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Kommissar Morry - Der Schuss nebenan

Kommissar Morry - Der Schuss nebenan

Cedric Balmore

Published by Uksak Sonder-Edition, 2017.

Inhaltsverzeichnis

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Kommissar Morry

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Cedric Balmore: Der Schuss nebenan | Kriminalroman

Roman

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Kommissar Morry

Kommissar Morry ist eine Serie von Kriminalromanen mit allen Zutaten klassischer Detektivgeschicten im englischen Stil. Nebelige Gassen, unheimliche Geschehnisse, skrupellose Mörder und ein Ermittler, der mit Scharfsinn und Beharrlichkeit dem Verbrechen den Kampf angesagt hat. Die Romane erschienen in den 1950er Jahren und spiegeln ihre Zeit wieder.

Verfasst wurden die Kommissar Morry Kriminalromane  von Cedric Balmore (d.i. Hans E. Ködelpeter),  der später auch zahlreiche Romane zu den Serien Jerry Cotton, Kommissar X  und 'Die schwarze Fledermaus beitrug.

Cedric Balmore: Der Schuss nebenan

––––––––

Kriminalroman

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Lord Bramseys Eltern ist die Fischmahlzeit nicht gut bekommen. Der Fisch hat sie vergiftet, und das brachte die alte Lordschaft ins Grab. Aber als der Lord amerikanischen Boden betrat, schwamm der Fisch noch munter im Trog. Auch die Millionenerbin Pamela de Villon segnete plötzlich das Zeitliche. War das die Quittung dafür, daß ihr der Verlobte Lord Bramsey lästig war? Die Argumente sprechen gegen den Lord, und die Polizei tappt im Dunkeln. Erst der Schuß nebenan klärt Irrtümer auf. Noch ist nichts gewonnen, denn noch fehlt das letzte Glied in der Kette. Die schöne Miß Chloe könnte da weiterhelfen, aber sie wagt das Paket nicht zu öffnen, das ihr der undurchsichtige Terry Price hinterlassen hat. Kein Wunder: für die Aufbewahrung ist ein Pelzmantel fällig. DER SCHUSS NEBENAN trifft ins Schwarze. DER SCHUSS NEBENAN ist ein spannungsgeladener Roman, in dem die Gangster das Fürchten lernen. Er ist nicht zu überhören, DER SCHUSS NEBENAN!

Roman

Lord Bramseys Reise nach Amerika stand von Anbeginn unter keinem günstigen Stern. Zunächst einmal erreichte ihn nach seiner Ankunft, im Hotel die Nachricht, daß seine Verlobte, Pamela de Villon, das Opfer eines Autoufalls geworden war, und zwei Tage später mußte er aus einem Telegramm zur Kenntnis nehmen, daß seine Eltern in England an einer Fischvergiftung gestorben waren. Wenn sich Lord Bramseys Laune trotz dieser Schicksalsschläge keineswegs verschlechterte, so gab es dafür einige plausible Erklärungen. Er hatte sich mit seinen Eltern nicht gut verstanden und deshalb die meiste Zeit in London gelebt. Der Tod der beiden alten Bramseys machte ihn zum alleinigen Erben von mehreren Millionen Pfund, und was Pamela de Villon betraf, so hatte er diese Verbindung in letzter Zeit ohnehin als recht lästig empfunden.

Unglückseligerweise gab es Leute, die in dem Tod der drei Menschen mehr sahen als nur einen Zufall; ihren Bemühungen war es zu verdanken, daß sich die englische Polizei für Bramsey zu interessieren begann. Nun stand freilich außer Zweifel, daß Lord Bramsey an dem Tod dieser Menschen nicht unmittelbar beteiligt gewesen sein konnte; schließlich war er schon in New York gewesen, als man Pamela de Villon überfahren hatte, und der Fisch, an dessen unreinem Blut seine Eltern gestorben waren, hatte noch munter in seinem Trog geschwommen, als Bramsey den Fuß auf amerikanischen Boden gesetzt hatte.

Aber: in der Grafschaft Roundhill gab es eine Menge Leute, die dem jungen Lord nur das Schlechteste zutrauten, und diese Leute meinten, er sei bloß nach Amerika gefahren, um sich ein Alibi zu beschaffen. Er habe, so argumentierte man, gewiß ein paar Gangster gechartert, die gegen entsprechende Bezahlung die scheußlichen Verbrechen begangen hätten.

