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Kleopatra

Meinen Enkelkindern

Anna und Gabriel gewidmet

Die schwere Stunde der Geburt

Gespenstische Stille herrschte in dem weitläufigen Palast. Die Sommernacht hatte sich schwarz und schwer auf Alexandria gelegt. Nur ein paar Sterne leuchteten. Niemand war zu sehen. Mitternacht war längst überschritten, und bald würde Helios-Re seinen Sonnenwagen aufziehen und Hausangestellte und Sklaven würden sich an ihre tägliche Arbeit machen.

Ab und zu durchdrang ein schriller Schrei die unheimliche Dunkelheit. Die Königin lag in den Wehen. Sie erwartete ihr erstes Kind, sie war noch sehr jung.

Vor wenigen Monaten hatte Ptolemaios, der Herr über Ober- und Unterägypten, geruht, mit ihr das Lager zu teilen; mit ihr, die nicht königlicher Abstammung und also nicht seines Blutes war, das das Königsgeschlecht auf jenen Ptolemaios zurückführte, den der große Alexander vor undenklichen Zeiten auf den Thron des alten Landes am Nil gesetzt hatte, damit er Ägypten zu seiner einstigen Größe zurückführe. Sie war stolz darauf, dem König mit der Jugend ihres Leibes dienen zu dürfen. Aber sie würde an diesem Hof immer eine Fremde bleiben. Niemals würde sie einen Platz in den Geschichtsbüchern erhalten, ja nicht einmal Erzählungen und Legenden würden ihren Namen an Nachgeborene weitergeben. Das war der Preis, den sie zu zahlen hatte, um ihr Leben an der Seite des geliebten Mannes verbringen zu dürfen. Aber sie beklagte sich nicht. Sie hatte es nicht anders gewollt.

Gewiss, es war nicht leicht, Pharao Ptolemaios, den sie den „Neuen Dionysos“ nannten, zu lieben: Er war von wenig ansprechender Erscheinung, schon in seinen noch jungen Jahren zu Fettleibigkeit neigend und aufgedunsen vom Genuss griechischen Weins, den er stets unvermischt und in reichlichen Mengen zu sich nahm. Ob man ihm deshalb den Beinamen des Weingotts gegeben hatte? Die junge Königin wusste es nicht. Auch „Auletes“ nannten ihn seine Untertanen, den Flötenspieler, ein Name, den er besonders schätzte, denn er liebte die Hausmusik. Und oft hörte man im Palast den Klang seiner Flöte und die zarten Töne der Harfe, die sie, die große königliche Gemahlin, anschlug.

Vor einem knappen Jahr war er nach Memphis gekommen, um dort in einem noch immer herrlichen Tempel aus altägyptischer Zeit nach dem Rechten zu sehen und den Gott Osiris-Apis, den verstorbenen heiligen Stier, den die Griechen Serapis nannten, Schutzgeist von Memphis, zu Grabe zu tragen. Mit den Priestern waren die religiösen Feierlichkeiten zu Ehren des Verstorbenen zu besprechen, die Griechen und Ägypter gemeinsam begehen sollten. Traditionsgemäß wurden seit vielen Jahrhunderten die heiligen Stiere einbalsamiert und in gewaltigen Steinsarkophagen im Serapeum bei Memphis beigesetzt. Dann hoffte man ungeduldig auf das Erscheinen eines neuen Apis, der Sonne und Mond, Tag und Nacht und damit Leben und Tod in sich vereinte. Nur ein Tier, das das heilige Zeichen des hellen Dreiecks auf der Stirn trug, konnte dieser Ehre teilhaftig werden …

Ptolemaios war bestrebt, die alten Kulte beizubehalten und mit den Bräuchen der Eindringlinge zu versöhnen, um so Aggressionen von Einheimischen gegen die Eroberer und von Eroberern gegen die Einheimischen abzubauen. Wie keiner seiner Vorgänger beherrschte er die Politik des Ausgleichs und der hohen Diplomatie.

Der Besuch des Königs war schon viele Wochen zuvor angekündigt worden, und die Apis-Priester hatten dazu aufgerufen, ihm ein herzliches Willkommen und einen angenehmen Aufenthalt zu bereiten. Die Neugier war groß gewesen. Noch hatte keiner den Pharao gesehen. Aber überall wurde die Erinnerung an seine Vorgänger bewahrt; jene Ägypter und gottähnlichen Menschen, die seit vielen Jahrhunderten am Westufer des Nils in gewaltigen Steinburgen wie Osiris ihrer Auferstehung harrten. Pyramiden nannte man die Grabstätten und sie wurden längst zu den Weltwundern gezählt. Die Zeit der großen Pharaonen war freilich vorbei.

Wie Ptolemaios, der Fremdherrscher, mit dem man sich allerdings gut arrangiert hatte, wohl aussah? Erwartungsvoll und von weiblicher Neugier getrieben, fieberte die Tochter des Hohepriesters der Ankunft des Königs entgegen. Hatte ihr nicht ein alter Seher erst kürzlich geweissagt, mit Ptolemaios’ Erscheinen stünden ihr ein großes Glück und eine tiefgreifende Veränderung ins Haus? Eigentlich gab sie nichts auf solche Vorhersagen. Jedermann in Memphis bescheinigte ihr neben außerordentlicher Schönheit die Gabe eines scharfen Verstandes, und dass Menschen zuverlässig in die Zukunft sehen konnten, mochten Dümmere glauben als sie. Allzu viele Speichellecker und Möchtegern-Propheten biederten sich ihrer Familie, der vornehmsten weit und breit, immer wieder an, in der Hoffnung, sich persönliche Vorteile zu verschaffen. Doch diesmal war es anders. Nachdem der Alte ihr die günstige Wendung in ihrem jungen Leben vorhergesagt und sie zur Bestätigung den Orakelspruch des Gottes Apoll aus Delphi eingeholt hatte, schwanden alle Zweifel und wuchs ihre Vorfreude, sodass sie das Kommen des neuen Herrschers kaum erwarten konnte. Vielleicht würde er sie ja nach Alexandria mitnehmen und dort seiner Gemahlin als Hofdame zum Geschenk machen!

Sie stand auf der Terrasse ihres väterlichen Palastes hoch über dem golden schimmernden Fluss und bestaunte mit geweiteten Augen den Prunk, mit dem der König seine Ankunft inszeniert hatte. Boote nach Art römischer Trieren, wie sie sie von Abbildungen her kannte, prächtig mit Girlanden, Fahnen und bunten Tüchern geschmückt, begleiteten die königliche Barke, auf der Ptolemaios unter einem purpurroten Baldachin stand, einer Statue des Gottes Osiris gleich, angetan mit einem fließenden weißen Gewand, auf den Schultern ein Pektoral aus Lapislazuli und die Doppelkrone Ober- und Unterägyptens auf dem stolz erhobenen Haupt. Seine Hände hielten Krummstab und Geißel und waren über der gewölbten Brust gekreuzt.

Das Herz der Priestertochter pochte vor Aufregung. Sie konnte ihren Blick nicht abwenden von diesem verschwenderischen Schauspiel, das ihr die große Vergangenheit ihrer Heimat wiederbrachte, von all der Prachtentfaltung, mit der der Fremde seine Untertanen ehrte. Sie wusste später nicht zu sagen, ob sie sich zuerst in den prunkvollen Auftritt verliebt hatte oder in die erhabene Haltung des Mannes, der einer Gottesstatue gleich auf dem Nil daherkam. Sie wusste nur, dass sie diesem Mann nie mehr von der Seite weichen, mit ihm eins sein wollte, solange die Götter Ägyptens ihr zu leben bestimmt hatten.

Nur wenige Tage nach seiner Ankunft waren sie ein Paar.

Sie traten vor den Vater der Schönen und baten ihn um seinen Segen, den der eitle Priester nur allzu bereitwillig erteilte. Zwar verstand er nicht, was seine Tochter an dem Fremden fand, der nach allgemeiner und auch seiner Ansicht wenig anziehend und noch nicht einmal Ägypter war. Nur seine Augen, tiefe, unergründliche Höhlen, schienen ihren Betrachter zu verschlingen, und wenn man sich ganz in sie versenkte, nahmen sie einen fast dämonischen Ausdruck an. Aber der Hohepriester war keine Frau und so vermochte er auch nicht zu sagen, was im Kopf einer solchen vorging. Sie sollte ihn haben, wenn ihr denn so viel an ihm lag, auch wenn der Brauch verlangt hätte, dass er als Vater den Ehemann für seine Tochter wählte. Schließlich konnte es nicht ganz verkehrt sein, den Inhaber des ägyptischen Thrones an die alteingesessene Priesterschaft zu binden. Und welches Band war stärker als das des Blutes?

Es spielte keine Rolle, dass Ptolemaios bereits verheiratet war, dass seine rechtmäßige Gemahlin, Kleopatra, die ihm die Tochter Berenike geboren hatte und den Beinamen Tryphaina trug, in Alexandria auf ihn wartete. Schon vor geraumer Zeit waren Gerüchte nach Memphis gedrungen, Ptolemaios würde sich nur allzu gern von der unliebsamen Frau trennen, die sich nach Berenikes Geburt als unfruchtbar erwiesen hatte und obendrein als überaus launisch galt. Freilich durfte darüber nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen werden. Wie Ptolemaios selbst, entstammte Kleopatra dem edlen griechischen Königsgeschlecht, und die Verwandten jenseits des Meeres hätten eine Trennung von ihr und eine Wiederverheiratung kaum geduldet und schon gar nicht die Verbindung mit einer Ägypterin, mochte die nun dem alten Landesadel entstammen oder auch nicht. Für die Tochter des Hohepriesters kam allerdings ein Zusammenleben ohne eine rechtmäßige Heirat nicht in Frage und sie beabsichtigte auch nicht, am Hof zu Alexandria die Nebenfrau zu spielen. Sollte sie Ptolemaios in die Hauptstadt begleiten, musste Kleopatra weg.

Tatsächlich hatte auch der König schon lange daran gedacht, die große königliche Gemahlin wie auch immer aus seiner Nähe zu entfernen, und so befahl er noch von Memphis aus ihre Verbannung, die unverzüglich zu vollziehen war. Er wollte ihr nicht mehr begegnen, denn er fürchtete sie, was er freilich nie zugegeben hätte. Durfte der große König, Herr über Ober- und Unterägypten, denn Furcht haben vor einem gewöhnlichen Weib? Doch wie würde das Volk, wie würden Griechen und Römer auf die Verbannung reagieren?

Den Römern, die immer größeren Einfluss auf sein Reich am Nil gewannen, wäre es sicherlich gleichgültig. Seine Herrschenden wandten noch ganz andere Methoden an, um sich den Rücken frei zu halten. Den Griechen freilich müsste die Trennung auf geschickte Weise verschwiegen werden. Ein Trick war zu ihrer Täuschung nötig. Niemand durfte von Kleopatras Verbannung erfahren. Die stolze Frau selbst würde stillschweigen, davon war Ptolemaios überzeugt. Denn kaum würde es ihre Eitelkeit zulassen, mit einer derartigen Kränkung an die Öffentlichkeit zu gehen. Zum anderen mochten ein ansehnlicher Geldbetrag und ein angenehmes Exil, das er ihr gewähren wollte, sie davon überzeugen, ihr Schicksal ohne Murren zu ertragen. Ohnehin hatte sie damals ihren Halbbruder Ptolemaios nur widerwillig aus familiären Gründen und im Sinne der Staatsräson geheiratet und sich als Ehefrau des Gottkönigs nie recht wohl gefühlt.

Mit der Tochter des Hohepriesters stand es da anders. Nicht nur, dass die kluge Frau daran dachte, durch eine Heirat mit dem König ihrem Volk eine Aufwertung zu verschaffen, ja es mit den griechisch-makedonischen Herrschern zu versöhnen. Sie beabsichtigte auch, in der Politik ihres Gatten kräftig mitzumischen. Ptolemaios war Wachs in ihren Händen. Zudem liebte sie ihn aufrichtig. So war sie damals auch nach anfänglichen Bedenken bereit gewesen, Kleopatras Platz neben Ptolemaios einzunehmen und namenlos oder besser: auf ihre eigene Identität verzichtend, als Mutter seiner Kinder in die Geschichte einzugehen. Niemand sollte je erfahren, was am Hof vor sich gegangen war. So veränderte sich für die griechische Verwandtschaft nichts und auch nicht für das Volk, das von der Herrin vom Nil ohnehin keine konkrete Vorstellung hatte. Denn das hohe Herrscherpaar pflegte sich kaum in der Öffentlichkeit zu zeigen und wenn, dann verhüllt in der Sänfte oder auf der königlichen Barke am Nil, weit entfernt von den Augen der das Ufer säumenden neugierigen Menge. Und allen Palastdienern, die Zugang zu den Gemächern der Königsfamilie und Schlüssel zu den geheimen Kabinetten hatten, hatte man die Zunge herausgeschnitten, damit sie das Geheimnis um die neue Königin nicht ausplaudern konnten – allen, bis auf einer: Naoma, der treuesten Dienerin, die ihrer Herrin aus Memphis nach Alexandria gefolgt war und ihr nicht von der Seite wich.

„Du musst pressen, geliebte Herrin!“, forderte sie die junge Königin mit strenger Miene auf. Die Anrede ließ eine besondere Vertrautheit erkennen. „Das Köpfchen des Kindes ist bereits zu sehen“, tröstete sie. „Das Schlimmste ist überstanden.“ Dabei streichelte sie der Gebärenden sanft über die schweißnasse Stirn.

Ein erneuter Schrei durchschnitt die nächtliche Stille.

„Warum haben die Götter vor die Freude den Schmerz gestellt?“, hauchte die Königin. „Was denkst du, Naoma?“

„Ich denke, dass sie den Menschen klar machen wollen, dass der Weg zur Ewigkeit kein reines Vergnügen ist.“

„Bist ein kluges altes Mädchen, Naoma“, bemerkte die junge Frau und lächelte gequält. „Ich bin so froh, dass du mich damals nicht im Stich gelassen hast, als König Ptolemaios beschloss, mich nach Alexandria mitzunehmen und zu seiner Königin zu machen.“

„Ptolemaios, Ptolemaios, ich mag ihn nicht, deinen Ptolemaios. Und ich konnte unmöglich verantworten, dich ihm ganz und gar zu überlassen. Habe ich dir nicht Treue bis in den Tod geschworen?“ Die Alte schüttelte ungläubig den Kopf. Wie konnte ihre Herrin auch nur einen Augenblick lang daran zweifeln, dass sie ihrer alten Amme unbedingt vertrauen konnte? War Naoma nicht bei ihr gewesen seit fernem Anbeginn, hatte sie ihr nicht bis heute, so gut sie es vermochte, die bei ihrer Geburt verstorbene Mutter ersetzt?

