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Liebe kommt vor dem Fall

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Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

Während Suzanne Carter draußen auf der Treppe saß und in der Zeitung die Anzeigen der zu vermietenden Apartments durchsah, dachte sie an ihren letzten Kontoauszug. So sehr sie auch hin und her rechnete, sie kam immer wieder zu demselben Schluss: Sie war so gut wie pleite.

Sie konnte von Glück sagen, wenn sie überhaupt ein Dach über dem Kopf bekäme, an fließend warmes Wasser oder sogar ein Bad mit Wanne durfte sie gar nicht erst denken.

Trotzdem konnte es nur besser werden, denn im Moment hatte sie rein gar nichts. Als sie vorhin von der Arbeit nach Hause gekommen war, hatte sie ihre gesamte Habe vor der Eingangstür des Apartments vorgefunden, das sie zusammen mit ihrem Verlobten bewohnte. Im ersten Moment hatte sie gedacht, das Ganze sei nur ein Scherz.

Aber dann hatte ihr Schlüssel nicht mehr ins Schloss gepasst, und sie hatte gemerkt, dass ihre Lage keineswegs zum Lachen war.

Auf jeden Fall wusste sie jetzt mit absoluter Sicherheit, dass sie für dauerhafte Beziehungen nicht geeignet war. Sie hätte gern ihren Exverlobten, von denen es mittlerweile drei gab, die Schuld am Scheitern der Beziehungen gegeben, aber das wäre nicht fair gewesen. Offenbar gelang es ihr mühelos, einen Mann von Grund auf zu ändern. Suzanne hatte Tim letztendlich so weit gebracht, dass ihm jeden Abend die Tränen in den Augen standen. Immer wieder hatte er sie angefleht, sich ihm gegenüber zu öffnen und mit ihm über ihre Gefühle zu reden. Es war ihr etwas peinlich gewesen, denn eigentlich mochte sie keine Männer, die weinten.

Allerdings hatte Tim ihre Beziehung auch nicht gerade zu retten versucht. Zumindest hatte sie ihn beim Sex mit der Putzfrau ertappt. Im Stehen an der Wohnungstür. Doch daran gab er wiederum Suzanne die Schuld, weil sie ihm durch ihre Verschlossenheit das Herz gebrochen hätte. Er hatte allen Ernstes behauptet, er habe diese Entspannung gebraucht.

Diese letzte katastrophal gescheiterte Beziehung bestärkte sie jedenfalls in ihrer Meinung, dass sie verflucht war und den Männern nur Unglück brachte. Und sie schwor sich, von nun an auf alle Männer zu verzichten, um sie vor ihr zu bewahren. Schade nur, dass niemand sie vor ihrer Wohnungssuche bewahren konnte. Vielleicht hätte sie ja um das Apartment kämpfen sollen, aber wenn sie ehrlich war, wollte sie dort auch gar nicht mehr wohnen. Seufzend nahm sie den Rotstift und kreiste das billigste Angebot ein. In Gedanken hörte sie bereits die vorwurfsvolle Stimme ihrer Mutter. Ja, Mom, dachte sie, ich bin jetzt auf dem besten Weg, vernünftig zu werden.

Alle sagten, Suzanne müsse mehr den Tatsachen ins Auge sehen. Alle, außer ihrem Vater. Von ihm hatte sie diese Unvernunft geerbt. Das behauptete zumindest ihre Mutter.

“Billig, billig, billig”, hieß es in der Anzeige für ein Einzimmerapartment mit Bad. Das klang für Suzanne nicht schlecht, denn sie hatte momentan keine Bleibe, keine Ersparnisse, und als Küchenchef verdiente sie nicht gerade ein Vermögen. Ich muss dieses Apartment haben, dachte sie entschlossen, als sie wenig später in ihren Wagen stieg und losfuhr.

