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Könnte schreien

K ö n n t e   s c h r e i e n

Band 1

Vor Glück, Freude, Begeisterung und Dankbarkeit?

oder

Vor Wut, Zorn, Enttäuschung und Frustration?

Für Udo

Weil du von Anfang an an dieses Projekt geglaubt hast.

Weil du mir die dafür nötige Zeit zur Verfügung gestellt hast.

Weil du ebenfalls glaubst, dass viele Frauen ein großes Potenzial an Kreativität in sich tragen.

Und … weil ich dich liebe!

Das Buch

Von Düsseldorf nach Bonn über Toronto und Südamerika und wieder zurück zum Ursprung: Der Roman „Könnte schreien“ nimmt die Leserin mit auf eine abenteuerliche und inspirierende Reise durch fremde Kulturen und nicht zuletzt auf eine Reise durch den unentdeckten dunklen Kontinent der eigenen Seele. Valentina Behrmann erkennt, dass in jeder Frau das Potenzial steckt, das eigene Leben in die Hand zu nehmen, auch wenn das Wissen darum bei vielen verschüttet ist. Über viele schmerzhafte und beglückende Episoden findet sie zu sich selbst und letztlich ihr Lebensglück in einem Beruf, der sie ausfüllt, und in einer Partnerschaft, die von tiefem gegenseitigem Verständnis und Liebe getragen ist. Eine Geschichte über Zufall und Bestimmung, Überwindung und Mut, Liebe und Verlust, Freude und Glück, Fortgehen und Zurückkommen und Akzeptanz der Vielfalt!

Sing dein eigenes Lied, dann kannst du nur kopiert werden!

Carola Clever 

Jeder Mensch will lieber glauben, als sich selbst ein Urteil zu bilden.

Lucius Annaeus Seneca 

Logik bringt dich von A nach B. Deine Phantasie bringt dich überall hin.

Albert Einstein 

EIN ANFANG

Nachdem ich die Praxistür abgeschlossen hatte, witzelte mein Mann: „Vali, du siehst blendend aus … wie Brigitte Bardot nach der neunzehnten Wurmkur!“ Er lachte.

„Du hast recht“, grinste ich zurück. Wenn ich‘s mir recht überlegte, fühlte es sich auch so an.

Befreit. Glücklich. Zufrieden und geliebt!

Könnte schreien – vor Glück.

Zwischen Neugier, Interesse und Fakten besteht ein himmelweiter Unterschied. Wäre damals gut gewesen, wenn ich etwas aufmerksamer, realistischer, vielleicht skeptischer gewesen wäre. Naiv glaubte ich an Liebe, baute auf Vertrauen und setzte Respekt voraus.

Wollte mehr, als ich zu Hause erlebte.

Hätte schreien können!

Es ist jetzt auf den Tag genau sechs Monate her, dass wir unsere Praxis eröffnet haben. Sie läuft ganz gut, sie ist außergewöhnlich, weil Tier und Mensch uns am Herzen liegen. Eine Beauty-Farm für Hund und Katze, Tierarztpraxis, tierische Ferienpension.

Hier gibt es Erlesenes, Witziges, Praktisches und völlig Irrationales. Eine Mischung aus Friseur- und Waschsalon und medizinischer Versorgung. Eine Ecke für Globuli, Cremes, Kräuter und Pastillen. Ein Supermarkt für Bücher und DVDs, Leckerlies in allen Geschmacksrichtungen, Spielzeug, Leinen und Anziehsachen für unsere zwei- und vierbeinigen Lieblinge. Sie befindet sich in einem Bauernhof aus dem Jahre 1908. U-förmig, zweigeschossig, aus roten Backsteinen erbaut, schließt das schmiedeeiserne weiße Einfahrtstor die Hofschaft ab. Mitten im Hofgelände steht eine imposante alte Kastanie, um deren Stamm sich eine weiße Holzbank wie ein Petticoat drapiert.

In Augenhöhe habe ich eine Holztafel angebracht mit dem Spruch „Omnia vincit amor. Liebe besiegt alles.“

Zartrosa Hortensienbüsche wachsen und wuchern aus alten, mit Moos überzogenen Steintränken, die vereinzelt im Hof platziert sind. In allen Räumen, Behandlungszimmern, Ruheplätzen und an den Außenwänden gibt es Bretter, Bilder und Stellagen mit Sprüchen und Weisheiten, die den Besucher zum Nachdenken anregen könnten. An sonnigen Tagen, von Frühjahr bis Herbst, plätschert das Wasser aus Amphoren. Springbrunnen und kleine Teichanlagen, die im Innenhof und hinter dem Gebäude im Garten installiert sind, laden zum Entspannen ein.

Es gibt auch eine Klagemauer, die aus aufgeschichteten Ziegelsteinen am Ende des Grundstücks errichtet worden ist. Die Eltern der vierbeinigen Lieblinge sollen hier zur Ruhe kommen. Früh bemerkte ich ihre Unruhe, Sorge oder tiefe Trauer, die sich bei den Besuchen aus diversen Diagnosen ergaben. Es stehen kleine bunte Farbdosen zur Verfügung, um den Namen des Lieblings auf Stein zu verewigen. Und so wurde für manche aus einer traurigen Steinmauer, die die Aufschrift „Jeder sieht, was du siehst, aber nur wenige fühlen, was du fühlst“ trug, eine bunte Erinnerungstafel für ihre Lieblinge. Dienstag und Donnerstag ist Welpen-Spieltag. Dazu bauen wir eine Art Gatter im Kreis auf. Viele Hundebesitzer sitzen dann im Kreis, kommen ins Gespräch und erfreuen sich an ihren süßen Hundebabys, wie sie spielen und toben.

Montag und Mittwoch trifft man sich im Katzenhaus zum Stelldichein. Ein großer Raum in der Scheune, in dessen Mitte ein riesiger Katzenbaum mit Glöckchen thront. Es gibt unendlich viele Schubladen, Ausbuchtungen und Treppengestelle zum Spielen. Alle sind zufrieden. Wir auch!

Der Innenhof ist während des Sommers ein ideales Plätzchen, um in aller Herrgottsfrühe meine Yoga- und Qi Gong-Übungen zu praktizieren. Meine Übungsbegleiter sind Picasso und Lucy. Picasso, ein brauner Labrador und Handschmeichler, mit seinen Rehaugen kann er einem die letzten Leckerlies aus der Tüte gucken. Und wenn Lucy, das Schmusekätzchen, dieses flauschige Wollknäuel, sich neben mir langstreckt, spüre ich stets, wie tiefer Frieden und Dankbarkeit mich überwältigen.

Wir haben natürlich Schmubidubi, Lucky und Katze Sammy mitgebracht. Bei den Übungen liegen sie entspannt in der Hofecke. Als Senioren beäugen sie meinen Aktivismus lieber aus der Ferne. Damals, während meiner Schulferien und einigen Wochenenden, habe ich in dieser Praxis bereits ausgeholfen. Unter liebevoller, fachmännischer Anleitung habe ich viel Praxiserfahrung erworben. Heute bin ich, Dr. Valentina Sarah Mooshammer, fünfundvierzig Jahre alt und leite zusammen mit meinem Mann eine Tierarztpraxis für Kleintiere. Ja, ich bin jetzt rundum glücklich, zufrieden und dankbar.

Das ist weiß Gott nicht immer so gewesen! Mein Schicksal hat eine gewaltige Wende genommen!

Endlich finde ich den nötigen Mut und die Gelassenheit, mich an meinen Computer zu setzen. Mein Ehemann, Dr. Maximilian P. Mooshammer, Freund und Kollege, hat mir schon oft geraten, alles einmal niederzuschreiben. Darüber habe ich dann nachgedacht. Bin aber in dem Gedanken hängengeblieben. Unternehme erst jetzt den erneuten schriftlichen Versuch, den Code meiner DNS zu knacken. Mal sehen, was dabei rauskommt! Vielleicht meine zweite Doktorarbeit?

Es gab Momente in meinem Leben, in denen ich Zweifel hegte und weder an die Macht des Guten noch an mich selbst glauben konnte. Natürlich bin ich nervös und unsicher beim Schreiben, weil ich keine geübte oder gar professionelle Schriftstellerin bin. Doch eine Weisheit, die über meinem Computer an der Wand hängt, hilft mir dabei: „Wenn du etwas haben möchtest, was du noch nie hattest – musst du etwas tun, was du noch nie getan hast!“

Ja, ich versuche es. Werde hier mein Bestes geben, denn ich will Frauen und vielleicht auch Männer ermuntern, nie, wirklich niemals den Mut zu verlieren. An die Macht der eigenen Kraft und Weisheit zu glauben und die Liebe zu leben!

UND SO WURDE DAS PÄCKCHEN BEFÜLLT

Es war eine himmelschreiende Ungerechtigkeit!

Vielleicht war ich ungefähr sechs Jahre alt. Wir wohnten in einem schmucken Reihenendhaus in einem Stadtteil von Düsseldorf. Mein Vater Martin Behrmann, zu diesem Zeitpunkt 38 Jahre alt, verdiente seine Brötchen als erfolgreicher Handelsvertreter. Bei Hausbesuchen verkaufte er den Leuten Möbel aus dem Katalog, von der Anrichte bis zum Zweiersofa. Für damalige Verhältnisse war sein Vertriebsnetz ungewöhnlich. Studenten liefen in jedem Stadtteil von Tür zu Tür und verteilten seine Hochglanzprospekte in den Briefkästen. Nach dem Lesen der Zeitungsbeilagen forderten potenzielle Kunden seinen Besuch an. Mundpropaganda brachte ihm jedoch den größten Erfolg.

Meine Mutter Ella, nur ein Jahr jünger, war Hausfrau und Mutter. Sie suchte seit geraumer Zeit Arbeit in ihrem Beruf als Krankenschwester, hatte aber bis dato keinen Erfolg. Es wäre für sie schwierig geworden, Beruf, Kinder, Haushalt und Ehemann unter einen Hut zu bekommen. Sie suchte nicht wirklich.

