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Kommissar Morry - Die Wölfe

Kommissar Morry - Die Wölfe

Cedric Balmore

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2017.

Inhaltsverzeichnis

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Kommissar Morry

Copyright

Kommissar Morry | Die Wölfe | Cedric Balmore

Roman

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About the Publisher

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Kommissar Morry

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Kommissar Morry ist eine Serie von Kriminalromanen mit allen Zutaten klassischer Detektivgeschichten im englischen Stil. Nebelige Gassen, unheimliche Geschehnisse, skrupellose Mörder und ein Ermittler, der mit Scharfsinn und Beharrlichkeit dem Verbrechen den Kampf angesagt hat. Die Romane erschienen in den 1950er Jahren und spiegeln ihre Zeit wieder.

Verfasst wurden die Kommissar Morry Kriminalromane  von Cedric Balmore (d.i. Hans E. Ködelpeter),  der später auch zahlreiche Romane zu den Serien Jerry Cotton, Kommissar X  und 'Die schwarze Fledermaus beitrug.

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Kommissar Morry

Die Wölfe

Cedric Balmore

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Viele Monate hat Sidney Romer in der Irrenanstalt Tootham verbracht. Eines Tages wird er entlassen und kehrt in die Freiheit zurück. Eine Namensliste, die Sidney Römer in seiner Krankenzelle anlegte, wird ihm zum Verhängnis. Denn gerade die Männer, die er in seinem Verzeichnis führt, sterben eines gewaltsamen Todes. Sie alle werden ermordet. Darf man Sidney Romer diese brutalen Verbrechen Zutrauen? Ist er wirklich mit jenem hinterhältigen Schurken identisch, der seine Opfer in düstere Winkel lockt, um sie dann tückisch zu überfallen? Da ist noch ein Mädchen, das eben aus dem Gefängnis entlassen wurde und durch Zufall in die Hände des Mörders gerät. Daisy Horway heißt die hoffnungsvolle junge Dame. Sie durchkreuzt alle Pläne der Polizei. Sie hat das frechste Mundwerk, das man je erlebte. Gegen ihre Raffinesse ist kein Kraut gewachsen. Wenn Kommissar Morry nicht wäre, stünden die Chancen schlecht für die Polizei. Erst als der berühmteste Detektiv Scotland Yards auf der Bildfläche erscheint, können gequälte und verzweifelte Menschen endlich erleichtert aufatmen.

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Roman

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Als der Rechtsanwalt William Farrington vor der Irrenanstalt Tootham ankam, war es genau drei Uhr nachmittags. Er fuhr seinen Wagen auf den Parkplatz, stieg aus und blickte dann eine Weile nachdenklich zu den hohen Mauern der berüchtigten Anstalt hinüber. Er sah vergitterte Fenster und eingegipste Glasscherben auf den hohen Mauerzinnen. Er sah weißgekleidete Wärter und Schwestern und konnte sogar ein paar der bleichgesichtigen Insassen erkennen. Sie kauerten hinter den Gittern und versuchten, einen dürftigen Sonnenstrahl zu erhaschen. Von den schwarzen Steinen ging eine merkwürdige Stille aus. Es schien fast so, als hätte hier nicht nur die Krankheit, sondern auch der Tod sein Quartier aufgeschlagen. Zehnmal war Williams Farrington bereits in der Anstalt Tootham gewesen. Er hätte also eigentlich an das seltsame Leben und Treiben längst gewöhnt sein müssen. Aber auch heute legte sich wieder ein merkwürdiger Druck auf seine Brust, als er durch die Torwache schritt. Dumpf hallten seine Schritte auf den Fliesen.

„Wohin, Sir?“, rief ihm der Torpförtner entgegen. „Haben Sie einen Passierschein?“

„Ich bin Rechtsanwalt“, erwiderte William Farrington gepreßt.

„Das Gericht hat mich seinerzeit zum Vormund Sidney Romers bestellt. Wie man mir telegraphisch mitteilte, soll mein Mündel heute entlassen werden. Das stimmt doch, oder nicht?“

Der Pförtner blätterte umständlich in einer Liste. Kurz nachher schob er die Brille auf die Nase. „Stimmt“, murmelte er wortkarg. „Sidney Romer wird auf Probe entlassen. Er war genau achtzehn Monate in unserer Anstalt. Die andern sind alle länger hier. Der Mann hat Glück.“

„Wie man es nimmt“, sagte William Farrington achselzuckend.