Beweisen ließ sich das alles natürlich nicht — noch nicht, wie die biederen Bewohner von Roundhill versicherten. Aber wenn Scotland Yard sich darum bemühen würde, wäre dies nur eine Frage der Zeit.

Scotland Yard hätte die Anwürfe wahrscheinlich beiseite gewischt, wenn nicht allgemein bekannt gewesen wäre, daß Lord Bramsey ein Außenseiter der Gesellschaft war ... ein Mann, dessen Leben immer wieder die Spalten der Sensationsblätter mit neuem Stoff versorgte, und der sich in der Presse des zweifelhaften Ruhms erfreute, als ,Lord Pferdefuß' bezeichnet zu werden.

Niemand wußte so recht, wer diese wenig freundliche Bezeichnung aufgebracht und die Anspielung auf das Dämonisch-Teuflische in Lord Bramsey publik gemacht hatte.

Ohne Zweifel hatte der neunundzwanzigjährige Lord etwas von einem Mephisto an sich; er war groß, schlank und dunkel. Lediglich die erstaunlich blauen Augen bildeten einen seltsam anziehenden Kontrast zu seiner im ganzen recht düsteren Erscheinung.

Das äußere Bild entsprach nicht ganz den Tatsachen: der Lord war leichtlebig und heiter. Diese beiden Talente hatten ihn mehr als einmal in Schwierigkeiten gebracht.

Auf Frauen wirkte er wie ein Magnet. Kein Wunder, das Dämonische hat Frauen schon immer gereizt. Bei Lord Bramsey kamen noch die Pluspunkte einer hochadeligen Abstammung und männlich-energische Gesichtszüge hinzu. Außerdem hatte er ein abgeschlossenes Jurastudium sowie eine beachtliche Reihe sportlicher Erfolge aufzuweisen. Wie dem auch sei: sein lockerer Lebenswandel und die Anschuldigungen seiner Feinde hatten die Polizei gezwungen, den erhobenen Vorwürfen nachzugehen. Scotland Yard schaltete die Interpol ein, und so kam es, daß das FBI in New York den Auftrag erhielt, Lord Bramsey zu verhören.

Detektivleutnant Random war der Mann, der den Lord an einem Dienstagnachmittag in seiner Hotelsuite im Waldorf-Astoria aufsuchte. Random war ein tüchtiger, zäher Bursche; er befand sich schon seit zwölf Jahren im Dienst und glaubte fest an die unverrückbaren Prinzipien der Demokratie. Gleichzeitig nährte er ein gewisses Mißtrauen gegen Leute, die seines Wissens dem demokratischen Ideal im Wege standen. Dazu gehörten, wie Random meinte, die Aristokraten alter Prägung, die Vertreter der feudalistischen Epoche. Mit anderen Worten: Random empfand dem Lord gegenüber einige Vorurteile. Bramsey, der von Randoms Kommen telefonisch unterrichtet worden war, empfing den Detektivleutnant in bester Laune — ein Umstand, der Randoms Antipathie gegen den Lord noch weiter vertiefte. Wie konnte ein Mann, der erst vor wenigen Tagen die Eltern und die Braut verloren hatte, so guter Dinge sein? Das war einfach ungehörig!

„Nehmen Sie Platz, mein Freund", sagte Bramsey. „Wie ich höre, sind Sie ein Mitglied des FBI?"

Random blieb hölzern stehen. Sein Pokergesicht verriet keinerlei Gefühl. Er fand, daß Bramsey viel zu gut aussah. Gegen gut aussehende Leute hatte Random ebenfalls eine tiefe Abneigung. Im übrigen störte ihn der leicht gönnerhafte Unterton, den er in der Stimme des Lords zu entdecken glaubte. Bramsey war noch nicht fertig angezogen. Er stand vor einem Spiegel und war gerade dabei, sich den Schlips zu binden. Er tat das leise pfeifend und mit selbstvergessener Hingabe. Für einige Sekunden schien er seinen Besucher völlig vergessen zu haben. Random räusperte sich.

Bramsey blickte über die Schulter. „Na, alter Junge, haben Sie Angst, daß einer der Sessel unter Ihrer Last zusammenbrechen könnte? Ich will nicht hoffen, daß sich so etwas ereignet. Die Hotelleitung nimmt mir immerhin pro Tag und Zimmer runde hundert Dollar ab. Dafür sollte man, meine ich, Anspruch auf zuverlässigen Sitzkomfort erheben können."

