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»Können sie da mehr Volumen zaubern?«

Über die Autorin

Monika Wolff, geborene Fränkin, hatte viele Jahre einen eigenen Friseursalon, erst in Stuttgart, dann auf Sylt. Heute arbeitet sie als Angestellte in einem Münchner Kultsalon. Viele ihrer Kunden gehören zur Schickeria der bayerischen Hauptstadt.

Monika Wolff

»Können sie da mehr
Volumen zaubern?«

Ungeschnittene Geschichten einer Friseurin

Ulrich Graf war mein Lehrmeister. Für seine
Freundschaft bedanke ich mich ebenso
wie für die Zuneigung von Janaka Perera.

Inhaltsverzeichnis

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Katzenjammer

Wenn Frauen ihr Leben verändern wollen, gehen sie zum Friseur

Lehrjahre sind keine Herrenjahre

Die grüne Nixe

Teile mit Tücken

Die Meisterprüfung

»Charlie Zwo« und die Schwaben

Top Secret

Die Slips des Meistersängers

Wenn Klischee auf Vorurteil trifft

Macht Geld glücklich?

Das Saint Tropez des Nordens

Kiez trifft Elbchaussee

Abschied von Sylt

Eine Wasserschlacht

Die Fürstin

Champagner, Häppchen und jede Menge Botox

Der Glatzen-Gau

Eine Frau verschwindet

Kriminelle Energien

Die Sterne lügen nicht

Arabian Wedding

Amir

Der zweite Versuch

Eine italienische Hochzeit

Ex und hopp

Nicht der richtige Typ

Der Mann aus dem Netz

Das Vorher-nachher-Phänomen

Die Frau im Stuhl

Der ungute Geist aus der Flasche

Wenn der Kuckuck fliegt

Ozapft is

Stalker

Probelauf

Off Limits – fürs niedrige Volk

Mondsüchtig

Ein dreifach Hoch den Genen

Dreckschleuder

Zu guter Letzt: kleine Geheimnisse aus meinem Friseuralltag

Katzenjammer

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Schon seine dröhnende Stimme, mit der er sich im Salon anmeldete, ging mir auf die Nerven.

»Hier ist der Harry!«, brüllte er. »Alles paletti?« Ich musste jedes Mal tief durchatmen, um nicht gleich zu platzen.

»Hallo, Harry!«, antwortete ich knapp.

»Jetzt habt ihr wieder mal die Freude, einen echten Promi bedienen zu dürfen!« Es folgte schepperndes Gelächter und die Erklärung: »War ein Witz!«

Harry ist Sänger, Schlagersänger.

»Ein übler Schnulzenheini!«, wie mein Chef immer sagte. Harrys Platten verkaufen sich wie warme Semmeln. Ich würde sie als Mischung aus Tony Marschall und Michael Wendler beschreiben: laut, schnulzig und sentimental. Meiner Meinung nach leiden seine Fans alle unter Geschmacksverirrung, aber jedem das Seine.

Harry röhrte stets in einem Lamborghini an und erwartete, dass wir in vorauseilender Dienstbereitschaft vor dem Salon einen Parkplatz für ihn freihielten. Was wir nicht taten. Das veranlasste Harry dazu, Dauergebrauch von seiner Hupe zu machen, wenn er – immer mit gehöriger Verspätung – vor dem Salon anhielt. Anfangs stürzte jedes Mal eines der Lehrmädchen hinaus, um das Gehupe zu stoppen. Irgendwann, als er es zu bunt trieb, holte ein Ladenbesitzer aus der Nachbarschaft die Polizei. Ein köstliches Schauspiel! Harry stemmte sich aus dem niedrigen Sitz seiner Penisverlängerungsmaschine, wie mein Chef den Lamborghini nannte, und blickte sich um. Die Polizisten, die aus ihrem Streifenwagen stiegen und auf ihn zukamen, beachtete er erst mal nicht. Ihn interessierte nur sein Publikum.

»Meine Fans!«, wie er jeden, der sich nach ihm umdrehte, nannte. Er winkte den Schaulustigen leutselig zu, deutete auf die Polizisten und schüttelte den Kopf. Dann zog er Autogrammkarten aus seiner Jackentasche und überreichte sie den Herren in Uniform. Die waren erst verlegen, dann ratlos und schließlich sauer. Einer versuchte, ihn zu belehren. Harry winkte ab. Nach dem Motto: Seid froh, dass ihr endlich mal einem Star wie mir leibhaftig begegnet. Seine Papiere wollte Harry ebenfalls nicht vorzeigen. Erst als ihm die Polizisten drohten, ihn mit auf die Wache zu nehmen, lenkte er ein. Mit einem lauten Seufzer zwängte er sich hinter das Steuer und begab sich auf die Suche nach einem Parkplatz, was in dieser Gegend nicht so einfach war. Als Harry zehn Minuten später, fröhlich vor sich hin pfeifend, wieder erschien, räumten auch die Polizisten das Feld. Um einen Strafzettel war er diesmal gerade noch herumgekommen. Völlig unbeeindruckt verteilte Harry Autogramme an sein feixendes Publikum. Als sich die Menge endlich zerstreut hatte, betrat er schwungvoll den Salon. In der Tür blieb er stehen und verkündete: »Wirklich legal ist mein neuer Parkplatz leider auch nicht.« Dann schmetterte er seinen letzten abscheulichen Hit. Irgendwas mit Insel, Sehnsucht und ewiger Liebe. Unser Lehrmädel murmelte nur: »Kotz, spei, würg!«

