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Komisch, die Liebe

Andrea Manni

Komisch, die Liebe

Roman

 

Aus dem Italienischen von Esther Hansen

 

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Inhaltsübersicht

Incipt

Es regnete

Ich bin einundvierzig Jahre

Adele kochte Kaffee

Ich wohne in einem

Meine Tage sind im

Ich hole sie mit

Das italienisch-japanische Bündnis

Am nächsten Morgen

Wir steigen auf

Aska und ich

Ich begleite Aska

Der Abend war genauso

Den Vormittag über arbeite ich

Ich lasse die Windschutzscheibe

Ich esse mit Viola

Der Wecker klingelt

Wie ein Irrer

Das Wunder des Lebens

Morgens komme ich

Vor zwei Stunden

Wir sitzen

Ich habe nicht

Meine Buchhandlung

Es ist halb neun

Ich sitze am Steuer

Mit Clelia

Es ist Sonntag

Wir sitzen in der Sonne

Es war ein total spießiger Sonntag

Es ist das erste Mal

Ich bin der fiese

Ich sitze in der Buchhandlung

Clelia hatte ein stürmisches Leben

Flauer Tag im Geschäft

Ich ziehe Bilanz

Was machst du heute Abend?

Ich recherchiere im Netz

Fabio hat Geburtstag

Seit drei Tagen

Luisa ist ein Engel

Der Knöchel

Ich bin trunken vor Glück

Clelia hat bei mir geschlafen

Auf Zehenspitzen

Wir essen

Wir liegen bei ihr im Bett

Ich gehe

Montag Morgen

Clelia hat ein paar Mal angerufen

Kann ich in der Buchhandlung vorbeikommen?

Ich gehe Clelia und ihren Lockrufen

Ich denke an dich

Luisa

Bevor ich in die Buchhandlung

Hier sitze ich

Üble Tage

Sechster Tag der Witwerschaft

Luisas Worte

Es ist Sonntag

Ich bin glücklich

Damit beginnt Phase 2

Wie das Ungewohnte

Wir schlafen ständig

Laut Statistik

Ich habe sie nicht angerufen

Ich irre über das Meer

Es ist halb vier

Entschuldige, ich will

Einfache Tage

Die Zeit vergeht

August

Schuh

Als Achille Compagnoni starb

Ich sehe sie am Meer

Ich klingele

Luciano macht den Umzug

Ninos Playlist

Dank

Für den Niño

 

Ich könnte nie eine Frau sein.
Ich würde den ganzen Tag mit meinen Brüsten spielen.

 

STEVE MARTIN

 

Incipt

Ich wollte zu jemandem gehören.

Zum ersten Mal in meinem Leben wollte ausgerechnet ich zu jemandem gehören.

Es war ein komisches Gefühl. Neu.

Eine ganz neue Erfahrung.

So etwas, das dich an der Hand nimmt. Das dich gewaltsam fortreißt und dir den Atem raubt. Den Appetit. Das Licht. Den Schlaf. Pausenlos. Ausweglos.

Das dir mit einem geheimen Schlüssel in Form eines Lächelns den Brustkorb öffnet und dir das Herz herausreißt.

 

Bis hierher alles gut. Wirklich gut.

Es regnete.

Es regnete in Strömen, seit Tagen. Die Leute eilten unter tropfenden Fenstersimsen einher. Stießen mit ihren Regenschirmen aneinander und beschimpften sich gegenseitig, als hätten sie sich wirklich die Augen ausgestochen.

Der Einzige aber, der erblindete, war ich. Geblendet. Zu viel Licht.

Zu viel.

 

Ich überquerte die Straße mit einer völlig durchnässten, unleserlichen Zeitung, die ich mir schützend über den Kopf hielt.

Da begegnete ich IHR.

Als folgte ihr ein unsichtbarer Sonnenstrahl.

In einem Augenblick spulte sich mein ganzes Leben vor mir ab, wie es angeblich im Moment des Todes geschieht.

Sie war unter so einem schwarzen Ding von Hut versteckt, nein, weinrot war er oder vielleicht … Ich weiß es nicht mehr. Sie trug … Das weiß ich auch nicht mehr. Ich weiß nur noch, dass ich einen dunklen Fleck sah, vielleicht einen Mantel mit aufgestelltem Kragen, und einen Hut.

