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Kommissar Morry - Die Schattenstaffel

Kommissar Morry - Die Schattenstaffel

Cedric Balmore

Published by Uksak Sonder-Edition, 2017.

Inhaltsverzeichnis

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Kommissar Morry

Copyright

Cedric Balmore: Die Schattenstaffel | Kriminalroman

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Further Reading: 1454 Seiten Thriller Spannung: Extra Krimi Paket 2017

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About the Publisher

Kommissar Morry

Kommissar Morry ist eine Serie von Kriminalromanen mit allen Zutaten klassischer Detektivgeschicten im englischen Stil. Nebelige Gassen, unheimliche Geschehnisse, skrupellose Mörder und ein Ermittler, der mit Scharfsinn und Beharrlichkeit dem Verbrechen den Kampf angesagt hat. Die Romane erschienen in den 1950er Jahren und spiegeln ihre Zeit wieder.

Verfasst wurden die Kommissar Morry Kriminalromane  von Cedric Balmore (d.i. Hans E. Ködelpeter),  der später auch zahlreiche Romane zu den Serien Jerry Cotton, Kommissar X  und 'Die schwarze Fledermaus beitrug.

Cedric Balmore: Die Schattenstaffel

––––––––

Kriminalroman

Ein grausiger Fund wird am Strand von Southend on Sea eines Sonntag morgens entdeckt. Leichte Wellen überspülen die leblose Hülle der Lady Hurlinghamer. Würgemale am Hals; das ist der Fall für Kommissar Morry. Noch ist der Einbruch in der Villa Pimlico an der Eaton-Kings-Road unbemerkt, aber die Juwelen der Toten gehen schon durch die Gangsterhände in Soho. Cary Broyders, der Sensationsreporter von der Exclusiv- Press, hat eine gefährliche Spur. Er sollte daran denken, daß er den Platz seines ermordeten Vorgängers Browner einnimmt, denn vielleicht lauert der Häscher auch auf ihn. Und weiter geht das Mordgespenst um, der Napoleon von London, wie ihn die Experten nennen. Wer ist er, wo ist er? Auf der Jagd nach dem Täter führt dieser atemberaubende Kriminal-Roman in dunkle Winkel, stickige Kneipen und finstere Verstecke, und überall halten raffinierte Tricks von Scotland Yard Sie in erregender Spannung.

Kommissar Morry

DIE SCHATTENSTAFFEL

Sommer 1959 . . .

Wohl kein West-, Nord- und Mitteleuropäer wird diesen Sommer so bald wieder vergessen. Sämtliche meteorologischen Institute verzeichneten hier Hitzerekorde. Eine in diesem Jahrhundert noch nie dagewesene Dauerhaftigkeit an Sonnenausstrahlung ließ unsere Breiten unter der ungewohnten Hitzewelle aufstöhnen.

Besonders in den Städten — auf deren Straßen und in den Häuserschluchten flimmerte und brodelte die Luft dermaßen, daß die Werktätigen sich nach rascher Abkühlung sehnten. Doch der gute Petrus überhörte das Jammern der Menschen und ließ weiterhin einen Tag wie den anderen werden. Ausgerechnet während dieser Hundstage verließ Cary Broyders das südenglische Städtchen Bexhill, das für die wasserhungrige Menschheit zum Eldorado geworden war. Ihm blieb keine andere Wahl, als die erfrischende Meeresbrise des Küsten Städtchens mit der drückenden, stinkenden Luft von London zu vertauschen, denn er hatte sich nun einmal als Reporter bei der ,Exclusiv-Press' — einer der angesehensten Londoner Zeitungen — beworben, und nun, da man ihn aufgefordert hatte, dort seine Tätigkeit aufzunehmen, mußte diese prächtige Chance natürlich wahrgenommen werden. Er wäre wirklich gern den ganzen Sommer über an der Küste geblieben, doch seine Zukunft lag in London. Dafür mußte er schon einiges in Kauf nehmen.

So hatte er an einem sonnenüberfluteten Augusttage seine Habseligkeiten zusammengepackt, sich von seinem Onkel, dem Herausgeber der Lokal-Zeitung von Bexhill, verabschiedet und war mit guten Referenzen und zweihundert Pfund Sterling in der Tasche — in den Nachtzug nach London gestiegen.

