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Kognition/Kommunikation und Verhaltensweisen

Sabine Hindrichs • Ulrich Rommel

Margarete Stöcker • Manuela Ahmann

Kognition/Kommunikation

und Verhaltensweisen

PSG II und PSG III und Pflegebedürftigkeitsbegriff
in der Praxis anwenden

Sabine Hindrichs • Ulrich Rommel

Margarete Stöcker • Manuela Ahmann

Kognition/Kommunikation

und Verhaltensweisen

PSG II und PSG III und Pflegebedürftigkeitsbegriff
in der Praxis anwenden

Inhalt

Vorwort

Kapitel 1 Pflegethema Kognition/Kommunikation, Verhaltensweisen und psychische Problemlagen

1.1 Leitgedanken zum Thema „Kognition und Kommunikation“

1.2 Definition „Kognition und Kommunikation“ im Rahmen von Pflege und Betreuung

1.3 Medizinische Aspekte und Störungen der „Kognition und Störungen der Kommunikation“ in der Pflege und Betreuung

1.4 Leitgedanken zum Thema „Verhaltensweisen und psychische Problemlagen“

1.5 Definition „Verhaltensweisen und psychische Problemlagen“ im Rahmen von Pflege und Betreuung

1.6 Medizinische Aspekte und Störungen von „Verhaltensweisen und psychischen Problemlagen“ in der Pflege und Betreuung

Kapitel 2 Kognition/Kommunikation und Verhaltensweisen im Kontext des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffes

2.1 Pflegestärkungsgesetz II und der neue Pflegebedürftigkeitsbegriff

2.2 Themenmodul 2 „Kognitive und Kommunikative Fähigkeiten“

2.3 Themenmodul 3 „Verhaltensweisen und Psychische Problemlagen“

2.4 Prävention und Rehabilitation/Hilfsmittel

Kapitel 3 Verhaltensweisen und psychische Problemlagen

3.1 Abwehrendes und herausforderndes Verhalten

3.2 Die psychiatrische Krise und der psychiatrische Notfall

3.3 Allgemeine Leitsätze im Umgang mit abwehrendem und herausforderndem Verhalten

3.4 Gefahrensituationen

3.5 Schutz-, Abwehr- und Befreiungstechniken bei abwehrendem und herausforderndem Verhalten in der praktischen Umsetzung

3.6 Rechtliche Aspekte und Hinweise

Kapitel 4 Kognition, Kommunikation und Verhaltensweisen in der Dokumentation

4.1 Pflegeprozess und Pflegedokumentation

4.2 Prozessschritt 1 - Informationssammlung

4.3 Prozessschritt 2 - Maßnahmenplanung (4/6)

4.4 Prozessschritt - Berichteblatt

4.5 Prozessschritt - Evaluation

Kapitel 5 Konzepte in der praktischen Umsetzung

5.1 Zielgruppenspezifische Methoden bei Störung im Bereich der Kognition und Kommunikation, bei auffälligen Verhaltensweisen und psychische Problemlagen

5.2 Zielgruppenspezifische Angebote bei Störung im Bereich der Kognition und Kommunikation

5.3 Zielgruppenspezifische Angebote im Umgang bei auffälligen Verhaltensweisen und psychische Problemlagen

5.4 Ergänzende Angebote

Kapitel 6 Gerontopsychiatrie und Qualitätssicherung

6.1 Pflege- und Versorgungskonzepte – Umsetzungsstandard zur Rahmenempfehlung

6.2 Interne Qualitätssicherung

6.3 QPR - Qualitätsprüfung SGB XI

6.4 Qualitätsindikatoren

6.5 Betreuungsleistungen und zusätzliche Betreuungskräfte

Kapitel 7 Anhang

7.1 Falldarstellung Frau Sofia Isolde Schweizer

7.2 Falldarstellung – Herr Siegfried Ingmar Schopenhauer

7.3 Blanko Formulare MMSE© und CMAI©

Literaturverzeichnis

Die Autoren

 

