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Königin der Seelen

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Karte
  6. Widmung
  7. Danksagungen
  8. Für meine Leser
  9. Prolog
  10. Kapitel 1
  11. Kapitel 2
  12. Kapitel 3
  13. Kapitel 4
  14. Kapitel 5
  15. Kapitel 6
  16. Kapitel 7
  17. Kapitel 8
  18. Kapitel 9
  19. Kapitel 10
  20. Kapitel 11
  21. Kapitel 12
  22. Kapitel 13
  23. Kapitel 14
  24. Kapitel 15
  25. Kapitel 16
  26. Kapitel 17
  27. Kapitel 18
  28. Kapitel 19
  29. Kapitel 20
  30. Kapitel 21
  31. Anhang

Über die Autorin

C. L. Wilson wurde in Houston, Texas, geboren. Ihre Eltern arbeiteten bei der NASA, und schon als Kind liebte sie Mythen und Geschichten über andere Welten. So ist es kein Wunder, dass sie Schriftstellerin wurde. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Florida, USA.

Auf C. L. Wilsons englischsprachiger Homepage www.clwilson.com erhalten Sie weitere Informationen über die Autorin.

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Für Alicia Condon

Danke für alles - für die Telefongespräche

am späten Abend,

die kreativen Sitzungen, die langen Stunden,

in denen du mir unermüdlich geholfen hast,

dieses Buch zu verbessern.

Und vor allem danke, dass es dich gibt.

Ohne dich hätte ich es nicht geschafft.

Ve sha beilissa te eiri.

Danksagungen

Wie immer ein großes Dankeschön an meine Freunde und Verwandten, die mir mit diesem Buch geholfen haben:

Karen Rose, Bettina Krahn, meine Schwester Lisette, Elissa Wilds, meine Mutter Lynda Richter und meine Tochter Ileah. Falls ich jemanden vergessen haben sollte, liegt es an meinem schlechten Gedächtnis, nicht an mangelnder Anerkennung!

Danke all den großartigen Lesern, die Gedichte für meinen Lyrikwettbewerb eingesandt haben. Besonderen Dank schulde ich den Verfassern der Gedichte, die in das vorliegende Buch aufgenommen wurden: Sigrid Robinson, Janet Reeves, Ishshka Rubert, Suhad Saleh, Bridget Clarke, Asia Bey und Jessica Julian. Danke, dass Sie dazu beigetragen haben, die Welt von Eloran mit Ihrem Talent so sehr zu bereichern.

Dank an Judy York, die das Cover entworfen und mit ihrer künstlerischen Begabung Eloran zum Leben erweckt hat. Judy, dieses Cover ist ein Knüller!

Zu guter Letzt möchte ich meinem Vater Ray Richter danken, dem Computer-Genie, der mir zuliebe über Nacht zum Website-Guru wurde!

Für meine Leser

Herzlichen Dank, dass Sie sich für dieses Buch entschieden haben. Und danke all jenen, die mir in den wahrlich anstrengendsten Jahren meines Lebens mit ihren wundervollen Briefen Mut gemacht haben. Ihre Unterstützung war mir eine große Hilfe.

Danke für Ihr Interesse an Rains und Ellies Geschichte. Wie Sie wissen, besteht die Tairen-Soul-Serie jetzt aus fünf Bänden, also halten Sie Ausschau nach dem fünften und letzten Band, der demnächst erscheinen wird.

Besuchen Sie meine Website, www.clwilson.com, um sich über meine Neuerscheinungen auf dem Laufenden zu halten, an meinen Online-Programmen teilzunehmen und nach verborgenen Schätzen und magischen Überraschungen zu suchen. Ich hoffe, Sie nehmen sich die Zeit, mehr über die Fey und die Schwindenden Lande wie auch über andere Geschichten der Fey und meine nächsten Romane zu erfahren.

Ich würde mich freuen, von Ihnen zu hören. Schicken Sie mir magische Grüße - oder, falls Sie den nicht magischen Weg vorziehen, einfach eine E-Mail an cheryl@wilson.com.

Prolog

Celieria - der Garreval

Sie war erst neun Jahre alt, und sie würde sterben.

Lillis Baristani klammerte sich an ihren geliebten Freund, den Fey-Krieger und Erdbändiger Kieran vel Solande, und vergoss Tränen der Angst an seinem Hals.

Rings um sie herum herrschten Chaos und Grauen. Magie, Schwerter und Pfeile aus Sel'dor schwirrten durch die Luft. Die Erde färbte sich rot von Blut. An den Ausläufern des Rhakis-Gebirges stürmten Dutzende monströser wolfartiger Tiere, sogenannte Darrokken, knurrend und mit gefletschten Zähnen zu der kleinen Schar der Fliehenden hinauf, während die Herren der bösartigen Tiere eine magische blau-weiße Feuerkugel nach der anderen schleuderten, um jeden Fluchtweg abzuschneiden.

Was von dem Magier-Feuer berührt wurde, zerfiel sofort … löste sich nicht auf, sondern verschwand einfach spurlos. Ganze Teile des Berges waren von einem Moment auf den anderen wie weggeblasen. Der Boden unter Kierans Füßen bebte und schwankte.

»Kieran!«, schrie sein Freund Kiel und zeigte nach oben. »Der Berg!« Eine weitere Salve des magischen Feuers hatte den halben Gipfel über ihnen zerstört. Die verbliebenen Felsen und Steine brachen mit dumpfem Grollen in sich zusammen und rollten in einer Woge aus Erde, Stein und Holz auf sie zu.

