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Klopf nicht so laut, mein Herz

1. KAPITEL

„Bitte nicht Tom Dermont!“, murmelte Della Davis, als ihr Handy klingelte.

Sie griff mit einer Hand in ihre Handtasche und lenkte den Wagen mit der anderen gekonnt um die Kurve. Noch ein Anruf von Tom Dermont war das Letzte, was sie jetzt brauchte. Der Mann war ein Albtraum: Er ging ihr schon den ganzen Tag auf die Nerven und brachte sie langsam, aber sicher um den Verstand.

Della hielt in einer Seitenstraße und wühlte in ihrer großen Ledertasche. Wie immer lag das Handy ganz unten. Sie holte tief Luft, bevor sie aufs Display schaute. Wenn es tatsächlich Tom war, musste sie schreien. Oder kündigen.

Das Handy hörte in dem Moment auf zu klingeln, als sie es aufklappte. Toll. Della verdrehte die Augen. Sie schloss es unsanfter als nötig, ließ es auf den Schoß fallen und war versucht, es auszuschalten. Ihr Gewissen hielt sie davon ab. Natürlich wollte sie nicht wirklich kündigen, dazu hatte sie zu viel zu verlieren. Einschließlich der Beförderung, für die sie so hart gearbeitet hatte.

Trotzdem, heute wollte sie nichts mehr von Tom Dermont hören. Er war selbst an angenehmen Tagen ein unsympathischer Kunde, in einer PR-Krise wie dieser war er absolut unerträglich.

„Sag mir, warum ich meinen Job liebe“, bat sie sich selbst laut.

Als die Antwort ausblieb, zuckte Della mit den Achseln und verzog sofort vor Schmerz das Gesicht. Ihr ganzer Nacken war verkrampft! Was sie jetzt brauchte, war ein heißes Bad mit viel Schaum und Lavendelduft. Das wirkte fast immer.

Vorsichtig ließ sie die Schultern kreisen und malte sich aus, wie sie ins Bett fiel – aber nicht, um zu schlafen. Keine Chance, sie hatte eine Unmenge an Aufgaben aus dem Büro mitgenommen und würde wieder einmal arbeiten, bis ihr der Kopf vor Erschöpfung auf den Laptop fiel.

Das Handy piepte, und Della zuckte zusammen. Sie hörte die Mailbox ab und seufzte erleichtert, als sie die fröhliche Stimme ihrer besten Freundin Lyn hörte. Della rief sofort zurück. Genau danach sehnte sie sich jetzt: nach einer kleinen Aufheiterung.

Lyn meldete sich nach dem ersten Läuten. „Ich bin im Auto.“

Della hörte vertraute Stimmen im Hintergrund. Jamie, vier Jahre alt, sang aus vollem Hals, während Cassie, sechs Monate, ihn mit ihrem Krähen zu übertönen versuchte.

„Ich habe eine tolle Neuigkeit“, verkündete Lyn.

Della verdrehte die Augen, musste aber lächeln. „Wohin fahren wir dieses Mal?“

„Wohin wir fahren?“

„Ich habe mehr als genug Schuhe, Lynnie. Also kann ich nur hoffen, dass es nicht wieder …“

„Nein, nein. Kein Sonderverkauf. Dieses Mal nicht. Luke kommt nach Hause. Für immer.“

Es dauerte einen Moment, bis Della begriff. „Was hast du gerade gesagt?“

„Ein Schock, oder? Aber ein angenehmer. Ich kann es kaum abwarten, ihn wiederzusehen.“

Della brachte kein Wort heraus. Womit hatte sie das verdient? Als wäre dieser Tag nicht schon schlimm genug! Ausgerechnet heute.

Schock? Das war untertrieben. Sicher, sie hatte gewusst, dass Luke irgendwann heimkäme. Er hatte immer gesagt, dass er nicht auf Dauer in Übersee bleiben wollte. Aber sie hatte mit einer Vorwarnung gerechnet. Um sich darauf vorzubereiten, ihn wiederzusehen. Ihn und seine Frau.