„Wenn er wirklich Glück gehabt hätte, wäre er gar nicht erst hierher gekommen. Vor zwei Jahren war er noch so normal wie Sie und ich.“

Er nahm seinen Passierschein in Empfang und schritt durch das Torgewölbe zum Verwaltungsbau hinüber. Es war das einzige Gebäude, das keine Gitter an den Fenstern trug. Rote Geranien blühten auf den Fenstersimsen. Aber auch diese Blumen vermochten die düstere Atmosphäre nicht aufzuhellen. Da und dort hörte man einen gurgelnden Ruf hinter den Fenstern. Matte, entkräftete Fäuste rüttelten an den Gittern. Sie alle wollen weg von hier, dachte Williams Farrington beklommen. Sie sehnen sich nach der Freiheit, nach den Lichtern der großen Städte, nach ihren Angehörigen. Sidny Romer wird es genauso gehen. Er hat lange auf diesen Tag gewartet. Hoffentlich wird alles gut werden. William Farrington ging auf die Kanzlei zu, die alle Aufnahmen und Entlassungen der Kranken abwickelte. Zwei würdige Beamte saßen hinter der Barriere.

„Was wünschen Sie?“

„Ich möchte Sidney Romer abholen“, stieß der Rechtsanwalt ungeduldig hervor. „Sie kennen mich doch schon seit langem. Ich bin in Eile.“

Die beiden Alten ließen sich Zeit. Sie wälzten große Bücher, trugen da eine Ziffer ein und strichen dort eine Zahl aus. Nachdem sie noch etwa zehn Minuten lang telephoniert hatten, erschien endlich Sidney Romer auf der Bildfläche. In einer kleinen Mappe trug er seine Habseligkeiten. Ein Oberarzt ging an seiner Seite.

„Ich gratuliere“, sagte William Farrington mit gezwungenem Lächeln. „Nun endlich haben wir es geschafft, Mr. Romer. Sie werden jetzt sofort mit mir nach London fahren.“

Er wartete vergebens auf ein glückliches Lachen. Sidney Romer blieb ernst. Das fahle Gesicht, das die dumpfe Luft hinter diesen Mauern geatmet hatte, blieb unbewegt. Nur in den schwarzen Augen lebte ein flackernder Glanz.

„Sie werden die Verantwortung für ihn tragen“, sagte der Oberarzt leise zu dem bekannten Rechtsanwalt. „Wir können ihn nur auf Probe entlassen. Er ist noch immer reizbar und von seltsamen Ideen erfüllt. Er will sich an jenen Leuten rächen, die ihn hierher brachten. Erst gestern hat er noch eine Liste von Personen aufgestellt, die er achtzehn Monate lang mit seinem Haß verfolgte. Hier ist das Verzeichnis, Mr. Farrington.“

William Farrington überflog hastig die Namen und steckte das Papier dann achtlos in die Tasche. Gleich darauf wanderten seine Blicke wieder zu Sidney Romer hin. Er sah deutlich die dünne, rote Narbe, die unmittelbar unter dem Haaransatz der linken Schläfe verlief. Sie stammte von einem furchtbaren Hieb, der Sidney Romer leicht das Leben hätte kosten können. Immerhin hatte der brutale Schlag ausgereicht, das Bewußtsein dieses einst so hoffnungsvollen jungen Mannes zu stören und seine Sinne zu trüben. Man hatte ihn damals schwerverletzt und völlig besinnungslos in diese Anstalt gebracht. Zur Untersuchung zuerst, dann zur Beobachtung, dann für dauernd. Achtzehn Monate waren eine lange Zeit. Sie hatten Sidney Romer vollkommen verändert.

„Können wir gehen?“, fragte William Farrington betreten.

„Warum nicht?“, sagte der Oberarzt. „Die Formalitäten sind erledigt. Unser Anstaltsarzt Dr. Monck wird jede Woche zweimal den Gesundheitszustand Mr. Römers überprüfen. Alles übrige müssen Sie selbst tun, Mr. Farrington. Versuchen Sie Ihren Mandanten behutsam in die neue Umgebung einzuführen. Auf Wiedersehen!“

William Farrington nahm seinen Schützling am Arm und zerrte ihn hastig aus der Kanzlei. Rasch schritt er mit ihm durch das Torgewölbe. Erst als die Mauern hinter ihm lagen, ging er langsamer. Er öffnete die Türen des modernen Wagens und drängte Sidney Romer auf den Vordersitz. Er selbst nahm am Steuer Platz. Nachdem er sich eine Zigarette angezündet hatte, löste er die Bremsen, ließ den Wagen langsam die Zufahrt hinunterrollen und bog dann auf die Landstraße nach London ein.