Diese Prozedur wiederholte sich stets aufs Neue, wenn Harry zur Behandlung in den Salon kam. Irgendwann beschloss Harry, sich einen Chauffeur mit dazu passendem Auto, einem Bentley, zuzulegen. Und weil er seine Ankunft nun nicht mehr selbst ankündigen konnte, bekam der Fahrer die Anweisung, in seinem Namen kräftig die Hupe zu drücken. Nach einer kurzen Wirkungspause entstieg Harry dem Wagen, platzte in klirrenden Cowboystiefeln in den Salon und grüßte huldvoll nach allen Seiten. Dazu hob er leicht den rechten Arm und nickte gnädig. Er schritt an der Rezeption vorbei, nahm die beiden Marmorstufen, die zu den anderen Räumen führten, mit viel Getöse, durchquerte sämtliche Räumlichkeiten, um dann mir oder meinem Chef, die wir ihn zu stoppen versuchten, vertraulich die Hand auf die Schulter zu legen und zu sagen: »Es ist jedes Mal wie Heimkommen!« Dann ließ er sich in einen der Sessel fallen, was erneut Aufmerksamkeit erregte, denn Harry war fast 1,90 Meter groß und kein Hänfling.

»Wie immer«, bestellte er. Das hieß: Strähnchen färben, schneiden, Maniküre und manchmal auch eine Gesichtspackung. Für den kosmetischen Teil war meine Kollegin Suzanne zuständig, die sich bei diesen Behandlungen immer wie eine Schlangentänzerin winden musste, um Harrys flinken Fingern zu entgehen – er gehörte zu den Tatschern. Bevor er endlich irgendwann wohlig die Augen schloss, um seine Behandlung zu genießen, fingerte er in seiner Jackentasche herum, zog eine CD heraus und verlangte, dass wir sie sofort in den Player steckten. Keine Ausrede half. Harry bestand darauf, dass wir den ganzen Salon mit seinen neuesten Hits beschallten. Ich glaube, mein Chef hätte sich jedes Mal am liebsten im Klo eingeschlossen, so sehr schämte er sich. Aber unser Schlagerpromi kannte keine Gnade. Und es gab Kunden, die schworen, nie wieder zu kommen, wenn sie sich noch einmal diesen Schwachsinn anhören müssten. Immer wieder versuchte ich, sie zu beschwichtigen: »Harry kommt doch nur alle vier Wochen, meistens ist er irgendwo auf Tour!« Es half nichts. Ein paar meiner Lieblingskundinnen sah ich nicht wieder.

Unser Schlagerbarde wurde immer dreister. Irgendwann verlangte er von uns das Versprechen, dass wir, wenn wir weiterhin in den Genuss seines Umsatz fördernden Erscheinens kommen wollten, im Salon nur noch ausschließlich seine Musik spielten. Ich habe das erst mal als einen seiner unoriginellen Scherze aufgefasst.

»Umsatz fördernd?«, wiederholte ich fassungslos und war kurz davor, ihm von den Kundinnen zu erzählen, die seinetwegen weggeblieben waren.

»Lass mal, Moni«, winkte mein Chef ab. »Bis zum nächsten Mal hat er die Idee schon wieder vergessen.«

Von wegen! Harry bestand darauf und schleppte zum nächsten Termin sein gesamtes grauenvolles Plattenmachwerk an. Langsam wurde uns klar, dass wir etwas unternehmen mussten. Harry war zwar ein guter Kunde, aber er vergraulte andere, mindestens genauso gute Kunden, und das war auf die Dauer geschäftsschädigend. Außerdem hatte Suzanne langsam genug von seinen Aufdringlichkeiten. Aber was konnten wir tun?

»Hausverbot erteilen!«, schlug ein Kollege vor.

»Wir könnten ihn im hinteren Kabuff isolieren«, meinte Suzanne.

