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Kohlenstaub auf Glas

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Stephanie Michaela Weiß ist 1978 in München geboren und lebt auch heute noch in der bayerischen Landeshauptstadt. Sprache im Allgemeinen, sowie Fremdsprachen im Besonderen, faszinierten sie von klein auf. So war ihr Studium zur Übersetzerin und Dolmetscherin nach dem Abitur nur eine logische Folgerung.

Eigene Texte hat sie bereits als Kind und Jugendliche gerne verfasst und inzwischen zwei erfolgreiche Kinderbücher herausgebracht. Nun hat sie das Genre gewechselt und gibt mit „Kohlenstaub auf Glas“ ihr ergreifendes Romandebüt.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Teil 1

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

Teil 2

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

Teil 3

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

Epilog

Danksagung

Glossar

Anmerkung

Prolog

Geburt der Josefa Hofer

Bichl, 2. Januar, 1870

Im Kleinbauernhäusl, in den frühen Stunden eines eiskalten Januarmorgens, lag die Hofer-Bäuerin trotz der Kälte in Schweiß gebadet da. Auf einen zerschlissenen Strohsack gebettet, kämpfte sie darum, ihr letztes Kind aus sich herauszupressen. Elf Nachkommen hatte sie bereits das Leben geschenkt, immerhin acht davon hatten überlebt. Aber nun war sie in einem Alter, in dem die Weiber für gewöhnlich keine Kinder mehr bekamen. Und hatten ihr die neun Monate Schwangerschaft schon fast alle Kräfte geraubt, so verlangte der Geburtsvorgang nun beinahe Übermenschliches von ihr. Es schien, als wüsste das Kind, dass es nicht gewollt war. Als wüsste es, in welch harte und entbehrungsreiche Welt es da hineingeboren werden sollte, denn es ließ sich viel zu viel Zeit damit, den Schoß seiner Mutter zu verlassen.

Die dazu gerufene Hebamme, die Vogelrieder Anni, hatte der Notburga bereits bei den letzten paar Geburten beigestanden, doch diese Niederkunft verlangte auch ihr ein großes Maß an Geduld und Mühsal ab.

Viel zu lange schon dauerten die qualvollen Stunden und bald würde die Hoferin keine Kraft mehr haben, das war deutlich zu sehen. Es musste nun rasch vorangehen, sollte es noch zu einem glücklichen Ausgang kommen.

Die Anni redete der Gebärenden noch einmal gut zu und als sich deren geschwollener Leib ein weiteres Mal unter heftigen Qualen zusammenzog und sie schon keinen Schrei, sondern nur mehr ein viehisches Stöhnen hervorbrachte, da legte sich die Anni mit all ihrem Gewicht quer über ihren Bauch und drückte mit. Diese Tortur wiederholte sich noch ganze vier Mal und als die Bäuerin schon kurz davor stand, vor Schmerz den Verstand zu verlieren, da endlich war das Köpfchen zu sehen. Dünner, blutverschmierter Flaum, der hell sein mochte, wenn er erst einmal gesäubert war. Und mit einem letzten verzweifelten Aufstöhnen Notburgas glitt schließlich das Kind heraus. Schleimig, dünn und winzig lag es da, zwischen den gespreizten, ausgezehrten Schenkeln der Mittvierzigerin. Es war ein Mädchen. Und dazu noch so elendig klein und viel zu still. Völlig reglos war es. Die Anni hatte wenig Hoffnung, dem kleinen Wurm noch Leben einzuhauchen. Dennoch nahm sie das Neugeborene auf, hielt es mit beiden Beinen nach oben und klatschte ihm mit der Hand auf die Hinterbacken. Es rührte sich nicht. Ein weiterer Hieb folgte, stärker als der erste. Noch immer tat sich nichts. Nun hob auch die Mutter, die bis dahin teilnahmslos auf ihrem von Schweiß und Blut besudelten Lager gelegen hatte, den Kopf und beobachtete aus seltsam verhangenen Augen die Szene. Dabei war ihrem Blick nicht zu entnehmen, ob sie mehr darum bat, dass ihre Tochter leben oder besser sterben möge.

Die Anni jedoch fasste sich ein Herz und klatschte dem Kind ein drittes Mal kräftig auf die Pobacken. Da endlich schrie das Neugeborene empört auf und als sich seine Augen öffneten und direkt in die der Hebamme blickten, stieß diese ein keuchendes „Jesus Maria“ hervor und bekreuzigte sich. Denn was sie sah, das hatte es in dieser Gegend und weit darüber hinaus bisher noch nie gegeben: Die Augen des kleinen Mädchens waren nicht von dem wässrigen Blau, das allen Neugeborenen eigen ist, sondern dunkel wie Kohlenstaub. Noch immer zitternd, reichte die Hebamme der Mutter ihr Kind. Die blickte in das Antlitz mit den seltsamen Augen und nachdem sie ebenfalls das Kreuzzeichen über ihrer schweißnassen Brust geschlagen hatte, stieß sie in düsterer Vorahnung hervor: „Die Augn, die ham den Deifi gsehn!“

Und die Anni, eigentlich ein bodenständiges Weibsbild und dem Aberglauben abgetan, pflichtete ihr bei: „Wirst sehn, die hat an gotteslästerlichen Eigensinn!“

Und ebendiesen Eigensinn versuchte die Mutter dem Sefferl fortan mit übermäßiger Härte und Strenge auszutreiben.