„Della? Bist du noch da?“

Della riss sich aus ihren Gedanken. Nach all den Jahren, in denen sie ihre Gefühle vor Lyn verborgen hatte, durfte sie sich jetzt nicht verraten.

„Er kommt nach Hause?“ Ihre Stimme klang fast normal. „Du meinst, er und Yvonne wollen hier leben?“

„Offenbar hat er genug von Indien und will zurück ins kleine alte Adelaide und zu seinen Lieben.“ Lyn lachte. „Es ist unglaublich, stimmt’s?“

„Es ist …“ Dellas Zunge schien am Gaumen zu kleben. Sie unternahm einen zweiten Versuch. „Wann?“

„Du kennst meinen Bruder“, erwiderte ihre Freundin. „Er liebt Überraschungen und hat aus Melbourne angerufen. Vom Flughafen, während er auf den Anschlussflug wartete. Also, Mum will, dass du heute Abend zum Essen kommst.“

„Heute Abend …“ Dellas Gehirn war überfordert. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte.

„Ich bin gerade auf dem Weg zu meiner Mutter. Punkt halb acht. Einverstanden?“

„Aber …“ Della schaute auf die Uhr am Armaturenbrett. „Da kann ich gar nicht erst nach Hause fahren.“

„Dann lass es. Komm gleich her. Auf dem Beifahrersitz habe ich Tequila und alles, was man für Margaritas braucht. Ich werde dich mit einem leckeren Drink empfangen. Ich weiß doch, wie gestresst du nach einem langen Arbeitstag bist.“

„Nicht immer“, murmelte Della und überlegte, ob sie ablehnen sollte. Aber es ging nicht. Lyns Mutter hatte sich liebevoller um sie gekümmert als ihre eigene. Eine Einladung von Dawn hatte sie noch nie ausgeschlagen, und sie würde jetzt nicht damit anfangen.

Aber Luke wird da sein.

„Oh, Mist. Das habe ich ganz vergessen“, rief Lyn. „Ich rede und rede, und …“ Sie klang plötzlich sanfter. „Du hattest heute deinen Termin, nicht wahr?“

Das Mitgefühl in Lyns Stimme raubte Della einen Moment den Atem.

„Ja“, brachte sie schließlich heraus.

Sie war noch nicht dazu gekommen, ihre Wunden zu lecken. Dazu hatte sie zu viel um die Ohren gehabt.

„Was hat die Ärztin gesagt?“

Es war noch so frisch, so schmerzhaft. „Nicht jetzt“, bat sie. „Ich erzähle es dir später.“

Sie hörte Jamie laut singen, dann wieder Lyn: „Ich mache dir eine besonders große Margarita.“

Della beendete das Gespräch und ließ das Handy in die Tasche fallen. Den Drink brauchte sie. Tom Dermont. Dr. Morgan. Und jetzt auch noch Luke und Yvonne. Was für ein Tag!

Sie musste sich zusammenreißen. Zum Glück trug sie eins ihrer besten Business-Kostüme und hatte etwas Make-up dabei. Wenigstens würde sie präsentabel aussehen. Zudem hatte Luke keine Ahnung davon, was sie für ihn empfand. Sie hatte sich vor ihm noch nie eine Blöße gegeben und würde es auch heute nicht tun.

Della griff nach dem Zündschlüssel, um loszufahren, dann zögerte sie. Das Herz schlug ihr bis zum Hals.

Nein. Sie wollte nicht kneifen.

Sie konnte es. Sie war eine Krisenexpertin – eine, auf die ihre Firma sich verließ, wenn es galt, Ordnung in das Chaos zu bringen. Sie musste nur ihr Arbeitsgesicht, ihre Maske, aufsetzen.

Wie sie es immer getan hatte, wenn Luke in den letzten zehn Jahren hin und wieder nach Hause gekommen war.

Wie sie es getan hatte, als er vor ein paar Jahren seine neue Frau mitgebracht hatte, damit sie seine Familie kennenlernen konnte. Della hatte gelächelt und ihm gratuliert, als empfände sie für ihn nicht mehr als schwesterliche Zuneigung.

Sie hatte ihm damals etwas vorgemacht und konnte es auch dieses Mal.