Und zwischen Kragen und Hut, SIE.

Ihr Blick durchschlug mich wie eine Doppelaxt. Wieder und wieder.

Nur das weiß ich noch. Ein Gefühl fast wie ein Wunder.

Mir gefällt der Gedanke, dass sie mir zugelächelt hat, aber vielleicht lächelte sie einfach vor sich hin. Ich wandte mich um und sah ihr nach.

Ein törichtes Lächeln stieg in mir auf, nach verpasstem Leben. Nach nie entkorkten Flaschen. Nach ungeahntem Glück. Nach abnormen Wellen. Es war, als hätte ich mein Leben lang nur leichten Italo-Pop gehört und jemand hätte mir mit voller Dröhnung Mozart auf die Kopfhörer gelegt. Als wäre ich an Kammermusik gewöhnt und man hätte mich vor Boxen angekettet, aus denen Somewhere I Belong von Linkin Park erschallte.

Sie bog um die Ecke und verschwand. Mir war, als hätte sie vorher einen Schuss abgegeben. Einen einzigen Schuss. Voll ins Schwarze.

Vielleicht hatte sie die Doppelaxt gar nicht bemerkt, die sie in meinem Leib versenkt hatte.

Sie, die Blutrünstige.

Ich bin einundvierzig Jahre alt. Single. Ich hatte einen Hund, aber der ist vor ein paar Monaten gestorben. Meine Wohnung stinkt immer noch nach nassem Hund. Diesen Gestank bekommt man nur schwer wieder raus, außerdem bin ich noch nicht so weit. Schuh war der einzige Hund in meinem Leben, und das wird er immer bleiben. Ich will ihn nie vergessen. Auch wenn mich an Regentagen wie diesen ein niederträchtiges Gefühl der Befreiung durchströmt wie ein gemeines Gift. Armer Schuh …

Ich höre Fun for Me von Molokko. Ich bin hetero, einen Meter achtzig groß, passables Äußeres, gesund, Atheist, beruflich zufrieden, Raucher, studiert, ich treibe Sport, liebe Kino und Musik, nehme Drogen in Maßen, bin sexuell erfüllt, trinke gern und habe ein eigenes Auto … Klingt wie eins dieser Profile, das man sich in Chat-Räumen zulegt, um Frauen anzugraben.

Kurz gesagt: Ich bin bester Durchschnitt. Ich bin »normal«.

Ich heiße Nino.

 

Zwei Tage lang regnete es weiter. Von Sonne keine Spur. Weder von der echten noch von der, die mir auf der Straße begegnet war.

Ich tat so, als dächte ich nicht weiter daran, doch es war wie der Gestank nach nassem Hund, unvergesslich.

Adele kochte Kaffee. Ich stand unter der Dusche. Adele ist zweiunddreißig. Sie ist schön, gut gebaut, nett, intelligent und in mich verliebt. Ich nicht in sie. Vielleicht bin ich gewissenlos. Vielleicht bin ich ein Dummkopf. Vielleicht.

Vielleicht ist es auch nur, dass ich nicht in sie verliebt bin. Adele ist nicht froh darüber. Seit über einem Monat spielt sie Gummiband. Macht sich dünne und kommt zurück.

Ich halte mich da raus. Ich war offen zu ihr, ehrlich. Aber sie schafft es nicht, mich endgültig in die Wüste zu schicken. Abends steht sie manchmal weinend unten an der Sprechanlage, und dann lasse ich sie heraufkommen. Wir reden und reden und reden und irgendwann, keine Ahnung, wie, liegen wir einander doch wieder in den Armen.

Adele ist ein Orkan. Ein Sturm in der Wüste, der dir den Sand überallhin bläst. Sie fährt bis in die kleinste Ritze. Brutal und sanft zugleich. Adele.

Morgens kocht sie dann immer Kaffee, während ich dusche. Im Bademantel komme ich in die Küche, und jedes Mal sieht sie mich böse an. Sie mustert mich mit großen Augen und sagt jedes Mal, dass es das letzte Mal war. Jedes Mal trinkt sie ihren Kaffee und schmettert die Tasse gegen die Spüle und sagt, dass meine Wohnung nach nassem Hund stinkt. Dann geht sie und knallt die Tür hinter sich zu.