Teil I

1. Kapitel

Eine von Josefas frühesten Erinnerungen sollte sein, wie sie hungrig im Kreis ihrer zahlreichen Geschwister am grobgezimmerten Stubentisch saß. Hungrig, das waren sie allesamt gewesen, aber die Josefa immer noch etwas mehr als der Rest der Familie, da die Mutter ihr am allerwenigsten zugestand. Diese verspürte vom ersten Atemzug Josefas an eine große Abneigung gegen das Kind. Es schien, als nehme die Notburga ihm übel, dass es allen Widrigkeiten zum Trotz überlebt hatte. Aber viel mehr noch, dass die Hofers durch sie zum Gerede der Leute geworden waren, ging die Kunde über die Geburt des „Deandls mit den Deifis Augn“ doch in Windeseile durch das ganze Dorf und seine umliegenden Ansiedlungen. Sogar der bigotte Pfarrer, dem so mancher hinter vorgehaltener Hand selbst den Teufel im Leib zuschrieb, hatte sich lange geweigert, das Mädchen zu taufen, stimmte doch so offensichtlich etwas nicht mit ihm. Der Notburga wäre es letztendlich einerlei gewesen. Es lag ihr nichts am Seelenheil der Tochter. Aber ihrem Mann, dem Schorsch, dem war‘s nicht recht. Und da er zur Zeit von Josefas Geburt noch als Mann im Haus galt und das nicht nur im eigentlichen Sinne, sondern da auch sein Wort noch Gewicht hatte und ihm Respekt entgegengebracht wurde, war es beschieden, dass seine Tochter getauft werden sollte, koste es, was es wolle. Und so machte er sich bald nach Lichtmess die Josefa war kaum fünf Wochen alt - schweren Herzens auf den Weg zum Pfarrer, um den Taufsegen seiner Letztgeborenen zu erbetteln. Der Pfarrer freilich ließ sich mehr als nur schön bitten und erst als der Schorsch, der sich dabei wand wie ein Aal in der Reuse, die so sorgsam gehüteten Familientaler hervorholte und anbot, den Pfarrer für seine Dienstleistung fürstlich zu entlohnen, da bekam dieser gierige Augen und stimmte endlich zu, auch das letzte Hofer-Balg zu taufen. So geschah es; in aller Stille und Heimlichkeit wurde dasheilige Sakrament erteilt und die Josefa stand fortan unter dem Schutz Gottes.

Das Geld jedoch, welches die Familie für Notzeiten aufbewahrt hatte, das war dahin. Und da die Not im Hofer-Häusl fast immer groß und das Geld fast immer knapp war, musste der Schorsch sich in diesem harten Winter 1870 zusätzlich als Tagelöhner verdingen und als Holzrücker arbeiten. War er harte Arbeit zwar zeitlebens gewohnt, so war er doch nicht mehr der Jüngste und seine Gesundheit, ohnehin bereits recht angeschlagen, litt unter der stundenlangen Plackerei in der Eiseskälte, vor der ihm seine ärmliche Kleidung nur unzureichenden Schutz bot. Deshalb war es auch nicht weiter verwunderlich, dass ihn nach gerade mal zwei Wochen das Fieber packte und seinen Körper für viele Tage aufs Krankenlager warf. Die Notburga tat ihr Bestes, um dem Ehegatten wieder auf die Füße zu helfen. Einen Arzt hinzuzurufen – in dieser Gegend ohnehin schwerlich zu finden – war undenkbar. Womit hätte sie ihn entlohnen sollen? Nun war es unter den Bauern zwar gang und gäbe, den Doktor, so man denn wirklich nicht umhin kam einen herbeizuholen, in Naturalien zu bezahlen, aber selbst davon hatten die Hofers selten genug für sich selbst. Nein, der Schorsch, der musste so wieder werden. Und wenn er nicht wieder wurde, so war das Gottes Wille.

Aber Gott hatte schließlich ein Einsehen mit der armen Waldbauernfamilie, denn nach wochenlangem Siechtum des Bauern war endlich die zehrende Hitze aus seinem Körper gewichen. Einen heftigen, schwächenden Husten hatte sie jedoch zurückgelassen, den er bis zu seinem Lebensende nie mehr richtig loswerden sollte und der mit den Jahren immer schlimmer wurde, bis seine Arbeitskraft fast gänzlich zum Erliegen kam. Und mit dem Husten schwanden nicht nur die körperlichen Kräfte des Bauern, sondern auch mehr und mehr sein Ansehen und seine Stellung innerhalb der Familie. Als die Josefa das sechste Lebensjahr erreicht hatte, da war der Vater, den sie niemals so recht als Familienoberhaupt erlebt hatte, bereits die meiste Zeit bettlägerig und wurde nicht zuletzt von der Notburga nur noch als lästiger Pflegefall wahrgenommen, um den man nicht weiter getrauert hätte, hätte sich sein Geist dazu entschlossen seinen Leib für immer zu verlassen. Aber diesen Gefallen tat der Schorsch seinem Weib nicht – noch nicht!

Waren seine rasch schwindenden Kräfte auch ein herber Verlust für die Familie, so hatte man immerhin noch die zwei ältesten Buben. Den zwanzigjährigen Michael und den Thomas, der siebzehn Sommer zählte. Nun führte die Notburga aber ein strenges und zuweilen höchst ungerechtes Regiment auf ihrem armseligen Hof, so dass die eigenen Söhne schuften mussten wie Knechte und ebenso schlecht behandelt wurden. Ein zufälliger Beobachter hätte meinen können, die Notburga sei ein durch und durch schlechtes Weib. Aber dem war nicht so. Die andauernden Entbehrungen und Nöte, die viel zu schnell vergangene eigene Jugend und das Dahinfretten ihrer mittleren Jahre in schwerster Armut hatten sie böse und hart werden lassen. Es ist des Menschen ureigenste Art, dass sich persönliches Elend einem Eitergeschwür gleich in der Brust festsetzt, dort wächst und wächst und nur darauf lauert, hervorzubrechen und das eigene Blut böse zu machen, sobald sich ein Opfer findet, das schwächer ist als man selbst. Und so drangsalierte die Notburga ihre Kinderschar, um etwas abzustreifen von der eigenen Ohnmacht gegenüber ihrem Leben, das so ganz anders verlaufen war, als sie es einmal für sich erträumt hatte. Und als sie gewahr wurde, dass ihre Jüngste anfing, Träume und Hirngespinste zu hegen - noch viel größer und unerhörter als ihre das je gewesen waren -, da packte sie ein solcher Neid auf ihre Tochter, die noch ihr ganzes Leben vor sich hatte, dass sie allein den Anblick des Kindes nicht ertragen konnte. Sie hasste Josefa abgrundtief. Und dieser Hass drückte sich oft genug in körperlichen und seelischen Misshandlungen gegen ihr jüngstes Kind aus.