Die Dienerin watschelte zum Fenster, das sich zum Garten hin öffnete. Die Luft war stickig in der engen Geburtskammer, die ganz am Ende eines langen Ganges in einem Nebenflügel des Palastes lag. Nichts zu spüren von der frischen Meeresbrise, die gewöhnlich nachts die Gemächer durchdrang. Der Atem Poseidons, wie sie die Alexandriner nannten, war heute ausgeblieben. Aber schon nach wenigen Augenblicken schwängerte schwerer Rosenduft den Raum. Frösche quakten im nahe gelegenen Teich, und die Grillen, die im Zirpen miteinander zu wetteifern schienen, kündigten den nahenden Tag an.

Noch einmal nahm die junge Königin all ihre Kraft zusammen. Noch einmal erklang ein markerschütternder Schrei. Dann war alles ruhig und des Pharaos große königliche Gemahlin fiel in einen tiefen, todesähnlichen Schlaf.

„Ruhe dich nur aus, meine kleine Prinzessin, schlaf gut, geliebtes Mädchen! Sie hier wird nicht das einzige Kind sein, das Pharao und deine Stellung von dir fordern. Mögen dir die Götter Ägyptens auch künftig beistehen!“, betete die Alte. „Und die der Griechen“, fügte sie leise hinzu. Damit warf sie einen mütterlichen Blick auf die erschöpfte junge Frau und nahm das Kind, das ihre Herrin soeben geboren hatte, in die Arme.

Geburten waren Sache der Frauen und so hatte sich König Ptolemaios schon tags zuvor, als bei seiner Gemahlin die ersten Wehen eingesetzt hatten, heimlich aus dem Palast geschlichen, um sich inkognito in einem Edelbordell der Stadt die Zeit zu vertreiben. Aber er hatte bei all den schönen Damen, die ihn barbusig bedienten und ab und zu sogar ihren knappen Lendenschurz lüfteten, keine rechte Freude gefunden, nicht einmal Ablenkung, sodass er schon am frühen Morgen eher missmutig denn zufrieden das „Haus der Entspannung“ wieder verließ und den stummen Sänftenträgern durch Gesten bedeutete, dass er noch ein wenig durch die Stadt getragen, zum Grab seines berühmtesten Vorfahren und schließlich in den Palast zurück gebracht werden wolle. Was war das nur mit der Liebe? Seit gestern Abend ließ ihm diese Frage keine Ruhe. Seitdem ihm die Tochter des Hohepriesters in Memphis über den Weg gelaufen war, gelang es anderen Frauen immer seltener, ihn in Stimmung und sein Blut zum Wallen zu bringen, und oft genug hatte er schon vor fremden Schößen kläglich versagt.

Alexandria kam ihm heute nicht zum ersten Mal wie ein Kleinod vor, ein Juwel, und das sicherlich bedeutendste sichtbare Vermächtnis Alexanders des Großen, wie er inzwischen bei allen Völkern rund um das Meer und wahrscheinlich weit darüber hinaus genannt wurde. Kaum ein Herrscher oder Feldherr, der sich nicht bemühte, ihm nachzueifern, der ihn nicht als größten Heroen, der jemals unter der Sonne gelebt und gewirkt hatte, verehrte. Neugierig sah sich der König um. Rom, dachte Ptolemaios, die viel gepriesene Hauptstadt des Römerreiches, konnte kaum prächtiger sein. Breit waren Alexandrias marmorgepflasterte Straßen, gesäumt von bunten Säulenhallen, die Spaziergänger vor Sonne, Wind und Regen schützten. Inbrünstigen Gebeten gleich die zum Himmel emporstrebenden Tempel, die der Makedone den Göttern seiner Heimat gewidmet hatte. Vom großen Stadion her hörte er das Grölen der Massen und vom Musiktheater die zarten Töne einer Harfe. In der Ferne grüßte der Leuchtturm von Pharos, mit dem Alexanders Nachfolger die Stadt bereichert hatten und der die Seefahrer bei Dunkelheit sicher in den felsigen Hafen führte. Zu den Weltwundern wurde die gewaltige Anlage mittlerweile gezählt. Schiffe aller Herren Länder ankerten vor Alexandria, wurden entladen und beladen und mehrten mit ihrem Warenfluss den Wohlstand der Stadt, brachten aber auch manchen Neugierigen hierher. „Du kommst als Fremder und du gehst als Freund.“ Dieses Schlagwort hatten sich die Stadtväter auf die Fahnen geschrieben. Aber auch Gelehrte trieb es in Scharen hierher. Galt doch die Perle am Südufer des Mare Internum, wie die Römer – ein wenig überheblich, wie Ptolemaios fand, als gehöre das große Wasser nur ihnen – die Stadt nannten, neben dem viel älteren Athen als Mittelpunkt der Künste und Wissenschaften schlechthin, der all jene anzog, die nach Vervollkommnung in der Kunde des Heilens, der Rhetorik, des Steinhauens und der Jurisprudenz strebten. Nicht umsonst besaß Alexandria die größte Bibliothek der zivilisierten Welt oder zumindest dessen, was Griechen und Römer dafür hielten. Das gesamte Wissen der Menschheit war dort vereint. Ungeheure Schätze hatten sich im Laufe von vielen Jahrhunderten in den Bücherpalästen angehäuft.

Mit stolz geschwellter Brust betrachtete der große König die zu Stein gewordene Herrlichkeit, wenn ihm auch mit einem Mal all die Pracht bedroht und vergänglich erschien. War sie denn echt, die Fröhlichkeit, die auf den Straßen herrschte? War sie ehrlich, die gegenseitige Achtung, mit der hier Griechen, Ägypter, Römer und auch Juden – denen ein eigenes Stadtviertel zugewiesen war, damit sie ihrer besonderen Lebensweise nachgehen konnten – friedlich nebeneinander lebten? Oder war das alles nur ein schöner Schein? Konnte nicht ein einziger Funke genügen, die ganze Stadt in ein Flammenmeer zu verwandeln? Eine Prügelei, ein Mord oder auch nur ein unbedachtes Wort? Ptolemaios war sich durchaus bewusst, dass auch die fast drei Jahrhunderte, die sein Geschlecht inzwischen über Ägypten herrschte – mit viel Fingerspitzengefühl, wie er meinte –, die Kränkung des besiegten Volkes mit seiner vieltausendjährigen Geschichte nicht hatte wettmachen können und dass die Herrschaft der Ptolemäer zu jeder Zeit bedroht war. Waren nicht sogar einige seiner Vorgänger vom Thron gestoßen und gewaltsam ums Leben gebracht worden? Nein, man durfte sich keinen Illusionen hingeben. Er tat, aller Kritik zum Trotz, sicherlich gut daran, sich mehr und mehr an die Römer zu halten, die ihm als einzige geeignet schienen, den ägyptischen Pöbel in Schach zu halten, und die kaum Interesse daran haben konnten, auch das alte Land am Nil ihrem Imperium einzuverleiben. Schließlich wurde es seit Generationen von Griechen beherrscht und jedermann wusste, mit welch großer Bewunderung, ja Hochachtung, Rom der griechischen Kultur begegnete, sie bereitwillig bei sich aufnahm und als heiliges Erbe an die kommenden Generationen weiterzugeben gedachte. Nein, von Rom drohte ihm und den Seinen sicherlich keine Gefahr. Es kam nur darauf an, die Herren der Welt, die die Römer ja längst waren, bei Laune zu halten. Und Ptolemaios wusste, wie das gelang.

Inmitten der Stadt, die seinen Namen trug, ruhte in einer gewaltigen Grabburg in gläsernem Sarg der große Heroe, mit Wachs und Honig einbalsamiert und damit der Vergänglichkeit entrissen. Nicht nur Griechen sah man an der heiligen Stätte inbrünstig beten. Auch viele Einheimische konnten sich der Anziehungskraft, die der Mythos Alexander noch immer ausstrahlte, nicht entziehen.

Ptolemaios bedeutete seinen Dienern anzuhalten. Er zwängte seine Leibesfülle aus dem engen Tragestuhl, befahl allen Bewunderern Alexanders zu verschwinden und näherte sich voll Ehrfurcht dem Toten. Kaum wagte er, den Blick zu heben. Demütig bat er den großen Ahnen um Wohlergehen für sein Geschlecht, die Dynastie der Ptolemäer, er möge die Götter der Griechen bitten, ihnen Gesundheit, ein langes Leben und die immerwährende Herrschaft zu gewähren. Als er aufblickte, meinte er, in den Zügen des Toten ein leichtes Lächeln zu entdecken. Aber er vermochte nicht zu sagen, ob es Freude oder Spott ausdrückte. Dann kehrte er einigermaßen beruhigt, da der Angerufene geantwortet hatte, in die Stille seines Palastes zurück.

Die namenlose Königin hatte sich inzwischen etwas erholt. Sie war aus dem Geburtszimmer, das von eifrigen Dienerinnen mit Weihrauch vom Geruch des Blutes befreit worden war, in ihre eigenen Gemächer gebracht, in ein golddurchwirktes Gewand gesteckt und aufwändig geschminkt worden. Aufrecht in fülligen Kissen sitzend empfing sie ihren Gemahl. Das Neugeborene, das man ebenfalls gebadet und mit dem königlichen Erstlingsgewand bekleidet hatte, hielt sie stolz im Arm.

Die junge Frau schien glücklich zu sein. Selbst unter der dicken Schicht von Bleiweiß konnte man das Strahlen ihres Gesichts erkennen, die leuchtenden schwarzen, nach altägyptischer Art mit Kohlenstaub vergrößerten Augen und den lächelnden Mund mit den aufgeworfenen Lippen. Sachte beugte sich der König über die geliebte Frau und küsste ihr dankbar die jugendliche Stirn. Gewiss, er hatte bereits eine Tochter, jene wilde Berenike, die ihm die Schwestergemahlin Kleopatra geboren hatte. Und da war auch noch Thea, seine Stieftochter, die sich allmählich zu einer blühenden Schönheit entwickelte. Kleopatra hatte sie aus einer früheren Ehe mit einem syrischen Prinzen mit an den Hof gebracht und Ptolemaios hatte sich des kleinen Mädchens angenommen und versucht, ihr ein fürsorglicher Vater zu sein. Jetzt freilich war Thea herangereift und es würde bald an der Zeit sein, für sie eine standesgemäße Verbindung zu suchen. Er hatte selbst schon daran gedacht, sie zu seiner Gemahlin zu machen. Er schätzte ihr sanftes Wesen und die stille Art, hinter der sich dennoch ein hervorragender Geist verbarg. Schon während der letzten Jahre hatte er sie öfter beobachtet und mit Erstaunen festgestellt, dass er Thea anders sah, als ein Vater seine Tochter sehen sollte. Aber dann war ihm sie, die Schöne aus Memphis, über den Weg gelaufen und er hatte sich Hals über Kopf in sie verliebt. In das ebenmäßige Gesicht mit dem Teint, der an die Farbe heller Oliven erinnerte, in die sprechenden Augen, die Liebe und Wärme ausstrahlten, in hoch gewölbte Brauen und langes, seidenglattes, glänzendes Haar. Er betrachtete voller Mitgefühl das von den Strapazen der Entbindung gezeichnete und dennoch zufrieden lächelnde Gesicht, dachte an ihren stolzen, aufrechten Gang, der einer großen Königin würdig war und erinnerte sich ihrer klugen und umsichtigen Ratschläge, mit denen sie Einfluss auf seine Herrschaft nahm. Er hatte wahrlich keinen schlechten Tausch gemacht und seinen Entschluss nie bereut. Kleopatra, die Verbannte, die, wie man ihm berichtet hatte, ihr freies Leben in vollen Zügen genoss, war sich selbst stets genug gewesen, hatte immer nur Sinn für Mode, Schmuck und die neuesten Frisuren gezeigt und sich vor allem dafür interessiert, was bei den römischen Damen gerade gefragt war.

Gewiss, er war etwas enttäuscht. Aber er würde es der Geliebten nie zeigen. Wie alle Herrscher vor ihm hatte er sich sehnlichst einen Sohn gewünscht, einen, der das ruhmreiche Geschlecht der Ptolemäer fortführen und ihn auf dem Thron beerben könnte, doch die Vorsehung hatte ihm nur diese weitere Tochter vergönnt. Dennoch würde er versuchen, ein guter Vater zu sein. Im Übrigen war seine Gemahlin noch jung. So es den Göttern gefiele, würden sie noch viele Kinder miteinander haben. Mit gemischten Gefühlen betrachtete er das kleine runzlige Gesichtchen, die winzigen Hände, den kahlen Kinderkopf. Dann schlug die Kleine die Augen auf, die grün und unergründlich schimmerten und an das Wasser des Nils erinnerten. Da war ihm, als spiegele sich in ihnen sein eigenes Sein. Und mit einem Mal erkannte sich der große König in diesem Kind selbst.

„Nun, ich denke, meine Geliebte, es ist auch in deinem Sinn, wenn wir unser erstes gemeinsames Kind in der Familientradition Kleopatra nennen. Wir werden sie gemeinsam erziehen. Ich werde ihr die Ideale der griechischen Welt vermitteln und du sollst sie die Sprache deines Volkes, der Ägypter, lehren. So wird unsere Tochter dereinst beiden Völkern dienen können.“

Ereignisreiche Jugendjahre

„Ich kenne sie alle“, gestand Kleopatra. „Ich habe das Gestern gesehen, ich weiß, was vor 200 Jahren war, und ich kenne das Morgen. Ich sehe in die Herzen der Menschen, denn ich verstehe ihre Sprache.“

Das Mädchen war gerade fünf, als sich bereits ihre einzigartige Begabung bemerkbar machte. Ihr wacher Geist fing jedes Wort auf, jede Äußerung ihrer Untertanen, der Fremden, die nach Alexandria kamen, der Juden, die sich hier niedergelassen hatten, und nicht zuletzt die der zahlreichen Delegationen aus Parthien, Syrien und Punt, die vor dem Thron ihres Vaters erschienen, um ihm und seinem Reich ihre Aufwartung zu machen. Und schneller, als es je einem oder einer ihrer Sippe gelungen war, bildeten sich in ihrem Kopf aus dem Wort Silben, Wörter, Sätze und Geschichten, sodass jeder über das kleine Mädchen staunte, das in einem Alter, in dem andere Kinder noch mit Puppen und knöchernen Figürchen spielten, ihrem Vater schon eine große Stütze war. Er konnte sich auf seine Tochter verlassen. Kleopatra übersetzte und es dauerte nicht lange, da entfernte Ptolemaios alle anderen Dolmetscher von seinem Hof.

