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Knochen

Informationen zum Buch

Ein Tunnel. Ein Geheimnis. Ein Abgrund.

Elli Sunee Rathke, Trägerin des schwarzen Gürtels und Norwegens neue Ermittlerin

Eine skelettierte kopflose Leiche in der Größe eines Kindes wird in einem unterirdischen Tunnel gefunden. Elli Rathke, Trägerin des schwarzen Gürtels und Außenseiterin bei der Polizei Oslo, steht vor einem Rätsel. Wer sollte hier ein Kind getötet haben und warum? Die ersten Analysen deuten tatsächlich auf ein totes Kind hin – und auf die Knochen eines Affen.

Ein fesselnder Kriminalroman um die Osloer Ermittlerin Elli Rathke, die auf eine grauenhafte und verborgene Welt stößt, in der die Mörder jahrelang ungestört ihr Unwesen treiben konnten.

Eystein Hanssen

Knochen

Kriminalroman

Aus dem Norwegischen
von Gabriele Haefs
und Andreas Brunstermann

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Kapitel 1

Geld, dachte Elli. Viel Geld. Das war die präziseste Definition Norwegens. Draußen, vor dem Restaurantfenster auf Tjuvholmen, stolzierten Horden gutgekleideter, sonnengebräunter und lächelnder Menschen in der milden Wärme des Augustabends umher. Hand in Hand, geschäftig, herausgeputzt. Alle Varianten.

»Überleg mal«, sagte sie zu ihrem Kollegen Nereng, der ihr gegenüber am Tisch saß. Er hob interessiert den Kopf. »Im Sommer ist das Wetter hier extrem schlecht gewesen. Regen und nochmals Regen.«

»Wir leben in Norwegen«, ließ er sie mit einem Bissen Fisch im Mund wissen.

»Genau. Und trotzdem sind alle braungebrannt.«

Nereng zuckte mit den Schultern. »Kanarische Inseln? Solarium?«

Elli nickte nachdenklich. »Eben. Wir haben für alles eine Lösung. Kriegen all unsere Bedürfnisse erfüllt.«

»Du hast ja auch leicht reden«, sagte er trocken.

Angesichts einer thailändischen Mutter hatte sich Elli niemals Sorgen um zu wenig Bräune machen müssen.

»Okay, der Punkt geht an dich. Aber sieh mal da.« Sie zeigte aus dem Fenster. Nerengs grüne Augen folgten ihrem Finger. Eine Bettlerin, ungefähr fünfzig, saß strategisch platziert an einer Ecke, die viele Besucher auf ihrem Weg vom und zum Astrup Fearnley Museum passieren mussten.

»Ich hab sie eine Weile beobachtet«, sagte Elli. »Von allen Menschen, die da an ihr vorbeigelaufen sind, haben ihr nur ein paar besoffene junge Typen was gegeben.«

Nereng biss sich auf die Lippe. »Komm runter, Elli«, sagte er. »Du hast frei. Genieß das Essen. Lass dein Herz mal ausruhen.«

Sie drehte sich zu ihm um. »Das Herz ausruhen lassen?«

Er zuckte wieder mit den Schultern. »Hab nur versucht, deine Aufmerksamkeit wieder auf unser Gespräch zu lenken.«

»Interessante Formulierung«, erwiderte sie lachend. »Du sprichst doch sonst nie über dein Herz.«

»A selfish heart is trouble, but a foolish heart is worse.«

Abrupt stand Elli auf.

»Aber …« Nereng sah ihr nach, als sie zur Tür hinausstürzte.

Mit Riesenschritten rannte Elli auf die Bettlerin zu, lief aber an ihr vorbei und hielt Kurs auf das gegenüberliegende Gebäude, wo ein kleiner, vielleicht fünf oder sechs Jahre alter Junge stand. Seine ängstlichen blauen Augen blickten sich suchend um.

»Hallo«, begrüßte Elli den Kleinen freundlich, während sie vor ihm in die Hocke ging.

Der Junge sah sie nervös an. Er hatte hellblondes, struppiges Haar und trug Shorts und ein T-Shirt.

»Hast du deine Mama verloren?«, fragte sie.

Der Junge nickte. Elli sah die Tränen in seinen Augen. Vorsichtig legte sie eine Hand auf seine schmächtige Schulter. »Weißt du was? Wir werden sie suchen. Wie sieht sie denn aus?«

Der Junge schniefte. »Sie … sie ist anders als du.«

Elli lächelte. »Verstehe. Hat sie vielleicht blondes Haar, so wie du?«

Der Junge antwortete nicht, sondern starrte auf irgendetwas hinter Elli. Sie drehte sich um und sah, dass Nereng ihr gefolgt war. Diskret signalisierte sie ihm, sich ebenfalls hinzuhocken, und wandte sich dann wieder an den Jungen.

»Er gehört zu mir. Er will dir auch helfen. Er heißt Jan, und ich heiße Elli. Wie heißt du?«

Der Junge wich ihrem Blick aus und kniff die Augen zusammen.

Elli sah ihn verständnisvoll an. »Schon klar. Deine Mama hat sicher gesagt, dass du nicht mit fremden Menschen sprechen sollst. Und das ist auch ganz richtig.« Sie zog ihren Dienstausweis hervor. »Aber mir kannst du’s erzählen. Ich bin bei der Polizei, und unsere Aufgabe ist es, kleinen Jungen zu helfen, die ihre Mutter verloren haben.« Mit dem Daumen zeigte sie über ihre Schulter hinweg auf Nereng. »Er gehört auch zur Polizei.«

»Magne.«

»Magne«, wiederholte Elli mit sanfter Stimme. »Schöner Name. Wie alt bist du denn?«

»Fünfeinhalb.«

»Ich schlage vor, dass wir hier ein bisschen herumlaufen und mal schauen, ob wir deine Mutter finden. Du kannst meine Hand nehmen, wenn du möchtest. Na, ist das ein guter Plan?«

Magne nickte schwach.

»Okay«, sagte Elli und reichte ihm die Hand.

Der Junge nahm sie. Er wirkte klein und verletzlich. Langsam begannen sie, zwischen den Menschen umherzulaufen. Elli bat ihn, nach seiner Mutter Ausschau zu halten, während sie selbst die Umgebung nach blonden Frauen um die dreißig abscannte. Davon gab es zwar einige, aber weder auf der Strecke bis zum Ende von Tjuvholmen noch auf dem Rückweg, der sie am Ufer entlangführte, fanden sie Magnes Mutter.

»Ich bin mir sicher, dass deine Mutter auch nach dir sucht«, sagte Elli.

Nereng beugte sich zu ihr herüber und flüsterte, dass er sich beim Wachpersonal auf der Aker Brygge ein wenig umhören wolle. Dann verschwand er über die Brücke, die über den kleinen Kanal führte. Elli entdeckte eine Eisdiele. Sie schlug Magne vor, ein Eis zu essen und auf Nereng zu warten, aber Magne wollte nicht.

»Dann kann ich nicht sehen, ob Mama kommt«, erklärte er.

»Gut, dann bleiben wir hier stehen und passen auf«, beruhigte ihn Elli.

Nereng kam mit schnellen Schritten zurückgelaufen. Er schüttelte nur vorsichtig den Kopf. Elli nickte.

»Wollen wir noch eine Runde drehen, Magne?«, fragte sie enthusiastisch. »Hier gibt es sehr viele Menschen – vielleicht hat deine Mama ja an einer Stelle gesucht und wir an einer ganz anderen, und da haben wir uns verpasst.«

Magne nickte wieder.

Elli und Magne gingen denselben Weg zurück, während Nereng einen Umweg über die Hauptstraße machte. Als sie wieder zusammentrafen, erkannte Elli die Skepsis in Nerengs Blick. Sie teilte seine Einschätzung, doch plötzlich wurden ihre Gedanken von Magne unterbrochen, der »Mama!« rief und dabei auf das Fenster eines Restaurants zeigte.

Gleich dahinter saß eine Frau in den Dreißigern. Blond, braungebrannt, straffer Pferdeschwanz, helles Sommerkleid und jede Menge Schmuck um Hals und Handgelenke. Verführerisch lächelte sie einem vielleicht zehn Jahre älteren Mann zu, der ihr gegenübersaß. Er trug einen karierten Blazer und ein Seidentuch im Hemdkragen. Sein schwarzes Haar – mit distinguierten grauen Strähnen an der Seite – war straff zurückgekämmt und erinnerte stark an die Frisur des schwedischen Königs.

»Sind das deine Eltern?«, fragte Elli.

»Nur Mama«, sagte Magne erleichtert und ließ Ellis Hand los.

Nereng deutete unsicher auf das Fenster.

Elli antwortete mit einem entschiedenen Nicken. »Wir müssen das überprüfen.«

Sie folgten Magne in das Restaurant. Er lief auf den Tisch der Mutter zu. Sie lächelte ihn freundlich an, hob ihn auf ihren Schoß und führte die Unterhaltung mit dem Mann weiter, während sie Magne in die Arme schloss.

Elli und Nereng nahmen neben dem Tisch Aufstellung.

Nereng räusperte sich mit seiner allertiefsten Stimme.

Magnes Mutter drehte sich gereizt um. »Was?! Sie sehen doch, dass hier besetzt ist!«

Elli und Nereng wechselten einen schnellen Blick.

»Ist Magne Ihr Sohn?«, fragte Elli.

Die Mutter blickte sie verwirrt an. »Ja … und wer sind Sie?«

»Mein Name ist Rathke. Wir haben Ihren Sohn hier draußen gefunden. Er glaubte anscheinend, Sie verloren zu haben.«

Ein leichtes Zucken erschien auf dem Gesicht der Frau. »Aber Magneschatz, ich hab doch gesagt, dass ich eine Weile hier sitzen werde …«

»Das hat er offenbar nicht mitbekommen«, warf Nereng ein.

Die Frau blickte ihn streng an. »Jetzt lassen Sie uns bitte in Frieden. Ich kann sehr gut allein auf meinen Jungen aufpassen.«

Der Mann ihr gegenüber erhob sich. »Ich glaube …«

»Nein, nein, nein«, sagte die Frau. »Bitte bleib sitzen … ich kenne diese Leute überhaupt nicht.« Sie wandte sich an Elli. »Können Sie uns jetzt bitte in Ruhe lassen? Sonst muss ich die Polizei rufen.«

»Nicht nötig«, erwiderte Elli und hielt ihren Dienstausweis in die Höhe.

»Elisabeth Sunee Rathke«, las die Frau laut vor.

»Der mittlere Name wird Suni ausgesprochen«, korrigierte Elli.

Die Frau sackte ein wenig zusammen.

»Sie war total nett und hat mir geholfen«, sagte Magne.

Der Mann stand auf und murmelte kaum hörbar: »Schönen Tag noch.«

»Augenblick«, sagte Elli zu ihm.

Er erstarrte mitten in der Bewegung und warf Magnes Mutter einen gereizten Blick zu. Sie lächelte tapfer.

»Also bitte«, sagte sie an Elli gewandt. »Der Herr ist lediglich … ein Bekannter von mir. Er hat nichts mit Magne zu tun.«

Elli blickte den Mann wieder an. Die Verärgerung stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben.