Am Anfang hat es mir etwas ausgemacht. Jetzt sammle ich nur noch die Reste der Tasse ein, trinke meinen Kaffee und gehe ins Bad, um mich zu rasieren. Zum Glück erklingt aus dem Radio El Negro Zumbon als Remake von Pink Martini. Das Porzellanservice meiner Mutter aus Limoges hat schon herbe Verluste erlitten, weshalb ich es irgendwann in einer Schublade versteckt habe. Die Ikea-Tässchen sind auch nicht schlecht und außerdem viel, viel billiger.

Adele gefällt mir, aber ich möchte keine feste Beziehung. Weder mit ihr noch mit einer anderen Frau. Das habe ich ihr erklärt, wieder und wieder, aber sie will es einfach nicht akzeptieren. Es kommt häufig vor, dass meine Freundinnen mich zum Teufel schicken. Nach kurzer Zeit wollen sie alles oder nichts. So sind Frauen nun mal.

Ich bin rastlos, schon immer gewesen. Diese Unrast lässt sich nicht an der Leine führen. Sie entscheidet allein. Als sei sie kein Teil von mir. Sie ist autonom.

Das ist es: Ich bin ihre Geisel.

Ich bin eine Geisel der Autonomie der Unrast.

Und es stimmt, meine Wohnung stinkt nach nassem Hund.

Ich wohne in einem ziemlich netten Viertel, nicht ganz zentral, aber auch nicht außerhalb. Ich muss nur den Tiber überqueren und dann noch ein bisschen laufen, und schon bin ich mitten im Herzen der Stadt. Mit dem Roller brauche ich fünf Minuten. Ich wohne in Testaccio. Die Straße, in der ich ihrem Blick begegnet bin, gehe ich jeden Tag entlang. Aber die Tage sind eben nicht alle gleich.

Dieser eine war ein wirklich außergewöhnlicher Tag.

Heute staut sich der Verkehr in beiden Richtungen. Selbst die Fußgänger sind stehen geblieben. Alle schauen auf einen bestimmten Punkt. Also schaue ich auch. Eine riesige Silbermöwe hält eine tote, aber noch blutende Taube im Schnabel. Eine schön fette Taube. Eins von diesen bescheuerten Viechern, die sich mitten auf der Straße überfahren lassen. Die Möwe versucht, mit der Taube im Schnabel loszufliegen, aber die Last ist zu schwer. Also läuft sie. Sie hüpft ein paar Meter hin und her, aber keine Chance.

Dieser Anblick erschüttert mein Herz. Hässlich. Brutal. Ein kleiner Menschenauflauf hat sich gebildet, und ein paar Autofahrer, die nicht sehen, was los ist, hupen wie wild. Alle anderen sind von dem grausigen Anblick überwältigt und schockiert. Das ist fast besser als Privatfernsehen. Come Fly With Me von Sinatra würde gut dazu passen.

Mit einer letzten Anstrengung erhebt sich die Möwe in die Luft und flattert mit ihrem scheußlichen Mahl im Schnabel davon. Der Verkehr fließt wieder, und die Leute gehen weiter, als sei nichts gewesen. Ich bin Teil der Masse und laufe auch weiter.

Rom ist eine Stadt auf der Kippe zwischen Gut und Böse, die Hauptstadt eines Landes, in dem alles erlaubt ist. Die Möwe frisst die Taube. Nebelkrähen fressen Spatzen. Jeder frisst jeden.

Um die Ecke steht mein Motorino. Seit über zwei Jahren schließe ich es immer an demselben Pfosten an. Jetzt liegt es halb umgekippt auf dem Boden, nur das Schloss hält es noch in einem prekären Gleichgewicht. Die Hecktür eines Umzugswagens hat sich an die Stelle der Windschutzscheibe gesetzt und das Mofa umgestoßen. Nicht dass es vorher tipptopp in Schuss gewesen wäre, aber es ist doch immerhin mein Roller, und die Windschutzscheibe war auf keinen Fall derartig zerkratzt!