Die Kleine war nicht schön, was der Vater, der von sich selbst behauptete, ein Ästhet zu sein, oft bedauerte. Warum nur konnte die Natur nicht einmal eine Ausnahme machen und Schönheit und Geist in einem Menschenkind vereinen? Kleopatras Nase war etwas zu lang geraten, der Mund allzu üppig mit einem dennoch herben Zug über einem fliehenden Kinn. Ein wenig zu klein saß der Kopf auf einem langen, dürren Hals. Zudem war das Kind schmächtig geblieben, als weigere es sich zu wachsen. Ihre ganze Erscheinung hatte schon jetzt etwas Reifes, fast Greisenhaftes an sich und Ptolemaios befürchtete, dass sich daran auch nichts ändern würde. Oft hörte man den besorgten Vater seufzen. Ob sich für seine Tochter, die so gar nichts von der äußeren Schönheit ihrer ägyptischen Mutter geerbt hatte, außer vielleicht der olivfarbenen Haut, wohl je ein Mann fände? Andererseits hatten die Götter das Kind mit der Gabe eines überaus scharfen Verstandes gesegnet, vor dem er gelegentlich erschrak. War es denn möglich, dass ein Kind solcher Gedankengänge fähig war, dass ein Kind in Kleopatras Alter schon komplizierte politische Zusammenhänge verstand? Und auch noch ein Mädchen, dem die Gesellschaft doch traditionsgemäß jeden vernünftigen Gedanken absprach? Wenigstens in ihren geistigen Gaben schien sie das verkleinerte Abbild der großen königlichen Gemahlin zu sein und Ptolemaios genoss es, wenn die Kleine dafür von allen bewundert und mit einer gewissen Achtung bedacht wurde.

Nur wenige Jahre nach Kleopatras Geburt wurde die Mutter erneut schwanger. Bald kam Arsinoé zur Welt, die sich im Gegensatz zu ihrer oft nachdenklichen älteren Schwester zu einem fröhlichen, von jedermann geliebten und verhätschelten Mädchen entwickelte, deren silberhelles Lachen durch die weiten Zimmerfluchten des elterlichen Palastes drang. Auch Kleopatra war dem Charme des Kindes verfallen. War nicht die Schwester so, wie sie selbst gern gewesen wäre? Nicht nur, dass sie in Arsinoë eine willkommene Spielgefährtin fand, soweit ihre Bestimmung überhaupt irgendeine Art von Unbeschwertheit zuließ. Arsinoë war es vor allem gelungen, die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und damit unbewusst der älteren Schwester eine Freiheit einzuräumen, von der sie sich nie hatte träumen lassen. Kleopatra hasste das höfische Protokoll, das ihr Leben auf so unangenehme Weise einschränkte, sodass sie sich oft wie in einem Kokon gefangen fühlte. Ein Mädchen tut das nicht, ein Mädchen darf jenes nicht. Das geziemt sich nicht für eine Königstochter. Sie hatte zu gehorchen. Naoma, erste Dienerin der großen königlichen Gemahlin, die längst zu einer Art Haushofmeisterin aufgestiegen war – Kleopatra pflegte sie „Hausdrachen“ zu nennen –, wachte mit Argusaugen über die Sittlichkeit der Königstöchter und wurde nicht müde, der unzähmbaren Älteren die gefügige Arsinoë als leuchtendes Beispiel vor Augen zu führen. Kleopatra mochte die Alte nicht, vor deren runzligem Gesicht sie sich, solange sie denken konnte, fürchtete und deren harte graue Augen unbedingten Gehorsam forderten. Und sie mochte sie mit den Jahren immer weniger, da ihr bewusst wurde, wie sehr die Ägypterin Ptolemaios verachtete, den überaus geliebten Vater, der freilich nicht dem gängigen Ideal eines Herrschers entsprach, des neuen gottgleichen Königs für das vereinigte Reich.

Der übermäßige Weinkonsum und die gewaltigen Berge von Nahrung, die der König zu verschlingen pflegte, ließen seinen ohnehin fülligen Leib immer mehr anschwellen. Dazu kam, dass er von Tag zu Tag bequemer wurde. Selbst innerhalb der Palastanlage ließ er sich mittlerweile tragen, was er mit Schmerzen in den Beinen begründete. Auf die vorwurfsvollen Blicke seiner Tochter hin hob er nur ohnmächtig die Schultern: „Das Alter, mein Kind, das Alter.“

Die Veränderung seines Körpers wirkte sich indes nicht auf die Zuneigung seiner Gemahlin aus, deren Herz auch nach so vielen Jahren des Zusammenlebens noch Freudensprünge tat, wenn sie seiner ansichtig wurde.

Auch in seinem Regierungsstil ließ der König nach. Er war nie ein herausragender Herrscher gewesen und hatte immer wenig Interesse an der Staatsführung gezeigt, und das wusste er auch. Ob seine Bauern genügend zu essen hatten, ob die Nilschwelle rechtzeitig eingetreten war, ob Seuchen seine Untertanen heimgesucht hatten, ja selbst jene religiösen Pflichten, die nach alter Sitte dem Staatsoberhaupt oblagen; das alles schien ihn nichts anzugehen. Zufrieden mit sich saß er in seinem Palast, der einem goldenen Käfig glich, empfing Gesandte, lud Künstler, Gelehrte und Philosophen ein und erfreute sich an gutem Essen, an Musik und Tanz. Schon lange war er dazu übergegangen, seine Tochter, die bei jeder Audienz neben ihm saß, in seine Entscheidungen einzubinden und ihr mehr und mehr Aufgaben zu übertragen. Und wieder bewies das Kind eine erstaunliche Klugheit und erntete allseits Bewunderung. War es normal, dass eine Zehnjährige, nach Art der alten Gottkönige gekleidet, geschminkt und mit Krummstab und Geißel angetan, vom Thron des Königs aus Recht sprach, wobei ihr der Vater nur assistierte? Dass sie es war, die die Abgesandten fremder Völker empfing? Dass sie Gesetze erließ, die bei aller Strenge durchaus vernünftig waren und das Zusammenleben der unterschiedlichen Stämme, die in ihrem Reich lebten, regelten? Bei allen Göttern, Kleopatra hätte das Zeug dazu, seine Nachfolgerin zu werden! Und sie würde eine bessere Regentin sein als er es war. Davon war Ptolemaios mittlerweile fest überzeugt. Aber sie war ja nur ein Mädchen. Offensichtlich hatte da die große Mutter Natur etwas verwechselt. Sie hatte versehentlich den Geist eines Mannes in den Körper einer Frau gesteckt. Doch hatte es im alten Land am Nil nicht auch so manche Königin gegeben, die zum Wohle ihrer Untertanen herrschte?

„Hermes-Thot“, empfing die Königin, deren Schönheit durch die Reife des Alterns noch aufgewertet worden war, ihren Gemahl, „nun, er hat mir im Traum mitgeteilt, dass es Amun-Re gefallen habe, meinen Leib erneut zu segnen. Und diesmal, mein König, wird er unsere Ehe mit der Geburt eines Thronerben beglücken. Das hat er mir fest versprochen.“ Dabei verbeugte sie sich mit gesenktem Blick achtungsvoll vor ihrem Mann. Er sollte nicht sehen, dass sie, die nicht nur in Liebesdingen erfahrene Frau, wie ein junges Mädchen errötete. Mit inniger Zärtlichkeit nahm der König das Gesicht seines Eheweibes in die Hände und hauchte ihr einen Kuss auf die glühende Stirn. Dann schloss er sie fest in die Arme.

„Da bist du ja endlich, mein Kind!“ Mit sanfter Gewalt löste sich die Königin aus der Umarmung ihres Gemahls und wandte sich ihrer älteren Tochter zu.

„Mutter!“ Kleopatra klang verstimmt. „Ich habe dich schon so oft gebeten, mich nicht immer ‚mein Kind‘ zu nennen. Denk doch bitte an die Dienerschaft! Nur noch zwei Sommer und ich werde in die Gemeinschaft der heiratsfähigen Frauen aufgenommen werden.“

„Und wenn du dreimal so alt wärest, mein Töchterchen! Du wirst immer mein Kind bleiben.“ Sie zog Kleopatra an sich und blickte ihr liebevoll in die geheimnisvollen grünen Augen. Besonders anmutig war sie auf den ersten Blick nicht, diese Tochter, da musste sie Ptolemaios recht geben. Und dennoch ging von ihr eine Anziehungskraft aus, die jenseits all dessen lag, was man gemeinhin als schön bezeichnete. Kleopatra würde eine faszinierende Frau werden, da war sich ihre Mutter ganz sicher, hervorragend durch Geist und Bildung und die größten Männer ihrer Zeit würden ihr zu Füßen liegen … Erwartungsvoll betrachtete das Mädchen die in Gedanken versunkene Königin.

„Mutter?“ Die Frau blickte auf. „Ich habe dich rufen lassen, um dir eine freudige Mitteilung zu machen. Du bist alt genug zu erfahren, was deinen Vater und mich so glücklich macht.“ Dabei ergriff sie die Hand ihres Gatten und führte sie an die Lippen. „In wenigen Wochen“, fuhr sie fort, „wird dir ein Bruder geboren werden und ich möchte ihn dir ans Herz legen. Wir sind alt, dein Vater und ich. Vielleicht nicht so sehr an Jahren, aber du weißt ja, vor dem Tod ist man niemals sicher. Wobei wir uns diesen natürlich völlig gegensätzlich vorstellen. Dein Vater glaubt an ein Schattendasein im unterirdischen Orkus und versucht, ein guter Mensch und ein gerechter Herrscher zu sein. Denn nur wer auf der Erde rechtschaffen lebt, kann nach seiner Ansicht auch auf ein erträgliches Dasein in der Unterwelt hoffen. Ich hingegen bin davon überzeugt, nach meinem Tod Osiris gleich zu neuem Leben zu erstehen. Durch Umarmung und Mundöffnung wird mich der Totengott Anubis wieder beleben und Isis und Nephtys werden mir zur Auferstehung in Gestalt des Gottes Horus verhelfen. Ptolemaios, dein Bruder, wird für seine Untertanen der neue sichtbare Horus sein und in ihm, meinem Sohn, werde auch ich in die Ewigkeit eingehen. Du siehst also, welch große Verantwortung ich dir auferlege, meine Kleopatra.“

Das Geständnis der Königin, wieder schwanger zu sein und einen Sohn zu erwarten, ließ die Tochter für einen Augenblick einen Anflug von Eifersucht verspüren. Gehörte der Vater nicht ihr allein? Sollte sie ihn etwa mit einem Bruder teilen? Arsinoë war als zweitgeborene Tochter für sie keine Konkurrenz. Aber ein Sohn? Und war es nicht seit alters her Brauch ihrer – zugegeben mütterlichen – Vorfahren gewesen, dass Väter ihre Töchter und Brüder ihre Schwestern ehelichten, um das Blut der Familie reinzuhalten? Die Verbindung von Bruder und Schwester war immer noch erwünscht. War nicht, wenn sie gewissen Gerüchten glauben konnte, Ptolemaios sogar mit seiner Halbschwester Kleopatra, ihrer Namensvorgängerin, verheiratet gewesen, ehe er sich ihrer Mutter zugewandt hatte? Doch ihr Bruder würde noch ein unmündiges Kind sein, wenn sie auf den Thron käme. Undenkbar, ihn zum Mann zu nehmen. Oder würde ihr Vater gar ihn …? Nicht auszudenken! Eifersucht? Ja, vielleicht.

Sie vertrieb das aufsteigende Gefühl, hatte sich gleich wieder im Griff und versprach, über den Auftrag nachzudenken. Dann wandte sie sich zum Gehen. Doch noch einmal rief die Mutter sie zurück. „Übrigens berichtet mir dein ägyptischer Lehrer Imhotep, dass du Fortschritte machst. Das freut mich, mein Kind!“ Freundlich lächelnd blickte sie der Tochter nach, die sich höflich bedankte und das Gemach der Königin verließ.

„Du magst das Herz einer Zehnjährigen haben, Prinzessin, aber du hast den Verstand einer erwachsenen Frau.“ Imhotep versuchte, das verstörte Mädchen zu beruhigen. Wusste die große Königin denn überhaupt, was sie da von ihrer Tochter verlangte? „Beruhige dich, gehe in dich und bitte Amun-Re um Hilfe und Erleichterung. Und meinetwegen auch die Götter deines Vaters.“

„Amun-Re-Zeus“, begann Kleopatra schluchzend, nachdem sie sich in einen der kleinen Haustempel geflüchtet hatte, der den Göttern Griechenlands und Ägyptens gleichermaßen als Heimstatt diente. „Wie zahlreich sind doch deine Werke; sie sind dem Gesicht des Menschen verborgen, du einziger erhabener Gott, dem kein anderer gleichkommt …“ Dann trug sie dem Gott ihrer Ahnen vor, was ihre junge Seele bedrückte, und endete mit der Bitte, ihr für alles, was das Leben heute und zu jeder Zeit von ihr forderte, den Segen des Himmels zu gewähren. Erst jetzt begann sie zu weinen. Aber sie weinte längst nicht mehr wie ein Kind. Nie hätte sie geahnt, dass sie so viele Tränen barg, denn all die Jahre waren ihre Augen trocken geblieben. Mit verschleiertem Blick stürzte sie nach draußen, stolperte blind in die Arme Nefers, ihrer Dienerin und Vertrauten, und ließ sich von ihr trösten. Sie wusste, dass sie soeben einen Teil ihrer Kindheit hinter sich gelassen hatte und auf dem Weg zum Erwachsenwerden war.