Das hätte sich allerdings bei der örtlichen Klatschpresse nicht gut gemacht – auf so eine Story lauert jeder Boulevardschreiber, und wie hätte der Salon dann dagestanden? Uns musste etwas Besseres einfallen. Am besten ging die Initiative von Harry aus. Und zwar so, dass nichts Negatives am Salon kleben blieb. Schließlich hatte mein Chef die zündende Idee. Er erzählte Harry, dass in London alle Top-Friseure ihre besonders wichtigen Kunden bei sich zu Hause privat bedienten. Quasi als »Special Service«, mit Champagner und leckeren Häppchen.

»Genau das werden wir jetzt auch einführen«, erklärte mein Chef, und als Ersten würde er natürlich Harry zu sich bitten.

»Im Salon bedienen wir in Zukunft nur noch das Fußvolk, die Crème de la Crème kommt in die Privatgemächer.«

Harry fand die Idee großartig und machte sofort einen Termin aus.

Der Champagner stand gekühlt im Kübel. Suzanne hatte Häppchen besorgt und sich besonders sexy gekleidet. Als ich die Tür öffnete, ertönte Harrys neuester Song. Er lächelte selig. Suzanne reichte ihm ein Glas Champagner. Mein Chef erwartete ihn im Wohnzimmer, breitete die Arme aus und deutete auf einen weißen Ledersessel.

»Extra für Sie angeschafft!«

Harry ließ sich hineinfallen – und erstarrte.

Ihm gegenüber auf der Couch lag Minou, die hellgraue Perserkatze meines Chefs. Sie streckte sich, gähnte gelangweilt und sprang Harry mit einem leisen Miauen auf den Schoß. Harry schrie auf, doch es war zu spät.

Heftigem Niesen folgte eine Kanonade von Schimpfwörtern und Verwünschungen. Denn Harry war zwar eine eitle Nervensäge, aber kein Vollidiot. Er begriff den Sinn dieser Inszenierung sofort: Vor nicht allzu langer Zeit hatte die Abendzeitung mit großer Aufmachung vom »Fast-Karriere-Ende« des beliebten Schlagerkönigs Harry S. berichtet, der Opfer seiner schlimmen Katzenhaarallergie geworden war. Wir alle hatten die Story gelesen und Harrys ausführliche Schilderung der »Beinahe-Katastrophe« mit mitfühlenden Kommentaren begleitet.

Selbstverständlich haben wir ihm sofort am nächsten Tag mit »größtem Bedauern« und einer Entschuldigung sein Plattenarchiv zurückgeschickt. In den Salon kam Harry nie wieder. Und niemals wieder haben wir eines seiner Lieder gespielt.

Diese Episode mit dem Schlagerbarden ereignete sich in einem Luxussalon in München, in dem ich gerade, frisch geschieden, aus Sylt kommend, angeheuert hatte. Auf der Insel hatte es schon viele Spinner gegeben, aber die Münchner Promis toppten sie noch bei Weitem!

Doch bevor ich in diesem VIP-Betrieb landete, musste ich einen oft sehr haarigen Weg hinter mich bringen.

Wenn Frauen ihr Leben verändern wollen,
gehen sie zum Friseur

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Ich war neun Jahre alt, als ich der Frau begegnete, der ich meinen Traumberuf verdanke. Auf dem Weg zur sonntäglichen Messe stöckelte sie vor mir und meiner Mutter über das holprige Pflaster unserer Kleinstadt. Sie trug ein helles Blümchenkleid und schwindelerregend hohe Pumps. Aber das Schönste an ihr waren ihre Haare: eine fuchsrote Mähne, in sanfte Wellen gelegt. Ich weiß nicht, ob die Pracht gefärbt war, aber das spielte für mich auch keine Rolle – sie war wie eine Verheißung. Mir kribbelte es in den Fingern, zu gern hätte ich über die Haare gestrichen und die glänzenden Wellen berührt. Von da an stand fest: Ich werde Friseurin!

Haare haben mich schon als Schulanfängerin fasziniert. In meiner Schultasche steckte neben Heften, Büchern und Stiften auch eine kleine Bürste, die mir meine Oma einmal geschenkt hatte. Sie hatte meiner Schwester Angelika und mir beigebracht, dass Haare glänzend und besonders kräftig werden, wenn man sie immer fleißig bürstet. Also bürstete ich. Nach dem Sport, nach dem Schwimmunterricht und auch immer dann, wenn ich mich unbeobachtet fühlte. Mein allergrößter Wunsch, dickes, lockiges Haar zu bekommen, erfüllte sich trotzdem nicht. Mein Haar war einfach sehr fein, da war nichts zu wollen.

»Engelshaar!«, spotteten meine Freundinnen.

