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Königreich der süßen Versuchung

1. KAPITEL

Das wird er mir nie verzeihen.

Von der anderen Seite des Speisesaals aus betrachtete Andi Blake verstohlen ihren Boss. Wie immer wirkte er vollkommen gelassen und sah in seinem schwarzen Dinnerjackett unverschämt gut aus. Das schwarze Haar hatte er glatt nach hinten gekämmt. Mit zusammengezogenen Augenbrauen überprüfte er die Sitzordnung, die sie auf die Anrichte gelegt hatte.

Aber vielleicht war die ihm auch total egal. Denn Jake Mondragon war offensichtlich durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Was er eindeutig bewiesen hatte, als er seinen Job als erfolgreicher Investor in Manhattan aufgegeben hatte, um König in dem kleinen Bergstaat Ruthenia zu werden. Wie konnte sie daher annehmen, dass ihre Kündigung mehr als ein Schulterzucken hervorrufen würde? Vielleicht nicht einmal das, so bitter es auch war.

Nervös knüllte Andi den Umschlag mit der offiziellen Kündigung zusammen. Jetzt oder nie! schoss es ihr durch den Kopf. Sonst verlässt mich noch der Mut. Sie musste die Gelegenheit nutzen, und wenn es ihr noch so schwerfiel. Denn wenn sie jetzt nicht kündigte, würde sie über kurz oder lang Jakes Hochzeit organisieren müssen. Und das war eine unerträgliche Vorstellung. Vieles hatte sie in Kauf genommen, seit sie drei Jahre zuvor ihr geräumiges Büro in Manhattan mit diesem düsteren Palast vertauscht hatte. Aber die Vorstellung, dass ihr Boss eine andere Frau heiratete, überstieg eindeutig ihre Kräfte.

Ich muss endlich an mich und mein eigenes Leben denken.

Entschlossen straffte sie die Schultern und ging an der langen Tafel vorbei, die für fünfzig von Jakes engsten Freunden gedeckt war. Als sie näher kam, blickte Jake hoch. Und wie immer, wenn er sie mit seinen fast schwarzen Augen fixierte, fing ihr Puls an zu rasen. „Andi könnten Sie mich bitte neben Maxi Rivenshnell und nicht neben Alia Kronstadt setzen? Ich habe gestern bei den Hollernsterns schon neben Alia gesessen, und ich möchte nicht, dass Maxi sich vernachlässigt fühlt.“

Auch das noch. Dass sie sich um seine Frauengeschichten kümmern musste, hatte ihr gerade noch gefehlt. Die einflussreichsten Familien von Ruthenia wetteiferten darum, ihre Töchter im heiratsfähigen Alter möglichst vorteilhaft zu präsentieren. Denn schließlich war der „Posten“ der zukünftigen Königin zu vergeben. Welche Rolle spielte es da schon, was die kleine, unbedeutende Andi aus Pittsburgh dabei empfand?

„Ich kann Sie doch zwischen die beiden setzen.“ Andi bemühte sich um einen gleichmütigen Tonfall, was ihr nicht leichtfiel. Am liebsten hätte sie ihm den Umschlag an den Kopf geworfen. „Dann können Sie mit beiden gleichzeitig flirten.“

So hatte sie noch nie mit ihm gesprochen. Kein Wunder, dass er sie leicht irritiert ansah. „Ach, und hier ist übrigens meine Kündigung“, fügte sie schnell hinzu und hielt ihm den Brief hin. „Nach dieser Party verlasse ich Ruthenia.“

„Sie machen Witze, oder?“

Dass er ihr nicht glaubte, überraschte sie nicht. „Keineswegs. Das ist mein voller Ernst. Heute Abend bleibe ich noch hier. Schließlich bringe ich alles zu Ende, was ich einmal angefangen habe. Aber morgen früh reise ich ab.“ Dass sie so ruhig bleiben konnte, überraschte sie selbst. „Tut mir leid, dass ich mich nicht an die Kündigungsfrist von zwei Wochen gehalten habe. Aber in den letzten drei Jahren habe ich so gut wie keinen Urlaub gehabt, und da sollten Sie mir die kurzfristige Kündigung nachsehen. Die Feier zum Unabhängigkeitstag ist bestens vorbereitet. Jeder weiß, was er zu tun hat. Und ich bin sicher, Sie werden mich nicht vermissen.“