An diesem Samstagnachmittag saßen mein Bruder Alexander und ich in der Küche, spielten „Mensch ärgere dich nicht“. Ella stand auf einer Leiter im Flur und wechselte Glühbirnen in der Flurlampe. Es klingelte Sturm. Gleichzeitig hörten wir den Schlüssel in der Haustür klappern. Schwungvoll flog die Tür auf. Martin kam schnaubend wie ein Stier ins Haus. Stieß mit der Türkante direkt an Ellas Leiter, fluchte und schrie: „Wie immer stehst du mir im Weg.“ Sekunden später: „Trägst du eigentlich dein Gehirn im Schlüpfer, oder was? Wie konntest du mich nur so bloßstellen?“

Ella versuchte, ihr Gewicht auf der Leiter zu balancieren, ruderte mit den Armen und schrie zurück: „Ich bin deine gottverdammten Lügen gewaltig leid.“

Dann folgte ein Schlachtfest der Worte. Wir verstanden keinen Satz. Das beiderseitige Kreischen zerriss alle Worte. Ella, zwischenzeitlich von der Leiter gestiegen, kam zu uns in die Küche. Sie sah aus wie Ente süßsauer, die wir immer beim Chinesen bestellten. Sprachlos, aber mit scheuchender Handbewegung deutete sie aufs Kinderzimmer. Martin, jetzt ebenfalls in der Küche, brüllte: „Haut ab in euer Zimmer, ich hab mit eurer Mutter noch ein Hühnchen zu rupfen.“

Wir sprangen von den Stühlen und rannten aus der Küche. Im Kinderzimmer schlossen wir sofort die Tür. Zitternd saßen wir eng umschlungen direkt hinter der Tür und versuchten zu lauschen. Hörten einen wortgewaltigen Schlagabtausch, wobei Martin definitiv der Lautere war.

Leise begann ich zu weinen. Schniefte in den Pulloverärmel von Alex, meinem geliebten Bruder. Vor lauter Aufregung musste ich wie immer in solchen Situationen Pipi. Aber für nichts auf der Welt wollte ich jetzt das Zimmer verlassen und unterdrückte den Drang meiner Blase. Kniff mir in den Schritt und heulte noch etwas mehr.

Plötzlich trat diese gespenstische Ruhe ein. Kein Ton war zu hören. Irritiert und ungläubig schauten wir einander an. Alex fragte: „Was, meinst du, ist passiert? Haben die sich vielleicht verletzt?“

Ich konnte nicht mehr sprechen und zuckte nur mit den Schultern.

Dann hörten wir Martins lautes Stöhnen. Das Holz vom Bett quietschte. Das Kopfteil schlug rhythmisch gegen die Wand. Sekunden später war es Ella, die in einem stakkatoartigen Grunzen laute Töne von sich gab. Also ich stöhnte nur, wenn ich mir wehgetan hatte.

Nervös flüsterte ich Alex ins Ohr: „Meinst du, die haben sich verletzt?“

Alex’ Lippen waren an mein Ohr gepresst, er flüsterte leise: „Vielleicht ringen sie ja?“ Gleichzeitig kaute er vehement an seinen Fingernägeln. Mit einer unglaublichen Geschwindigkeit nagte er los und spukte mit Wucht Nagelstücke und Hautfetzen aus.

Wir setzten uns aufs Bett. Ich fror, kraterförmige Gänsehaut kroch unaufhaltsam über meinen ganzen Körper.

Nach gefühlten Stunden flog die Tür auf. Martin sah aus, als wenn er rückwärts durch ein Hühnerloch gekrochen wäre. Die Haare zerzaust, sein gestärktes Hemd an der Brust zerknüllt, stand er strahlend im Türrahmen und meinte: „Wir wollen jetzt zu Abend essen, ihr könnt rauskommen.“

Dabei hielt er die Tür weit auf und pfiff den Kaiserwalzer. Ella wuselte geschäftig in der Küche, summte und sang das Lied von Hildegard Knef: „Für mich soll’s rote Rosen regnen, mir sollten sämtliche Wunder begegnen …“ Dabei balancierte sie zittrig und etwas unsicher das Tablett mit Geschirr und Besteck, deckte den Tisch im angrenzenden Esszimmer.

Es gab eine strenge Tischordnung. Am rechteckigen Tisch war mein Platz vor Kopf! Eigentlich die Position des Entscheidungsträgers. Bei uns nicht. Martin hatte ihn mir zugewiesen. Ella stimmte stillschweigend zu.

Zu meiner Rechten saß Martin, zu meiner Linken hatte Ella ihren Platz. Alex saß neben ihr.

Später wurde mir diese wundersame Sitzfolge aufschlussreich und professionell erklärt! Die Ordnungen der Liebe gehen bekanntlich von oben nach unten. Am Tisch: erst Vater, dann Mutter, dann Erstgeborener, Zweitgeborener und so weiter. Mir wurde von den Eltern eine Position zugedacht, die mir so nicht zustand. Ich saß wahrlich zwischen zwei Stühlen. Beide benutzten mich für ihre Bedürfnisse. Natürlich geschah das unbewusst. Mal diente ich als Mittler, mal als heiß begehrtes Objekt der Zuneigung. Als Schiedsrichter oder Bindeglied in ihrer Partnerschaft. Wie beim Schach manövrierten sie mich und uns zwischen den Figuren. Um diese Last zu tragen, brauchte ich Schultern wie ein Wasserbüffel. Gott sei Dank war die Last gleichmäßig auf beiden Schultern verteilt, damit ich nicht aus dem Gleichgewicht kam. Körperlich stark, dafür geistig verbohrt, trug ich über Jahre die mit Wut, Hass und Enttäuschung gefüllten Eimer, beidseitig. Eine himmelschreiende Ungerechtigkeit!

Bei Tisch blieb mir jeder Bissen im Hals stecken. Martin und Ella schienen guter Dinge zu sein, von Zank und Streit war nichts mehr zu spüren. Im Hintergrund konnten wir den Schneewalzer hören. Alex saß in gebeugter Haltung am Tisch. Sein Blick war starr auf seinen Teller gerichtet. Mein Bauch krampfte sich zusammen.

Ich wollte die Würgeanfälle unbedingt unterdrücken, denn Ella achtete streng auf gute Tischmanieren. Eigentlich war ich bei Tisch eher eine Plaudertasche, aber heute wollte ich auf keinen Fall auffallen, wer wusste schon, was noch passierte, und so stocherte ich weiter lustlos in meinem Essen.

Am nächsten Tag, als wir aus der Schule kamen, schenkte mir Ella ein Steiff-Tier. Es war ein braunes Stoffhäschen und als Trostpflaster gedacht. Alex bekam den langersehnten Waggon für seine Eisenbahn. Sicher, wir freuten uns, aber diese Geschenke lagen uns auch wie Klumpen im Magen.

Ein paar Tage danach hörten wir Ella im Büro telefonieren. Das war nichts Außergewöhnliches. Kunden riefen ständig an und Ella machte Termine oder klärte Absprachen. Sie führte das Kassenbuch, machte die Buchhaltung oder fertigte dreidimensionale Zeichnungen für Küchen an. Aber bei diesem Gespräch war sie sehr aufgebracht, hielt den Atem an, wurde rot im Gesicht, drehte die lockigen Nackenhaare mit dem rechten Zeigefinger, immer wieder im Kreis. Nach dem Gespräch lief sie hektisch durchs Haus und suchte ihre Handtasche, obwohl sie da stand, wo sie hingehörte, schminkte sich im Bad, bürstete und toupierte die Haare, zog ihre neuen, totschicken blauroten Pumps an, dazu das passende Kleid mit Mantel. Sie hatte einen erlesenen Geschmack und verließ das Haus nie, ohne dass sie wie aus dem Modejournal perfekt gestylt aussah. Etwas, was sich auf uns übertrug. Morgens reihten wir uns vor Ella auf. Sie unterzog uns einer genauesten Prüfung, achtete auf Frisur, Fingernägel, ausgewählte jahreszeitlich korrekte Kleidung. Sie überprüfte die Farbkombination. Die Schuhe wurden entsprechend Anlass und Wetter gewählt. Unsicher und nervös, ob wir auch das für sie Richtige selektiert hatten, empfanden wir das Anziehen als Qual der Wahl.

Wir waren kurz zuvor aus der Schule gekommen, wollten gerade die Schularbeiten beginnen, da rief Ella uns aus dem Bad zu: „Zieht euch schnell an, wir müssen sofort raus.“ Dann setzte sie noch nach: „Wir machen einen Ausflug und Besuch!“

„Aber wir haben doch noch gar nicht zu Mittag gegessen“, rief ich hungrig und entrüstet. Alex unterstützte mich. Ella war kurz angebunden und genervt: „Wir holen etwas unterwegs.“

Aus dem Haus und auf der Straße hatte Ella trotz Pumps einen forschen Schritt drauf und ermahnte uns ständig zur Eile. Leichter Nieselregen hatte eingesetzt. Wir waren beide an ihrer Hand, flankierten sie. Aber um mit ihr Schritt zu halten, mussten wir rennen. Am Bahnhof angekommen, sahen wir schon den Zug auf seinem Gleis einfahren. Ella zog ihren linken Pumps aus, stützte sich auf der Schulter von Alex auf und massierte ihren Hallux valgus – den schräggestellten großen Zeh, dessen Ballen bei ihr seitlich austrat. Eilig stiegen wir ein. Ella, noch völlig aus der Puste, kaufte beim Schaffner die Fahrkarten und saß dann mit geschlossenen Augen im Abteil. Sie wirkte nervös. Ich durfte am Fenster sitzen. Die ganze Zeit hatten wir nicht gesprochen.

Dann fragte Alex plötzlich: „Mama, fahren wir zum Zoo?“

„Au ja, zum Zoo“, gluckste ich sofort. Ella sagte ironisch: „Ja so was Ähnliches.”

Die Fahrt war aufregend für mich, weil die Landschaft so schnell vorbeiflog. Auch die Schiffe auf dem Rhein flogen auf dem Wasser. Die Bäume trugen ein helles Grün.