Aber ganz gleich, welche Bestrafung sie auch für Josefa ersann, diese ließ sich ihren Willen, ihre Selbstachtung und vor allem ihren Stolz niemals brechen, genauso wenig, wie sie ihre Träumereien je aufgab.

Ein Dorn im Auge war der Mutter auch der enorme Wissensdurst der jüngsten Tochter. Als sie diese an Ostern 1876 widerstrebend in die Dorfschule schicken musste, da seit geraumer Zeit auch in Bayern die allgemeine Schulpflicht bestand, sah sie erst mit Argwohn, dann mit immer größerer Abscheu, wie begierig die Josefa darauf war, alles in sich aufzusaugen, was in der Schule gelehrt wurde. Sie lernte um ein Vielfaches schneller und leichter als alle Hofer-Kinder vor ihr. Freilich scherte sich die Notburga nicht im geringsten um die schulischen Fortschritte ihrer Jüngsten, aber sie fand es befremdlich und für ein Mädchen ganz und gar unpassend, wie gern sie mit Zahlen hantierte und darin schon bald ihren älteren Brüdern überlegen war.

Gewiss war es nicht übermäßig anspruchsvoll, was in der Dorfschule gelehrt wurde. Den älteren oder gescheiteren Kindern gab man kleine Lesestücke und einfache Rechnungen auf, die sich sehr an dem Leben orientierten, das sie führten. Denn wozu musste das Kind eines Waldlerbauern mehr wissen, als für das tägliche Überleben vonnöten war? Die meisten besaßen ohnehin kaum Geld, mit dem es sich hätte rechnen lassen. Und was hätten sie lesen sollen? Am ehesten noch die Heilige Schrift, aber diese war entweder in Latein verfasst, einer Sprache, derer außer dem Pfarrer und dem Lehrer ohnehin keiner mächtig war, oder aber in solch hochgestochenem Deutsch, dass sie den einfachen Bauern ebenfalls wie eine Fremdsprache klang.

Die meisten Eltern konnten es sowieso nicht erwarten, bis ihre Kinder das dreizehnte Lebensjahr erreicht hatten und nicht mehr schulpflichtig waren. Endlich konnte man sie nun entweder auf dem elterlichen Sachl als volle Arbeitskraft verdingen oder man schickte sie weg zu reicheren Bauernfamilien, wo sie sich dann als Knechte oder Mägde abrackerten, auf Gedeih und Verderb ihren Dienstherren ausgeliefert. Die Mägde wurden nicht selten von selbigen in andere Umstände gebracht und dann mit Schimpf und Schande vom Hof gejagt. Nach Hause konnte so ein armes Dirndl nicht mehr, zu groß wäre die Schmach gewesen, die sie über ihre Familie gebracht hätte. Manch eine von ihnen mochte einen neuen Dienstherren finden, der sie trotz Kind am Rockzipfel großzügig aufnahm, dafür dann aber entsprechende Dankbarkeit erwartete, so dass die Magd oft vom Regen in die Traufe kam. Und manch eine von ihnen hauchte ihr Leben auf einem schmutzigen Lager aus, bei dem verzweifelten Versuch, ihr ungeborenes Kind mit mancherlei giftigen Tränken und Mitteln noch vor der Zeit aus ihrem Leib zu stoßen.

Den Buben wiederum, die sich als Knechte auf fremden Höfen verdingen mussten, war ebenfalls meist ein hartes Los beschieden. Niemals konnte so einer zu genügend Geld kommen, um Frau und Kinder durchzufüttern oder gar ein eigenes Sach zu erwerben. Und so war es den meisten von ihnen zeit ihres Lebens verwehrt, zu heiraten und eine eigene Familie zu gründen.

Einige junge Burschen, die für mehr Interesse hegten als für den armen Bauernstand und handwerkliches Geschick mitbrachten, die mochten Arbeit finden in einer der Glashütten, die im bayerischen Wald entstanden waren. Hier war gutes Geld zu verdienen, wenn die Arbeit auch sehr hart war und selbst das kräftigste Mannsbild sie selten ein ganzes Arbeitsleben lang durchhielt.

Aber Josefa stand noch ganz am Anfang ihrer Schulzeit und so hatte sie noch einige Jahre vor sich, zu lernen und geistig zu wachsen. Der Lehrer Grassl, ein noch recht junger, aber erzkonservativer Mann, konnte sich nicht zu einer Meinung über seine eifrigste Schülerin durchringen. Einerseits fand er Gefallen daran, dass neben den anderen Schützlingen in seinem Klassenraum, die, wenn auch nicht gerade dumm, so doch oftmals schlicht zu müde waren, um dem Unterricht aufmerksam zu folgen, es da eine gab, die offensichtlich heller war als der Rest, und deren stets wache tiefschwarze Augen keine Sekunde des Unterrichtsgeschehens versäumten. Andererseits hätte der Lehrer Grassl es bedeutend lieber gesehen, hätte es sich bei Josefa um einen Buben gehandelt. Den könnte man weiterempfehlen ans Kloster auf die höhere Schule - aber ein Dirndl? Wozu war es gut, dass sie viel wusste? Es machte die Weiber nur unzufrieden, wenn sie über ihren Tellerrand hinausschauen konnten. Sollten sie doch still sein und dumm bleiben. Zum Kinderkriegen brauchte man kein Einmaleins. Zum Wäschewaschen brauchte man nicht lesen und schreiben können, auch nicht um das bisschen zu kochen, was der ärmliche Hausstand hergab. Im Gegenteil: Bestand nicht die Gefahr, dass sie dem Müßiggang anheimfielen, da und dort herumhockten und etwas lasen, statt ihren Pflichten nachzukommen? Und wo sollte es hinführen, wenn das Weib dem Mann vorschrieb, wie er auf dem Viehmarkt zu verhandeln hatte? Grassl schüttelte sich innerlich, wenn er sich das vorstellte. Nein, nein, so angenehm und schmeichelnd es war, in der Hofer Josefa solch eine eifrige Schülerin zu haben, das Mädchen tat sich selbst keinen Gefallen damit. Ihr Hunger nach Wissen würde ihr nur Kummer und Unzufriedenheit bescheren. Aber das konnte ihm, Grassl, einerlei sein. Es war gottlob nicht sein Schratz und nach ein paar Jahren würde sie seine Dorfschule verlassen, so wie all die anderen vor ihr auch, und er müsste sich nicht mehr um sie scheren. Einzig das abergläubische Gerede über sie, das ärgerte ihn. Selbst weitaus gebildeter als die Waldbauern, fand er deren Aberglauben geradezu lächerlich, gab er doch ein erbärmliches Zeugnis ihrer Einfältigkeit ab. Was konnte das Kind dafür, mit dunklen Augen das Licht der Welt erblickt zu haben? Aber wie den Waldlern die seltsamen Spielarten der Genetik erklären, wenn diese noch der Vorstellung nachhingen, die äußere Erscheinung der Nachkommen sei allein Gottes Werk? Nein - und hier war sich Grassl sicher - sollte er jemals der Versuchung erliegen, dies öffentlich zur Sprache zu bringen, so würde er selbst zum Gerede der Leute werden. Und das galt es mit allen Mitteln zu verhindern. Denn wenn Grassl eines wichtig war, dann sein Friede mit sich und der Welt. Er war keiner, der aufrührte und Reformen anführte. Er genoss es, hoch angesehen zu sein unter diesen Einfaltspinseln, in Stand und Ansehen nur dem Pfarrer ebenbürtig, den er jedoch insgeheim genauso verabscheute wie die Waldler.