„Sie nicht vermissen? Wie kommen Sie denn darauf? Die Feier zum Unabhängigkeitstag ist das wichtigste Ereignis des Jahres in der Geschichte Ruthenias, zumindest seit dem Bürgerkrieg von 1502. Ohne Sie geht gar nichts, das wissen Sie doch genau.“

Das war mal wieder typisch für Jake. Ihre Wünsche spielten überhaupt keine Rolle. Und es ging ihm auch nicht um sie, sondern nur darum, dass an dem großen Tag nichts schiefging. Seit sechs Jahren arbeiteten sie jetzt zusammen, und Jake Mondragon kannte sie im Grunde gar nicht. Während sie quasi alles von ihm wusste. In diesen sechs Jahren war er zum Mittelpunkt ihres Lebens geworden, und leider hatte sie sich unsterblich in ihn verliebt.

Und er schien nicht einmal zu bemerken, dass sie eine Frau war …

Beunruhigt blickte er auf sie hinunter. „Ich habe doch immer gesagt, dass Sie mal Ferien machen sollten. Habe ich letzten Sommer nicht sogar vorgeschlagen, dass Sie ein paar Wochen nach Hause fahren und mal so richtig ausspannen?“

Nach Hause? Hatte sie überhaupt noch ein Zuhause? Ihr Apartment in Manhattan hatte sie aufgegeben, als sie drei Jahre zuvor mit Jake nach Ruthenia gegangen war. Nachdem sie die Schule abgeschlossen hatte, waren ihre Eltern in einen anderen Stadtteil gezogen. Außerdem arbeiteten beide. Was sollte sie also in einer fremden Umgebung, wo sie niemanden kannte? Wahrscheinlich würde sie sich den ganzen Tag nach Jake sehnen.

Doch das musste ein Ende haben. Sie würde endlich ihr eigenes Leben leben und sich ein Zuhause aufbauen müssen. In der kommenden Woche hatte sie sogar schon ein Bewerbungsgespräch für einen Job als Eventplanerin. In Manhattan. „Ich habe keine Lust, für den Rest meines Lebens Ihre persönliche Assistentin zu sein.“ Sie warf den Kopf in den Nacken. „Immerhin werde ich bald siebenundzwanzig. Da wird es allerhöchste Zeit, dass ich mich endlich mal um meine Karriere kümmere.“

„Aber Ihre Position beinhaltet doch so viel mehr als die einer persönlichen Assistentin. Wir können ihr einen anderen Namen geben. Wie wäre es mit …“ Er blickte sie nachdenklich an, und sofort beschleunigte sich ihr Herzschlag. „Wie wäre es mit ‚Geschäftsführerin‘?“ Er lachte leise. „Schließlich ist das Königshaus hier doch so was Ähnliches wie eine Firma.“

„Sehr witzig. Nur dass ich keine anderen Aufgaben hätte als früher.“

„Aber keiner kann die so gut erledigen wie Sie.“

„Sie werden schon ohne mich zurechtkommen.“ Schließlich gab es ungefähr dreißig Palastangestellte. Da konnte von einer Notlage wirklich nicht die Rede sein. Und keinesfalls wollte sie bis zum Unabhängigkeitstag bleiben. Denn die Presse hatte schon bei Jakes Regierungsantritt betont, wie wichtig es sei, dass er heirate. Aus Jux hatte er damals gesagt, dass er sich drei Jahre Zeit lassen wolle. Der dritte Unabhängigkeitstag unter seiner Regierung sei seine Deadline.

Nun erwartete natürlich jeder, dass etwas passierte. Und da Jake normalerweise sein Wort hielt, wie Andi wusste, würde nächste Woche irgendeine Entscheidung fallen. Maxi, Alia, Carina … genug Anwärterinnen gab es bestimmt. Und Andi wollte nicht auch noch bei der Verlobungsfeier dabei sein.