„Freuen Sie sich denn nicht, Mr. Romer?“, fragte er nach einer Weile. „Ich habe Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um Sie hier herauszuholen. Und nun machen Sie ein Gesicht, als würden Sie zum zweiten Mal in diese Anstalt eingeliefert.“

Sidney Romer sagte nichts. Auch jetzt blieb sein Gesicht bleich und starr. Nur die Narbe über seiner Schläfe glühte dunkel auf. Zwei, drei Meilen legte William Farrington schweigsam zurück, bis er die Unterhaltung wieder aufnahm. Er versuchte es mit den gütigsten Worten.

„Bei meinem vorletzten Besuch“, sagte er, „habe ich Ihnen mitgeteilt, daß Ihr Vater gestorben ist, Mr. Romer. Er hat Ihnen das Hotel am Kings Walk in Chelsea vererbt. Es ist ein großes Haus mit drei Speisesälen, fünf großen Klubräumen und vierzig Fremdenzimmern. Sie haben also keine Sorgen für die Zukunft. Das Hotel wird Sie gut ernähren.“

„Ich weiß es“, murmelte Sidney Romer ernst. „Man hat mir in der Verwaltung von dieser Erbschaft berichtet. Man hat mir auch gesagt, daß Sie das Hotel einstweilen für mich verwalteten.“

„No, das ist nicht ganz richtig“, lächelte William Farrington.

„Ich habe lediglich die Gelder vereinnahmt, die der Betrieb seit dem Tode Ihres Vaters abwarf. Das Haus selbst wird von einem Geschäftsführer geleitet. Der Mann heißt Clement Rembolt und scheint sehr tüchtig zu sein. Ich werde Sie nachher gleich mit ihm bekanntmachen.“

Das Interesse Sidney Romers war bereits wieder erloschen. Er starrte teilnahmslos durch die Windschutzscheibe. Sein sympathisches Gesicht war grau wie Asche. Wäre nicht der fanatische Glanz in den dunklen Augen gewesen, so hätte man ihn beinahe für einen Toten halten können.

„Die Liste, die Sie da anlegten, werde ich noch heute Abend verbrennen“, sagte William Farrington und klopfte zerstreut an seine Brusttasche. „Ich hoffe, Sie werden mir keinen unnötigen Kummer machen, Mr. Römer. Denken Sie bitte immer daran, daß Sie nur auf Probe entlassen wurden. Bei der ersten Dummheit, zu der Sie sich hinreißen ließen, würden Sie wieder hinter den Mauern von Tootham verschwinden. Und das wollen Sie doch sicher nicht?“

„Nein, auf keinen Fall“, stieß Sidney Romer rau hervor. „Ein zweites Mal ginge ich nicht dorthin.“

„Na also“, meinte William Farrington beruhigt. „Wenn Sie sich zusammennehmen, wird alles gut gehen, Mr. Romer. Ich wünsche Ihnen viel Glück für den schweren Anfang!“

Der Wagen fuhr am Battersea Park vorüber, überquerte die Themse und hielt schließlich am Kings Walk in Chelsea an. Ein mächtiges Gebäude erhob sich zur Rechten. „Hotel Astoria“, stand auf der stelzen Fassade zu lesen. Hunderte blankgeputzter Scheiben glänzten im Sonnenlicht. Vor der Drehtür des prunkvollen Eingangs stand ein livrierter Portier. Als er die Nummer des Wagens erkannt hatte, trat er rasch heran, zog höflich die Mütze und riß den Schlag auf.