»Ausweis«, brummte Nereng hinter Ellis Rücken.

Der Mann verdrehte die Augen. »Muss ich mich hier etwa legitimieren? Weswegen? Weil ich in einem Restaurant sitze und esse?«

»Zu Ihrer eigenen Sicherheit«, erklärte Nereng.

»Aber … also wirklich, was soll dieser Unsinn«, sagte er und reichte Nereng widerstrebend seinen Führerschein.

»August Johan Flensberg«, las Nereng vor und sah Elli fragend an.

»Setzen Sie sich«, sagte Elli.

»Aber …«, protestierte Flensberg.

»Er ist nur ein Bekannter«, wiederholte die Frau resigniert.

Elli antwortete nicht, sah aber Flensberg streng an, der schließlich auf seinen Stuhl zurücksank.

Magnes Mutter lächelte ihn weiterhin tapfer an.

»Können Sie sich ausweisen?«, fragte Elli die junge Frau.

Die zog ihre Geldbörse hervor und gab Elli ihren Führerschein.

»Siri Rud«, las Elli vor. »Dann bist du vielleicht Magne Rud?«, sagte sie an den Jungen gewandt.

»Er trägt einen anderen Nachnamen«, erklärte Siri. »Den des Vaters.«

»Gibt es … gibt es nur Sie beide? Also Sie und Magne?«, fragte Elli.

»Ja«, erwiderte sie tonlos.

Flensberg wand sich auf seinem Stuhl. Elli betrachtete ihn ein paar lange Sekunden. »In Ordnung, Sie können gehen«, sagte sie dann.

Flensberg verschwand auf der Stelle. Er hatte einen Fünfhunderter auf dem Tisch zurückgelassen.

»Äh …«, sagte Nereng gerade so laut, dass er gehört wurde. »Vielleicht möchte Magne ja jetzt ein Eis essen, nachdem wir seine Mutter gefunden haben.«

Magne lächelte.

Nereng nahm ihn an die Hand und verließ mit ihm das Lokal.

Mit nüchterner Stimme erläuterte Elli, dass wohl das Jugendamt die nächste Station gewesen wäre, wenn Magne seine Mutter nicht entdeckt hätte. Siris Reaktion fiel zunächst stoisch aus, danach wurde sie trotzig, aber schließlich legte sie die Karten auf den Tisch. Ein Exmann, der den Unterhalt nicht bezahlte. Magne bekam ihn kaum zu Gesicht. Siri saß da mit einer teuren Wohnung in Frogner, war bis über die Ohren verschuldet und konnte ihren Verpflichtungen nicht mehr nachkommen. »Ich brauche einen Mann mit Geld, und Magne braucht einen Vater.«

Elli sah sie einen Moment lang aufmerksam an. Siri war hübsch, mit gleichmäßigen Zügen und freundlichen blauen Augen. Nachdem sie ihre Aggressivität abgelegt hatte, strahlte ihr Gesicht Wärme aus.

»Ich weiß ja nicht, wie gut Sie Herrn Flensberg kennen«, sagte Elli, »aber wenn er Sie in so einer Situation alleinlässt, ist er vielleicht nicht ganz die richtige Wahl.«

Siri seufzte. »Nein, das ist er wohl nicht …«

»Okay«, fuhr Elli fort. »Ihre finanziellen Verhältnisse und Ihre Männerbekanntschaften gehen mich nichts an, aber Sie müssen auf Ihren Jungen aufpassen. Ich werde das in unserem System vermerken müssen … dass wir ihn gefunden und zurückgebracht haben und dass er eine ganze Weile von Ihnen getrennt war.«

Siri nickte resigniert.

»Das hat zum gegenwärtigen Zeitpunkt nichts zu bedeuten, aber wenn Sie sich wieder einmal so verhalten, wird es Ihnen nicht zum Vorteil angerechnet.«

»In Ordnung.«

»Also gut«, sagte Elli und erhob sich. »Dann möchte ich Sie nicht länger stören. Viel Glück, Siri. Ich sage Nereng, dass er Magne wieder herbringt.«

Elli und Nereng blieben in einiger Entfernung stehen und beobachteten Magne und seine Mutter. Durch das Restaurantfenster sah sie aus wie jede andere aufmerksame und liebevolle Mutter.

»Dann hat sie also den Jungen in der Stadt herumlaufen lassen, während sie selbst dabei war, irgendwelche Männer aufzureißen«, fasste Nereng zusammen.

»Genau. Ich hab ihr gesagt, dass ich einen Bericht schreibe und dass der dann wieder auftaucht, wenn sie so was noch mal macht.«

»Hoffentlich begreift sie den Ernst der Lage. Sie wirkt eher wie jemand, der gern mal um die Häuser zieht«, konstatierte Nereng.

Sie liefen zu ihren Fahrrädern, die auf der Aker Brygge abgestellt waren.

»Ach, übrigens«, sagte Elli, als sie schon den Helm aufgesetzt hatte, »was war das eigentlich?«

»War was?«

»Na, dein Song-Zitat.«

Sein Mund verzog sich zu einem Grinsen. »Ach so! Rate mal!«

»Ich kenn mich mit Rockmusik nicht aus«, sagte Elli und breitete demonstrativ die Arme aus.

»Versuch’s mal.«

»Stones.«

Nereng schüttelte den Kopf.

»Na, dann eben The Who.« Sie sah ihn erwartungsvoll an. »Das sind doch immer so alte Rocker. Du hast doch ’nen Musikgeschmack wie ein Fünfzigjähriger.«

Erneutes Kopfschütteln.

»Ich geb auf.«

»Greatful Dead«, sagte Nereng und strampelte los.

Gegen zehn Uhr kam Elli zurück in ihre Wohnung im Badebakken in Bjølsen. Als sie die Tür aufschloss, erwartete sie eigentlich, von Zenith begrüßt zu werden, doch dann fiel ihr ein, dass sich ihr bald acht Jahre alter Rhodesian Ridgeback zusammen mit Johanne, ihrer jungen Nachbarin, auf einer Tour durch den Wald befand. Sie wohnte in der Wohnung über Elli und war ihre feste Hundesitterin, wenn Elli spät arbeiten musste. Zenith und Johanne hingen sehr aneinander, nicht zuletzt wegen einer Geschichte vor zwei Jahren, als beide in Ellis Ermittlungen hineingeraten waren, die sich um einen Serienmörder gedreht hatten.

Draußen hatte die Dämmerung eingesetzt. Johanne würde sicher bald zurückkommen.

Im Flur zog Elli die Schuhe aus. Ihr Blick streifte das eigene Spiegelbild. Halb norwegisch, halb thailändisch. Braune Augen, schwarzes Haar, dezente Krähenfüße. Manchmal, so wie jetzt, hatte sie das komische Gefühl, überhaupt nicht zu wissen, wer sie da aus dem Spiegel anstarrte.

Das Handy klingelte. Unbekannte Nummer.

»Rathke.«

»Ja, hier ist Ringstad, von der hiesigen Hundestaffel.«

Eine Frauenstimme. Elli überlegte ein paar Sekunden.

»Ringstad? Sind wir uns nicht schon mal begegnet?«

»Doch ja, ein Leichenfund am Sognsvann, vor zwei Jahren. Ich hab damals auf der Wache Majorstua gearbeitet.«

»Ja, genau. Stimmt. Okay, was kann ich für dich tun?«

»Also, ich bin hier unten in Ruseløkka. Wir sind hier wegen eines Anrufs. Ein Bewohner eines Mietshauses wurde im Keller von einem Obdachlosen überrascht. War völlig zugesoffen …«

Elli hörte, dass die Beamtin ein paar Worte mit einem Kollegen wechselte.

»Und?«, fragte Elli.

»Äh«, sagte Ringstad, wurde aber wieder kurz unterbrochen, »… also anscheinend haben wir hier eine Leiche.«

»Anscheinend?«

»Es ist ein Skelett.«

Eine Leiche im Keller.

»Hast du schon die Kriminalwache informiert?«

»Ja. Die haben mich an den diensthabenden Beamten der Abteilung für Gewaltverbrechen verwiesen, und dann wurde ich mit dir verbunden. Du bist die Erste, mit der ich hier spreche.«

»Sicher die Gegend und sperr alles ab«, sagte Elli und griff gleichzeitig nach ihrem Fleeceshirt und der Allwetterjacke. »Und versuche, den Mann wach zu halten, der die Leiche gefunden hat.«

»Äh, das ist wohl schon zu spät. Bei dem sind vor ein paar Minuten die Lichter ausgegangen. Totales Saufkoma.«

Kapitel 2

Elli und Nereng betrachteten den Wohnblock in Ruseløkka durch die Regentropfen auf der Frontscheibe. Wahrscheinlich war der Obdachlose irgendwie von dieser Seite in das Gebäude gekommen. Leute wie er hatten oft ihre Geheimnisse, was den Zugang zu alten Kellern, Dachböden, Garagen und Lagerräumen betraf; Orte, an denen sie einen Unterschlupf für die Nacht finden konnten, ungesehen von Wachleuten, Jugendgangs und der Polizei. Elli konnte es ihnen nicht zum Vorwurf machen.

Halb zwölf. Die Straßen waren menschenleer. In einiger Entfernung trottete ein Fuchs im Licht der Straßenbeleuchtung über den Weg.

»Stadtfuchs«, kommentierte Nereng und änderte seine Sitzposition. Der schwarze Goretex-Stoff raschelte.

»Ich hab gehört, dass es in Polen Wölfe gibt, die nachts durch die Städte streifen«, erwiderte Elli.

Nereng fasste sich ans Kinn. »Mir reicht’s mit Reineke Fuchs.«

»Siehst du Ringstad irgendwo?«, fragte Elli.

Nereng spähte umher. »Nix.«

Elli suchte die Nummer in der Anruferliste ihres Handys und rief Ringstad an.

Nach zweimaligem Klingeln ging die Kollegin dran. »Ich bin gleich da.«

Elli stieg aus. Der Himmel wirkte schwer.

Dreißig Sekunden später kam Ringstad auf der Südseite des Wohnblocks zum Vorschein. Ihr unbeherrschbares blondes Haar wurde im Nacken von einem Band zusammengehalten. Ringstads graue Augen musterten sie kurz. »Hier lang.«

Elli und Nereng folgten ihr um eine Ecke des Gebäudes. Früher hatten sich auf diesem Gelände Eisenbahnschienen befunden, doch jetzt war hier ein kleiner Park angelegt worden. Gleich hinter der Hausecke stand Ringstads Streifenwagen. Die Heckklappe war geöffnet. Zwei Malinois beobachteten sie mit wachen Augen aus ihrem Käfig heraus. Ein Hundeführer, dem Elli noch nie begegnet war, stand in gebieterischer Pose neben dem Wagen. Elli und Nereng begrüßten ihn kurz.

»Wir müssen da lang«, erklärte Ringstad und lief zielsicher an dem Gebäude entlang. Das Gelände fiel ab.