Ich mache die rumänischen Möbelpacker zur Schnecke, die ungerührt hin- und herlaufen. Dann kommt Luciano, der Chef, ein relativ kleiner, relativ rundlicher Fünfzigjähriger vom Typ sympathische Kanaille: dunkelbraungebrannt, grauer Bart und raue Stimme. Er erobert mich im Sturm mit seiner furztrockenen, pragmatischen Art. Ein echter Römer.

»Ach, halb so wild, ich schreib dir die Nummer der Signora auf. Wofür gibt’s denn Versicherungen … Und außerdem, ist ja weiter nichts passiert. Nun sieh sich das mal einer an, weiowei, war brandneu, was?« Er lacht amüsiert. Nun ja … Ich muss selbst lachen. Ich nehme die Nummer der »Signora« in Empfang. Er verspricht mir hoch und heilig, ihr meinen Anruf anzukündigen, ich muss los zur Arbeit. Der Roller ist zwar ziemlich ramponiert, springt aber sofort an.

»Hier, ich mache Top-Preise!« Luciano reicht mir sein Kärtchen und verabschiedet sich. Man weiß ja nie, wann man wieder mal umzieht.

Der Verkehr fließt. Ich nutze jede Lücke und schlängele mich zwischen den Autos durch. Von zwei Rädern aus gesehen ist Rom ein gefährliches Pflaster. Alle meine Mitmenschen in ihren Autos haben nur eine einzige Mission: mich zu überfahren. Das machen sie nicht aus Bosheit, es ist einfach stärker als sie. Kaum sehen sie einen Zweiradfahrer, packt sie der Neid. Elegant legen sie auf ihn an, sie tun so, als wären sie abgelenkt oder telefonierten gerade mit dem Handy, in Wirklichkeit aber sind sie permanent wachsam und einzig auf ihr großes Ziel aus: alles zu überrollen, was schneller ist als sie. Wer da heil herauskommen will, muss immer auf der Hut sein und hoch konzentriert. Normalerweise gelingt mir das.

Meine Tage sind im Großen und Ganzen durchstrukturiert, gleichförmig. Mein Job ist ein Job, mehr nicht.

Meine Eltern hatten eine kleine Buchhandlung gegenüber dem Zivilgericht. Fachliteratur für Anwälte, Richter und Steuerberater. Völlig unromantisch. Für »richtige« Bücher gehen die Leute woanders hin. Vor zehn Jahren sind meine Eltern bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Und seit eben zehn Jahren bin ich Buchhändler. Mein Abschluss in Philosophie hat mir wenig geholfen, höchstens darin, die Dinge so zu akzeptieren, wie sie sind. Ich arbeite vormittags von neun bis um eins und nachmittags von vier bis um sieben.

Ich arbeite.

Außer Fachtexten verkaufe ich auch ein paar Krimis. Im Hinterzimmer der Buchhandlung habe ich mir ein kleines Wohnbüro eingerichtet: Computer, Fernseher, Minibar, ein alter Sessel, abgewetzt, aber total bequem. Auch mein Wohnbüro stinkt ein bisschen nach nassem Hund.

Vor dem Mittagessen will ich noch diese Umzugsdame anrufen. Ich nehme die Nummer von Luciano und wähle. Der Anrufbeantworter springt an.

»Guten Tag, Nino Globi hier. Heute Morgen haben Ihre Möbelpacker mein Motorino mit der Tür des Transporters umgestoßen und … Luciano hat mir Ihre Nummer gegeben und … tja, vielleicht könnten Sie mich zurückrufen … Danke, schönen Tag noch.«

In der Mittagspause gehe ich in ein nahe gelegenes Lokal, eine typisch römische Osteria. Wie üblich herrscht Riesenandrang, denn hier isst man gut und günstig, aber der Besitzer Gianni schafft es immer, mich schnell zu bedienen. Ich gehe zu Fuß, die Hände in den Taschen, und pfeife vor mich hin.

Es ist komisch, die Leute pfeifen nicht mehr.

Ich treffe eine Menge Anwälte, alles Kunden von mir, aber normalerweise sitze ich lieber allein, außer wenn Gianni mir einen Platz am Tisch einer jungen Frau beschafft, die ohne Begleitung da ist.