Dass ihr enormer Wissensdurst den einzigen Grund darstellte, warum Josefa Hofer so ungewöhnlich gerne die Schulbank drückte, war jedoch nicht ganz zutreffend. Nein, es gab da außer der Schiefertafel mit den verlockenden Buchstaben und Zahlenreihen noch etwas anderes, das es dem Mädchen angenehm machte, den Unterricht zu besuchen. Und dies betraf weder den Lehrstoff noch die wenigen zerlesenen Bücher, welche die Dorfschule ihr Eigen nannte, und schon gar nicht den Lehrer Grassl selbst. Nein, dies war einzig und allein dem Gottzler Andreas geschuldet. Dieser, ihr an Lebensjahren um zwei voraus, war der Bub vom Barthl - einem Bauern und Stellmacher - und seinem Weib, der Katharina. Die Gottzlers waren bei weitem nicht reich zu nennen, aber doch weitaus weniger arm als Josefas Familie. Sie konnten sich sowohl eine Magd als auch einen Knecht leisten, die die Viecher versorgten und die Felder bestellten, damit sich der Barthl vorwiegend seiner Arbeit als Stellmacher widmen konnte. Von allem, was ein Menschenleben würdig und lebenswert machte, gab es im Gottzler-Hof genug, sei es nun Nahrung oder Kleidung. Auch ein wenig Bargeld klimperte stets im ledernen Beutel des Hofherrn. Einzig beim Kindersegen, da waren die Katharina und ihr Mann nicht gerade reichlich bedacht worden. Nur ein einziges Kind war ihnen gegönnt, und auch dieses stellte sich spät ein, als sich die Eheleute beinahe schon damit abgefunden hatten, kinderlos zu bleiben. Umso größer war dann die Freude, als sich der Andreas, von allen Anderl genannt, ankündigte. Die Katharina ging ganz in ihrer Mutterrolle auf, verhätschelte den Buben, wo es nur ging, und der Barthl sah es mit einem nachsichtigen Schmunzeln. Er war ein gemütlicher, niemals streitlustiger Mann und es bedurfte schon viel, ihn einmal aus der Fassung zu bringen. Sein friedfertiges Wesen drückte sich nicht zuletzt in seinem Äußeren aus, war er doch von leicht untersetzter, rundlicher Gestalt, mit einem gütigen Gesicht, wettergegerbt und von zahlreichen Falten durchzogen, die sich in Windeseile zu vermehren schienen, wenn sich sein schon reichlich zahnlückiger Mund zu einem Lachen formte. Auch wenn die Gottzlers gerne eine ganze Schar Kinder gehabt hätten, die ihr Fortkommen im Alter hätten sichern können, so waren sie doch sehr dankbar für diesen einen wohlgeratenen Sohn und künftigen Hoferben. Der Anderl, ein aufgeweckter kleiner Kerl, war zwar hin und wieder anstrengend für die spät in den Genuss der Mutterschaft gekommene Katharina, aber er hatte den gutmütigen und aufrechten Charakter seiner Eltern geerbt. Und brach sich auch so manches Mal sein ungestümes Temperament Bahn, so war er doch stets leicht wieder in die richtige Richtung zu lenken.

Dunkel war sein Schopf, ebenso die großen Augen und wenn seine Gliedmaßen auch eher kurz und stämmig waren wie die seiner Eltern, so besaßen sie doch eine große Geschmeidigkeit und Kraft und schienen in ihrem Verhältnis zueinander so angenehm ausgewogen, dass ein betrachtendes Auge wohlgefällig an ihm hängenbleiben mochte. Die kohlenstaubschwarzen Augen der Josefa jedenfalls blieben nur allzu gerne an ihm hängen. Und war sie mit ihren sechs Jahren gewiss noch zu jung um echte Verliebtheit zu spüren, so war da doch schon etwas, das erahnen ließ, wie es in späteren Jahren wohl um sie bestellt sein würde, wäre sie dem Anderl dann noch in gleichem Maße zugetan. Das Sefferl mochte ihn sehr und die kindliche Zuneigung des Anderl ihr gegenüber stand dem in nichts nach. Wohl kannte er die Geschichten, die sich um Josefas Geburt rankten, aber er gab nicht viel darauf. Über derlei wurde in seinem Elternhaus nicht gesprochen, so wie dort überhaupt selten schlecht über andere Leute geredet wurde und wenn, dann auch nur, wenn dafür wirklich ausreichend Grund bestand und niemals, wenn sie solcherlei Getratsche nur aus dritter Hand erfahren hatten. Sollten sich andere die Mäuler zerreißen, die braven Gottzlers fanden daran keinen Gefallen.