Zwanzig Meter weiter entdeckte Elli eine Holztür in der Kellermauer. Ringstad schob die Hand in die Tasche und zog ein paar blaue Plastiküberzüge für die Schuhe heraus. Nachdem alle ihre Schuhe mit den Überzügen versehen hatten, ging Ringstad in die Hocke, schaltete eine LED-Taschenlampe ein und führte sie in eine Art Erdkeller. Elli dachte, dass er sich unterhalb des normalen Kellerniveaus befinden musste.

»Das ist hier so eine Art Doppelkeller«, erläuterte Ringstad, als hätte sie Ellis Gedanken gelesen.

Elli registrierte, dass der Erdkeller eine andere Grundfläche als das restliche Gebäude haben musste. Die Wände bestanden aus unbehandeltem Felsgestein und führten viel tiefer in das Erdreich hinein als die Außenwände des Gebäudes. An mehreren Stellen musste Elli sich bücken. Nerengs Stöhnen verriet, dass seine 193 Zentimeter für diesen katakombenartigen Raum weit entfernt von der Idealgröße waren.

»Jetzt scharf nach rechts«, warnte Ringstad.

Der Raum verengte sich zu einer Art Korridor, der nach rechts abzweigte und in einen anderen, kleineren Raum führte. Durch eine Luke in der Wand fiel etwas Licht herein. Auf dem Boden lag ein Durcheinander aus Unrat: Pappkartons, alte Gartengeräte, ein altes Fahrrad, leere Flaschen.

Ringstad blieb mitten im Raum stehen. »Hier ist er hineingeklettert«, sagte sie und richtete die Taschenlampe auf eine Stelle neben der Luke. Das hereinsickernde Licht musste von der Straßenbeleuchtung und den Gebäuden draußen stammen.

Ringstad deutete mit der Taschenlampe auf den Boden. »Der Fundort.«

Ellis Blick folgte dem Lichtkegel, und sie entdeckte eine kleine Vertiefung im Boden, ganz dicht an der Wand, ungefähr zwanzig Zentimeter tief. In der Mitte ragten zwei graubraune Knochen hervor.

Nereng beugte sich hinunter und stieß ein kleines, befreites Stöhnen aus. »Sehen aus wie Rippen. Ja. Dünne Rippen.«

Elli sah zu Ringstad. »Und der Obdachlose hat sie also gefunden?«

»Ja, er hat dem Hausbewohner von dem Skelett erzählt, und der hat uns dann angerufen«, sagte sie und blickte auf ihre Notizen. »Dalsberg. Er hat uns dann auch hier runtergeführt. Oder eigentlich zeigte er uns nur den Eingang. Traute sich nicht, reinzugehen.«

»Und du bist dann allein hineingegangen?«

»Ja.«

»Auf demselben Weg wie wir jetzt?«

»Nein, es gibt noch einen anderen Eingang.«

Elli ließ den Strahl ihrer Taschenlampe über die Wände gleiten, konnte aber keine Öffnung entdecken.

»Der ist unglaublich gut verborgen«, sagte Ringstad und ging auf die hinterste Ecke des Erdkellers zu. Staunend sah Elli, dass sie sich beinahe in Luft auflöste.

Kapitel 3

»Der Eingang ist kaum zu sehen«, rief Ringstad. Ihre Stimme hallte nach.

Elli trat in die Ecke. Im hintersten Winkel entdeckte sie, dass die Wand auf der rechten Seite in einen schmalen Durchgang führte, der unmöglich zu sehen war, wenn man nicht direkt davorstand. Sie ging hinein.

»Und ich soll hier inzwischen auf die Leiche aufpassen, oder wie?«, hörte sie Nereng fragen.

»Ja«, rief Elli.

Nereng brummte irgendetwas vor sich hin, das Elli nicht genau verstehen konnte.

Sie befand sich in einem gestreckten Raum, der ungefähr acht Quadratmeter maß. Am anderen Ende fiel das Licht von Ringstads Taschenlampe auf ein paar schiefe Treppenstufen. Elli ging weiter. Rechts vor dem Treppenaufgang fiel ihr ein Stapel mit alten Holzkisten auf.

»Die Treppe rauf«, rief Ringstad.

Als Elli die zweite Stufe betrat, hörte sie, wie eine Tür geöffnet wurde. Von oben strömte Licht herein. Nach ein paar weiteren Stufen kam sie in einen kleinen Raum mit Betonfußboden und Holzwänden.

Ringstad wartete auf sie. »Kellerverschlag«, sagte sie und öffnete eine der typischen, aus Brettern gefertigten Holztüren.

Elli folgte ihr weiter. Sie landeten im normalen Kellerbereich des Gebäudes. Am anderen Ende hielt ein Streifenpolizist Wache, und auf einer Kiste rechts an der Wand hockte ein dicklicher Mann Ende dreißig, der eine reflektierende gelbe Weste trug. Sein Blick zuckte unsicher zwischen Elli und Ringstad hin und her. Ein kräftiger Alkoholgeruch durchzog den Raum.

»Rathke, Abteilung für Gewaltverbrechen«, sagte Elli und reichte dem Mann die Hand.

»Roy Dalsberg, mein Name«, erwiderte er mit leicht erregter Stimme.

»Sind Sie draußen spazieren gegangen?«, fragte Elli und deutete auf die gelbe Weste.

Unvermittelt stand er auf und drehte ihr den Rücken zu. »HAUSMEISTER« stand mit blauen Buchstaben auf der Weste.

»Ich hab eine Zehn-Prozent-Teilzeitstelle. War hier unten, um ein paar Sachen zu erledigen, als dieser Alki plötzlich wie ein Flaschengeist vor mir auftauchte.«

Elli nickte ihm anerkennend zu und ließ ihren Blick über den Kellerraum und die lange Reihe mit Holztüren schweifen. Niemand war zu sehen.

»Wo ist der Betreffende?«, fragte sie Ringstad.

»Ah ja, der schläft hier drinnen«, sagte Ringstad und öffnete die Tür zum letzten Kellerverschlag, der als Geräteraum für die Hausbewohner diente.

Ein Mann lag schnarchend auf dem nackten Fußboden. Er hatte halblanges Haar, kräftigen Bartwuchs und wohl seit einiger Zeit nicht mehr geduscht, wie Elli feststellte. Seine Kleidung bestand aus Joggingschuhen, zerschlissenen Jeans und einer Adidas-Trainingsjacke. Aus einer der Taschen lugte eine Flasche hervor. Er schlief tief und fest. Kein Zweifel, wo die Quelle des Alkoholdunstes zu finden war.

»Er hatte einen völlig irren Blick, als er mir von der Leiche erzählte«, berichtete Dalsberg aufgeregt. »Aber ich hab mich verdammt noch mal nicht getraut, in diesen geheimen Tunnel reinzugehen, den er da anscheinend in den Keller gegraben hat … Ich wohne jetzt seit fünfzehn Jahren hier und bin immer davon ausgegangen, dass der Raum da unten irgendwelche technischen Einrichtungen von den Osloer Verkehrsbetrieben enthält.« Er deutete auf den Kellerraum, aus dem Elli und Ringstad heraufgekommen waren. »Wie Sie sehen, hat die Tür ein normales Schloss an der Außenseite, kein Vorhängeschloss.«

Elli ging zurück zu der Tür und sah, dass es auf der Innenseite keinen Schlüssel, sondern nur einen Drehgriff gab. »Ist hier irgendwann mal jemand von den Verkehrsbetrieben drin gewesen?«

Dalsberg schüttelte energisch den Kopf. »Nicht so lange ich hier wohne, also seit 1997.«

Elli verharrte einige Sekunden und war bemüht, alle Details der Situation in sich aufzunehmen. Sie versuchte, Nereng über Funk zu erreichen, bekam aber keinen Kontakt. Was so tief unter der Erde keine große Überraschung war. Das neue, digitale System funktionierte mit Müh und Not im Freien. Sie zog ihr Handy hervor, bekam aber auch hierüber keine Verbindung.

»Warte bitte einen Moment«, sagte sie zu Ringstad und lief wieder die Treppe hinunter. »Jan? Alles okay bei dir?«

»Könnte nicht besser sein«, hörte sie ihn antworten.

»Kannst du mal herkommen?«

Ein paar Sekunden später sah sie Nereng die Treppe heraufkriechen. Als er oben angekommen war, streckte er erleichtert Arme und Rücken durch.

»Schade, wo’s doch da unten gerade gemütlich wurde«, sagte er.

»Tut mir leid, dass ich die Idylle zerstören muss«, erwiderte Elli, »aber wir müssen hier raus, damit wir nicht noch mehr Spuren zerstören.«

»Sag der Kriminaltechnik, dass sie ihre kleinsten Leute herschicken sollen«, riet Nereng.

Elli wandte sich wieder an Dalsberg. »Sie können erst mal gehen. Aber halten Sie sich bitte für weitere Aussagen in Ihrer Wohnung zur Verfügung.«

»Vielen Dank«, seufzte Dalsberg erleichtert.

Elli warf Ringstad einen Blick zu. Sie verstand den Hinweis und führte Dalsberg nach draußen.

Einige Stunden später: Im Hintergrund summten Stromaggregate, der Bereich um den Wohnblock war mit Absperrband und Sperrgittern weiträumig gesichert, blauweißes Licht füllte den Kellerbereich und strömte aus der Tür, durch die Elli und Nereng zuerst an den Tatort gekommen waren. Die Kriminaltechniker in weißen Overalls, mit Haarnetz und blauen Schuhüberzügen aus Plastik arbeiteten sich systematisch durch das Gebäude und den Außenbereich.

Elli hasste die Wartezeit, bevor die Kriminaltechniker sie wieder an einen Tatort ließen. Ungeduldig trommelte sie mit den Fingern auf dem Armaturenbrett herum. In Kombination mit dem Regen, der auf die Frontscheibe fiel, ergab sich eine kleine Kakophonie. Daher überhörte sie zunächst das Klopfen an der Seitenscheibe, bis Nereng sie schließlich mit der Schulter anstieß und auf den Kollegen draußen aufmerksam machte.

Sie ließ das Fenster herunter. Ein weißer Overall kam zum Vorschein. Der Kriminaltechniker mit dem Haarnetz hielt einen großen gelben Regenschirm in der Hand.

»Der Typ da im Kellerverschlag ist aufgewacht«, ließ er sie wissen. Elli und Nereng drängten sich unter den Regenschirm und liefen zum Eingangsbereich hinüber.

»Johnny Nilsen«, stellte sich der Mann auf dem Fußboden vor. Mittlerweile hatte er eine sitzende Haltung eingenommen. »Bin ich eingewiesen worden?«

»Sie sind hier nicht im Krankenhaus, Nilsen. Wir sind von der Polizei.«

Nilsen rieb sich die blutunterlaufenen Augen und rülpste. Elli musste ein Stück zur Seite treten, um der kräftigen Alkoholfahne auszuweichen.

»Wasser!«, rief Elli in unbestimmte Richtung hinter sich.