„Du hast das Zeug zu einem großen Businessman in dir, mein Junge. Halte die Ohren steif, dann schaffst du dein Ziel", hatte ihm sein Onkel und bisheriger Chef beim Abschied auf dem kleinen Bahnhof von Bexhill zugerufen. Der Zug führte ihn einer ungewissen Zukunft entgegen. —

Nun, die Ohren würde er schon steif und vor allen Dingen offen halten, das war gewiß, sagte sich Cary. Aber noch war alles, was er von nun an begann, ein gewagtes Spiel mit dem Feuer. Wie leicht konnte man sich an der Glut verbrennen! War die Nachtfahrt unter dem Zeichen der Ungewißheit schon wenig erquicklich gewesen, so zeigte London bei seiner Ankunft ein wenig einladendes Gesicht.

Obwohl noch sehr früh am Tage, lag die Stadt unter einem dichten Dunstschleier. Je höher die Sonne kletterte, umso mehr begann die Luft zu flimmern. Die Stadt glich bald einem siedenden Kessel.

Kaum, daß Cary Broyders aus dem Untergrund-Tunnel kommend die Waterloo-Station betreten hatte, schlug ihm der heiße Atem Londons entgegen. Noch hatte er nicht ganz den Ausgang der Station erreicht, als ihm der Schweiß aus allen Poren zu rinnen begann.

„Sorry", stöhnte er auf. Er ließ seinen schweren Koffer zu Boden gleiten.

„Das ist ja schlimmer hier als in einem Backofe ..."

Sofort entledigte er sich auch noch seines Rockes und hielt Ausschau nach einem Cab, das ihn bis in die City und zu den Gebäuden der ,Exclusiv-Press' bringen sollte.

Doch einsam und verwaist standen die Wagen vor der Station, denn die Besitzer der Fahrzeuge hatten es vorgezogen, ein kühleres Plätzchen aufzusuchen. Cary Broyders blieb einen Augenblick überlegend im gleißenden Sonnenlicht stehen, dann entschloß er sich, sein Gepäck auf der Station zu belassen und zu Fuß den kurzen Weg bis zur City zurückzulegen.

Mit einem Blick auf die große Stationsuhr überzeugte er sich davon, daß er noch genügend Zeit hatte. Es war erst acht Uhr, als er seinen Koffer an sicherer Stelle wußte, und sich auf den entscheidenden Weg machte. Obwohl er langsam ging, rannen ihm Ströme von Schweiß über die Haut. Wehmütig dachte er an das schöne Fleckchen Erde an der Küste zurück. Schon war er geneigt, seinen Fußmarsch zu unterbrechen, um irgendwo einen erfrischenden Drink zu nehmen, als vor ihm ein mächtiges Gebäude auftauchte, an dem in überdimensionaler Schrift der Name; ,Exclusiv-Press‘ prangte. Er hatte also viel schneller als geglaubt sein Ziel erreicht. Er trat kurzentschlossen ein.

Wenn Cary Broyders kaum die angenehme Kühle der großzügig angelegten Vorhalle empfand, so lag das vor allem an seiner Nervosität, die ihn schon bei den ersten Schritten durch das Portal erfaßt hatte. Während seine Augen durch die Halle schweiften, fiel sein Blick auf ein Girl, das mit einer Kamera bewaffnet die hohe Freitreppe herunterschwebte. Er mußte plötzlich schneller atmen.

„Pardon", entfuhr es ihm unwillkürlich, als die zierliche Gestalt an ihm vorbeigleiten wollte. Zwei klare Augen, aus denen der Schalk nur so herausblitzte, sahen ihn einen kurzen Moment an und machten ihn in seiner Erregtheit noch unsicherer als zuvor.

Doch dann schob er alle Bedenken und Grübeleien, die ihn auf dem Weg von der Station bis hierher nicht losgelassen hatten, beiseite. Er war wieder der echte pfiffige Cary Broyders.

„Ist der hohe Herr des Hauses anwesend?" wollte er von der Kameramaid wissen.

Sie sah ihn noch kecker, mit unverhohlener, weiblicher Neugier an. Und in einer eigenen burschikosen Sprechweise erkundigte sie sich:

„ Sie sind wohl das Küken, das der Chef heute erwartet, stimmt's?"