»Halt dich gut fest, meine Kleine«, wisperte Kieran. Lillis schlang ihre Arme fester um seinen Hals und presste sich so eng an ihn, dass ihre kleine Katze Schneepfötchen protestierend miaute und in dem Tragetuch, das Lillis sich umgebunden hatte, zu zappeln anfing. Kieran hob beide Hände, und sie konnte das Prickeln spüren, das entstand, als seine magischen Kräfte beschworen wurden. Kleine Funken von grünem Licht tanzten über ihre Haut, und in ihrem Inneren erwachte Lillis' eigene Magie.

Sie kniff die Augen zu und drückte ihr Gesicht an Kierans Hals. Bitte, Herr des Lichts, hilf Kieran!, betete sie. Ich will nicht, dass er stirbt. Oder Papa, Lorelle, Kiel oder ich.

Sie spürte, wie Kierans Hals unter ihren Lippen vibrierte, als er einen trotzigen Schrei ausstieß und seine magischen Gewebe auswarf. Die Magie wich schlagartig von ihm - und auch von ihr. Bitte, ihr Götter, bitte, bitte!

So unglaublich es schien - oder vielleicht war es tatsächlich ein Wunder -, der rutschende Berg erstarrte. Lillis riskierte einen kurzen Blick, um sich zu überzeugen, dass sie nicht platt gedrückt werden würden wie ein Butterkuchen, und schloss die Augen rasch wieder.

»Fünffache Gewebe, meine Brüder!«, rief Kieran. »Haltet uns das verdammte Magierfeuer vom Leib!« Auf einmal gab er einen Schmerzenslaut von sich, und Lillis spürte, dass er taumelte. Sie hob den Kopf und zwang sich, trotz ihrer Angst vor dem wilden Kampf, der um sie herum tobte, die Augen aufzumachen.

Ein Pfeil hatte Kieran getroffen. Bei dem Anblick des hässlichen schwarzen Metallhakens, der sich in seinen Schenkel bohrte, drehte sich ihr der Magen um.

»Steig runter, Lillis«, hörte sie im Geist seine Stimme murmeln. »Lauf zu deinem Vater! Kiel und ich halten sie auf.«

»Aber was ist mit dir?« Es war das erste Mal, dass sie mit jemandem auf telepathischem Weg sprach. »Du kommst doch auch mit, oder?«

»Bald … sowie Kiel und ich uns um diesen eldischen Abschaum gekümmert haben.« Aus einem Gesicht, das zu schön war, um einem Sterblichen zu gehören, schaute er sie aus seinen sonst stets fröhlichen blauen Augen mit so unverwandtem Ernst an, dass sie wusste, was er nicht laut aussprechen mochte. Er wandte den Kopf, um ihr Gesicht zu küssen und dann die dünnen Ärmchen, die so fest um seinen Hals geschlungen waren, und obwohl er keinen Finger rührte, spürte sie den geistigen Zwang, der sie drängte, ihren Griff zu lockern. Sie bemühte sich, dagegen anzukämpfen, aber ihre kindlichen Muskeln waren Kierans magischen Kräften nicht gewachsen. Ihr Griff löste sich, und sie glitt auf den Boden. »Geh, mein Kleines! Schnell!« Ein leichter Schubs unsichtbarer Hände stieß sie in Papas Richtung.

»Meister Baristani«, rief Kieran ihrem Vater laut zu, »nehmt die Mädchen! Geht mit den Shei'dalins in die Wandelnden Nebel! Lauft!«

Schneepfötchen fest an ihre Brust gepresst, stolperte Lillis über den unebenen Boden auf die ausgestreckten Arme ihres Vaters und die kleine Schar rot gewandeter Heilerinnen zu. Noch bevor sie die anderen erreicht hatte, sah sie aus dem Augenwinkel etwas Dunkles vorbeihuschen, und ein widerwärtiger Gestank stieg ihr in die Nase. Als sie den Kopf wandte, stellte sie fest, dass ein Darrokken auf sie zustürmte. Seine roten Augen glühten wie die Flammen des Dunklen Herrschers, und von seinen gelblichen Fängen tropfte giftiger Speichel. Überall aus dem räudigen Rückenfell der abstoßenden Kreatur quoll stinkender grüner Schleim. Lillis fuhr herum und lief davon, aber sie blieb mit einem Fuß zwischen zwei Felsstücken stecken und fiel hin. Schneepfötchen immer noch an die Brust gedrückt, schlug sie hart auf dem Boden auf. Ihre Ellbogen und Knie knacksten laut, und sie biss sich so fest auf die Unterlippe, dass sich ihr Mund mit dem scharfen, metallischen Geschmack von Blut füllte. Gleich darauf sprang sie auf, aber ein stechender Schmerz schoss von ihrem Knöchel durch ihr Schienbein. Mit einem Schrei fiel sie im selben Moment wieder hin, als sich der Darrokken auf sie stürzte.

Einer der Fey-Krieger war mit einem Satz bei ihr, während gleichzeitig Fey'cha-Dolche mit roten Griffen von seinen Händen flogen. Die scharfen Klingen bohrten sich durch die dicke, ledrige Haut des Monsters, und der Darrokken brach tot zusammen.