Auch meine Puppen blieben von meiner haarigen Leidenschaft nicht verschont. Ich verpasste ihnen diverse Hochsteckfrisuren, Zöpfe und kesse Pferdeschwänze, und meiner Lieblingspuppe kürzte ich die blonden Wallelocken zu einer flotten Kurzhaarfrisur. Sie sah scheußlich damit aus, und meinen allerersten Haarschnitt werde ich schon deshalb nie vergessen, weil ich beim Anblick der Puppe bitterlich weinen musste. Ich versteckte sie auf dem Dachboden und vergaß sie irgendwann. Doch die Leidenschaft blieb. Haare – schwarze, braune, rote, blonde, weiße – waren immer das Erste, das mir an meinen Mitmenschen auffiel.

Irgendwann hörte ich auf, mit Puppen zu spielen, und begann damit, Frisuren an Familienmitgliedern und Freundinnen auszuprobieren. Meine Mutter und meine Schwester erzählen sich heute noch die wildesten Geschichten über meine Experimente auf ihren Köpfen. Zu Hause hieß es damals: »Steckt die Schere weg, Moni hat wieder ihren Frisurenfimmel.«

Meine Freundinnen aber mochten es, wenn ich mich über ihre Haare hermachte. Unvergesslich sind die Nachmittage, an denen wir zusammenhockten und in Illustrierten blätterten, um Vorlagen für angesagte Frisuren zu finden. Den Kopf beladen mit den geborgten Lockenwicklern unserer Mütter saßen wir im Kreis und redeten über 1. Jungs, 2. Mode, 3. Make-up und 4. Frisuren. Damals waren wilde Mähnen in, und der Stufenschnitt kam gerade in Mode. Die zementierten Dauerwellen-Lockenköpfe unserer Mütter rangierten definitiv unter »out«. Meine Freundin Gerda trug als Einzige von uns einen Bubikopf, sie wollte immer schon anders sein und hasste Lockenwickler.

Ich gebe zu, dass Frauen mit Lockenwicklern nicht gerade attraktiv aussehen. Aber damals waren wir noch anderer Meinung. Wir fühlten uns erwachsen, wenn wir »gewickelt« waren, und am Schluss frisierte ich alle ringsum, und wir wählten die Hair-Queen des Tages. Ich weiß noch, dass ich bei einem dieser Treffen, als wir über unsere Zukunft redeten, spontan sagte: »Ich werde eine berühmte Friseurin.«

Alle lachten. In der Kleinstadt waren Starfriseure damals noch eine unbekannte Spezies. Ich jedoch wusste sicher, was ich wollte. Haare sind das, was mich an Frauen und Männern am meisten fasziniert. Haare, die ein Gesicht umschmeicheln, die Persönlichkeit unterstreichen oder einen Menschen komplett verändern. Haare sind lebendig, manchmal widerspenstig, aber auch wundervoll, wenn man sie gut pflegt.

Und Haare waren zu allen Zeiten ein wichtiger Teil des Schönheitsideals und auch ein Statussymbol. Schon 3 000 vor Christus soll es im antiken Rom und in Ägypten Friseure gegeben haben, die färbten, schnitten und wellten. Selbst Haarteile gab es damals schon, und das Volk eiferte der Mode der Oberen nach.

In der Romantik gab es die Unisex-Mode – wallende Locken für Mann und Frau. Im Zeitalter der Gotik rasierten sich Frauen den Haaransatz, weil die hohe Stirn als schön galt, und später kam die kunstvolle Turmfrisur in Mode. Im 20. Jahrhundert wechselten die Trends schneller: In den 30er-Jahren galten Kurzhaarschnitte als emanzipiert, und in den 50er-Jahren traten die zementierten Dauerwellen auf den Plan.

Kurz, lang, toupiert, glatt, gewellt, gekräuselt – inzwischen orientieren sich Haarmoden an den Starfriseuren, den Stars und Models in aller Welt, und alles ändert sich rasend schnell. Doch eines wird immer bleiben: Frauen, ganz egal wie alt sie sind, legen Wert auf ihre Frisur, weil sie wie Kleidung ihre Persönlichkeit unterstreicht. Männer übrigens auch, und jede Ausnahme bestätigt nur die Regel.

Wenn Frauen ihr Leben verändern wollen, gehen sie zum Friseur. Darin liegt ein Funken Wahrheit. Und wir Friseure sind eben nicht nur Kunsthandwerker, sondern auch Psychologen, Entertainer und Beichtväter bzw. -mütter. Deshalb liebe ich meinen Beruf so sehr.

Übrigens bürste ich noch heute jeden Abend meine Haare, so wie meine Oma es mir beigebracht hat.