Ein amüsiertes Lächeln legte sich augenblicklich um seinen Mund. Das Girl da vor ihm war verdammt hübsch — die sorglose Selbstsicherheit des Mädchens übertrug sich auf ihn. Er stellte sich sozusagen in Positur und meinte gönnerhaft: „Genau geraten, verehrte Kollegin! Und wenn ich Ihnen einen Rat geben darf: Stellen Sie sich immer gut mit mir. Ich werde dann schon dafür sorgen, daß besonders Ihre Bilder zum Glanzpunkt meiner Berichte werden. Zunächst aber darf ich Sie bitten, mir den Weg zu unserem Herrn und Gebieter zu weisen."

„Typisch Mann!" hielt sie scherzend mit. „Immer soll zuerst das schwache Geschlecht etwas bieten, bevor sich die Herren der Schöpfung herablassen, uns etwas von ihrem Überfluß an Genialität abzugeben. Na, trotzdem, kommen Sie!"

Sie lachten miteinander. Die Nähe des Mädchens wirkte sich auf Cary zauberisch entspannend aus. Voller Tatendrang stieg er neben der Fremden die Freitreppe hinauf, wobei er es nicht unterlassen konnte, des öfteren neugierig zur Seite zu schielen.

Er hatte geglaubt, nicht so schnell und leicht entflammbar zu sein. Nun mußte er sich eingestehen, daß ihn das Fluidum dieses Girls in ungeahnte und bisher unbekannte Schwingungen versetzt hatte.

„Nun, habe ich die Prüfung bestanden?" klang es silberhell neben ihm auf. Erst jetzt kam ihm zum Bewußtsein, daß seine Blicke verräterischer gewesen sein mochten, als es geboten schien. Das junge Geschöpf an seiner Seite war ihm deswegen offenbar nicht böse. Das fröhliche Funkeln in den Mädchenaugen ermunterte ihn zu antworten:

„Sie haben sogar mit Auszeichnung bestanden, Fräulein! Wir sollten eigentlich gleich eine Art Vertrag abschließen und uns verpflichten, uns gegenseitig fest zu unterstützen. Denn was Sie nicht können sollten, kann ich wahrscheinlich..."

„Stop, stop, nicht zu hastig, junger Mann", unterbrach das Girl den Redefluß. „Sie wissen doch noch gar nicht so genau, ob Sie für längere Zeit hier bleiben werden. Unser Chef — Mister Bide Hillsleigh — muß Sie doch erst persönlich kennenlernen! Danach können wir weitersehen —"

Cary wurde plötzlich verlegen rot. Ihm war eingefallen, daß er sich dem freundlichen Kamera-Mädchen ja noch nicht einmal vorgestellt hatte! Wie kann man so etwas vergessen! Er biß sich auf die Lippe, entschuldigte sich artig und nannte seinen Namen. Bis in die Schläfen erwärmte ihn der Blick, den er dafür empfing. Das wäre eine Sache — dachte er, eine famose Sache, mit diesem Mädel gemeinsam die Zeitungsartikel zurechtzubauen! Bild und Wort — beides mußte faszinieren, wenn der Leser seine Zeitung unentbehrlich finden soll.

Sie waren angelangt. Das nette Mädchen wies mit einer Kopfbewegung auf die nahe hohe Tür und sagte:

„Wenn Sie diese Tür später wieder hinter sich gebracht haben und noch der gleichen Meinung sind, dann finden Sie mich drüben in dem kleinen Cafe. Dort werden Sie dann auch noch einige weitere Mitarbeiter der ,Exclusiv-Press kennenlernen."

Einen Augenblick sah Cary Broyders der Davoneilenden nach. Auf seinen Lippen lag ein feines Lächeln.

„Die Sache läuft ja besser an, als gedacht'', vermutete er.

Wenig später stand er der Sekretärin des höchsten Chefs gegenüber. Sie begrüßte den neuen Mann freundlich und verschwand hinter einer dickgepolsterten Tür. Er blieb allein im Vorzimmer zurück. Während er noch wartete, wurde plötzlich eine Tür hinter ihm aufgestoßen. Ein kräftiger, untersetzter Mann in zu betont eleganter Kleidung schritt, ohne ihn auch nur eines einzigen Blickes zu würdigen, an ihm vorbei, um ebenfalls den Herrn des Hauses aufzusuchen. Dumpf fiel hinter ihm die dicke Polstertür ins Schloß.

Cary Broyders wunderte sich ein wenig über das unkonziliante Benehmen, des fremden Mannes. Ein unbehagliches Gefühl stieg in ihm hoch. Schon bald sollte er erfahren, wer dieser Fremde war und welche Macht er innerhalb der ,Exclusiv-Press' ausübte.