Gianni ist ein Freund. Er wird bald siebzig und hat mit meinem Vater die Schulbank gedrückt. Er hat mich in sein Herz geschlossen. Er findet mich nett, und unter uns gesagt: Ich bin auch nett. Heute setzt er mich zu zwei japanischen Touristinnen an den Tisch, Kyoko und Aska. Wir kommen sofort ins Gespräch. Ich kann ganz gut Englisch und sie auch. Sie sind jung und super trendy, wie es nur Japaner sind. Sie leben in Kyoto.

Kyoko ist nett, aber eher unhübsch. Aska hingegen ist eine echte Augenweide. Zierlich und einfach bezaubernd. Sie hat eine Haut wie aus Porzellan und ein ansteckendes Lächeln. Aber sie ist schüchterner als Kyoko. Vor zwei Tagen sind sie angekommen, einen weiteren bleiben sie noch. Die übliche Ochsentour der Japaner: drei Tage Rom, davon ein halber Neapel, eineinhalb Tage Florenz, einer Venedig und eineinhalb zum Shoppen nach Mailand. Ich lade sie zum Abendessen ein und biete mich an, sie durch das nächtliche Rom zu führen. Sie sind begeistert. Ich auch …

Als ich zur Buchhandlung zurückgehe, klingelt mein Handy.

»Guten Tag, hier spricht Clelia Stelle, ich hatte Ihre Nachricht auf meinem Anrufbeantworter«, sagt eine eher junge Stimme.

Im Hintergrund höre ich ein Riesengetöse, alles dröhnt. Die Stimme scheint direkt aus dem großen Finale des Neujahrskonzerts der Wiener Philharmoniker zu kommen, Radetzkymarsch von Strauss Vater.

»Ah, guten Tag, danke, dass Sie zurückrufen«, sage ich höflich. »Heute morgen haben Ihre Umzugsleute meinen Roller mit der Hecktür umgestoßen … Hat Luciano Ihnen denn nichts gesagt?«

»Nein, tut mir leid wegen der Unannehmlichkeiten. Ist es arg?«

»Nein, keine Sorge, nur ein paar Kratzer in der Windschutzscheibe.«

Die Musik wird noch lauter, ein gewaltiges Crescendo.

»Entschuldigen Sie die Frage: Sind Sie im Konzert?«

»Nein, ich bin bei der Arbeit … Einen Moment, ich mache kurz die Tür zu.«

Die Musik wird deutlich leiser.

»Danke, so ist es viel besser. Also, wenn Sie einverstanden sind, lasse ich die Windschutzscheibe auswechseln, und dann hören wir uns vielleicht in ein paar Tagen wieder. Ihr Umzugsmann sagte mir, Sie seien versichert.«

»Schön wär’s … Aber machen Sie sich keine Sorgen. Ich muss jetzt Schluss machen. Bitte entschuldigen Sie noch einmal die Umstände. Rufen Sie mich an, sobald Sie die Scheibe ausgetauscht haben, und sagen Sie Bescheid, was es kostet. Auf Wiederhören.«

»Sehr freundlich, Signora Stelle, danke. Bis bald und viel Spaß bei der Arbeit.«

Die Musik wird wieder ohrenbetäubend. Ein schwindelerregendes Streichertutti verschluckt fast ihren letzten Gruß. Ich lege auf und denke, dass dieser Luciano ein echtes Aas ist, von wegen sympathische Kanaille.

Ich betrete die Buchhandlung und verkrieche mich in meinem Zimmerchen.

Ich hole sie mit dem Wagen ab. Ich nehme selten das Auto, nur abends.

Kyoko hat sich richtig aufgebrezelt, ist aber immer noch nicht hübsch, Aska hingegen umso mehr. Sie sind 29 Jahre alt und seit zehn Jahren befreundet. Wir gehen zum Essen in ein typisches und angesagtes Lokal, wo man mich kennt und gut behandelt.

Ich lasse sie trinken. Sie sind froh und haben ihren Spaß. Ich bin ein angenehmer Tischgenosse, bringe sie zum Lachen. Mein Lächeln gilt allein Aska. Irgendwann ergreift Kyoko meine Hand, doch unter dem Vorwand, Wein nachzuschenken, entwinde ich mich ihrem Griff. Mit einem Taschenspiegel prüft sie ihr Make-up, steht auf und geht zur Toilette.