In Königswinter stiegen wir aus. In einem Blumenladen kaufte Ella einen kleinen roten Blumenstrauß. Entlang der Hauptstraße schaute sie sich jede einmündende Straße an und las das Straßenschild laut vor.

Bei der fünften Querstraße sagte Ella: „Drachenfelsstraße, hm … hier ist es.”

Wir bogen rechts zum Rhein runter, als Ella vor einem großen Hotel plötzlich wie angenagelt stehen blieb, staunte und meinte: „Aha, also hier ist es!“

Alex bemerkte wie nebenbei: „Mama, ich dachte, wir fahren zum Zoo?“

Ella antwortete genervt: „Auf diese Frage hatte ich bereits geantwortet, erinnerst du dich? Sei jetzt still und warte ab, hier kannst du etwas lernen.”

Wir sahen sie fragend an, aber sie gab keine Erklärung. Ihr Blick war auf den Eingang vom Hotel Loreley geheftet. Wir stolzierten zum Empfang. Beim Portier angekommen, sprach Ella mit gedämpfter, freundlicher Stimme.

„Hallo, guten Tag, ich möchte meinen Bruder Martin Behrmann zum Geburtstag überraschen, er muss hier mit seiner Frau übernachten!“ Sie legte den Blumenstrauß auf dem Tresen ab. Während sie noch sprachen, schauten wir uns neugierig im Foyer um. Ich sah ein Aquarium.

„Hat Ella eben von einem Bruder gesprochen?“, fragte mich Alex flüsternd.

„Ich weiß nicht, ich habe nicht zugehört. Guck mal die Fische da im Becken, sind die nicht toll?“, entgegnete ich begeistert. Solche Fische hatte ich mal bei einem unserer Zoobesuche gesehen. Der Anblick einer Schatzkiste mit Perlen und Goldstücken auf dem Boden des Aquariums faszinierte mich.

Aus heiterem Himmel brach dann die totale Hektik aus. Wir nahmen nicht den Aufzug, der gegenüber vom Empfang lag, sondern Ella sauste in Richtung Treppenhaus und rief: „Schnell, beeilt euch, wir müssen in den dritten Stock.” Sie nahm gleich zwei Stufen auf einmal. Wir hatten Mühe, ihr zu folgen. Es war ein sehr langer Flur. Vor Zimmer 313 blieben wir stehen. Alex und ich sahen uns fragend an. Ella holte tief Luft, hielt den Atem an, während ihr gekrümmter Finger morseartig an der Tür klopfte. Mit verstellter Stimme rief sie: „Zimmer-Service.“

„Was wollen Sie, wir haben nichts bestellt!“, hörten wir zu unserem Erstaunen Martins Stimme aus dem Zimmer rufen.

Dann ging alles furchtbar schnell. Ella klopfte erneut. Die Tür wurde plötzlich von einer Frau in Dessous aufgerissen. Schwungvoll schob Ella sie mit der Tür zur Seite und stürzte ins Zimmer mit den Worten: „Ach so sieht dein Geschäftstermin aus! Du Schwein!“

Wir folgten ihr ins Zimmer. Martin lag auf dem Bett und hatte den Mund weit aufgerissen, aber kein Laut war zu hören. Sechs Augen fixierten ihn. Ungläubig starrte er auf uns drei, die wir wie die Orgelpfeifen aufgereiht vor seinem Bett standen. Alex und ich gingen gleich in Deckung auf dem Boden. Wie ein Knäuel hielten wir uns aneinander fest. Nur für Bruchteile einer Sekunde waren alle sprachlos. Die stickige Luft im abgedunkelten Zimmer ließ mich husten. Mein Blick heftete sich an die Tür. Die wunderschöne Frau sah aus wie meine Schokoladenpuppe Kitty. Wie angewurzelt und die Tür als Schutz vor ihren Körper gezogen, schrie sie gellend: „Ach du Scheiße!“

Martin, jetzt mit hochrotem Kopf, kochte vor Wut. In seinen Mundwinkeln hatte sich etwas Schaum gebildet. Er sprang vom Bett auf, holte aus und gab Ella, die nichts sagte, aber schon weinte, eine schallende Ohrfeige.

Wie gelähmt blickte ich Alex an.

Ella schluchzte und schrie wieder: „Mistkerl, elender Lügner!“ Sie drehte sich um und scheuchte uns mit schwingender Handbewegung hoch. Eilig liefen wir zur Tür, an Schokopuppe Kitty vorbei, den langen Flur entlang. Aus dem Aufzug stieg der Mann vom Empfang mit dem Strauß Blumen in der Hand. Sein Mund war aufgerissen, als wenn er etwas sagen wollte, doch Ella winkte mit entsprechender Handbewegung ab. Er blieb stumm. Wir liefen weiter in Richtung Treppenhaus. Ich spürte diesen Drang im Bauch, musste schon wieder Pipi. In meiner Not zwickte ich mir zwischen die Beine, um das Gefühl zu unterdrücken. In brenzligen Situationen sollte mich dieser Harndrang zehn Jahre begleiten.

Im Treppenhaus stützte sich Ella am Geländer ab, nahm wieder zwei Stufen auf einmal und rannte zum Ausgang. Draußen auf der Straße humpelte sie in Richtung Bahnhof, während sie uns an der Hand hielt.

Mit schmerzverzerrtem Gesicht weinte sie immer noch. Alex presste die Lippen aufeinander und hatte den Blick zur Straße gerichtet. Ellas Ellbogen und Hand waren angewinkelt und hochgezogen. Mein Arm war nicht lang genug, um ihrer Hand zu folgen, deshalb ging ich den ganzen Weg, ohne aufzumucken, auf Zehenspitzen. Keuchend erreichten wir wieder den Bahnhof. An der Bahnsteigkante warteten wir nur kurz. Ella führte leise Selbstgespräche und verzog dabei das Gesicht.

Im Zug fielen wir völlig erschöpft in die Sitze. Ich legte mich über den Schoß von Ella und vergrub mein Gesicht in ihrem Mantel. Mir taten die Schulter und die Füße weh und Hunger hatte ich auch, traute mich aber nicht zu sprechen. Alex regte sich nicht, stattdessen starrte er wie elektrisiert auf den Boden. Drei Tage später im Krankenhaus hat man mir die Schulter wieder eingerenkt. Das tat höllisch weh. Martin hatte mir vorher als Geschenk eine Puppe versprochen. In dieser Erwartung konnte ich den Schmerz ertragen.

MEINE ELTERN, MEINE WURZELN

Wahrheit ist nicht immer Realität, und Realität ist nicht immer Wahrheit. Die menschliche Wahrnehmung, geprägt durch das soziale Umfeld, den Glauben, Intellekt, Bewusstseinszustand und Lebenseinstellung, kreiert eine für uns schlüssige Wahrheit. Diese Wahrheit ist dann für uns unsere Realität. Die Realität kann jedoch für andere eine völlig andere sein. Die Brille unserer Wahrnehmung ist verfärbt und wir sehen uns außerstande, eine andere Haltung und Perspektive zu akzeptieren! Aus Erzählungen wusste ich, dass nach 1945 die Menschen mit dem Aufbau ihres Lebens beschäftigt waren. Jeder versuchte – mehr schlecht als recht –, gemäß den ihm zur Verfügung stehenden Möglichkeiten ein neues Leben aufzubauen. Einigen war jedes Mittel recht, um sich einen gesellschaftlichen Aufstieg zu sichern. So auch Ella und Martin.

In den fünfziger Jahren hatte Martin mit Schokolade und Kaffee gehandelt, die aus dem Bestand eines ehemaligen Internierungslagers stammten. Seine Kontaktleute hatten die Ware entwendet und boten sie zum Verkauf an. Martin verkaufte sie weiter an die örtlichen Bäckereien. Die Besitzer schätzten seine Ware, da es zu diesem Zeitpunkt schwierig war, die dringend benötigten Zutaten zu bekommen. Sie mochten seine zuverlässige, charmante Art, seinen witzigen Verkaufsstil und die herkunftsbedingte, ungewöhnliche Ausdrucksweise. Eine Mischung aus fröhlich rheinischer Mundart, gespickt mit Berliner Redewendungen: „Wat, ick mer Sefe kofen?

Nee, lieber wasch ick mer nich.“ Zwei Jahre florierte das Geschäft.

Eines Tages, auf dem Nachhauseweg etwa Mitte Mai an einem lauen Dienstagabend gegen zehn Uhr, wurde Martin in einer kleinen Seitenstraße kurz vor seinem Haus durch die Polizei angehalten: eine Straßenkontrolle und Überprüfung der Papiere. Nach einem längeren Gespräch und der Durchsuchung seines Wagens konfiszierten die Beamten seine Ware. Martin war verwundert über die Vorgehensweise bei der Beschlagnahmung. Hatten sie einen Tipp Dritter erhalten? Wer hatte ihn verpfiffen?, fragte er sich.

Trotz der offiziellen, korrekten Uniform und der von ihnen vorgehaltenen Ausweise, der bestimmenden Tonlage stimmte etwas nicht. Nur was? Niedergeschlagen fuhr er nach Hause, ließ sich nichts anmerken. Nachts ging ihm die Situation nicht aus dem Kopf. Immer wieder dachte er an den Vorfall. Etwas war eigentümlich an der Sache. Eigentlich konnte er sich auf sein Gefühl verlassen, aber etwas stimmte hier wirklich nicht.

Zwei Tage später, der Vorfall ließ ihm keine Ruhe, fuhr er zu einer nahegelegenen Polizeidienststelle, erklärte dem wachhabenden Beamten seine Situation und Bedenken. Dieser konsultierte seine Unterlagen.