Die Sekretärin kehrte zurück und beschied Cary, der Chef bäte, einen Augenblick zu warten. Dann beantwortete sie Cary bereitwillig die Frage nach dem eleganten Herrn.

„Das ist unser bester Mann, Mister Broyders. Er heißt Morgan. Ein Fachmann für Sensationsreportagen! Außerdem — aber das sage ich Ihnen im Vertrauen! — außerdem ist Mister Randolph Morgan stiller Teilhaber unserer Zeitung. Daß er selber trotzdem noch für die Zeitung arbeitet, ist wohl eine Art Hobby von ihm . . . Wollen Sie noch etwas über Mister Randolph Morgan wissen?" fügte die Sekretärin spöttisch hinzu.

Cary Broyders' Gesicht wurde nachdenklich. Die Sekretärin hatte die Lippen zu zwei schmalen Strichen zusammengezogen. Er erwiderte kurz: „Danke. Das genügt mir zunächst."

Wieder hatte sich die Sekretärin hinter ihrem großflächigen Schreibtisch vergraben, hinter dem sie auch bei Carys Eintreten gesessen hatte. Cary sann noch lange über das soeben Gehörte nach. Gesagt sei nur, daß es wenig erfreuliche Gedanken waren. Seine hohe Stirn zog sich in Falten. Was ihm am wenigsten dabei einleuchtete, war der Umstand, daß sich dieser Mister Morgan, der anscheinend über genügend Kapital verfügte, es kaum nötig hatte, bei dieser Hitze hier in der Stadt zu bleiben. Warum? fragte er sich kopfschüttelnd, warum bleibt so ein Mensch nur hier in diesem Brutofen, wo doch das Leben an der Küste weitaus angenehmer sein konnte als hier?

Noch bevor er Antwort auf diese Frage gefunden hatte, öffnete sich wieder die Tür zum Office des Verlegers, und der sonderbare Mann erschien, mit dem er sich so eingehend beschäftigt hatte.

Diesmal sah Randolph Morgan den jungen Mann im Vorzimmer forschend an. Seine Augen lagen eng beieinander und wirkten fast wie die einer Raubkatze. Ein harter Zug lag um seinen Mund. Seine Stimme klang heiser, als er Broyders ansprach.

„Sie also sind der junge Mann, der künftig den Platz unseres ums Leben gekommenen Browner einnehmen soll?"

„Ums Leben gekommen —?"

Der Elegante hatte etwas Frivoles im Blick. Er zuckte mit der Achsel und näselte:

„So nennt man's wohl, wenn einer ermordet wurde."

Erstaunt blickte Broyders den Sprecher an. Es war das erste Mal, daß er erfuhr, welchem Umstand er es verdankte, daß er nun hier bei der Exclusiv-Press als Reporter wirken sollte.

„Ermordet?" kam es verständnislos über seine Lippen, weil er Randolph Morgans Ton nicht begreifen konnte.

„Well! Wissen Sie das etwa noch nicht?"

Erstaunen und Geringschätzigkeit färbten Morgans Stimme. Seine Unterlippe verzog sich spitz. Er sagte:

„Das hätten Sie aber schon längst wissen müssen, Mister Broyders. Jeder einigermaßen aufgeschlossene Reporter weiß doch, was um ihn herum vorgeht. Wenn Sie da eine Ausnahme bilden, dann sehe ich aber schwarz für Ihre Zukunft."

„Mister Morgan“, verwahrte Broyders sich erregt über die Überheblichkeit des Eleganten vor ihm, „machen Sie sich bitte um meine Zukunft lieber keine Sorgen. Die nächste Zeit wird ja beweisen, ob ich ein tauglicher oder untauglicher Reporter bin!"

Dem eleganten Randolph Morgan schien zunächst der Kamm zu schwellen. Er war es anscheinend nicht gewohnt, daß man sich gegen ihn auflehnte. Doch schon nach Sekunden entspannte sich sein Gesicht wieder. Er sagte unnachahmlich lässig:

„Wir werden sehen!"

Mit dieser geheimnisvollen Andeutung verschwand er aus dem Vorzimmer. Cary Broyders vernahm im gleichen Augenblick die aufgeregte Stimme der Sekretärin hinter sich:

„Aber Mister Broyders, wie konnten Sie sich nur so gehen lassen! Gleich bei der ersten Begegnung sich derart mit Mister Morgan zu Überwerfen, das ist ein Fehler, den Sie vielleicht so schnell nicht wiedergutmachen können."