Es war Montagnachmittag, und das South Village brummte vor Leben. Suzanne konnte sich noch gut daran erinnern, dass dieses Viertel am Rand von Los Angeles in ihrer Kindheit verwahrlost und verarmt gewesen war. Doch dann waren die alten Gebäude renoviert worden, und mittlerweile war das Viertel sehr beliebt. Hier wohnten Menschen der unterschiedlichsten Herkunft, und täglich strömten Touristen durch die belebten, bunten Straßen.

Die Szene traf sich in den angesagten Cafés und Restaurants, immer mehr Galerien und Ateliers wurden eröffnet, es gab originelle kleine Läden mit exotischen Waren. Und alles war darauf ausgerichtet, die jungen erfolgreichen Singles in ihren BMWs anzulocken.

Der Motor von Suzannes altem Auto begann zu stottern, als sie vor der angegebenen Adresse hielt und neugierig aus dem Fenster blickte. Schließlich drehte sie den Zündschlüssel herum und stieg aus, um das Haus genauer in Augenschein zu nehmen. Doch so sehr sie sich auch bemühte, sie konnte nichts anderes als ein altes schäbiges Gebäude darin erkennen.

Die Erker, Balkone und Sprossenfenster hatten früher bestimmt einmal reizend ausgesehen, doch jetzt musste man entweder viel Geld für Renovierung hineinstecken oder das ganze Ding einfach abreißen.

Andererseits lag das Haus im South Village, und so war es von bildschönen, makellos renovierten anderen Häusern umgeben. Suzanne wusste genau, dass sie sich die Miete für ein Apartment in einem dieser Häuser auf keinen Fall leisten konnte, doch darum ging es ihr auch gar nicht. Sie wollte der Welt lediglich beweisen, dass sie es schaffen konnte. Sie würde ihr Leben in den Griff bekommen und von nun an keinen Mann mehr am Boden zerstört zurücklassen.

Mit siebenundzwanzig Jahren konnte man das längst von ihr erwarten. “So, dann wollen wir mal”, sagte sie zu dem alten Haus und betrat den schmalen Weg, der durch einen kleinen Vorgarten zum Eingang führte.

Im Erdgeschoss hatte sich früher sicher einmal ein Geschäft befunden, stellte sie fest, als sie die zwei großen Schaufenster zur Straße hin bemerkte, die jetzt allerdings von dem hohen Unkraut, das davor wuchs, halb verdeckt waren.

Das Apartment konnte also höchstens im ersten oder zweiten Stock liegen. Noch während sie hochblickte und sich fragte, ob sie sich womöglich in der Hausnummer geirrt hatte, begann eine der großen Eichen, die das Haus umstanden, zu zittern.

Der Baum erzitterte immer stärker.

Im nächsten Augenblick fiel ein Mann aus den Ästen und landete nicht unweit von ihr auf dem Rasen. Nicht irgendein Mann, sondern ein großer, dunkelhaariger mit schlankem, muskulösem Körper.

Er richtete sich auf und sah in die Krone des Baums hinauf. Dann legte er beide Hände flach gegen den Baumstamm und … drückte?

Suzanne sah fasziniert zu, wie sich seine Rückenmuskeln dabei anspannten. Sie schaffte es einfach nicht, den Blick von ihm abzuwenden.

Dieser Mann wirkte ungemein attraktiv. Suzanne bekam einen trockenen Mund und musste schlucken.

Seine langen, kräftigen Beine steckten in ausgewaschenen Jeans, und das weiße T-Shirt saß ihm eng am Oberkörper. Er sah nicht unbedingt aus wie ein mit Muskeln bepackter Bodybuilder, was sie auch immer übertrieben fand, sondern eher wie ein großer, geschmeidiger Boxer.

Was geht es mich an, wie er aussieht, dachte sie missmutig. Sie war doch mit den Männern fertig. Ein für alle Mal. Noch ein Opfer würde ihr Gewissen nicht verkraften.

Dennoch stand sie mit offenem Mund da und beobachtete ihn, wie er mit aller Kraft gegen den Baum drückte.

Plötzlich drehte er ihr den Kopf zu und lächelte sie an. “Tut mir leid, wenn ich Sie vorhin erschreckt habe”, sagte er, bevor er sich bückte und ein Notizbuch aufhob, das ihm bei seinem Sprung aus der Hosentasche gefallen war. Suzannes Blick heftete sich automatisch auf seinen festen Po.