Wenn ich nur mehr Zeit hätte, mich darauf vorzubereiten!

Della wendete den Wagen und fuhr nach Osten. Lyns Eltern wohnten immer noch in dem eindrucksvollen Haus, in dem Lyn und Luke aufgewachsen waren. Es lag in einer ruhigen Allee in einem noblen Vorort. Welten entfernt von der Straße, wo Della als Kind gelebt hatte – kein Slum, aber auch nicht sehr viel besser.

Ihre Eltern waren Arbeiter und meistens nicht besonders fleißig gewesen, und Della konnte kaum glauben, dass sie tatsächlich von ihnen abstammte. Sie hatten nie akzeptiert, dass ihre Tochter mit jemandem wie Lyn befreundet war, und kein Verständnis für ihren Ehrgeiz gehabt. Aber was war denn falsch daran, auf die Universität zu gehen und sich einen gut bezahlten Job zu suchen?

Sie seufzte. Selbst nachdem ihre Eltern für immer aus ihrem Leben verschwunden waren, hatte sie das Gefühl, ihnen etwas beweisen zu müssen – sie wusste nur nicht genau, was.

Als Teenager hatte sie jede freie Minute bei Lyn verbracht. Dort fühlte sie sich wohl. Es war ein glückliches Zuhause – nicht nur weil die Brayfords Geld hatten, sondern weil Dawn und Frank Brayford sich wirklich für ihre Kinder interessierten. Und die beiden hatten sie behandelt, als gehöre sie zur Familie. Von den Brayfords hatte sie mehr Unterstützung und Ermutigung bekommen als von ihren eigenen Eltern.

Della parkte am Straßenrand vor der Villa und blieb noch einen Moment sitzen. Luke war bestimmt noch nicht da, also hatte sie nichts zu befürchten. Nicht, dass sie Angst vor Lyns Bruder hatte. Es waren ihre eigenen Gefühle, die sie erschreckten.

Dreizehn Jahre. War es tatsächlich so lange her, dass er Adelaide verlassen hatte, um in seinem Traumberuf zu arbeiten? Warum waren ihre Gefühle für ihn selbst nach all diesen Jahren so stark? Sie hatte erwartet, über ihn hinwegzukommen. Sie hatte es sich fest vorgenommen. Aber jetzt saß sie hier, dreizehn Jahre später, und bemühte sich, das mulmige Gefühl in ihrem Bauch zu unterdrücken.

Dass er für immer heimkehrte, war schwer zu glauben. Er war nicht der Typ, der sich irgendwo niederließ, jedenfalls bisher nicht. Vielleicht tat er es seiner Frau zuliebe, obwohl Della nicht den Eindruck gehabt hatte, dass sie und Lukes Eltern sich besonders nahestanden.

Vielleicht hatte Lyn auch einfach etwas falsch verstanden. Oder Dawn hatte in ihrer Freude zu viel in Lukes Worte hineingedeutet. Bestimmt war es nur ein ganz normaler Besuch, mehr nicht.

Doch plötzlich kam Della der schreckliche Verdacht, dass er und seine Frau eine Familie gründen wollten. Bei der Vorstellung drehte sich ihr fast der Magen um, und sie musste tief durchatmen.

Ganz tief, ganz langsam.

Falls die beiden planten, ein Kind zu bekommen, war Adelaide der ideale Ort dafür. Und sie, Della, müsste damit leben. Sie wusste, dass sie das konnte, auch wenn es sie innerlich fast zerriss.

Als Della sich ein wenig beruhigt hatte, stieg sie aus ihrem Mercedes und schloss ihn ab, obwohl in dieser Gegend selbst ein so teurer Sportwagen nicht weiter auffiel. Luxusautos waren hier nicht die Ausnahme, sondern die Regel.

Sie war kein impulsiver Mensch. Im Gegenteil, sie überlegte lange und gründlich, bevor sie eine Verpflichtung einging, und das nicht nur in finanzieller Hinsicht. Aber dieses Auto hatte sie in einem schwachen Moment erwischt. Ein Blick, eine Berührung, und sie hatte es nicht mehr vergessen können.