Innerhalb von wenigen Sekunden hatte Nereng eine Flasche Bris-Mineralwasser hervorgezaubert. Er öffnete sie und reichte sie Nilsen, der einen Schluck trank, nach Luft schnappte und dann ausspuckte. »Verdammte Scheiße, das ist ja Wasser.«

»Mit dem Schnaps müssen Sie noch etwas warten«, sagte Elli und legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Wir müssen uns unterhalten.«

Ihre Blicke trafen sich. Der Ausdruck des Mannes verriet, dass er es gewohnt war, auf Ablehnung zu stoßen. Seine Schulter fühlte sich knochig und schwach an, die verheerende Wirkung des Alkohols auf den Körper machte es schwer, sein Alter zu schätzen. Irgendwas zwischen vierzig und sechzig, dachte Elli.

»Werde ich hier wegen irgendwas verdächtigt?«

Elli antwortete nicht, nahm aber seine Hand. Sein Händedruck war erstaunlich kräftig. »Wir müssen Sie erst mal auf die Beine kriegen, Nilsen. Und uns dann einen Ort zum Reden suchen.« Sie half ihm aufzustehen. Schwankend machte er einen Schritt zur Seite, dann stieß er dumpf gegen die Kellerwand. Er verharrte in aufrechter Position und ließ sich von Elli und Nereng nach draußen und zu einer Blauen Minna führen.

Eine Viertelstunde ließen sie ihn hinten in der Blauen Minna zur Besinnung kommen und begannen dann mit der Befragung.

»Können Sie mir mit eigenen Worten erzählen, was passiert ist?«, setzte Elli an.

Stammelnd machte sich Nilsen an eine lange und umständliche Schilderung seines Tagesablaufs. Elli führte das Gespräch in handfestere Bahnen, woraufhin Nilsen seine Erklärungen bemerkenswert schnell präzisierte. Zehn Minuten später hatten sie ein relativ klares Bild der Geschehnisse. An keiner Stelle schien Nilsens Aussage der Version Dalsbergs zu widersprechen.

Nilsen war vor drei Jahren eines Tages zufällig auf den Raum unterhalb des Wohnblocks gestoßen. Danach hatte er den Raum regelmäßig benutzt, hauptsächlich, um dort zu übernachten, aber auch, um seinen Rausch auszuschlafen oder sich zu verstecken, wenn das Leben auf der Straße dies erforderte.

»Haben Sie jemandem von diesem Ort erzählt?«, fragte Elli.

Nilsen überlegte. »Einem Kumpel. Gauperud. Auch so ’n alter Straßenvogel. Heroin, Schnaps, Hasch – hat sich reingezogen, was er kriegen konnte. Aber er ist letztes Jahr um Weihnachten herum gestorben. Erfroren.«

»Sonst niemandem?«

Nilsen schüttelte den Kopf.

»Haben Sie mal jemanden da unten gesehen?«

»Nicht dass ich wüsste. Ich konnte da in Frieden untertauchen, das war ja das Gute daran.«

»Gab es irgendwelche Anzeichen, dass da vielleicht mal jemand gewesen ist. Spuren?«

Für die Beantwortung dieser Frage brauchte Nilsen etwas mehr Zeit. Schließlich kam er zu der Erkenntnis, dass das nicht ausgeschlossen war, er es aber nicht wirklich glaubte.

»Was ist mit diesem Durchgang, der hinauf in den Hauptkeller führt? Wann haben Sie den entdeckt?«

Nilsen kniff die Augen zusammen und seufzte schwer; ein sicheres Anzeichen dafür, dass er nicht mehr viel Energie hatte. »Es war ganz zu Beginn«, sagte er. »Da flitzte eine Ratte herum, und da guckt man natürlich nach, um rauszufinden, wo die herkommt. Ich konnte gerade noch sehen, dass die Ratte unter ein paar Kästen da drinnen verschwand, aber dann hab ich die Treppe entdeckt und fand raus, dass sie in den Keller hochführte … und dann sagte ich zu mir selbst: Wenn du irgendwann mal schnell verschwinden musst, dann geht’s da lang.«

»Haben Sie da unten so rumgescharrt, dass das Skelett zum Vorschein kam?«

Nilsen erschauderte. »Ich wollte mit den Händen ein paar Unebenheiten ausgleichen, so, wie ich das früher schon gemacht hatte … Im Dunkeln konnte ich zuerst nicht erkennen, dass irgendwer da schon rumgegraben hatte. Das muss passiert sein, während ich nicht da war. Aber dann hab ich da plötzlich die Knochenreste bemerkt.«

Elli blickte ihn fragend an. »Und sind die Treppe hochgerannt?«

»Die Leiche hat mir einen Scheißschrecken eingejagt. Hab dann wie auf Autopilot die Fluchtroute genommen.«

»Wann sind Sie zuletzt da unten gewesen?«

»Vor zwei … nein, vor drei Tagen.«

»Und diese Graberei muss dann in der Zwischenzeit stattgefunden haben?«

Nilsen nickte höflich. Seine Hände zitterten. »Kann ich jetzt gehen?«

Elli nickte. »Wir müssen später noch mal mit Ihnen reden. Das verstehen Sie doch, oder? Haben Sie jemanden, bei dem Sie jetzt wohnen können? Verwandte, zum Beispiel?«

Nilsen stieß ein heiseres Lachen aus. »Die haben genug mit sich selbst zu tun. Meine Adresse wechselt mit den Jahreszeiten, könnte man sagen.«

Elli schätzte die Situation ab. »Sie begreifen ja wohl, dass Sie sich einen anderen Schlafplatz als den hier suchen müssen. Möchten Sie auf der Polizeiwache übernachten?«

Nilsens Augen wurden schmal. »Kommt das ins Führungszeugnis?«

Elli lächelte. »Nein. Aber wir müssen registrieren, wann Sie kommen und wieder gehen.«

»Nee, vielen Dank«, sagte Nilsen. »Ich glaub, ich geh lieber zum Zentrum runter.«

Das Wohnheim der Stadtmission.

»Okay«, sagte Elli und bat einen der Beamten, Nilsen zu begleiten.

Kapitel 4

Es war fast vier Uhr morgens, als die Kriminaltechniker Elli und Nereng wieder an den Fundort der Leiche heranließen. In dem jetzt hell erleuchteten Kellerraum sahen sie, dass die fleckige, bräunliche Farbe des Skeletts vom Erdboden hervorgerufen worden war. Elli entdeckte keine Anzeichen von Kleidung oder anderem biologischen Material, was aber nichts darüber aussagte, wie lange das Skelett dort gelegen hatte. Der Verwesungsprozess konnte schnell ablaufen oder mehrere Jahre dauern, abhängig von Erdbeschaffenheit, Feuchtigkeit und anderen Faktoren. Aus unerklärlichen Gründen hatte Elli den Eindruck, dass mit der Skelettform der Leiche irgendetwas nicht stimmte. Sie mussten abwarten, bis die Techniker mehr von den Knochen ausgegraben hatten.

»Sieht ziemlich feingliedrig aus«, dachte sie laut.

»Mh-m«, grunzte Nereng.

Nach ein paar Minuten überprüfte Elli ihr Handy. Keine Deckung. Sie ging näher an die Tür heran und sah zwei Streifen im Display. Sieben Anrufe. Allein vier von Kurt Fjeld, dem Leiter der Abteilung für Gewaltverbrechen bei der Osloer Polizei.

»Ihr habt da also eine alte Leiche gefunden?«, war Fjelds erste Frage.

»Sieht so aus, als hätte sie hier ’ne Weile rumgelegen. Bräunlich, morsch, kein Fleisch mehr an den Knochen, um es so zu sagen«, erläuterte Elli.

»Habt ihr schon irgendwas überprüft? Vermisstenmeldungen oder Ähnliches?«

»Negativ. Nereng und ich sind hier die ganze Zeit gewesen und haben mit den Leuten gesprochen, die die Knochenreste gefunden haben.«

»Und was sagen die?«

Elli erklärte ihm die Situation. Sie betonte, dass Nilsen noch einmal vernommen werden musste, wenn er wieder nüchtern war, und dass sie später noch einmal mit Dalsberg reden würden.

Fjeld war ein paar Sekunden still. »Wir sehen uns im Präsidium«, sagte er dann. »Leg dich erst mal ein bisschen schlafen, Elli.«

Elli zögerte die Antwort hinaus, während sie gleichzeitig durch die alte Holztür in das Innere des Erdkellers schaute. Das Arbeitslicht warf große, verzerrte Schatten an die Wand dahinter. Einer von ihnen erinnerte an Quasimodo aus dem Glöckner von Notre Dame.

»Ja gut, wir sehen uns dann.«

Sie legte auf und ging in den Erdkeller hinein, wo sich Quasimodo als Nereng entpuppte.

»Was glaubst du? Was ist hier passiert?«, fragte er.

Elli kratzte sich im Nacken. »Weiß nicht. Aber die Leiche muss da vergraben worden sein, nachdem das Gebäude errichtet wurde.« Nachdenklich betrachtete sie die Kriminaltechniker, die mit kleinen Schaufeln, Bürsten und Pinseln ihrer Arbeit nachgingen. Wie bei einer archäologischen Ausgrabung.

Nereng gähnte. »Das wird ’ne Weile dauern.«

Elli sah erneut auf die Uhr. Halb fünf. »Wollen wir unserem Teilzeithausmeister Dalsberg noch ein paar Stunden geben, um sich von dem Schock zu erholen?«

»Na, die Gefahr der Beweisverschleppung ist ja nicht gerade sehr hoch, wenn man bedenkt, wie lange dieser Typ – oder diese Frau – da in der Erde gelegen hat«, erwiderte er und verzog das Gesicht zu einer Reihe von Grimassen. Gesichtsmassage.

Mittlerweile war von drei Seiten eine Plastikplane über den Fundort gespannt worden, um zu verhindern, dass Erde, Holzstücke, Beton, Farbe oder andere Partikel von Wänden oder Decke auf die Leiche fielen. Elli steckte den Kopf unter die Plane und sah, dass die Techniker Teile eines Brustkorbs freigelegt hatten. Eine Weile beobachtete sie die Ausgrabung. »Müsste da nicht irgendwo ein Schädel sein?«

Nereng ging in die Hocke, kniff ein Auge zusammen und spähte zu den Technikern hinein. »Da sagst du was.«

»Hmm … oft fallen solche Skelette ja in sich zusammen, wenn sich die Erdmasse irgendwie bewegt. Wir warten ab und sehen dann weiter.«

Elli richtete sich auf und ging zu dem Leiter der Kriminaltechniker, einem neuen Kollegen Anfang dreißig. Er hieß Gaarder.

»Sind wir uns einig, dass es sich nicht um eine frische Leiche handelt?«, fragte sie.

Gaarder räusperte sich und blickte gleichzeitig zu dem Erdloch hinüber. »Grundsätzlich sollten wir erst mal gar nichts vermuten, aber angesichts der Erde über und um den Fundort herum können wir wohl annehmen, dass da ein wenig Zeit vergangen ist.«

»Und was würdest du vermuten, ohne dass ich dich jetzt zitieren werde?«

Gaarder zögerte. »Ich schätze mal, mehr als zwei Jahre.«

»Okay.«

Elli wandte sich an Nereng. »Willst du vielleicht ein bisschen im Wagen schlafen, während ich solange hierbleibe?«, fragte sie.