Unter Kopfschütteln des Beamten erfuhr Martin, dass es an diesem besagten Abend einen derartigen Einsatz an besagter Stelle nicht gegeben hatte. Frustriert und verärgert musste er akzeptieren, dass fiktive Beamte seine Schmuggelware entwendet hatten. Jemand hatte ihn verraten, getäuscht und bestohlen! Wutentbrannt schlug er immer wieder auf sein Lenkrad ein. Der weitere Amtsweg war dann kurz, aber nachhaltig. Martin wurde zu drei Monaten Haft und achtzig Tagen Arbeit im Tagebau verurteilt.

Ella war außer sich. Was für eine Blamage! Sie hatte sich so gefreut, dass Martin endlich gutes Geld verdiente, das ihren Lebensstil sicherte und verbesserte – zumal sie keine Arbeit in ihrem Beruf als Krankenschwester fand. Das frustrierte sie sehr, da sie dadurch finanziell völlig abhängig war.

Während der Haft fühlte sich Martin ungerecht bestraft und gedemütigt. Abends in seiner Zelle trat er gegen die Kloschüssel, brüllte vulgäre Ausdrücke und schlug dabei mit den Fäusten auf die für ihn zu kurze Matratze. Er hatte doch lediglich versucht zu überleben! Es sollte ein finanzielles Sprungbrett für die Zukunft sein. In diesen Monaten hatte er viel Zeit, über sein bisheriges Leben nachzudenken. Fetzen der Erinnerungen kamen aus der Vergangenheit hoch. Sein Vater Paul war früh an seiner Kriegsverletzung verstorben. Seine Mutter Frieda, völlig überfordert, musste sich allein um die drei Kinder kümmern.

Das war eine harte Zeit für alle gewesen. Da blieben Streicheleinheiten, Verständnis und Unterstützung auf der Strecke. Oft hatten sie tagelang Hunger, aber Schuhe an den Füßen, Gott sei Dank. Keine Selbstverständlichkeit, denn manche seiner Schulkameraden hatten noch nicht einmal das. Um die Familie zu unterstützen, ging Martin nach der Schule in feine Clubs. Sammelte dort Tennisbälle ein. Half alten Damen beim Tragen der Einkaufstaschen. Suchte Pfandflaschen in Parkanlagen, Straßen und Mülleimern. Setzte diese in Geld um und gab es seiner Mutter. Darum bewarb er sich auch, als er achtzehn wurde, bei der SS. Seine Kumpels taten dasselbe. Er wollte nicht außen vor stehen. Außerdem würde er dort mit Essen versorgt, bekam Kleidung und Stiefel. Frieda, die Geschwister und er hatten dann ein Problem weniger. So glaubte er. Frieda hatte zuerst so ihre Bedenken, war aber letztlich einverstanden. Martin wurde ausgewählt, weil er dem Erscheinungsbild der SS, über einsachtzig groß, dunkelblond, blaue Augen, gesund, kräftig und muskulös, entsprach. Er wurde als Fallschirmspringer ausgebildet.

Später war er beim Tito-Einsatz in Jugoslawien, organisierte nebenbei Essbares für seine Einheit, was immer er in den umliegenden Dörfern bei einheimischen Bauern, finden konnte, war zusätzlich für die Fahrzeugpflege und die technische Bereitschaft eingeteilt. Bei einer Schießerei erwischte ihn eine Kugel am Kopf und rasierte sein rechtes Ohr im oberen Drittel ab. Ein doppelter Schädelbasisbruch streckte ihn nieder. Er verbrachte einige Monate im Lazarett. Während er auf der Pritsche verletzt vor sich hindöste, dachte er an sein Zuhause, an seine Freunde, die er verloren hatte, und an die Sache mit den Juden. Das ließ ihn damals nicht völlig kalt. In Berlin waren manche seiner Freunde jüdischer Herkunft. Er mochte sie. Aber später, zwischen Einsatzbefehl, Gehorsam und Ausübung seiner Pflichten, fühlte er sich oft hilflos und zerrissen. Mittlerweile hatte er viel Elend gesehen und Ungerechtigkeiten erlebt, das prägte ihn. Wer war er schon, dass er den Lauf der Dinge hätte ändern können! Ein unwichtiges kleines Glied in einer langen Kette von Befehlsempfängern. Nein, er wollte nur überleben und heil nach Berlin zurückkehren. Sein neues Motto: „Wer sich raushält, kriegt auch keine rein.“

Ja, es war feige! Aber manch Mutiger, den er kannte, lag jetzt zwei Meter tief unter der Erde. Für ihn war seine Zeit noch nicht abgelaufen, deshalb blieb er lieber feige. Sein größter militärischer Erfolg war, dass er überlebte!

Während der Zeit, als Martin im Gefängnis saß und grübelte, lag Ella nachts ebenfalls viele Stunden wach. Auch ihre Erinnerungen und Emotionen überschlugen sich. Sie dachte ebenfalls an ihre Vergangenheit, an die Zeit, als sie sich beide kennengelernt hatten.

Wie verliebt sie damals doch gewesen war, als sie Martin traf. Sie dachte an die Zeit während ihres Pflichtjahrs bei der Marine in Kiel. Schmunzelnd auch an die Zeit danach, während der Anstellung als Kindermädchen und Haushaltshilfe bei einem in Berlin stationierten amerikanischen Oberst und seiner Familie. Fühlte sich damals als Glückskind, weil sie endlich Arbeit hatte. Es war ein ehrwürdiges, traumhaft schönes Anwesen, direkt am angrenzenden Grunewald gelegen. Die Arbeit machte ihr Spaß, denn die Kinder waren freundlich und wohlerzogen. Die Hausarbeit war gut zu bewältigen. Roy und E-mily Johnston waren liebenswerte, großzügige Menschen. Offiziell fungierte Martin damals beim Oberst als persönlicher Chauffeur und Dolmetscher, bewohnte wie andere Hausangestellte, Gärtner und Köchin einen Raum im Nebenhaus des Anwesens. Ella spürte noch heute die Schmetterlinge im Bauch, wenn sie nur an Martin dachte. Sofort hatte sie damals einen tiefen Blick auf Martin geworfen. Er war eine tolle Erscheinung in seiner blauen Fahreruniform. Eine Kreuzung aus Curd Jürgens und Sinatra. Das Timbre seiner sonoren Bassbariton-Stimme hatte sie sofort verzaubert. Die charmante, teilweise schleimige, tänzelnde Art, andere Menschen zu überzeugen, wirkte auf sie noch immer erotisch. Bei Begegnungen bemerkte sie Martins Begeisterung über ihre körperliche Erscheinung. Oft schnalzte er mit der Zunge, wenn er auf ihre Oberweite blickte. Es war noch nie Martins Ding gewesen, ausschließlich mit sprachlicher Begabung einen Partner zu erobern. Aber die Mischung aus lässigem Auftreten, gepaart mit Humor und Zielstrebigkeit, machte ihn für sie unwiderstehlich. Emily Johnston hatte Kleidung ausrangiert und Ella einige Teile davon geschenkt, die sie leicht veränderte, um ihre körperlichen Formen besser zur Geltung zu bringen und um Martin zu gefallen. Sie wusste, Kleider machten Leute und Bienen schwirrten nun mal gern zu schönen Blüten. Sie wollte blühen. Es dauerte nicht lange. Bald führte Martin einen regelrechten Balztanz auf, um ihre Aufmerksamkeit und Zuneigung zu erlangen. Diese Erinnerungen zauberten ein versonnenes Lächeln auf ihr Gesicht.

Rein optisch hätten Martin und Ella auch Geschwister sein können. Auch Ella war blauäugig, groß und schlank. Ihre lockigen, langen hellblonden Haare konnten nur mit einer Spange als Pferdeschwanz gebändigt werden. Ihre Zähne waren wie eine Perlenschnur aneinandergereiht. Nur das kleine Blutschwämmchen oben am Haaransatz verdeckte sie mit ihrem Pony. Den kleinen Leberfleck auf der linken Wange, akzentuierte sie mit einem Augenbrauenstift.

Bei Oberst Johnston lernte Martin das sexuelle Doppelleben und das organisierte Tauschen kennen! Im Kellergeschoss des Hauses war ein riesiges Warendepot angelegt. Eine Auswahl an Tafelsilber, Geschirr, Kaffee, Zucker, Schokolade, gepökeltem Dosenfleisch und französischem Champagner rundete den Bestand ab. Der Tauschhandel florierte.

Bei offiziellen Fahrten waren beide tagelang unterwegs. Bei diesen Anlässen konnten sie unter anderem ihren Bestand vergrößern oder gegen exklusivere Artikel tauschen. Die Nachfrage nach diesen begehrten Artikeln war bei den Kunden groß. Dazu gehörten Besuche in einschlägigen Nachtclubs, die beide schätzten, was das Band der Vertrautheit zwischen ihnen verstärkte. Mit der Zeit genoss Martin das uneingeschränkte Vertrauen seines Vorgesetzten. Nie würde er ihn enttäuschen, das Erlernte war für ihn Gold wert. Oft belohnte der Oberst Martins außergewöhnlichen Einsatz im Verkauf und Handel mit zusätzlichen Geschenken wie den begehrten Nylonstrümpfen. So legte sich Martin in kürzester Zeit selbst ein Depot von beträchtlichem Ausmaß an. Ella profitierte ebenfalls. Nach Rückkehr des Oberst und seiner Familie in die Staaten starteten beide in das eigene Leben mit einem guten Warensortiment als Fundament. Nach einer Schreinerlehre im Möbelbau entdeckte Martin seine Liebe zu hochwertigen Einrichtungsgegenständen. Ella fand einen Ausbildungsplatz als Krankenschwester, was ihrem Helfersyndrom entgegenkam. Drei Jahre später, schwer verliebt und materiell gut ausgestattet, wurde im kleinen Rahmen mit der ganzen Familie in Berlin die Hochzeit gefeiert.

Dann an einem eisigen Januarmorgen erblickte Alexander, ihr Prinz und Herzenswunsch, strahlend das Licht der Welt. Er war ein strammer blondgelockter Engel mit leuchtend blauen, neugierigen Augen. Ellas Sonnenschein. In ihrer Familie war sie die Älteste von drei Mädels und hatte als Erste dann gleich einem Stammhalter das Leben geschenkt. Stolz und mit großer Erwartung an ihn präsentierten sie Alexander Christopher.