Allein. Endlich allein, ich und die Prinzessin der aufgehenden Sonne. Ohne Zeit zu verlieren, nehme ich ihre Hand. Sie sieht mich schüchtern an, senkt den Blick und versucht, mir ihre Hand zu entziehen, doch ich lasse nicht locker, sondern küsse ihre Fingerspitzen. Wieder sieht sie mich an, senkt den Blick und lächelt dabei. Sie lächelt.

»Aska, wie können wir ein Weilchen unter uns sein?«

Sie sieht mich an, dann blickt sie zur Toilettentür.

»Ich weiß nicht … Ich kann sie nicht allein lassen. Das wäre nicht nett. Morgen müssen wir nach Neapel und …«

Ich nähere mich ihren Mandelaugen, die ich mit meinem ganzen Wesen und meiner gesamten westlichen Kultur küssen möchte, um sie den Zweiten Weltkrieg, Hiroshima und die sieben Samurai vergessen zu lassen.

»Fahr nicht. Bleib bei mir, bitte.«

Sie sieht mich an und lächelt. Lächelt, ohne den Blick zu senken. Während mir bewusst wird, dass unsere Münder fast aufeinanderkleben, dreht sie sich weg und geht wieder auf Abstand. Sie hat gesehen, dass Kyoko aus der Toilette kommt. Ich tue es ihr gleich und schenke mir Wein nach. Kyoko setzt sich, ich biete ihr zu trinken an wie Judas in Person. Aska sagt etwas auf Japanisch zu Kyoko, hält kurz inne, schaut mir in die Augen: »Sorry, Nino …«, und redet dann in ihrer Muttersprache weiter.

Kyokos Blick schnellt zwischen mir und der Freundin hin und her. Die beiden liefern sich nun einen heftigen, aber gedämpften Schlagabtausch, wie nur Japaner es können. Ich verstehe kein Wort. Im Hintergrund des Restaurants läuft Sunshine’s Better von John Martin. Inzwischen keifen die Mädchen aufeinander ein wie zwei Matronen in Trastevere. Auch ihre Augen haben nicht mehr viel von Mandeln. Irgendwann steht Kyoko auf und sagt zu Aska etwas mir Unverständliches, das aber ganz nach einer Kriegserklärung klingt. Dann sieht sie mich an, nachdem sie ihre gefasste, durch und durch japanische Haltung zurückgewonnen hat, und richtet ein lakonisches »Arigato, Nino« an mich. Darauf packt sie ihr Vintage-Handtäschchen und verschwindet.

Ich kann nicht einmal zum Abschied aufstehen, so schnell hat sie das Restaurant verlassen. Als ich Aska einen fragenden Blick zuwerfe, entdecke ich eine Träne, die über die schönste japanische Wange rollt, die jemals in Italien gesichtet wurde. Ich verlange die Rechnung.

Es ist ein lauer Abend, die Luft ist mild, so mild wie ich, der ich meinen Arm um Askas Taille lege, während sie mir Schritt um Schritt erklärt, was vorgefallen ist.

Seit zwei Wochen reisen sie nun über den alten Kontinent. Diese Reise wollten sie schon immer machen, seit sie befreundet sind. Aber leider gestaltet sich das Zusammenleben nicht ganz einfach. Kyoko ist verwöhnt und will immer bestimmen. Aska erträgt das gern, weil sie sie mag, aber …

Kurz gesagt: Schon in Paris kam es zum Streit. Da sind sie mit zwei Franzosen ausgegangen, die sie im Flugzeug kennengelernt hatten. Kyoko hatte es auf Loïc abgesehen, so musste Aska sich mit Jean abgeben, einem total drögen Typen. Den ganzen Abend hatte Kyoko mit ihrem kleinen Franzosen herumkokettiert, ohne sich um Askas Befinden zu kümmern. Als meine mandeläugige Prinzessin der Freundin sagte, sie sei müde und gelangweilt und wolle ins Hotel zurück, hatte Kyoko sich keinen Deut darum geschert und sich nur noch fester an ihren französischen Schmelzkäse gedrückt, der ihr über die nachtschwarzen und klingengleichen Haare strich.