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Vorwort

Der zweite Band der Themenmodul Reihe Pflegethema zum neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff beschäftigt sich mit den Themenmodulen„Kognitive und Kommunikative Fähigkeiten“ und„Verhaltensweisen und psychische Problemlagen“, dem zweiten und dritten wissenschaftsbasierten Pflege- und Betreuungsthema aus dem neuen Begutachtungsinstrument. Die Politik betont schon fast „mantrahaft“, dass vor allem Menschen mit einer demenziellen Erkrankung durch das Neue Begutachtungsverfahren bessergestellt und gerechter „eingestuft“ werden. Ob das so ist, wird die Auswertung der Pflegegrade und Einstufungen in der Zukunft zeigen. Mit diesem Buch wollen wir Ihnen eine Hilfestellung geben, um zum einen Ihre Klienten/Bewohner bestmöglich einzustufen und Ihre Pflege planen zu können, und zum anderen aber auch helfen, den neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff inhaltlich und pflegefachlich mit Leben zu füllen.

Zum 01.01.2017 sollte mit der Einführung des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffes, dem neuen Begutachtungsverfahren und der Ablösung der Pflegestufen durch die Pflegegrade ein Paradigmenwechsel im Bereich der Langzeitpflege stattfinden, in dem die äußeren Kennzeichen von Pflege und Betreuung grundlegend und sichtbar umgestaltet wurden. Das, was der neue Pflegebedürftigkeitsbegriff vor allem bewirken soll, ein neues Verständnis von Pflege, muss in den Köpfen der professionellen Pflege und Betreuung noch stattfinden und integriert werden. Dies kann aber nicht durch ein Gesetz zu einem bestimmten Datum quasi per Unterschrift verordnet werden, sondern ist ein Prozess, der sicher über mehrere Jahre gehen wird (Professor Büscher geht von mindestens 2 – 3 Jahren aus). Das erfordert, dass die pflegefachlichen Grundlagen der Profession Pflege konsequent am neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff ausgerichtet und entsprechend in Lehre, Fort- und Weiterbildung so vermittelt werden.

Auf diesem Weg möchten wir Sie mit der Themenmodul Reihe Pflegethema entlang der Themenmodule des neuen Begutachtungsverfahrens (NBI) pflegefachlich hin zum neuen Verständnis von Pflegebedürftigkeit unterstützend begleiten. Dabei soll der neue Begriff der Pflegebedürftigkeit aus unterschiedlichen Blickwinkeln bzw. Perspektiven betrachtet werden. Für jedes Themenmodul (mit Ausnahme dieses Buches, das die Themenmodulen 2 + 3 zum Inhalt hat) wird es ein Praxishandbuch geben. Die einzelnen Bücher werden thematisch immer dem gleichen Aufbau folgen:

1. Pflegethema – Themenmodul

2. Themenmodul im Kontext des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffes

3. Expertenstandard zum Themenmodul

4. Themenmodul in der Dokumentation

5. Themenmodul in der Praktischen Umsetzung

6. Themenmodul und Qualitätssicherung

Zunächst erhalten Sie eine Einführung ins Thema, die einer Darstellung des aktuellen pflegefachlichen Stands des Wissens in Deutschland folgt. Pflegetheoretisch liegt unseren Darstellungen ein personenzentrierter beziehungsbasierter Ansatz zugrunde, wobei wir uns bewusst nicht auf ein bestimmtes Pflegemodell festgelegt haben, da dieses aus unserer Sicht von jeder Einrichtung entsprechend ihrer Klientel und der eigenen kulturellen Prägung gewählt werden sollte. Für den Bereich der Dokumentation orientieren wir uns am Strukturmodell der entbürokratisierten Pflegedokumentation.

Der systematische Aufbau der einzelnen Bücher orientiert sich an einer Idee von Professor Andreas Büscher, dem Wissenschaftlichen Leiter des DNQP (Deutsches Netzwerk für Qualität in der Pflege), wie die Erkenntnisse aus der Begutachtung für die Wahl des Hilfeangebotes/Versorgungssettings, die Durchführung der Pflege und deren Dokumentation genutzt werden können und dabei sich eines aus dem anderen ergibt und zusammenpasst.

Zu Beginn einer „Pflegekarriere“ steht die Perspektive aus leistungsrechtlicher Sicht als Grundlage für den Grad der Pflegebedürftigkeit. Sie gibt erste Hinweise für die Versorgungsmöglichkeiten der pflegebedürftigen Person und ihrem Unterstützungsbedarf.