»Ich hab dich.« Der Krieger, der das Untier getötet hatte, langte nach ihrem Arm, aber noch bevor er Lillis zu fassen bekam, griff ihn ein weiteres der Monster an. Seine Fangzähne drangen tief in das Bein des Kriegers, und der Fey taumelte. Noch im Fallen rollte er sich herum und landete mit gezückten Klingen auf beiden Beinen. »Lauf, Kind!«, rief er.

Es waren die letzten Worte des Kriegers. Im selben Moment, als er seine roten Fey'cha knurrend in den verletzlichen Bauch des Tiers stieß, schlug der Darrokken seine scharfen gelben Fänge in die Kehle des Kriegers und riss sie auf. Blut ergoss sich wie ein warmer roter Sprühregen über Lillis' Gesicht. Fey und Tier starben zusammen, kämpfend, stechend und um sich schlagend, bis der letzte Atemzug aus ihren Körpern wich.

»Lillis! Steh auf! Lauf!«, rief Kiel. Seine blauen Augen waren voller Furcht, seine blonden Haare mit Blut und Schlamm bespritzt. Zwei schwarze Pfeile staken wie groteske Stachel in seiner Schulter. »Lauf zu den Nebeln! Lorelle, Meister Baristani - ihr auch, los!«

Eine der Shei'dalins löste sich von der Gruppe und rannte zu Lillis. Von ihren Händen floss ein rasch heilendes Gewebe wie eine goldene Woge und linderte die Schmerzen des Mädchens. Die Frau half Lillis auf die Beine, während eine zweite das andere Mädchen, Lorelle, an der Hand nahm und zu den wogenden, schillernden Nebelschleiern lief, die die Schwindenden Lande bewachten. Noch mehr Darrokken stürmten den Berg hinauf und brachen durch die kleine Gruppe. Lillis kreischte entsetzt auf, als die Untiere ein halbes Dutzend Fey zerfleischten und drei der Shei'dalins den Berg hinunterjagten, direkt in die Arme der wartenden Eld.

Als sie den Rand der Nebel erreichte, drehte Lillis sich um und warf einen Blick auf den Kampf, der weiter unten tobte. Die verbliebenen Krieger, die ihren Fluchtweg sicherten, fielen schnell den mörderischen Kiefern der Darrokken zum Opfer, während die Magier unablässig den Berghang mit ihrem verheerenden Feuer bombardierten. Eine Woge von Fey-Kriegern brach durch den nebelverhangenen Pass des Garreval und rannte mit silbrig schimmernden Klingen schnell wie der Wind zu den anderen, um ihnen zu helfen.

Schwarze Eld-Pfeile verdunkelten den Tag zur Nacht, und Hunderte Fey-Krieger wurden getroffen. Einer von ihnen war Kieran.

»Kieran!«, schrie Lillis, als sie ihn zu Boden stürzen sah. »Kieran!« Sie wollte zu ihm rennen, aber die Shei'dalin hielt sie fest.

»Nei«, sagte die verschleierte Frau. »Du kannst nicht zu ihm. Er würde es nicht wollen. Er stirbt, damit du leben kannst.«

Mit unerwarteter Kraft stieß die Shei'dalin Lillis auf die wogenden Lichter der Wandelnden Nebel zu. »Schnell in die Nebel! Es ist unsere einzige Chance.«

Lillis wehrte sich mit Händen und Füßen gegen den Griff der Frau. Tränen liefen über ihr Gesicht, und sie rief immer wieder Kierans Namen, während die Shei'dalin sie weiterzog. Sie waren erst wenige Schritte gegangen, als vom Berg ein dumpfes Dröhnen erklang, das zu einem ohrenbetäubenden Tosen anschwoll.

Kierans Erdzauber brach in sich zusammen, und die ganze Bergspitze stürzte ein. Felsbrocken, zersplitterte Bäume und eine Erdwoge donnerten ins Tal. Der Boden unter Lillis' Füßen bebte, und mit einem Klagelaut taumelte sie in die schimmernde weiße Leere der Wandelnden Nebel.

Das Letzte, was sie sah, war Kieran, der einen Schrei ausstieß, als der Erdrutsch ihn verschlang.

Kapitel 1

Schwindende Lande, Wandelnde Nebel,

Krieger der Fey, Kämpfer des Lichts.

Schwindende Lande, Wandelnde Nebel,

gegen das Dunkel, das ewige Nichts.

Tairen Soul, hoch am Himmel sie schweben und singen,

Tairen Soul, mit Donnergebrüll und mächtigen Schwingen.

Schwindende Lande, Wandelnde Nebel,

Krieger der Fey, voll Zauber und Macht,

Schwindende Lande, Wandelnde Nebel,

führt uns ins Licht aus finsterer Nacht.

Celieria - Orest

Zwei Wochen später

Ellysetta Baristani tauchte ihre Hände in die offene Wunde, die in der Brust des sterbenden Jungen klaffte. Ihre Finger schlossen sich um sein Herz und massierten verzweifelt das stille Organ, während von ihrer Seele weißgoldene Magie in das Innere des Verletzten floss.

Das schwindende Licht seiner Lebenskraft schmeckte warm und herb auf ihrer Zunge, wie ein von der Sonne gereifter Pfirsich, der zu früh vom Baum gepflückt wurde. So jung, so unschuldig. Er konnte nicht älter als vierzehn sein. Zu jung für all das. Zu jung für den Krieg. Zu jung zum Sterben.