„Willkommen, Sir!“, sagte er zur Begrüßung. „Begeben Sie sich bitte ins Foyer. Das Personal ist vollzählig zu Ihrem Empfang versammelt.“

„Kommen Sie“, raunte der Rechtsanwalt gedämpft. „Jetzt können Sie zeigen, was in Ihnen steckt, Mr. Romer. Sie sind der Chef dieses Hauses. Vergessen Sie das bitte keinen Augenblick.“

Sidney Romer atmete gepreßt und stockend. Mit steifen Schritten ging er auf die Drehtür zu. Verlegen und gehemmt suchte er Schutz hinter dem Rücken des Rechtsanwalts. Es war ganz einfach zuviel, was man da von ihm verlangte. Viele Monate lang hatte er völlig allein in einer Krankenzelle gesessen. Nun sollte er plötzlich vielen Menschen entgegentreten und eine Ansprache halten. Er fürchtete sich vor den lauernden und spöttischen Blicken des Personals. Sie alle wußten, wo er gewesen war.

Er stockte mitten im Schritt, als sich der Geschäftsführer nach einer höflichen Verbeugung vor ihm aufbaute. „Willkommen, Sir“, sagte er mit der gleichen Miene und demselben dünnen Lächeln wie der Portier. „Wir begrüßen Sie in Ihrem eigenen Hause, Sir! Jedes Wort von Ihnen wird uns in Zukunft ein Befehl sein.“

Sidney Romer blickte scheu in die vielen Gesichter. Sie standen in zwei Reihen hintereinander, die Zimmermädchen und Büfettdamen, die Etagenkellner, die Hausdiener und Pagen. Sie alle sahen ihn höflich und ehrerbietig an. Nirgends ein spöttisches Lächeln oder ein abfälliges Grinsen. Sie alle warteten auf seine Begrüßungsrede. Sidney Romer räusperte sich. Seine Stimme gab kaum einen Ton. Er mußte mehrmals ansetzen. „Ich war lange krank“, sagte er mühsam. „Ich lag achtzehn Monate in der Anstalt Tootham. Ich sage Ihnen das selbst, um keine Gerüchte aufkommen zu lassen.“

Er fuhr sich nervös über die brennende Narbe, die an allem schuld war. Er spürte, daß ihm die Schweißperlen auf der Stirn standen. Auch seine Handflächen waren feucht.

„Ich hoffe“, fuhr er murmelnd fort, „daß wir gut miteinander auskommen werden. Was mich betrifft, so werde ich Ihnen ein gütiger Chef sein. Ich weiß, was es bedeutet, wenn man unrecht und verletzend behandelt wird.“

Das war alles, was er zu sagen hatte. Er wandte sich um und blickte hilfesuchend auf seinen Anwalt. Er fühlte sich plötzlich müde wie nie zuvor. Er hatte keinen andern Wunsch, als sich auf ein Sofa zu werfen und auszuruhen.

„Der Geschäftsführer wird mit Ihnen sprechen wollen“, raunte ihm William Farrington zu. „Er hat gestern bis spät in die Nacht abgerechnet und alles zur Übergabe vorbereitet. Wenn Sie die Bücher geprüft haben, kann er noch heute das Haus verlassen.“

Sidney Romer drehte sich noch einmal um. Er ging langsam auf Clement Rembolt zu.

„Sie haben also bisher das Hotel geführt“, murmelte er halblaut.

„Yes, Sir!“

„Ich bin Ihnen sehr dankbar“, fuhr Sidney Romer leise fort.

„Wie ich von meinem Anwalt hörte, haben Sie sich sehr für meinen Betrieb eingesetzt. Nun bitte ich Sie, die Geschäfte einstweilen noch weiterzuführen. Ich selbst bin dazu nicht in der Lage. Wollen Sie noch ein halbes Jahr bleiben, Mr. Rembolt?“

Der Geschäftsführer strahlte hochbeglückt über das ganze Gesicht. „Aber selbstverständlich, Sir! Ich wüßte nicht, was ich lieber täte. Dieses Hotel ist mir ans Herz gewachsen. Es ist das schönste Haus, in dem ich je gearbeitet habe.“

„Gut“, sagte Sidney Romer erleichtert. „Wir werden morgen alles weitere besprechen. Jetzt entschuldigen Sie mich bitte. Ich werde mich in meine Wohnung zurückziehen.“

Die Privaträume lagen im obersten Stockwerk. Der Lift brachte Sidney Romer und den Rechtsanwalt nach oben.

„Sie erinnern sich doch noch an alles?“, murmelte William Farrington so leise, daß ihn der Liftboy nicht verstehen konnte.