Jake legte das Blatt mit der Sitzordnung wieder hin, dachte aber nicht daran, Andi den Umschlag abzunehmen, den sie ihm immer noch hinhielt. „Ich weiß, dass Sie in der letzten Zeit sehr viel gearbeitet haben. Ihre Tätigkeit hier im Palast ist kein Achtstundenjob. Aber ich habe Ihnen doch immer freie Hand gelassen, Ihre Arbeitszeiten selbst zu bestimmen. Und bei Gehaltsforderungen waren Sie auch nicht gerade zimperlich.“

„Ich weiß, dass ich gut bezahlt werde.“ Dass sie regelmäßig um eine Gehaltserhöhung gebeten hatte, hatte Jake imponiert. Und vielleicht hatte sie es auch deshalb getan. Wie auch immer, die Folge war, dass sie gut hatte sparen können, was ihr einen Neustart erleichtern würde. „Aber es wird Zeit, dass ich mich nach etwas anderem umsehe.“ Warum war sie nur so verrückt nach ihm? Er hatte doch nie auch nur das geringste Interesse an ihr gezeigt.

So wie jetzt, als er leicht ungeduldig auf die Uhr sah. „Die Gäste werden jede Minute hier sein, und ich muss unbedingt noch mit New York telefonieren. Wir reden später weiter und werden bestimmt eine Lösung finden …“, zerstreut lächelte er sie an und klopfte ihr auf die Schulter, als sei sie ein alter Kumpel, „… die Sie glücklich macht.“ Damit drehte er sich um und verließ den Raum, während Andi ihm fassungslos hinterhersah, das Kündigungsschreiben noch immer in den bebenden Fingern.

„Oh nein!“, stieß sie frustriert aus, nachdem er die Tür hinter sich geschlossen hatte. Natürlich war er absolut sicher, dass er sie umstimmen konnte. Denn dafür war er bekannt. Und er war sogar der Meinung, sie „glücklich machen“ zu können. Was für eine Unverschämtheit! Obwohl es leider gerade dieses unerschütterliche Selbstbewusstsein war, das sie besonders anzog. Sie glücklich machen … Wenn er wüsste, dass es dafür nur einen Weg gab, nämlich sie in die Arme zu ziehen, ihr zu sagen, dass er sie liebe, und sie zu heiraten.

Aber Könige heirateten keine unbedeutenden Sekretärinnen aus Pittsburgh. Auch wenn ihr Königreich noch so klein war.

„Die Pastetchen sind fertig“, unterbrach eine Stimme Andi in ihren Grübeleien. „Und die Köchin fragt, wo sie hinsollen.“

Andi war zusammengezuckt und drehte sich jetzt zu Livia, einer der Palastangestellten, um, die durch eine andere Tür hereingekommen war. „Äh … lassen Sie einige für die ersten Gäste hier raufbringen. Auch die mit Käse gefüllten Selleriestangen.“

„Okay.“ Livia nickte gleichmütig. Für sie war dies ein Abend wie jeder andere. Nur für Andi war es der letzte …

„Und? Haben die Sie nun zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen?“ Neugierig beugte Livia sich vor.

„Dazu will ich jetzt nichts sagen.“

„Aber wenn, wie wollen Sie das hinkriegen? Ich meine, sich in New York zu bewerben, wenn Sie hier im Palast gebraucht werden?“

Andi hatte noch niemandem erzählt, dass sie Ruthenia auf alle Fälle verlassen würde. Das wäre ihr wie ein Betrug an Jake vorgekommen. Man würde es schon noch früh genug erfahren.

Als Andi schwieg, richtete Livia sich auf und stemmte empört die Hände in die Hüften. „Sie können doch nicht einfach ohne mich nach New York abhauen. Ich habe Ihnen schließlich von dem Job erzählt.“

„Aber Sie haben nicht gesagt, dass Sie ihn wollen.“

„Ich habe gesagt, dass er sich fantastisch anhört.“

„Dann sollten Sie sich bewerben.“ Genervt wandte Andi sich ab. Eine solche Unterhaltung brachte überhaupt nichts, und Livia würde sie sich bestimmt nicht anvertrauen. Das Mädchen konnte kein Geheimnis für sich behalten.