Ganz Alexandria begrüßte die Geburt des neuen Prinzen mit überschwänglicher Begeisterung. Überall in der Stadt waren der Rhythmus der Rahmentrommeln und der hohe Gesang der Rohrflöten zu vernehmen. Ausgelassen tanzten die Menschen auf den hell erleuchteten Straßen. Und selbst aus dem fernen Memphis, wohin Ptolemaios’ Boten die freudige Nachricht gebracht hatten, kamen Grüße und gute Wünsche. Die Apis-Bruderschaft werde für das neue Familienmitglied und das Königshaus beten, ließ der Hohepriester den Schwiegersohn wissen. Er hoffe, dass es auch seiner Tochter gut gehe. Gern sähe er sein Kind einmal wieder und natürlich auch die Enkel, die er ja noch nicht kenne. Vielleicht wäre der Familie ja ein Besuch der alten Heimat in naher Zukunft möglich. Der alte Mann ahnte nicht, wie bald sich sein Wunsch erfüllen sollte.

Erneut war die königliche Gemahlin guter Hoffnung. Und der Verlauf der Schwangerschaft, die sich durch nichts von der vorhergehenden unterschied, ließ ahnen, dass auch diesmal ein Prinz geboren würde. Doch sollte seine Geburt unter ganz anderen Vorzeichen als denen bei der Geburt des älteren Bruders verlaufen.

Seit Tagen peitschte ein heftiger Sturm aus südwestlicher Richtung den Sand der nahe gelegenen Wüste auf, trübte die Luft, dass man die Hände vor den eigenen Augen nicht sah, und legte sich als grauer schmieriger Belag wie ein Leichentuch über die erstarrte Stadt. Totenstille überall. Die Bewohner Alexandrias waren aufgerufen, Türen und Fenster zu vernageln und ihre Behausungen nicht zu verlassen. Wie vor einem gefährlichen Feind hatte sich auch die Königsfamilie in ihrem Palast verbarrikadiert. Das schwache Licht weniger Öllämpchen verlieh den dunklen, mit kostbarem Holz getäfelten Räumen, die Ptolemaios und die Seinen bewohnten, ein gespenstisches Aussehen, das die ohnehin schlechte Stimmung noch mehr trübte. Und die Luft stand. Man war es gewohnt, den Großteil des Tages im Freien zu verbringen, außerhalb der beengenden Mauern, in den schattigen Gärten bei den murmelnden Brunnen, den seerosengeschmückten Teichen, in den duftenden Orangenhainen, den herrlichen Papyruswäldern oder unter den silberblättrigen Olivenbäumen. Selten begab man sich tagsüber ins Haus.

Die Geburt ihres vierten Kindes hatte die Königin mehr Kraft gekostet als die ihrer drei älteren Kinder zusammen. Sie schob es ihrem fortgeschrittenen Alter zu. Die alte Volksweisheit hatte schon recht, wenn sie meinte, Kinder solle man in jungen Jahren bekommen. So sei es schließlich von der Natur auch vorgesehen.

„Ich werde dafür sorgen, dass du nicht mehr schwanger wirst“, bemerkte Naoma besorgt. Sie hatte sich bereit erklärt, die Pflege ihres Schützlings zu übernehmen, der sich diesmal von der Mühsal des Wochenbetts nur langsam erholte. Naoma war alt geworden. Ihre Beine gehorchten ihr kaum mehr und ihre Hände, die mit hässlichen braunen Flecken übersät waren, zitterten. Sie bemühte sich, wenigstens ihren Kopf ruhig zu halten. Mit all den Gebrechen kostete es die Greisin eine nahezu übermenschliche Anstrengung, ihrer Aufgabe gerecht zu werden, aber sie versuchte es ohne zu murren. Die Königin bestand auf ihrer Hilfe und ihrer Gesellschaft. Sie konnte sich ein Leben ohne diesen guten Geist, der ihr bisheriges Leben so selbstlos begleitet hatte, nicht vorstellen. Die Königin brauchte sie.

„Vier Kinder in einem Jahrzehnt! Mehr kann ein noch so hoch gestellter Mann von seiner Frau nicht verlangen. Du hast deine Pflicht getan. Mehr als das, meine Schöne. Hätte ich geahnt, was dieser Grieche deiner schwachen Gesundheit zumuten würde, glaube mir, ich hätte damals deinen Vater beschworen, dich nicht mit ihm zu verheiraten. Es hat schließlich genügend Anwärter gegeben, junge Männer aus den vornehmsten Familien Ägyptens, die ein Auge auf dich geworfen hatten. Manchmal stelle ich mir vor, was geworden wäre, hättest du einen von ihnen genommen. Wir säßen jetzt bequem in Memphis, fern aller Repräsentationspflichten und vor allem fern von diesem turbulenten Alexandria, wo man nicht einmal seines Lebens sicher ist. Aber du, du musstest ja unbedingt deinen Kopf durchsetzen. So wie immer. Schon als kleines Mädchen …“

„Ich kenne deine Vorwürfe, meine Liebe“, unterbrach sie die Königin. „Ich habe sie oft genug gehört. Du bist ja mit ihnen nie sparsam gewesen. Es ist schon alles gut so. Ein jeder hat den Platz einzunehmen, der ihm vom Schicksal zugewiesen wurde. Und mein Platz ist hier, Naoma. Ich habe nie bereut, meine Heimatstadt verlassen und hier ein neues Leben begonnen zu haben, fern von meinem geliebten Vater, meinen Geschwistern und allem, was mir vertraut war. Freilich war es nicht immer leicht und manchmal schnürte mir das Heimweh das Herz zu. Aber Ptolemaios hat mich geliebt, er tut es bis heute, auch wenn mein Gesicht die ersten Spuren des Alters trägt und mein Leib allmählich aus der Form gerät. Und ich liebe ihn. Die Liebe, gute Naoma, erträgt vieles und verzeiht alles. Und wo die Liebe ist, ist man zu Hause.“ Eine Weile schwieg die Königin, als müsse sie über die Bedeutung ihrer eigenen Worte nachsinnen. Dann wandte sie sich erneut an ihre alte Amme.

„Etwas anderes beunruhigt mich, Naoma. Mir ist zu Ohren gekommen, dass sich in Alexandria das Volk zusammenrottet und lauthals Ptolemaios’ Tod fordert. Er hat mir nichts davon erzählt, er hält ja alles, was mich aufregen könnte, von mir fern. Aber wie du weißt, haben die Wände unseres Palastes Ohren. Nicht nur der König hat seine Spitzel im ganzen Reich verteilt. Auch meine Vertrauensleute hören sich um. Von ihnen wurde mir zugetragen, dass die Frau, die Ptolemaios vor mir geehelicht hatte, gemeinsam mit ihrer Tochter Berenike das Volk aufwiegle und nach dem Thron lechze. Nur zum Schein habe sie sich mit dem Los der Verbannung abgefunden. Seit geraumer Zeit bereite sie mit Hilfe getreuer Anhänger ihre Rückkehr nach Alexandria vor, wo sie ihre Tochter, nach ihrer Meinung Ptolemaios’ einziges legitimes Kind, auf den Thron setzen und sich als große königliche Beraterin aufspielen wolle. Ihrem früheren Gemahl und seiner jetzigen Familie habe sie Rache geschworen.“

Auch Naoma hatte von dem drohenden Aufstand gehört. Im Palast wusste fast jeder davon. Aber sie hatte dem Gerede zunächst keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Immer wieder war von der Unzufriedenheit des Volkes die Rede und oft genug hatte sich gezeigt, dass sich diese wieder gelegt hatte oder überhaupt nur ein leeres Gerücht war. Als man ihr jedoch berichtete, der König verstärke die Mauern und erhöhe die Anzahl der Wachen, hatte sie sich genauer erkundigt. Doch wie alle anderen, die unbequeme Fragen stellten, hatte man auch sie mit der lapidaren Feststellung abgefertigt, dass die Zeiten unsicher seien und man vorsorgen müsse. Kein Grund zur Beunruhigung! Doch Naoma war nicht dumm. Mochte sie auch nur eine Sklavin sein und niemals das genossen haben, was man in Gesellschaftskreisen eine höhere Bildung nannte, so verfügte sie doch über Erfahrungen, die keine Bücher vermitteln konnten. Ein langes Leben in unmittelbarer Nähe der Vornehmen und Herrschenden hatte sie geprägt und ihr Weisheit und Weitsicht verliehen, die über jedes Schulwissen hinausgingen. Und es gab Träume, immer wieder Träume! Von dunklen Wolken träumte sie, die sich bleischwer über Alexandria und den Palast legten und dessen Mauern bis in die Grundfesten erschütterten. Von bislang unbekannten Gestirnen träumte sie, die sich blutrot vor die Sonne schoben und alles in undurchdringliches Dunkel hüllten. Sie sah das Gefieder der Ibisse, das sich von einem Augenblick zum nächsten schwarz färbte. Vögel, die Steinen gleich tot vom Himmel fielen. Und Ptolemaios, der jung und schlank im königlichen Ornat auf der Sonnenbarke gegen Westen segelte. Träumte sie? Erlebte sie? Sie vermochte es, sobald der Tag angebrochen war, nicht zu sagen. Nur ihr nächtliches Gewand, das von Schweiß durchtränkt war, verriet, wie sehr sie gelitten hatte.

Bald war sie überzeugt, dass Alexandria und der Königsfamilie turbulente Ereignisse ins Haus stünden, ja dass deren Leben und Stellung bedroht waren. In weiser Voraussicht gab sie Anweisung, alles für eine Flucht ihrer geliebten Herrin und der Kinder vorzubereiten. In Alexandria war die hohe Familie nicht mehr sicher. Memphis würde ein geeignetes Asyl sein, wo sie die Apis-Priesterschaft und vor allem der Hohepriester sicherlich mit Freude aufnähmen. Nur Ptolemaios, der nach ihrer Auffassung so großes Unglück über ihre Prinzessin gebracht hatte, als er sie zunächst ver- und dann entführte, mochte sehen, wo er blieb. Ihm würde sie gewiss keine Träne nachweinen.

Sie sprach zu ihrer Herrin von den dunklen Gedanken, die sie seit einiger Zeit umtrieben und quälten, und weihte sie in ihre Pläne ein. Alles sei vorbereitet. Die Königin müsse nur zustimmen. Aber es sei Eile geboten. Damit warf sie sich, was bisher noch nie geschehen war, der Königin zu Füßen.

Die hohe Frau war verwirrt. Vor allem, dass Naoma Ptolemaios nicht in ihre Rettungspläne einbezogen hatte, so denn diese überhaupt nötig waren, störte sie. Konnte die Alte nicht endlich begreifen, dass es ohne den geliebten Mann auch für sie, die Königin, keine Flucht gab? Durfte sie Ptolemaios so schmählich im Stich lassen? Hatte sie ihm nicht damals, als sie den Krug miteinander zerbrochen hatten, ewige Treue geschworen, ein Ausharren an seiner Seite bis zum Tod? Doch was hatte ihr Göttergemahl vor? Warum redete er nicht mit ihr? Wenn Naoma die Lage in der Stadt durchschaut und erkannt hatte, dass sich die königliche Familie in Lebensgefahr befand, um wie viel mehr musste dann ihm klar geworden sein, dass etwas zu ihrer Rettung geschehen musste? Gewiss, in letzter Zeit hatte auch sie eine gewisse Unruhe im Palast beobachtet. Sie hatte gesehen, dass Ptolemaios an Speisen und Getränken nur vorsichtig nippte, ehe er in gewohnter Weise zugriff, und dass mancher Sklave, dem das Vorkosten der königlichen Mahlzeiten befohlen worden war, schon nach wenigen Bissen oder Schlucken tot zusammenbrach. Aber man hatte Königen nach dem Leben getrachtet, solange Menschen denken konnten, und ebenso lange hatten sich die Herrschenden dagegen zu schützen vermocht. Nein, dachte die hohe Frau, an ein bevorstehendes Attentat glaubte sie nicht. Es waren die üblichen Vorsichtsmaßnahmen, die man traf. Weiter nichts.

Und wenn die besorgte Dienerin doch recht hatte? Nun, sie würde ihren Gatten darauf ansprechen, was an den umlaufenden Gerüchten wahr sei und ob es die Verstoßene und Verbannte tatsächlich wagen könnte, das freilich wegen der hohen Steuerlast nicht ganz zu Unrecht aufgebrachte Volk auf ihre Seite zu bringen und gegen ihren Wohltäter zu konspirieren. Bei Gelegenheit. Eilig schien ihr die ganze Sache nicht.

Doch kaum hatte sich Naoma, verzweifelt ob der Sturheit ihrer Herrin, in ihre Kammer zurückgezogen, wurde die Königin abrupt aus ihren Gedanken gerissen. Ohne die übliche Form der Etikette zu wahren, stürzte Ptolemaios in ihr Gemach, um ihr schwer atmend zu sagen, sie müsse Alexandria mit den Kindern eiligst verlassen und sich in Sicherheit bringen. „Das Volk probt den Aufstand“, keuchte er. „Uns bleibt keine Zeit. Kleopatra, meine frühere Gemahlin, hat im ganzen Reich Truppen gesammelt, die sich schon im Anmarsch auf Alexandria befinden. Ich habe bereits befohlen, das Nötigste zusammenzupacken. Du wirst zu deinem Vater zurückkehren und ich werde mich nach Rom unter den Schutz des Pompeius begeben und dort meine Freunde um Unterstützung bitten. Denn die Stärke meiner Truppen reicht gegen die der Verräterin nicht aus, um unseren Anspruch zu verteidigen. Und ich habe nicht vor, den Platz kampflos zu räumen. Zum Glück habe ich mir durch großzügige Geschenke die Römer von Anfang an verpflichtet, wenn man mich auch oft genug getadelt hat, ich verschleudere das Erbe unserer Vorfahren und schände die Ehre des Reiches.

Aber es ist jetzt nicht die Zeit, zu politisieren und philosophische Reden zu halten. Die Feinde der Ptolemäer werden bald vor den Toren des Palastes stehen. Ich fliehe, Liebste, und ich habe alle Vorkehrungen getroffen, dass auch du sofort aufbrechen kannst. Bete zu deinen Göttern und rufe auch die meinigen an! So es ihnen gefällt, werden wir uns bald wiedersehen.“

Noch einmal umarmte er die geliebte Frau. Dann eilte er hinaus und strebte zum Hafen, wo ein Schnellsegler bereits auf ihn wartete.

Auf der Reise nach Rom

Die Königin war der Verzweiflung nahe. Sie hatte alle Räume der großzügigen Palastanlage durchsuchen lassen. Keine Abstellkammer, keine Truhe, kein noch so düsterer Winkel war den Augen ihrer Dienerschaft verborgen geblieben. Selbst Zimmer, die seit Menschengedenken nicht mehr benutzt wurden und verschlossen waren, hatten sie aufgebrochen und aufmerksam durchforscht. Aber ihre Tochter Kleopatra war nirgendwo zu finden. Sie war und blieb verschwunden.

