich bringe dich um, hörst du? Ich bringe dich um!"

Die Stimme war erregt und überschlug sich, aber dennoch machte sie nicht den Eindruck, als wolle ihr Besitzer die schreckliche Drohung verwirklichen. Ray zögerte. Er hatte keine Lust, eine weitere Tragödie zu erleben, und er war auch nicht gewillt, Zeuge einer Familienstreitigkeit zu werden.

Aber irgend etwas in ihm ließ ihn auf das Haus zuschreiten. Vielleicht war es der unbewußte Instinkt, einem Bedrängten helfen zu können. Vielleicht war es auch nur Neugier. Was er tat, war in seiner Lage Wahnsinn. Er mußte aus den Büschen hervortreten und die große, im hellen Mondschein liegende Wiese überqueren.

Wenn jemand das Fenster schloß und dabei ins Freie blickte, gab es für ihn nicht die geringste Möglichkeit, sich zu verbergen. Er konnte sich allenfalls flach auf den Boden werfen. Ray hielt sich etwas rechts von dem Fenster, um nicht in seinen Lichtkegel zu geraten. Er atmete auf, als er sich im Schatten des Hauses befand. Langsam und kaum hörbar näherte er sich dem offenen Fenster.

„Ich lasse mich von dir nicht betrügen!" rief der Mann. Er war wohl etwas ruhiger geworden; es schien, als habe sein Zorn den Höhepunkt bereits überschritten.

Es erfolgte keine Antwort und Ray versuchte, sich das Aussehen des Mannes vorzustellen. Etwa um die Vierzig herum, dachte er, schon etwas dick und mit einem rosigen, gesunden Teint. In den Augen aber die brennende Eifersucht des Betrogenen, bebend vor Bitterkeit und verletztem Stolz. Ray riskierte es, einen Blick ins Innere des Raumes zu werfen. Der Mann, den er sah, entsprach zumindest äußerlich keineswegs dem Bild, das er sich von ihm gemacht hatte. Er war schlank und gut

gewachsen. Sein Alter mochte etwa dreißig Jahre betragen. Er trug einen kleinen, koketten Schnurrbart, der ihn als eitlen Menschen auswies, aber auch auf eine eventuelle Zugehörigkeit zur Garde hindeutete. Das Haar war blond, drahtig und ziemlich kurz geschnitten. In seinem roten Morgenmantel sah er recht distinguiert aus. Lediglich der Gesichtsausdruck bestätigte Rays ursprüngliche Annahme, denn in ihm war die ganze Bitterkeit enthalten, die sich auch in der Stimme äußerte.

„Ich werfe dich hinaus . . . ich schicke dich zurück in die Gosse, aus der du gekommen bist!" schrie der Mann.

Er hatte die zu Fäusten geballten Hände in die Taschen seines Morgenmantels geschoben. Mit dem Rücken lehnte er an der Tür. Er blickte seinem Gesprächspartner in die Augen. Es war eine Frau . . . vielleicht auch nur ein Mädchen. Ray konnte nur einen Helm roten, leuchtenden Haares sehen.

Das Mädchen . . . oder die junge Frau . . . wandte dem Fenster den Rücken zu. Sie saß in einem tiefen Sessel und rauchte eine Zigarette. Die Art, wie sie die Asche abstreifte, ließ eine geradezu meisterhafte Beherrschung erkennen. Vielleicht wollte sie den Mann mit ihrer Ruhe reizen, möglicherweise aber war sie Szenen dieser Art gewöhnt und machte sich nicht das geringste daraus. Die Worte, die der Mann jetzt sagte, schienen diese Theorie zu bestätigen.

„Du nimmst mich nicht ernst. Du hast mich nie ernst genommen. Meine Vorwürfe waren für dich nur ein kleiner, dummer Tribut, den du für dein hemmungsloses Leben zu zahlen bereit warst. Du nahmst und nimmst das in Kauf. Ich habe dir schon einige Male gesagt, daß meinem Langmut Grenzen gesetzt sind. Diese Grenzen sind jetzt erreicht."

„Du bist übergeschnappt, Raymond", sagte die rothaarige junge Frau. Sie hatte eine tiefe, samtene Stimme von erregendem Reiz. „Total verrückt, wenn du mir die Feststellung erlaubst. Ich habe dir schon vor der Hochzeit gesagt, daß ich eine Einengung meiner Freiheiten nicht dulden werde."

„Als Ehefrau hast du Pflichten. Natürlich auch Rechte . . .

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Kommissar Morry - Schieß, wenn du kannst" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen