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Komm auf mein Schloss in Cornwall

Jessica Hart

Komm auf mein Schloss in Cornwall

PROLOG

„Warte, ich will mit dir reden!“, rief Cassie, während sie die Freitreppe hinunterlief.

Viel hätte nicht gefehlt, und sie wäre gefallen, denn in ihrer Eile übersah sie die letzte Stufe. Sie geriet ins Wanken und konnte sich gerade noch vor einem Sturz bewahren. Dann stürmte sie weiter auf Jake Trevelyan zu, der sich auf sein Motorrad geschwungen hatte, um sich feige aus dem Staub zu machen.

In seiner abgewetzten Ledermontur schaute er genauso finster aus wie seine Höllenmaschine. Auch wirkte der Einundzwanzigjährige wie immer ein wenig bedrohlich, was sie normalerweise einschüchterte. Nur war sie heute viel zu wütend.

„Du hast Rupert die Nase gebrochen!“

Amüsiert beobachtete Jake, wie das Mädchen mit den zerzausten Locken auf ihn zukam. Die Tochter des Gutsverwalters war noch recht unscheinbar, würde aber wohl einmal eine hübsche Frau werden. Jetzt war sie jedoch erst siebzehn und erinnerte ihn an einen quirligen jungen Hund, der über seine Pfoten stolperte.

Momentan allerdings an einen unfreundlichen jungen Hund! Sie funkelte ihn zornig mit ihren braunen Augen an, die sonst zumeist verträumt dreinblickten. Nicht, dass es schwer zu erraten war, was sie aufgebracht hatte. Sie musste gerade ihren geliebten Rupert besucht haben.

„Er ist heute kein so attraktiver Kerl, oder?“ Jake lächelte, und Cassie ballte die Hände zu Fäusten.

„Nur zu gern würde ich dir die Nase brechen!“

Er lachte spöttisch. „Versuch’s!“

„Und dir damit einen Vorwand liefern, mich ebenfalls zusammenzuschlagen? Nein, vergiss es.“

„Ich habe Rupert nicht zusammengeschlagen. Hat er dir das erzählt?“

„Ich war soeben bei ihm. Er sieht schrecklich aus.“

Ihre Stimme hatte verräterisch brüchig geklungen. Schnell presste Cassie die Lippen aufeinander. Sie wollte sich nicht noch mehr demütigen und womöglich zu weinen anfangen.

Und dabei war sie so glücklich gewesen. Solange sie sich zurückerinnern konnte, hatte sie von Rupert geträumt. Nun gehörte er ihr – oder hatte es zumindest getan. Seit der Party zum Allantide-Fest waren gerade einmal ein paar Tage vergangen. Trotzdem hatte Rupert eine fürchterliche Laune und sie an ihr ausgelassen. Alles war verdorben, und das war allein Jakes Schuld.

„Er wird dich wegen Körperverletzung anzeigen.“ Hoffentlich versetzte ihn diese Information in Angst und Schrecken.

Verächtlich blickte Jake sie an. „Das hat Sir Ian mir soeben mitgeteilt.“

Cassie hatte noch nie verstanden, warum Sir Ian so viel Zeit für einen Typ wie Jake erübrigte. Nun hatte dieser auch noch seinen Neffen zusammengeschlagen. Überhaupt waren die Trevelyans in Portrevick für ihre zweifelhaften Geschäfte bekannt. Das einzige Familienmitglied, das wohl je ein dauerhaftes Arbeitsverhältnis gehabt hatte, war Jakes Mutter gewesen. Sie hatte bis zu ihrem frühen Tod vor zwei Jahren bei Sir Ian geputzt.

Jake stand in dem Ruf, ein Tunichtgut und Unruhestifter zu sein. Er war stets ein mürrischer, finsterer Junge und Teenager gewesen, vor dem man lieber die Straßenseite gewechselt hatte, um ihm nicht zu begegnen. Zu dumm, dass ich mich auf dem Allantide-Fest nicht daran erinnert habe, dachte Cassie.

Sie funkelte Jake an und wunderte sich über ihren Mut. „Aber wahrscheinlich schreckt dich der Gedanke nicht, im Gefängnis zu landen. Es ist ja gewissermaßen eine Familientradition, oder?“

Unfreundlich blitzte er sie an, und sie trat einen Schritt zurück. Vielleicht hatte sie den Bogen überspannt. Jake war ohnehin schon verärgert gewesen, das hatte sie gespürt. Vermutlich hätte sie ihn nicht weiter reizen sollen. Sie konnte nicht ausschließen, dass er seinen Unmut nun auch an ihr ausließ. Doch am Ende betrachtete er sie nur voller Abneigung.

„Was willst du?“

Tief atmete sie ein. „Ich möchte wissen, warum du Rupert geschlagen hast?“

„Wieso interessiert es dich?“

„Er sagte, es sei um mich gegangen, hat mir aber nichts Genaues erzählt.“

Jake lachte auf. „Das glaube ich gern.“

„Hatte es … damit zu tun, was … auf dem Allantide-Fest geschehen ist?“

„Als du dich mir quasi auf einem silbernen Tablett angeboten hast?“, fragte Jake, und Cassie errötete.

„Ich habe nur mit dir geredet.“ Nein, sie hatte mehr gemacht.

„Man trägt kein solches Kleid, bloß um sich zu unterhalten.“

Cassies Wangen wurden so rot wie das Kleid, das sie angehabt hatte. Sie hatte es sich eigens für das Fest gekauft, um Rupert zu überzeugen, dass sie inzwischen erwachsen geworden war.

Als sie es ihren Eltern zeigte, waren diese entsetzt gewesen. Sie selbst hatte ihr Anblick im Spiegel halb schockiert und halb entzückt. Das kurze Kleid mit dem gewagten, tiefen Ausschnitt war aus einer billigen elastischen Kunstfaser gearbeitet und hatte jede Rundung ihres Körpers offenbart. Cassie schauderte bei dem Gedanken, wie dick und ordinär sie neben all den schlanken Blondinen in schwarzen Outfits ausgesehen haben musste.

Aber ihre Taktik war aufgegangen. Rupert hatte sie bemerkt, als sie auf der Bildfläche erschien. Dies hatte ihr dann das Selbstvertrauen verliehen, ihren Plan weiter umzusetzen: ihn eifersüchtig zu machen, wie ihre beste Freundin Tina ihr geraten hatte.

Ermuntert von Ruperts Reaktion, hatte sie ihm kühl zugelächelt und war auf Jake zugestöckelt. Bis heute wusste sie nicht, woher sie den Mut dazu genommen hatte. Ausnahmsweise war er einmal nicht von Mädchen umringt gewesen, sondern hatte allein dagestanden und das Geschehen spöttisch beobachtet.

Das Allantide-Fest war eine alte Tradition in Cornwall, die Sir Ian wieder hatte aufleben lassen. Es war weniger eine formelle Veranstaltung, sondern eher eine große Party. Am einunddreißigsten Oktober, wenn andere Leute Halloween feierten, lud er die Einwohner von Portrevick ins Herrenhaus ein. Jeder war willkommen, egal welcher gesellschaftlichen Schicht er angehörte.

Jakes Miene war nicht unbedingt ermutigend gewesen. Trotzdem hatte Cassie mit ihm geflirtet. Zumindest hatte sie es geglaubt. Rückwirkend betrachtet, mussten ihre ungeschickten Versuche, mit den Wimpern zu klimpern und sich kokett zu geben, recht lachhaft gewesen sein.

„Okay, vielleicht habe ich geflirtet“, räumte sie ein. „Was kein Grund war, mich … mich …“

„Dich zu küssen? Aber wie wolltest du Rupert sonst eifersüchtig machen? Das war doch der ganze Sinn und Zweck deiner Aktion, oder?“, fragte Jake, und ihr Gesichtsausdruck war ihm Antwort genug. Spöttisch lächelte er sie an. „Es war eine gute Strategie. Rupert Branscombe Fox interessiert sich nur dafür, was jemand anderes besitzt. Es war sehr schlau von dir, es zu bemerken.“

„Das habe ich nicht.“ Sie hatte lediglich von Rupert beachtet werden wollen. Und es hatte bestens funktioniert.

Allerdings hatte sie nicht gedacht, dass Jake ihr Flirten so ernst nehmen würde. Er hatte sie mit sich nach draußen gezogen, worüber sie zunächst erfreut gewesen war, da Rupert es beobachtet hatte. Auch hatte sie damit gerechnet, dass er sie küssen würde, war vom Wie aber überrascht worden.

Erst hatte er sie reserviert und selbstbewusst geküsst, was völlig in Ordnung gewesen war. Doch dann hatte er sie heftiger geküsst und danach leidenschaftlich und unendlich zärtlich. Sie hatte das Gefühl gehabt, dass sie im Meer stehen, der Sand unter ihren Füßen weggespült und sie immer tiefer in etwas Wildem, Unkontrollierbarem versinken würde. Es hatte ihr fürchterliche Angst eingejagt – und sie zugleich erregt. So sehr, dass sie gezittert hatte, als Jake sich schließlich von ihr löste.

Und dabei mochte sie ihn noch nicht einmal. Er war das genaue Gegenteil von Rupert, ihrem Traummann. Insgeheim betrachtete sie sich und Jake als die Schöne und das Biest. Nicht, dass er hässlich war. Aber er hatte kantige Gesichtszüge, einen verbitterten Mund und wütend blickende Augen. Rupert hingegen besaß einen umwerfenden Charme und war einfach ein Sonnyboy.

„Du verschwendest deine Zeit mit ihm. Rupert wird sich nie mit einem netten Mädchen wie dir abgeben“, behauptete er jetzt.

„Da irrst du dich. Vielleicht wollte ich tatsächlich seine Aufmerksamkeit erregen. Und es hat funktioniert, oder?“

„Ich soll nicht wirklich glauben, dass du seine neue Freundin bist?“

Herausfordernd hob Cassie das Kinn. „Glaub, was du möchtest. Es ist zufällig wahr.“

Jake lachte. „Mit ihm zu schlafen macht dich nicht zu seiner Freundin, wie du bald feststellen wirst. Werd erwachsen, Cassie. Anscheinend lebst du immer noch in einer Fantasiewelt. Es wird Zeit, dass du aufwachst und die Realität siehst.“

„Du bist nur eifersüchtig auf Rupert.“ Ihre Stimme bebte vor Zorn.

„Deinetwegen?“ Verächtlich zog Jake die Brauen hoch. „Wohl kaum.“

„Weil er attraktiv ist und charmant und reich und Sir Ians Neffe. Wohingegen du einfach … einfach …“ Cassie war zu wütend und fühlte sich zu gedemütigt, um vorsichtig zu sein. „Einfach ein Tier bist.“

Den ganzen Tag über hatte Jake bereits um Beherrschung ringen müssen. Jetzt verlor er sie. Er packte Cassie, die unmittelbar vor ihm stand, und zog sie so heftig zu sich, dass sie gegen seine Brust fiel. Glücklicherweise war das Motorrad noch aufgebockt, sonst wären sie wohl samt der Maschine auf dem Boden gelandet.

„Du glaubst also, ich wäre eifersüchtig auf Rupert?“, fragte er bissig, während er ihr in die Locken fasste. „Vielleicht bin ich es.“

Schon presste er seinen Mund hart auf ihren. Sie wehrte sich und stemmte die Hände gegen die Lederjacke. Als er sie weiter küsste, begann ihr Widerstand zu erlahmen. Sie merkte, wie er seinen Griff lockerte, während er den Kuss vertiefte.

Wie auf dem Allantide-Fest empfand Cassie sowohl Furcht als auch Erregung und meinte wieder, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Unwillkürlich suchte sie Halt, indem sie sich an seiner Jacke festhielt.

Und irgendwann – was sie noch Jahre später schaudern lassen würde – bemerkte sie, dass sie sich an Jake schmiegte und den Kuss erwiderte. Im nächsten Moment schob er sie so energisch von sich, dass sie gegen den Lenker taumelte.

„Was fällt dir ein?“ Sie schlug eine bebende Hand vor den Mund und wollte zur Seite ausweichen. Doch ihre Jacke hatte sich an der Lenkstange verhakt. Hektisch zerrte sie an dem Kleidungsstück. „Ich will dich nie wiedersehen!“

„Keine Sorge, das musst du auch nicht.“ Er beugte sich gelassen vor und befreite sie. Sogleich machte sie einen Schritt von ihm weg und wäre vor lauter Hast fast aus dem Gleichgewicht geraten. „Ich fahre weg. Verharr du nur in deiner Fantasiewelt“, erklärte er, während sie die Arme schützend um sich legte. „Ich verlasse Portrevick.“

Er setzte den Helm auf, trat den Motorradständer weg und startete die Maschine. Dann donnerte er die lange Zufahrt entlang. Geschockt und gedemütigt blickte Cassie ihm hinterher, während die Erinnerung an die prickelnde, gefährliche Erregung sie nicht losließ.

1. KAPITEL

Zehn Jahre später

„Jake Trevelyan?“, wiederholte Cassie verblüfft. „Bist du sicher?“

„Ich habe mir den Namen notiert.“ Joss wühlte in den Papieren auf ihrem Schreibtisch. „Hier steht es. Jake Trevelyan. Jemand in Portrevick hat uns empfohlen. Sag, bist du da nicht aufgewachsen?“

Verwirrt setzte sich Cassie auf ihren Stuhl. Es war seltsam, Jakes Namen nach so langer Zeit wieder zu hören. Mit erschreckender Klarheit konnte sie ihn noch immer auf seinem Motorrad sitzen sehen, als wäre es erst gestern gewesen. Und die Erinnerung an seinen Kuss ließ sie sogar nach all den Jahren noch erschauern.

„Er will heiraten?“

„Warum sollte er sich sonst an eine Hochzeitsplanerin wenden?“

„Ich kann es mir nur einfach nicht vorstellen.“ Der Jake Trevelyan, den sie gekannt hatte, war kein Mann, der sich band.

„Er es sich zu unserem Glück offenbar schon“, erwiderte Joss. „Jedenfalls klang er sehr interessiert. Deshalb habe ich ihm auch erklärt, dass du heute Nachmittag bei ihm vorbeikämst.“

„Ich?“ Entsetzt blickte Cassie ihre Chefin an. „Du führst doch immer die Erstgespräche.“

„Aber ich kann heute nicht. Ich muss nachher zum Steuerberater, worauf ich mich nicht gerade freue. Außerdem kennt er dich.“

„Ja. Allerdings hasst er mich.“ Kurz berichtete sie Joss von ihrer letzten Begegnung auf Sir Ians Landsitz Portrevick Hall. „Und was soll seine Verlobte davon halten? Ich jedenfalls wollte meine Hochzeit nicht von einer Frau planen lassen, die meinen Zukünftigen schon geküsst hat.“

„Küsse aus Teenagerzeiten zählen nicht. Das Ganze liegt jetzt zehn Jahre zurück. Wahrscheinlich erinnert er sich gar nicht mehr daran.“

Cassie war nicht sicher, ob sie sich dann besser oder schlechter fühlen würde. Einerseits wäre es ihr lieb, er würde sich nicht an das linkische Mädchen erinnern, das sich ihm auf dem Allantide-Fest an den Hals geworfen hatte. Nur welche Frau wollte andererseits feststellen, dass man sie vergessen hatte.

„Wenn er dich nicht mag, warum hat er hier bei Avalon angerufen und nach dir gefragt? Cassie, wir können es uns nicht leisten, uns einen möglichen Klienten entgehen zu lassen. Du weißt, wie angespannt die Lage momentan ist. Dies ist die beste Gelegenheit seit Wochen, einen neuen Auftrag an Land zu ziehen. Wenn es für dich peinlich ist, dann muss es das leider sein. Ich habe nämlich keine Ahnung, wie lange ich dich sonst noch behalten kann.“

Genau deshalb stand Cassie an diesem Septembernachmittag vor einem imposanten Bürogebäude. Sie verrenkte sich fast den Hals, um bis zum obersten Stock hinaufzuschauen. Jake musste es zu etwas gebracht haben, wenn er hier arbeitete.

Zumindest zu mehr als du, dachte sie mit Hinblick auf Avalons chaotisches Büro über dem Chinarestaurant. Nicht, dass die Unordnung sie störte. Sie war erst seit acht Monaten bei Joss beschäftigt und liebte ihren Job als Hochzeitsplanerin. Es war der beste, den sie je gehabt hatte, und sie hatte schon so einige hinter sich. Sie würde alles tun, um ihn nicht zu verlieren. Es wäre ihr unerträglich, ihrer Familie zu erzählen, dass sie – wieder einmal – arbeitslos war.

Ihre Mutter würde enttäuscht seufzen und ihr Vater ihr erneut erklären, dass sie wie ihre Geschwister die Uni hätte besuchen sollen. Ihre zwei Brüder und die ältere Schwester waren unglaublich erfolgreich.

Tief atmete Cassie ein und ging die Marmorstufen hoch. Es war lächerlich, nervös zu sein, weil sie Jake wiedersah. Sie war jetzt kein verträumter Teenager mehr, sondern eine gestandene Frau von siebenundzwanzig Jahren. Und sie hatte einen anspruchsvollen Job, der Taktgefühl, Diplomatie und ein ausgezeichnetes Organisationstalent erforderte.

Wie gut, dass sie heute schick angezogen war. Sie hatte am Vormittag einen Termin in einem Luxushotel gehabt, in dem Klienten ihre Hochzeit feiern wollten. In dem grünblauen Blazer und dem blauen engen Rock konnte sie sich zweifellos blicken lassen. Auch die High Heels aus Wildleder passten perfekt zu ihrem Outfit. Allerdings war sie es nicht gewohnt, auf so hohen Absätzen zu laufen, und der glänzende Boden der Lobby wirkte sehr glatt. Doch sie schaffte es, ohne den kleinsten Ausrutscher auf die Dame am Empfangstresen zuzugehen.

„Könnten Sie mir bitte sagen, in welchem Stock ich Primordia finde?“

Die junge Frau zog kaum merklich die Brauen hoch. „Dies ist Primordia.“

„Das ganze Gebäude?“, fragte Cassie entgeistert. Joss hatte davon geredet, dass Jake der Chef irgendeines Ladens namens Primordia sei. „Ich … ich möchte zu einem Jake Trevelyan und weiß nicht, in welcher Abteilung er ist.“

Wieder zog die Frau die Brauen hoch, jetzt aber deutlich. „Zu Jake Trevelyan, unserem Generaldirektor? Erwartet er Sie?“

Generaldirektor? Cassie schluckte. „Ich schätze, ja.“

Die Empfangsdame telefonierte kurz, und wenig später fuhr Cassie in einem der Lifts nach oben. Sie konnte es immer noch nicht fassen, dass der verrufenste Junge von Portrevick zum Generaldirektor aufgestiegen war.

Vielleicht liegt doch ein Irrtum vor, überlegte sie, als die Aufzugtüren auseinanderglitten. Nein, das tat es wohl nicht. Eine elegante Dame lächelte ihr entgegen und geleitete sie über den hochflorigen Teppichboden in ein modernes, schickes Büro.

„Mr. Trevelyan wird Sie gleich empfangen.“

Mr. Trevelyan! Cassie dachte an den mürrischen Rowdy von einst und versuchte, nicht zu überrascht dreinzublicken. Hoffentlich erinnerte sich Jake – pardon, Mr. Trevelyan – nicht an das unmögliche Kleid, in dem sie mit ihm geflirtet hatte. Oder dass sie ihm gesagt hatte, sie wolle ihn nie wiedersehen. Alles in allem war es nicht unbedingt die beste Voraussetzung für eine erfolgreiche Zusammenarbeit.

Andererseits war er derjenige gewesen, der sie hatte sprechen wollen. Sollte er sich noch an die verheerenden Küsse erinnern, hätte er kaum angerufen. Joss musste recht haben. Er hatte höchstwahrscheinlich alles vergessen. Und wenn nicht, würde er vermutlich die Küsse vor seiner Verlobten nicht erwähnen, oder? Ihm würde wohl so viel wie ihr selbst daran liegen, das Ganze totzuschweigen.

Einigermaßen beruhigt, zauberte Cassie ein Lächeln auf ihre Lippen, als Jakes persönliche Assistentin die Tür zu einem noch eleganteren Büro öffnete. „Cassandra Grey“, kündigte sie sie an.

Sie betrat einen riesigen, an zwei Seiten verglasten Raum mit einer herrlichen Sicht auf die Themse und das Parlamentsgebäude. Nicht, dass Cassie den Blick wirklich in sich aufnahm. Sie hatte die Augen auf Jake gerichtet. Er war aufgestanden und knöpfte das Jackett zu, während er um den Schreibtisch herumkam, um sie zu begrüßen.

Er hatte noch immer dunkle Haare, sich aber ansonsten sehr verändert. Er war ein unglaublich attraktiver Mann geworden mit markanten Gesichtszügen, die enorme Entschlossenheit und Willenskraft verrieten. Obgleich er wahrscheinlich nicht mehr gewachsen war, wirkte er trotzdem größer. Und sein Mund, den er einst verächtlich verzogen hatte, drückte nun Distanz und Beherrschtheit aus.

Seine Verlobte kann sich glücklich schätzen, dachte Cassie, nachdem sie sich von der ersten Überraschung erholt hatte. Sie zwang sich, weiter zu lächeln, und machte mit ausgestreckter Hand einen Schritt auf ihn zu.

„Hal…“, begann sie und verstummte unvermittelt, als sie auf den ungewohnt hohen Absätzen umknickte. Im nächsten Moment verhakten sich ihre Schuhe, und ehe sie wusste, was geschah, stolperte sie nach vorne und ließ den Aktenkoffer fallen.

Sie selbst wäre sicher neben ihm auf dem Boden gelandet, hätten nicht zwei starke Hände sie an den Armen festgehalten. Cassie hatte keine Ahnung, wie es Jake gelungen war, so schnell bei ihr zu sein und sie aufzufangen. Doch fand sie sich an seiner breiten Brust wieder und krallte die Finger unwillkürlich in sein Jackett – wie vor zehn Jahren in seine Lederjacke.

„Hallo, Cassie.“

Warum, in aller Welt, war sie nur so tollpatschig? Trotz ihres Entsetzens nahm sie Jakes herrlichen Duft wahr. Auch fühlte sich sein Körper wie ein Fels in der Brandung an. Ein, zwei Sekunden lang war sie versucht, sich der wunderbaren Illusion von Sicherheit hinzugeben.

Nein, das wäre höchst unpassend, wenn du ihn mit deiner Professionalität beeindrucken willst, dachte sie. Außerdem war er verlobt. Widerstrebend hob sie den Kopf und bemühte sich, wieder auf ihren Beinen zu stehen. „Bitte entschuldige.“

„Ist alles in Ordnung mit dir?“

Sie spürte seine starken Hände durch den Stoff ihres Blazers. Ähnlich hatte er sie bei ihrer letzten Begegnung festgehalten, als es zu dem Kuss gekommen war. Starr sah Cassie ihn an. Damals hatte sich Wut in den dunkelblauen Augen gespiegelt, heute schien es Amüsement zu sein. Doch konnte sie nicht sagen, ob auch er sich an den Kuss erinnerte oder ihr Auftritt ihn belustigte.

„Ich bin okay.“ Sie machte einen Schritt zurück und hoffte, dass ihre Wangen bald zu glühen aufhörten.

„Setzen wir uns.“ Jake deutete zu den Designersofas aus Leder, nachdem er den Aktenkoffer aufgehoben und ihn ihr gereicht hatte. „In Anbetracht deiner Schuhe könnte es sicherer sein.“

Cassie ließ sich auf einem der Sitzmöbel nieder und stellte den Koffer auf den Couchtisch. „Ich werfe mich normalerweise unseren Klienten nicht bei der ersten Begegnung an den Hals.“ Nervös lächelte sie Jake an und fand das Zucken seiner Mundwinkel entnervend attraktiv.

„Es ist stets gut, sich einen spektakulären Auftritt zu verschaffen … Aber du hattest ja schon immer eine besondere Art.“

Es konnte nur eine sarkastische Anspielung darauf sein, dass sie seit jeher tollpatschig und ungeschickt war. „Ich hatte gehofft, du würdest mich nicht erkennen.“

Er schaute sie prüfend an. Ihr ovales, bezauberndes Gesicht war leicht gerötet, und Verlegenheit spiegelte sich in ihren braunen Augen. Sie trug die Haare etwas kürzer, wodurch sich die einst wirren Locken wohl besser bändigen ließen. Außerdem hatte sie abgenommen und sich schick gemacht.

Als er sie eben auf der Türschwelle erblickt hatte, war sie ihm wie eine sehr hübsche Fremde erschienen, und er hatte ein seltsames Kribbeln gespürt. Dann war sie gestolpert und ihm in die Arme gefallen. War er enttäuscht oder erleichtert darüber, dass sie sich letztlich nicht so stark verändert hatte?

Sie hatte sich seltsamerweise erstaunlich vertraut angefühlt, obwohl er sie vorher nur zweimal im Arm gehalten hatte. Plötzlich war ihm gewesen, als wäre er wieder auf dem Allantide-Fest. Er hatte Cassie vor sich gesehen, wie sie im engen roten Kleid auf fast so albernen High Heels wie heute auf ihn zugestöckelt war. Damals hatte er zum ersten Mal ihren sinnlichen Mund bemerkt und sich gefragt, wie sie als junge Frau aussehen würde.

Der Mund ist noch immer der gleiche, dachte er und erinnerte sich, wie warm und unschuldig er ihm vor zehn Jahren vorgekommen war. Und er erinnerte sich ebenfalls, wie überrascht er von dem Zauber gewesen war, der sie beide einen Moment gefangen genommen hatte.

Er sollte sie nicht wiedererkennen? Jake lächelte. „Keine Chance.“

Große Güte! Das hatte sie bestimmt nicht hören wollen. Widerstrebend sah sie ihn an und spürte ein Prickeln auf der Haut, als sie den amüsierten Ausdruck in seinen Augen las. Zweifellos erinnerte er sich an den linkischen Teenager, der sie gewesen war. Die beiden Küsse mochten für sie weltbewegend gewesen sein. Für ihn mussten sie ihre Unbeholfenheit und mangelnde Raffinesse unterstrichen haben.

„Es ist schon so lange her. Ich hatte geglaubt, dass du dich nicht an mich erinnern würdest.“

„Du wärst überrascht, woran ich mich erinnere.“

Er brauchte nicht mehr zu sagen. Sein Blick sprach Bände. Zweifellos dachte er an ihre armseligen Flirtversuche sowie an die Ungeschicklichkeit, mit der sie seinen Kuss erwidert hatte.

Cassie spürte, wie sie errötete, und schaute schnell beiseite. „Also …“ Sie räusperte sich, denn ihre Stimme hatte sich plötzlich hoch und dünn angehört. „Also …“ Verflixt, nun hatte sie heiser geklungen. „Was hat dich nach Portrevick zurückgeführt?“ Sie atmete insgeheim auf. Endlich war ihre Tonlage halbwegs normal gewesen.

„Sir Ians Tod.“

„O ja. Es hat mir so leidgetan, als meine Eltern es mir erzählt haben.“ Wenn das kein unverfängliches Thema war! „Er war so ein netter Mann.

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