Broyders, zornig über das Gerede der Sekretärin, fuhr herum. Er dachte: Dieser aufgeblasene Mode-Fatzke Randolph Morgan soll mir nur nicht zu nahe kommen! Seine Zähne knirschten aufeinander. Er zwang sich, ruhig und bestimmt zu entgegnen.

„Damn't, wer sagt Ihnen denn, daß ich die Absicht habe, mich jemals Liebkind bei Mister Morgan zu machen?"

„Nun, nun", stotterte die Sekretärin, erschrocken über das energiegeladene Funkeln in Broyders Augen, „ich meine ja nur."

„Behalten Sie solche Meinungen lieber für sich!“ Broyders liebte es nicht, sich den Willen eines anderen aufzwingen zu lassen, erst recht nicht den Willen eines vor Arroganz triefenden Kollegen. Dieser teure Mister Morgan sollte ruhig von Anfang an wissen, aus welchem Holz er, Cary, geschnitzt war. Selbstverständlich war Cary sich nun darüber im klaren, daß ihm dieser Geck das Leben hier schwer machen konnte. Doch davor fürchtete er sich nicht. Überhaupt, was bildete sich dieser Snob Randolph Morgan ein? Mit Spitzfindigkeiten und Schläue allein ist auf dem Gebiete der Berichterstattung kein Eindruck zu schinden. Worte müssen wiegen!

Sorry, die richtigen Quellen für gute Berichte würde er schon finden. Mit dieser Überzeugung und einer runden Portion aufgespeicherter Wut im Leibe folgte Broyders der Aufforderung, in das Office des höchsten Chefs, Bide Hillsleigh, einzutreten. Dieser Mann war das Gegenteil von seinem Mitarbeiter und Kompagnon Randolph Morgan.

Ruhig und sachlich erörterte er mit Cary Broyders alle Einzelheiten über dessen Anstellung als Reporter bei seiner Zeitung. Der schlanke, hagere Verleger mit dem feinen durchgeistigten Gesicht umriß knapp das Aufgabengebiet der neuen Kraft, nämlich: im wesentlichen die Kriminal-Reportage. Er betonte, daß er besonderen Wert darauf lege, in jedem Bericht und in jedem Feuilleton aus der Sphäre des Gerichtssaales die hintergründige lautere Wahrheit zu lesen. Auch vom tragischen Ende seines Vorgängers erfuhr Broyders Näheres, ohne allerdings die angedeuteten Zusammenhänge völlig zu erfassen. Doch der gewaltsame Tod seines armen Kollegen Browner schreckte Cary nicht davon ab, seine Nachrichtenquellen in den gleichen mysteriösen Kreisen zu suchen wie sein wagemutiger Vorgänger. Er wußte: eines der gefährlichsten und undurchdringlichsten kriminellen Hauptfelder war das sogenannte Soho-Gebiet . . .

Als Broyders sich wieder draußen auf der Freitreppe des Verlagshauses befand, hatte er die giftige Auseinandersetzung mit Randolph Morgan beinahe schon vergessen. Dieser rätselhafte Mann kam ihm im Augenblick herzlich unwichtig vor. Cary war froh, ungemein froh! Ihm schien, er habe nun endlich jenen Arbeitsplatz gefunden, den er sich seit langem leidenschaftlich gewünscht hatte. Nun hieß es also für ihn, zu beweisen, was in Wahrheit in ihm steckte. Und er war überzeugt: manche Leute — besonders solche von der Sorte dieses Morgan — würden noch ihr blaues Wunder erleben . . .

2

––––––––

Zur gleichen Stunde fand im kleinen Sitzungssaal von Scotland Yard eine wichtige Besprechung unter einigen Yard-Officer statt.

Der Sektionspräsident persönlich hatte seine Dezernatsleiter hierher gebeten. Zu erörtern waren die vordringlichsten Schritte, um dem Treiben eines außerordentlich berüchtigten Gangsters ein Ende zu machen. Der Gesuchte wurde allerorts ,Der Napoleon von London' genannt.

Wie dieser Name in die Gangsterkreise gekommen war, wußten nicht einmal die führenden Köpfe von Scotland Yard zu sagen. Der geheimnisvolle Mann war vor Monaten irgendwo unten im Soho-Gebiet aufgetaucht und hatte sich seinen Schleichweg von Stadtteil zu Stadtteil gebahnt. Welche Person sich womöglich hinter diesem Namen verbarg, war bis zur Stunde noch für alle Scotland-Yardler so ungewiß wie nur denkbar.