„Mach ich vielleicht auch!“ Kess grinste Livia sie an.

Andi zwang sich zu einem freundlichen Lächeln. „Reservieren Sie mir eine Pastete, ja?“

Livia zog nur kurz die Augenbrauen hoch und verschwand durch die Tür, durch die sie gekommen war.

Leise seufzend strich Andi sich das Haar zurück. Wer würde in Zukunft das Menü zusammenstellen und darauf achten, dass der Service bei Tisch reibungslos ablief? Vielleicht die Köchin, obwohl sie nicht sehr belastbar war und bei Stress schnell ausflippte. Livia? Sie konnte nicht gut organisieren und war deshalb bei Beförderungen schon ein paar Mal übergangen worden. Das mochte auch der Grund dafür sein, dass sie Ruthenia verlassen wollte.

Wie auch immer, das war nicht mehr Andis Problem, und Jake würde sicher bald Ersatz für sie finden. Bei dem Gedanken wurde ihr das Herz schwer, doch dann atmete sie tief durch, straffte die Schultern und trat auf den Flur, der ins Foyer führte. Offenbar waren die ersten Gäste eingetroffen, denn sie hörte Stimmen. Beim Näherkommen sah sie auch, wie die Diener den Damen die teuren Mäntel abnahmen, worunter schmal geschnittene Abendkleider und glitzernde Juwelen zum Vorschein kamen.

Unwillkürlich strich sich Andi die schlichte schwarze Stoffhose glatt, die sie trug. Es schickte sich nicht, dass eine Angestellte sich ähnlich elegant wie die Gäste kleidete. Als Jake die Treppe herunterkam und die Damen mit einem Kuss auf beide Wangen begrüßte, verspürte Andi einen Stich und ärgerte sich über sich selbst. Ihre Eifersucht war einfach lächerlich. Eine dieser jungen Frauen würde Jake heiraten, das war ihr von Anfang an klar gewesen. Und es wurde allerhöchste Zeit, dass sie sich endlich damit abfand.

„Können Sie mir ein Kleenex besorgen?“ Maxi Rivenshnell sah Andi noch nicht einmal an, als sie ihr die Frage stellte.

„Selbstverständlich.“ Andi biss die Zähne zusammen, während sie ein Papiertuch aus der Packung zog, die sie immer bei sich trug. Immer noch ohne sie anzusehen und ohne ein Wort des Dankes, nahm Maxi es ihr aus den Fingern und steckte es sich in ihren langen Handschuh.

Wieder wurde Andi schmerzhaft bewusst, dass sie für diese Menschen einfach nicht existierte. Ihre Aufgabe war es lediglich, ihnen zu dienen, so wie sie es von ihrem eigenen Personal gewohnt waren. Als ein Kellner mit einem Tablett voller Champagnergläser erschien, half Andi ihm, die Gäste zu bedienen, während sie gleichzeitig dafür sorgte, dass sich alle in den grünen Salon begaben. Dort brannte bereits ein Feuer in dem großen Kamin aus Natursteinen, über dem das Wappen des regierenden Königshauses hing.

Während sich der Raum mit elegant gekleideten Rutheniern füllte, ging Jake lächelnd durch die Menge und machte Konversation. Viele der Familien waren erst kürzlich aus dem Exil zurückgekehrt. Viele Jahrzehnte hatten sie in Städten wie London, Monaco oder Rom gelebt und sich mit dem Zusammenbruch des sozialistischen Systems in Ruthenia Freiheit und Wohlstand in ihrem Heimatland erhofft.

Und der junge neue König hatte sie nicht enttäuscht. Es gab bereits wieder eine reiche Oberschicht, aber auch dem übrigen Volk ging es dank der vielen innovativen Ideen, die Jake eingebracht hatte, sehr viel besser. Selbst die Antiroyalisten, die anfangs gegen die Wiedereinführung der Monarchie demonstriert hatten, sahen ein, dass Jake Mondragon wusste, was er tat.