Ellas Gedanken schweiften zum Umzug von Berlin nach Düsseldorf ab. Martin hatte damals eine neue Anstellung als selbstständiger Handelsvertreter für hochwertige Möbel bekommen. Außerdem lebte hier Ellas Familie. Erst wohnten sie in einer kleineren Wohnung in einem Außenbezirk von Düsseldorf. Aber bald schon hatte Martin andere Pläne für sich und seine Familie.

Sonntags beim Frühstück erzählte er ihr: „Nachts träume ich von riesigen Wolkenkratzern. Ja, ich will hoch hinaus.“ Seine Wunschliste beinhaltete: finanziellen Erfolg, Unabhängigkeit, geliebt, geachtet und respektiert werden. Ella war begeistert. Zu lange hatte Martin das Elend der Nachkriegsjahre gesehen und erlebt. Das sollte sich ab sofort für ihn ändern. In diversen Gesprächen versprach er Ella, alles dafür zu tun, dass es ihnen gut ging.

Ja, das war die Zeit, in der es noch wilden Sex, glühende Schwüre und einen regen verbalen Austausch miteinander gab. Ihre Welt war damals für sie beide in Ordnung. Seine Wünsche und Pläne waren ihr nur recht. Auch sie kannte Entbehrungen diverser Art. Ihr Traum von romantisch zärtlicher Liebe, Glück, Zufriedenheit und finanziellem Wohlstand war ihr Motor für Ehe und Zukunft.

Aber irgendwie hatte sich dann alles anders entwickelt. Wenn sie heute so darüber nachdachte, konnte sie nicht wirklich den genauen Zeitpunkt der Veränderung bestimmen, ab wann sich alles veränderte. Sie vermutete, dass es etwas mit der neuen Karriere von Martin und der gesellschaftlichen Veränderung zu tun hatte. Diese Veränderung war ein schleichender, zähflüssiger Prozess. Der Wandel war kaum zu spüren, aber doch wahrnehmbar. Bei diesen Erinnerungen liefen ihr noch heute Tränen über die Wangen. Sie saß zwar jetzt in diesem schnuckeligen Haus mit weiß umzäuntem, blühendem Garten und einem kleinen Auto vor der Tür. Aber glücklich war sie nicht. Materieller Reichtum sei eben kein Garant für seelische Zufriedenheit, meinte ihre Mutter. Manchmal hätte sie innerlich platzen können. Schamgefühle kamen hoch. Traurig und enttäuscht musste sie sich eingestehen, dass das Kartenhaus ihrer Träume und Wünsche in sich zusammengefallen war.

Oft kam Martin abends erschöpft, schlecht gelaunt, mit blauen Flecken oder Kratzspuren am Rücken nach Hause. Die Erklärungen waren vielseitig. Die körperliche Erschöpfung wegen der vielen schwierigen Kundentermine. Die schlechte Laune, weil es geschäftlich nicht immer so erfolgreich lief. Die blauen Flecken, die aussahen wie Knutschflecken an Hals oder Brust, weil er sich gestoßen hatte. Die Kratzspuren auf dem Rücken erklärte er mit der Metallleiter, die er kurz zuvor mit nacktem Oberkörper aus der Garage getragen hatte. Aber es gab noch andere, diffuse, eigentümliche Umstände, die ihrer Wahrnehmung nicht entgingen. Auch sein Ton und die Haltung ihr gegenüber hatten sich verändert. Körperlich deutlich aggressiver, verbal immer unverschämter gestaltete sich das tägliche Zusammenleben. Wenn sie es so recht bedachte, war sie vorher sehr viel selbstbewusster und fröhlicher gewesen.

Sie schrumpfte wie eine alte Kartoffel seelisch zusammen. Seine Kränkungen hinterließen deutliche Spuren in ihrem Herzen. Ihre gelegentlichen Hass- und Rachegefühle breiteten sich wie ein riesiges Spinnennetz aus. Erschrocken versuchte sie, so gut es ging, diese Gefühle zu verstecken.

Bei wem konnte sie wirklich ihr Herz ausschütten, ohne das Gesicht zu verlieren?, fragte sie sich oft. Diese Scharade, diese Täuschung, wurde für sie und andere schon zu lange aufrechtgehalten. Ihrer Mutter Clara und anderen war es wahrscheinlich auch schon aufgefallen. Jedoch versteckten sie ihre Ansichten vorsichtig hinter einem Schleier von Andeutungen. Ella kommentierte das nicht, nahm es aber innerlich zur Kenntnis.

Neulich bei einem Besuch hatte ihre Mutter ihr ganz beiläufig einen Zettel zugeschoben, auf dem sie vermerkt hatte: „Die Sonne ist wie die Wahrheit, ihr Nutzen hängt ganz davon ab, wie weit sie entfernt ist!“ Kommentarlos hatte Ella den Zettel in ihre Tasche gesteckt.

RACHE ODER LIEBE

Dann an einem sonnigen Dienstag im Mai öffnete sich wohlwollend das Universum, sandte eine rettende, strahlende Lichtgestalt. Ihr Wunsch wurde erhört. Sie wollte schon lange wahr und wichtig genommen werden. Ella konnte sich jetzt noch gut erinnern, wie sie in diesem Zustand der Frustration und Verzweiflung im Café an der Königsallee Joachim Graf von Fizthum getroffen hatte. Bei dieser Erinnerung musste sie zwangsläufig lächeln. Was für ein gut aussehender, humorvoller, eloquenter Typ! Sagenhaft. Es war wirklich eine zufällige Begegnung, als er im Café am Nebentisch Platz genommen hatte. Er suchte die Zuckerdose auf seinem Tisch, schaute fragend zu Ella rüber und sprach sie an. „Entschuldigung, dürfte ich wohl Ihren Zucker nehmen?“ Freundlich lächelnd reichte Ella ihm den Zucker.

„Aber sehr gerne“, stotterte sie.

Darüber kamen sie ins Gespräch. Sofort bahnte sich ein netter, ungezwungener Plausch an, während Alexander unterm Kaffeetisch mit dem Auto spielte. Joachim brachte sie zum Lachen. Eine erfreuliche, willkommene Abwechslung. Sie tauschten Nettigkeiten aus und stellten während des Gesprächs fest, dass beide in Düsseldorf wohnten. Joachim erzählte sofort, dass er verheiratet war und zwei süße Töchter hatte. Er beeindruckte Ella mit seiner offenen, ungezwungenen, höflichen Art. Er verbrachte in diesem Café oft seine verspätete Mittagspause, weil er selten pünktlich aus der Kanzlei kam. Als Rechtsanwalt hatte er zwar immer verbindliche Termine, doch manche Gespräche verlängerten sich je nach Sachlage bis zu einer halben Stunde. Das brachte ihn in Terminnot. Deshalb ging er oft in dieses Café, um abzuschalten.

Joachim lebte mit seiner Familie in einem schicken Anwesen direkt am Rhein. Gerade hatten sie ein neues, größeres Haus gekauft. Aber glücklich war er nicht. Seine Frau war emotional distanziert, bestimmend und fordernd. Er aber sehnte sich nach liebevollen Streicheleinheiten, Ruhe und Harmonie. Er vermutete, dass sie ein Verhältnis mit seinem Freund hatte.

Zuerst gab es keine Verabredungen zwischen den beiden, aber irgendwie trafen sie sich zufällig. Immer wieder. Nach mehreren Monaten wurden feste Verabredungen daraus. Rein optisch hätte Joachim ein Zwillingsbruder von Martin sein können, auch wegen seiner charismatischen, selbstsicheren Art. Er war sportlich von Gestalt, elegant, korrekt gekleidet, hatte welliges, kurzes Haar. Seine dunklen, fast schwarzen Augen waren eingerahmt von langen, seidigen Wimpern. Seine leichte Adlernase hatte etwas Aristokratisches. Die kantigen Gesichtszüge, die überdimensionierten vorderen Schneidezähne und seine Größe verliehen seinem Erscheinungsbild etwas Markantes. Sein voller ausgeprägter Kussmund, die Tiefe seiner Stimme, seine wohlmeinende, sorgfältige Wortwahl hatten auf Ella eine stark erotische Anziehungskraft. Bald trafen sie sich regelmäßig zum Austausch von Streicheinheiten in einem kleinen Hotel außerhalb von Düsseldorf. Der Besitzer war ein langjähriger Freund Joachims. Sie genossen die gemeinsamen Stunden des Zusammenseins. Ella lechzte nach diesen zärtlichen, liebevollen Stunden. Zuerst war es ja tiefempfundene Wut und Wunsch nach Rache, weil Martin sie verbal degradierte und körperlich züchtigte. Doch dann wendete sich das Blatt. Joachims einfühlsames, respektvolles, charmantes Wesen war Balsam für Ellas geschundene Seele. Sie kaufte sexyerotische Unterwäsche, die auch Martin sehr gefiel.

Sie war ja so verliebt!

