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Körperchaos

Das Buch Körperchaos spiegelt einen persönlichen Erfahrungs- und Erlebnisbericht und dient nicht der Anleitung zu Heilverfahren, zur Eigendiagnostik oder zur Behandlung von Krankheiten. Sollten Sie an einer Erkrankung leiden, dann suchen sie bitte einen Arzt oder Heilpraktiker auf.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Kapitel 1 Psychosomatisch?

Kapitel 2 Wie im Irrenhaus

Kapitel 3 Der Horror nimmt kein Ende

Kapitel 4 Ursachenforschung

Kapitel 5 Neue Wege

Kapitel 6 Immer im Kreis

Kapitel 7 Schlag auf Schlag

Kapitel 8 Einfach selbst in die Hand nehmen

Kapitel 9 Aufwärts

Kapitel 10 Neues Jahr – neues Glück

Nachtrag

Danksagung

Glossar

Buchempfehlungen

Vorwort

Körperchaos – ein „Lehrbuch“ und ein „Mut-mach-Buch“!

Tina Ellermann hat in den letzten Jahren eine Odyssee mit unserem schulmedizinischen System durchgemacht. Sie beschreibt spannend, klar und für mich außerordentlich gut nachvollziehbar ihren persönlichen Weg durch das Ärzte-Labyrinth unseres Gesundheitssystems. Dieses kam für sie immer wieder mit den Worten „Endstation Psychosomatik“ an seine Grenzen. Kommt Dir das bekannt vor und hältst Du gerade deshalb dieses Buch in der Hand? Auf ihrem Weg durfte ich Tina im Rahmen meiner Aufklärungsarbeit zum Thema Breast Implant Illness - Brustimplantaterkrankung ein Stück begleiten. Diese war auch ein Teil Tinas Erkrankung. Ich durfte sie in diesem Bereich mit meinem Wissen unterstützen und danke ihr für ihr Vertrauen.

Für mich hat Tina Ellermann mit ihrem Buch sowohl ein wunderbares Lehrbuch als auch ein Mut-mach-Buch verfasst. Sie zeigt, wie unerlässlich es für Ärzte ist, einem Patienten aufmerksam zuzuhören und ihn ernstzunehmen. Wir sind ein Organismus, der ganzheitlich in seiner Komplexität und seiner Sensibilität verstanden und behandelt werden muss. Isolierte Auswertungen von Laborwerten und das begrenzte Betrachten des eigenen Fachgebiets, also nur einzelner Organe oder Körperbereiche, kann selten zu einer ganzheitlichen Behandlung und Gesundung eines Lebewesens führen. Vielmehr passiert hier m.E. meist ausschließlich medikamentöse Symptomunterdrückung, nicht aber Heilung. Dies soll nicht all den fürsorglichen und interessierten Schulmedizinern zum Vorwurf gemacht werden, die ihr Bestes versuchen in einem Gesundheitssystem, in dem ausschließlich wenige Minuten Zeit pro Patient zur Verfügung stehen. Aber es sollte in meinen Augen dazu anregen, Patienten nicht irrtümlich als „austherapiert“ oder „nicht behandelbar“, am Ende gar als „psychisch erkrankt“ zu diagnostizieren, auf die dies nicht zutrifft. Vielmehr sollte nach meinem Verständnis ein Mediziner seine eigenen Grenzen erkennen und dies seinem Patienten ehrlich kommunizieren. Ich beglückwünsche Patienten, deren Behandler Zeit und Interesse haben, sich weiter Wissen anzueignen, um helfen zu können. Gerade bei seltenen Erkrankungen oder noch nicht anerkannten Erkrankungen, die häufig deswegen „nicht existent“ sind für einen Großteil der Schulmedizin, ist es für Patienten extrem schwierig, Unterstützung und Hilfe zu finden. Dies kann ich aus eigener schmerzlicher Erfahrung und inzwischen jahrelanger Arbeit mit Betroffenen der Breast Implant Illness bestätigen. Viele Menschen machen jahrelange Leidenswege durch, verzweifeln, erleben Ängste, Depression, falsche Medikation und finden keine Heilung.

Und hier gefällt mir der weitere wichtige Aspekt, den Tina Ellermann in ihrem Buch aufzeigt: Dort, wo dir eine vermeintliche Grenze gesetzt, dir eine „Somatisierungsstörung“ o.ä. diagnostiziert wird, du aber ganz genau spürst, dass das Problem nicht zwischen deinen Ohren besteht: geh weiter! Mach dich auf den Weg und suche nach Ärzten, Heilpraktikern oder anderen Menschen, die dir helfen, dein ganzes System, deinen ganzen Körper zu sehen und zu verstehen. Tina Ellermann zeigt das auf, was wir aus unserer Aufklärungsarbeit kennen: Schau über den Tellerrand, recherchiere, stelle Grenzen in Frage, die dir gesetzt werden, hör auf deine Intuition, wenn sie dir sagt, dass etwas in deinem Körper nicht stimmt. Suche dir ein Netzwerk, das dich unterstützt auf deinem Heilungsweg, verbinde Dich mit anderen Betroffenen in Social Media Plattformen. Der häufige Vorwurf, man lese sich dort seine Symptome erst an, trifft selten zu. Vielmehr unterstützt die Vernetzung Betroffene, die vorher schon jahrelang im Dunkeln getappt sind. Verstehe, dass du selten ein Einzelfall bist. Akzeptiere die „Nicht mehr zu helfen-Schublade“ nicht, in die du vielleicht gesteckt wirst, sondern suche weiter. Suche dir Wege jenseits der Schulmedizin, wenn es nötig ist, wenn diese an ihre Grenzen stößt – selbstverständlich verzichte an den Stellen nicht darauf, an denen sie wichtig und notwendig ist.

Tina Ellermann macht in ihrem Werk Mut, auf das eigene Gefühl zu vertrauen, weiterzusuchen und schließlich fündig zu werden. Ein schwieriger, langer, anstrengender, ehrlicher Weg, den ich beachtlich und anerkennenswert finde. Ich danke Tina dafür, dass sie ihre Geschichte teilt und damit aufzeigt, wie wichtig es ist, alles ganzheitlich und im Zusammenhang zu betrachten und zu verstehen.

Zu ihrem eigenen Werdegang und dem Wissen, das sie sich in all der Zeit selbst angeeignet hat, sage ich: Chapeau! Dies alles in einem derart desolaten körperlichen Zustand zu schaffen, zeigt ihre Kraft, ihren großen Mut und ihr Vertrauen in sich selbst. Ein spannendes Werk für Ärzte, Heilpraktiker, Patienten und deren Angehörige.

Birgit Schäfers, im Juli 2021

Kapitel 1 Psychosomatisch?

Es war der Wonnemonat Mai. Die knapp vergeigte schriftliche Heilpraktiker-Prüfung, die im März 2018 stattfand, saß mir noch im Nacken. Der Schock nach der Prüfung war groß. Wegen einer falsch angekreuzten Frage fiel ich durch. Ich schämte mich vor meinen Mitprüflingen und vor meinen Lehrern. Hauptsächlich wegen meiner eigenen Nachlässigkeit war ich durchgefallen. Stein des Anstoßes war eine Frage zum Bewegungsapparat. Bei der Abgabe der Prüfungsunterlagen wusste ich, dass ich falsch angekreuzt hatte. Nur meine Faulheit hinderte mich, einen neuen Zettel anzufordern und die Kreuze nachzutragen.

7. Mai

Neben dieser entscheidenden Frage gab es allerdings noch weitere kleine Fehler. Um das besser zu reflektieren, sah ich an einem Montagmittag auf YouTube das aktuelle Prüfungsbesprechungsvideo einer Heilpraktiker-Schule an. Die Besprechung der einzelnen Fragen fesselte mich sofort, und ich vergaß völlig Zeit und Raum. Mir wurde so viel klarer, wie ich zukünftig an die Fragen heranzugehen hatte, und mir wurden meine eigenen Denkfehler bewusst.

Ich war so vertieft in diese Beschäftigung, dass ich erst zu mir kam, als ich bemerkte, wie mir beim Anstarren des Bildschirmes schwindelig wurde. Ich schaute auf meine Hände, die anfingen etwas zu zittern. Schnell nahm ich einen Traubenzucker, der bei mir immer griffbereit im Regal am Schreibtisch stand. Ich schaute auf die Uhr. Fast 12 Uhr mittags! Ich war mir sicher, dass der Kreislauf sich deswegen meldete. Ich hatte noch nichts gegessen, lediglich Cola Light und Zigarillos konsumiert. Nach dem langen Geburtstags-Party-Wochenende mit wenig Schlaf und einigem an Sekt brauchte ich bestimmt was Nahrhaftes. Der Traubenzucker half nicht. Der Schwindel blieb und mir wurde ganz dämmrig.

Torkelnd stand ich auf und machte mich auf den Weg in meine Küche. Um dorthin zu gelangen, musste ich 3 Stockwerke nach oben gehen. Ich wohne in einem alten, mehrstöckigen Haus. In der Küche angekommen, ging es mir nicht gut. Ich bekam nur schwer Luft. Eigentlich wollte ich mir einen Toast machen, aber das schien mir zu aufwendig und zu lange zu dauern. Ich griff nach einem Apfel und biss einmal hinein, in der Hoffnung, dass es mir gleich besser gehen würde. Der Brustkorb zog sich immer mehr zusammen, als würde mich jemand von hinten fest umarmen und mir sukzessive die Luft zum Atmen nehmen.

Ich wankte mit dem angebissenen Apfel in der Hand die Treppe runter. Ich versuchte, mich vor den Rechner zu setzten, um den Film weiter anzuschauen. Keine drei Sekunden später wurde mir schwarz vor den Augen. Ich stand taumelnd vom Sitz auf, schnappte wie betäubt meine Handtasche. Draußen schien die Sonne und es war einigermaßen warm. Ich torkelte benommen die Straße vor meinem Haus entlang in Richtung Straßenbahn. Ich hatte nur noch einen Gedanken im Kopf: Der Hausarzt. Ich bekam mich nicht mehr in den Griff. Mir war schwindelig und alles wankte. Zudem konnte ich immer schwerer atmen. Ich war so kopflos aus dem Haus gegangen, dass ich vergaß, die Haustüre und die Balkontür zu schließen. Um einer Panik zu entgehen, rief ich Mario, meinen Mann an. Wir telefonierten kurz und ich erklärte ihm kurzatmig, wie es mir ging und dass ich zum Arzt wollte. Nach einer Strecke von 100 Metern hatte ich noch nicht mal die Luft mehr zum Telefonieren. Ich stand kurz vorm Kollaps. Auf der anderen Straßenseite sah ich eine Nachbarin, die in ihr Auto stieg. Ich sprach sie an: „Mir geht es nicht gut. Ich bekomme kaum Luft. Kannst du mich zum Arzt fahren? Zu Fuß schaffe ich es nicht. Der Arzt ist nicht weit weg von hier.“

„Klar. Steig ein!“, entgegnete mir die hilfsbereite Frau.

Sie fuhr an. Alles schwankte in dem Fahrzeug. Schon nach 50 Metern rief ich: „Halt an, halt an! Ich bekomme keine Luft hier drin. Ich muss raus.“

Ich stürzte auf die Straße. Ich ließ den blöden Apfel, den ich immer noch in der Hand hielt, auf die Straße fallen. Als ich mich hinsetzen wollte, bemerkte ich, dass ich nicht in der Lage war, zu sitzen. Ich musste aufstehen. Aufstehen war aber auch nicht gut. Alles drehte sich. Plötzlich setzte ein unstillbarer Durst ein. Mein Mund war am Austrocknen.

Die Nachbarin hatte das Auto an der Straßenseite geparkt und eilte zu mir auf den Bürgersteig: „Hast du Wasser?“, fragte ich sie. „Ich bin am Verdursten. Ich bekomme kaum Luft, mir ist schwindelig und ich verdurste. Was zum Teufel ist da los?“

Die Nachbarin brachte mir ihre angebrochene Wasserflasche, die ich gierig ergriff. Ich trank erst mal, so gut es ging. Hilflos und besorgt trat sie mir zu Seite: „Was kann ich tun? Soll ich einen Notarzt rufen?“

Ich schüttelte Kopf: “Nein, ich denke, das geht schon an der frischen Luft. Nur keine Panik bekommen! Keine Ahnung, was mit mir ist. Es geht hoch und runter.“ Kaum, dass ich das ausgesprochen hatte, wurde es schlimmer. Ich musste zu Boden, wurde immer unruhiger und nervöser: „Ich krieg‘ immer weniger Luft. Die Hände werden taub, und die Beine kribbeln. Ruf‘ doch lieber einen Rettungswagen. Ich packe das nicht mehr.“

Der ganze Körper fühlte sich an wie taub. Mein Kopf kribbelte und alles kam mir unwirklich vor. Die Nachbarin rief mit ihrem Handy schnell die 112 an: „Bitte einen Rettungswagen in die Hamburgerstraße, Höhe Hausnummer 53! Bitte beeilen Sie sich!“

Sie wandte sich zu mir: „Der Wagen kommt. Kann ich noch was tun?“ Die gute Frau wurde nun selbst immer ängstlicher, und ich wollte sie beschwichtigen: “Nee, es ist schon alles gut so. Einfach ruhig atmen. Nur keine Panik. Es wird alles gut.“ Ich versuchte, mich etwas abzulenken. „Ich halte dich bestimmt auf. Das tut mir so leid.“ Um jeden Satz, den ich rauspresste, musste ich kämpfen. Nach jedem Schluck Wasser und jedem Wort drehte die Achterbahn sich wilder in mir.

„Ich habe bei der Arbeit angerufen, dass ich später komme. Das ist okay.“

Das beruhigte mich etwas. Nun ging das Karussell von vorne los. Alles schwankte und ich hielt es kaum noch aus: „Wann kommt denn der Rettungswagen endlich? Ich kann bald nicht mehr!“ Die Unruhe in mir wuchs mit jeder Sekunde.

Nach gefühlten Stunden erschien auf der Straße ein knallgelber Rettungswagen mit Blaulicht. Zwei Sanitäter eilten herbei und beugten sich über mich. Die Nachbarin verabschiedete sich und wünschte mir gute Besserung. Man brachte mich in den Rettungswagen. Die Sanitäter maßen den Blutdruck und machten ein EKG. Währenddessen fragten sie mich, was passiert sei. „Keine Ahnung. Ich bekomme kaum Luft, mein ganzer Körper hat angefangen zu kribbeln und mir wurde schwindelig. Alles kreist.“

„Was sollen wir nun mit Ihnen machen? Wollen Sie nach Hause und warten bis Ihr Hausarzt die Praxis öffnet?“

Ich lag auf der Trage und verstand die Frage nicht ganz: „Der Arzt macht erst in einer Stunde auf. Soll ich solange zu Hause warten und weiter nach Luft ringen? Das Kribbeln und das Taubheitsgefühl machen mich wahnsinnig. Ebenso der Durst. Könnten Sie mich nicht ins Krankenhaus fahren? Die könnten dort die Lunge röntgen. Vielleicht stimmt da etwas nicht?“

„Wie Sie meinen.“ Der Rettungssanitäter schnallte mich fest und verschwand auf dem Fahrersitz. Der zweite Sanitäter blieb neben der Trage sitzen. Die angeschnallten Gurte fühlten sich sehr unangenehm an. Ich war so nervös, dass ich nicht ruhig liegen bleiben konnte. Als das Auto losfuhr, ging wieder die Achterbahn los. Alles schwankte wie auf einem Schiff. Ich ergriff die Hand des Sanitäters: „Meinen Sie, das kommt, weil ich zwei Tage gefeiert habe, zu viel Alkohol trank und zu viel rauchte?“ Das schlechte Gewissen machte sich bei mir breit. Das war die Strafe für ein feucht-fröhliches Wochenende.

Der Sanitäter beruhigte mich: „Nein, bestimmt nicht. Meine Frau hatte auch mal so etwas. Dann fanden sie einen seltenen Tumor in der Niere. Jetzt lassen Sie sich untersuchen!“

Die 10-minütige Horrorfahrt nahm ein Ende. Der Wagen stand still und das Schaukeln in mir verebbte langsam. Der Wagen hielt an der Notaufnahme. Ich stieg aus und schleppte mich zur Anmeldung. Ich gab meine Krankenversichertenkarte ab. Bei der Anmeldung bat man mich, im Wartezimmer Platz zu nehmen. Der Flur schwankte bei jedem Schritt heftiger. Im Wartezimmer konnte ich keine zwei Minuten ruhig sitzen. Die Atmung fiel mir zum Glück wieder leichter. Die Unruhe und das Kribbeln im Körper waren unaufhaltsam da.

Nach einer endlos erscheinenden Wartezeit wurde ich in das Behandlungszimmer gerufen. Ich setzte mich auf die Liege. Eine nette Schwester maß mir den Blutdruck: „Der Arzt kommt gleich.“ Jetzt kam ein junger Mann herein: „Ich bin gleich bei Ihnen“ und verschwand. Das jugendliche Aussehen erstaunte mich. „Entweder bin ich alt geworden, oder die Ärzte werden immer jünger. Irgendwann kommt der Arzt mit einem Schnuller rein.“

Die Schwester verließ den Raum. Kurze Zeit später kam der junge Arzt, setzte sich an den PC und schrieb meine Angaben gleich in die Tastatur. Ich schilderte ihm meine Symptome. Der Arzt fragte kurz dazwischen:“ Konsumieren Sie Nikotin und Alkohol?“ „Ja! Aber nicht viel. Ich habe mit dem Zigarettenrauchen vor 10 Jahren aufgehört und rauche Zigarillos, aber nicht auf Lunge. Ich paffe sie.“

Der Arzt schaute mich geringschätzig an: „Nicht auf Lunge rauchen, gibt es nicht. Also Sie rauchen! Hatten Sie das schon öfter gehabt?“

„Noch nie. Vor Jahren hatte ich mal ein Burnout. Aber ich habe noch nie etwas mit der Atmung gehabt. Nur in letzter Zeit merke ich, dass da etwas nicht stimmt.“

Während der Anamnese kam die Schwester und nahm mir Blut am Ohrläppchen ab.

„Was machen Sie beruflich?“

„Ich bereite mich gerade für die Heilpraktiker-Prüfung vor. Die erste habe ich im März versaut. Zuvor machte ich eine Hypnoseausbildung mit dem Schwerpunkt Entspannung und Phantasiereisen. Vielleicht könnte man die Lunge mal röntgen, um zu sehen, ob da alles in Ordnung ist? Das Herz wurde vor kurzem im Check-up untersucht. Bis auf ein paar Extrasystolen war da nichts. Es könnte ja auch ein Fächomotom sein?“

Der Arzt rümpfte die Nase und starrte auf seinen Bildschirm: „Extrasystolen hat jeder. Und was meinen Sie mit Fäöchromo?“

„Den Tumor der Nebennieren meinte ich.“

„Das heißt Phäochromozytom. Und das ist eher unwahrscheinlich bei Ihnen.“

Die Schwester kam mit einem Zettel in der Hand herein. Der Arzt warf einen Blick auf das Papier und sagte: “ Das habe ich mir gedacht. Sie hatten eine flache Atmung aufgrund von einer Hyperventilation und dadurch zu wenig CO2 im Blut. Das erklärt auch den Schwankschwindel und das Kribbeln überall. Sie brauchen kein Röntgenbild, sondern eine Psychotherapie. Sie werden eine Panikattacke gehabt haben. “

Nun betrat eine junge Frau das Zimmer und redete mit dem Arzt.

„Aber“, entgegnete ich,“ müsste ich für eine Panikattacke nicht zuerst Panik gehabt haben? Ich saß am Rechner und alles war in Ordnung.“

„Vielleicht haben Sie etwas gesehen, was Sie aufgeregt hat? Zu Ihrer Beruhigung, wir haben heut‘ nicht viel zu tun auf der Notfallstation. Das ist eine neue Kollegin. Ich könnte ihr an Ihnen das Abhören der Lunge und die Palpation erklären.“

Der Arzt hörte mich über der Bekleidung ab. Hätte ich in meiner Prüfung so die Lunge auskultiert, wäre ich sofort durchgefallen. Danach machte er die Palpation. Bei der tiefen Palpation verspürte ich in der Nähe der Blasengegend Schmerzen. Ich musste kurz aufschreien vor Schreck. Der Arzt sah mich missbilligend an: „Warum machen Sie so ein Theater?“

„Warum? Weil das weh tat.“

Er drückte nochmals auf die Stelle. Es schmerze, wenn auch jetzt nicht so überraschend. „Schmerzt das wirklich oder tun Sie nur als ob?“

„Nein, das schmerzt wirklich. Ich habe aber auch eine volle Blase. Vielleicht liegt es daran?“

„Dann gehen Sie mal zur Toilette!“

Auch mit leerer Blase spürte ich den Schmerz. Er ließ sich das Ultraschallgerät bringen und schaute sich das genauer an: „Ich sehe hier eine kleine Raumforderung und Restharn in der Blase. Ich bin aber kein Urologe. Am besten, Sie gehen rüber zur Urologie und lassen das gegenchecken.“

Ein Pfleger vom Format eines Schrankes brachte mich in die Urologie. Dort meldete ich mich erneut an und wartete.

Jetzt wurde Blut abgenommen und ein Katheder gelegt. Danach Ultraschall! Im Urogenitaltrakt war alles in Ordnung. Nur eine Raumforderung im Uterus, die nach Zysten aussah, sollte ich abklären lassen.

Mit all meinen Befunden entließ mich die Urologin nach Hause.

Als ich den Befund des jungen Arztes durchlas, traute ich meinen Augen nicht. Er hatte meine Angaben bei der Anamnese völlig verdreht und notiert, ich bekäme regelmäßig Luftnot und schaffe mir mit Hypnose Abhilfe. Er empfahl, dass ich mich in psychiatrische Behandlung begeben sollte.

Das Fazit des Jungspundes Dr. Strampler machte mich richtig böse. Als sei ich ein „psychisches Wrack“.

10. Mai

Eine Woche vor der Urlaubsabreise bekam ich heftigste Unterleibsschmerzen. Es fühlte sich an, als hätte jemand einen Dolch in meinen Bauch gerammt und dreimal umgedreht. Mir liefen die Tränen die Wangen hinunter. Am nächsten Tag, einen Tag vor Abflug, waren die Schmerzen immer noch da. Bei jedem Schritt schrie ich auf. Ich konnte kaum laufen. Ich dachte an die Zysten im Unterleib, die eventuell die Schmerzen verursachen könnten. Da es kurz vor dem Urlaub war, fuhr mich Mario lieber zum Abklären in die Magdalenen-Klinik. Ich wollte eigentlich nicht, aber seinem Drängen gab ich nach. Ich denke eher: „Es wird schon gehen, so schlimm ist es nicht.“

Die Magdalenen-Klinik kannte ich noch ganz gut und hatte diese in bester Erinnerung. Als ich vor drei Jahren Probleme mit meinen Brustimplantaten hatte, haben sich die Ärzte und das Personal sehr gut um mich gekümmert und mir eine Explantation erspart. Damals schwoll einfach so die linke Brust auf die dreifache Größe an. Ich bekam hohes Fieber. Trotz der akuten Symptome wollten mir weder örtlich ansässige Frauenärzte helfen - da wimmelten mich die Sprechstundenhelferinnen ab - noch die Frauenabteilung im Gemeinde-Krankenhaus. Dort wurde ich abgelehnt, weil ich keinen Termin hatte.

In der Magdalenen-Klinik nahm man sich meiner an. Ich bekam ein Bett, denn zuerst wollten sie die Implantate entfernen. Man versorgte mich mit Antibiotika aus dem Tropf. Morgens sollte operiert werden. Doch mir ging es besser. Schwellung und Fieber waren verschwunden. Der Oberarzt verzichtete auf die Operation. So ein Eingriff könne auch mehr Schaden als Nutzen anrichten. Somit wurde ich nach Hause geschickt.

Seitdem hatte ich ein großes Vertrauen in die Magdalenen-Klinik. Sie war meine erste Adresse. Zum Glück war wenig Betrieb, nach kurzer Wartezeit wurde ich von einer jungen Ärztin untersucht.

„Letzte Woche war ich schon im Gemeinde-Klinikum. Dort stellten sie eine Raumforderung im Unterleib fest. Seit gestern habe ich unerträgliche Schmerzen, so dass ich noch nicht mal laufen kann.“

„Bis auf ein paar Zysten ist alles in Ordnung.“

12. Mai

Am nächsten Wochenende fand eine Hypnose-Weiterbildung statt. Bei einer Demo-Hypnose begannen die Symptome des Schwindels und der Kurzatmigkeit erneut. Der Druck auf der Brust wurde immer schlimmer. Ich bekam kalte und schweißnasse Hände, der Körper fing wieder an zu kribbeln.

Was war bloß mit mir los? War ich wirklich psychisch dermaßen am Ende? Hatte dieser Dr. Strampler recht? Und ich wusste es nur nicht?

In einer kurzen Pause wandte ich mich an die Dozentin: „Du, mir geht es nicht gut. Mir ist schwindelig. Ich zittere und bekomme schlecht Luft. Keine Ahnung, warum? War vor ein paar Tagen schon so. Ich weiß nicht, ob ich die Übung so machen kann.“

„Das klingt nach einer Panikattacke.“ Sie hob ihre Hand und bat mich, auf ihre Finger zu sehen, die sie gleichmäßig hin und her schwenkte: „Schau auf meine Finger!“ Ich folgte mit meinen Augen ihren Gesten. Nach ein paar Bewegungen sollte ich mit geschlossenen Augen bewusst tief ein- und ausatmen. Es wurde ein bisschen besser, die Besserung hielt aber nicht lange an. Das Drama begann von vorne.

In der nächsten Zwischenpause ging ich erneut zu ihr: „Es wird nicht besser. Ich kann machen, was ich will. Ich war auch deswegen schon im Krankenhaus, aber die hielten mich für psychosomatisch krank.“

„Ich verstehe. Das machen die Ärzte schnell. Gerade auch dann, wenn man optisch aus dem Muster fällt. Tätowiert, gepierct, wer sowas freiwillig macht, der muss ja psychisch krank sein und fällt dann auch in die Psycho-Schublade. Das habe ich schon oft erlebt, als ich selbst noch im Krankenhaus gearbeitet habe. Thomas ist Physiotherapeut. Vielleicht kann der mal nach deinem Rücken sehen. Du bist jetzt auch nicht der Typ, der zu Panikattacken neigt. Ich kann mir vorstellen, dass es auch am Brustkorb liegen könnte.“

Thomas war ein Teilnehmer des Kurses. Ich sprach ihn an und fragte, ob er mal nach meinem Rücken sehen konnte. Das Gute ist, dass sich Therapeuten untereinander helfen.

Ich legte mich auf den Tisch im Nebenraum. Thomas schaute nach der Beinlänge und prüfte das Becken. Mein Brustkorb sei genauso krumm und schief wie der Rest. Nach ein paar gezielten Griffen knackte es und mir ging es besser. Es war schon ein Unterschied wie Tag und Nacht. Ich konnte wesentlich besser atmen als vorher.

Nach dem Seminar holte mich Mario ab und es ging zum Einkaufen. Noch einen Tag Seminar, dann wollten wir in den wohlverdienten Urlaub fahren. Den hatten wir auch beide nötig.

Im Supermarkt – ich war gerade noch vollbepackt und steuerte auf ein paar Nudeln zu - merkte ich, wie alles anfing, zu schwanken. Bei jedem Schritt musste ich mich konzentrieren, um nichts fallen zu lassen. Alles fühlte sich an, als würde es aus Watte bestehen und die Welt war unwirklich geworden. Ich riss mich zusammen und ließ mir nichts anmerken.

Zu Hause angekommen, entwickelte ich einen unersättlichen Heißhunger. Ich kochte Spargel mit Kartoffeln. Als diese dampfend auf dem Tisch standen, nahm ich gierig den ersten Bissen. Und der blieb mir schon im Halse stecken. Mir wurde so schlecht davon, dass ich auf die Toilette rannte und versuchte, mich zu übergeben. Aber trotz aller Kraftanstrengung kam nichts raus.

Zurück zum Tisch! Allein der Blick auf den leckeren Spargel ekelte mich an. Ich konnte keinen weiteren Bissen mehr herunterbekommen. Plötzlich setzte ein unstillbarer Durst ein. Den ganzen Tag über hatte ich schon vier Liter Wasser getrunken, was bei Seminaren nicht ungewöhnlich war. Der nächste Liter war schnell weg und der Durst hörte nicht auf.

In der Hypnose-WhatsApp- Gruppe gab es auch einige Heilpraktiker. Ich beschrieb meine Symptome und bat um Hilfe. Es kam ganz schnell Antwort von einer langjährig praktizierenden Heilpraktikerin. Nach ihrer Ansicht sollte ich mich auf Diabetes testen lassen. Einen schnellen Blutzuckertest wollte sie morgen zum Unterricht mitbringen.

13. Mai

Der letzte Seminartag nahte. Nüchtern - ohne Kaffee - machten wir den Blutzuckertest. Der Wert war leicht am oberen Bereich. Ein Hinweis, mal den Arzt danach sehen zu lassen. Der Physiotherapeut schaute nochmal nach meinem Rücken und tapte mich. So verging dieser Tag ohne besondere Vorkommnisse. Abends drückte ich noch meinen letzten Zigarillo aus. Zum Urlaub hin wollte ich rauchfrei sein.

Am 17. Mai ging es in den Urlaub nach Mallorca. Eine Woche „All-In“ zum Entspannen. Das Nichtrauchen fiel mir leicht. Zur Unterstützung machte ich einige Selbst-Hypnosen und verpasste mir einen Entwöhnungsanker. Immer, wenn mich die Lust überkam, drückte ich eine spezielle Fingerbewegung, was die Rauchlust minderte. Das funktionierte ganz gut.

Beim morgendlichen Schminken fielen mir braune Flecken auf der Stirn auf. Die waren vor Kurzem noch nicht da gewesen. Sie sahen so aus, als wäre die Haut an einigen Stellen braun verfärbt, sonst aber hell geblieben. Hautprobleme hatte ich ja noch nie.

Und zwei Tage vor der Abreise stach mir etwas derart in den Nacken, dass der ganze obere Halsbereich rot anschwoll. Alle Halswirbel taten weh.

24. Mai

Zu Hause in Deutschland angekommen, begann das bekannte Spiel: Mario jammerte, wieviel er an Gewicht zugenommen hatte. Wie nach jedem Urlaub. War auch kein Wunder, wenn man sich maßlos vollstopfte am Büfett. Ich hielt mich die meiste Zeit an Salat. Von daher hatte ich keine große Angst vor der Waage. Blöderweise war das dieses Mal umgekehrt. Mein Mann – der anderthalb Wochen nur gegessen hatte - wog lächerliche 2 kg mehr. Und ich?? Ganze 9 kg! Mein Gewicht war von 56 kg auf 65 kg hochgegangen. Soviel wog ich ja noch nie.