Hör auf damit, ihn so anzustarren, ermahnte sie sich.

Nachdem der Mann sich etwas notiert hatte, ging er leise vor sich hin pfeifend ins Haus.

Was hatte er gesagt? Hatte er sich entschuldigt? Warum? Dass er wie Tarzan aus der Baumkrone gesprungen war?

Zum Glück ahnte er nicht, dass er sie mehr zum Beben gebracht hatte als diese Eiche. Entschlossen hob sie das Kinn, verdrängte den Gedanken an den Mann und betrat nach ihm das Haus.

“Hallo?” Das Echo ihrer Stimme verhallte im Treppenhaus. Anscheinend war sie allein. Kein toller Baumkerl weit und breit.

Sie lief in den ersten Stock hinauf, und als sie vergeblich die beiden einzigen Türen zu öffnen versuchte, hörte sie Stimmen aus dem zweiten und letzten Stock. Also ging sie eine Treppe höher.

Oben angekommen, stellte sie fest, dass es hier nur ein Apartment gab. Sie betrat einen staubigen leeren Raum, anscheinend das Wohnzimmer. Dieses Zimmer war klein, doch das Fenster zeigte zur Straße und bot einen reizvollen Ausblick. Die Nachmittagssonne beschien den Holzfußboden, und Suzanne erkannte sofort, dass man dieses Apartment geschmackvoll einrichten konnte.

Die Küche war lediglich nur durch eine Theke abgetrennt, und so sah Suzanne auch sofort den Mann und die Frau, die dahinter standen und sich tief über einen Plan beugten. Die Frau blickte hoch, als sie Suzannes Schritte hörte.

Sie war ungefähr in Suzannes Alter, aber damit hörten die Gemeinsamkeiten auch schon auf. Die Frau hatte ihr wundervoll schimmerndes blondes Haar straff zurückgekämmt und am Hinterkopf kunstvoll hochgesteckt. Wenn Suzanne versuchte, ihr schwer zu bändigendes Haar so zu frisieren, kugelte sie sich dabei fast immer die Arme aus. Die Frau war perfekt geschminkt und elegant gekleidet. Sie wirkte in diesem staubigen Apartment so deplatziert wie eine Prinzessin im Kuhstall.

Suzanne fragte sich gerade, wieso ihre eigene Kleidung immer so schnell zerknitterte, selbst wenn sie vollkommen still dastand, als auch der Mann aufschaute. Schlagartig vergaß sie jeden Gedanken an ihre Garderobe.

Es war der Mann aus dem Baum.

Er sah sie direkt an, und mit einem Mal wirkte der Raum winzig klein. Seine Augen hatten ein warmes Braun und blickten so verträumt, dass Suzanne glaubte, sich darin zu verlieren.

Leider hatte sie den Männern ja gerade erst abgeschworen. Wirklich schade, dachte sie, denn dieser Mann konnte jede Frau zum Schwärmen bringen.

“Hallo”, sagte sie leicht verlegen. “Ist das hier das Apartment, das in der Annonce als …”, sie schlug die Zeitung auf, “… als billig, billig, billig beschrieben wird?”

Die Frau lachte auf. Es klang nicht herablassend, wie Suzanne vielleicht erwartet hätte. Vorsichtig strich sie sich mit ihren manikürten Fingern übers Haar. “Hoffentlich hat Sie das nicht abgeschreckt.”

“Machen Sie Witze?” Suzanne dachte wieder an ihren letzten Kontoauszug. “Es hat mich angezogen wie das Licht die Motte. Wie billig ist es denn genau?”

“Darüber lässt sich reden. Aber vorher …” Die Frau wandte sich an den Mann. “Können wir das morgen besprechen?”

“Dann wird es zu spät sein, Taylor.”

Suzanne hätte sich denken können, dass er eine so tiefe sexy Stimme besaß. Sein Gesicht verriet deutlich jede Gemütsbewegung, und im Moment schien er verärgert. Entnervt rollte er den Plan zusammen.