Auch weil Naoma zum Aufbruch drängte, entschloss sich die Königin in ihrer Todesangst schweren Herzens, ihr Töchterchen sich selbst zu überlassen. Zwar war gerade ihre Älteste für ihre Klugheit bekannt, aber sie war trotz ihrer beinahe zwölf Jahre noch ein Kind und hatte sich noch nie in einer ähnlich gefährlichen Lage befunden.

Doch draußen randalierte der Pöbel. Schon hämmerten und polterten aufgebrachte Rebellen heftig an die Tore der Residenz und forderten Einlass. Die ersten Griechen lagen erschlagen in den Straßen Alexandrias und immer wieder skandierte der aufgebrachte Mob: „Tod dem König, Tod den Ptolemäern!“

Da befahl die Königin, den Palast auf geheimen Wegen umgehend zu verlassen und eiligst die bereitstehenden Wagen zu besteigen, die sie und die Königskinder in die Sicherheit von Memphis bringen sollten.

Und was geschähe mit Kleopatra? Würde sie alleine zurechtkommen? Würde sie ihr Leben retten können? Es wäre ihr sicherlich ein Leichtes, als einfaches ägyptisches Mädchen verkleidet irgendwo in der Stadt Unterschlupf zu finden. Es blieb nur zu hoffen, dass die Tochter auf diesen Gedanken kam.

Mit tränenverschleierten Augen schlurfte König Ptolemaios indes über das Deck des Schnellseglers. Selbstvorwürfe quälten ihn. Er war ein schwacher König. Und er war ein schlechter Vater und Ehemann. Er hatte die Seinen schmählich im Stich gelassen. Wer konnte sagen, ob auch ihnen die Flucht gelungen war, ob sie sich vor den randalierenden Aufständischen noch rechtzeitig hatten in Sicherheit bringen können? Niemand wusste es, aber ein jeder konnte sehen, wie feige er, der „große König“, in Wirklichkeit war. Sollte er vielleicht umkehren und in Alexandria zu retten versuchen, was zu retten war? Sollte er nach Memphis eilen und dort zusammen mit seiner Familie warten, bis sich die Gemüter wieder beruhigt hatten? Aber was könnte er, ein Mann, dem man seine Stellung streitig machte, gegen die Überzahl seiner Gegner ausrichten? Und müsste er nicht in Memphis vor den Hohepriester, seinen Schwiegervater, treten und kleinlaut eingestehen, dass er ein Gescheiterter war? Er, der die Stadt einstmals als großer König besucht hatte, als Wiedergeburt der mächtigen Pharaonen. Als aus den Fluten des Nils auferstandener Osiris? Nein, das verbot sein Stolz.

Oft glaubte er, die verächtlichen Blicke der Seeleute auf sich ruhen zu sehen. Und hatte neulich nicht gar einer gewagt, vor ihm auszuspucken, um ihm seine Verachtung zu zeigen? So weit war es schon mit ihm gekommen. Er hatte hier, nur von einer kleinen Leibgarde bewacht – die meisten seiner Leute hatten sich auf die Gegenseite geschlagen –, der rauen See und den nicht weniger rauen Männern schutzlos ausgeliefert, nicht einmal die Möglichkeit, sich gegen solche Unverschämtheiten zu wehren. Und was das Schlimmste war: Sie hatten recht. Er war ein Verräter, ein Versager. Und er schämte sich dafür. Jetzt war er sogar nahe daran, sein Reich und seine Ehre oder das bisschen, das davon geblieben war, den Römern in den gierigen Rachen zu werfen. Aber konnte er denn anders? Wieder rollte ihm eine Flut von Tränen die feisten Wangen hinab.

Schleichende Schritte, die er hinter seinem Rücken vernahm, rissen ihn aus seinen Gedanken. Augenblicklich vermutete er ein Attentat. So also rächte sich die verstoßene Gattin. Hier auf dem Schiff, wo sich keine Art des Widerstands bot, ließ sie ihn hinterrücks ermorden. „Gut eingefädelt“, sprach er zu sich selbst. „Das hätte ich dir gar nicht zugetraut, Kleopatra.“ Dann machte er sich auf das bevorstehende Ende gefasst.

Aber nichts geschah. Der König stand klopfenden Herzens auf dem Deck. So mochten Verurteilte auf die Hand des Scharfrichters warten. Die undeutlichen Schritte waren jetzt gänzlich verhallt. Er fühlte nur einen stechenden Blick, der sich in sein müdes Fleisch grub. Langsam drehte er sich um.

Die königliche Familie, jetzt vaterlos, näherte sich unter großen Anstrengungen der alten Stadt Memphis. Immer wieder wurde sie auf ihrem Weg von Aufständischen angehalten und verhört. Doch erkannten diese weder die Frau noch die Kinder. Niemand hätte in der Reisenden, die in Lumpen gehüllt gleich einer einfachen Marktfrau auf einem klapprigen Gemüsekarren saß, die große königliche Gemahlin vermutet.

„Du siehst, liebe Naoma, manchmal hat es auch etwas Gutes, wenn man im goldenen Käfig eingesperrt ist und von keinem gesehen wird. Ich wage nicht, mir vorzustellen, was geschehen wäre, hätte sich von diesen Verbrechern auch nur einer an mein Gesicht erinnert. Arsinoë sieht aus wie ein verdreckter Spatz, und die beiden Kleinen gleichen eher den ungeliebten Ablegern von Straßenvolk als hochgeborenen Prinzen. Und dann dieses Fahrzeug! Ich darf nicht daran denken, was mit ihm vermutlich schon alles befördert wurde: verfaultes Obst und Gemüse, Kuhmist, Kameldung, verendete Tiere, und womöglich hat es auch schon als Leichenwagen gedient. Es ist derart unbequem, dass kein noch so winziger Teil meines Körpers von blauen Flecken verschont geblieben ist. Und meine Knochen! Aber verzeih, meine Liebe! Du bist so viel älter als ich, bist krank und gebrechlich, und dennoch klagst du nicht. Ich muss dir wirklich dankbar sein. Hast du nicht trotz all dieser Beschwerden alles so gut vorbereitet? Hätte ich doch nur eher auf dich gehört! Vielleicht hätten wir uns ja auf einer früheren Flucht nicht so verkleiden müssen. Ich sehe uns an und könnte lachen, wenn die ganze Sache nicht so zum Weinen wäre.“

„Wir werden überleben, meine Königin. Das ist das Einzige, was zählt.“ „Ist es das wirklich?“ Die große königliche Gemahlin zweifelte. War denn ein Leben um jeden Preis überhaupt ein Leben? Sie war im Luxus aufgewachsen und ihr Mann hatte ihr jeden Wunsch von den Augen abgelesen. Zahllose Sklaven hatten sich um ihr Wohlergehen bemüht, hatten ihr die kostbarsten Gewänder angelegt und das wertvollste Geschmeide umgehängt, das die Gold- und Silberschmiede in ihrem Reich zu fertigen imstande waren. Sie hatte nur von den edelsten Speisen gekostet. Wie selbstverständlich hatte sie das alles angenommen, ohne auch nur einen Anflug von Dankbarkeit zu zeigen. Und jetzt! Ein wenig konnte sie die Menschen verstehen, die immerzu ertragen mussten, was sie gerade ertrug. Und mit einem Mal verstand sie auch, dass sie versuchten, sich von Zeit zu Zeit mit ihren bescheidenen Mitteln dagegen zu wehren. Doch hatte sich nicht immer wieder gezeigt, dass auch neue Herrscher trotz aller gegebenen Versprechen die Bedingungen nicht änderten oder allenfalls vorübergehend Linderung verschafften? Niemand vermochte sich auf Dauer der göttlichen Ordnung zu entziehen. Einem jeden hatte die Vorsehung seinen Platz zugewiesen. Mehr denn je war sie davon überzeugt.

Sie freute sich auf ihren Vater, der inzwischen sicherlich alt und gebrechlich, aber immer noch eine Autorität war. In den Briefen, die regelmäßig zwischen Memphis und Alexandria hin- und hergegangen waren, hatte er sich zwar nie beklagt, doch zählte er jetzt beinahe 50 Jahre, ein Alter, das zu erreichen den wenigsten Bewohnern des Reiches am Nil vergönnt war.

Wie schön wäre es gewesen, im herrschaftlichen Reisewagen die marmorgepflasterte Straße hinauf zu fahren, die zum künstlich angelegten Hügel mit der unter Palmen versteckten Palastanlage führte! Wie schön, als erhabene Königin, gefolgt von den Blicken zahlreicher Neugieriger, in prächtigem Ornat dem staunenden Vater entgegen zu treten, an der Hand die Kinder, seine Enkel, die auch sein Weiterleben nach dem Tod sicherten! Zwar war ein Bote vorausgesandt worden, um den alten Mann auf seine Tochter und Enkelkinder und das Unglück, das ihnen zugestoßen war, vorzubereiten. Doch wo stand geschrieben, dass der Getreue ungehindert bis Memphis vorgedrungen war? Und wie sollte sie ihrem Vater erklären, weshalb sie ihren Mann nicht mitgebracht hatte, den König von Ober- und Unterägypten, der gerade auf dem Weg war, sein Reich, seine Familie, seine Freiheit und seine Ehre den Römern zu verkaufen? Wie, dass sie Kleopatra im Stich gelassen hatte? Ach, sie hätte das ungehorsame Mädchen länger suchen müssen, hätte nicht aufgeben dürfen. Sie hätte die Sklaven strenger antreiben müssen, alles im Haus umzudrehen, und androhen müssen, die ganze Meute einen Kopf kürzer zu machen, sollten sie das Kind nicht herbeischaffen. Wahrscheinlich hätte sie sich gerade um diese Tochter, die sich so sehr von Gleichaltrigen unterschied, mehr kümmern müssen. Sie machte sich Vorwürfe. Doch war ihr Kleopatra, die von Ptolemaios offensichtlich inniger geliebt wurde als seine anderen Kinder, immer so selbstständig erschienen, ihren Jahren an Klugheit weit voraus, und so hatte sie das Kind leichtfertig, wie sie jetzt wusste, zu oft sich selbst überlassen. Sie hatte schnell festgestellt, dass sich Kleopatra den Erziehungsversuchen Naomas verweigerte, ja gegen diese eine regelrechte Abneigung entwickelte. Nach langer und sorgfältiger Auswahl hatte sie dann Nefer, ein dunkelhäutiges Sklavenmädchen, einige Jahre älter als ihre Tochter, in ihre Familie aufgenommen und Kleopatra hatte sich rasch mit dieser angefreundet. Nefer war, was man von der Prinzessin nicht behaupten konnte, ein lebenstüchtiges, geschicktes und vorausschauendes Persönchen. Es war ihr sogar gelungen, die wilde Königstochter ein wenig zu zähmen. Ihr Einfluss auf die Prinzessin war immer größer geworden. Wie eine Klette hatte die Kleine an der neuen Dienerin gehangen, und wo Nefer gewesen war, war auch Kleopatra bald aufgetaucht. Die beiden waren in kürzester Zeit unzertrennlich geworden. Ach, wenn sie, die Königin, doch nur wüsste, dass Nefer bei ihrer Tochter war! Dann müsste sie sich keine Sorgen machen.

Endlich tauchten in der Ferne aus dem grauen Staub der Straße die ersten Behausungen von Memphis auf: Die einfachen Lehmhütten der Sklaven und die kleinen Geschäfte der Handwerker, dann Palmengärten, in denen die herrlichsten Blumen blühten. In der alten Königsstadt schien die Zeit still zu stehen. Nichts von dem Lärm, der in Alexandria herrschte. Niemand, der ihrem Gemahl und seiner Familie nach dem Leben trachtete. Memphis lag in dumpfem, seit mehr als zwei Jahrtausenden währendem Schlaf.

Der König traute seinen Augen nicht und für einen Atemzug hatte es ihm sogar die Sprache verschlagen. „Du hier?“, stammelte er. „Vater!“, rief das junge Mädchen, um Verständnis ringend. „Vater, ich konnte nicht anders.“ Damit warf sie sich ihm um den Hals.

„Ich habe alles versucht, hoher Herr, deine Tochter von dieser Unbesonnenheit abzubringen, aber du kennst sie ja selbst. Was sie sich einmal in den Kopf gesetzt hat …“ Nefer fiel Ptolemaios schluchzend zu Füßen. Sie war darauf gefasst, dass der König gleich in Zorn ausbrechen und der Mannschaft des Schiffes befehlen würde, sie zur Strafe über Bord zu werfen. Aber das hatte sie schließlich verdient. Sie hätte Kleopatra härter anfassen, sie hätte sie einsperren und der Mutter übergeben müssen. Das hätte ihr, der Dienerin, jedoch das Herz gebrochen, denn sie wusste, wie sehr ihr Schützling an dem Vater hing. „Niemals“, hatte ihr die Prinzessin entgegen geschleudert, „niemals würde ich ihn im Stich lassen, und das weißt du. Wenn er nach Rom geht, gehe ich selbstverständlich mit. Er spricht ja kaum Latein und nur ein wenig Griechisch. Wie soll er sich dort verständigen, wie soll er verstehen, was man ihm sagt, von ihm verlangt? Du weißt selbst, wie unzuverlässig unsere Übersetzer sind. Wo steht geschrieben, dass sie nicht von den Römern gekauft wurden? Und außerdem: Ich könnte es nicht ertragen, ihm so fern zu sein.“ Nefer, die die junge Herrin liebte, als wäre sie ihre Schwester (was ihr freilich wegen ihres niederen Standes nicht zukam), ließ sich beschwatzen und verschaffte ihnen beiden ein sicheres Versteck auf dem Schnellsegler, auf dem Ptolemaios zu fliehen beabsichtigte. Teuer hatte sie dafür bezahlt. Sie hatte einem der Seeleute eine sie „schon lange quälende, heimliche Liebe“ gestanden und ihm ihren Körper verkauft. Dafür hatte sie im Bauch des Schiffes einen engen Verschlag bekommen, ein finsteres, schmutziges Loch, das von Ratten und allerhand Ungeziefer bewohnt war. Kleopatra störte es nicht. Wenn sie nur in der Nähe des Königs sein konnte und ihm ihre Hilfe anbieten durfte! Sie würde jedes noch so große Ungemach auf sich nehmen. Heimlich hatten sich die beiden jungen Frauen nachts auf das Schiff geschlichen, sich in der stinkenden Behausung eingerichtet und ihren Proviant ausgepackt: einen Krug Wasser, Oliven und trockenes Brot. Es war alles, was ihnen in der Eile zusammenzuraffen gelungen war. Voller Ungeduld hatten sie dann auf das Auslaufen gewartet. Wenn sie sich erst auf hoher See befänden, könnte sie König Ptolemaios nicht mehr von Bord jagen, zumindest nicht Kleopatra, wie sich Nefer mit klopfendem Herzen eingestand.