Ich kramte den Hosenanzug heraus, den ich vor drei Wochen noch auf der Geburtstagsparty anhatte. Ich passte nicht mehr hinein. Und der Anzug war aus einem dehnbaren Material. Ich sah aus wie eine aufgequollene Presswurst. Der erste Satz, den ich zu dem Thema von meinem Mann hörte: „Du hast ja auch mit dem Rauchen aufgehört. Da nimmt man zu.“

Ja klar! So 5 bis 10 kg in einem halben Jahr. Kommt darauf an, wie man kompensiert. Aber keine 9 kg nach einer Woche Nichtrauchen! Was für ein blödsinniges Argument. Dann lieber rauchen als den ganzen Kleiderschrank rausschmeißen.

26. Mai

Die 9 Kilo wollte ich nicht auf mir sitzen lassen. Mit meinem typischen Ehrgeiz stieg ich auf den Ergometer in unserem Keller und fuhr zuerst gemütlich zum Warmwerden, dann steigerte ich den Widerstand. Nach 23 Minuten bekam ich keine Luft mehr, die Hände kribbelten und der Druck auf der Brust war wieder da. Mir wurde schwindelig, und ich musste vom Fahrrad absteigen. Wie benebelt ging ich vom Keller die vier Stockwerke hoch zu Mario, der am Tisch saß und fernsah. „Du, ich krieg‘ keine Luft“, japste ich. „Irgendetwas stimmt mit mir nicht. Wir müssen ins Krankenhaus.“

Das muss ja auch immer am Wochenende passieren, wenn kein Hausarzt zu erreichen ist und die Notaufnahmen im Krankenhaus voll sind. Zu Dr. Strampler ins Gemeinde-Krankenhaus wollte ich nicht mehr. Wir fuhren ins Sankt Bernhard.

Bei der Ankunft rang ich nach Luft. Die Aufnahme-Schwester war sehr freundlich. Ich durfte mich gleich hinlegen. Zum Glück war am Samstagmorgen nicht viel los. Es wurde gleich Blut abgenommen. Ich wurde an ein Blutdruckmessgerät angeschlossen, das sich in regelmäßigen Abständen aufpumpte.

Mit der Zeit musste ich mal aufs Klo. Als der Pfleger reinkam, fragte ich ihn, ob ich aufstehen konnte. „Nein, Sie bleiben liegen und laufen nicht rum! Wir haben Verdacht auf Lungenembolie bei Ihnen. Ich bringe Ihnen einen Klo-Stuhl.“

Lungenembolie! Na super! Da hätte ich auch draufkommen können. Wozu lernte ich gerade Differenzialdiagnostik. Immerhin besser als die Psychosomatik des Dr. Strampler. Ich kenne viele, die mit unentdeckten kleineren Lungenembolien nach Hause geschickt wurden, bis der große Verschluss auftrat. Wenn sich die Verdachtsdiagnose bestätigte, dann hätte ich nicht ausschließen können, diesen Dr. Strampler mit seiner Überheblichkeit zu verklagen.

Ich musste zum Röntgen. Ich war ja froh, dass endlich einmal jemand auf die Idee kam, zu röntgen.
Das wollte ich schon die ganze Zeit. Ich fühlte ja, dass da etwas nicht stimmte. Und das hatte nichts mit der Psyche zu tun. Das Röntgen ging relativ schnell. Nur den Anweisungen, „tief einatmen – Luft anhalten, ausatmen“, zu folgen, fiel mir schwer. Das klappte nicht ganz so gut.

Dann musste ich warten. Nach 2 Stunden kam die Ärztin und gab Entwarnung: „Eine Lungenembolie konnten wir nicht feststellen. Die Blutergebnisse sind soweit auch normal. Nur eine Hypokapnie haben wir festgestellt. Zu viel Sauerstoff im Blut und zu wenig Co2.“

„Ich hatte aber keine Panikattacke, ich war ganz normal auf dem Ergometer. Ich habe sogar mit dem Rauchen aufgehört.“

„Das muss auch nicht sein. So wie ich das sehe, sind Sie einfach unglaublich verspannt, so dass sich der Brustkorb nicht ordentlich dehnen kann und Sie somit flach atmen. Daher rate ich Ihnen, zu einem Chiropraktiker zu gehen.“

Das war mir auch eine neue Lehre, dass Verspannungen so stark sein können, dass sie einem die Luft rauben. Das Rätsel um die Kurzatmigkeit war dann mal gelöst. Da hätte ja der Psychologe von Dr. Strampler mir viel gebracht, ich hätte eher zum Physiotherapeuten gemusst.

28. Mai

Am nächsten Montag hatte ich unglaubliche Rückenschmerzen, so dass ich kaum aus dem Bett kam. Jede Bewegung tat weh. Ein Hypnose-Kollege empfahl mir eine Praxis. Ich rief dort gleich an: „Hallo, ich bräuchte einen Termin. Ich habe akute Rückenschmerzen und kann mich kaum bewegen.“ Die Sprechstundenhilfe fragte nach: „Waren Sie schon mal bei uns?“

„Nein!“

„Wir nehmen nur Privatpatienten.“

„Das bin ich.“

„Wir nehmen nur Stammpatienten an, keine neuen mehr. Da muss ich erst Rücksprache halten und gegebenenfalls melde ich mich dann bei Ihnen.“

Die akuten Schmerzen machten keinen Eindruck bei der Empfangsdame. Ich hatte aber noch einen Bekannten, der mich mit der Dorn- Breuss-Massage bekannt gemacht hatte. Er hatte mir immer so gut geholfen, dass ich völlig begeistert war, von der Dorn-Therapie. Und er hatte auch Zeit für Notfälle.

Der Atlaswirbel war blockiert und entzündet. Von außen hatte ich auch eine kleine Schwellung an den Dornfortsätzen bemerkt. Nicht jeder Behandler traut sich an den Atlaswirbel dran. Aber er kannte die Cranio- Sakral-Therapie. Nach einer Stunde kompletter Behandlung jedes einzelnen Schädelknochens, inklusive Kiefer, war ich beschwerdefrei.