„Die Speisesäle liegen im Erdgeschoß und im ersten Stock. Im zweiten und dritten Geschoß befinden sich die Fremdenzimmer. Im vierten Stock sind die Klub räume untergebracht.“

„Ja“, sagte der Rechtsanwalt gleichgültig. „Es ist noch immer der alte Klub. Sie erinnern sich doch? Die Herren haben die Räume schon seit drei Jahren gemietet.“

Und ob sich Sidney Romer erinnerte. Wieder fuhr er nervös über die brennende Narbe. Sein Gesicht wurde um einen Schein bleicher. Verstört starrte er durch die gläserne Lifttür in die Flure des vierten Stockwerks hinein, das eben vorüberzog. Ein paar Sekunden später hielt der Lift an.

„Hier wären wir also“, lachte William Farrington polternd.

„Sie werden erstaunt sein, Mr. Romer. Es ist alles auf neuen Glanz poliert.“

Die Wohnung, die sich im obersten Geschoß vor ihnen auftat, hätte einem Generaldirektor alle Ehre gemacht. Im Empfangssalon verströmten unzählige Blumengebinde einen betörenden Duft. Alle Möbel waren aus kostbarsten Edelhölzern gefertigt, die Teppiche, die Vorhänge und Lüster hatten sicher ein Vermögen gekostet. In einer mit violettem Samt ausgeschlagenen Hausbar standen unzählige Flaschen zum Begrüßungstrunk bereit.

„Wie wär's mit einem kleinen Drink zum Einzug?“, fragte William Farrington und fuhr mit der Zunge über die trockenen Lippen.

„No, danke“, sagte Sidney Romer erschöpft. „Lassen Sie sich nicht aufhalten, wenn Sie etwas trinken wollen. Ich selbst bin zu müde. Ich werde mich gleich niederlegen.“

Das tat er dann auch. Angekleidet, wie er war, warf er sich auf einen breiten Diwan und vergrub den heißen Kopf in den seidenen Kissen. Die wenigen Stunden in der Freiheit hatten ihn so erregt, daß er schon wenige Minuten später in einen bleiernen Schlaf fiel. Stundenlang lag er da, ohne sich zu rühren. Es wurde dunkel vor den Fenstern. Farbig zog der Widerschein der Lichtreklamen an den Vorhängen auf und ab. Die Nacht erwachte mit tausend Stimmen. Leise klang der Verkehrslärm von der Straße herauf. Musikfetzen, dazwischen Autohupen und die heiseren Rufe der Zeitungsverkäufer, das alles vermischte sich zu einem dumpfen Dröhnen. Sidney Romer hörte nichts davon. Er schlief bis tief in die Nacht hinein. Dann erwachte er plötzlich. Fröstelnd blickte er sich um. Ein irrer, gellender Schrei hatte ihn geweckt. Ein Schrei, wie ihn nur der Wahnsinn oder die Todesangst formen konnte.

„Wärter!“, rief Sidney Romer mit erstickter Stimme. „Hallo, Wärter!“

Es dauerte einige Sekunden, bis er begriff, daß er nicht mehr in der Anstalt Tootham war. Die letzten Ereignisse zogen in fiebriger Eile an ihm vorüber. Mit leeren Blicken starrte er in das Dämmerlicht der prächtigen Wohnung. Und dann kam wieder dieser Schrei. Ein hoher, schriller, spitzer Schrei. Er kam von der Wohnungstür her. Ein Zweifel war ausgeschlossen. Sidney Romer sprang hastig vom Lager auf und schüttelte flüchtig den zerdrückten Anzug zurecht. Dann lief er mit gehetzten Schritten auf die Tür zu. In atemloser Erregung riß er sie auf. Verstört spähte er auf den Flur hinaus. Mit zitternden Fingern schaltete er die Nachtbeleuchtung ein. Es war nichts zu sehen. Kein Mensch hielt sich in der Nähe auf. Friedlich lag der lange Korridor im bläulichen Schein der Lampen.