Random setzte sich gleichsam unter Protest. Er blieb auf der äußersten Sesselkante sitzen und sah zu, wie Lord Bramsey in sein Jackett schlüpfte. Random war als Kriminalist gewohnt, sich jede Kleinigkeit einzuprägen. Ihm entging daher nicht die erstaunliche Tatsache, daß der Engländer zwar pro Tag und Zimmer einhundert Dollar Hotelkosten zahlte, daß er aber andererseits einen Flanellanzug trug, der seine besten Tage längst hinter sich hatte. Der Krawattenknoten war ziemlich klobig ausgefallen; die darauf verschwendete Mühe entsprach nach Randoms Ansicht nicht im mindesten dem Ergebnis. Alle Engländer haben einen Spleen, schoß es dem Detektivleutnant durch den Kopf. Für Aristokraten schien das im besonderen Maße zu gelten!

„So... da wären wir", sagte Lord Bramsey, der das Jackett straff zog und Random verbindlich in die Augen lächelte. „Würden Sie es mit Ihren strengen Dienstvorschriften für vereinbar halten, mit mir einen guten, alten Scotch zu trinken? Oder sollten Sie zu den Amerikanern gehören, die aus Patriotismus Bourbon vorziehen?"

„Ich trinke Bier", meinte Random, den es danach drängte, seine demokratische Hemdsärmligkeit gegen Lord Bramseys wohlgesetzte Worte zu stellen. „Auf Whisky pfeife ich."

„Bier? Hmm, köstlich und erfrischend, obwohl ich zugebe, daß unser englisches Ale kaum zu genießen ist. Soll ich Ihnen eine Flasche des Hopfenproduktes herauf kommen lassen?"

„Vielen Dank, ich bin in offizieller Mission hier", sagte Random abwesend.

Bramsey nahm dem Leutnant gegenüber Platz. Random entdeckte, daß der Lord sehr abgetragene Schuhe und recht unmodische Socken trug. Und so etwas nannte sich Multimillionär! Allerdings: wie ein Mörder sah er nicht aus. Wenn er beim Lächeln seine weißen, kräftigen Zähne zeigte, hatte er nichts Düsteres an sich. Da wirkte er einfach wie ein hübscher Junge aus gutem Hause. Random war allerdings fest entschlossen, sich von keinem Lächeln gefangennehmen zu lassen. Er wollte ganz aggressiv beginnen. Es war immer gut, den Gegner zu schockieren. Dieser Bramsey sollte sofort wissen, mit welcher Anklage er sich auseinanderzusetzen hatte!

„Man wirft Ihnen vor, die Schuld am Tod Ihrer Eltern zu tragen, Sir."

Bramsey nickte. „Ich nehme an, daß das stimmt."

Random riß die Augen auf. „Sie geben zu, Ihre Eltern ermordet zu haben?"

Bramsey hob die linke Augenbraue. „Wie belieben?"

Random lief rot an. „Sie bestreiten nicht, den Tod Ihrer armen Eltern herbeigeführt zu haben?"

„Man kann nicht sagen, daß sie arm waren."

„Sie wissen genau, wie ich's meine!" entrüstete sich der Leutnant. „Also, geben Sie die Tat zu?"

„Ich muß gestehen, daß mich Ihr bizarrer Humor ein wenig überrascht."

„Verschonen Sie mich mit Ihren albernen Feststellungen! Mir ist es bitter ernst mit meiner Mission. Nehmen Sie das zur Kenntnis!"

„Das dachte ich mir", bemerkte der Lord mit leichtem Kopfnicken. „Sie machen durchaus den Eindruck eines Menschen, der die ihm aufgetragenen Pflichten redlich und gewissenhaft erfüllt. Ich möchte Sie keineswegs frotzeln, Leutnant, aber mir drängt sich doch allmählich die Überzeugung auf, daß Sie mich und meine Äußerungen nicht ganz richtig bewerten."

„Sie haben zugegeben, am Tod Ihrer Eltern die Schuld zu tragen."

„Ich habe es ein wenig anders formuliert", korrigierte der Lord lachend, „vor allem war es ganz anders gemeint. Meine Eltern waren alte, sehr konservative Leute — stockkonservativ, um genau zu sein. Es ließ ihnen keine Ruhe, daß ihr einziger Sohn wie ein Freigeist lebte und mit seinen Abenteuern die Spalten der Boulevardpresse füllte. Ich mußte mir mehr als einmal von ihnen sagen lassen, daß ich sie eines Tages gewiß noch ins Grab bringen würde."

„Na, sehen Sie!"