Er hatte weltweit Märkte für bestimmte ruthenische Agrarprodukte erschlossen und Investoren ins Land geholt, die sehr schnell die strategischen Vorteile dieses in Zentraleuropa gelegenen Staates erkannt hatten. In nur drei Jahren hatte sich das Bruttosozialprodukt verdoppelt – sehr zum Erstaunen der übrigen Welt.

Als sich in einer Ecke des Raums lautes Gelächter erhob, wandte Andi den Kopf. Jake war umringt von jungen Leuten meist weiblichen Geschlechts und hatte den Arm um die Schulter von Carina Teitelhaus gelegt, einer blonden Schönheit, der das Haar bis zur Taille reichte. Schnell bückte Andi sich und hob eine Serviette auf. Jake, mit den Schönen des Landes flirtend … Nach diesem Anblick würde sie sich bestimmt nicht verzehren. Zwar behauptete er immer, dass er damit nur die vermögenden Väter dazu bringen wolle, mehr Geld in das Land zu investieren. Aber für Andi war sein Verhalten auch ein Zeichen dafür, wie gleichgültig ihm die Menschen, die er nur für seine Zwecke benutzte, und deren Gefühle eigentlich waren. Und wenn er eine der jungen Frauen heiratete, dann nur, weil das zu seinem „Job“ als König gehörte.

Ich muss unbedingt noch heute Abend verschwinden, dachte sie. Denn sie wusste, wie wenig sie Jakes Überredungskünsten entgegenzusetzen hatte.

Jake schob seinen Dessertteller zurück. Für diesen Tag hatte er genug von all dem süßen Zeug, und das bezog sich nicht nur auf den Nachtisch. Ihm schwirrte der Kopf, denn er saß zwischen Maxi und Alia, die den ganzen Abend um seine Aufmerksamkeit gebuhlt hatten. Was hatte Andi sich nur dabei gedacht? Sie wusste doch genau, dass er wenigstens mit einem seiner Tischnachbarn ein vernünftiges Gespräch führen wollte. Und nun hatte sie ihre Drohung wahr gemacht und ihn zwischen die zwei nervigsten Frauen Ruthenias gesetzt.

Apropos, wo war Andi eigentlich? Suchend sah er sich im Speisesaal um. Da der Raum nur mit Kerzen beleuchtet war, konnte er sie nicht gleich entdecken. Seltsam, normalerweise hielt sie sich doch in seiner Nähe auf, um gleich zur Stelle zu sein, wenn er etwas brauchte. Er winkte eine junge Frau des Bedienungspersonals heran. „Ulrike haben Sie Andi gesehen?“

Die Bedienung schüttelte den Kopf. „Leider nicht, Sir. Soll ich sie suchen gehen?“

„Nein, danke. Ich werde sie schon finden.“ Zumindest dann, wenn er endlich nach diesem achtgängigen Menü würde aufstehen können. Doch noch musste er sich gedulden, denn er konnte es nicht riskieren, seine beiden Tischnachbarinnen vor den Kopf zu stoßen. Ihre Väter gehörten zu den wohlhabendsten und einflussreichsten Männern des Landes, und er brauchte ihr Kapital, um die Wirtschaft am Laufen zu halten.

Wenn er seine beiden Nachbarinnen betrachtete, konnte er sich vorstellen, dass Männer anderer Kulturkreise es praktisch fanden, mehrere Frauen zu heiraten. Beide waren sehr hübsch. Maxi mit dem tiefen Ausschnitt war wohl eher von heißblütigem Temperament, während Alia mit der Samtstimme der Typ kühle nordische Schönheit war. Aber eigentlich wollte er keine von beiden heiraten.

Carina Teitelhaus, die ihm gegenübersaß, warf ihm jetzt einen langen, eindeutigen Blick zu. Ihr Vater besaß große Fabrikanlagen, die erweitert werden könnten, um so mehr Arbeitsplätze zu schaffen. Und Carina war das sehr wohl bewusst.