Sidney Romer beugte sich über das Geländer und lauschte in das nächste Stockwerk hinunter, das die Klubräume beherbergte. Noch im gleichen Moment prallte er erschreckt zurück. Die dünnen Hilferufe wiederholten sich. Spitz und gellend schlugen sie zu ihm herauf. Das fängt schon gut an, dachte Sidney Romer betroffen, während er die Treppe hinunterstürmte. Da der Klub an diesem Abend keine Sitzung abhielt, waren die Räume leer und ungeheizt. Eine kalte Luft wehte Sidney Romer entgegen. Vier Türen waren geschlossen. Aber eine stand weit offen. Sidney Romer ging zögernd heran. Wieder tasteten seine Hände fahrig über die Mauerwände. Er suchte den Lichtschalter. Ein paar Sekunden später wurde es hell. Sidney Romer sah eine lange Tafel in Hufeisenform. Er sah prächtige Teppiche und kostbare Perserbrücken. Auf einer dieser Brücken lag ein Mann mit merkwürdig steifen, abgespreizten Händen und blutleerem, eingesunkenem Gesicht. Die Augen stierten gebrochen zu ihm her. Aus einer klaffenden Schädelwunde rann zähes, dunkles Blut.

Sidney Romer taumelte entsetzt von der Tür zurück. Sein Hirn war im Moment nicht imstande, einen vernünftigen Gedanken zu fassen. Er dachte nicht daran, auf die Glocke des Lifts zu drücken. Er übersah auch das Telephon, das unmittelbar neben ihm auf einem Klapptisch stand. Wie von Furien gehetzt, stürmte er die Treppe hinunter. Atemlos kam er in der Halle an. Keuchend rannte er am Empfangsschalter vorüber.

„Hallo, Sir!“, rief ihm der Nachtportier erschrocken nach. „Wohin wollen Sie denn? Kann ich Ihnen einen Gang abnehmen? Warten Sie doch!“

Sidney Romer hörte nicht auf ihn. Vor seinen Augen lagen dunkle Schleier, genauso wie einst, als ihn ein brutaler Hieb fast um den Verstand gebracht hatte. Er wußte kaum noch, was er tat. Wie ein Irrer lief er die Straße entlang. Er hielt nicht eher an, bis er das Polizeirevier am Chelsea Embankment erreicht hatte. Schweißüberströmt und mit pfeifendem Atem taumelte er über die Schwelle der Wachstube. In seinen dunklen Augen tanzten unstete Lichter. Sein Gesicht war weiß und verzerrt.

„Kommen Sie“, redete er mit wirren Worten auf den Wachhabenden ein. „Begleiten Sie mich sofort ins Hotel Astoria. Es ist ein Mord geschehen. Ich habe . . .“

„Wer sind Sie denn überhaupt?“, fragte der Polizeisergeant stirnrunzelnd.

„Ich bin Sidney Romer, der Besitzer dieses Hotels. Sie dürfen keine Zeit verlieren, Sergeant! Wer weiß, was noch alles geschieht, wenn Sie nicht sofort . . .“

Der Wachhabende stand behäbig auf und stülpte sich einen Helm auf den Kopf. Dann ging er in den Nebenraum hinaus und beorderte einen Konstabler zur Ablösung in die Wachstube. Nun endlich konnte es losgehen. Er schloß sich schweigsam Sidney Romer an. Dicht nebeneinander gingen sie auf das Hotel am Kings Walk zu. Hell strahlten die blauen Neonröhren in die Nacht. Auch der Eingang war beinahe festlich erleuchtet.

„Machen Sie etwas rascher“, drängte Sidney Romer ungeduldig.

„Ich werde noch verrückt, wenn ich nicht bald Klarheit habe. Ich muß wissen, wer der Tote ist, der da oben . . .“

„Wir wollen es abwarten“, sagte der Polizeisergeant einsilbig.

„Vielleicht ist alles nur blinder Alarm.“

Sie hatten kaum die Halle betreten, da stürmte auch schon der Nachtportier erregt hinter seinem Schalter hervor.

„Was soll denn das alles bedeuten, Sir?“, fragte er mit weit aufgerissenen Augen. „Warum rufen Sie denn die Polizei ins Hotel? Ist etwas geschehen?“

„Ein Mord“, murmelte Sidney Römer dumpf. „Kommen Sie mit nach oben! Schließen Sie den Lift auf!“

Alle drei traten sie in die polierte Kabine ein. Mit leisem Summen hob sich der Aufzug. Im vierten Stock befahl Sidney Romer dem Portier, sofort anzuhalten.

„Hier?“, fragte der biedere Mann verblüfft. „Hier soll ein Mord geschehen sein, Sir? Aber das ist doch unmöglich. Von den Klubmitgliedern war doch heute gar niemand im Haus. Die Herren kommen erst am Freitag wieder zusammen . . .“

„Was ist denn nun eigentlich?“, brummte der Sergeant mürrisch.