Also hatten sie gestritten. Kyoko beschimpfte Aska gemein, rauschte ab und ließ ihre Freundin in Jeans Fängen zurück, der sich schon auf einen romantischen Abend mit Côtes-du-Rhône und Japan-Fleisch freute. Aska aber war ins Hotel geflüchtet und hatte den herbe enttäuschten Jean sitzenlassen. Erst am Nachmittag des nächsten Tages war Kyoko wieder aufgetaucht, glücklich und befriedigt wie eine dem eigenen heidnischen Gott geopferte Vestalin. Aska hatte nichts gesagt, obwohl sie sich wahnsinnige Sorgen gemacht und sogar auf die Louvre-Führung verzichtet hatte, die seit Monaten gebucht und bezahlt war.

Als Aska nun Kyoko eröffnet hatte, dass sie nicht mit nach Neapel kommen würde, war diese ausgeflippt. Nicht gerade der demokratische Typ, das Mädel …

Ich küsse sie. Ich küsse sie mit der ganzen Zärtlichkeit des Mittelmeeres, der Macht des Römischen Reiches, der Leidenschaft des Kolosseums und dem Gedanken an meine Wohnung.

Das italienisch-japanische Bündnis vollzieht sich zwischen den Laken meines Bettes. Aska entpuppt sich als leidenschaftlich und zärtlich.

Ich halte sie fest in den Armen. Keine Musik, nur die Stille und das Geräusch unserer Körper: schhhhh.

Ich wollte, die Flagge der glorreichen aufgehenden Sonne umfinge uns für immer. Ich wollte, ich wäre Toshir: Mifune, Akira Kurosawa, Hattori Hanz:, Mishima. Ich wollte, ich könnte Karate, ein Katana führen, eine Kawasaki reiten …

Ich bin Sushi. Ich bin ein Kamikaze. Ein Hoch dem Kaiserreich.

Harakiri!

Am nächsten Morgen tue ich etwas, das ich eigentlich niemals tun sollte und trotzdem manchmal tue: Ich lasse die Buchhandlung geschlossen.

Ich bleibe im Bett liegen, ganz nah an diesem fernen und unbekannten Kontinent, der Askas Augen hat, Askas kleinen, zarten Busen, Askas glatte, duftende Haut, Askas süßen Mund. Durch das Fenster wehen laut und deutlich die Klänge von Tom Jones’ If He Should Ever Leave You herein. Das hätte ich nicht besser auswählen können. Wir lieben uns den ganzen Vormittag, im Schein der aufgehenden Sonne.

Gegen Mittag mache ich Kaffee und serviere ihn in Mamas wunderschönen Tässchen, denen aus Limoges. Aska ruft Kyoko an. Das andere Gesicht Japans befindet sich auf der Rückreise von Neapel, hat im Zug einen gewissen Sasà kennengelernt, Dozent für ich weiß nicht was, und wird mit ihm zu Mittag essen.

»Sie war Honig pur«, sagt Aska zu mir, »als sei nichts gewesen. So ist Kyoko: abgedreht, aber nicht nachtragend. Völlig verrückt. Wir treffen uns um drei im Hotel. Wie dieser Sasà wohl ist …«

Ich lächele sie an und drücke ihr mein schönstes Badetuch in die Hand, baumwollenes Waffelpiqué. Waffeln mit Honig. Und sie: weiß wie Schlagsahne. Ein Morgen zum Reinbeißen.

»Möchtest du etwas essen gehen?«

»Gerne. Wohin gehen wir?«

»Wohin du willst. Auch bis ans Ende der Welt.«

»Ganz so weit muss es nicht sein«, erwidert sie lächelnd. Dann flattert sie mit ihren Madame-Butterfly-Flügeln ins Bad und verschwindet unter der Dusche.

Seid auch ihr sanft, liebe Tropfen meiner lieben Dusche. Fügt ihr keine Kratzer zu, sondern streichelt ihr über die seidige Haut.

»Müsst ihr wirklich morgen früh weiter?«, rufe ich hinüber, doch sie hört mich nicht. Mein Entschluss steht fest: Ich werde Japanisch lernen.

»Nino!«, ruft Aska nun ihrerseits. »Warum riecht es in deiner Wohnung eigentlich so komisch?«

Ich tue so, als hätte ich nichts gehört, sie fügt in freundlichem Tonfall hinzu: »Hast du einen Hund?«

Wir steigen auf den Roller. Mein Helm ist zu groß für sie, und Aska lacht, findet sich lächerlich. Stimmt auch ein wenig, aber das sage ich ihr natürlich nicht. Überhaupt, wenn alle lächerlichen Menschen so aussähen wie sie, wäre die Welt viel schöner.