Nun hatte die Josefa aber gerade wegen dem allgemeinen Mäulerzerreißen über ihr Aussehen und die Umstände ihrer Geburt keinen leichten Stand unter den Klassenkameraden. Lief irgendetwas schief und sei es nur, dass im Winter der Kamin im Schulzimmer rußte und allen die Augen tränten und sie husten mussten, oder im Sommer im Birkenhain hinter der Schule ein Feuer ausbrach, stets hieß es: „Die Josefa war’s.“ Sie habe wieder mit dem Teufel zusammengesteckt und dieses Unglück ausgeheckt. Kam dies dem Lehrer Grassl zu Ohren, so setzte er den Gerüchten zwar sofort ein Ende, aber sobald die Schulglocke den Unterricht beendete und sich alle auf den Heimweg machten, da war die Josefa den anderen schutzlos ausgeliefert. Oft, sehr oft, wurde sie von ihnen verprügelt, bespuckt oder mit allerlei Unrat beworfen und wenn die so Geschundene dann heimschlich, nie ohne sich gegen die Angreifer zur Wehr gesetzt zu haben, aber stets chancenlos ob deren Überzahl, da wusste sie genau, dass ihr daheim kein Mitleid entgegengebracht würde. Im Gegenteil, oft genug setzte die Mutter noch eins drauf und schlug sie wegen der schmutzigen, zerrissenen Kleidung, auch wenn diese ohnehin aus nicht viel mehr als zusammengeflickten Lumpen bestand.

Der Anderl war der einzige, der bei diesen Hetzjagden nicht mitmachte und das Sefferl sogar gegen die anderen Kinder zu verteidigen suchte. Oftmals bekam deshalb auch er Prügel ab, aber wie anders war der Empfang, der ihm nach so einer Schmach daheim bereitet wurde: Die Katharina nahm ihn in den Arm, herzte, drückte und tröstete ihn und dann stand sie den Rest des Nachmittags in der Kuchl und backte ihrem Bub ein Schmalzgebäck oder eine andere Leckerei, auf dass er den unseligen Zwischenfall bald vergessen möge. Neben der Schule hatten die beiden Kinder nur wenig Gelegenheit sich zu sehen. Der Gottzler-Hof lag nahe beim Dorf – der Stellmacher musste schließlich für die Kundschaft leicht erreichbar sein – und das kleine Waldbauernanwesen der Hofers lag recht weit entfernt und sehr versteckt hinter dichtem Mischwald auf einer kleinen Lichtung. Hätte man einander besuchen wollen, so wäre ein einstündiger Fußmarsch vonnöten gewesen. Aber ein Besuch kam ohnehin nicht in Frage. Die Josefa hätte niemanden mitbringen dürfen in ihr ärmliches Zuhause und der Anderl konnte sie ebenfalls nicht einfach so mitnehmen, ein Mädchen, zu dem man bisher kaum Kontakt gehabt hatte und das die Eltern nicht kannten.

Auch an den Kirchensonntagen kam es meist nur im Winter dazu, dass sich die Josefa und der Anderl begegneten. Besuchte der Andreas zusammen mit seinen Eltern fast an jedem Sonntag und an all den anderen hohen Kirchentagen den Gottesdienst, so war dies der Josefa meist verwehrt. Denn das Haus Gottes durfte keiner betreten, der keine Schuhe an den unreinen Füßen trug. Und Schuhe, die hat es in ihrer Kindheit für die Josefa so gut wie nie gegeben. Dafür war kein Geld da und nur im Winter trug sie eine Art Pantoffeln aus grobbehauenem Holz, die notdürftig mit Stroh gepolstert waren, dabei aber so unbequem, dass sich das Sefferl ihre Füße regelmäßig blutig scheuerte. Wie froh war sie deshalb, wenn sich der Frühling mit den ersten warmen Winden ankündigte, Schnee und Eis schmelzen ließ und sie ihre Füße aus dem engen hölzernen Gefängnis befreien konnte. Dass es zusammen mit der Schneeschmelze auch mit den Gottesdiensten wieder vorbei war, das betrübte die Josefa wenig. Sie ging nicht gern zur Kirche. Zwar fürchtete sie den Pfarrer nicht so sehr wie all die anderen Kinder, aber sie verabscheute ihn aus tiefstem Herzen. Sein feistes, verschlagenes Gesicht mit der ungesunden gelblichen Hautfarbe, die sich auch in seinen dicken fleischigen Fingern wiederfand, gab zusammen mit seiner hohen Fistelstimme, die so gar nicht zu seiner enormen Leibesfülle passen mochte, ein so unnatürliches wie abschreckendes Bild ab. Selbstgefällig blickte er von seiner Kanzel herab und predigte den armen Waldlern das Evangelium und wem das noch nicht genug Schauer über den Rücken rieseln ließ, dem drohte er bildgewaltig mit dem Fegefeuer, sollte er nicht vom Pfad der Sünden abweichen und um Buße bitten.

So wie die Josefa also keine Enttäuschung darüber empfand, wenn sie dem Gottesdienst fernbleiben musste, empfand auch der Pfarrer keine Enttäuschung, wenn der nahende Frühling die Abwesenheit der Hofer Josefa mit sich brachte. Denn wenn dieses seltsame Kind ihm von der Kirchenbank aus mit ihren unergründlich dunklen Augen förmlich bis in sein Innerstes sah, dann wurde er jedes Mal unruhig, brach ihm dann und wann sogar der Schweiß aus, wenn eine seiner Schandtaten gar zu kurz zurücklag. Denn sein Innerstes, wer wusste das besser als er selbst, das war dem Teufel durchaus ebenbürtig. Und so konnte er nicht verhehlen, dass er eine gewisse Erleichterung verspürte, wenn er am Ende eines jeden Wintergottesdienstes dem Altarraum und Josefas bohrenden Augen entfliehen und sich in die Sakristei zurückziehen konnte.