„Gehen Sie doch endlich voraus, Sir! Zeigen Sie uns den Raum, in dem Sie einen Toten gesehen haben wollen.“

Sidney Romer setzte sich schweigsam an die Spitze der kleinen Gruppe. Ungläubig starrte er auf die Tür, die den Korridor zur Rechten abschloß. Vorhin hatte sie weit offen gestanden. Jetzt war sie geschlossen. Dabei hätte er beschwören können, daß er die Tür überhaupt nicht berührt hatte.

„Warum zögern Sie denn so lange? Gehen Sie doch weiter“, knurrte der Sergeant verdrossen.

Sidney Romer nahm sich ein Herz. Mit raschen Schritten ging er den roten Plüschläufer entlang. Er legte die Hand auf die Klinke. Zaudernd drückte er sie nieder. Die Tür öffnete sich. Der vierzigflammige Kerzenlüster erstrahlte noch immer in feierlichem Glanz. Hell fiel sein Licht auf die kostbaren Teppiche und Perserbrücken nieder. Von einem Toten war nichts zu sehen. Es war überhaupt kein Mensch in dem weiten Raum. Leer gähnten ihnen die vielen Stühle und die lange Tafel entgegen. Der Sergeant trat mit gerunzelten Brauen über die Schwelle. Seine Blicke schweiften forschend durch den düster getäfelten Saal.

„Was soll hier los sein?“, fragte er gedehnt. „Ist doch alles in Ordnung, oder nicht?“

„Hier lag er“, stammelte Sidney Romer und deutete auf eine bunte Perserbrücke, die von der Tür zu dem hufeisenförmigen Tisch hinlief. „Ich habe mich ganz sicher nicht getäuscht. Ich sah sein wächsernes Gesicht, seine toten Augen und das Blut, das aus einer Kopfwunde auf den Teppich . . .“

„Moment mal“, sagte der Sergeant und ging rasch auf die Perserbrücke zu. „Das Blut müßte ja wohl noch zu sehen sein, nicht wahr?“

Er beugte sich nieder und musterte den schmalen Teppich Zoll um Zoll. Er ließ das schwere Gewebe prüfend durch die Finger gleiten. Seine Augen tasteten jedes Stückchen ab.

„Nichts“, erklärte er schließlich achselzuckend. „Sie haben sich getäuscht, Sir. Anscheinend ängstigte Sie ein schwerer Traum. In Zukunft möchte ich Sie bitten, nicht gleich zur Polizei zu laufen. Wir haben Wichtigeres zu tun, als leere Säle zu besichtigen.“

Sprachs, tippte an den Helm und schritt steif und würdevoll aus dem großen Raum.

„Bringen Sie den Herrn hinunter“, sagte Sidney Romer müde zu dem Nachtportier. „Tut mir leid. Ich kann das alles selbst nicht begreifen.“

Der Lift summte nach unten. Kurz nachher war die Halle wieder erreicht. Der Sergeant drehte sich noch einmal um, bevor er auf die Drehtür zusteuerte.

„Seltsamer Mensch“, murmelte er verständnislos. „Leidet er öfter an solchen Halluzinationen?“

Der Portier blickte bedrückt vor sich hin. „Mr. Romer tut mir leid“, murmelte er mitfühlend. „Er wurde erst heute aus der Irrenanstalt Tootham entlassen. Anscheinend ist er noch immer nicht recht gesund.“

„Ah, jetzt verstehe ich alles“, brummte der Sergeant grinsend.

„Ich wünsche Ihnen viel Glück mit Ihrem neuen Chef. Bestimmt werden Sie noch manche Aufregungen mit ihm erleben. Dieser Scherz war sicherlich nur der Anfang. Das dicke Ende wird noch folgen. Man sollte solche Leute eben nicht entlassen. Sie sind in einer Anstalt am besten aufgehoben.“

„Vielleicht haben Sie recht, Sir“, raunte der Portier. „Der erste Tag, den Mr. Romer in Freiheit verbrachte, stand unter einem recht unglücklichen Stern.“

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Als Sidney Romer am nächsten Morgen seine Wohnung verließ und mit dem Lift in die Halle hinunterfuhr, fühlte er sich unsicher und deprimiert. Obwohl ihm das Personal genauso höflich wie gestern begegnete, glaubte er ständig spöttische Blicke und schadenfrohe Gesichter auf sich gerichtet zu sehen. Das Hotel erschien ihm plötzlich noch schlimmer als seine vergitterte Behausung in der Anstalt Tootham. Dort war er wenigstens allein gewesen. Aber hier stand er im Mittelpunkt der Neugier. Jeder seiner Schritte wurde beobachtet. Jede Bewegung, jedes Mienenspiel wurde kontrolliert.