»Bist du gar nicht müde?« Seine grünen Augen strahlten im scharfen Seitenlicht besonders hell.

»Ich komm schon klar«, sagte sie und machte eine Kopfbewegung in Richtung Tür. »Außerdem muss ich ja nicht so krumm gebeugt dastehen.«

Nereng verpasste ihr mit seiner Riesenfaust einen freundschaftlichen Schlag auf die Schulter und verließ mit eingezogenem Kopf den Keller.

Ruseløkka grenzt an Vika, die Gegend, die Aker Brygge und den Rådhuskai umgibt. Bis in die 1980er-Jahre hinein waren Vika und Teile von Ruseløkka ein Ort für kleine Betriebe, Lastwagen, Güterzüge und Arbeiter gewesen. Was Elli im aufziehenden Morgenlicht betrachtete, war nun zu einem ruhigen und teuren Wohnviertel geworden. Gleichwohl hatte die Gegend etwas Ursprüngliches beibehalten. Etwas Zeitloses.

Der Wohnblock musste über hundert Jahre alt sein, überlegte Elli. Das Skelett im Erdkeller konnte aus der Zeit stammen, in der das Haus gebaut wurde, oder war erst später dort platziert worden. Theoretisch erstreckten sich die Ermittlungen über eine Zeitspanne von mehr als hundert Jahren.

Der Regen hatte aufgehört. Die ersten Sonnenstrahlen schlichen zwischen Gebäuden und geparkten Autos umher und schickten das Wasser von Asphalt und Kopfsteinpflaster in Form von Dampf wieder zurück in den natürlichen Kreislauf.

Halb sechs.

Elli ging zum Wagen und weckte den schnarchenden Nereng, der sich angesichts einer weiteren Nacht auf einem in Schweden produzierten Autositz über Rückenschmerzen beklagte.

»Die wollen uns da drinnen was zeigen«, sagte sie.

Schon vor einer Stunde, als Elli das Bedürfnis nach Abwechslung von dem feuchten Erdloch verspürt hatte und ein bisschen spazieren gegangen war, hatten die Kriminaltechniker weitere Rippenknochen freigelegt. Mindestens drei von ihnen waren gebrochen. Das musste nichts heißen, konnte von den Bewegungen im Erdreich verursacht worden sein, stand aber möglicherweise auch mit der Todesursache in Verbindung.

Sie schlüpfte unter die Plastikplane und spähte in das Erdloch.

»Hier ist ja was passiert«, kommentierte sie. Die Techniker hatten innerhalb der letzten Stunde offenbar schneller gegraben, denn nun lag der größte Teil des Skeletts frei. Elli hörte hinter sich jemanden durch den dunklen Kellergang gehen, drehte sich um und entdeckte Ringstad von der Hundestaffel.

Der Leiter der Kriminaltechnik räusperte sich. »Zu Beginn einer solchen Arbeit brauchen wir für gewöhnlich etwas mehr Zeit, bis wir ungefähr wissen, wie die Knochenreste verteilt liegen. Danach können wir zielgerichteter und schneller arbeiten.«

»Wo ist der Kopf?«, fragte Elli.

»Das fragen wir uns auch«, entgegnete er. »Wie du siehst, haben wir im Umkreis von einem Meter um das Skelett herumgegraben, abgesehen von der Mauer – da sind einfach nur Steine –, aber wir finden nichts.«

Elli wunderte sich. Von Erdbewegungen konnte hier nicht die Rede sein; da hätte sich schon das ganze Fundament des Wohnblocks bewegt haben müssen.

»Keine Abwasserrohre oder sonstige Hohlräume unterhalb der Leiche?«, fragte sie.

Gaarder zuckte vorsichtig mit den Schultern. »Ich will ganz ehrlich sein, Rathke. Das hier ist das erste Skelett, das ich ausgrabe. Tatsächlich ist das sogar meine erste Leiche. Aber wenn es hier drunter etwas geben sollte, worin der Schädel vielleicht verschwunden ist, dann hätten wir das entdeckt.«

Elli kaufte ihm die Erklärung ab und nickte kurz.

»Bodenscanner?«, fragte sie.

Gaarder schüttelte den Kopf. »Der stand nicht zur Verfügung. Wir kriegen ihn vielleicht morgen im Laufe des Tages.«

Elli betrachtete abermals die Leiche und blickte auf das danebenliegende Maßband. Von den Zehen bis zum Hals waren es ungefähr 100 Zentimeter. Elli schätzte, dass der oder die Tote mit Kopf 120 bis 135 Zentimeter groß gewesen war.

»Das ist ein Kind«, sagte sie nachdenklich.

Gaarder starrte stumm auf das Erdloch. »Wie gesagt, das ist mein erstes Skelett …« Er machte eine Kopfbewegung in Richtung seiner beiden Kollegen im Hintergrund. »Aber wir glauben das auch. Acht bis zehn Jahre alt.«

»Was meinst du, Jan?«, fragte sie Nereng.

Er rieb sich die Nasenwurzel. »Na ja … ein Kind ohne Kopf, das ist wirklich schrecklich.«

Kapitel 5

Evelyn de Rosales blickte über die Menschenmenge. Die Abflughalle des Ninoy Aquino International Airport in Manila war bis zum Bersten gefüllt, so wie immer. Zwei junge Frauen mit Rucksack stießen sie an, während sie auf einen der Check-in-Schalter zugingen. Aus Skandinavien, vermutete Evelyn. Sie entschuldigten sich nicht. Anscheinend waren sie gestresst.

Ein gutes Stück weiter entdeckte sie das Schild mit der Aufschrift »Overseas Filipino Workers«. Evelyn atmete tief durch, ignorierte das flaue Gefühl im Magen und begann ihre Reise. Lächelnd und geschickt umging sie weitere Zusammenstöße. Sie mochte es nicht, in die Intimzone anderer Menschen einzudringen.

Evelyn stellte sich in die letzte Reihe. Vor ihr warteten ungefähr fünfzig Menschen. Die meisten davon waren junge Frauen Mitte zwanzig. Vier Grenzbeamte, jeder in seinem separaten Glaskasten, kontrollierten die Reisedokumente. Irgendwo hatte Evelyn einmal gelesen, dass über zehn Millionen Filipinos im Ausland arbeiteten. Was sollte man sonst auch tun? Sie war in Manila geboren und hatte ihre ersten zwanzig Lebensjahre dort verbracht. Alle, die sie kannte, waren arm.

Evelyn war fast sechsundzwanzig Jahre alt. Erst vor zwei Wochen war sie hier am Flughafen angekommen. Der Flug zurück nach Oslo ging in drei Stunden, nicht mehr Zeit, als sie in diesem Chaos benötigte. In gewisser Weise war der Stress sogar in Ordnung. Immerhin wurde es dadurch leichter, das Land wieder zu verlassen.

Nach einer guten Stunde reichte sie dem ausdruckslosen Beamten ihren Pass und die Papiere von der Philippine Overseas Employment Administration. Er stempelte den Pass ab und winkte sie umstandslos durch. Hundert Dollar hatte es gekostet, die Papiere zu bekommen, die die norwegischen Behörden für Au-pairs verlangten.

In der Tax-free-Zone leistete sie sich den Luxus eines Modemagazins, kaufte aber nichts zu essen. Der Flug ging um die Mittagszeit, sie würde also eine Mahlzeit an Bord bekommen.

Mit ihren 155 Zentimetern hatte Evelyn keine Probleme, was die Beinfreiheit im Flugzeug anbelangte. Die Hintergrundgeräusche der Triebwerke sowie die Bewegungen im Flugzeug störten sie allerdings. Von kurzen Schlafperioden unterbrochen, rutschte sie meist auf ihrem Sitz herum, auf der Suche nach einer besseren Position. Der Flug nach Oslo, mit Umsteigen in Abu Dhabi und Berlin, würde sie anderthalb Tage kosten. Berlin war unproblematisch, doch die Stunden in Abu Dhabi, mit aufdringlichen Fragen und Annäherungsversuchen männlicher Reisender, waren nichts, worauf sie sich freute. Schon jetzt musste sie sich seelisch darauf vorbereiten, um später die Handcreme kaufen zu können, die sie mitbringen sollte.

Im scharfen Licht des Punktstrahlers an der Decke blätterte sie durch die Cosmopolitan-Artikel über Gesundheit, Mode, große hübsche Frauen und befriedigenden Sex. Vielleicht würde sie selbst eines Tages ein Teil dessen sein. Der Preis wäre hoch. Schon jetzt kam er ihr sehr hoch vor. Aber sie hatte einen Job. Die Menschen, die ihr etwas bedeuteten, hatten ein Dach über dem Kopf und genug zu essen.

Sie stand auf, zwängte sich mit einer Entschuldigung an den beiden Männern in ihrer Sitzreihe vorbei, wandelte ein wenig durch die Gänge des verdunkelten Flugzeugs und ließ sich von der Flugbegleiterin ganz hinten in der Maschine ein Glas Wasser geben.

Als sie zurückkam, las einer der beiden Geschäftsmänner in ihrer Sitzreihe in einem Buch. Nordeuropäer, vermutete Evelyn. Deutschland, Niederlande, vielleicht auch eines der nordischen Länder. Als er aufstand, um sie vorbeizulassen, starrte er in ihren nicht sonderlich tiefen Ausschnitt.

Evelyn zog ihr weites Kapuzenshirt über und kehrte dem Mann den Rücken zu.

Ein kurzer Blick auf die Uhr verriet, dass ihr noch siebenundzwanzig Stunden Reisezeit bevorstanden. Nach einer halben Stunde schlief sie wieder ein.

Kapitel 6

Die Morgensonne warf helle, blassrosa Strahlen durch die Gardinen im Konferenzraum des Polizeipräsidiums. Elli hatte duschen und sich frische Sachen anziehen können; ein rotkariertes Hemd, dessen lange Zipfel über den Rand einer verschlissenen Jeans herabhingen. Sie kämpfte gegen die Müdigkeit und musterte mit rot unterlaufenen Augen die Versammlung. Links neben ihr saß Kurt Fjeld, der Abteilungsleiter mit den stahlgrauen Augen und dem silbergrauen Pferdeschwanz. Seine ganze Haltung wurde von der beinahe glänzenden Uniform unterstrichen. Er strahlte Sicherheit und Hingabe an seine Arbeit aus. Und verfügte über dreißig Jahre Erfahrung.

Gleich neben ihm saß Ove Sigurdssønn, der erfahrenste Ermittler der Abteilung. Auf der anderen Seite des Tisches waren zwei neue Kollegen, Sverre Brenner und Julie Chalmer, beide um die dreißig. Nereng und Polizeijurist Andersen saßen einander an den kurzen Enden des Tisches gegenüber.