Wie ihre Schwestern Lillis und Lorelle, die während der Schlacht um Teleon in den Wandelnden Nebeln verloren gegangen waren.

»Bitte, Mylady. Rettet ihn! Rettet meinen Aartys. Er ist alles, was mir geblieben ist.« Die Mutter des sterbenden Knaben stand mit verschwollenen, geröteten Augen schluchzend neben dem Tisch und zerknitterte mit gesprungenen Händen den blutgetränkten Saum der Schürze, die sie sich umgebunden hatte. Ihre Verzweiflung und ihr fassungsloses Entsetzen trafen Ellysettas empathische Sinne wie ein Hammerschlag.

Nicht, dass einige Hammerschläge mehr in dem emotionalen Aufruhr, der rings um die scharlachroten Heilungszelte auf den von Regenbogen und Dunstschleiern verhangenen Plätzen von Orests Oberstadt wogte, noch etwas ausgemacht hätten. Wie immer, wenn in der Nähe eine Schlacht tobte, machte es allein die Zahl der verwundeten und sterbenden Krieger dem Dutzend rot gewandeter Shei'dalins unmöglich, allen Frieden zu schenken. Nicht einmal das Tosen der gewaltigen Wasserfälle von Kiyeras Schleier konnte die Schmerzensschreie und das Flehen um Gnade übertönen.

»Ich tue, was ich kann, Jonna«, gelobte Ellysetta. Sie hätte der Frau gern versprochen, ihren Sohn zu retten, aber die letzten Wochen hier im Kriegsgebiet von Celierias Nordgrenze hatten sie eines Besseren belehrt. Der Tod, früher einmal ein Fremder, war zu einem nur allzu vertrauten Bekannten geworden.

Ellysetta hob den Kopf und begegnete über den leblosen Körper des Jungen hinweg Jonnas Blick. Die weinende Sterbliche war eine der Herdhexen, die sich um die Verwundeten und Sterbenden kümmerten. Der Tod war ihr genauso vertraut, wie er es mittlerweile Ellysetta war, aber das hielt sie nicht davon ab, ihn mit aller Kraft zu bekämpfen - oder um eine Rettung zu flehen, von der sie wusste, dass sie die Fähigkeiten aller sterblichen Heiler und aller Shei'dalins bis auf eine überschritt.

Ellysetta biss sich auf die Lippe. Aartys sollte nicht hier auf ihrem Behandlungstisch liegen, und sie wurde das quälende Gefühl nicht los, dass es zum Teil ihre Schuld war. Wenn es sie nicht gäbe, wären die Fey vielleicht nie in diesen neuen Magier-Krieg gegen ihren Feind aus alter Zeit angetreten. Wenn Ellysetta nicht wäre, hätte ihr wahrer Gefährte Rainier vel'En Daris heute Morgen nicht sein goldenes Horn erschallen lassen, um seine Fey-Krieger und die sterblichen Männer von Orest in den Kampf zu führen. Und wenn der Ruf seines Horns nicht erklungen wäre, hätte Jonnas Sohn nicht nach dem Schwert seines toten Vaters gegriffen und sich den Männern von Orest und seinen Idolen angeschlossen, dem strahlenden Volk der Unsterblichen aus den Schwindenden Landen.

Doch all das war passiert. Und jetzt waren sie hier, ein schwer verwundetes Kind, das im Sterben lag, und seine Mutter, die weinend um sein Leben flehte, und nur Ellysetta mit ihren magischen Kräften konnte Aartys vielleicht den Klauen des Todes entreißen.

»Halt seine Hand, Jonna!«, befahl Ellysetta. »Gib ihm deine Kraft! Rufe nach ihm! Höre nicht auf, ehe ich es dir sage.« Und dann fügte sie hinzu, obwohl sie es nicht hätte tun sollen: »Wenn es nur irgend möglich ist, Aartys' Leben zu retten, werde ich es tun.«

»Oh, Mylady!« Jonnas Lippen bebten, und Tränen liefen aus ihren Augen. »Danke, Mylady. Danke!«

Sie wollte um den Tisch herumgehen, aber Ellysetta hielt sie auf. »Nimm seine Hand, Jonna!« Die Aufforderung klang schroffer als gewöhnlich. Sie wollte nicht, dass die Frau vor ihr niederkniete und ihren Rocksaum küsste, wie es andere Celierianerinnen getan hatten, wenn sie Ellysetta angefleht hatten, einen geliebten Angehörigen zu retten. Sie war keine Gottheit, die man anbetete.

»Teska, Jonna. Bitte«, fügte sie sanfter hinzu. »Halte die Hand deines Sohnes! Uns bleibt nicht mehr viel Zeit.« Und weil das stimmte, unterlegte sie ihre Worte mit einem spinnwebfeinen Faden geistiger Magie, der Druck auf die andere ausübte.

Jonna nahm sofort die Hand ihres Sohnes.

»Und bete, meine Freundin«, sagte Ellysetta, wobei sie innerlich hinzufügte: Für uns alle.

Gebete an den Herrn des Lichts kamen überstürzt aus dem Mund der sterblichen Heilerin.

Ellysetta warf einen kurzen Blick zu dem hochgewachsenen, grimmigen Fey-Krieger, der an der Kante ihres Behandlungstisches stand.