Lehrjahre sind keine Herrenjahre

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Meine Heimatstadt Schweinfurt ist eine Kleinstadt im Fränkischen. Nichts Weltbewegendes. Ich kann mich nur an ein einziges Mal erinnern, an dem das Städtchen den Society-Blättern eine Meldung wert war: Als Gunther Sachs, der Sohn eines örtlichen Millionärs und bis zu seinem Tod Deutschlands bekanntester Playboy, das französische Nationalheiligtum Brigitte Bardot heiratete. Da geriet ganz Schweinfurt aus dem Häuschen. Allerdings währte der Taumel nicht sehr lange, und bald regierten wieder die Provinzfürsten. Das sind der Bürgermeister, der Brauereibesitzer und die Familie, der das Sägewerk gehört. Am Stammtisch in der Wirtschaft des Brauereibesitzers treffen sich der Notar der örtlichen Klinik, der Polizeidirektor, der Leiter der Bankfiliale und was sonst noch einen Titel vor dem Namen hat. Die Gattinnen dieser Herrschaften lassen sich alle im Salon »Haarmonie« aufbrezeln.

Auch für mich kam für meine Ausbildung von Anfang an nur dieser Salon infrage – keine der Klitschen, die es an jeder Ecke gab. Schließlich wollte ich nicht in Schweinfurt versauern. Von Anfang an arbeitete ich zur Meisterprüfung hin, denn mit einem Meisterbrief und einer glänzenden Note würde ich in jedem Großstadtsalon einen Job finden. So war mein Kalkül, das dann ja auch prächtig aufging.

Doch zunächst war ich nur ein Lehrmädchen, das noch einen weiten Weg vor sich hatte. Und als Allererstes galt es, das Einmaleins der Kundenhierarchie zu lernen, denn die Kundinnen in unserem Provinzsalon achteten noch mehr auf das soziale und gesellschaftliche Gefälle als die Ladys in der Großstadt, wie mir später während meiner Münchener Zeit auffiel. Doch obwohl wir hauptsächlich die Crème de la Crème der Stadt bedienten, ging es unter unseren Kundinnen nicht gerade gesittet zu. Statt höflichem Geplauder stand Hauen und Stechen auf der Tagesordnung. Jede gegen jede. Die Dame, deren Gatte sich gerade auf der Karriereleiter um eine Sprosse höher gehangelt hatte, führte das große Wort. Für den Salon hieß das: Wenn sie zur Haar-, Nagel- und Gesichtspflege anrauschte, bekam sie die beste Kabine. Bei uns gab es damals acht Abteile, die mit Stoffbahnen voneinander getrennt waren. Das größte war für die Frau des Oberbürgermeisters reserviert. Hatte diese keinen Termin, durfte es an die Frau des Bankdirektors vergeben werden. War die wiederum verhindert, bekam es die Gattin des Klinikchefs. Und so ging es weiter bis ganz unten, wobei selten irgendeine Laufkundschaft in den Genuss kam, ihren Kopf über das geheiligte Becken beugen zu dürfen.

Schwierig wurde es, wenn zwei der sich am wichtigsten vorkommenden Ladys zur selben Zeit einen Termin hatten. Da half nur die feine Kunst der Diplomatie, und die beherrschte meine Chefin perfekt. Manchmal, wenn gar nichts ging und sich große Dramen anbahnten, wurde mir die Schuld in die Schuhe geschoben.

»Die Moni weiß es doch nicht besser!«, hieß es dann. »Die ist ja nur ein Lehrmädchen, bitte sehen Sie es ihr nach!«

Das bescherte mir ein paar giftige Blicke und, was viel schmerzlicher war, keinen Pfennig Trinkgeld! Überhaupt behandelten die großen Damen uns Lehrlinge wie ihre Dienstmädchen zu Hause und scheuchten uns hin und her.

»Mach dies! Mach das! Hol mir Kaffee. Geh doch mal schnell zur Reinigung, mein Kleid für heute Abend muss dort abgeholt werden.« Manchen der Ladys habe ich heimlich die Pest an den faltigen Hals gewünscht.

Außer mir arbeiteten vier weitere Lehrmädchen und zehn Friseusen in der Haarmonie. Meine ersten Monate waren enttäuschend. Sie bestanden aus Haare wegfegen, Kaffee holen, Handtücher stapeln und – als besondere Belohnung – die nassen Köpfe der Kundinnen frottieren. Letzteres handelte mir gleich den ersten Rüffler ein.

»Monika«, wies mich eine der Friseusen zurecht, »das hier ist kein hölzerner Übungskopf! Also sanft trocknen, mit Gefühl!«

Ich wurde Meisterin im gefühlvollen Umgang mit nassen Köpfen, und weil ich das anscheinend ganz gut machte, stieg ich die Karriereleiter unaufhaltsam nach oben. Stufe zwei war Haare waschen, auskämmen und Kuren einmassieren. Damals wusch man noch mit nach vorn übers Waschbecken gebeugtem Kopf – keine leichte Übung. Ziemlich bald gelang mir das Kunststück, ohne meinen Kundinnen eine Gesichtsdusche zu verpassen. Einmal allerdings wusch ich so gründlich, dass das Hörgerät einer alten Dame am Ende im Waschbecken schwamm.