„Aber hast du denn nicht an deine arme Mutter gedacht?“, wollte der König von seiner Tochter wissen. Seine Miene war streng, doch insgeheim war er auf dieses Kind stolz. „Kannst du dir nicht vorstellen, welche Sorgen sie sich um dich macht?“

„Was ist mit Mutter, geht es ihr nicht gut? Und meinen Geschwistern?“ Angst schwang in der Stimme des Mädchens mit. Nein, an ihre Mutter hatte sie im Augenblick der Flucht tatsächlich keinen Gedanken verschwendet und sie schämte sich dafür. Sie dachte an die hohe Frau, die schon durch ihre übermenschliche Schönheit Abstand gebot, die sie, anders als den Vater, stets mit scheuer Bewunderung betrachtet, deren Harfenspiel sie andächtig gelauscht hatte. Ach, Mutter hatte etwas so Unwirkliches an sich, dass Kleopatra, als sie noch Kind gewesen war, oft geglaubt hatte, ihre Mutter sei gar kein menschliches Wesen, sondern die Göttin Isis selbst, die liebende Schwestergemahlin, die geruhte, zum Wohle der Menschen für eine Weile auf Erden zu wandeln. Glich sie nicht jener Statue der Göttin, die den kleinen Haustempel der Ptolemäer in Alexandria schmückte? Zeigte Isis nicht das gleiche Lächeln, mit dem auch die Königin stets ihren Kindern begegnete? Trug sie nicht das ebenmäßig vornehme Gesicht mit genau den Zügen, die auch der Mutter eigen waren? Es konnte nicht anders sein: Die Mutter war Isis, und Göttern musste man, das hatte sie schon als ganz kleines Mädchen gelernt, immer mit Achtung und Abstand begegnen.

„Was ist mit Mutter?“, fragte Kleopatra noch einmal und Ptolemaios sah die Angst in ihren Augen. „Ich weiß es nicht“, gestand er. „Aber ich hoffe, dass ihr und deinen Geschwistern die Flucht aus der Hölle von Alexandria gelungen ist. Eigentlich bin ich davon überzeugt. Deine Mutter ist eine intelligente Frau, die mit beiden Beinen fest auf dem Boden steht. Ich habe sie beschworen, Alexandria so schnell wie möglich zu verlassen und bei ihrem Vater Zuflucht zu suchen. Naoma hatte bereits alles zur Flucht vorbereitet. Die Alte ist mit Gold nicht aufzuwiegen, wenn sie mich auch immer verachtet hat. Sofern alles gut gegangen ist, ist unsere Familie längst in Memphis eingetroffen und damit in Sicherheit. Wir sollten uns also keine allzu großen Sorgen machen. Aber ich muss deiner Mutter natürlich mitteilen lassen, dass du dich wohlbehalten mit mir auf dem Weg nach Rom befindest, damit sie sich beruhigen kann. Wir werden in Kürze die Insel Cypern anlaufen, wo wir uns von der Überfahrt ein wenig ausruhen wollen. Von dort wird eines unserer Begleitschiffe nach Ägypten zurückkehren und deiner Mutter die Nachricht überbringen. Nach einem kurzen Zwischenaufenthalt wollen wir so schnell wie möglich Rom erreichen. Je eher wir dort sind, desto früher können wir nach Hause zurückkehren. Eine Gesandtschaft, die mein Anliegen dem römischen Senat überbringen soll, habe ich bereits vorausgeschickt. Und auch meinem Freund Pompeius Magnus habe ich unsere Ankunft angekündigt. Rom“, seufzte er. „Ägyptische Kunstschätze stehen bei den Reichen Roms hoch im Kurs. Sie dekorieren mit ihnen ihre Landhäuser und mit dem alten Schmuck ihre Frauen oder Geliebten. Und überhaupt: Seit die Römer vor Jahren die Cyrenaika so ganz ohne Anstrengung unterworfen und zu ihrer Provinz gemacht haben, fürchte ich ohnehin, dass sie eines nicht mehr fernen Tages ihre Fühler auch nach unserem Land ausstrecken werden, und wir werden ihnen schutzlos ausgeliefert sein. Ägypten ist ein fruchtbares Land und in Rom selbst wird von den Regierenden nichts so sehr gefürchtet wie eine Hungersnot. Zudem wird unser Reich nur allzu gern als Ausgangspunkt für die Eroberungen in Asien gesehen. Es verlangt wohl ein Gesetz der Natur: Der Große frisst den Kleinen und der noch Größere frisst den Großen. Übrigens hat schon vor Jahren Gaius Iulius Caesar – er war damals noch curulischer Ädil – beim Senat beantragt, ihm durch einen Volksentscheid ein außergewöhnliches Imperium zu übertragen, das ihn berechtigen sollte, Ägypten zu besetzen und zur römischen Provinz zu machen. Und nur der Widerstand seiner römischen Gegner und Roms Achtung vor allem Griechischen hat uns vor diesem Schicksal bewahrt. Vielleicht wäre es ja nicht einmal das Schlechteste, sich ganz unter den Schutz Roms zu begeben. Im Augenblick bleibt uns ja nichts anderes übrig, als auf die römische Hilfe zu hoffen. Danach werden wir weitersehen.“

Cypern! Wie viel hatte Kleopatra schon von der Insel, die erst vor kurzem dem Römischen Reich eingegliedert worden war, von ihrem griechischen Lehrer Apollodoros gehört. Sie erinnerte sich auch an das enttäuschte Gesicht ihres Vaters, als ihm von der Einnahme Cyperns durch die Römer berichtet worden war. „Dieses Rom kommt unserem Herrschaftsgebiet immer näher!“, hatte er die Nachricht kommentiert und war daraufhin in tiefes Nachdenken verfallen. Hatte er nicht selbst ein Auge auf das seinem Reich so nahe gelegene Eiland mit seinen reichen Bodenschätzen geworfen? Der Traum, dass Cypern einmal zu Ägypten gehören könnte, war ausgeträumt.

Nur wenige Stunden nachdem er auf der Insel angelegt hatte, ließ Cato, der für Rom – wenn auch mit einem gewissen Widerwillen – die Insel annektiert hatte, den König rufen. Ptolemaios konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass ihn der Römer von oben herab behandelte, ja ihm sogar unverhohlen seine Verachtung zeigte. Es habe sich, so Cato, bereits herumgesprochen, dass Ptolemaios nicht vertrieben worden, sondern aus eigenen Stücken aus Alexandria geflohen sei, ohne seinen Thron auch nur im Geringsten zu verteidigen. Wo käme Rom eigentlich hin, wenn sich ein jeder, der sich selbst zu helfen zu feige sei, seine Hilfe erbitte? Aber gut! Rom schätze die guten Handelsbeziehungen, die zwischen beiden Reichen bestünden, und er wolle sehen, was sich machen ließe. Ptolemaios solle jedoch nicht sofort aufbrechen, sondern sich auf seiner Reise Zeit lassen. Es sei schließlich nicht ganz einfach, den Senat zuhause zu überzeugen, dass die Unterstützung, die man dem Ägypter zuteilwerden lassen wolle, gut angelegt sei. Ohnehin sei die politische Lage in Rom derzeit etwas verworren und viel Fingerspitzengefühl sei nötig, um Ptolemaios’ Wunsch den eingeschriebenen Vätern vorzutragen.

„Ich beabsichtige nicht“, wandte sich der König an seine Tochter, „noch länger auf Cypern zu bleiben und die Überheblichkeit dieses Römers weiterhin zu ertragen. Da unser Besuch in Rom offensichtlich noch nicht erwünscht ist, werden wir uns zunächst nach Athen begeben. Ich habe es selbst noch nie gesehen. Aber jeder, der der Stadt schon einen Besuch abgestattet hat, preist sie in den höchsten Tönen. Lassen wir uns also überraschen!“

Athen! Kleopatra vermochte nicht zu sagen, wie sehr sie sich über den unvorhergesehenen Umweg freute. Was hatte ihr der griechische Lehrer nicht alles über die Stadt des Geistes erzählt, deren Schutzpatronin keine Geringere als Zeus’ Tochter Athene war! Einst sei sie in voller Rüstung dem sich öffnenden Haupt ihres Vaters entsprungen und die kleine Kleopatra hatte sich oft gefragt, ob denn auch sie auf diese Weise zur Welt gekommen sei. Trotz aller Bewaffnung aber galt Athene als friedliebende Göttin, als Inbegriff der Weisheit, deren Symbol die Eule war. Vor Menschengedenken hatte sie im Wettstreit mit Poseidon den Athenern den Ölbaum gebracht, der bis heute am Hang der Akropolis gedieh. Er hatte die Stadt, die von da an den Namen der Göttin trug, wohlhabend und berühmt gemacht. Ja, vielen galt Athen als geistige Hauptstadt des Römischen Reiches schlechthin.

Doch auch als Heilszentrum hatte sie sich einen Namen gemacht. Hier und im nahe gelegenen Epidaurus konnten Interessierte die Heilkunde studieren und es waren nicht nur freie Männer, die davon eifrig Gebrauch machten. Auch Sklaven und Freigelassenen stand das Recht zu, sich in der Kunst des Heilens zu vervollkommnen und im ganzen Römerreich ein weites Betätigungsfeld zu finden. Griechische Ärzte genossen vor allem in Rom selbst einen hervorragenden Ruf. Athen war auch ein begehrter Aufenthaltsort für all jene vornehmen Römer, die Griechisch und Latein fließend nebeneinander sprachen. Es ging sogar soweit, dass in Rom nur der Anspruch auf wahre Bildung erheben konnte, der wenigstens einmal im Leben für längere Zeit in Griechenland gewesen war.

Die Stadt empfing sie unfreundlich. Aus dem wolkenverhangenen Himmel regnete es in Strömen. Dicke Schmutz- und Schlammschichten wälzten sich durch die aufgeweichten Straßen. Kaum jemand nahm Notiz von der Ankunft des Königs und seines kleinen Hofstaats. Als sie am Piräus die Landungsbrücke überquert und festen Boden unter den Füßen hatten, stolperte Nefer über einen Stein und fiel zu Boden. Kleopatra beeilte sich, ihr wieder auf die Beine zu helfen. Nefer war unverletzt. Aber auf ihren bleichen Wangen stand das pure Entsetzen. Sie klagte nicht, aber sie blickte sich furchtsam um und ihr Körper begann heftig zu zittern. „Ich werde diese Stadt nicht mehr verlassen“, flüsterte sie. Doch niemand bemerkte die Sorge der jungen Frau.

Die Prinzessin machte sich die heftigsten Vorwürfe. Warum nur hatte sie wieder einmal ihren Kopf durchsetzen und in Begleitung der Freundin die Sicherheit des ihnen zugewiesenen Palasts verlassen und sich dieser Gefahr aussetzen müssen? Hatte der Vater sie nicht ausdrücklich gewarnt und es ihr verboten? Dabei war alles bisher so gut gelaufen. Schon am Tag nach ihrer Ankunft riss der Himmel auf und über der Akropolis strahlte hell die wärmende Frühlingssonne. Kleopatra hielt nichts im Haus und so freute sie sich, als endlich eine Abordnung der Stadtväter kam, um den fremden König willkommen zu heißen. Gern erklärten sich die Abgesandten auf die Bitte des Königs hin bereit, ihm und seinem Gefolge die Schönheiten Athens zu zeigen. Kleopatra machte einen Freudensprung. Was würde sie ihren Geschwistern nicht alles erzählen können, wenn sie erst alle wieder beisammen wären! Voller Staunen bewunderten die Fremden die Sehenswürdigkeiten und die Kunstwerke, von denen Athen mehr aufzuweisen hatte als die meisten anderen Städte des Römerreichs. Auf der Akropolis strahlten die bunt bemalten Tempel mit der Sonne um die Wette: der gigantische Parthenon, der zu Ehren der Göttin Athene errichtet worden war, die mächtigen Propyläen mit den schlanken ionischen Säulen, die zu den Heiligtümern führten, das Erechtheion, dessen Dach keine Säulen, sondern die Statuen junger Korbträgerinnen trugen. Und dann der kleine Nike-Tempel, Haus und goldener Käfig für die Siegesgöttin, der die schlauen Athener die Flügel gestutzt hatten, damit sie aus ihrer Stadt nie mehr wegflöge. Am Fuße des Hügels kroch endlich das gewaltige Theater bergan, die älteste Vergnügungsstätte dieser Art auf der ganzen Welt, und Kleopatra glaubte für einen Augenblick, die Begeisterung der Zuschauer zu hören. Sie hatte gelernt, dass die Athener, anders als die Bürger Roms, Vergnügen geistiger und sportlicher Art besonders schätzten und ihnen die blutigen Gladiatorenkämpfe der Römer höchst zuwider waren.

Die Tage flossen gemächlich dahin. Seit einiger Zeit sprach die Königstochter öfter davon, die Athener auch einmal nachts zu besuchen, Straßen, die sie bisher nur tagsüber oder noch gar nicht gesehen hatte, dunkle, geheimnisvolle Winkel und verrufene Plätze. Nefer wollte davon nichts hören. „Dein Vater hat es ausdrücklich verboten“, warnte sie. „Aber er muss ja nichts davon wissen. Wir könnten uns als gewöhnliche Straßenkinder verkleiden. Damit hatten wir doch schon einmal Erfolg. Erinnerst du dich?“ Es brauchte keine allzu großen Überredungskünste, um die willige Sklavin von den Reizen eines solchen Abenteuers zu überzeugen. Ohne weitere Begleitung schlüpften die beiden Mädchen auf Schleichwegen aus dem Haus. Ausgelassen, übermütig und unerfahren stürzten sie sich ins nächtliche Athener Getümmel.