Gaelen vel Serranis trat wortlos vor und legte eine Hand auf ihre Schulter. Knisternde Energie strömte durch ihre Adern, als der berüchtigtste ihrer fünf persönlichen Beschützer ihr seine ungeheure Macht überließ. Die Heilung, die sie vornehmen wollte, erforderte mehr als ihre eigenen unvorstellbaren magischen Kräfte, und obwohl eine Shei'dalin normalerweise auf ihren wahren Gefährten zurückgriff, wenn sie Unterstützung brauchte, war Rain nicht an ihrer Seite, sondern auf dem Schlachtfeld, wo der König der Fey hingehörte.

Ellysetta schloss die Augen, klammerte die Außenwelt aus und beschwor ihre Magie. Ihre Macht reagierte auf ihren Ruf mit einem strahlenden weißgoldenen Leuchten, das die Fey als die Liebe einer Shei'dalin bezeichneten, eine Gabe des Heilens, über die Ellysetta Baristani in einem Ausmaß gebot, wie die Welt es seit dem Anbrach des Ersten Zeitalters nicht mehr erlebt hatte.

Hinter ihren geschlossenen Lidern ersetzte das pulsierende Schwingen der Fey-Sichtweise ihre natürliche Sehkraft, und Dunkelheit rang mit den glühenden Fäden der Energie, aus der alles Leben erschaffen war. Ellysettas Bewusstsein floss in blendend hellen Bahnen an ihren Armen hinunter in Aartys' sterbenden Körper und sank immer tiefer in ihn ein. Schnell und zielstrebig folgte sie den Fäden ihres heilenden Gewebes und stieg in den Brunnen der Seelen hinab, der schwarzen Finsternis, die sich jenseits der realen Welt befand, Heimat von Dämonen und Ungeborenen und der Toten, die auf den Übergang in ihr nächstes Leben warteten.

Als Ellysetta in die unendliche Dunkelheit und Stille des Brunnens eintauchte, sah sie das verblassende Licht von Aartys' Seele. Wenn sein Licht erlosch, war er verloren. Fest entschlossen, das zu verhindern, folgte sie ihm wie ein schillernder Glanz, der die schattenhafte Welt des Brunnens mit den Strahlen einer weißgoldenen Sonne erhellte.

»Aartys.« In der Hoffnung, ihn das Leid seiner Mutter fühlen zu lassen und in ihm den starken Wunsch zu wecken, zu ihr zurückzukehren, beschwor Ellysetta das Element Geist, jenes magische Gebilde aus Gedanken und Visionen. »Kämpfe, Aartys. Kämpfe um dein Leben!« Der Tod war letzten Endes nicht anders, als würde man ertrinken. Sowie der erste Schrecken vorüber war, ergaben sich die Sterbenden dem Gefühl von Betäubung und ließen sich einfach fallen, um wie Schiffwracks auf den Meeresboden zu sinken. »Gib nicht auf! Halte dich an mein Licht. Lass dich von mir zu deiner Mutter zurückbringen. Sie braucht dich. Ohne dich ist sie verloren.«

Ihr Gewebe war stark und ihr Befehl ebenso wirkungsvoll wie ihre heilenden Kräfte, aber Aartys reagierte nicht.

So müde, wisperte sein erschöpfter Geist. Sagt meiner Mutter, dass ich … Seine Stimme verebbte, und das schwache Licht seiner Seele begann zu flackern.

»Aartys!« Ellysetta setzte ihm nach. Die Stränge ihres magischen Gewebes spannten sich fast zum Zerreißen an, als sie dem Jungen weiter in den Brunnen folgte, tiefer als sich je eine andere Heilerin vorgewagt hatte, tiefer als sie hätte gehen sollen, ohne bei Rain Halt zu haben.

»Nimm meine Magie, Kem'falla«, hörte sie Gaelens Stimme. »Nimm, was du brauchst, aber beeil dich. Du bist schon zu lange dort.«

»Ayiah.« Sie ergriff die Magie, die Gaelen ihr überließ - die düsteren magischen Stränge, in denen rötliche Funken schimmerten. Azrahn, die verbotene Seelenmagie.

Ellysetta beeilte sich, da sie Gaelen nicht in Gefahr bringen wollte, indem sie sein Gewebe länger als ein bis zwei Minuten benutzte. Obwohl Gaelen der Meinung war, dass es das Risiko, Azrahn zu beschwören, durchaus wert war, wenn es darum ging, Fey-Leben zu retten, wussten sie beide, wie gefährlich diese schwarze Magie war. Ellysetta vereinte die kühlen, dunklen Stränge seines Azrahn mit ihren Strömen reiner Shei'dalin-Energie und Liebe, indem sie die Fäden aus eisigem Schatten und warmem, heilendem Licht miteinander verflocht.

Das neue Gewebe, das jetzt nicht nur ihre, sondern auch Gaelens Kräfte enthielt, erlaubte ihr, noch sehr viel weiter in den Brunnen hinabzusteigen. Aber so tief sie auch vordrang, Aartys blieb außer Reichweite.