»Das kann passieren!«, tröstete sie mich, als ich schon meinen Rausschmiss befürchtete.

Andere, besonders die ganz Noblen, zeigten weniger Verständnis. Im Gegenteil, die Grandessen warfen gern mal mit Kraftausdrücken um sich – von »blöde Kuh« bis »dumme Gans« habe ich alles gehört. Zunächst fiel es mir schwer, nicht auszurasten, wenn sich eine im Ton vergriff, aber mit der Zeit ignorierte ich die dreisten Kommentare einfach. Schließlich ist der Kunde König. Ein Spruch, der jedem Lehrling eingehämmert wird, obwohl er manchmal schwer nachzuvollziehen ist. Ein nach altem Schweiß riechender König? Oder eine Königin, deren Haare vor Fett starrend eine eigentümliche Form angenommen haben?

In den Salon kamen regelmäßig zwei alte Damen, die es mit der Hygiene nicht sehr genau nahmen. Wenn sie im Zweierpack anmarschierten, war jede von uns Lehrmädchen froh, wenn sie schon etwas zu tun hatte. Die beiden beschwerten sich über alles. Die Farbe habe nicht gehalten, der Schnitt auch nicht, die Bescherung könne man ja jetzt sehen. Was man hingegen wirklich sah, war, dass die Haare der Kundinnen eine ganze Weile lang weder mit Wasser noch mit einem Kamm in Berührung gekommen waren und infolgedessen als hässliche Zotteln vom Kopf hingen.

Es gab nur eines, wovor mir noch mehr grauste: Nissen und Läuse! Eine Kundin brachte auf ihrem Kopf eine ganze Zucht mit in den Salon. Als ich die Tierchen beim Waschen entdeckte, war ich so angeekelt, dass ich mit einem Satz nach hinten sprang und meine Chefin rief. Wir beschafften der Kundin ein spezielles Shampoo aus der Apotheke und komplimentierten sie hinaus. Der Salon musste danach desinfiziert werden. Noch wochenlang hatte ich das Gefühl, selbst eine Läusezucht auf dem Kopf zu haben, und kratzte mich unaufhörlich, was zu einem ernsthaften Krach mit der Chefin führte.

»Du vergrätzt mir alle Kunden!«, blaffte sie mich an. »Du hast keine Läuse, also lass die Kratzerei!«

Viele unserer Kundinnen ließen sich die Nägel lackieren und pflegen, hatten aber noch nie etwas von Pediküre gehört. Nicht einmal der Begriff sagte ihnen etwas. Erst als die Frau des Chefarztes, eine Dame aus Hamburg, mit spitzem Mündchen fragte, ob man sie denn auch pediküren könne, erhielt die Prozedur Einzug in unser Repertoire. Bislang hatten wir die Füße der Provinzdiven lediglich gewaschen und die Nägel geschnitten, bestenfalls mal eine Creme verwendet. Aber so richtig gepflegt? Das war fremdes Land. Nur zögerlich wurden die stiefmütterlich behandelten Füße vorgezeigt. Oft waren sie verhornt und mit Hühneraugen bedeckt. Als der neue Service einigermaßen etabliert war, mussten natürlich wir Lehrlinge ran. Einweichen, abrubbeln, cremen und massieren – das war unsere Aufgabe. Im Anschluss wurde gefeilt und lackiert, sodass die Damen am Ende gar nicht mehr in ihre Treter steigen mochten. Bei alldem ging es mir leider manchmal ähnlich wie bei den Läusen: Beim Anblick so mancher Schreitwerkzeuge hätte ich am liebsten laut »Pfui bah!« gerufen.

Wenn ich zu Hause jammerte, sagte mein Vater: »Lehrjahre sind keine Herrenjahre!« Ich habe diesen Satz gehasst! Später, als ich selbst Chefin war, erschrak ich, als ich mich dabei erwischte, wie ich diese Weisheit plötzlich selbst vom Stapel ließ.

Die grüne Nixe

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Weil mir nichts zu viel war und ich weder über Überstunden und Botengänge noch über die mageren fünfzig Mark, die sich mein Lohn nannten, meckerte, durfte ich bald mit der Chefin zu Privatkundinnen gehen. Sie brachte mir das Maniküren bei, und während sie Haare schnitt oder aufdrehte, beschäftigte ich mich mit den Händen der Gnädigen. Geübt hatte ich zu Hause an meiner Schwester Angelika. Sie kann sich nur mit einem grimmigen Lächeln an diese Zeit erinnern. Blutige Schrammen und Nagelbettentzündungen waren an der Tagesordnung.