Im belebten Händlerviertel näherten sich ihnen wankende Gestalten. Betrunkene übergaben sich an Häuserecken oder schlugen in fremden Gärten das Wasser ab. Zwielichtiges Gesindel kam ihnen grölend entgegen. Dann sprach sie einer an. „Na, ihr beiden Hübschen, wollt ihr euch nicht ein kleines Goldstück verdienen? Ich kenne da einen betuchten Herrn, der steht auf solche Täubchen. Wie wär’s?“ Unwillkürlich beschleunigte Nefer ihren Schritt. Kleopatra hatte Mühe, der Freundin zu folgen. Da stellten sich ihnen plötzlich, aus einem dunklen Hauseingang kommend, zwei grobe, zahnlose Gestalten in den Weg. „Wohin so eilig, meine Schönen?“ Schon ergriff einer Kleopatras Arm und hielt sie fest. Nefer drehte sich um, stürzte sich auf den überraschten Mann, schlug ihm mit den Fäusten ins Gesicht und biss in die Hand, die er ihr abwehrend entgegenstreckte. Von Schmerz gepeinigt, ließ er Kleopatra für einen Augenblick los. „Lauf, Mädchen, lauf!“, schrie Nefer der jungen Herrin zu. Dann erhielt sie vom Begleiter des Unverschämten einen Schlag, von dem sie bewusstlos zu Boden sank.

Im Schutz der Dunkelheit kehrte Kleopatra um Luft ringend in die Athener Unterkunft des Königs zurück. Kleopatra hatte nicht bemerkt, was ihrer Freundin geschehen war. Sie hatte sich in ihrer Angst nicht mehr nach Nefer umgesehen, war aber davon überzeugt gewesen, dass sich diese erfolgreich gewehrt hatte und ihr auf den Fersen gefolgt war. Als sie jedoch feststellte, dass sie allein war, schossen ihr Tränen in die Augen. Wo war ihre Vertraute geblieben? Sollte sie etwa …? Sie wagte nicht, daran zu denken. Nefer war stark. Im Gegensatz zu ihr war sie hochgewachsen und verfügte über eine ungeheure Kraft. Wie oft hatte sie die junge Herrin durch die Luft gewirbelt, als wäre diese eine leichte Feder. Erst als eine Stunde vergangen war, begann sie, sich ernsthaft Sorgen zu machen. Es gab in der Dienerschaft einen jungen Sklaven, der auf Nefer ein Auge geworfen hatte. Zu ihm schlich sich die Königstochter und trug ihm ihre Befürchtung vor. Sie beauftragte ihn, die Vermisste sofort zu suchen. Besorgt machte sich der junge Mann mit mehreren Dienern auch gleich auf den Weg. Brennende Fackeln in den Händen, durchleuchteten sie jeden auch noch so verborgenen Winkel, die finstersten Höfe und die verlassensten Straßen. Von Nefer fanden sie keine Spur. Traurig kehrten sie unverrichteter Dinge nach Hause zurück, um der jungen Herrin den Misserfolg zu melden und sich ihrem gerechten Zorn zu stellen. Doch Kleopatra senkte nur beschämt den Blick. Dann betete sie zu den Göttern, ihre Getreue möge noch am Leben sein und bald zu ihrer Familie zurückfinden. Sie bot den Himmlischen sogar ihr eigenes Leben für das ihrer Freundin an, das sie so leichtfertig aufs Spiel gesetzt hatte. Aber die Götter nahmen das Opfer nicht an.

Am nächsten Morgen fanden Sklaven, die erneut ausgesandt worden waren, das Mädchen zu suchen, vor einer billigen Kaschemme ein verschnürtes Bündel, das einem menschlichen Körper ähnelte. Dem, der es öffnete, starrten zwei gebrochene Augen entgegen. Es enthielt den blutverschmierten Leichnam der bis in den Tod getreuen Dienerin. Sie hatte ihr Leben gegeben, um das ihrer jungen Herrin zu retten.

Bekanntschaft mit Römern

Draußen vor den Toren der Stadt, wie es die ungeschriebenen Gesetze der Griechen und Römer vorsahen, sollte auch Nefer ihre letzte Ruhestatt finden. In seinem Zorn über den Ungehorsam der beiden jungen Frauen hatte Ptolemaios zunächst verfügt, sie zur Strafe in ein Massengrab zu werfen, wie es für Unfreie und das gemeine Volk üblich war, streunenden Hunden, hungrigen Ratten, Raben und Aasgeiern ausgesetzt. Aber Kleopatra hatte sich ihrem Vater zu Füßen geworfen und unter bitteren Tränen und vielfachen Entschuldigungen erreicht, dass er sich zuletzt erbarmen ließ, Nefer eine eigene Ruhestätte zu gewähren. Er kaufte ein Grab und ließ eine schöne Stele errichten, die das Relief einer freundlichen Dienerin zeigte, einer treuen Gefährtin, die gerade dabei war, ihrer jungen Herrin die Haare im Nacken zusammenzustecken. Wenige Worte hielten in den abstrahierten Bildern der ägyptischen Schrift die Umstände ihres Todes fest und drückten Kleopatras Schuldgefühle und Dankbarkeit aus. Weinend stand die Prinzessin vor der noch offenen Grube und flehte zu den Göttern, der geliebten Freundin ein erträgliches Schattendasein in der Unterwelt zu gewähren, wie sie es sich durch ein vorbildliches Leben verdient hatte. Vielleicht, tröstete sie sich, war es ja für eine Sklavin ein Glück, ihr Leben in Griechenland oder Rom auszuhauchen. Wäre Nefer im alten Reich am Nil gestorben, wäre ihre Erinnerung für alle Zeiten ausgelöscht gewesen. Daran hätte selbst ein König nichts ändern können. Denn in Ägypten hatten nur die Reichen und Einflussreichen Anspruch auf Einlass in die Ewigkeit. „Heute“, gestand Kleopatra ihrem Vater, der ihre Trauer schweigend respektierte und dessen anfänglicher Zorn einer tiefen Sorge um den Seelenzustand seiner Tochter gewichen war, „heute habe ich zum ersten Mal erfahren, was Verlust bedeutet. Nefer wird in meinem Herzen immer einen besonderen Platz einnehmen. Aber ich werde nie mehr ihre Stimme hören, nie mehr ihr silberhelles Lachen …“ Damit warf sie sich ihrem Vater an die Brust und ließ ihren Tränen freien Lauf.

„Es ist ein Vorrecht der Jugend, schnell zu vergessen, Herr.“ Der Bote, den Ptolemaios von Cypern aus nach Memphis geschickt hatte, hatte auch den Auftrag erhalten, Apollodoros in Ägypten einzuschiffen und nach Athen zu bringen. „Ich kann es nicht verantworten“, hatte der König zu seiner erstaunten Tochter gesagt, „dass du während unserer langen Reise keinen Unterricht erhältst, obwohl, wie es heißt, das Leben selbst oft die beste Lehrmeisterin ist. Apollodoros wird uns begleiten und dir die Schönheiten der griechischen Kultur, die ja auch ein Teil unserer eigenen ist, noch näher bringen. Was du bei ihm gelernt hast, wird dir die Erfahrung vor Ort noch anschaulicher machen. Übrigens ist unsere Familie in Sicherheit“, fuhr er fort, „du kannst also beruhigt sein. Auch weiß deine Mutter, dass du dich bei mir aufhältst. Ich brauche dir wohl nicht zu sagen, wie dankbar ich bin, dass die Götter meine Gebete erhört haben. Bitten wir jetzt noch um die Gnade, uns alle in nicht allzu ferner Zukunft in Alexandria gesund wiederzusehen.“

Der König spazierte also mit dem Gelehrten, in philosophische Betrachtungen versunken, über das Deck. Apollodoros war längst zu Ptolemaios’ wichtigstem Vertrauten aufgestiegen und nahm unter den Unfreien am Hof von Alexandria eine privilegierte Stellung ein. Kleopatra stand indessen sinnend am Heck des Schiffes und sah mit feuchten Augen zu, wie sie sich immer weiter vom griechischen Festland entfernten. „Leb’ wohl, geliebte Freundin!“, flüsterte sie gegen den Wind. Ihr Lehrer irrte, wenn er glaubte, sie werde je vergessen. Wahrscheinlich würde mit der Zeit der Schmerz nachlassen – sie hatte es zumindest oft so gehört – und Nefer würde zuletzt nur eine freundliche Erinnerung sein. Aber noch tat es weh. Wussten die Männer, die ihr am nächsten standen, denn nicht, wie feinfühlig und empfindsam sie in Wirklichkeit war, dass sich hinter ihrer rauen Schale ein ganz weicher Kern verbarg?

Die Götter des Meeres und der Lüfte waren Ptolemaios’ Unternehmen gewogen. Nur ab und zu mussten die Ruderer eingreifen. Ansonsten segelte das Schiff lautlos über die flache See, als flöge es nur so dahin. In wenigen Tagen hatte die Reisegesellschaft die Südspitze der italischen Halbinsel erreicht. In Kürze würde sie Ostia anlaufen, die alte Hafenstadt Roms, wo Pompeius sicherlich schon ungeduldig ihr Eintreffen erwartete.

Die Kunde von Ptolemaios’ Flucht verbreitete sich in Alexandria wie ein Lauffeuer. Das Volk jubelte. Tücher schwenkend und Freudengesänge anstimmend zogen die Menschen durch die Straßen. Würde nun endlich ein neues Zeitalter anbrechen? Oder hatte man nur den einen Tyrannen gegen einen anderen getauscht, wie das schon so oft geschehen war? Bald hieß es, Kleopatra, die sechste aus der Königsfamilie dieses Namens, sei zusammen mit ihrer Tochter Berenike zurückgekehrt, und Berenike schicke sich an, zusammen mit ihrer ehrgeizigen Mutter die Regierungsgeschäfte zu übernehmen. Kleopatra? Aber wie war das möglich? Erst jetzt erfuhr das Volk, dass Ptolemaios die Schwestergemahlin vor fast eineinhalb Jahrzehnten verbannt und eine andere Frau in seinen Palast und sein königliches Bett geholt hatte. Aber wer war sie, deren Namen niemand kannte? Und wie war es dem König gelungen, die unglaubliche Aktion so lange geheim zu halten und seine Untertanen derart zu täuschen?

Kaum hatten Kleopatra VI. Tryphaina und die Erstgeborene des Königs den Thron bestiegen, stellte sich heraus, dass sie nicht daran dachten, die Zügel der Herrschaft lockerer zu halten. Im Gegenteil! In getreuer Nachahmung ihres Vaters unterdrückte Berenike das Volk, zwang ihm noch höhere Steuern ab, als Ptolemaios es getan hatte, und verteilte ihre Spitzel im ganzen Land. Ein unbedachtes Wort genügte, der geringste Ausdruck der Unzufriedenheit, und man war ihrer Gerichtsbarkeit ausgeliefert, die sie gnadenlos ausübte. Berenike regierte mit eiserner Hand und errichtete in kürzester Zeit ein Schreckensregiment, das an die schlimmste Zeit der Perserherrschaft erinnerte, die die Bewohner Ägyptens freilich nur aus den Erzählungen kannten. War man etwa dafür auf die Straße gegangen? Der Widerstand gegen Ptolemaios war eine Selbstverständlichkeit gewesen, fast ein Ritual, und niemand, der damals seinem Unmut lautstark Luft gemacht hatte, hatte Schlimmes zu befürchten gehabt. Doch jetzt wagte keiner, seine Unzufriedenheit mit dem Regime öffentlich kundzutun. Nachbar fürchtete sich vor dem Nachbarn, Freund vor dem Freund. Kein Vater war seines Sohnes, kein Sohn seines Vaters sicher. Manche Familienfehde, seit vielen Jahren unterschwellig ausgetragen, fand jetzt ihr blutiges Ende. Und eine Änderung der Verhältnisse war nicht in Sicht. Schon wünschte man sich Ptolemaios Auletes zurück. Doch man wusste ja nicht einmal, wo er war und ob er überhaupt noch lebte.

Bald nach der Übernahme des Thrones fühlte sich Kleopatra Tryphaina müde und verbraucht. Sie wurde von Tag zu Tag schwächer. Zusehends verfiel die einst so starke Frau, sodass immer mehr Aufgaben auf ihre Tochter übergingen. Die Ärzte wussten keinen Rat und auch Kräuterfrauen und Geistheiler konnten sich auf den Zustand der Königin keinen Reim machen. War sie vielleicht von einem bösen Dämon befallen? Gegen ihn wäre freilich mit menschlichen Mitteln nichts auszurichten. Da konnten nur die Götter helfen.

Nur ein Jahr war seit der Flucht ihres früheren Gatten vergangen, da wurde es Kleopatra unmöglich, das Bett zu verlassen. Berenike machte sich weniger Sorgen um die Krankheit der Mutter als um ihren eigenen Stand. Würde Kleopatra jetzt sterben, was würde dann mit ihrem, Berenikes, Anspruch auf den ägyptischen Thron? Es kam jetzt darauf an, diesen von höchster Stelle bestätigen zu lassen. Sie würde unverzüglich eine Gesandtschaft nach Rom schicken, die ihre Interessen vor dem dortigen Senat vertreten sollte. Ptolemaios war schon dort, um die Römer um Hilfe zu bitten. Das hatte sie von ihren Spitzeln erfahren. Wer von ihnen würde es schaffen, die neuen Herren der Welt mit den besseren Argumenten zu überzeugen und auf seine Seite zu bringen? Was sie betraf, so würde sie nicht weniger als 100 Gesandte aufbieten und an Schätzen alles, was sie und ihr noch immer reiches Land aufbringen konnten.