»Es reicht, Kem'falla«, sagte Gaelen. »Uns läuft die Zeit davon.«

»Nur noch ein kleines Stück weiter!«

»Nei. Du bist schon zu lange von deinem eigenen Selbst losgelöst. Wenn du den Jungen jetzt nicht retten kannst, musst du ihn loslassen. Dein Leben ist zu wichtig, um es grundlos aufs Spiel zu setzen.«

Zorn regte sich in ihrem Inneren. »Grundlos?«

»Du weißt, was ich meine.«

»Jedes Leben ist kostbar, Gaelen.« Sie hatte zu viele Sterbende in den Armen gehalten, zu viele verzweifelte Angehörige getröstet, hatte mit ansehen müssen, wie ihre eigene Mutter von den Eld enthauptet worden war. Sie konnte den Gedanken an ein weiteres verlorenes - verschwendetes - Leben nicht ertragen, schon gar nicht bei diesem schönen Jungen, dessen helle Augen und dessen strahlendes Lächeln sie an ihre kleinen Schwestern erinnerten.

Nei, sie konnte und würde heute keine Seele mehr verlieren. Nicht an Magie, nicht an den Krieg, nicht an den dreimal verfluchten Brunnen der Seelen!

Kälte kroch durch ihre Adern. Hervorgerufen von ihrem Zorn, stieg Azrahn aus der tiefen, reichen Quelle in ihrem Inneren auf. Etwas drängte sich an ihren Willen wie ein lebendes Wesen, als wünschte das Azrahn in ihr, dass sie es einsetzte, dass sie seine dunkle, verbotene Macht willkommen hieß.

Dieser Versuchung nachzugeben, würde sie einen hohen Preis kosten. Sie trug vier Magier-Male, die ihr der Großmeister der Magier von Eld beigebracht hatte, und jedes Mal, wenn sie Azrahn ausübte, riskierte sie, ein weiteres Zeichen zu empfangen. Nur noch zwei davon und ihre Seele, ihr Geist, ihr ganzes Wesen würden dem Magier von Eld gehören.

Dennoch war die Verlockung ungeheuer stark. Gaelens Magie enthielt nicht einen Bruchteil der Macht, über die ihre eigene verfügte. Sie könnte ein wenig Azrahn einsetzen … gerade genug, um den Jungen zu retten. Vielleicht schaffte sie es, so schnell zu sein, dass dem Großmeister keine Zeit blieb, sie zu spüren und sie erneut zu kennzeichnen.

Ja … ja, nur ein bisschen und ganz schnell. Eine Kleinigkeit. Er übersieht es bestimmt.

Der Lockruf war unwiderstehlich. Vage, wie aus weiter Ferne hörte sie, wie jemand ihren Namen rief, aber die Stimme verstummte bald. Verbotene Magie pochte in ihren Adern, und um sie herum pulsierte im selben Rhythmus die Dunkelheit des Seelenbrunnens. Ein gedämpftes Rauschen drang an ihre Ohren, ein rhythmisches Anschwellen und Verebben, als wäre sie ein Kind im Mutterleib und hörte das Blut durch die Adern ihrer Mutter strömen. Das Geräusch war hypnotisch … beschwörend …

Sie langte nach ihrem Azrahn und ließ sich von seiner köstlichen Kühle erfüllen.

»Ellysetta!« Eine wütende und nur zu vertraute Stimmte brüllte ihren Namen. Macht überflutete ihren Körper, und tief im Brunnen der Seelen flammte ihr Licht wie eine explodierende Sonne auf.

Die Wucht des Aufpralls katapultierte ihr magisches Gewebe tief in den Brunnen hinein, so tief, dass es an dem schwachen Licht, das Aartys' Seele war, vorbeischoss. Trotz ihrer Benommenheit hatte Ellysetta die Geistesgegenwart, die Zeit, die ihr noch blieb, zu nutzen, um ihr Gewebe über Aartys zu werfen und ihn festzuhalten, bevor ihre eigene Seele aus dem Brunnen gerissen und in ihren Körper zurückgestoßen wurde.

Die schillernde Leuchtkraft der Fey-Sicht verdämmerte zu Dunkelheit. Die Stille im Brunnen wich Stimmengemurmel und erstickten Schmerzensschreien, und in der Luft hing der Geruch von Blut und Schweiß und Qualen. Ellysettas Lider hoben sich flatternd, als ihre Sinne allmählich in ihren Körper zurückkehrten.

Sie war in einer warmen, festen, golden schimmernden Umarmung gefangen, aber weder das noch die sengende Hitze des glühenden violetten Augenpaars, das sie mit einem harten Blick fixierte, konnten den eisigen Schauern, die sie schüttelten, Einhalt gebieten. Blinzelnd starrte sie in das beängstigend schöne und sehr wütende Gesicht ihres wahren Gefährten.

»Rain, ich …«

Seine Augen loderten auf. Ihre Pupillen und das Weiß in ihnen verschwanden, und was blieb, waren die stürmischen lavendelblauen Tairen-Augen, die so hell leuchteten, dass sie einen dunklen Raum mit Licht erfüllt hätten. »Sag … kein … Wort.« Seine Nasenflügel bebten, und sogar seine langen, tintenschwarzen Haare knisterten vor mühsam unterdrückter Energie. »Sei einfach still.« Er war so aufgebracht, dass seine Verfassung nicht weit vom Rasenden Zorn entfernt war, der wilden, tödlichen Wut der Tairen.

Ein leises Keuchen lenkte sie ab. »Aartys!«, rief sie.

Kräftige Arme, die in schwerem goldenem, von Tairen geschmiedetem Stahl steckten, verstärkten ihren Griff. »Er ist am Leben und braucht deine Hilfe nicht.«

Sie wandte den Kopf, aber sie konnte den Jungen nicht sehen. Shei'dalins in scharlachroten Gewändern standen um den Tisch, auf dem er lag, und das Strahlen ihrer konzentrierten heilenden Kräfte war so hell, dass selbst sterbliche Augen es sehen konnten.