Die Frau indessen besaß zu viel Stil, um sich ihre Gefühle anmerken zu lassen. “Das hier ist wichtiger. Ich brauche einen Mieter.”

“Sie brauchen zunächst einmal jemanden, der Ihnen diese Bäume stutzt und absichert. Auf der Ostseite kann jeder Einzelne beim nächsten Sturm umknicken, und den soll es übrigens heute Nacht geben.”

“Ryan.” Sie berührte ihn am Arm, und Suzanne hörte, wie der Mann resigniert seufzte.

Suzanne hatte es noch nie im Leben geschafft, einen Mann mit nur einer einzigen Berührung zum Schweigen zu bringen. Schon gar nicht einen solchen Traumkerl.

Liegt das jetzt an der teuren, eleganten Kleidung der Frau oder an ihrer vornehmen Art, fragte Suzanne sich. Etwas beschämt strich sie sich über ihr eigenes Sommerkleid, das nicht nur bieder, sondern auch zerknittert war. Sie trug es, weil es locker fiel und die fünf Kilos, die sie ihrer Meinung nach zu viel auf den Hüften hatte, verbarg. Ich bin ein Opfer meiner eigenen Kochkünste, dachte sie.

“Regen Sie sich doch nicht auf, die Wettervorhersage irrt sich fast immer.” Taylor tätschelte dem Mann versöhnlich den Arm. “Morgen werden wir immer noch entscheiden können, was mit den Bäumen geschehen soll.”

Er schüttelte nur den Kopf, klemmte sich seinen zusammengerollten Plan unter den Arm und kam hinter dem Tresen hervor. In jeder seiner Bewegungen drückte sich sein Unmut aus.

Interessiert beobachtete Suzanne ihn. Die Männer in ihrem Leben hatten ihre Gefühle nie offen gezeigt. Zugegeben, im Moment war da nur ihr Vater, aber auch der hielt mit seinen Gefühlen hinterm Berg. Im Haus der Carters machte man sich über intensive Gefühle eher lustig, und allen Problemen trat man mit Gelächter entgegen. Immer gut drauf und nicht an morgen denken, das war das Motto der Carters. Suzannes Exverlobte hatten ihre Gefühle ebenfalls versteckt, selbst Tim mit seinen großen verheulten Augen hatte ihr nicht gezeigt, wie hinterhältig und gerissen er in Wirklichkeit war.

Und bis gerade eben hatte Suzanne angenommen, Männer wären nun einmal so.

Ryan, der umwerfende Kerl aus dem Baum, nickte ihr kurz zu, als er an ihr vorbei zur Tür ging. Ganz flüchtig berührten sie sich an den Schultern, und entschuldigend verzog er die Lippen zu einem Lächeln.

Es war Suzanne peinlich, aber sie konnte es nicht verhindern, dass ihr Puls zu rasen begann und sie sich fast den Hals verrenkte, um Ryan hinterherzusehen. Anscheinend vermochte sie ihrem Körper nicht so leicht verständlich zu machen, dass Männer für sie tabu waren.

“Er sieht blendend aus, nicht wahr?” Taylor kam um den Tresen herum und trat neben sie.

Dem konnte Suzanne nur zustimmen, aber das behielt sie lieber für sich.

“Und obwohl er viel zu nett ist, um es mir offen zu sagen, weiß ich, dass er jetzt wütend auf mich ist.” Gleichgültig zuckte sie mit den Schultern. “Aber das wird er schon überstehen.”

Beide gingen sie jetzt zur Tür, um noch einen Blick von ihm zu erhaschen, wie er leichtfüßig die Treppe hinunterlief. Das T-Shirt spannte sich um breite Schultern und die Jeans um muskulöse Schenkel und den schönsten Männerpo, den Suzanne je gesehen hatte.

Taylor seufzte anerkennend, ehe sie auf das eigentliche Thema zurückkam. “Also, ich bin Taylor Wellington und habe die Annonce aufgegeben. Möchten Sie jetzt das Apartment?”