Nach Monaten allerdings wallte Angst in ihr auf. Emotional lief sie aus dem Ruder. Die Lügen und das Versteckspiel, zuerst willkommen, legten sich jetzt bleiern auf ihre Seele. Sie vertraute sich mit der ganzen Geschichte ihrer Freundin Anita an. Anita hasste Martin und seine selbstgefällige, arrogante Art. Sie beglückwünschte Ella mit den Worten: „Gratuliere, endlich zeigst du Zähne, meine Liebe! Genieß den Sex, lass dich gehen, leb deine Gefühle.“ Aber Ella plagten Gewissensbisse. Anita riet ihr: „Bleib entspannt, meine Liebe, das Leben steckt voller Überraschungen.“

Sie sollte so recht haben. Ella berechnete ihre Periode und schlief an den fruchtbaren Tagen zur Sicherheit mit beiden Männern. Was sie emotional völlig aus der Bahn warf. Unter keinen Umständen wollte sie sich ihrem Arzt anvertrauen. In ihrer Not entschied sie, falls es zu einer Schwangerschaft kommen sollte, was sie natürlich zu verhindern versuchte, Martin zu diesen speziellen Gelegenheiten mit Showeinlage ihrerseits zum Beischlaf zu verführen. Legte Lale Andersens romantische, gefühlvolle Musik auf. Verteilte hauseigene, frische Rosenblätter als Bettumrandung. Mal legte sie Martin ein kleines persönliches Präsent aufs Kopfkissen oder dekorierte flammende rote Kerzen im Schlafzimmer. Legte farblich ausgesuchte Dessous an. Alles, um ihn möglicherweise nachher, beim Nachrechnen, an den Abend zu erinnern. Machte sich hierzu detaillierte Notizen. Es war anstrengend, spannend, gleichzeitig widerwärtig, aber auch kreativ. Martin nahm die Dinge wahr und kommentierte sie wohlwollend. Nein, er durfte unter keinen Umständen Verdacht schöpfen. Das musste ihr gelingen. Ella liebte die wilden, hemmungslosen, zärtlichen Stunden mit Joachim. An diesen Tagen überraschte sie dann morgens Martin mit ihrem Wunsch nach Sex. Der war ganz aus dem Häuschen, liebte es, dass sie mal die Initiative ergriff. Während des Beischlafs quietschte und stöhnte sie vorbildlich. Zählte die Astlöcher in der Holzvertäfelung an der Decke. Hoffte inständig, dass es bald vorbei war, und unterdrückte das aufsteigende Gefühl von Ekel.

Solange sie denken konnte, hatte sie Kreislaufprobleme und Migräne. Monatelang ging es einigermaßen gut, aber die Schonzeit sollte nicht lange währen. Vor einigen Tagen hatte es wieder angefangen. Meist musste sie sich früh morgens schon hinlegen. Es gesellten sich eine totale Appetitlosigkeit und schreckliche Schwindelgefühle dazu. Ella verlor an Gewicht, sah ausgemergelt aus. Die Brust spannte. Sie erinnerte sich an die große Traurigkeit und innere Leere, die sie verspürte, als sie mit Joachim von einem Tag auf den anderen Schluss gemacht hatte. Er war wie vor den Kopf gestoßen. Ella versuchte, es ihm liebevoll zu erklären, doch sie war entschlossen, dieser Beziehung ein Ende zu setzen. Der Zwiespalt, die Lügen, der Widerstreit der Gefühle brachten sie um. Betroffen und aufgewühlt akzeptierte Joachim ihre Entscheidung. Unter Tränen verabschiedeten sie sich voneinander. In den Wochen danach versuchte sie bewusst, das aufkeimende Gefühl der Ohnmacht zu unterdrücken. Nachts überfiel sie tiefe Trauer. Obwohl beide in derselben Stadt wohnten, gab es keine Zufälle mehr.

Dann kam Martin regelmäßig nach Hause. Wehmütig stellte Ella wieder fest, dass gegenseitige Eifersucht und Misstrauen das Eheleben bestimmten. Nichts hatte sich verändert. Bei verbalen Auseinandersetzungen verprügelte Martin sie weiterhin, hielt sie finanziell kurz, schloss das Telefon ab, damit Ella nur eingehende Gespräche führen konnte. Sie hasste seine Kontrolle. Warum tat er das eigentlich?, fragte sie sich. Ella dachte an die Zeit, in der sie mit diversen Knochenbrüchen und Blutergüssen im Krankenhaus gelegen hatte. Nach diesen gewalttätigen Auseinandersetzungen schämte sie sich für beide. Für das Umfeld hatten sie plausible Lügen parat. Es waren Stürze, die Ella während der Hausarbeit zugestoßen waren. Nach diesen körperlichen und verbalen Auseinandersetzungen kleidete Martin sie äußerst elegant und luxuriös ein. Ella verstand das als Versöhnungs- und Liebesbeweis. Erhobenen Hauptes und mit stolzgeschwellter Brust zeigte sie sich glücklich dem Umfeld. Dieses Täuschungsmanöver gelang hervorragend.

Manche Freunde und Bekannte beneideten Ella und Martin um ihre Partnerschaft. Die Mauern der Lügen hielten dicht. Ella war schon oft zu Ohren gekommen, das man sie heimlich „Frau Saubermann“ nannte. Nicht nur, weil sie ein Putzteufel war, auch wegen ihrer demonstrativen äußeren moralischen Haltung. Die zur Schau gestellte Reinheit, die erotisch zufriedene Ausstrahlung, die Zuverlässigkeit und Unabhängigkeit als Ehefrau und liebende, gar fürsorgliche Mutter blendeten ihr Umfeld, Freunde und Familie. So hoffte sie jedenfalls. Aber wie lange konnte sie dieses Bild aufrechthalten? Ihr war klar, dass sie mit Eigenheim, mit den sichtbaren materiellen Annehmlichkeiten den Neid vieler auf sich zog. Oder war es nur Einbildung?

Ella seufzte und drehte sich im Bett zur Seite. Ihr Name stammte aus dem Spanischen: „Ella, die Kräftige, Gesunde.“ Doch sie war alles andere als das. Die seelischen Grausamkeiten hatten sie mürbe und wütend gemacht. Aber eine Scheidung kam für sie nicht infrage. Die Angst vor dem Alleinsein, der Gedanke an die mögliche finanzielle Not, als gesellschaftlich ausgestoßene, geschiedene Frau das Leben zu fristen, lähmte sie. Aber irgendwie würde sie es schon schaffen. Hoffte sie. Nur keine Blöße oder Schwäche zeigen. Lieber setzte sie die Maske der glücklichen, zufriedenen Ehefrau auf! Der Schein des Seins musste auf jeden Fall gewahrt werden. Über diesen Scherbenhaufen konnte sie einfach nicht gehen. Nahm nochmals einen tiefen Atemzug. Warf noch eine Beruhigungstablette ein und schlief wie bewusstlos. Wie gerädert stand sie morgens auf und betrachtete sich im Spiegel. Strich mit dem Finger über die herabgezogenen Mundwinkel. War das Missmut, den sie jahrelang nicht verlauten lassen konnte? Beugte sich näher an den Spiegel und überlegte: Kann mich sehen. Ja, das bin ich. Aber wer bin ich wirklich? Zischend schlug sie mit flacher Hand in ihr Gesicht im Spiegel und schrie: „Ich hasse dich!“

Kurz darauf die Überraschung! Dr. Richter gratulierte ihr nach einer Routineuntersuchung. „Herzlichen Glückwunsch, Frau Behrmann, Sie sind im vierten Monat schwanger!“ Wenn sie an seine Worte dachte, begann ihr Herz heute noch zu springen. Wie war das möglich? Sie hatte doch ihre Periode! Die fruchtbaren Tage hatte sie vorher berechnet! Hatte sich ein Fehler eingeschlichen? Abends, erst zögernd, aber dann überglücklich, erzählte sie Martin von diesem freudigen Ereignis. Martin reagierte zuerst etwas zurückhaltend, doch nach kurzer Zeit freute auch er sich auf den Familienzuwachs. Alexander jubelte, freute sich riesig. Er war jetzt sechs Jahre alt und Ella erzählte ihm, wie schön es für das neue Baby sein würde, einen so großen, liebevollen Bruder zu haben. Stolz verkündete er es jedem, der es hören wollte. Auch die Familie stimmte jubelnd in den Gesang ein. Die Schwangerschaft verlief problemlos. Nur die Gelüste waren eigenartig. Martin rauchte Zigaretten, der Gestank war ihr verhasst. Im Café und auf der Straße atmete sie tief und genüsslich die Rauchwolken von Zigarren der älteren Herren ein. Liebte den Geruch von Benzin. An Tankstellen hätte sie am liebsten die Zapfsäulen umarmt.

Auch die Kombination von Sauerkirschen und Gewürzgurken stimmte sie freudig. Das war ungewöhnlich. In der ersten Schwangerschaft hatte sie keine bizarren Gelüste gehabt.

1965 war es dann so weit. Lauthals und pünktlich zum Erntedankfest schrie sich Valentina Katharina auf die Welt. Sie hatte Keuchhusten. Im Krankenhaus stand Martin mit einem riesigen Rosenstrauß und einer Perlenkette im Zimmer und nahm Ella und das Baby in Empfang. Zu Hause hatten ihr Ellas Eltern, die Geschwister und Freunde einen liebevollen Empfang bereitet. Aus Dankbarkeit und Demut hätte Ella weinen können. Alles wird gut, sagte sie sich.

Ich war ein quirliges Baby, hielt alle in Atem. Früh merkte man, dass ich wusste, was ich wollte. Schreiend setzte ich meinen Willen durch. Martin war begeistert von seiner kleinen Puppe. Deshalb nannte er mich „Hummel”. Für ihn sah ich aus wie eine Hummel-Porzellanfigur, die er so liebte.

Meinen Namen hatte Ella vorgeschlagen. Irgendwo hatte sie mal die Bedeutung von Valentina, die Mutige, die Tapfere, gelesen. Martin las beeindruckt Monate vorher über Katharina die Große und ihre Taten. Das gefiel beiden. Ella hatte den Namen Alexander ausgesucht. Altgriechisch: Alexandros der, der fremde Männer abwehrt. Der Beschützer. Ihr Prinz und Liebling, den sie nach ihren Wünschen und Idealen erziehen wollte. Martin hatte noch Christopher hinzugefügt, weil Eugen, sein Schwiegervater, zu diesem Zeitpunkt wieder über Columbus las. Die Kombination aus Kämpfer und Eroberer rundete seine Vorstellung von seinem Sohn ab.

Mit dunklen, glühenden Augen, als Kleinkind etwas pummelig und blass mit wilden hellbraunen Locken und niedlichen Grübchen und einem herrlichen Knutschmund zog ich alle in den Bann. Für einige Zeit herrschte eine friedliche, liebevolle Atmosphäre zwischen den Eltern. Ella war schon fast geneigt, an das Gute in ihrer Beziehung zu glauben, doch bald setzten sich die Auseinandersetzungen fort. Nach zwei Jahren stand Ella in einer Telefonzelle, wählte die Nummer der Kanzlei, hörte den Klingelton. Die Sekretärin meldete sich. „Guten Tag, hier ist Ella Behrmann, ich …“

Dann verließ sie der Mut, hängte den Hörer ein und schloss ihre Augen. Lehnte sich versonnen an die Zellenwand.