Innerlich stöhnend lehnte Jake sich zurück. Die jungen Frauen der alten Familien wurden zunehmend aggressiver, wenn es darum ging, ihm zu signalisieren, dass sie sich vorzüglich zur Königin eigneten. Ihnen diese Hoffnung nicht zu nehmen und dennoch nichts zu versprechen fiel Jake immer schwerer. Wenn er daran dachte, dass er versprochen hatte, vor dem nächsten Unabhängigkeitstag, also in der kommenden Woche, seine Wahl bekannt zu geben, wurde ihm ganz elend. Als er dieses Versprechen drei Jahre zuvor abgegeben hatte, schien er noch so unendlich viel Zeit zu haben …

Doch jetzt war es so weit, und es gab nur die Alternative, entweder eine Frau zu wählen oder sein Wort zu brechen. Jedem hier im Saal war das bewusst, und alle beobachteten ihn übergenau, um herauszufinden, wem denn nun seine Gunst galt. Der Speisesaal kam ihm wie ein geheimes Schlachtfeld vor, auf dem jeder subtil seine Kämpfe austrug. Normalerweise hatte Andi durch eine geschickte Sitzordnung das Schlimmste vermeiden können. Aber an diesem Tag hatte sie ihn so richtig hängen lassen.

„Bitte entschuldigen Sie mich, meine Damen …“ Jake hielt es nicht länger aus, stand auf und ging zur Tür. Dass Andi nicht zu sehen war, beunruhigte ihn. Wenn sie nun einfach gegangen war? Unvorstellbar, denn sie war diejenige, die dafür sorgte, dass im Palast alles reibungslos lief. Was in diesen Jahren des Wandels besonders wichtig war, denn Jake hatte weder Zeit noch Energie, sich auch noch um die Belange des Palastes zu kümmern. Sie erledigte jede Aufgabe zuverlässig, kaum dass er sie gestellt hatte. Außerdem war sie ein Organisationstalent, handelte überlegt und taktvoll. Und nun sollte er ohne sie zurechtkommen? Das war unmöglich!

Schnellen Schrittes ging er in den Westflügel und blickte in Andis Büro. Es war dunkel. Wo war sie nur? Oft hatte sie auch noch abends hier gesessen, da das die beste Zeit war, mit Geschäftspartnern in den USA Kontakt aufzunehmen. Immerhin stand ihr Laptop noch auf dem Schreibtisch, das war ein gutes Zeichen.

Jetzt stieg Jake die breite Treppe hoch, die in den ersten Stock führte, wo sich die Schlafräume befanden. Wie die Mitglieder der königlichen Familie bewohnte Andi eine Suite, kein kleines Zimmer wie die übrigen Palastangestellten. Aber sie gehörte ja auch quasi zur Familie, verdammt noch mal! Und das bedeutete, dass sie nicht einfach ihre Sachen packen und gehen konnte!

Zögernd näherte er sich der geschlossenen Tür und klopfte. Keine Antwort. Vorsichtig drückte er die Türklinke hinunter. Zu seiner Überraschung ging die Tür auf, und er trat ein. Nachdem er das Licht angeschaltet hatte, sah er sich in dem Raum um. Wie auch ihr Büro war alles klar und aufgeräumt und wirkte eigentlich eher wie ein Hotelzimmer, unpersönlich und kalt. Als er die beiden Koffer bemerkte, die gepackt waren, aber noch geöffnet auf dem Bett lagen, stockte ihm der Atem. Sie hatte also wirklich vor zu gehen!

Aber noch musste sie irgendwo sein. Ein Hauch ihres Parfums lag in der Luft, als sei sie im Raum. Nur wo? Versteckte sie sich vor ihm? Schnell öffnete er die Türen des großen Kleiderschranks. Nichts.

Tief enttäuscht wandte Jake sich ab. Nie wäre er auf den Gedanken gekommen, dass sie ihn so einfach verlassen könnte. Bedeuteten ihr die sechs Jahre denn gar nichts, die sie zusammengearbeitet hatten? Dennoch, ohne ihr Gepäck konnte sie nicht abreisen. Vielleicht sollte er die Koffer einfach mitnehmen und irgendwo verstecken, wo Andi sie nicht finden konnte. In seinen Räumen? Doch dann wüsste sie, dass er ohne ihre Einwilligung ihre Suite betreten und ihre Koffer sozusagen als Geisel genommen hatte. Das wäre peinlich. Denn Andi war eine sehr aufrichtige Frau, der ehrenhaftes Verhalten über alles ging. Oft hatte sie Jake schon von etwas abgehalten, das sie nicht in Ordnung fand. Da konnte er nicht einfach ihre Koffer mitnehmen.