Ausgehend vom Grad der Pflegebedürftigkeit erfolgt der Übergang in den Versorgungsprozess der pflegebedürftigen Person und dem damit erforderlichen Unterstützungsbedarf. In welcher Form und Ausgestaltung die pflegebedürftige Person Unterstützung in Anspruch nimmt, wird durch eine Vielzahl unterschiedlicher Faktoren beeinflusst. Dies geschieht aufgrund der individuellen Lebenssituation, den Wünschen und Bedürfnissen der pflegebedürftigen Person, dementsprechend hat sie die Wahl zwischen verschiedenen Möglichkeiten für ihre Pflege und Betreuung (ambulante, teilstationäre und stationäre Versorgungangebote).

Unabhängig für welchen Versorgungsbereich sich die pflegebedürftige Person entscheidet, erfolgt ein an ihren individuellen Wünschen und Bedürfnissen orientierter Versorgungsprozess (Pflegeprozess). Um den Praxistransfer des aktuellen theoretischen Pflegewissen, sowie die leistungsrechtlichen Erfordernisse sicherzustellen, bedarf es einer Integrationsfähigkeit dieser Faktoren in den pflegepraktischen Alltag der unterschiedlichen Versorgungbereiche. Der Grad der Selbstständigkeit, in Kombination mit einem personenzentrierten Ansatz, ermöglicht einen an der pflegebedürftigen Person orientierten und ausgerichteten Pflegeprozess. Die Dokumentation des prozesshaften pflegefachlichen Handelns sollte sich an diesen Faktoren orientieren, um den Pflegeprozess prägnant und aussagekräftig schriftlich darzustellen. Das Strukturmodell zur Entbürokratisierung der Pflegedokumentation ist mit seiner Anschlussfähigkeit an den Pflegebedürftigkeitsbegriff eine Form der Dokumentation, die diese Faktoren alle integriert und berücksichtigt.

Exemplarisch werden in jedem Themenband zwei pflegebedürftige Personen im stationären Versorgungsbereich als praxisnahes Beispiel durchgehend beschrieben, um sowohl den Grad ihrer Pflegebedürftigkeit als auch ihren individuellen gewünschten Versorgungsbedarf zu ermitteln. In dieser Ausgabe werden uns die beiden pflegebedürftigen Personen Frau Sofia Isolde Schweizer und Herr Siegfried Ingmar Schopenhauer zu den Themenmodulen Kognitive und Kommunikative Fähigkeiten und Verhaltensweisen und psychische Problemlagen begleiten.

Im vorliegenden Band zu „Kognitive und Kommunikative Fähigkeiten und Verhaltensweisen“ war es uns besonders wichtig, das Thema von allen Seiten her in seinen unterschiedlichen Dimensionen zu betrachten und Ihnen nicht nur theoretische Grundlagen zu vermitteln, sondern praxisnah Hilfestellung und Ideen für Ihren Alltag zu vermitteln. Insbesondere im Kapitel „Themenmodule in der Praktischen Umsetzung“ wollen wir Ihnen mit Beispielen aus der Praxis unterschiedliche Umsetzungsmöglichkeiten vorstellen, verbunden mit der Hoffnung, dass die eine oder andere Idee von Ihnen aufgegriffen und umgesetzt wird.

Manuela Ahmann

Sabine Hindrichs

Margarete Stöcker

Ulrich Rommel

Dortmund/Stuttgart 2017

*(Frau Sofia Isolde Schweizer sowie Herr Siegfried Ingmar Schopenhauer sind von den Autoren frei erfunden, etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt)

Kapitel 1: Pflegethema Kognition/Kommunikation, Verhaltensweisen und psychische Problemlagen

1.1 Leitgedanken zum Thema „Kognition und Kommunikation“

Wir leben in einer „Informationsgesellschaft“1, die entscheidend durch Informationsaufnahme und -weitergabe geprägt ist. Für ein möglichst selbstbestimmtes Leben ist es daher von zentraler Bedeutung, wie wir kommunizieren und unsere kognitiven Fähigkeiten nutzen können. Liegen Beeinträchtigungen der kognitiven und kommunikativen Fähigkeiten vor, kann man von Einbußen der Selbstständigkeit in fast allen Lebensbereichen ausgehen.