»Beylah sallan«, hauchte Ellysetta.

Diese Bemerkung war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Rain stellte sie unsanft auf den Boden, packte sie an den Armen und schüttelte sie so heftig, dass ihre Zähne klapperten. »Den Göttern sei Dank? Den Göttern sei Dank?« Sein Zorn loderte so heiß auf, dass beinahe Flammen aus seinem Kopf schossen. »Danke lieber Gaelen, dass er, wenn auch verspätet, vernünftig genug war, um mich zu rufen, als ihm klar wurde, was geschah.« Wieder schüttelte er sie. »Dummkopf! Spatzenhirn! Elender Dickschädel! Wie oft wirst du dich noch in Gefahr begeben?«

Sie zog finster die Augenbrauen zusammen. »Wer, ich?«, brauste sie auf. »Du hast es nötig!« Sie riss sich los und gab seinen bitterbösen Blick zurück. »Schimpfe ich etwa mit dir wegen all der Risiken, die du im Kampf eingehst?«

Rain straffte seine Schultern, die durch die Kriegsrüstung aus vergoldetem Stahl deutlich breiter wirkten, und richtete sich zu seiner vollen Größe auf. »Versuch jetzt nicht, den Spieß umzudrehen. Ich bin der Verteidiger der Fey, und wir sind im Krieg. Es ist meine Pflicht, unsere Soldaten in die Schlacht zu führen.«

»Und ich bin eine Shei'dalin«, gab sie zurück. »Die mächtigste Heilerin, die wir haben. Es ist meine Pflicht, so viele Leben wie möglich zu retten.«

»Nicht um den Preis deines eigenen Lebens! Du warst drauf und dran, Azrahn zu beschwören, Ellysetta. Trotz der Gefahr - und trotz deines heiligen Eids, nie wieder Azrahn auszuüben, es sei denn, wir wären uns darin beide einig!«

Mehr noch als die unleugbare Wahrheit seiner Worte ließ der Schmerz in seiner Stimme ihren Zorn verrauchen. Sie hatte einen Eid abgelegt und ihn beinahe gebrochen - einen Eid, den sie Rain geleistet hatte. Ihre Schultern sanken herab, und sie legte eine zitternde Hand an ihr Gesicht.

Er hatte recht, aber bevor sie es zugeben und sich bei ihm entschuldigen konnte, stieß Jonna einen kurzen Schrei aus. Rain und Ellysetta drehten sich zum Behandlungstisch um. Die Shei'dalins hatten ihr Werk beendet und waren bereits im Gehen begriffen, und Aartys setzte sich gerade auf. Die Wunde, die in seiner Brust geklafft hatte, war spurlos verschwunden; selbst das getrocknete Blut und der Schmutz waren von der Magie der Shei'dalins weggewaschen worden. Seine Mutter hatte beide Arme um ihn geschlungen, und ihre Schultern hoben und senkten sich unter Schluchzern der Erleichterung und der Freude.

»Danke.« Tränen liefen über Jonnas Gesicht. »Danke, dass Ihr mir meinen Sohn wiedergegeben habt. Möge das Licht Euch segnen!«

Ellysetta tastete nach Rains Hand. Er hatte seine Panzerhandschuhe ausgezogen, und ihre Finger verschlangen sich mit seinen.

Seine Augen blitzten sie warnend an, aber Jonna schaute er gütig und verständnisvoll an. »Sha vel'mei, Jonna«, sagte er mit seiner tiefen, samtigen Stimme. »Wir freuen uns auch. Was dich angeht, Aartys …« Er richtete einen strengen Blick auf den Jungen. »Ich will dich nicht wieder auf dem Schlachtfeld sehen. Dein Schwert ist scharf, und dein Herz ist tapfer, aber ich brauche dich hier, damit du über deine Mutter und die Feyreisa wachen kannst.« Er legte dem Jungen eine Hand auf die Schulter. »Für einen Krieger der Fey gibt es keine größere Ehre, als unsere Frauen zu beschützen. Nimmst du diese Ehre an?«

»Ihr wollt, dass ich helfe, die Feyreisa zu beschützen?« Die Augen des Jungen wurden groß und rund, und er starrte Ellysetta benommen an, ehe sein Blick zu Rain zurückkehrte. »Ja, Mylord Feyreisen«, erklärte er feierlich. »Ich nehme sie an.«

»Kabei. Gut. Dann ist das geklärt. Die Herren vel Jelani und vel Tibboreh« - er deutete mit einer Kopfbewegung auf die zwei grimmigen Fey, die sich an den Ecken von Ellysettas Behandlungszelt postiert hatten - »werden dir deine Pflichten erklären. Fürs Erste gehst du mit deiner Mutter, um dich ein bisschen auszuruhen und frische Sachen anzuziehen.«

»Aber die Feyreisa …«, begann Aartys.