Im zweiten Lehrjahr passierte dann meine allererste Katastrophe. Nachdem ich mich in allem sehr geschickt angestellt hatte, kam mein großer Tag, an dem ich das erste Mal mit Blondiercreme arbeiten durfte. Die Chefin hatte mir eingeimpft, wie viel ich verwenden sollte, wie lange die Creme auf dem Kopf der Kundin bleiben durfte und dass danach auf jeden Fall eine pflegende Packung angesagt war.

»Das Zeug greift die Haare und die Kopfhaut an!«, schärfte sie mir ein. »Du musst dich streng an meine Angaben halten!«

Ich rührte, verdünnte, fügte neue Creme hinzu und trug den Brei schließlich auf das noble Haupt der Angetrauten des Klinikchefs auf. Da ich vergessen hatte, mir Gummihandschuhe überzuziehen, brannten meine Hände wie Feuer, was ich in meinem Eifer, alles richtig zu machen, erst gar nicht bemerkte. Als mich der Schmerz schließlich heimsuchte, biss ich die Zähne zusammen und machte weiter. Endlich konnte ich der Kundin die übliche Plastikhaube aufsetzen und meine Hände waschen! Nach einer guten Stunde spülte ich die Haare der Kundin aus und massierte Pflege hinein. Während meine Chefin das Finish erledigte, lauerte ich im Hintergrund. Welche Erleichterung, als die hohe Frau ihr goldgelocktes Haupt im Spiegel bewunderte!

»Monika«, sagte sie, »das hast du richtig gut gemacht. Am Sonntag feiern wir in unserer neuen Villa ein Sommerfest. Wenn du magst, kannst du den Mädels beim Servieren helfen. Das gibt etwas Extrageld!«

Und ob ich wollte!

Der Sonntag war ein knallheißer Augusttag. Nachdem das Buffet eröffnet war, warteten alle darauf, dass die Hausherrin zum Schwimmen in den Pool einlud. Im schwarzen Einteiler schritt die stattliche Madame durch die Menge, kletterte in gezierter Pose in das Becken und schwamm ein paar Runden. Ihre Töchter und die Gäste folgten ihrem Beispiel. Schließlich kehrte die Hausherrin würdevoll zum Beckenrand zurück. Ich werde nie die spitzen Schreie vergessen, die sich in meine Ohren bohrten, als sie aus dem Wasser kletterte. Stolz, mit eingezogenem Bauch und herausgestrecktem Busen, entstieg sie dem blau schimmernden Wasser wie das Bondgirl Ursula Andress. Ihr Hausmädchen, das wartend neben dem Becken stand, um ihr den Bademantel zu reichen, starrte sie mit offenem Mund an. Ihre Töchter kreischten vor Lachen. Der Rest der Gesellschaft war schreckensstarr. Madames blonde Haarpracht leuchtete froschgrün. Eingehüllt in ihren weißen Frotteemantel blickte sie ratlos in die Menge.

»Die Haare!«, schrie ihre beste Freundin. »Ilse, deine Haare sind grün!«

Die »grüne Nixe« griff sich in die tropfnassen Locken. Eine der umstehenden Damen kramte einen Handspiegel aus ihrem Täschchen.

»Hier«, sagte sie. »Schau selbst!«

Ich stand keine fünf Meter entfernt. Als Madame den kleinen Handspiegel sinken ließ, starrte sie mir direkt in die Augen. Ich beobachtete, wie ihr bleiches Gesicht krebsrot wurde und sie sich in meine Richtung in Bewegung setzte.

»Du unfähiges Miststück!«, schrie sie und holte zu einer Ohrfeige aus.

Ich war so entsetzt, dass ich einfach stehen blieb, wo ich war. Nicht einmal ein Wort der Verteidigung brachte ich heraus. Allerdings wusste ich auch nicht, womit ich mich hätte rechtfertigen können. Ich hatte keinen blassen Schimmer, weshalb die goldblonden Locken auf einmal grasgrün leuchteten.

Abgewatscht und mit brennendem Gesicht verließ ich die Party. Die Gastgeberin keifte hinter mir her: »Das wird Konsequenzen haben! Hier bekommst du keinen Fuß auf den Boden! Kein Salon wird dich jemals mehr beschäftigen!« Es folgten noch ein paar weitere üble Beschimpfungen. Ich schnappte mir mein Fahrrad, das am Gartenzaun lehnte, und machte, dass ich davonkam.