„Guten Morgen, Sir“, sagte der Geschäftsführer höflich. „Ich hoffe, Sie haben die erste Nacht in Ihrem eigenen Hause gut verbracht. Darf ich Sie in dieses Büro bitten? Ich habe es für Sie räumen lassen. Es steht Ihnen allein zur Verfügung. Bitte, treten Sie ein!“

„Gibt es etwas Besonderes?“, fragte Sidney Romer unruhig.

„Nein, Sir! Das nicht. Ich möchte Ihnen die Speisekarten für den heutigen Tag vorlegen. Sie sollen bestimmen, welche Gerichte gestrichen oder hinzugefügt werden sollen.“

„Machen Sie das allein“, stieß Sidney Romer hastig hervor. „Ich verlasse mich vollkommen auf Ihre Tüchtigkeit, Mr. Rembolt. Sie können jederzeit frei entscheiden.“

Er wollte sich eiligst aus dem Staub machen, aber in dieser Beziehung hatte er ausgesprochenes Pech. Ein schlanker, hochgewachsener Herr kam eben durch die Drehtür in die Halle. Schon im nächsten Moment stand er an der Seite Sidney Romers. Er blickte den neuen Hotelchef verlegen lächelnd an.

„Guten Tag, Mr. Romer“, sagte er und lüftete höflich den Hut.

„Sicher erinnern Sie sich noch an mich. Ich bin Charles Clay, der zweite Vorsitzende des Klubs, der seit Jahren Gastfreundschaft in Ihrem Hause genießt.“

Ja, Sidney Romer erinnerte sich. Es war merkwürdig: Immer wenn der Name dieses mysteriösen Klubs fiel, war mit ihm einfach nicht mehr zu reden. Er stierte Charles Clay finster an. „Was wollen Sie denn von mir?“, fragte er schroff. „Wenn Sie etwas Geschäftliches zu besprechen haben, so wenden Sie sich bitte an Mr. Rembolt. Er ist mein Geschäftsführer.“

„Nein, ich möchte persönlich mit Ihnen reden“, sagte Charles Clay bedrückt. „Es ist sehr wichtig, Mr. Romer! Seit achtzehn Monaten habe ich auf diesen Tag gewartet.“

Sidney Romer nagte unschlüssig an seinen Lippen. In seinen Augen war wieder jener schillernde Glanz, der jeden zur Vorsicht mahnen mußte. „Na gut“, murmelte er endlich. „Kommen Sie mit in dieses Büro. Hier sind wir ungestört.“

Sie traten in den verschwenderisch ausgestatteten Raum und ließen sich in zwei weichen Sesseln nieder.

Charles Clay zündete sich nervös eine Zigarre an. Seine Hände zitterten. Seine Stimme schwankte unsicher auf und ab, als er sagte: „Mein Gewissen läßt mir keine Ruhe mehr, Mr. Romer. Man hat mich zwar zum Stillschweigen verpflichtet, aber ich kann das schäbige Geheimnis nicht länger für mich behalten. Sie sollen endlich wissen, wer damals den Mordanschlag auf Sie unternahm. Lassen Sie mich der Reihe nach erzählen.“

Sidney Romer saß unbeweglich wie eine Holzsäule in seinem Sessel. Man konnte nicht erkennen, was in ihm vorging. Er hatte sich plötzlich eisern in der Gewalt.

„Reden Sie weiter!“, sagte er frostig. „Es interessiert mich, was Sie mir zu erzählen haben. Endlich findet einer den Mut, mir die Wahrheit . . .“

Ein Klopfen fiel hart in seine Worte. Die Tür öffnete sich, ohne daß jemand Herein gerufen hatte. Es war der Rechtsanwalt William Farrington, der rasch und mit wichtiger Miene in das Privatbüro trat.

„Störe ich?", fragte er geschäftsmäßig. „Ich muß Sie sofort sprechen, Mr. Romer. Es dauert nur wenige Minuten.“

Sidney Romer zuckte mit den Achseln.

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