In Rom ging die Sache des Königs kaum voran. Würde es Pompeius, auf dessen Landgut in den Albaner Bergen die Flüchtlinge Aufnahme gefunden hatten, gelingen, im Senat die Mehrheit für die Rückführung des fremden Königs mit römischer Hilfe zu gewinnen? Der große Feldherr war sich nicht sicher. Seine Stellung war geschwächt. Er hatte leichtsinnigerweise nicht nur die Optimaten gegen sich aufgebracht, sondern auch Crassus, seinen Kollegen im Triumvirat, der in Rom vor kurzem eingeführten Dreimännerherrschaft, der auch der aufsteigende Gaius Iulius Caesar angehörte. Ptolemaios, der sich auf Pompeius’ Wunsch eigentlich hätte ruhig verhalten und abwarten sollen, begann bald, der Entscheidungsfindung der eingeschriebenen Väter nachzuhelfen. Er hatte bereits eine ganze Reihe führender Römer bestochen, als er gegen die unliebsame Gesandtschaft der ägyptischen Thronräuberin vorging. Bei Puteoli in der lieblichen Campagna hatten die Ägypter angelegt, um von dort aus Rom auf dem Landweg zu erreichen. Schon unterwegs fielen viele durch Mörderhand. Diejenigen, denen es gelang, unversehrt nach Rom zu gelangen, wurden von Ptolemaios entweder durch bare Münze überzeugt, von ihrem Vorhaben abzulassen, oder ebenfalls ermordet, wenn sie sich dem Wunsch des Königs ohne Land widersetzten. Diese Behandlung von Gesandten, die selbst für römische Verhältnisse ungewöhnlich, ja verwerflich war – in der Regel galten Boten bei vielen Völkern, zumindest bei denen, die Anspruch auf eine gewisse Zivilisation erhoben, als unantastbar – rief im Senat heftige Proteste hervor, blieb aber ungesühnt. Zu viele Senatoren hatten von den Verbrechen profitiert und sich gewissermaßen zu Mittätern oder zumindest Mitwissern gemacht. So schien es besser, es beim Protest zu belassen.

Da Ptolemaios auf die Flucht nur wenig Geld hatte mitnehmen können, nahm er bei reichen Römern Kredite auf, um seine Rückführung und die Bestechungen zu finanzieren. Sein Hauptgläubiger hieß Gaius Rabirius Postumus, ein skrupelloser Mensch, der die Ägypter bald für seine „Großzügigkeit“ bestrafen sollte.

Gleich einer Gefangenen wanderte Kleopatra in den Gärten von Pompeius’ Landgut umher. All ihre Hoffnungen, die Weltstadt Rom, um die sich so viele Geschichten rankten und die so herrliche Bauwerke aufweisen und Vergnügungen bieten sollte, mit eigenen Augen zu sehen, waren zunichte geworden. Pompeius hatte sie ausdrücklich angewiesen, den Landsitz nicht zu verlassen, um das sensible Vorhaben nicht zu stören. Zu ihrer Zerstreuung hatte er Gaukler und Artisten, Tänzer und Sänger in die Albaner Berge geschickt, fahrendes Volk, das den Fremden keine allzu willkommene Abwechslung bot. Gerade was kulturelle Darbietungen betraf, waren die Mitglieder des ägyptischen Königshauses äußerst verwöhnt.

Langsam verlor Ptolemaios die Geduld. Immer höhere Bestechungsgelder flossen, immer lauter forderte der König die Hilfe Roms. Behandelte man so etwa Freunde und Bundesgenossen des römischen Volkes? Der König war zutiefst enttäuscht. Dann endlich erteilte der Senat Pompeius’ Freund Publius Cornelius Lentulus Spinther den Auftrag, nach Ephesus zu reisen und dort die Rückkehr des Königs vorzubereiten. Aber die Götter Roms hatten auch noch ein Wörtchen mitzureden. Als wollten sie das Unternehmen aufschieben, schlug auf dem Mons Albanus in die Statue Jupiters ein Blitz ein, ein denkbar ungünstiges Omen, das nur zur Vorsicht mahnen konnte. Um ganz sicher zu gehen, wie zu verfahren sei, wurden die Sibyllinischen Bücher befragt. „Wenn der Ägypter mit der Bitte um Hilfe kommt“, meinte die Stelle, auf die der zuständige Priester zufällig getroffen war, „verweigert sie ihm nicht! Aber hütet euch, ihm eine größere Streitmacht zur Verfügung zu stellen! Denn damit drohten euch nur Ungemach und Gefahr.“

Es konnte nicht verhindert werden, dass das römische Volk von der Warnung erfuhr, die in der Öffentlichkeit heftige Diskussionen auslöste. Was gingen die Römer die Belange dieses Flötenspielers an? Sollten sie etwa ihr Leben einsetzen, um diesem unsympathischen Fettwanst zu seinem vermeintlichen Recht zu verhelfen? Der Senat wagte nun nicht mehr, gegen den herrschenden Volkswillen zu entscheiden. Die lästige Angelegenheit wurde vertagt und schließlich ganz von der Tagesordnung gestrichen.

„Ist Ephesus auch von den Griechen gegründet worden?“, interessierte sich Kleopatra, die am Arm ihres Vaters in den Straßen der jetzt römischen Stadt flanierte. Der in Gedanken versunkene König antwortete nicht und so wiederholte die Tochter die Frage. „In der Tat“, meinte er schließlich, „und sie gehört zu den wichtigsten Städten in diesem Teil der Welt. Ihre Bibliothek genießt bis heute einen gewissen Ruf, der freilich nicht dem der Büchersammlung, die wir in Alexandria haben, gleichkommt. Wie du ja weißt, wird bei uns das gesamte Wissen der Menschheit von ihren Anfängen an bewahrt. Dennoch geschieht hier Bemerkenswertes. Im Theater beispielsweise werden immer die neuesten Stücke aufgeführt. Ephesus ist ein Zentrum der Kultur mit herrlichen Säulenhallen, Basiliken und Tempeln. Überhaupt ein Kleinod ausgezeichneter Architektur.“

Auch hier zehrte das lange Warten auf die endgültige Entscheidung Roms an den Nerven der Flüchtlinge und stellte ihre Geduld auf eine weitere harte Probe. Kleopatra beschloss, sich nicht länger dem Nichtstun und der Langeweile hinzugeben. Am Stadtrand von Ephesus hatten kühne Baumeister auf sumpfigem Gelände der Stadtpatronin Artemis einen Tempel errichtet, wie ihn die Welt zuvor niemals gesehen hatte, ein Heiligtum, das alles bisher Dagewesene an Schönheit und Monumentalität weit übertraf. So jedenfalls hatte es ihr ihr Lehrmeister Apollodoros geschildert. Wenn man ihm glauben konnte, zählte es längst zu den Wundern, die Menschenhand erschaffen hatte.

Mit ungläubigem Staunen betrachtete Kleopatra das erhabene Bauwerk von ferne und fragte sich, wie es Architekten gelungen war, ein derart mächtiges Gebäude auf dem unsicheren Grund zu errichten, obwohl doch jedes Kind wusste, dass man Sümpfe wegen der Gefahr zu versinken am besten mied.

Zum Artemistempel also wanderte die Königstochter, sooft sie glaubte, ihren Vater, der immer stärker an Melancholie und Schwermut litt, allein lassen zu können. Seit Menschengedenken pilgerten Gläubige dorthin, um zu der vielbrüstigen Göttin, die Fruchtbarkeit und Leben spendete, zu beten und ihr Opfer zu bringen. Durch die vielen Geschenke und Gaben, die sie mitbrachten, war der Tempel mittlerweile unermesslich reich geworden. Und auch die nahegelegene Stadt Ephesus profitierte von dem nicht ablassenden Pilgerstrom. Bald, dachte die Königstochter, bald würde auch sie sich ein Herz fassen und das Heiligtum, das sie bisher nur von außen bewundert hatte, betreten, um Artemis ihre vielfachen Anliegen vorzutragen, den Wunsch etwa, bald nach Hause zurückkehren zu dürfen und den richtigen Partner zu finden, um ihm Kinder zu schenken, wenn ihre Zeit gekommen wäre.

„Sei gegrüßt, Kleopatra vom Nil“, empfing sie eine junge Tempeldienerin, deren Schädel glatt rasiert war. Kleopatra wunderte sich, woher das fremde Mädchen ihren Namen kannte. Aber sie sagte nichts. Neugierig betrachtete sie die junge Frau, die ihr Leben offensichtlich ganz in den Dienst der Gottheit gestellt hatte, sah das braun geschminkte Gesicht, bemerkte den alles durchdringenden Blick und den schlanken, fast knabenhaften Körper, der sich unter dem durchsichtigen Gewand abzeichnete. „Die Große Mutter erwartet dich schon“, fuhr das Mädchen fort, und Kleopatra fiel die tiefe, dunkle Stimme auf, die zu der unwirklichen Erscheinung so gar nicht passte. „Mein Name ist Aphasia, und du darfst mich gern so nennen.“ Damit nahm sie Kleopatra an der Hand und führte sie ins Innere des Gotteshauses, das von zahllosen Öllämpchen in ein diffuses Licht getaucht war. Schwaden von Weihrauch schlugen Kleopatra entgegen und eine Luft, die ihr schier den Atem nahm. Sie brauchte einige Zeit, bis sich ihre Augen an den geheimnisvollen Dämmer gewöhnt hatten. „Warte einen Augenblick!“, bat Aphasia und verschwand in einem Gemach, aus dem sie jedoch gleich wieder zurückkam, in der Hand ein hauchzartes weißes Gewand, das mit Gold- und Silberfäden durchwirkt war und dem Kleid der Tempelfrau glich. „Ehe du dich der Großen Mutter Artemis nähern darfst, um zu opfern und zu beten, musst du dich einer strengen Reinigung unterziehen. So verlangt es der Brauch. Du bist übrigens im richtigen Augenblick gekommen, Königstochter vom Nil. Wir feiern heute das große Fest der Fruchtbarkeit mit Opfern, Gesang, Musik und Tanz. Die Frauen, die auserwählt wurden, haben sich bereits versammelt. Später wirst du dich ihrem Kreis anschließen, später, wenn die Göttin bereit ist, dich zu empfangen.“ Leiser Gesang drang an Kleopatras Ohr, ein feines Summen, fern und unwirklich, ein gleichmäßiges Murmeln zu sich stets wiederholender Melodie.

Die beiden jungen Frauen betraten ein anderes Gemach, in dem es fast kein Licht gab. Aus einer kleinen Luke in der Decke fiel ein winziger Sonnenstrahl. In der Mitte des Raumes stand ein großes bronzenes Becken, das mit nach Rosenöl duftendem Wasser gefüllt war. Aphasia begann, die Königstochter langsam zu entkleiden. Dann bat sie den Gast, in das Becken zu steigen und ganz unterzutauchen. In kreisenden Bewegungen, sachte und bedächtig, wusch sie Kleopatras Gesicht, fuhr sanft über Brüste und Bauch und kam schließlich bis zu den Füßen. Dabei sagte sie magische Formeln in einer Sprache auf, die Kleopatra nicht verstand. Zuletzt streifte sie der Gereinigten das mitgebrachte Gewand über. Zufrieden betrachtete sie ihr Werk und führte die Bittstellerin schließlich vor die Statue der Großen Mutter, ein Meisterwerk aus Gold und Elfenbein, dessen Anblick Kleopatra fast die Sprache verschlug. „Bete und faste“, befahl Aphasia, „damit du dich des Anblicks der Göttin würdig erweist. Ich entferne mich jetzt und werde dich erst wieder holen, wenn Artemis mir ein Zeichen gibt. Aber ich kenne weder den Tag noch die Stunde. Sei also bereit!“

Ehrfurchtsvoll sah sich Kleopatra in dem hohen Saal um, den nur das übergroße Standbild der Göttin schmückte. Von Ferne erklang wieder der eintönige Singsang. “Große Mutter, Spenderin aller Gaben. Du Leben gebende und tötende Göttin. Du, aus der alles wird. Du, mit der alles vergeht. Mit der alles vergeht.“ Kleopatra stimmte in das unbestimmte Murmeln ein, fand zum Gebet, betete so inbrünstig, wie sie zuletzt gebetet hatte, als ihr der Glaube der Kindheit noch nicht abhandengekommen war. „Heilige Artemis von Ephesus“, formten ihre ein wenig zitternden Lippen, „in großer Bedrängnis komme ich zu dir. Erhöre, oh Mutter, mein Flehen.“ Dann trug sie der Gottheit alles vor, was ihr auf der jungen Seele brannte. „Sichere uns eine baldige Heimkehr, und schenke mir einen liebevollen Gefährten und Kinder, in denen ich weiterleben kann in Ewigkeit! Dir zur Ehre, dir zum Ruhme.“ Gesenkten Hauptes hatte sie vor der Göttin gestanden. Jetzt erhob sie den Blick und ihr war, als schenke ihr die Große Mutter ein huldvolles Lächeln.

Leise war Aphasia hinter sie getreten. Kleopatra hatte die Tempeldienerin nicht gehört. Wie lange mochte sie vor der Göttin gebetet haben? Sie wusste es nicht. Zeit schien keine Rolle zu spielen an diesem Ort, der mit der Wirklichkeit nichts gemein hatte. „Es hat den Anschein, als habe sich die Göttin deiner gnädig angenommen“, flüsterte hinter ihr die dunkle Stimme. Hatte gerade Artemis selbst aus dem Mädchen gesprochen? „Du bist ausersehen, ihr heute das Opfer darzubringen, ein weißes Lamm, das du auf ihrem Altar schlachten wirst.“ „Töten, ich?“, wunderte sich Kleopatra. Das Tierchen wartete schon. Es zitterte, aber es wehrte sich nicht. Es hatte sich mit seinem Schicksal längst abgefunden. Dann ging alles sehr schnell. Blut, das von der Altarplatte tropfte. Das Lecken der Flammen an dem blondgelockten Fell. Der Geruch verbrannten Fleisches, das Knistern des heiligen Feuers. Und wieder Stille. Aphasia bedeutete Kleopatra nun, ihr zu folgen. Wie im Rausch, als hätte sie keinen eigenen Willen mehr, lief die Königstochter dem Tempelmädchen nach, fand die im Reigen tanzenden Frauen. „Sei gegrüßt, Kleopatra!“, riefen sie ihr zu. „Willkommen, liebe Schwester!“ Aber Kleopatra war unfähig, den Gruß zu erwidern. Als hätte es ihr die Sprache verschlagen. Sie nickte ihnen nur freundlich zu und reihte sich ein in den fröhlichen Kreis, tanzte und sang. Flötenspielerinnen begleiteten den festlichen Akt. Wieder verlor Kleopatra das Gespür für die Zeit. Wann war sie hierhergekommen? Vor einem Tag, vor zwei Monden oder einem Jahr? Alles um sie herum versank. Apollodoros kam ihr entgegen, auch Imhotep erkannte sie, zwei strahlende Jünglinge, beide rank und schlank. Und dann erschien er, Ptolemaios, der nicht länger ihr Vater, sondern – wer war? Sie wusste es nicht. Staunend stand sie neben sich, eine Fremde. Freudig sah sie sich ihm entgegen eilen, auch er ein junger Mann, dessen Augen Wärme und Liebe verströmten. Eng umschlang er sie, berührte sanft ihre Brüste und Scham …

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