»… braucht deinen Schutz im Moment nicht, da sie mich begleiten wird.«

Eld - Bourra Fell

Vadim Maur, Großmeister der Magier von Eld, schüttelte das vage Gefühl ab, ein fremdes Bewusstsein wahrgenommen zu haben, und zog den Teil seines geistigen Ichs, das er in den Brunnen der Seelen geschickt hatte, wieder zurück. Falls es sich bei der flüchtigen Wahrnehmung um das Mädchen gehandelt hatte, war sie nicht mehr da, und die Barrieren, die ihr Inneres vor seinem Zugriff schützten, befanden sich wieder an Ort und Stelle. Er konnte ihr Vorhandensein noch fühlen, mehr aber auch nicht.

»Meister?« Eine zaghafte, unterwürfige Stimme zu seiner Linken brach das Schweigen. »Was sollen wir mit ihm machen?«

Vadim schürzte verärgert die Lippen, entspannte sie aber sofort wieder, als er fühlte, wie die Haut aufplatzte und eine warme Flüssigkeit über sein Kinn lief. Wortlos tupfte er mit dem Saum seiner purpurroten Kapuze seinen Mund ab. Sein Körper war in den vergangenen Wochen gebrechlich geworden. Der Verfall hatte ihn fest im Griff, und nicht einmal die Behandlungen der mächtigsten Shei'dalins, die er gefangen hielt, konnten ihn noch aufhalten. Bald würde sich die Wahrheit, die im Rat der Magier bereits vermutet wurde, nicht länger verbergen lassen.

Seine Zeit lief ab.

Er betrachtete durch das Beobachtungsfenster den Sel'dor-Käfig und seine Insassen, einen jungen Mann mit wilden Augen, das letzte der fünf magisch begabten Kinder, an die er vor siebzehn Jahren die Seelen ungeborener Tairen gebunden hatte. Der Junge hatte vier der fünf Zweige der Fey-Magie gemeistert, in der Beherrschung des Elementes Geist aber nur den mittelmäßigen dritten Grad erreicht, sodass keine Möglichkeit bestand, dass er je zu einem Tairen Soul werden konnte mit der Fähigkeit, die Verwandlung zu beschwören. Aber seine Abstammung war rein und stark, und er hatte schon in früher Kindheit Azrahn ausüben können.

Vadim hatte ihn zur Zucht eingesetzt, doch in letzter Zeit, als sein körperlicher Verfall weiter und weiter fortschritt und Ellysetta Baristani ihm immer wieder entglitt, hatte er ernsthaft mit dem Gedanken gespielt, den Jungen als Gefäß für die Reinkarnation seiner Seele zu verwenden, wenigstens so lange, bis die wesentlich mächtigere Ellysetta endlich in seiner Gewalt war.

Dieser Plan war jetzt gescheitert. Der Junge hatte den Verstand verloren, genau wie Tausende andere, in die Vadim im Lauf der Jahrhunderte die Seelen von Tairen transplantiert hatte. Der Wahnsinn setzte im Allgemeinen nach der Pubertät ein, begann mit Stimmen, die nur die Betroffenen hören konnten, und führte in weiterer Folge zu Tobsuchtsanfällen und schließlich zu vollständiger geistiger Verwirrung, Zerstörungswut und Tod.

Von all den Kindern, an die er die Seele eines Tairen gebunden hatte, hatte nur Ellysetta Baristani vierundzwanzig Jahre ohne ein Anzeichen von Geistesgestörtheit überlebt. Das machte sie zu einem unschätzbaren Preis, nicht nur als mächtiges Gefäß für Vadims reinkarnierte Seele, sondern auch als Schlüssel für seine jahrhundertelangen Forschungen und Experimente.

In der Zelle hielt sich der Junge den Kopf. Während er unverständliche Laute stammelte, riss er sich das Haar büschelweise aus, taumelte hin und her, warf sich an die Wand und kratzte sich sein eigenes Fleisch auf.

Vadims Hand ballte sich zur Faust. »Fesselt ihn, bevor er sich selbst noch mehr Verletzungen zufügt! Verwendet ihn zum Züchten, solange es möglich ist.« Zu viele Jahrhunderte waren darauf verwendet worden, magische Blutlinien miteinander zu kreuzen, um den Jungen wegzuwerfen, ohne aus ihm herauszuholen, was es noch zu holen gab. »Wenn er für die Frauen gefährlich wird, schickt ihn zu Fezia Madia.« Die Anführerin der Feraz-Hexen hatte sich in letzter Zeit über die mangelnde Qualität der Sklaven beschwert, die er ihr für ihre Opfergaben an den Dämonengott Gamorraz geschickt hatte. Der Junge mochte wahnsinnig sein, aber die starke Magie, die in seinen Adern floss, war nicht zu bestreiten.

Vadim verließ den Beobachtungsraum und ging zur Säuglingsstation, wo er kurz innehielt, um einen Blick auf die beiden Wiegen zu werfen, die an der Wand standen. Zwei Kinder mit hellen, strahlenden Augen starrten ihn an. Beide waren Jungen, und beide zeigten schon jetzt die eindeutige Veranlagung, eines Tages alle Elemente der Fey-Magie zu beherrschen. Jeder von ihnen hatte die Seele eines ungeborenen Tairen erhalten. Würden auch sie den Verstand verlieren? Oder hatte Vadim endlich das Geheimnis entdeckt, wie er seine eigenen Tairen Souls züchten konnte?

Nur die Zeit würde es weisen. Einstweilen stellten diese beiden Kinder eine weitere Generation ungeahnter Möglichkeiten dar, eine weitere Chance, seine Pläne wahr zu machen, auch für den Fall, dass Ellysetta Baristani ihm weiterhin entkam …