7. Juni

Das schöne beschwerdefreie Glück hielt nicht lange an. Bei der nächsten Runde auf dem Ergometer ging das Spiel von vorne los. Keine Luft und Schwindel. Alles drehte sich im Kreis.

Jetzt rief ich Marios Chiropraktiker an. Der praktizierte zum Glück in der Nähe und war mit dem Fahrrad zu erreichen. Autofahren traute ich mir mit meinen Atembeschwerden nicht zu. Zumal mir seit einem Jahr immer beim aktiven Autofahren der Kreislauf abstürzte. Manchmal auch beim Gassigehen, weshalb ich keine großen Runden auf dem Feld mehr machte.

Warum auch immer das geschah. Das wurde bis dato auch noch nie abgeklärt. Damals schob ich das auf den Stress des Hausbaus und diagnostizierte mir selbst ein Burnout. Mein damaliger Hausarzt schloss auf Grund eines Blutbildes, dass ich kerngesund sei. Die Beschwerden blieben jedoch. Seitdem fuhr ich gar nicht mehr Auto. Und das seit 3 Jahren. Um einen umfangreicheren Check-up machen zu lassen – gerade mit über 40 Jahren sollte das auch sein - suchte ich mir einen neuen Hausarzt, der nicht nur Blut abnahm, sondern mir darüber hinaus von einem Kollegen Herz und Schilddrüse untersuchen ließ. Dieser fand allerding bis auf die Extrasystolen und einen kleinen Mitralklappen-Prolaps nichts Auffälliges.

Zum Glück wurde mir mitgeteilt, dass ich gleich vorbeikommen sollte. Ich stieg aufs Fahrrad und versuchte, so langsam wie möglich, die Straße runter zu fahren. 15 Minuten hatte ich zu überwinden. Das Gefühl, fast zu ersticken oder ohnmächtig zu werden, wuchs mit jedem Meter. Nun musste ich auch noch einen Buckel hoch, was noch anstrengender war. Ich zählte die Hausnummern und kämpfte gegen die Kurzatmigkeit an.

Nach ewigen Minuten, die sich wie Stunden anfühlten, erreichte ich die Praxis. Mir ging es so schlecht, dass ich noch nicht mal mein Fahrrad abschließen konnte. Auf allen Vieren – nach Luft ringend - kroch ich die drei Treppenstufen hoch und robbte in Richtung Empfang. Jetzt war mir klar, dass ich nicht mehr viel Zeit hatte. Ich war kurz vorm Ersticken. Aber der Körper scheint zäher zu sein, als man sich auch nur annähernd vorstellen kann.

„I..c..h haattee angerufen. K..ein..e L..Lufft“, stammelte ich. Der Chiropraktiker kam sogleich und bat mich in einen der Behandlungsräume.

Eine junge Frau übernahm. Ich musste mich entkleiden und auf die Liege legen. Jetzt ging es mit der Atemnot besser. Die junge Doktorin machte die Anamnese, schaute nach der Beinlängendifferenz und nach dem Becken. Dann musste ich zum Röntgen, um sicher zu stellen, dass mit der Wirbelsäule alles in Ordnung war.

Nun folgte der chirurgische Eingriff. Die zierliche Frau nahm mich in den Arm und beugte mich. Es knackte. „Sie haben einen Beckenschiefstand, die Beinlängen stimmen nicht, 3 Brustwirbel sind draußen, auch die erste Rippe. Kein Wunder, dass Sie keine Luft bekommen und zur Hyperventilation neigen.“

„Da bin ich aber froh. Ein Arzt hat mir gesagt, ich hätte etwas an der Psyche und deswegen würde ich hyperventilieren.“

„Das wird meistens so dahingesagt. Oft ist es aber der Bewegungsapparat.“

Ich bekam noch 3 Termine in monatlichen Abständen.

Jetzt hieß es, 4 Wochen nicht mehr mit dem Ergometer fahren und auf hohe Stöckelschuhe zu verzichten. Das hatte ich ja noch nie. Kommt das, wenn man über 40 wird?

14. Juni

Mit geradem Rücken und viel Luft ging es über das Wochenende nach München. Ein Mix aus Städtetour und einem Tag Seminar. Das Shopping in der Münchner City war nötig, da ich dehnbarere Klamotten brauchte. Ich passte ja in nichts mehr rein. Aus S bzw. XS wurde jetzt ein M. Was für ein Schmerz im Ego!

Nachdem wir das Hotelzimmer bezogen hatten, machten wir uns fertig zum Essen gehen. Als ich aus dem Rock gestiegen war – und aus den flachen Schuhen – sah ich meine Beine an. Sie waren dick geschwollen. Beide Füße sahen aus, als wollten sie platzen. Das hatte ich ja noch nie gesehen. Es war völlig schmerzlos. Wenn ich mit den Fingern in die Haut drückte, gab es keine Dellen. Ich musste davon Fotos machen. Das glaubte mir niemand. Ich hatte die Füße einer Hundertkilofrau. Und die Beine schwollen auch nicht ab.

Die Monster-Haxen hielten bis Sonntagabend. Auf dem Rückweg, etwa bei Stuttgart, wurde es etwas weniger um die Knöchel herum. Am Montag war der Spuk vorbei. Nur ein paar strammere Waden waren noch leicht zu erkennen.

Am Dienstag, dem 19. Juni, absolvierte ich eine Art Marathon. Ich musste zur Chiropraktikerin und mittags zum Hautarzt. Die braunen Flecken gingen mir auf den Geist. Sie waren kaum zu überschminken und nicht wirklich schön. Der Hautarzt sollte sie mir weglasern. Doch vor allem wollte ich wissen, was das war.

„Das sind Melasmen“, nuschelte er hinter seinem riesigen Vergrößerungsglas. „Mach ich Ihnen weg. Kein Problem. Die entstehen aus einer Kombination von Make Up, Sonne und Östrogen.“

Egal. Hauptsache weg damit. Der Hautarzt laserte in Sekundenschnelle die Stirn ab. Noch etwas Sonnenschutz drauf und die Melasmen hatten sich erledigt. Dachte ich.