MARTINS SEITE

Martins Geschwister Irena und Otto kamen zu Besuch nach Deutschland. Sie hatten beide Anfang der Fünfzigerjahre Deutschland verlassen und waren per Schiff in die USA ausgewandert. Damals sahen sie für sich und Deutschland keine Chance. Sie lebten Haus an Haus in San Diego. Bruder Otto hatte auf dem Schiff seine langjährige Freundin Barbara geheiratet. Früh machte er sich als Schreiner selbstständig. Leider blieb die Ehe kinderlos. Schwester Irena war in einem Hotel als Empfangsdame tätig und heiratete ihren Kollegen, Fernando Garcia Diaz, einen Mexikaner. Sie bekamen vier Kinder.

Sie berichteten in Briefen über das interessante Land der unbegrenzten Möglichkeiten, die ungewöhnliche, abwechslungsreiche Landschaft, die wirtschaftlichen Aussichten und Chancen. Martin und Ella sollten ihrer Meinung nach auch auswandern. Beide würden sie unterstützen, mit Rat und Tat zur Seite stehen. Martin könnte dort schneller Geld verdienen und die Lebensbedingungen wären erfreulicher als in Deutschland.

Abends im Bett flüsterte Martin Ella in Ohr: „Wusste gar nicht, dass Otto so ein Angeber ist!“

„Wie meinst du das?“, entgegnete Ella.

Martin schnaubte. „Diese amerikanischen plattfüßigen Hühnerwürger, was können die schon auf die Beine stellen! Wer ist denn damals ausgewandert? Alle, die hier nichts werden konnten. Gesindel, Gesocks. Viele, die Dreck am Stecken und keinen Pioniergeist hatten, aber gehen mussten. Lächerlich, wer will sich denn mit solchen Schwachköpfen umgeben?“

Ella: „Wieso, hört sich doch alles gut an, du hast doch nur Flugangst und bist eifersüchtig auf ihre Erfolge. Außerdem müsstest du dich auf neue Situationen und die Sprache einstellen, dafür bist du viel zu unflexibel.“

Martin verzog sein Gesicht zu einer Grimasse: „Da kann ich doch nur lachen, das wirst du noch sehen, wie flexibel ich bin.“ Damit war das Gespräch für ihn beendet. Beleidigt drehte er ihr den Rücken zu und tat so, als ob er schlief. Ihre Vorhaltungen waren ein zusätzlicher Anreiz für Martin. Er wollte es sich und ihr beweisen. Seine Zukunft wollte er noch erfolgreicher gestalten als bisher.

Nüchtern und mit größtmöglicher Distanz betrachtet, war Martin ein Freidenker. Religion war Opium fürs Volk. Nichts für ihn. Er sah sich als überzeugter Atheist, hatte so seine spekulativen Thesen zum Leben, zur Politik und zum Sport. Oft versuchte er mit seiner Einstellung, die Unterhaltungen zu würzen oder gegensätzliche Meinungen zu provozieren. Nein, an Gott glaubte er wirklich nicht, noch akzeptierte er jedwede Form religiös geprägten Verhaltens. Schon Nietzsche hatte die Religion an der Garderobe abgegeben und der musste es ja wohl wissen. Esoteriker und Zeugen Jehovas waren für ihn die kompletten Spinner. Die mussten auf Drogen sein, lebensfremd und verhaltensgestört. Seine Mutter Frieda, selbst eine starke, geistig unabhängige, aber verbitterte Frau, verehrte Rosa Luxemburg. Martin, politisch eher rechts, war wie die Fahne im Wind. Er wählte die Partei, die ihm die meisten Vorteile und größtmöglichen steuerlichen Freiraum verschaffte. Was Frauen betraf, war er nicht sonderlich wählerisch. Sie sollten gut aussehen. Sein Motto: „Das Auge isst immer mit!“

WIEDER EINE VERÄNDERUNG

Bald schon bemerkte Martin bei Ella eine Veränderung. Nie zuvor hatte Ella es gewagt, seine Kompetenz zu untergraben. Doch beim letzten Streit wagte sie den Ausspruch: „Du bist ein chauvinistisches Schwein.” Das hatte er noch nie in dieser Form von ihr gehört. Auch ihre Ausdrucksweise war ihm fremd. Ob sie wohl etwas merkte? Auf jeden Fall hatte ihr Therapeut keinen guten Einfluss auf sie. Er musste sie beobachten. Ihn nervten diese ersten seelischen Anzeichen von Depressionen. Sie klagte über Schlafstörungen und unregelmäßigen Herzschlag. Er beobachtete Konzentrations- und Gedächtnisprobleme, blinden Aktionismus, aggressive Ausbrüche, Reiz- und Kränkbarkeit. Seit sie diesen Seelenklempner aufsuchte, war der Umgang mit ihr schwierig geworden. Ihm wurde klar, er musste vorsichtiger agieren, um nicht aufzufallen.

Kurz darauf kaufte Ella in der benachbarten Gärtnerei eine große Pflanze. Der Tipp kam von ihrer Freundin A-nita. Sie pflanzte sie an exponierter Stelle gleich neben der Terrasse bei den Rosenbeten ein. Martin war begeistert von diesem zwei Meter hohen Strauch. Beim Frühstück streute sie den Mönchspfeffersamen vom besagten Strauch in seinen Haferbrei. Martin hasste dieses Vogelfutter, aß es trotzdem, weil er etwas für die Gesundheit tun wollte.

Ella servierte den Brei mit einem süffisanten Lächeln: „Hier, Hasilein, damit du groß und stark wirst!“

Martin: „Ne anständige Stulle mit dick Wurst drauf wäre mir lieber.“

Innerlich lachte Ella schallend. Mönchspfeffer. Der Name verwies bereits auf die Wirkung, die dieser Pflanze zugesprochen wurde. Der lateinische Name Agnus für unschuldig, Castus für keusch. Die Früchte hatten eine libidovermindernde Kraft. Bei großzügiger Dosierung bewirkten sie jedoch das Gegenteil. Leider war Ella dieser kleine, aber wichtige Umstand nicht bekannt. Erfolglos verfütterte sie es reichlich.

Anita besuchte Ella wöchentlich. Diesmal stritt sie mit Ella heftig.

„Wie kannst du nur mit diesem Lügner und Heuchler noch schlafen? Um den häuslichen Frieden herzustellen, bietest du ihm Sex. Dein Verhalten kommt einer Nutte gleich. Die bietet Sex und vorgetäuschte Gefühle, aber nimmt wenigstens Geld dafür. Du, liebe Ella, manipulierst ihn und täuschst Gefühle vor, die du so gar nicht hast. Wo ist dein Rückgrat, dein Stolz? Wo ist dein Selbstwert geblieben? Deine Rache ist wirklich eine feige Form der Trauer! Hallo? Hörst du, was ich sage?“

Ella verteidigte sich. „Ich habe Angst vor seinen Gewaltausbrüchen, vor einer Veränderung. Außerdem habe ich Kinder, ein schönes Heim, ein Auto, fahre zweimal im Jahr in Urlaub. Wir tragen schöne Kleidung und haben satt zu essen. Es heißt doch, man kann nicht alles im Leben haben. Alles hat seinen Preis. Das Leben besteht doch immer wieder aus Kompromissen. Manchmal sind eben auch faule dabei.” Ella dachte an Joachim und die verpasste Gelegenheit.

Anita: „Ja, super, toller Preis. Du verwechselst Annehmlichkeiten, Geld und Macht mit Liebe. Wie dämlich ist das denn? Hoffentlich kriegst du noch mal die Kurve. Ich staune, Ella, wie du das aushältst. Ich könnte so nicht leben.

Alle vier Wochen kamen Ellas Freundinnen zum Kaffeeklatsch. Ella hatte schon Tage vorher das Haus auf den Kopf gestellt, alles poliert, was sich polieren ließ. Nichts stand mehr am gewohnten Platz. Jedes Staubkorn wurde mikroskopisch genau von jedweden Gegenständen eliminiert. Fensterputzen, Gardinenwaschen, Teppichfransenstriegeln, den Boden auf Hochglanz putzen: Ella ließ keine noch so kleine Ecke aus.

Warum war sie so eifrig? War es, um übler Nachrede wegen eventueller Schlampigkeit vorzubeugen? Diente es als Meditation oder gar als Ablenkung von ihren Sorgen und Nöten? Wurde innere Wut damit verarbeitet? Spiegelte die äußere Unordnung ihre innere Unordnung wider? Sie wusste es nicht. Entsetzt dachte sie an einen Zwischenfall: In einem Anflug von Wut über die Unordnung im Kinderzimmer hatte sie das Fenster geöffnet und alle unaufgeräumten Spielsachen, Kleidung und Schuhe aus dem Fenster geworfen. Nach einer Standpauke mussten die Kinder alles fein säuberlich wieder einsortieren. Peinlich, aber wirkungsvoll, entschied Ella. Die Kinder waren für sie wie Rohlinge und brauchten Schliff, bevor man sie ins Leben entlassen konnte, um mündige Bürger zu werden.

Erst als alles zu ihrer Zufriedenheit glänzte und blitzte, konnte ich sie sich in den Sessel fallen lassen und höchst zufrieden alle Gegenstände in ihrem Blickfeld nochmals akribisch begutachten. Stolz präsentierte Ella dann ihr Heim.

In dieser Frauenrunde wurde heftig diskutiert. Sie kannten sich alle seit Jahren. Sie waren eine eingeschworene Truppe, deren Vertraulichkeiten nie die Öffentlichkeit erreichten. Meist sprachen sie über Probleme in der Partnerschaft. Andere Themen kamen auch zur Sprache.