Suzanne hatte zwar in Liebesbeziehungen inzwischen drei Mal versagt, aber sie war nicht naiv. “Ich finde, ich sollte mir erst einmal den Rest davon ansehen.”

“Ja, natürlich. Aber denken Sie immer daran, dass es billig ist, okay? Wirklich billig. Hier ist das Schlafzimmer.” Sie drehte sich um und öffnete eine Tür, von der Suzanne angenommen hatte, sie würde zu einem Schrank gehören.

Viel größer als ein Schrank war das Schlafzimmer auch nicht, aber auch hier zeigte ein Fenster zur Straße hin, und Suzanne blickte hinunter auf Geschäfte, Galerien und die zahlreichen Passanten. Das Zimmer war niedlich, und sicher schlief sie hier besser als in ihrem Auto.

Dann entdeckte sie das Schild über dem Geschäft direkt gegenüber. “Eine Eisdiele?”

“Die jeden Abend bis um elf Uhr geöffnet ist.” Taylor nickte. “Klammern Sie sich an diesen Gedanken, wenn Sie jetzt das Bad besichtigen.”

Das Badezimmer hatte Briefmarkengröße. Keine Wanne, stellte Suzanne betrübt fest. Aber wenigstens gab es eine Dusche, ein Waschbecken und einen kleinen Badezimmerschrank.

“Alles funktioniert tadellos”, versicherte Taylor ihr. “Vorausgesetzt, Sie schalten nicht gleichzeitig den Toaster und den Föhn ein. Wenn man hier mal richtig putzt, kann es sogar nett aussehen. Na, was meinen Sie?”

“Wenn die Miete stimmt, dann nehme ich es.”

“Da werden wir uns einig, ganz sicher. Kommen Sie mit mir nach unten, da habe ich die Verträge vorbereitet. Wann würden Sie denn einziehen?”

Suzanne dachte daran, dass ihre gesamte Habe unten in das Auto gestopft war. “Am liebsten sofort.”

Taylor lachte. “Wenn Sie mir zwei Monatsmieten im Voraus zahlen und eine kleine Kaution hinterlegen, bin ich einverstanden.”

Mist. “Wie wichtig ist Ihnen denn die Sache mit der Kaution?”

Taylor sah sie prüfend an. “Sind Sie im Moment etwas knapp bei Kasse?”

“Das kann man wohl sagen.” Vor ein paar Wochen hatte sie ihre Ersparnisse dafür ausgegeben, sich gemeinsam mit Tim eine teure Schlafzimmereinrichtung zu kaufen. Und jetzt behauptete er, diese Möbel seien ein Geschenk von ihr an ihn gewesen. Beim Gedanken an das viele Geld, von dem eine Großfamilie ein ganzes Jahr lang hätte bequem leben können, wurde Suzanne wütend. Dabei hätte sie Tim noch vor einem Monat mit Freude ihren letzten Cent gegeben. “Aber ich habe einen Job”, wandte sie ein. Das stimmte auch. “Hilft das?”

“Auf jeden Fall.” Einen Moment lang dachte Taylor nach. “Auf die Kaution kann ich auch verzichten.”

Zusammen gingen sie die Treppe hinunter – Taylor in ihrer eleganten Garderobe wie eine Prinzessin auf Staatsbesuch in den Elendsvierteln, Suzanne in ihrem geblümten schlichten Kleid, als passte sie perfekt in diese Umgebung.

“Was machen Sie denn beruflich?”, erkundigte Taylor sich.

“Ich bin Küchenchef im Café Meridian.” Das Café lag nur wenige Blocks entfernt, und bei dem Gedanken an ihre Arbeitsstelle wurde Suzanne etwas unbehaglich zumute. Sie hatte zuvor in einem weniger schicken Restaurant gearbeitet, doch als Tims Schwester das Café kaufte, hatte Tim darauf bestanden, dass Suzanne für seine Schwester arbeitete. Hoffentlich ging das jetzt nach der Trennung noch gut, denn wenn sie ihren Job verlöre, hätte sie keinerlei Einkommen mehr, außer aus ihrem Party-Service. Den betrieb sie allerdings nur als Hobby, und so sollte es auch bleiben. Ein eigenes Unternehmen empfand sie dann doch als etwas zu bodenständig.