Fjeld gab Elli ein Zeichen. »Bitte.«

Elli atmete tief durch. »Wir … wir glauben, dass es sich um ein Kind handelt. Vor dem abschließenden Obduktionsbericht können wir natürlich nicht völlig sicher sein, aber ausgehend von der Größe erinnert das Skelett an ein Kind.« Sie ließ ihre Worte sinken und fuhr dann fort. »Außerdem steht fest, dass wir bis jetzt noch keinen Schädel gefunden haben.«

Eine längere, bedrückende Pause entstand. Dann ergriff Fjeld das Wort. »Kann es sich nicht um eine kleinwüchsige Person handeln?«

Elli und Nereng blickten einander kurz an. »Wir müssen den Bericht der Rechtsmedizin abwarten«, erwiderte sie und sah zu Sigurdssønn hinüber, der bereits die Vermisstenmeldungen durchforstet hatte. Im Laufe der Jahre war er zu einer Kapazität auf diesem Feld geworden. »Ich habe mir die letzten dreißig Jahre angesehen«, erklärte er. »Es gibt da ein paar aktuelle Fälle.«

»Und hast du meinen kleinen Trick angewendet?«, fragte Elli und bezog sich dabei auf ein Computerskript, das sie selbst programmiert hatte, um die Informationen aus dem Vermisstenregister effektiver auswerten zu können, als die Systeme und die Datenschutzbehörde es eigentlich zuließen.

Sigurdssønn nickte schwach.

Elli überprüfte ihre Notizen. »Gaarder von der Kriminaltechnik vermutet, dass die Leiche mindestens zwei Jahre in der Erde lag«, erläuterte sie. »Wenn das zutrifft, könnten die alten Fälle ja relevant sein.«

»Hast du in Norwegen oder ganz Skandinavien gesucht?«, fragte Nereng.

»Norwegen«, erwiderte Sigurdssønn. »Den Rest nehme ich mir gleich im Anschluss an unsere Besprechung vor.«

Brenner räusperte sich.

Elli warf ihm einen aufmunternden Blick zu.

»Was ist mit Leuten mit einem anderen ethnischen Hintergrund … Sinti und Roma, irgendwelche anderen Nichtsesshaften oder illegale Einwanderer?«

»Tja, das ist auch eine Möglichkeit«, entgegnete Elli, hoffte aber gleichzeitig, dass es nicht so war. Menschen ohne festen Wohnsitz, ohne Arbeit oder mit einer anderen Staatszugehörigkeit erschwerten die Ermittlungen und verminderten die Chancen auf eine Aufklärung.

Die nächsten zehn Minuten erläuterte Elli noch einmal die sparsamen Informationen, die ihnen zum jetzigen Zeitpunkt vorlagen. Der Bericht der Rechtsmedizin würde frühestens in zwei Tagen zugänglich sein.

»Erkennungsdienst?«, fragte Fjeld, als sie fertig war.

»Na ja, da wir noch keinerlei Idee haben, um wen es sich handeln könnte, wäre das dann die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Der Erkennungsdienst muss ja irgendetwas haben, das mit der Leiche in Verbindung steht. Lasst uns doch erst mal abwarten, ob die Kollegen bei der Tür-zu-Tür-Befragung in Ruseløkka etwas herausfinden, mit dem wir arbeiten können. Dabei fällt mir ein, dass ich eine Liste aller Bewohner brauche, die in dem Wohnblock leben oder gelebt haben, und das mindestens für die letzten zwanzig Jahre«, fuhr Elli fort und sah zu Brenner und Chalmer hinüber.

Sie nickten unisono.

Ein paar Sekunden lang war es still.

Elli und Nereng wechselten einen kurzen Blick. Sein Gesicht verriet, dass er dasselbe dachte wie sie. Dass sie bis jetzt noch keine Zeit gehabt hatten, um darüber zu sprechen. Die Konzentration auf die taktischen Maßnahmen zog zu Beginn einer Ermittlung alle Aufmerksamkeit auf sich. Jetzt rollte der Zug, jetzt konnten sie nachdenken, konnten darüber sprechen, dass es sich bei der gefundenen Leiche um ein Kind handelte.

Elli sah zu Fjeld hinüber, der seine Zufriedenheit signalisierte.

Dann beendete sie die Konferenz.

»Der Kopf …«, sagte Elli und suchte nach weiteren Worten. Nereng und sie saßen inmitten der Bürolandschaft. Etwas weiter entfernt hatten Chalmer und Brenner angefangen, die Bewohner des Gebäudes in Ruseløkka aufzulisten.

Elli räusperte sich. »Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder ist das die Todesursache oder der Schädel wurde post mortem vom Rumpf getrennt.«

»Die Kriminaltechniker waren doch ganz sicher, dass es da keine Bewegungen im Erdreich gegeben hat.«

»Wir müssen den gesamten Erdkeller durchsuchen. Vielleicht ist er ja irgendwo anders vergraben.«

Elli seufzte entmutigt. Zu Beginn einer Ermittlung gab es immer eine endlose Warterei. Kriminaltechnik, Rechtsmedizin, DNA-Analysen, Registerabgleiche. Eine unendliche Kette von Prozeduren und Routinehandlungen.

»Aber wenn ein Mörder die Möglichkeit hat, sich eines Kopfes zu entledigen«, sagte Elli und sah Nereng an, »würde er dann nicht auch versuchen, die ganze Leiche wegzuschaffen – Stück für Stück?«

Nereng nickte zaghaft. »Tja … Kann es sich vielleicht um einen Ritualmord handeln?«

»Dafür gibt es keinerlei Anzeichen. Weder Symbole noch sonst irgendwas. Aber wir können das natürlich nicht ausschließen. Wenn wir mal laut denken … Wer hat ein Interesse daran, die Überreste eines Kindes zu verstecken? Ein Mörder, klar. Aber wieso?«

»Sexueller Übergriff?«

Elli nickte. »Vielleicht das Wahrscheinlichste. Das wäre dann so lange nach Eintreten des Todes auch fast unmöglich zu beweisen.«

»Der Mörder kann aber auch versucht haben, ein anderes Verbrechen zu vertuschen«, schlug Nereng vor.

Elli spann den Gedanken weiter. »Das Kind kann vielleicht Zeuge irgendeiner Handlung gewesen sein, die der Mörder um jeden Preis geheim halten musste.«

»Vielleicht wurde der Tod auch durch einen Unfall verursacht«, sagte Nereng.

Elli schüttelte den Kopf. »Noch einmal – der Kopf ist vom Körper getrennt. Was für ein Unfall soll das gewesen sein? Außerdem ist das Skelett ziemlich gut versteckt und hat da eine ganze Weile gelegen. Ich glaube nicht, dass der Ort zufällig ausgewählt ist, und demnach ist es auch kein Mord, der im Affekt begangen wurde.«

»Ja, es muss auch eine Weile gedauert haben, die Leiche zu vergraben«, entgegnete Nereng. »Der Betreffende war anscheinend sicher, da unten ganz ungestört arbeiten zu können.«

»Oder hat es zumindest so aufgefasst. Aber Nilsen ist ja sozusagen der Beweis für das Gegenteil.«

Nereng schlug seine rechte Faust rhythmisch gegen die linke Handfläche, so, wie er es immer machte, wenn sie komplizierte Zusammenhänge erörterten. »Was denkst du über Nilsen?«

»Wir können da sicher nichts ausschließen, aber auf mich wirkt er echt«, sagte Elli. »Betrunken und ängstlich, wie er war. So was kann man nicht spielen.«

Nereng fuhr eine Weile fort, seine Handfläche zu bearbeiten. Schließlich richteten sich seine grünen Augen auf Elli. »Kinder … die können sich doch überhaupt nicht wehren. Meine Güte, wie tief kann man nur sinken?«

Elli verbarg das Gesicht in den Händen und atmete tief durch, bevor sie die Handflächen zusammenlegte und die Fingerspitzen an der Nasenwurzel ruhen ließ. »Ich wünschte, es gäbe einen absoluten Nullpunkt für Bosheit, Jan.« Ihre Stimme zitterte leicht. Sie blickte Nereng wieder an. »Eine Grenze, unter die zu fallen unmöglich ist. Aber wir beide wissen, dass das eine Illusion ist.«

Nach dem Gespräch mit Nereng rief Elli Johanne an, die ihr versicherte, dass Zenith auf dem Waldspaziergang am Tag zuvor genügend Bewegung bekommen hatte. Außerdem hatte sie frei und bot sich an, den Hund erneut mit in die Natur zu nehmen. Elli bedankte sich und ließ durchblicken, dass sie zwischen fünf und sechs Uhr nach Hause kommen würde.

Danach sprach sie mit Sigurdssønn, der seine Suche nach vermissten Personen inzwischen auf alle nordischen Länder ausgeweitet hatte. Es gab ein paar relevante Fälle: ein neunjähriges Mädchen und ein zehnjähriger Junge in Schweden; zwei Jungen und zwei Mädchen in Dänemark; ein finnischer Junge im Alter von zwölf Jahren. Den Jungen aus Finnland strich Elli aufgrund von Alter und Beschreibung fast unmittelbar von der Liste, er war zehn Zentimeter größer als das Skelett. Ein Junge und ein Mädchen in Dänemark, acht und neun Jahre alt, waren aller Wahrscheinlichkeit nach vom Kindsvater in die Türkei entführt worden. Elli strich auch sie von der Liste. Der andere dänische Junge war mit seinen sechs Jahren zu jung, das neunjährige Mädchen hingegen kam theoretisch in Frage. Was den zehnjährigen Jungen aus Schweden betraf, so war er mit ziemlicher Sicherheit einige Male in Spanien gesehen worden, zusammen mit seiner drogenabhängigen Mutter. Elli schloss auch ihn aus. Das schwedische Mädchen konnte allerdings interessant sein. Sein spurloses Verschwinden vor vier Jahren hatte eine gigantische, aber ergebnislose Polizeiaktion ausgelöst.

»Dann haben wir also zwei skandinavische Kandidaten – das schwedische und das dänische Mädchen. Bleibt noch das restliche Europa.«

Sigurdssønn änderte seine Sitzposition. »Ich werde mich da draufstürzen, Elli. Aber erwarte dir nicht zu viel. Das ist alles eine zähe Materie.«

»Wir müssen es versuchen«, gab Elli stoisch zurück, wusste aber nur allzu gut, dass Sigurdssønn recht hatte. Nur wenige Kinder in der EU verschwanden völlig spurlos. In Osteuropa war das anders, aber dort war auch die Registrierung von Vermisstenfällen bei der Polizei oder dem Jugendamt ziemlich mangelhaft, falls es überhaupt ein halbwegs funktionierendes System gab.

»Du solltest auch die älteren Trafficking-Fälle überprüfen, die Leiche hat ja wahrscheinlich schon eine Weile dagelegen.«

Sigurdssønn nickte. »Ich setze mich mit der Kripo in Verbindung.«

Wieder am Schreibtisch, überprüfte Elli, ob die Fotos vom Tatort schon zugänglich waren. Die Untersuchungen am Fundort der Leiche und dem Skelett selbst hatten bisher nur marginale Informationen hervorgebracht. Nach so langer Zeit in der Erde war mit Geweberesten an den Knochen nicht zu rechnen, ebenso wenig waren Kleidungsreste gefunden worden. Letzteres musste nicht viel bedeuten, denn die Leiche war vielleicht unbekleidet vergraben worden. Die Kriminaltechniker hatten winzige Metallreste in der Erde gefunden, die von Spatenstichen herrührten. Auch Gummireste waren aufgetaucht. Metall und Gummi waren von der Sorte, die bei den meisten gängigen Spaten und Gummistiefeln vorkamen. Nach der langen Zeit gab es allerdings wenig Hoffnung, noch andere physische oder biologische Spuren zu finden.