Lord Bramsey zuckte die Schultern. „Eltern scheuen selten vor krassen Formulierungen zurück, wenn es ihnen darum geht, die Kinder zur Räson zu bringen. In meinem Fall war das nicht anders. Allerdings muß ich gestehen, daß ich mir die Worte meiner alten Herrschaften nicht sonderlich zu Herzen nahm. Heute macht es mir natürlich Kummer, zu wissen, daß ich ihnen gegen meinen Willen soviel Gram zugefügt habe. Im Grunde waren sie seit jenem Tage tot, als ich in den Skandal mit der Tochter des Viscounts verwickelt wurde. Sie zogen sich vom Leben und von der Gesellschaft zurück. Sie waren gleichsam lebendig begraben. Das ist es, worauf ich vorhin anspielte."

„Warum sind Sie nach Amerika gekommen?"

„Ich dachte, es sei eine nette Abwechslung."

Random starrte den Lord an. Der Leutnant hatte seit zwei Jahren keinen Urlaub gemacht, weil es ihm an Zeit und Geld dafür mangelte. Und hier saß ein Mann, der von England nach Amerika gereist war, weil er es für eine nette Abwechslung hielt!

„Soso", sagte Random bitter. „Und wie lange gedenken Sie zu bleiben?"

„Oh, das hängt davon ab, ob mich Ihr Land zu fesseln vermag", erklärte Lord Bramsey. „Ich bin allergisch gegen jede Art von Langeweile; sobald sie in Erscheinung tritt, wechsle ich den Standort."

„Sehr vernünftig!" witzelte Random, zum erstenmal von einer unwiderstehlichen Spottlust übermannt.

„Ich freue mich, daß Sie darin mit mir einer Meinung sind", sagte Lord Bramsey ganz ernsthaft.

„Da wäre noch eine Kleinigkeit", meinte Random.

„Ah, wirklich?"

„Ihre Braut. Sie ist unter recht merkwürdigen Umständen gestorben."

„In der Tat. Heutzutage ist es freilich nicht mehr ganz selten, unter die Räder eines Wagens zu kommen."

„Stimmt. Nur erwischte es Ihre Braut ausgerechnet auf dem Bürgersteig."

„Alkoholmißbrauch!" sagte Lord Bramsey dumpf. „Eine wahre Schande!"

Random betrachtete den Lord mit verkniffenem Gesicht. War dieser verrückte Engländer überhaupt ernst zu nehmen? Oder hielt es Bramsey gar für einen Mordsspaß, ihn, Leutnant Random, auf den Arm zu nehmen?

„Der Fahrer entzog sich durch Flucht seiner Verantwortung", meinte Random.

„So wurde es mir berichtet."

„Mehr haben Sie dazu nicht zu sagen?"

„Nein."

„Darf ich mir eine persönliche Bemerkung gestatten?"

„Bitte, Leutnant."

„Ich halte Sie für ein kaltes, herzloses Scheusal!"

Einige Sekunden war es ganz still in dem Zimmer. Random wurde es plötzlich ziemlich warm. Der Lord betrachtete ihn mit seinen tiefblauen Augen sehr aufmerksam, beinahe nachdenklich.

Wenn er sich bei meinem Chef beschwert, bekomme ich eins auf's Dach, schoß es dem Leutnant durch den Sinn. Noch ist nicht bewiesen, daß er ein Verbrecher ist. Bis dahin hat er das Recht auf eine korrekte Behandlung. Wie konnte ich mich nur dazu hinreißen lassen, eine so unqualifizierte Äußerung zu tun? Der Kerl bringt mich eben auf die Palme!

„Vielleicht haben Sie nicht ganz unrecht", meinte Lord Bramsey, ohne daß seine Stimme Ärger oder Empörung verriet. „Aber warum sollte ich Gefühle heucheln, die ich nicht empfinde ... und mich einem Mann gegenüber rechtfertigen, den ich nicht kenne?"

Random wurde abermals rot. „Ich muß mich bei Ihnen entschuldigen. Die Äußerung war dumm. Sie ist mir nur so über die Lippen gerutscht."

Lord Bramsey winkte ab. „Sie befinden sich in bester Gesellschaft, wenn Sie so etwas behaupten. Ich könnte Ihnen ohne Mühe zwei Dutzend sehr bedeutender Leute aufzählen, die ganz ähnlich über mich urteilen."

„Und... es macht Ihnen nichts aus?" erkundigte sich Random, plötzlich von persönlicher Neugier überwältigt.

„Nicht das geringste."