In Gedanken entschuldigte sie sich dafür sofort bei ihrer Mom.

Genau wie ihrem Vater missfiel es auch Suzanne, echten Ehrgeiz zu entwickeln. Und aus diesem Grund konnte ihre Mom mit ihr genauso wenig wie mit ihrem Dad reden, ohne irgendwann abfällig die Mundwinkel zu verziehen. Ihr Vater war jetzt fast sechzig und versuchte sein Glück immer noch als Komiker, indem er in Clubs und bei kleinen Shows auftrat. Seine persönliche Freiheit war ihm eben wichtiger als materieller Besitz und eine berufliche Karriere.

Suzannes Mutter behauptete immer, ihre Tochter käme ganz nach dem Vater.

Im ersten Stock schloss Taylor die Tür zu einem der beiden Apartments auf und ließ Suzanne den Vortritt. “Hier wohne ich.”

Suzanne durchquerte einen kleinen Flur und blieb in dem leeren Wohnzimmer stehen. Es sah hier kaum anders aus als im Stockwerk darüber, abgesehen von der Tatsache, dass alles sauber war. “Aber hier ist es so leer.”

“Ich bin auch gerade erst eingezogen und lebe vorerst nur im Schlafzimmer. Den Rest habe ich mir für diese Woche vorgenommen.”

“Das Haus gehört Ihnen?”

Taylor strich mit einem beigefarbenen Schuh über den polierten Holzfußboden. Dieser eine Schuh war sicher teurer als Suzannes gesamte Garderobe. “Ja. Seit Kurzem.”

“Verzeihen Sie meine Offenheit, aber Sie sehen doch aus wie aus dem Ei gepellt. Sie wirken so elegant und vornehm, aber ich habe den Eindruck, als hätten Sie im Moment genauso wenig Geld wie ich.”

Seufzend lockerte Taylor die Schultern. “Wie habe ich mich verraten? Weil ich kein Geld für die Pflege der Bäume ausgeben wollte?”

“Sagen wir mal, ein Verzweifelter erkennt einen anderen sofort.”

Taylor musste lachen. “Sie gefallen mir. Also schön, hier kommt die bittere Wahrheit: Ich bin mit dem sprichwörtlichen silbernen Löffel im Mund geboren, habe die besten Schulen besucht, war auf der Brown University, und das alles dank des Schweizer Bankkontos meines Urgroßvaters. Nach dem Studium habe ich ganz Europa bereist. Nur so zum Spaß.”

Suzanne sah sie stirnrunzelnd an. “Dafür bekommen Sie von mir kein Mitleid.”

“Ich weiß, das will ich auch gar nicht.” Taylor hob beschwichtigend die Hände. “Ich gebe zu, dass ich hoffnungslos verwöhnt war. Ich habe keinen einzigen Tag in meinem Leben richtig gearbeitet und musste mir trotzdem niemals Sorgen machen. Dann ist mein Urgroßvater, den ich nur alle paar Jahre mal gesehen habe, gestorben.”

“Wie unangenehm.”

“Aber er hat mir dieses Haus vermacht.”

“Ein Grundstück in bester Lage. Es muss ein Vermögen wert sein.”

“Vorausgesetzt, man steckt vorher ein kleines Vermögen hinein.” Taylor verzog das Gesicht. “Leider hat er mir keinerlei Bargeld hinterlassen. Ersparnisse habe ich ebenso wenig wie einen Job. Also bin ich pleite.”

“Abgesehen von dem Haus.”

“Genau”, stimmte Taylor ihr zu. “Deshalb brauche ich Mieter, denn sonst habe ich nichts zu essen. Sobald die Einnahmen da sind, werde ich mit dem Renovieren anfangen, das verspreche ich Ihnen. Wenn Sie mir dabei helfen möchten, brauchen Sie weniger Miete zu zahlen. Na, wollen Sie das Apartment noch immer?”