Elli erwog kurz, die Rechtsmedizin anzurufen, ließ es aber sein. Sie arbeiteten dort sicher so schnell es ging.

Die Uhr zeigte halb elf. Noch immer waren sie nicht dazu gekommen, noch einmal mit Hausmeister Dalsberg zu sprechen

Kapitel 7

Auf der Autofahrt nach Ruseløkka fasste Nereng zusammen, welches Profil Roy Dalsberg bisher in der Welt hinterlassen hatte. »Sechsunddreißig Jahre alt, lebt allein, eine gescheiterte Ehe mit einer Frau aus Østfold, keine Kinder, sie ist wieder verheiratet. Dalsberg hatte ein Bußgeldverfahren wegen Trunkenheit in der Öffentlichkeit am Hals, eine Sauftour auf Hovedøya vor einigen Jahren. Ansonsten keine Risse im Lack. Ist sogar beim Militär gewesen, arbeitet als IT-Berater.«

»Und zu zehn Prozent als Hausmeister«, fügte Elli hinzu, während sie den Wagen vor den Absperrungen am Wohnblock zum Stehen brachte. An der Eingangstür bestätigte ein Beamter vom Streifendienst, dass Dalsberg seine Wohnung nicht verlassen hatte, seitdem er in der Nacht zuvor dorthin gebracht worden war.

Auf jedem Treppenabsatz gab es drei Wohnungen, die meisten davon mit nur einem Namen auf dem Klingelschild. Dalsberg wohnte im zweiten Stock. Ein Schatten hinter dem Türspion verriet, dass er sie eine Weile beobachtete, bevor er schließlich die Tür öffnete.

»Tut mir leid, Sie zu stören«, sagte Elli, »aber leider haben wir das letzte Nacht nicht mehr geschafft. Daher kommen wir jetzt.«

Dalsbergs Gesicht hatte einen schwermütigen Ausdruck. »Ich hab da einen Lieferwagen gesehen«, sagte er. »Ich hoffe, das war die Leiche, die Sie da weggebracht haben.«

»Das ist gut möglich«, erwiderte Elli in formellem Tonfall.

Sein Ausdruck entspannte sich ein wenig. »Ich kann Tote nicht ertragen. Dauert bestimmt lange, bis ich wieder in den Keller runtergehen kann.«

Im Innern der Wohnung gab es dunkelgraue Wände, ein riesiges TV-Gerät mit Surroundsystem und turmhohen Lautsprecherboxen, einen Glastisch, ein schwarzes Ledersofa. In der Ecke ein gutgefüllter Barschrank: Whisky, Wodka, Gin, Rum, Cognac.

»Fehlt nur noch eine Stripdance-Stange«, flüsterte Nereng.

»Kaffee oder Tee?«, rief Dalsberg aus der Küche.

Elli warf einen Blick durch die Tür und registrierte eine moderne Küche mit dunkelroten, glänzenden Schränken und einer Arbeitsplatte aus grauem Granit.

»Zweimal Kaffee«, sagte sie.

Dalsberg kam mit drei großen Tassen ins Wohnzimmer. »Hab gerade welchen aufgebrüht«, erklärte er, stellte die Tassen auf den Glastisch vor dem Sofa und setzte sich in einen Sessel auf der gegenüberliegenden Seite.

»Dann gab es also tatsächlich eine Leiche da unten?«, fragte er. Es schien, als müsste er sich zwingen, danach zu fragen.

Elli nickte. »Herr Dalsberg«, sagte sie freundlich, »bitte erzählen Sie uns noch mal, was Sie gestern Nacht erlebt haben.«

Wie es oft bei Zeugen war, redete auch Dalsberg wie ein Wasserfall. Es war eine Art Bewältigungsstrategie, sich zwei zuhörenden Menschen anzuvertrauen, nachdem man etwas Traumatisches erlebt hatte. Elli ließ ihn drei oder vier Minuten gewähren, bevor sie ihn mit einer neuen Frage unterbrach. »Dann sind Sie selbst also nie in dem Erdkeller gewesen?«

»Gott bewahre, nein«, erwiderte Dalsberg und hob abwehrend die Arme. »Ich bin bei solchen Sachen sehr sensibel. Kommt nichts Gutes bei raus, wenn man die Ruhe der Toten stört.«

Elli und Nereng sahen ihn neugierig an.

Dalsberg seufzte. »Sie sind wahrscheinlich mit rastlosen Seelen vertraut«, sagte er an Elli gewandt. »In der östlichen Mystik wird das Universum der Toten von dem der Lebenden im Gleichgewicht gehalten, nicht wahr?«

Elli ließ den Blick für zwei Sekunden auf ihm ruhen und stellte sich ihn als wiedergeborenen Waran in den Kloaken von Bangkok vor. »Die Buddhisten haben kein Konzept für die Seele«, erläuterte sie so freundlich wie möglich. »Buddha war mehr mit dem Bewusstsein beschäftigt.«

Wieder schaute sie ihn an. Er schien das Thema nicht weiter verfolgen zu wollen. »Ich habe noch ein paar Fragen«, fuhr Elli ein wenig unvermittelt fort. »Haben Sie mal gesehen, dass jemand den Verschlag benutzt hat, der vor der Tür zum Erdkeller liegt?«

Dalsberg schnitt eine Grimasse, stieß ein langgezogenes »Neeeiiin« aus, blieb aber ruhig sitzen und blickte mit beinahe philosophischer Miene an die Decke.

»Woran denken Sie?«, fragte sie und hoffte, dass ihre Gereiztheit sich nicht in ihrer Stimme niederschlug.

»Die Zeichnungen«, sagte Dalsberg plötzlich, stand auf und trat in den Flur.

Nereng sprang auf, beruhigte sich aber wieder, als er sah, dass Dalsberg mit ein paar Aktenordnern zurückkam, die er aus einem Schrank geholt hatte.

»Ich meine, hier ist was gewesen«, begann er und öffnete einen der Ordner, die er auf den Tisch gelegt hatte.

Nereng setzte sich wieder neben Elli, die das nummerierte Inhaltsverzeichnis des Ordners studierte. Sie erkannte nicht sofort, was er ihnen zeigen wollte.

»Nein, das sind nur Sitzungsprotokolle … versuchen wir’s mit dem Nächsten«, sagte Dalsberg, öffnete Ordner Nummer zwei und ließ den Finger über die nummerierten Trennblätter gleiten. »Ja, hier«, sagte er leicht aufgeregt und blätterte einen Trennbogen um, der mit »Alte Zeichnungen« überschrieben war. Die Zeichnungen waren im A3-Format. Auseinandergefaltet zeigten sie eine detaillierte Ansicht der einzelnen Etagen und der Fassade sowie einen Längsschnitt des Gebäudes im Verhältnis zum umgebenden Terrain.

»Sehen Sie mal, der Keller«, sagte Dalsberg. »Da ist tatsächlich eine Tür eingezeichnet, dort, wo die Treppe vom Erdkeller heraufführt.«

Elli und Nereng blickten interessiert auf die Zeichnung. Kein Zweifel, Dalsberg hatte recht.

»Und wenn wir uns hier den Längsschnitt ansehen, ist der Erdkeller als Hohlraum vermerkt.«

Elli und Nereng nickten zur Bestätigung.

Dalsberg blätterte um zur nächsten Seite; eine entsprechende Planzeichnung des Kellers, bei der es aber ein paar gestrichelte Linien gab.

»Daran musste ich eben denken. Wir haben uns das auf einer der Haussitzungen mal genauer angesehen«, sagte er und zeigte auf zwei gestrichelte Linien an der Stelle, wo im Kellerverschlag die Tür am oberen Ende der Treppe eingezeichnet war. »Das muss doch dann die Treppe sein.«

Aufgeregt sah er zu Elli und Nereng.

Elli schaute auf die Zeichnung. »Doch, ja, sieht so aus.«

»Wir dachten, das wären Rohre oder Kabelschächte oder so was«, sagte er, wie um Entschuldigung bittend.

»M-hm«, gab Elli zurück, fand es aber wesentlich interessanter, dass dort, wo die von oben kommende Treppe im Erdkeller endete, zwei weitere gestrichelte Linien nach links führten. Sie legte einen Finger auf die Strichlinie. »Ich kann mich an diese Stelle erinnern«, sagte sie und blickte Nereng an.

Er nickte. »Die Holzkästen.«

Kapitel 8

Irene Brustad, siebenunddreißig Jahre alt, hatte ein Gesicht, das von vorn betrachtet sanft aussah, im Profil jedoch wesentlich härter wirkte. Die kastanienbraunen Augen, das hellblonde Haar sowie die leicht überdurchschnittliche Größe bewirkten in Kombination mit einem einfachen, aber eleganten Kleidungsstil mitunter Wunder in ihrem Beruf als Immobilienmaklerin.

Von der Küche aus sah sie zu ihrem Mann Paul hinüber, der ihre kleine Tochter, die elf Monate alte Vilje, in den Armen hielt. Das war ein schöner Anblick. Maskulin und zärtlich zugleich. Sie konnte sehen, wie seine muskulösen Oberarme den schmächtigen Körper vorsichtig umfassten. Paul. Er hielt sich gut für sein Alter. Er war vierundvierzig, sah aber nicht älter aus als Mitte dreißig. Dunkles Haar, ohne jeden Grauschimmer, der Bauch noch immer flach.

Viljes kugelrunde, braune Augen suchten den Blick des Vaters. Die Kleine gab ein schwaches Wimmern von sich.

»Sie hat Durst«, sagte Irene sanft, während sie die kleine Trinkflasche in der Hand hin und her baumeln ließ. Mit ausgestreckten Armen lief sie über den gefliesten Boden auf die beiden zu. »Ich nehme sie«, sagte sie fürsorglich.

Vorsichtig reichte Paul Brustad seine Tochter an Irene weiter und beobachtete, wie sie sich mit Vilje auf dem Arm auf das Sofa setzte. Irene schenkte ihm einen kurzen, liebevollen Blick, während die Kleine gierig trank. Paul betrat sein Arbeitszimmer, das gleich nebenan lag, holte seine Aktentasche und gab Irene und der Kleinen einen Kuss, bevor er zur Tür hinausging, um seiner Arbeit in der Anwaltskanzlei Brustad & Splid nachzukommen.

Vilje schlief mit dem Flaschenschnuller im Mund ein. Irene ließ sich zurücksinken und döste neben ihrer Tochter ein.

Ruckartig wachte Irene auf. Ihr Puls raste, sie schwitzte. Ein heftiger Traum hatte sie geweckt. Noch immer lag sie auf dem Sofa, ihre Tochter Vilje atmete ruhig und gleichmäßig zwischen ihren Brüsten. Anders als bei anderen Müttern in dieser Phase waren Irenes Brüste weder empfindlich noch schmerzten sie.

Während ihr Gehirn langsam die Orientierung wiedergewann, ging Irene auf, dass sie denselben Traum schon einmal geträumt hatte. Letzte Woche, war es nicht so?