„Dann — verzeihen Sie — muß es stimmen, daß Sie kalt und herzlos sind!"

„Ich habe einmal auf offener Straße einen Mann verprügelt, der seinen Hund quälte, ich habe schon mehrere Burschen geohrfeigt, die ihre Mädchen zu demütigen versuchten. Ich habe... nun, das alles würde wohl zu weit führen. Sie sehen, daß ich durchaus in der Lage bin, mich für gewisse Dinge zu engagieren. Dinge, die mit dem Gefühl sehr eng Zusammenhängen. Aber wenn man meinen nicht bestrittenen Hang zur Spottlust einmal beiseite lassen will, gibt es nichts, was ich so sehr hasse wie die Heuchelei. Meine Eltern haben mich in einem streng geführten Internat erziehen lassen. Jahrelang habe ich sie nur im Urlaub und zu Weihnachten gesehen. Sie haben mir niemals Liebe, sondern immer nur das entgegengebracht, was sie eine standesgemäße Erziehung nannten. Ist es ein Wunder, daß ich dagegen aufbegehrte und rebellierte? Zwischen meinen Eltern und mir gab es keine echte gefühlsmäßige Bindung. Niemand bedauert das mehr als ich. Aber liegt die Schuld allein bei mir?

Jetzt, wo sie tot sind, können Sie nicht verlangen, daß ich eine Trauer heuchle, die ich nicht empfinde."

„Und wie steht es mit Ihrer Verlobten?" fragte Random.

„Pamela? Sie war ein ungewöhnlich schönes und geistvolles Mädchen. Ich glaube, daß ich sie auf meine Weise geliebt habe. Als ich freilich entdeckte, daß sie nicht in der Lage war, diese Liebe zu erwidern, kühlte auch meine Neigung ab. Ich fürchte, daß sie zur Frigidität neigte."

„Hm, Sie ahnen vermutlich, warum ich gezwungen bin, diese Fragen an Sie zu richten?"

„Aber ja! Ich kenne die guten Leute von Roundhill und Umgebung lange genug, um zu wissen, daß sie mir wieder einmal durch törichte Verdächtigungen einen Strick zu drehen versuchen. Ich begreife allerdings nicht recht, wie sich die Polizei von diesen blindwütigen Eiferern verführen lassen konnte, die Beschuldigungen ernst zu nehmen."

„Sie wissen ja, wie das ist", hörte Random sich verlegen antworten. „Ich selbst habe natürlich keine Sekunde daran geglaubt!"

„Sie machen mich sehr glücklich, Leutnant!"

Da war er wieder, dieser leise, unerträgliche Spott! Das Gefühl der Wärme und Zuneigung, das Random ganz plötzlich und überraschend für seinen aristokratischen Gesprächspartner empfunden hatte, wich einer leichten Gereiztheit.

Random stand auf. „Ich werde meiner Behörde von Ihrer Aussage Mitteilung machen", meinte er frostig. „Natürlich ist es nicht ausgeschlossen, daß man Sie nochmals verhören wird."

Der Lord erhob sich gleichfalls. „Ich bin zwar ein Gegner der Langeweile, aber Polizeiverhöre betrachte ich keineswegs als besonders erstrebenswerte Zerstreuungen!"

Random machte eine knappe Verbeugung und verließ das Zimmer. Draußen öffnete er den obersten Knopf seines Hemdes. Er hatte sich noch nie so unwohl gefühlt wie in Lord Bramseys Gegenwart. Bramsey klingelte unterdessen dem Etagenkellner. Er bestellte eine Flasche französischen Champagner und blickte sich dann wie suchend

im Zimmer um. Als er das Telefon entdeckte, ging er darauf zu und nahm den Hörer ab.

„Verbinden Sie mich bitte mit Arturo Rodrigez", sagte er, nachdem sich die Dame aus der Vermittlung gemeldet hatte.

Die junge Dame am Apparat wußte genau, welcher Gast das Appartement 34 innehatte. Und weil sie sich nicht vorstellen konnte, daß ein Lord, ein richtiger Lord, mit einem Gangster vom Schlage des gefürchteten Rodrigez sprechen wollte, fragte sie zaghaft zurück: „Mr. Rodrigez von der .International Star Corporation'?"

„So ist es", erwiderte Bramsey freundlich.

„Einen Augenblick bitte, ich verbinde."

Es knackte in der Leitung, dann meldete sich eine spröde männliche Stimme. „Hier bei Mr. Rodrigez."