Auch als Tochter eines Lebenskünstlers hatte Suzanne gelernt, ihren Verstand zu gebrauchen. “Wieso verkaufen Sie nicht einfach?”

Sofort schüttelte Taylor entschieden den Kopf. “Gleich vor der ersten Herausforderung kneifen? Niemals.”

Suzanne musste lächeln, und ihr wurde bewusst, dass es ihr erstes richtiges Lächeln war, seit sie ihre gesamte Habe im Treppenhaus vor der verschlossenen Tür vorgefunden hatte. “Sie gefallen mir auch.”

Langsam erwiderte Taylor das Lächeln. “Freut mich.” Es klang erleichtert. “Hier sind die Mietverträge. Sie ziehen allein ein, stimmt’s?”

“Ja, das stimmt. Ich habe beschlossen, von heute an als Single zu leben.”

“Schön, dann haben wir ja noch etwas gemeinsam.”

“Mir ist es ernst. Ich bin verflucht, was Beziehungen angeht.”

Taylor lachte, doch als sie Suzannes entschlossene Miene sah, wurde sie schlagartig wieder ernst. “Sie … Sie meinen es wirklich.”

Wie zum Schwur hob Suzanne eine Hand. “Wie groß die Versuchung auch immer sein mag, ich werde ihr widerstehen.”

“Einverstanden, da mache ich mit. So groß die Versuchung auch sein mag. Selbst wenn der Kerl auf Bäume klettert und einen Hintern hat, bei dessen Anblick mir die Knie zittern.”

Jetzt musste Suzanne lachen. “Selbst dann”, sagte sie, griff nach dem Stift und unterschrieb den Vertrag.

“Auf uns.” Taylor betastete ihre kunstvolle Frisur und tat mit der anderen Hand so, als höbe sie prostend ein Glas. “Und auf unsere Zukunft. Wir werden es beide schaffen. Auch ohne Männer. Sobald ich es mir leisten kann, kaufe ich uns Champagner, und dann stoßen wir richtig an.”

“Auf uns”, bekräftigte Suzanne. “Alles Gute, Taylor. Viel Glück.”

“Für dich auch, Suzanne.”

Suzanne blickte zur Decke und dachte an ihr neues Apartment. Glück konnte sie jetzt wirklich gebrauchen.

2. KAPITEL

Ryan Alondo beugte sich vor und stützte sich mit beiden Händen an der Duschkabine ab, damit ihm das heiße Wasser über den Rücken laufen konnte. Er hoffte nur, dass er nicht einschlief, während er so dastand, bis das heiße Wasser aufgebraucht war.

Erst als er den Hahn abgestellt hatte und die Kabinentür öffnete, fiel ihm auf, dass weit und breit kein Handtuch zu sehen war. “Angel!”

“Ich weiß, ich weiß, ich habe das letzte saubere Handtuch genommen.” Ein Kichern erklang vor der Badezimmertür. “Tut mir leid.”

Na wunderbar! Ihr tat es leid, und er war splitternackt. Ihm wurde allmählich kalt.

Ein kräftiger Wind fuhr ums Haus, drang durch alle Ritzen und erinnerte ihn daran, was er bei den Hausbesitzern anrichten konnte, die nicht auf seinen Ratschlag hörten, die alten, morschen Bäume vor ihren Grundstücken fällen oder wenigstens absichern zu lassen. Doch dann schob er diesen Gedanken weit von sich. Jetzt wollte er nur noch essen und anschließend schlafen. Mindestens ein Jahr lang. Da nicht damit zu rechnen war, dass ein Handtuch aus dem Nichts auftauchte, streifte er sich die Wassertropfen so gut es ging vom Körper und stieg in die Jeans. Der Stoff klebte ihm an der nassen Haut.

Kaum war er aus dem Bad, erklang Angels Stimme von der Küche her. “Dein Kühlschrank ist leer, aber ich habe eine Dose mit Suppe gefunden.

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