Wir fahren los. Ich biege um die Ecke und sehe SIE.

Sie ist es. Ohne Hut. Ohne Mantel. Ohne Regen. Aber eindeutig sie! Außer dem üblichen Lichtstrahl trägt sie einen Instrumentenkoffer mit sich herum. Ein Cello? Keine Ahnung … Sie ist es.

Um ein Haar krache ich in ein Auto, das in zweiter Reihe parkt. Ich will ihr folgen, aber wie soll das gehen? Was soll ich tun? Was in Dreiteufelsnamen soll ich nur tun?

Aus dem geparkten Auto dröhnt in voller Lautstärke Incantevole von Subsonica. Angebetete Aska, du bist die aufgehende Sonne, aber SIE ist Sonne, Mond und Schöpfung in einem! Und mein ganzes Universum verschwindet gerade hinter einem geparkten Lieferwagen, während Aska sich an mich drückt.

Himmelherrgott, ist mir schlecht. Ich will absteigen und sie suchen gehen, aber wie in Dreiteufelsnamen soll ich das tun?

Wie in Trance fahre ich weiter. Nicht ich lenke den Roller, es ist ein anderer Nino ohne Seele und ohne Herz. Wüstes Land. Tot. Geklont. Laufe wie ferngesteuert. Das ist es: Ich bin nur noch ein Teil vom Mofa.

Der andere Nino, der echte, liegt auf der Erde, in der Brust die Doppelaxt. Auf der Erde, die ihre Füße berührt haben. Dort liegt mein Herz. Ich sehe es auf dem Asphalt pochen wie ein eigenständiges Wesen. Mein Herz, warte auf mich, jetzt komme ich dich holen.

Aska und ich sitzen am Tisch eines supernetten Lokals im Viertel Garbatella.

Der Wirt verwöhnt uns mit Leckereien. Aska ist im siebten Himmel, ich in Dantes Vorhölle bei den Lauen und Gleichgültigen. Wenn es nach mir ginge, würden aus dem Innern des Restaurants nicht die Klänge von Karma Police als Remake der Easy Star All-Stars erschallen, mehr noch, wenn es nach mir ginge, wäre das Lied nie geschrieben worden.

Aska ist auffallend gesprächig, und als sie mich fragt, was ich habe, lächele ich und küsse sie.

»Ach nichts, ich dachte nur daran, wie es jetzt weitergeht. Ich finde es schade, dass du morgen abreist.«

Ihre Miene verdüstert sich und sie nimmt mein Gesicht zwischen ihre wohlgeformten kleinen Hände.

»Nino …«, sagt sie sanft mit ihrem komischen Akzent.

»Doch, wir hatten es so nett miteinander und du gefällst mir, wirklich …«

»Nino, ich heirate in drei Monaten.«

»Oh …«, erwidere ich.

Ich muss ein ziemlich spezielles Gesicht gemacht haben, denn Aska bricht in Gelächter aus und wirft sich in meine Arme, küsst mich wie ein gutmütiger Taifun.

Sayonara.

Ich begleite Aska ins Hotel, wo wir eine in Tränen aufgelöste Kyoko antreffen.

Kaum hatten sie den Bahnhof Termini erreicht, lud ihr Sasà sie zu einem Kaffee ein. Sie ging auf die Toilette, und als sie zurückkam, waren weder Sasà noch ihre Tasche mehr zu sehen, ganz zu schweigen von ihrer Fotokamera … Trau schau wem und schon gar nicht den Männern.

Ich gehe bei der Buchhandlung vorbei, hänge das Schild »Wegen Inventur geschlossen« aus und begleite meine japanischen Freundinnen zur Polizei, um Anzeige zu erstatten. Aus dem Radio ertönt Young Liars von TV On The Radio.

Ein echter Höllennachmittag und dazu noch völlig für die Katz. Zum Glück hatte sie ihre übrigen Sachen im Hotel gelassen. Ich bringe sie dorthin zurück. Kyoko sagt, sie wolle auf dem Zimmer bleiben, und verabschiedet sich ganz kleinlaut.

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