Mit einem wehmütigen Lächeln gestand sich Della ein, dass es ihr bei Luke ebenso ergangen war. Sie gab sich einen Ruck, straffte die Schultern und lief durch den gepflegten Vorgarten zur Haustür.

Lyn öffnete ihr. „Du solltest die Küche sehen“, sagte sie kopfschüttelnd. „Mum versucht, sämtliche Lieblingsgerichte von Luke zu kochen. Ich freue mich riesig, ihn wiederzusehen, aber ehrlich …“

Als Della eintrat, zeigte Lyn mit dem Daumen auf eine Tür, die vom großzügigen Flur abging. „Komm mit. Ich habe mein Versprechen gehalten, dein Drink wartet.“

„Vielleicht sollte ich Dawn meine Hilfe anbieten?“ Unsicher schaute Della in Richtung Küche.

„Bloß nicht.“ Lyn zog sie mit sich. „Sie will ihren Sohn nach Herzenslust verwöhnen, da lassen wir sie besser allein.“

Della folgte ihrer Freundin ins gemütliche Wohnzimmer. Kaum hatte sie auf der Couch Platz genommen, reichte Lyn ihr die größte Margarita, die sie jemals gesehen hatte.

„Wo hast du denn dieses Glas her? Bist du sicher, dass es keine Vase ist?“

Ihre Freundin zuckte mit den Schultern. „Falls es eine ist, haben wir zwei davon.“ Sie griff nach ihrem Glas und nippte daran. „Lecker. Meine Margaritas sind wirklich nicht zu verachten.“

Della nahm einen Schluck und stimmte ihr zu. Gerade genug Limette und reichlich Tequila.

„Ich weiß, du möchtest jetzt nicht über deinen Arzttermin sprechen“, begann Lyn und setzte sich mit ihrem Drink auf die Couch gegenüber. „Aber wenn es so weit ist, bin ich für dich da. Jederzeit. Cassie hält mich Tag und Nacht auf Trab.“

„Danke. Aber ich brauche noch etwas Zeit, um alles zu verarbeiten. Was hältst du davon, wenn wir diese Woche zusammen ausgehen? Dann können wir essen und reden“, schlug Della vor.

„Gute Idee. Ich frage Patrick, wann er auf die Kinder aufpassen kann. Vielleicht klappt es ja schon morgen Abend. Oder ist dir das zu früh?“

Della schüttelte den Kopf. Sie hoffte in den nächsten vierundzwanzig Stunden auf ein paar Minuten für sich allein, um in Ruhe nachzudenken. Um sich mit ihrem Schicksal abzufinden.

Ein leises Wimmern unterbrach das Gespräch. „Pech gehabt.“ Lyn seufzte. „Cassie ist wach. Ich hatte gehofft, dass sie bis nach dem Essen schläft.“

„Wo ist Jamie?“

„Bei Dad. Sie sehen sich seine Modellflugzeuge an. Ich glaube, ich schaue besser mal nach Cassie.“

Della sah ihr nach, stellte das Glas ab und nutzte die Gelegenheit, um kurz im Bad zu verschwinden. Während sie ihr Make-up auffrischte, dachte sie zum Millionsten Mal, wie froh sie war, eine Freundin wie Lyn zu haben. Dafür war sie dankbar seit jenem Tag am Strand, als sie beide vierzehn gewesen waren und Lyn sie aus einer peinlichen Lage gerettet hatte: Della hatte Fish and Chips bestellt und erst danach gemerkt, dass ihr Geld nicht reichte. Zutiefst verlegen, aber unendlich dankbar ließ sie Lyn das Essen und auch noch ein kaltes Getränk bezahlen. Seitdem waren sie unzertrennlich.

Della lächelte wehmütig. Sie erinnerte sich so deutlich daran, als sei es erst gestern gewesen. Lyn hatte es vermutlich längst vergessen.

Damals hatte sie sich die Adresse ihrer neuen Freundin notiert, um ihr das Geld zurückzugeben, sobald sie es zusammenkratzen konnte. Doch als es so weit war, stand sie vor dem schmiedeeisernen Tor der Villa und wagte nicht, die schwere Klinke herunterzudrücken.