Nun hatte es aber mit ebendieser Sakristei eine besondere Bewandtnis. Einzig dem Pfarrer schien sie ein Ort der Zuflucht. Ein jeder andere hätte in dem Begriff „Zuflucht“ einen beißenden Sarkasmus gesehen, denn außer dem Pfarrer betrat nur der Mesner die Pforte zur Sakristei ohne Schaden an Leib und Seele zu nehmen. Die Bauern und ihre Kinder jedoch fürchteten die Tür aus schwerem Eichenholz wie der Teufel das Weihwasser. Flüsternd und hinter vorgehaltener Hand sprachen sie vom „Türl zum Kindsfresser“. Denn von Zeit zu Zeit wählte der Pfarrer eines seiner Schäflein aus, mit ihm in der Sakristei die Bibel zu studieren. Ein jeder wusste, was das hieß. Und doch wagte es keiner aufzubegehren, keiner der Auserwählten weigerte sich, sein Kind zu schicken, obwohl ein jeder wusste, er bekam sein Kind nicht zurück.

Stets wählte der Pfarrer einen Freitag für das gemeinsame Bibelstudium, einen Freitag, wie den, als Jesus Christus für die Seinen am Kreuz gelitten hatte. Und gelitten wurde auch in der Sakristei.

Als unschuldige Kinder stiegen sie über die Schwelle, hinein in den dunklen Schlund, in dem der Kindsfresser lauerte. Und wenn dieser sie schließlich wieder ausspie, sie hinauswarf aus dem Schlund, zurück zu den Ihren, so schienen ihre Seelen im Zeitraffer gealtert und so tief verwundet, wie die Egge die Erde verwundet, wenn sie ihre Kruste durchbricht und sich tief in ihr fruchtbares Fleisch gräbt, dort hinein, wo alles Leben entsteht und neues hervorgeht. Die Erde jedoch erholt sich von ihrer grausamen Verwundung, der Samen, der in sie gelegt wird, keimt auf und bringt neues Leben hervor. Diejenigen aber, die das „Türl zum Kindsfesser“ passiert hatten, aus denen keimte kein neues Leben. Ihre Lebenslichter waren fortan erloschen, auch wenn sie noch viele Jahre auf der Erde wandeln sollten, bevor diese sie endlich gnädig in sich aufnahm.

2. Kapitel

Im Sommer 1877 dann, die Josefa zählte inzwischen siebeneinhalb Lenze, traf sie im Wald beim Heidelbeerpflücken ganz unverhofft auf den Anderl. Dieser streifte ebenfalls nicht nur müßig umher, sondern hatte einen kleinen Korb bei sich, dessen Boden bereits mit einer dicken Schicht Reherl bedeckt war. Ihr so unvermutetes Aufeinandertreffen machte die Kinder ein wenig verlegen und so wusste zunächst keines von beiden etwas zu sagen. Erst als zwei Eichhörnchen, die einander spielerisch jagten, an ihnen vorbeiflitzten und sie beide auflachen ließen, schien das Eis zwischen ihnen gebrochen und der Anderl hielt ihr sein Körbchen hin.

„Da, magst a paar?“

Die Josefa griff gern zu, wusste aber, dass sie wohl nicht in den Genuss der Schwammerl kommen würde. Die Mutter wollte bestimmt alle für sich selbst behalten. Aber das mochte sie dem Anderl nicht sagen.

„Bist ganz allein da? Wo sind denn deine Gschwister?“

„Die sind am Hof blieben, gibt’s allerweil genug zum tun.“

Der Anderl nickte. Plötzlich hatte er einen Einfall.

„Du, i hab fei a Schatzkisterl. Magst das amal sehn? Musst mir aber versprechen, dass du niemandem sagst, wo i des versteckt hab“, sagte er.

„Des hab i nämlich noch keinem zeigt, noch ned amal der Mutter“, fügte er in verschwörerischem Ton hinzu.

Josefas schwarze Augen waren vor Spannung ganz rund und groß geworden. Eine Schatzkiste, das klang aufregend! Und so musste sie nicht lange überlegen, schnell war der Auftrag vergessen, die Sammelbüchsen bis zum Abend mit Heidelbeeren zu füllen, und das Mädchen sprang leichtfüßig hinter dem Anderl her durch den dichten Wald. Die Kinder liefen abseits aller Pfade, aber es bestand keine Gefahr, dass sie sich dabei verliefen. Der geheimnisvolle und bisweilen undurchdringliche Bayerwald war schon immer ihr Zuhause gewesen und sich im dichten Grün zu orientieren fiel ihnen nicht schwer. So fand denn auch der Anderl ohne Mühe zu der mächtigen Buche, zwischen deren Wurzeln er erst eine dicke Schicht alten Laubs entfernte und sich dann daran zu schaffen machte, mit Hilfe eines Steckens die oberste Erdschicht aufzugraben. Das Sefferl war neben ihm in die Hocke gegangen und konnte sich vor Aufregung kaum stillhalten. Da schimmerte ihnen auf einmal etwas Metallenes aus der Erde entgegen. Der Anderl warf den Grabstock achtlos beiseite und wischte mit erdverkrusteten Fingern den Dreck weg, bis der Deckel einer Blechkiste zum Vorschein kam. Mit geübtem Griff umfasste er alle vier Ecken, zog kräftig daran und hielt gleich darauf die kleine Kiste in den Händen.

„Des is. Jetzt wirst schaun, was i da drin hab. Aber gell, du schwörst, dass du zu niemanden ein Wort sagst!“

„Was i versprich, des halt i auch“, versicherte ernst die Josefa. „Jetzt mach schon auf, i kanns gar ned erwarten!“

Mit feierlicher Miene hob der Bub den Deckel der Kiste an und gab so den Blick auf ihren Inhalt frei. Darin befanden sich eine Steinschleuder, zwei Kupferpfennige, ein schöner grünlicher Stein und – darauf war der Anderl besonders stolz – ein Bild von einem Dampfschiff, herausgerissen aus einer Zeitung, datiert auf das Jahr 1855. Über dem Schiff war die Überschrift zu lesen „Schiffahrtsgesellschaft Bremen“ und unter der Zeichnung „Postdampferlinien nach Newyork, Ostasien, Australien“.