Hatte sie nicht gesagt, sie würde erst nach dem Fest verschwinden? Also würde eine Frau wie sie auch bestimmt Wort halten und warten, bis der letzte Gast gegangen war. Das heißt, bis dahin würde er sie finden müssen, um sie von ihrem verrückten Plan abzuhalten. Schnell knipste er das Licht aus und verließ den Raum.

Während er auf die Treppe zuging, warf er einen Blick den Flur hinunter in Richtung Ostflügel. Auch da war nichts zu sehen. Irgendwie hatte er ein ungutes Gefühl. Die gepackten Koffer waren ein ausgesprochen schlechtes Zeichen. Dennoch konnte er sich nicht vorstellen, dass Andi Ruthenia – und ihn – so einfach verlassen würde.

„Aber Jake, wo hast du dich denn versteckt?“ Maxi stand am Fuß der Treppe und blickte zu ihm herauf. „Colonel von Deiter hat angeboten, sich ans Klavier zu setzen. Wir alle haben Lust zu tanzen.“ Mit einem verführerischen Lächeln streckte sie beide Arme nach ihm aus. Es war klar, sie wollte ihn zu dem ersten Tanz abholen.

Wieder überfiel Jake dieses merkwürdige Gefühl, das er manchmal hatte, seit er nach Ruthenia zurückgekehrt war. Alles war so unwirklich: die altmodische Klavierbegleitung, obwohl es CDs und Bands gab, die festlich gekleideten Damen, die wie in den Romanen des neunzehnten Jahrhunderts am liebsten noch Tanzkarten ausgegeben hätten. Wenn er doch jetzt in eine Geschäftsbesprechung entfliehen könnte, anstatt sich von Maxi auf die Tanzfläche ziehen zu lassen. Sehr viel lieber würde er Andi einen Brief diktieren, als sich mit Maxi im Kreis zu drehen.

„Hast du zufällig meine Assistentin Andi gesehen?“

„Du meinst das kleine Mädchen mit den hochgesteckten Haaren?“

Verärgert runzelte Jake die Stirn. Eine erwachsene Frau in den Zwanzigern als kleines Mädchen zu bezeichnen, fand er schon ziemlich unverschämt. „Sie ist fast eins siebzig“, sagte er etwas von oben herab. „Ja, und sie trägt das Haar meist zu einem Knoten hochgesteckt.“

Eigentlich merkwürdig, dass er sie in der ganzen Zeit nie mit offenem Haar gesehen hatte. Ehrlich gesagt war ihm bisher nicht aufgefallen, was sie überhaupt für eine Frisur hatte. Wie sie wohl mit offenen Haaren aussah …? „Ich habe überall nach ihr gesucht, aber sie scheint sich in Luft aufgelöst zu haben.“

Maxi zuckte nur mit den Schultern. „So muss es wohl sein. Nun komm, wir wollen tanzen.“

In diesem Augenblick tauchte auch Jakes Freund Fritz hinter Maxi auf. „Nun komm schon, Jake. Das kannst du den Damen nicht antun. Wenigstens ein oder zwei Tänze. Ich bin sicher, dass Andi Besseres zu tun hat, als dich zu bemuttern.“

„Aber das tut sie doch gar nicht. Sie ist eine sehr wichtige Mitarbeiterin.“

Fritz lachte. „Und deshalb ist sie ständig um dich herum, um dir jeden Wunsch von den Augen abzulesen?“

„Das stimmt nicht!“ Oder vielleicht doch? Jake selbst hatte Andis Einsatz nie für selbstverständlich gehalten. Aber vielleicht hatte sie das Gefühl, dass er ihre Arbeit nicht richtig würdigte? Entschlossen straffte er die Schultern und ergriff lächelnd Maxis Hand. Schließlich war er der Gastgeber.

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