Und dann war Luke gekommen. Nur ein Jahr älter als sie, war er ihr so erwachsen erschienen. Schon damals eine imposante Erscheinung: hochgewachsen und durchtrainiert vom Football. Beeindruckend gerade für sie, die so winzig gewesen war. Er hatte sie überragt und hätte ihr wahrscheinlich sogar Angst gemacht, wenn er nicht gelächelt hätte. Dieses atemberaubende Lächeln, das ihre Knie in Pudding verwandelt hatte.

Della steckte das Make-up in die Handtasche. Als sie das Bad verließ, hörte sie eine laute Stimme an der Haustür.

„Ein Taxi! Sie sind da!“

Es war Megan, Lyns jüngere Schwester. Dann rief Poppy, mit fünfundzwanzig das Nesthäkchen der Brayfords, ihrer Mutter etwas zu, und Dawn lief zur Haustür.

Della schloss sich ihnen nicht an. Dieser Moment gehörte der Familie. Einer richtigen Familie. Auch wenn man sie hier herzlich aufgenommen hatte, sie zählte nicht dazu, jedenfalls nicht richtig. Zurück im Wohnzimmer, nahm sie ihr Glas und ging auf die Terrasse. Sie stützte die Arme aufs Geländer, trank ein paar Schluck und schaute über den großen Garten. Dichtes Grün begrenzte ihn zu den Nachbarn hin, und in den geschwungenen Beeten wuchsen niedrige Stauden.

Den Garten hatte sie immer geliebt. Er war so anders als der ihrer Eltern: von Unkraut überwuchertes Gras zwischen rostigen Drahtzäunen. Hier herrschte Frieden, und genau den brauchte sie jetzt mehr denn je.

„Da bist du ja, Della.“

Sie zuckte so heftig zusammen, dass ein wenig von der Margarita auf den Rasen unter ihr schwappte. Lukes Stimme war tief, ein wenig spöttisch und so vertraut. Sie wirkte, wie sie es immer getan hatte, beschleunigte Dellas Herzschlag und machte sie mit einem Schlag hellwach – bereit, auf jedes herausfordernde Wort aus seinem Mund zu reagieren. Langsam drehte sie sich um.

Du meine Güte, er sieht unglaublich gut aus! Als sie ihm das letzte Mal begegnet war, hatte er das dunkelblonde Haar kurz getragen, aber danach hatte er den Job gewechselt, und jetzt reichte es ihm bis über den Kragen. Lässig wie in seiner Jugend. Vermutlich war sein Look inzwischen für den Job nicht mehr so wichtig, denn er arbeitete nicht mehr fürs Fernsehen.

Sein Lächeln wurde breiter, als sein Blick auf das riesige Glas in ihrer Hand fiel. Sie hielt es fester als nötig, und ihr Magen zog sich zusammen. Zweifellos hatte das Lächeln ihm in seinem Beruf geholfen. Selbst ein abgebrühter, bis an die Zähne bewaffneter Rebell könnte ein Interview nicht verweigern, wenn der Reporter ihn so anlächelte.

Lukes graue, aber warme Augen funkelten, als er ihr ins Gesicht schaute. „Du musst ziemlich durstig sein“, sagte er.

Della widerstand der Versuchung, sich in seine Arme zu werfen. „Stressbewältigung“, erwiderte sie und bereute es sofort, denn er runzelte die Stirn.

„Ich habe einen anstrengenden Arbeitstag hinter mir“, fügte sie rasch hinzu.

Die Falten wurden tiefer. „Gefällt dir dein Job nicht?“

„Doch, natürlich. Ich brauche dir wohl nicht zu erklären, wie stressig eine Arbeit auch dann sein kann, wenn sie Spaß macht.“

Wer wüsste das besser als Luke? Als Auslandskorrespondent war er von einem Brennpunkt des Weltgeschehens zum nächsten gereist, überwiegend in Asien, und hatte über Kriege und Katastrophen berichtet. Er galt als Pionier der schnellen Vor-Ort-Berichterstattung, arbeitete völlig allein, reiste und berichtete ohne Team. In seinem Rucksack trug er alles, was er an Ausrüstung brauchte, um die Reportagen zu erstellen und an die Redaktionen zu schicken. Dabei war er nie auf Schlagzeilen aus gewesen und nicht im Rudel aufgetreten wie viele Kollegen, sondern hatte vor allem Hintergrundgeschichten über die betroffenen Menschen geliefert.