Am nächsten Tag hatte sich die Story schon im Salon herumgesprochen. Nicht nur, dass die örtliche Presse den Skandal mit der grün verfärbten Klinikchefgattin samt Foto – leider in Schwarz-Weiß – breitgetreten hatte, auch meine Chefin war schon informiert. Ich bereitete mich also auf meinen Rausschmiss vor.

»Moni«, sagte das zweite Lehrmädchen dann auch grinsend, »du sollst in die Kaffeeküche zur Chefin kommen!« Okay, dachte ich mir. Augen zu und durch! Als ich den kleinen Raum hinter dem eigentlichen Salon betrat, wirkte meine Chefin aber seltsamerweise gar nicht sauer.

»Setz dich, das jetzt ist für die Zukunft!« Sie schenkte mir eine Tasse Kaffee ein, die ich verwirrt entgegennahm. »Kein Mensch wusste, dass die Frau Klinikchefin in ihrem neuen Pool auf Tauchstation gehen würde. Alle Gäste waren zu einem Sommerfest geladen.« Meine Chefin machte eine Pause, und ich fragte mich, was das bei den grünen Haaren für eine Rolle spielte. Ob Sommerfest oder Poolparty, Tatsache war, die Haare unserer Kundin glänzten in einer Farbe, die sie nun wirklich nicht bestellt hatte.

»Warum sind dann…«

»Moment«, unterbrach mich meine Chefin, »jetzt kannst du etwas Wichtiges lernen:

Unsere Kundin hat explizit gesagt, dass sie nicht gefärbt werden möchte. Sie verlangte ausdrücklich eine Behandlung mit Blondiercreme, warum auch immer. In jedem Fall gilt aber: Der Kunde, der zahlt, schafft an. Hätte sie uns gesagt, dass sie in ihren Pool steigen will, hätten wir nicht blondiert. In gechlortem Wasser werden blondierte Haare immer grün! Also, Moni, es war nicht deine und auch nicht meine Schuld.«

»Ich bin nicht gefeuert?«, fragte ich vorsichtshalber noch einmal nach.

Meine Chefin lachte. »Nein. Zieh deinen Kittel an und leg die neuen Handtücher raus.«

Die Frau des Klinikchefs allerdings sah den Sachverhalt etwas anders. Sie hatte einen Anwalt engagiert, der eine horrende Schadensersatzsumme verlangte, so von wegen seelischer und körperlicher Schäden. Meine Chefin ließ ein Gutachten von der Friseurinnung anfertigen, aus dem hervorging, dass stark gechlortes Wasser sich nicht mit blondierten Haaren verträgt.

Weil in unserer Kleinstadt selten etwas passierte, war auch diese Fortsetzung der Geschichte ein gefundenes Fressen für die Lokalpresse, wodurch uns »die grüne Lady« über den Landkreis hinaus kostenlose Werbung bescherte.

Teile mit Tücken

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Während meiner Lehrzeit waren in der Provinz Haarteile der ganz große Renner. Mit ihnen ließen sich dünne Flusen zu üppigen Mähnen aufplustern. Je nach Geldbeutel leisteten sich die Kundinnen feinstes europäisches Echthaar, asiatisches Gestrüpp oder künstliche Polyesterteile. Wenn sie aus teurem Echthaar waren, mussten die Ersatzhaare genauso sorgfältig gepflegt werden wie das Eigengewächs. Gewiefte Kundinnen besaßen meistens zwei von ihren Mogelpackungen. So konnten sie eine davon auf ihrem Kopf spazieren tragen, während wir uns um die andere kümmerten, sie wuschen, schnitten oder umfärbten.

Die Ehemänner merkten selten, dass die neue füllige Frisur ihrer Angetrauten nicht auf ein besonders wirkungsvolles Haarwuchsmittel zurückzuführen war, sondern auf einen aufwendigen Trick. Vielleicht sahen sie einfach nicht mehr so genau hin. Auf »Schatz, wie seh’ ich aus?« folgte meist, ohne die Fragerin auch nur eines Blickes zu würdigen: »Fabelhaft. Wie immer!« Und wenn die Frage dringlicher wurde, kam automatisch: »Hast du eine neue Frisur?« Wie sollte bei solch überwältigendem Interesse am Erscheinungsbild der Frau Gemahlin ein Mogelteil bemerkt werden?

Wir befestigten die Haarteile mit kleinen Kämmchen oder Spangen am Haar der Kundin, was im Alltag gut hielt. Allerdings rieten wir den verschönerten Ladys, auf besondere Akrobatik lieber zu verzichten. Was bei übermäßiger Bewegung passieren kann, musste nämlich eine unserer Kundinnen am eigenen Leib erfahren.

Herta, eine dralle Blondine von Anfang fünfzig, war schon seit längerer Zeit auf der Suche nach einem Mann für den Rest des Lebens. Hinter ihr lag eine stressige Ehe mit einem Alkoholiker.

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