Daß der Träger dieses Spitznamens jedoch einer der gerissensten und skrupellosesten Unterweltler des Jahrhunderts sein mußte, verrieten seine kaltblütig durchgeführten Delikte. Die Gesichter der Männer im Sitzungssaal von Scotland Yard waren ernst, als der Sektionspräsident mit der Darstellung der augenblicklichen Situation um diesen ,Napoleon von London' begann:

„Meine Herren, zunächst will ich Ihnen noch einmal die zwischenzeitlich angefallenen Taten dieses Mannes in Ihr Gedächtnis zurückrufen. Sie erinnern sich gewiß noch an die sogenannten Stafetteneinbrüche vor etwa sieben Monaten. Hierbei waren viele solide Banken und Kassen unserer Stadt in Mitleidenschaft gezogen worden. Wie hoch die wirkliche Gesamtbeute der Gangster war, ist bis heute noch nicht geklärt. Die Polizei trifft in dieser Hinsicht keine Schuld. Vielmehr liegt es daran, daß wohl der größte Teil der Geschädigten es vorgezogen hat, zu schweigen, anstatt die wirklichen Summen anzugeben, die aus ihren Privattresoren verschwunden sind. Wer eben seine Gelder und Vermögen dem Fiskus verschweigt, hat das selbst zu verantworten.

Kommen wir zum nächsten Punkt der Untaten-Liste dieser Bande. Ich meine den Überfall auf den scharf gesichert gewesenen Lastkraftwagen, der mit den zum Einstampfen bestimmten Banknoten beladen war. Mir ist es schleierhaft, wie es möglich sein kann, daß eine derartige Summe bis heute verschwunden geblieben ist."

Ein betretenes Schweigen folgte. Was könnte versäumt worden sein?

Die Yard-Officer wußten nur zu gut, wie sehr sie sich abgemüht hatten, hinter den raffinierten Trick des Napoleon von London zu kommen. Weder ihnen noch den von den Banken unterhaltenen Sicherheitsorganen war es bisher gelungen, auch nur eine einzige Spur von den gestohlenen Banknoten zu finden. Stand ein einzelner, ein geschworenes Team oder eine einmalig ausgekochte Verbrecher-Organisation dahinter?

Man hatte hin und wieder einen kleinen verdächtigen Gauner erwischen können. Vielleicht gehörte der eine oder andere zum ,Club‘, aber alle schwiegen sich beharrlich aus, da sie wohl wußten, daß während ihrer Abwesenheit,  während ihrer Knast-Zeit — ausreichend für ihre Familienmitglieder gesorgt wurde, und daß nach ihrer Strafverbüßung sogar eine erhebliche Entschädigung auf sie wartete. Man konnte bei diesen Leuten auch niemals mit Sicherheit sagen, ob sie wirklich etwas über diesen ,Napoleon von London' hätten aussagen können. Wie dem auch sei: der geheimnisvolle Gangster mit dem Namen ,Napoleon von London' war und blieb der große Unbekannte. Er trieb nach wie vor sein Unwesen in der Stadt, und bisher hatte Scotland Yard noch keinen Weg gefunden, um hinter seine Schliche zu kommen.

Daß endlich etwas geschehen mußte in Scotland Yard, um nicht noch zum Gespött der Bevölkerung zu werden, war allen Anwesenden im Sitzungssaal klar. Was aber könnte unternommen werden? Einer der wenigen Männer um den Sektionsleiter war offenbar nicht so niedergeschlagen und so pessimistisch wie seine Kollegen. Dieser Beamte wurde nun an die Spitze einer Spezialgruppe von erfahrenen Kriminalisten gesetzt, die sich lediglich mit der Aufklärung dieses ,Napoleon-Falles' zu beschäftigen hatte. Es war Kommissar G. E. Morry, Leiter des neu gebildeten Sonderdezernats ,N. I.' bei Scotland Yard . . .

Alle Augen richteten sich auf ihn, als ihn der Sektionspräsident instruierte:

„Kommissar Morry!" begann er fast beschwörend eindringlich, „Sie werden sich also von nun an mit allen Ihren Leuten nur noch für diesen Ausnahme-Fall einsetzen. Alle anderen derzeit in Ihren Händen befindlichen Fahndungsvorgänge werden von Kollegen der anderen Dezernate weiterbearbeitet.

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