Nur Ella hatte eine Maske auf. Wollte wie Persil, rein und unbefleckt, flatternd am Himmel stehen. Wollte um ihr angeblich problemloses Leben beneidet werden. Spielte die Glückliche, Zufriedene, Beneidenswerte. So wollte sie wahrgenommen werden. Vor jedes Gedeck legte sie einen Spruch: „Beziehung ist wie ein blühender Garten. Einer ist der Garten und der andere der Gärtner.“ Zustimmendes Gelächter der Mädels! Jede nahm ihren gewohnten Platz ein. Jede hatte ihr Thema, das sie belastete. Bald kreiste das neue alte Thema in der Runde, um wieder ausgiebig besprochen zu werden.

Erika war als Dreijährige von ihrer Mutter zur Adoption freigegeben worden. Sie wuchs bei einem alten kinderlosen Ehepaar auf. Der Ziehvater liebte sie, die Ziehmutter war herrschsüchtig und streng, ließ übellaunig Erikas klägliches Dasein zur täglichen Tortur werden. Ingeborg war seit sechs Jahren trocken. Sie hatte ihre Not, eine verflossene Liebe und eine böse Krankheit im Alkohol versenkt. Die Anonymen Alkoholiker und ein evangelischer Seelsorger hatten sie wieder auf die Spur gesetzt. Es gab Restposten, die noch zu verarbeiten waren. Waltraud war gerade von einer fünfwöchigen Kur zurückgekommen. Elende Fress-, Frust- und Kotz-Attacken hatten ihre fünfzehn Jahre währende Bulimie geschürt. Vor Jahren war Diabetes dazugekommen. Sie fühlte sich jetzt wohler, erhoffte sich, ohne Rückfall das Leben wieder aufzunehmen, betete um Kraft. Margit hatte gerade die sechste Staffel bei diversen Therapeuten wegen Frigidität und Orgasmus-Schwierigkeiten hinter sich. Sie war als junges Mädchen sexuell missbraucht worden und ihre Partnerschaften gestalteten sich schwierig. Hannelore hatte den plötzlichen Tod und Verlust ihres geliebten Ehemannes zu verschmerzen. Untröstlich blickte sie in die für sie nicht vorhandene Zukunft.

Nur Hilde war das Strahle-Mädchen. Durch Polio früh an den Rollstuhl gefesselt, zeigte sie allen immer wieder, wie man mit jeglichen Herausforderungen friedfertig, gut gelaunt und optimistisch ins Leben blickend fertig wurde. Ein Mount Everest an Güte und Verständnis. Alle liebten ihren Humor. Ja, sie genoss ihre Hochachtung. Wenn die Freundinnen Hilde mit ihrer Immobilität erlebten, kamen sie sich oft lächerlich vor mit Problemen wie Krankheiten, Alkoholsucht, Fresssucht, Frustkäufen, Arbeitslosigkeit, zwischenmenschlichen, sexuellen oder finanziellen Schwierigkeiten. Trotzdem empfand jede ihr Problem als schrecklichstes, besonders belastendes oder kompliziertestes.

In dieser Runde philosophierte Freundin Hilde dann: „Wir lenken uns ab mit anderen Menschen und deren Situationen, um Zeit zu gewinnen, um nicht an die eigenen Probleme zu denken. Liefern uns Fress-Attacken aus, um die innere Leere und Verletzlichkeit zu füllen. Nehmen hochprozentige Alkoholika zu uns, um im Rausch der Sinne die Selbstzweifel zu unterdrücken und zu betäuben.“

Ella dachte: Hat sie eine Kugel? Kann sie mein Innerstes sehen?

Diese Nachmittage wollte sie nicht missen. Sie waren auch lustig und amüsant, die offenen, tiefgründigen Gespräche und Reflexionen der Einzelnen lehrreich und interessant.

INDIANER-TAGE

Noch Wochen nach diesen Treffen fühlte sich Ella wie im Zoo. Seelisch hatte sie dann mal wieder die Talsohle erreicht. Beim Anblick der Tiere hinter Gittern und Zäunen fühlte sie immer mit ihnen. Auch sie war körperlich und seelisch gefangen. Unfähig, sich selbst und ihre Situation zu ändern. Fremdbestimmt. Der dringend benötigte Humor wollte sich bei ihr nicht einstellen! Sie empfand neuerdings, dass ihr Umfeld sie mit listigen, argwöhnischen Augen musterte. Jederzeit schien man bereit, sie erst zu beurteilen, um sie dann zu verurteilen. Anmaßend schienen die anderen Richter ihres Lebens zu sein. Sie nannte das „Indianer-Tage.” Alle lagen auf der Lauer, um mit dem Fallbeil über sie zu richten. Ihre Therapeutin hatte die Diagnose „Schizophrenie“ durchblicken lassen, aber sie war nicht krank oder verhaltensgestört. Es waren nur die Umstände. Die Therapeutin musste sich irren.

Ella machten diese sich wiederholenden Situationen Angst. Sie fühlte sich hilflos, spürte, dass die Kinder darunter litten. Sie kränkelten oft, waren nervös und reagierten unsicher. Sie wollte ihnen eine andere Kindheit ermöglichen, wusste aber nicht, wie sie diese Veränderung herbeiführen sollte. Sie spürte ihre eigene Verzweiflung und die der Kinder. Fragte sich, wie sie ihre aufgestaute Aggression, die sich in der körperlichen Züchtigung der Kinder entlud, in den Griff bekommen konnte. Sie selbst hielt die ehelichen Wechselbäder, bestehend aus ständigem Streit, Wut- und Zornausbrüchen, kaum noch aus. Eine Veränderung musste her, nur wie? Sie wusste es nicht.

Bei mir waren die Wesensveränderungen besonders groß. Ich rülpste beim Essen und fand es belustigend, meine Mutter zu provozieren, reagierte aggressiv bei Zurechtweisungen. Alexander blies in dasselbe Horn und kratzte sich dann im Gespräch am Hoden. Wohlwissend, dass Ella es hasste. Wir relativierten Ellas wütende Ermahnungen mit der Bemerkung: „Macht Papa doch auch!“

Oder: „Sagt Papa doch auch!“

Ich begann zu beißen, zu treten und zu spucken, wenn ich angegriffen wurde. Meine hysterischen Kreisch-Anfälle und Wutausbrüche uferten aus. Alexander wechselte vom verbissenen Basteln und Tüfteln zu beklemmender Resignation und Verschlossenheit. Er wurde so verschlossen, dass sie ihn nicht erreichte, es war, wie wenn man durch das Matterhorn mit dem Zahnstocher bohren wollte. Ella fühlte sich machtlos.

Ich hatte Zahnprobleme, nicht nur wegen der zu engen Zahnspange, die wie festgetackert an den Zähnen klebte. Ich lispelte und sprach, als wenn ich ständig den Mund voll hätte. Man hatte mir das Lippenbändchen zwischen den beiden Vorderzähnen eingeschnitten, weil diese Wulst die überdimensionierten Vorderzähne auseinanderpresste und somit eine Zahnlücke entstanden war.

Die Korrektur erfolgte über die Zahnspange. Der konsultierte Zahnarzt meinte, dass Zähne eine Art Waffenlager seien. Man mahlt mit den Zähnen, um ein Problem zu zermahlen, zeigt, dass man sich in einer Sache festbeißen kann. Kronen, Brücken, Prothesen dienen als Blendwerk. Ausgeprägte Reiß-, also Eckzähne, verraten etwas über den reißerischen Charakter. Eine interessante Definition, befand Ella.

Ich hasste das zubereitete Essen Ellas, daran konnte auch der Geschmacksverstärker Maggi nichts ändern, der griffbereit bei jedem Essen auf dem Tisch stand. Ich redete viel, hatte tausend Fragen zu allem und nichts, nur um vom Essen abzulenken. Lustlos stocherte ich im Essen, legte dann das Fleisch, besonders den Speck, der sich wie ein Krater vulkanartig auftürmte, fein säuberlich um den Tellerrand.

Alexander erging es ähnlich, aber er war gespalten. Man sah es an seiner unentschlossenen Haltung: mal vorgebeugt und gekrümmt, mal gerade, mit zurückgezogenen Schultern. Einerseits hatte er keinen großen Appetit, andererseits wollte er Ella nicht verärgern. Er ließ die Schultern hängen, fixierte seinen Blick, starrte dabei auf seinen Teller, aß widerwillig, was vor ihm lag.

Zweimal die Woche gab Ella Unterricht in gutem Ton und Benehmen. Dazu konsultierte sie ihr Heiligtum: Das Einmaleins des guten Tons. Gebetsmühlenartig las sie daraus vor. Der Löffel, die Gabel werden zum Gesicht geführt, nicht der ganze Körper zum Essen. Ab sofort, entschied sie, hatten wir das Mittagessen mit einem Besenstil im Rücken einzunehmen. Zuerst war es ja lustig und wir kicherten darüber. Dann entwickelten wir eine starke Abneigung gegen diese Methode. Ella ließ nicht locker. Nach Monaten dieser mittäglichen Tortur hatten wir die für sie richtige Haltung eingenommen. Die Dressur war ihr gelungen.

Es war an einem Mittwoch, als es wieder einmal diese verhasste Klunkersuppe gab. In die kochende Milch wurde ein Klumpen aus Eiern und Mehl geworfen, was dieses Klunk-Geräusch in der Milch erzeugte. Der brodelnde Milchgestank, leicht süßlich, kroch durch jede Ritze im Haus und erreichte den Vorplatz am Hauseingang. Gott, wie ich die Suppe hasste. Schon im Flur meldeten sich bei mir die ersten Würgereize. Wenn man auf die Mehl-Eier-Brocken biss, hatte man diesen undefinierbaren, geschmacklosen, ekligen, matschigen Geschmack im Mund. Synchron rollten Alex und ich unsere Augen nach hinten und aßen die verhasste Suppe mit langen, dolchartigen Zähnen.

Der Bauchspeck wurde nicht gebraten, nein, Ella kochte ihn in der Pfanne mit Wasser.

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