Der Traum war furchtbar: Gesichtslose Gestalten kamen und nahmen ihr Vilje weg.

Vor fünf Monaten war sie zu ihnen gekommen. Jetzt war sie ihre Tochter. Ein Wunschkind. Doch würde sie für immer bei ihnen bleiben? Was würde geschehen, wenn irgendwer auf die Idee käme, Irenes Vergangenheit noch einmal zu durchforsten? Was würde dann passieren?

Sie strich Vilje über den kleinen zarten Kopf und dachte zurück an Uruguay.

»Möchtest du etwas?«, fragte Paul fürsorglich. Er stand im Licht, das durch die hohen Fenster des im Kolonialstil erbauten Hotels in der Hauptstadt Montevideo hereindrang. Irene und er hatten die letzten drei Wochen hier verbracht. Bald sollte der große Tag kommen. Danach würde alles anders sein. Sie würden eine Familie werden.

Irene antwortete nicht. Die Ereignisse des Vortages wirkten noch immer nach. Zusammen mit einem Behördenvertreter sowie Mr Romano, einem Anwalt italienischer Herkunft, der in Pauls Alter war, waren sie in der Stadt herumgeführt worden, die auf den ersten Blick wohlhabend und durchorganisiert wirkte, aber dennoch gewisse Herausforderungen barg. Seit mehreren Jahrzehnten war Uruguay der leuchtende Stern Südamerikas, mit guten Schulen und einem öffentlichen Gesundheitssystem. Nach turbulenten Zeiten in den sechziger und siebziger Jahren und einer gnadenlosen Diktatur während der achtziger Jahre war das Land nun auf dem besten Weg, sowohl in demokratischer als auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Doch in den Armenvierteln Montevideos lebten viele Menschen noch immer auf der Straße. Junge Mädchen, nicht älter als zwölf, verkauften sich an den Straßenecken. Zwischen den Wellblechhütten ergoss sich die stinkende Kloake offen auf die Wege. Irene hatte sich mit aller Kraft zusammenreißen müssen, um in dieser Gegend überhaupt aus dem Minibus zu steigen. Doch das Erlebnis war einschneidend. Die Ressourcen der Welt waren ungleich verteilt. Wurde man in Armut geboren, gab es so gut wie keine Aussicht auf ein besseres Leben.

Paul verstärkte den Griff um ihre Hand. »Irene«, wiederholte er. »Soll ich dir auch was zu essen einpacken?«

Er lächelte.

Sie schüttelte den Kopf. »Nein danke. Nur etwas Saft. Ich habe keinen Appetit.«

Dann dachte sie wieder an die Kinder. Montevideos arme Kinder. Sie hatten weder genügend anzuziehen, noch gingen sie zur Schule oder hatten eine funktionierende Familie. Eigentlich müssten sie und Paul zehn davon mit nach Hause nehmen.

Ein paar Tage später erwartete sie der gutgekleidete Mr Romano um zehn Uhr draußen vor dem Hotel. Wie immer war er pünktlich. Der Minibus schlängelte sich durch die Stadt und den dichten, unübersichtlichen Verkehr. Die Hitze war feucht und drückend. In Ermangelung einer Klimaanlage standen die Fenster offen. Der Geruch nach Abgasen füllte das Wageninnere. Schließlich hielt der Wagen vor einer stattlichen Villa im spanischen Stil. Irene betrachtete das weiße Gebäude. Über dem Eingang standen die Namen Romano & Ferrati, die Anwaltskanzlei, die ihnen bei den Formalitäten rund um die Adoption zur Seite stand.

Mr Romano ging voraus und betrat das klassisch eingerichtete Foyer im Erdgeschoss. Hinter einem Schreibtisch saß eine diskret lächelnde junge Frau. Mr Romano nickte ihr zu und führte Irene und Paul über eine breite Treppe in den ersten Stock. Sie betraten ein Besprechungszimmer, dessen Wände, Möbel und Boden aus dunklem Holz bestanden. Der Anwalt bot Irene einen Platz auf dem burgunderroten Ledersofa an der Wand an, während Paul am anderen Ende des Raums erwartet wurde, wo eine weitere Frau, vielleicht dreißig, in eng sitzenden Kleidern hinter einem breiten Tisch thronte.

»Nur ein wenig Papierkram«, erklärte Mr Romano.

Irene sah zu, wie Paul die Dokumente durchlas; er sprach besser Spanisch als sie. Nach zwei Minuten nickte er und gab Irene ein Zeichen, dass sie kommen und unterschreiben sollte. Sie tat, wie ihr geheißen. Jetzt war es endgültig.

Eine Unterschrift.

Eine Gebühr.

Dann waren sie Eltern.

Paul zog den Umschlag hervor und legte ihn diskret auf den Tisch. 20 000 amerikanische Dollar. In bar.

»Wenn Sie bar bezahlen«, hatte Mr Romano ihnen vorab erklärt, »können wir die Bestechungen der Beamten umgehen. Das ganze Geld kann dann für die Arbeit vor Ort und für die Verbesserung der Situation der Waisenkinder verwendet werden.«

Dann war sie gekommen. Die Frau mit dem kleinen Bündel in den Händen. Wunderschön und willensstark.

Vilje.

Von Geburt an ohne Mutter. Aus dem ärmsten Viertel der Stadt. Sechs Monate alt.

Irene nahm das entzückende kleine Geschöpf entgegen und gelobte sich selbst, das Leben fortan nur noch um Vilje kreisen zu lassen.

Als sie am folgenden Tag zum Flughafen hinausfuhren, durchquerten sie noch einmal das Viertel, wo sie Vilje in Empfang genommen hatten.

»Was für ein Glück wir haben«, sagte sie und drückte die Kleine vorsichtig.

»Ja«, sagte Paul, sichtlich gerührt.

Sie fuhren weiter. Nach einer Weile sagte Irene: »Gott sei Dank hattest du diese Kontakte, die uns geholfen haben, die Warteschleife zu umgehen. Allein hätten wir das nicht geschafft.« Sie runzelte die Stirn. »Überleg mal, da gibt es Leute, deren Beruf es ist, darüber zu bestimmen, wer ein Kind bekommt und wer nicht. Was steht wohl in solchen Stellenbeschreibungen? Suche Gott?«

Paul grinste. Er war froh, dass Irene einen Teil ihrer Energie wiedergewonnen hatte. »Tja, das steht da wohl drin«, sagte er lachend.

Kapitel 9

Die Kriminaltechniker hatten den Erdkeller in Ruseløkka durchkämmt und waren nun damit beschäftigt, mögliche Spuren auf der nach oben führenden Treppe sicherzustellen. Elli stellte fest, dass Fotos von den Kästen gemacht und sie auf Fingerabdrücke untersucht worden waren.

Zusammen mit Nereng stand sie vor der kleinen Grube, in der das Skelett gelegen hatte. »Wir glauben, dass es hinter den Kästen etwas Interessantes geben könnte«, erklärte sie Gaarder, der nach all den Stunden in der dunklen Erde blass wirkte. Er versuchte, einen seiner Kollegen über Funk zu erreichen.

»Träum weiter«, kommentierte Nereng und schüttelte demonstrativ den Kopf.

»Das Walkie-Talkie meines Sohns hat ja ’ne bessere Deckung als dieser digitale Mist«, schimpfte Gaarder, drehte sich auf dem Absatz um und verschwand in dem verborgenen Durchgang, der in Richtung Treppe führte. Nach einer Minute rief er, dass sie so weit seien.

Elli und Nereng folgten ihm.

»Die Kollegen haben gerade die Fußabdrücke dokumentiert. Das hier sind übrigens alte Deutschenkästen.«

Elli sah ihn fragend an. »Deutschenkästen?«

»Ja, aus dem Krieg.«

Insgesamt waren es fünf Kästen. Übereinandergestapelt ergaben sie eine Höhe von circa 180 Zentimetern.

»Sieh mal hier«, sagte Gaarder und zeigte auf das Seitenteil des obersten Kastens. »Der deutsche Adler. Wenn auch etwas verblasst, nach siebenundsechzig Jahren.«

Elli und Nereng beugten sich vor. Der Reichsadler und das Hakenkreuz waren mit einer Schablone auf den Kasten gemalt worden.

Gaarder blickte sie neugierig an. »Und ihr meint, da könnte was dahinter sein?«

»Auf ein paar alten Zeichnungen des Wohnblocks sieht es zumindest so aus«, erwiderte Elli, hielt ihm ihr Handy entgegen und zeigte ihm ein Foto von den Zeichnungen, die bei Dalsberg gelegen hatten.

Gaarder sah sich das Foto an. »Hmm«, sagte er und hob vorsichtig den obersten Kasten an. Er ließ sich problemlos entfernen und gab den Blick auf den nächsten leeren Kasten darunter sowie die Felswand dahinter frei.

»Den Nächsten«, sagte Elli.

Gaarder hob auch ihn herunter. Auch dieses Mal erschienen nur ein weiterer Kasten und der dahinterliegende Fels. Ungeduldig räumte Elli den dritten Kasten beiseite. Erst war auch hinter ihm nur die Felswand erkennbar, doch dicht oberhalb des zweiten Kastens war ein Riss in der Wand sichtbar, der sich anscheinend vom Boden heraufzog. Nereng rüttelte an dem Kasten, aber er ließ sich nicht bewegen.

»Die beiden untersten sind ineinander verkeilt«, sagte Gaarder, »da sollten wir vorsichtig sein.«

Nereng beugte sich hinunter und rüttelte abermals an den Kästen. »Die sind nicht nur miteinander verbunden, sondern auch irgendwie am Felsen befestigt.«

»Könnten die Kästen vielleicht eine Art Tür sein?«, fragte Elli.

Nereng klopfte die Seiten ab. Ein klapperndes Geräusch. Auf der rechten Kastenseite war es weniger deutlich zu hören. »Da ist irgendwas«, sagte er und blickte zu Elli, »können wir da nicht ein bisschen mehr Kraft anwenden?«

Elli betrachtete skeptisch die Kästen, blickte von Nereng zu Gaarder und wieder zurück auf die Kästen. »Sie müssen intakt bleiben.«

»Und wir brauchen entsprechendes Taktgefühl«, sagte Nereng und inspizierte die Kästen weiter. »Was für ein Trick steckt denn bloß dahinter?«

Elli trat zwei Schritte zurück. Gaarder folgte ihrem Beispiel. Schulter an Schulter standen sie in dem schmalen Durchgang und betrachteten die Kästen.

»Kommst du irgendwie an die Rückseite?«, fragte Elli.

Nereng tastete die Ränder der Kästen und die Felswand an der rechten Seite ab. »Hier ist nichts. Bloß Holz und Felsen. Ich versuch’s mal auf der anderen Seite.« Er kroch um die Kästen herum und wiederholte seine Untersuchung. Nach zwei Minuten schien er zur selben Schlussfolgerung gekommen zu sein, erstarrte jedoch plötzlich mitten in der Bewegung. »Zum Teufel aber auch«, sagte er. »Tja, dem Reparatör ist nichts zu schwör.«

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