Della hob das Glas und nahm einen großen Schluck. Einen so großen, dass sie sich fast daran verschluckte. „Und was ist mit dir? Wie geht es dir?“, fragte sie.

„Gut.“ Er musterte sie kurz. „Wo bleibt mein Kuss? Meine Umarmung? Alle anderen haben mich herzlich begrüßt. Ich war eine ganze Weile nicht hier, falls es dir nicht aufgefallen ist.“

„Oh. Ja.“ Sie beugte sich vor, hielt das Glas zur Seite und legte verlegen und unbeholfen einen Arm um ihn.

Er erwiderte den Druck, fester als nötig, und als sie die Wärme seines Körpers spürte, wurde ihr heiß. So war es also, wenn man einen Mann anziehend fand. Luke küsste sie auf die Wange, und sie wich hastig zurück.

Er lächelte. Ahnte er etwa, was er bei ihr auslöste? Nein, unmöglich. Zwischen ihnen war nie etwas Körperliches gewesen, nicht das Geringste. Er konnte es nicht wissen.

Della betrachtete sein Gesicht. Seine Nase wies noch immer die winzige Narbe auf. Lyn hatte einmal mit ihm gewettet, ob er sich traute, mit dem Skateboard ein Geländer hinunterzufahren, und sich schuldig gefühlt, als er dann mit dem Gesicht auf einer Betonstufe gelandet war. Dabei hätte sie wissen müssen, dass er vor keiner Herausforderung zurückschreckte. Damals nicht und später auch nicht.

Luke wich ihrem forschenden Blick nicht aus. „Du siehst großartig aus. Man könnte meinen, dass du keinen Tag älter geworden bist, seit ich das erste Mal fortgegangen bin.“

Von ihm ließ sich das nicht behaupten. Das aufreibende Leben, das er führte, hatte viele Falten um die Augen hinterlassen. Falten, die sich vertieften und noch markanter wurden, wenn er lächelte. Aber gerade das verlieh dem einstmals perfekten Gesicht etwas Charaktervolles.

Della schnaubte leise. „Gibt es dort, wo du gewohnt hast, keine Optiker?“

Er ignorierte ihren Einwurf. „Mir gefällt, was du mit deinem Haar gemacht hast. Es ist raffiniert. Kurz steht dir. Bei meinem letzten Besuch war es noch lang, oder?“

„Ich habe es erst kürzlich abschneiden lassen.“ Nicht, dass ihre Frisur ihn vor drei Jahren interessiert hatte. Er hatte nur Augen für seine Ehefrau gehabt.

Luke war unrasiert, wahrscheinlich wegen des langen Flugs. An ihm wirkten die Stoppeln jedoch nicht ungepflegt, sondern sexy. Erneut spürte sie ein Kribbeln. Was war los mit ihr? Die Männer, mit denen sie in den letzten Jahren ausgegangen war, hatten sie nicht sonderlich gereizt. Fast hatte sie sich dazu zwingen müssen, sie attraktiv zu finden, und befürchtet, dass sie zu mehr nicht fähig war. Musste ausgerechnet Luke ihr das Gegenteil beweisen?

Sie ließ den Blick über seine zerrissene Jeans und die verblichene Denimjacke wandern und kam sich in ihrem eleganten Kostüm plötzlich zu förmlich vor. „Ist das die Jacke aus unserer Kindheit?“

Er nickte.

„Dein Job muss schlecht bezahlt sein, wenn du dir keine anständigen Sachen leisten kannst.“ Seit er den Journalismus aufgegeben hatte und ein Waisenhaus leitete, verdiente er vermutlich deutlich weniger. Aber arm würde Luke nie sein. Dafür hatte sein Großvater mit einem stattlichen Treuhandkonto gesorgt.