Durch den regelmäßigen Sport in den letzten drei Wochen nahm ich auch 2 kg ab. Ich machte nun Gymnastik und ging joggen. Wegen des Rückens verzichtete ich auf den Ergometer. Es ging aufwärts. Die Atmung war da, die braunen Flecken waren weg, und das Gewicht normalisierte sich. Jetzt stand noch eine Woche Urlaub in Italien an. Das fehlte mir noch, dass mein Trainingserfolg durch Jo-Jo-Effekte zunichte gemacht würde.

20. Juni

Den nächsten Morgen begann ich gemütlich mit meiner traditionellen Tasse Kaffee im Bett. Auf einmal merkte ich, wie mein Herz anfing zu rasen. Ich dachte, es läge am Kaffee, aber ich hatte gerade mal einen Schluck genommen. Ich legte meine Pulsmessuhr an. Der Puls zeigte 110 im Ruhezustand. Mir blieb die Luft weg. Der Brustkorb drückte, obwohl ich gestern bei der Chiropraktikerin war. Der Druck wurde schlimmer, und ich wusste nicht wohin. Kopflos ging ich die kleine Wendeltreppe vom Schlafzimmer zum Ankleidezimmer hinab. So schnell, wie es mir möglich war, versuchte ich, mich anzuziehen. Der Puls und das Herz hämmerten. Die Extrasystolen, von denen ich mich öfter mal erschrak, kamen nacheinander.

Wie benebelt verließ ich das Haus und schwankte in Richtung Straßenbahn. Ich wusste nicht, ob ich dort ankommen würde. Eine ältere Dame versuchte gerade ihr Auto aufzuschließen. Keuchend blieb ich stehen: „Können Sie mich zum Dr. Enges mitnehmen? Die Praxis ist gerade die Straße lang.“

Die Dame schüttelte den Kopf, machte sich so schnell als möglich in ihr Auto und fuhr davon.

Zum Glück nahte die Straßenbahn. Fünf Haltestellen weiter befand sich meine ehemalige Hausarztpraxis. Mein neuer Hausarzt hatte gerade Urlaub. Ich beschrieb kurz meine Beschwerden, dann wurde ich von der Arzthelferin in den Behandlungsraum begleitet, wo es eine Liege gab. Ein EKG wurde angeschlossen und der Blutdruck gemessen.

Danach erfolgte das Arztgespräch. Das EKG zeigte keine besonderen Werte an. Auch der Blutdruck war normal. Der Arzt schickte mich mit den Worten „Alles in Ordnung“ nach Hause.

Dorthin ging ich zu Fuß. Ich hatte noch einen geschäftlichen Termin und musste mich umziehen. Zu meinem Schrecken passte die Hose, die ich vor ein paar Tagen noch anhatte, nicht mehr.

Das Gewicht blieb aber konstant bei den 62 kg, wo es sich eingependelt hatte. Wie konnte das sein, dass ich nach einer Woche so viel an Masse zugenommen hatte, dass ich meine Klamotten sprengte und dennoch die Waage das gleiche Gewicht anzeigte?

Das Ganze wurde immer rätselhafter. Zudem überkam mich ein ungewöhnlicher Durst und eine Unruhe setzte ein. Ich musste in der Küche ständig hin und her laufen und immer wieder ein Schluck Wasser trinken. Nach einer halben Stunde waren Durst und Unruhe weg.

23. Juni

Drei Tage später ging es nach Italien. Am Tag vor der Abreise überkamen mich erneut diese Unruhe und Nervosität. Auch das Durstgefühl setzte ein. Soviel Wasser trank ich selten. Normalerweise war ich eher der Cola-light-Typ. Wasser wurde kaum getrunken. Nach einer guten halben Stunde war aber auch dieser Spuk vorbei.

Wenn das während der 6-stündigen Anreise im Auto begann, konnte es lustig werden. Hin und her laufen, war da nicht möglich. Aber es schien, als wäre alles in Ordnung. Die ersten drei Tage liefen völlig normal.

Am Dienstag, dem 26. Juni, hatten wir einen Stadtbummel in einem nahegelegenen Städtchen gemacht. Das Wetter war angenehm warm, nicht zu heiß und auch nicht zu kalt für Ende Juni. Abends fiel mir ein roter Streifen auf, der quer über den Rücken lief. Genau an der Stelle wo der BH die Haut berührte. Der Streifen schmerzte, war leicht aufgeschürft und sah aus wie ein Sonnenbrand.

Ich hatte noch nie einen Sonnenbrand gehabt, da ich mich nicht so gerne in die Sonne legte.

27. Juni

Morgens gingen wir zum Frühstücken. Nach dem Frühstücken, machten wir es uns noch auf unserer Terrasse gemütlich. Mich überkam erneut diese Unruhe, auch der Durst setzte ein. Ich ging in die kleine Küche unseres Apartments, trank Wasser und lief nervös hin und her. Ich konnte keine 5 Minuten ruhig sitzen. Ich schaute an meinem Körper hinunter und erschrak. Mein Bauch war völlig aufgequollen. Er hatte das Dreifache seines normalen Umfangs. Die Nervosität steigerte sich zu dem unerträglichen Durst. Ich nahm bei meinem Herumlaufen alle zwei Sekunden einen Schluck Wasser.

Ich wusste mir nicht mehr anders zu helfen und rief eine Freundin an, die Psychologin war und beschrieb ihr aufgeregt meine Symptome. Während des Telefonats wurde der Durst immer schlimmer. Wir kannten uns aus dem Hypnose-Seminar und sie wusste von meinen Gesundheitsproblemen. Ich versuchte zu scherzen und das alles mit Humor zu sehen. Nach einer Stunde telefonieren merkte ich, dass alles weg war: „Du, jetzt ist was weg. Die Unruhe, der Durst, nur der Quellranzen ist noch da. Verrückt oder?“

Am nächsten Tag wollte ich auf den Kaffee verzichten. Vielleicht war der Schuld an den körperlichen Reaktionen. Ich war mir sicher, dass ich es nicht an der Psyche hatte.

28. Juni

Doch kurz nach dem Aufwachen, beim Zähneputzen, merkte ich, wie der Bauch aufquoll. Der Durst und die Nervosität setzten ein. Ich stürmte ins Schlafzimmer und zeigte beschämt das Desaster meinem Mann: „Schau mal, schon wieder bin ich aufgequollen! Wie gestern!“ Mario war fassungslos. So etwas hatte er auch noch nicht gesehen. Von einer Sekunde auf die nächste quoll mein Körper auf wie ein Hefekuchen.

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