Auch auf die Josefa, die brav alle „Schätze“ würdigte, hatte dieses Stück die größte Anziehungskraft. Ganz vorsichtig nahm sie das Papier in die Hände.

„Ui, schau, mit so einem Schiff möcht i amal fahrn. Wo des wohl sein wird, des Nefjork? Des hab i noch nie ghört!“

„Des is in Amerika“, wusste der Anderl anzugeben. „Mei Vadda hat an Bruder ghabt, der is ausgwandert, nach dem Amerika, mit so am Schiff da. Aber der Babba hat nie wieder was ghört von ihm. Wer weiß, ob er überhaupts ankommen is da drüben. Der Babba hat gsagt, des is scho sakkrisch weit, da kann alles mögliche passieren. Aber sein Bruder hat g‘meint, da in Amerika is ned so wie bei uns. Da kann a jeder was werden, da sans alle reich. Muaßt es halt überleben, die Überfahrt. Für mich wär des fei nichts.“

Das Sefferl war ganz still und nachdenklich geworden. Ihre klugen Augen suchten zu ergründen, welche Möglichkeiten und Abenteuer sich in diesem Stück Papier bargen. Plötzlich wurde sie gewahr, dass der Anderl auf eine Reaktion von ihr wartete.

„Und warum wär des nichts für dich? Des is doch aufregend, ganz was anderes sehn, woanders leben, reich werden und nie mehr Hunger ham. I tät sofort gehn!“

„I ned, was tät i denn ohne an Vadda und d’Muadda? I kannt des ned, dass i alle nie wieder sehn tät.“

Da bekam Josefas Mund einen fast verkniffenen Ausdruck, so wie er häufig auf den Gesichtern alter Weiber zu finden ist, die zu oft umsonst gehofft hatten und nun wussten, dass das Leben keine schönen Wendungen mehr für sie bereithielt. Sie gab dem Anderl den Zeitungsausschnitt zurück und dann kam es ihr ganz leise, einem feinen Wispern des Windes gleich, über die Lippen: „I scho, i tät mich freun, wenn i‘s allesamt nimmer sehn müsst.“

Entsetzt starrte der Anderl seine Freundin an.

„Bist du narrisch? Du weißt doch überhaupts ned, was du da sagst. Du versündigst dich“, brach es aus ihm heraus.

Da wurde die Josefa zornig, das vormals rußige Schwarz ihrer Augen wurde nun von einem grünlichen Schimmer begleitet, und mit einem Mal sprang sie auf und schrie dem überraschten Anderl ins Gesicht:

„Du weißt überhaupts ned, was du da sagst! Weißt du, wie des is bei mir dahoam? Der Vadda liegt allerweil in der Kammer drin, mehr tot wie lebendig, mei Muadda schlagt mich, wo’s nur kann, der bin i eh wurscht und meine Gschwister, die halten untereinander zamm. Aber i, i ghör nie dazu. Du, du … ah.“ Mit einer wegwerfenden Handbewegung machte sie kehrt, dass die Röcke um die nackten Beine schwangen und lief durch die Bäume davon. Der Anderl, vom Geschehen völlig überrumpelt, blickte ihr noch lange nach, höchst unglücklich darüber, welchen Lauf die Dinge genommen hatten. Schließlich gab er die Hoffnung auf, die Josefa würde noch einmal umkehren und zu ihm zurückkommen. Er machte sich daran, seine Schatzkiste wieder sorgfältig zu vergraben. Dann nahm er den Schwammerlkorb auf und machte sich nachdenklich auf den Heimweg.

Die Mutter merkte wohl, in welcher Stimmung ihr Sohn nach Hause gekommen war, hütete sich aber davor, ihn mit Fragen zu bestürmen. Neuerdings musste man den Anderl anders anpacken als früher. Mit seinen knapp zehn Jahren war er nun manches Mal nicht mehr das überschäumende Bürscherl, das sein Herz auf der Zunge trug. Nein, nun konnte es hin und wieder vorkommen, dass er sich ganz in sich zurückzog, grübelte und auf Nachfragen höchst unwirsch reagierte. Er wurde langsam groß, das musste sich die Katharina seufzend eingestehen. Aber sie wusste, wenn sie ihn nicht bedrängte, dann kam er zur rechten Zeit von allein auf sie oder den Vater zu und schüttete in gewohnter Weise sein Herz aus.

So musste sie sich auch heute nur bis nach dem Abendessen gedulden, als der Anderl – sie stand gerade mit dem Geschirr am Spülbecken – sie ganz unvermittelt fragte:

„Muadda, kennst du die Hofers zu Bichl?“

„Die Hofers zu Bichl?“, wiederholte die Mutter und sah zur Stubendecke rauf, als stünde dort die Antwort geschrieben.

„Ah ja“, fiel es ihr plötzlich ein, „jetzt wo du‘s sagst, die ham doch des Deandl mit den schönen dunklen Augen und dem hellen Haar.“

„Ja, des sans“, pflichtete ihr der Anderl bei. „Josefa heißts und geht bei mir in’d Schul.“

Als keine weiteren Ausführungen folgten und der Bub etwas verlegen wirkte, kam die Katharina nicht umhin, sich ein Lächeln zu verbeißen.

„Und, magst sie ebba recht gern, die Josefa?“, fragte sie.

Der Anderl errötete und zuckte mit den Schultern. „Ja, scho. Aber i glaub, die hats ned so schee dahoam. Sie tät sogar auswandern, hats gsagt, auch wenns dann nie mehr jemanden sehn tät von ihre Leut.“

Die Katharina hielt inne mit ihrer Spülarbeit, trocknete sich die Hände am Schürzl ab und blickte ihrem Sohn fest in die Augen.