„Bramsey. Ist Rodrigez zu sprechen?"

Am anderen Ende der Leitung ertönte ein Räuspern.

„Bedaure, nein."

„Ist er nicht zu Hause?“

„Oh, doch... aber..."

„Hören Sie, guter Mann, ich habe meine Zeit nicht gestohlen. Verbinden Sie mich endlich mit ihm!"

„Es tut mir sehr leid, Sir, aber das ist völlig ausgeschlossen. Es geht nicht."

„Warum?"

„Mr. Rodrigez wurde vor zwei Stunden erschossen."

*

Lord Bramsey legte den Hörer auf die Gabel zurück und runzelte die Augenbrauen. In diesem Moment klopfte es gegen die Tür. Er rief „Herein" und war überrascht, als eine junge, ungewöhnlich hübsche Dame das Zimmer betrat. Er war sicher, daß sie sich in der Tür geirrt hatte, aber sie fragte sofort: „Lord Bramsey?"

Er deutete eine Verbeugung an. „Mit wem habe ich das Vergnügen."

„Ich bin Mabel Reley", sagte sie, als wäre damit das Wichtigste hinreichend erklärt.

„Sie wünschen mich zu sprechen?"

„Wäre ich sonst gekommen?" fragte sie spöttisch.

Bramsey hatte inzwischen Gelegenheit, seine Besucherin eingehend zu mustern. Sie war Mitte zwanzig, sehr schlank. Sie trug hellblondes Haar, war braunäugig und stark geschminkt. Bekleidet war sie mit einem türkisfarbenen Kostüm; um die Schultern hatte sie eine echte Nerzstola gelegt. An den schmalen Handgelenken klimperte allerhand Goldschmuck, und an dem Zeigefinger ihrer rechten Hand blitzte ein mehrkarätiger Brillant. In Typ und Aufmachung ähnelte sie einer jungen Dame vom Theater, die das Glück hatte, von einem reichen Verehrer ausgehalten zu werden.

„Darf ich Sie bitten, Platz nehmen zu wollen?"

Mabel Reley spielte mit einem Ende der Nerzstola. Sie betrachtete ihn mit einem amüsierten Lächeln, das nicht ganz frei von einem merkwürdigen Ernst war. Dann nahm sie Platz und schlug die Beine übereinander. Sie gab sich sehr sicher, überzeugt von ihrer Wirkung auf Männer. Bramsey nahm ihr gegenüber Platz.

„Warum haben Sie es getan?" fragte Mabel Reley.

„Pardon... was getan?"

„Warum haben Sie den Mord begangen?"

Lord Bramseys linke Augenbraue wanderte um einen halben Zentimeter in die Höhe. „Das ist in der Tat ein kurioses Land", bemerkte er. „Die Leute scheinen in mir ein blutrünstiges Ungeheuer zu sehen!"

„Sie sind wirklich ein Lord, ein richtiger Lord?"

„Das wird allgemein behauptet."

Mabel Reley kuschelte sich in den Sessel. Das Lächeln, das tief in ihren Mundwinkeln hockte, verlor nichts von seinem spöttischen Ausdruck. „Kolossal!"

„Bitte?"

„Ach, nichts, Sie sind sehr reich, Lord Bramsey. Was würden Sie zahlen, um Ihre Freiheit zu behalten? Ich meine, was ist Ihnen Ihr Leben wert?"

„Sie halten mich hoffentlich nicht für beschränkt, wenn ich an dieser Stelle bemerke, daß es mir schwer fällt, den Sinn Ihrer Frage zu ergründen."

Mabel spielte noch immer mit dem Ende der Nerzstola.

„Machen wir uns nichts vor; Sie haben Roddy getötet!"

„Roddy?"

„Ja, Arturo Rodrigez! Oder wollen Sie bestreiten, ihn zu kennen?"

Lord Bramsey stand auf. Er schaute sich um und ging dann zu einem Tisch, auf dem ein Kästchen mit Zigaretten stand. Er brachte das Kästchen zu der Sesselgarnitur: „Rauchen Sie, oder würden Sie es vorziehen, einen Drink zu nehmen?"

„Zigarette genügt", meinte Mabel Reley. Sie klaubte sich eine Zigarette aus dem Kästchen, und Lord Bramsey reichte ihr Feuer. Dann bediente er sich selbst und nahm wieder Platz.

„Ich kenne Rodrigez, allerdings nicht persönlich", sagte Lord Bramsey.

Mabel Reley nahm einen tiefen Zug aus der Zigarette.

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