Kognitive Fähigkeiten sind hauptverantwortlich dafür, dass wir unsere Sprache nutzen und uns ausdrücken können. Auch wenn durch neurologische, psychiatrische und/ oder somatische Erkrankungen die reguläre Kommunikationsfähigkeit eingeschränkt ist, schwindet oder verloren gegangen ist, können kognitive Fähigkeiten durchaus erhalten sein. In extremer Form kann dies bei einem Wachkoma (locked-in-Syndrom) auftreten.2 Andererseits kann, auch bei weitestgehendem Verlust der kognitiven Fähigkeiten durchaus eine gelingende Kommunikation basaler Bedürfnisse über Verhaltensweisen, Gestik und Mimik geben.

Grafik 1.1: Zusammenhang Kognition, Kommunikation und Selbständigkeit

In der Regel ist es aber so, dass es für Menschen, die Störungen der Kommunikationsfähigkeit, der Orientierung, des Erkennens und der Verarbeitung von Informationen haben, es im Verlauf der Erkrankung immer schwieriger wird, sich im Alltagsleben zurechtzufinden, in einer Gesellschaft, die bei der Bewältigung von Alltagsaufgaben immer höhere und komplexere Anforderungen an den Einzelnen hat3.

Foto 1.1: Die Welt nicht mehr verstehen! “Wer bin ich?”

Zu den zentralen Aufgaben der Pflege und Betreuung zählen deshalb die Erhaltung und die Förderung der geistigen Fähigkeiten und Ressourcen der pflegebedürftigen Person und die Schaffung von Kompensationsmöglichkeiten, dort wo Einschränkungen oder Verluste von Fähigkeiten vorliegen.

Dabei ist es vor allem wichtig zu verstehen, wie erheblich die Einschränkung ist, wenn man nicht mehr weiß, an welchem Ort, in welcher Zeit, in welcher Situation und welcher sozialen Rolle man sich befindet, sowie Informationen und Sinnesreizen nicht verarbeiten kann.

Das empathische Sich-Einfühlen besteht generell darin, den inneren Bezugsrahmen eines anderen wahrzunehmen, denn erst dann kann man Sachverhalte verstehen, bewerten und richtig Handeln. Dies gilt in besonderem Maße bei Menschen mit eingeschränkten kognitiven und kommunikativen Fähigkeiten.

Sich nicht ausdrücken zu können, nicht verstanden zu werden, sich in einer Welt wiederzufinden, die völlig fremd ist, mit Blitzlichtern aus der Vergangenheit, die man nicht mehr zuordnen kann … kann die Basis für einen Rückzug aus der sozialen Teilhabe am Leben und/oder abwehrendes und herausforderndes Verhalten sein.

Unter dieser Sichtwiese kann Pflegeabwehr und herausforderndes Verhalten, die einzige verbliebene Möglichkeit sein, um deutlich zu machen, dass der Betroffene fachlich gut gemeinte Maßnahmen der Pflege und Betreuung nicht will oder in ihrem Handlungsablauf nicht versteht.

Die Grundvoraussetzung für eine gelingende Kommunikation in Pflege und Betreuung ist die Beachtung folgender Faktoren in Bezug auf die pflegebedürftige Person:

Grafik 1.2: Einflussfaktoren gelingende Kommunikation

1.1.1 Der personzentrierte Ansatz in Bezug auf Kognition und Kommunikation

Die Autoren dieses Buches favorisieren einen personzentrierten Ansatz auf der Grundlage von Carl R. Rogers4, wie er auch von den Autorinnen des Strukturmodels zur Entbürokratisierung um Elisabeth Beikirch empfohlen wird. Rogers personzentrierter Ansatz bildet auch die Grundlage von Tom Kitwoods Modell zur Pflege von demenziell Erkrankten. Eine personzentrierte Haltung und Herangehensweise beschränkt sich aber nicht nur auf den Einstieg in den Pflegeprozess, sondern hilft vor allem in der konkreten Pflegesituation, z. B. um auftretende Konflikte bewältigen zu können. Dazu müssen Pflege- und Betreuungskräfte über die Kompetenz verfügen, Konflikte wahrzunehmen, zu analysieren und gemeinsam mit den beteiligten Personen nach geeigneten Strategien und Lösungen zu suchen.

Dies gelingt am besten durch aktives Zuhören, z. B. basierend auf den Grundlagen der klientenzentrierten Gesprächstherapie von Carl R. Rogers.

Folgt man dem personzentrierten Ansatz von Rogers, sollte die Gesprächsführung folgende drei Komponenten enthalten:5