„Mei Bua, die sind recht arm, die Hofers. Viele Kinder, der Mann zu krank zum Arbeiten und der älteste Sohn, der is mein i, auch nimmer da. Da wird die Muadda halt a recht a strenges Regiment führen müssen mit den Haufen Kinder.“

„Scho, aber i glaub, für d’Josefa is bsonders hart.“

Der Katharina ging das Gespräch so schnell nicht mehr aus dem Kopf und tags darauf, als sie mit dem Anderl einen gut gefüllten Eimer mit Essensresten zu den Sauen schleppte, da sagte sie wie nebenbei:

„Bringst sie halt amal mit, deine Josefa!“

„Geh, des is doch ned meine Josefa“, wehrte der Anderl verlegen ab. Aber dass ihn das Angebot der Mutter freute, das war deutlich zu sehen.

Und so packte er gleich am darauffolgenden Montag die Gelegenheit beim Schopf und schlenderte in der Schulpause rüber zur Josefa, die auf einem Baumstumpf saß und wie üblich keine Brotzeit dabei hatte. Der Anderl packte ein kleines Stück Gselchts aus und einen Kanten Brot und bot ihr von beidem freigiebig an. Das Sefferl schüttelte jedoch abwehrend den Kopf. Seit ihrer Auseinandersetzung im Wald hatten sie einander nicht mehr gesprochen und sie schien noch immer gekränkt.

„Geh, Josefa, bittschön iss was. I habs auch ned so gmeint. Des was i gsagt hab zu dir im Wald. Hast ja recht, i weiß überhaupt nichts von dir und deine Leut. Willst ned wieder reden mit mir?“

„A Gselchts und a Brot – des is fei ned grad meine Leibspeis!“, kam es recht nüchtern vom Baumstumpf zurück.

Betreten blickte der Anderl zu Boden. Als das Sefferl ihn aber gleich darauf mit dem Finger spielerisch in die Seite stupste und er sie ansah, bemerkte er das schelmische Grinsen in ihrem Gesicht und begriff, dass sie ihn nur hatte auf den Arm nehmen wollen.

Er seufzte erleichtert, ließ sich neben ihr auf dem Baumstumpf nieder und teilte brüderlich sein Mahl mit ihr. Die Josefa, die wie immer sehr hungrig war, musste sich einiges an Selbstbeherrschung auferlegen, damit sie das angebotene Essen nicht zu hastig herunterschlang. Trotzdem war sie mit ihrer Hälfte schon fertig, da hatte der Anderl noch kaum mit seiner angefangen. Natürlich bemerkte er es.

„Da, i kann nimmer, magst es du?“

Der Josefa war klar, dass er unmöglich schon satt sein konnte, aber ein zu offensichtlich angebotenes Almosen hätte sie niemals angenommen, da stand ihr der Stolz im Weg, ihr ständiger Begleiter, mochte ihr Leben auch noch so armselig sein. Wenn sie sonst schon nichts besaß und nichts hatte, worauf sie sich verlassen konnte, dass es morgen auch noch da war, so doch wenigstens auf ihren Stolz. Aber die Sache mit dem Stolz, das war ein zweischneidiges Schwert. Er konnte sich bisweilen gut anfühlen, schmeichelnd und weich wie eine Sommerwiese unter nackten Fußsohlen. Dann machte er, dass man sich besser fühlte, man als etwas galt vor sich und den anderen Leuten, auch wenn man nichts hatte. Aber wie gefährlich war es, diesen Stolz mit allen Mitteln aufrechtzuerhalten, wenn das Verderben schon nah war? Dann an diesem liebgewonnenen Vertrauten, diesem Weggefährten festzuhalten, konnte einem mehr schaden, als sich dann und wann einmal von ihm zu verabschieden.

Und so bot der Anderl der Josefa mit seiner kleinen List ein Schlupfloch, ein Hintertürchen zu einer Kammer, in die sie den Stolz kurz sperren konnte, um ihn danach unversehrt und erhobenen Hauptes wieder hervorzuholen.

Nachdem also auch Anderls Anteil an der Brotzeit seinen Weg in Josefas Magen gefunden hatte, läutete der Lehrer Grassl mit der Glocke das Ende der Pause ein. Die beiden Kinder sprangen auf und liefen gemeinsam auf das kleine Schulhaus zu.

„Ah, was i dich noch fragen wollt. Meine Muadda tät am Sonntag an Schweinsbraten machen.

Magst kommen? Die Eltern erlaubens.“

Von diesem Angebot vollkommen überrascht war das Sefferl abrupt stehengeblieben. Kein Wort brachte sie heraus, stumm starrte sie den Anderl an. Als ihr Schweigen sich langsam unangenehm in die Länge zu ziehen begann, die Schulglocke aber immer drängender bimmelte, stieg der Anderl nervös von einem Bein auf das andere.

„Du muaßt auch ned. Es war bloß so a Vorschlag.“

„Naa, naa.“Das Sefferl hatte ihre Sprache endlich wiedergefunden und mit einem schüchternen Lächeln fügte sie hinzu:

„Schweinsbraten is meine Leibspeis – könnt i mir vorstelln.“

Ein Strahlen überzog Anderls Gesicht und wich auch nicht, als der Grassl ungehalten wurde ob ihrer Trödelei und ihnen bereits mit dem Rohrstock drohte. Und auch das Sefferl spürte eine ungewohnte Freude in ihrem Inneren, die dort für den Rest der Woche blieb und nur etwas einer nervösen Aufregung Platz machte, war es doch das erste Mal, dass sie in ein fremdes Haus geladen wurde.

3. Kapitel

Nein, es gab nichts, was Josefas Freude auf das Sonntagsmahl bei den Gottzlers hätte schmälern können, wenn die Notburga sich auch redlich Mühe gab, dies zu erreichen.

Nachdem das Sefferl nämlich die Neuigkeit einige Tage lang für sich behalten hatte, rückte sie schließlich am Donnerstag beim kärglichen Abendmahl damit heraus. So sehr sie sich auch Mühe gab gleichgültig zu klingen, um den Neid der Geschwister nicht zu wecken, den sie hinterher sonst wieder würde büßen müssen, es wollte ihr nicht recht gelingen.

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