„Von dieser Jacke werde ich mich niemals trennen. Ich hänge an ihr.“ Ihr skeptischer Blick ließ ihn auflachen. „Außerdem ist sie bequem.“

„Und Bequemlichkeit ist dir offenbar wichtig. Warum solltest du sonst durch die Berge des Kaukasus wandern?“

„Luke, du ärgerst Della doch nicht schon wieder?“

Della drehte sich zu Dawn um.

„Davon hatten wir schon genug, als ihr noch Kinder wart“, fuhr seine Mutter streng fort.

„Ich habe ihr nur gesagt, wie sehr mir ihre neue Frisur gefällt.“ Er legte den Arm um Dawn und drückte sie an sich. „Aber sie glaubt mir einfach nicht, dass sie toll aussieht.“

Dawn strahlte ihn an. „Kein Wunder. Schließlich hast du dich immer über sie lustig gemacht. Aber der Look steht ihr, nicht wahr?“ Sie wandte sich Della zu. „Ich finde, sie sieht damit aus wie Audrey Hepburn.“

„Klar.“ Della lachte. „Du hast Halluzinationen, Dawn. Und du, Luke, bist der Letzte, dem ich ein Kompliment abnehme.“

Sie war stolz auf sich. Sie klang kühl, ruhig und gefasst. Niemand käme auf die Idee, dass sie sich alles andere als selbstsicher fühlte. Oder darauf, dass sie ihr halbes Leben lang jeden anderen Mann mit diesem hier verglichen hatte – und keiner von ihnen hatte ihrem Ideal entsprochen.

„Ich dachte, du wolltest Yvonne mitbringen“, wechselte seine Mutter das Thema. „Du hast sie doch nicht etwa in Indien gelassen?“

Luke schaute auf den Garten hinunter. Als er den Blick wieder hob, war seine Miene ausdruckslos.

„Doch. Und soweit ich weiß, ist sie noch dort. Ich erkläre es euch, wenn wir alle zusammen sind.“

Dawn zögerte. „Na, dann lasst uns essen. Kommt rein.“

Als sie sich an den großen Eichentisch setzten, wünschte Della sich, wirklich zu dieser Familie zu gehören. Das war es, was sie immer für ihre eigenen Kinder gewollt hatte – ein Zuhause voller Wärme und Lachen.

Sie starrte auf ihren Schoß, breitete die Stoffserviette darauf aus und blinzelte, als ihre Augen feucht wurden.

Der Traum war ausgeträumt.

2. KAPITEL

„Bleibst du dieses Mal wirklich hier?“, fragte Poppy, den Mund voll Salat.

Luke sah seine kleine Schwester an. Er konnte kaum fassen, wie sehr sie seit seinem letzten Besuch gewachsen war. „Wie oft muss ich es denn noch wiederholen?“, entgegnete er mit gespielter Verärgerung.

„Ja, ich weiß, aber wirklich?“, beharrte Poppy. „Langweilst du dich denn nicht hier?“

Er zuckte mit den Schultern. „Ich glaube nicht.“

„Aber hier gibt es keine Kriege. In Adelaide passiert nie was Schlimmes.“

„Gott sei Dank“, warf Dawn ein. „Wir haben das große Glück, in einer der sichersten Städte der Welt zu leben. Bestimmt hat Luke genug von Gewalt und Armut, und wenn er den Verstand nutzt, mit dem er geboren wurde, hält er sich ab jetzt davon fern.“

Luke lächelte seiner Mutter zu. Sie hatte ihn immer für verrückt erklärt, weil er sich einen Beruf ausgesucht hatte, in dem er tagtäglich mit so viel Leid konfrontiert wurde. Aber sie hatte ihren Sohn nie kritisiert. Zwar verstand sie seine Entscheidung nicht, hatte sie jedoch stets respektiert.

Genauso wie sein Vater. Er schaute zu ihm hinüber – sein Haar war inzwischen grau. Hoffentlich hatte er ihm in all den Jahren nicht zu viele Sorgen gemacht.

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