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Kleiner Mann – was nun?

Über Hans Fallada

Rudolf Ditzen alias Hans Fallada (1893–1947), zwischen 1915 und 1925 Rendant auf Rittergütern, Hofinspektor, Buchhalter, zwischen 1928 und 1931 Adressenschreiber, Annoncensammler, Verlagsangestellter, 1920 Roman-Debüt mit »Der junge Goedeschal«. Der vielfach übersetzte Roman »Kleiner Mann – was nun?« (1932) machte Fallada weltberühmt. Sein letztes Buch, »Jeder stirbt für sich allein« (1947), avancierte rund sechzig Jahre nach Erscheinen zum internationalen Bestseller. Weitere Werke u. a.: »Bauern, Bonzen und Bomben« (1931), »Wer einmal aus dem Blechnapf frißt« (1934), »Wolf unter Wölfen« (1937), »Der eiserne Gustav« (1938).

Informationen zum Buch

Der Weltbestseller erstmals so, wie Fallada ihn schrieb

Zu brisant, um so gedruckt zu werden: Von der Urfassung des Romans, der Hans Fallada am Vorabend der Machtergreifung der Nazis zum international gefeierten Erfolgsautor machte, wurde ein Viertel noch nie veröffentlicht.

Der Verkäufer Johannes Pinneberg und seine Freundin Lämmchen erwarten ein Kind. Kurz entschlossen heiratet das Paar, auch wenn das Geld immer knapper wird. Trotz Weltwirtschaftskrise und erstarkender Nazis nimmt Lämmchen beherzt das Leben ihres verzweifelnden Mannes in die Hand. In dieser rekonstruierten Urfassung führt ihr gemeinsamer Weg noch tiefer ins zeitgenössische Berlin, ins Nachtleben und in die von den »Roaring Twenties« geprägten Subkulturen. Die politischen Probleme der damaligen Zeit werden so plastisch wie in wenigen anderen Texten.

Jetzt mit Charlie Chaplin, Robinson Crusoe, Goethe, Wilhelm Busch und dem Prinzen von Wales.

Vorspiel

Die Sorglosen

Pinneberg erfährt etwas Neues über Lämmchen und fasst einen großen Entschluss

Es ist fünf Minuten nach vier. Pinneberg hat das eben festgestellt. Er steht, ein nett aussehender, blonder junger Mann, vor dem Haus Rothenbaumstraße 24 und wartet.

Also es ist fünf Minuten nach vier, und auf drei viertel vier ist Pinneberg mit Lämmchen verabredet. Pinneberg hat die Uhr wieder eingesteckt und sieht erst auf ein Schild, das am Eingang des Hauses Rothenbaumstraße 24 angemacht ist. Er liest:

DR. SESAM

Frauenarzt

Sprechstunden 9–12 und 4–6

Eben! Und nun ist es doch wieder fünf Minuten nach vier. Wenn ich mir eine Zigarette anbrenne, kommt Lämmchen natürlich sofort um die Ecke. Lass ich es also. Heute wird es schon wieder teuer genug.

Er sieht von dem Schild fort. Die Rothenbaumstraße hat nur eine Häuserreihe, jenseits des Fahrdamms, jenseits eines Grünstreifens, jenseits des Kais fließt die Strela, hier schon hübsch breit, kurz vor ihrer Einmündung in die Ostsee. Ein frischer Wind weht herüber, die Büsche nicken mit ihren Zweigen, die Bäume rauschen ein wenig.

So müsste man wohnen können, denkt Pinneberg. Sicher hat dieser Sesam sieben Zimmer. Muss ein klotziges Geld verdienen. Er wird Miete zahlen … zweihundert Mark? Dreihundert Mark? Ach was, ich habe keine Ahnung. – Zehn Minuten nach vier!

Pinneberg greift in seine Tasche, holt aus dem Etui eine Zigarette und brennt sie an.

Um die Ecke weht Lämmchen, im plissierten weißen Rock, der Rohseidenbluse, ohne Hut, die blonden Haare verweht.

»Tag, Junge. Es ging wirklich nicht eher. Die Burmeister war heute besonders ulkig. Böse?«

»Keine Spur. Nur, wir werden endlos sitzen müssen. Es sind mindestens dreißig Leute reingegangen, seit ich warte.«

»Sie werden ja nicht alle zum Doktor gegangen sein. Und dann sind wir ja angemeldet.«

»Siehst du, dass es richtig war, dass wir uns angemeldet haben?!«

»Natürlich war es richtig. Du hast ja immer recht, Junge.« Und vor der Entreetür nimmt sie seinen Kopf zwischen beide Hände und küsst ihn stürmisch. »O Gott, bin ich glücklich, dass ich dich mal wieder habe, Junge. Denke doch, beinahe vierzehn Tage!«

»Ja, Lämmchen«, antwortet er. »Ich bin auch nicht mehr brummig.«

Die Tür geht auf, und im halbdunklen Flur steht ein weißer Schemen vor ihnen, bellt: »Die Krankenscheine!«

»Lassen Sie einen doch erst mal rein«, sagt Pinneberg und schiebt Lämmchen vor sich her. »Übrigens sind wir privat. Ich bin angemeldet. Pinneberg ist mein Name.«

Auf das Wort »privat« hin hebt der Schemen die Hand und schaltet das Licht auf dem Flur ein: »Herr Doktor kommt sofort. Einen Augenblick, bitte. Bitte dort hinein.«

Sie gehen auf die Tür zu und kommen an einer anderen, halb offenstehenden vorbei. Das ist wohl das gewöhnliche Wartezimmer, und in ihm scheinen die dreißig zu sitzen, die Pinneberg an sich vorbeikommen sah. Alles schaut auf die beiden, und ein Stimmengewirr erhebt sich: »So was gibt’s nicht!« – »Wir warten schon länger!« – »Wozu zahlen wir unsere Kassenbeiträge?« – »Und mehr als solche feinen Pinkels!«

Die Schwester tritt in die Tür: »Seien Sie bloß man ruhig! Herr Doktor wird ja gestört. Was Sie denken, ist nicht, das ist der Schwiegersohn von Herrn Doktor mit seiner Frau. Nicht wahr?«

Pinneberg lächelt geschmeichelt, Lämmchen strebt der anderen Tür zu. Einen Augenblick ist Stille.

»Nu bloß schnell«, flüstert die Schwester und schiebt Pinneberg vor sich her. »Diese Kassenpatienten sind zu gewöhnlich. Was die Leute sich einbilden für das bisschen Geld, das die Kasse zahlt …«

Die Tür fällt zu, der Junge und Lämmchen sind im roten Plüsch.

»Das ist sicher sein Privatsalon«, sagt Pinneberg. »Wie gefällt dir das? Schrecklich altmodisch, finde ich.«

»Mir war es grässlich«, sagt Lämmchen. »Wir sind doch sonst auch Kassenpatienten. Da hört man mal, wie die beim Arzt über uns reden.«

»Warum regst du dich auf?«, fragt er. »Das ist doch so. Mit uns kleinen Leuten machen sie, was sie wollen …«

»Es regt mich aber auf …«

Die Tür öffnet sich, eine andere Schwester kommt. »Herr und Frau Pinneberg bitte? Herr Doktor lässt noch um einen Augenblick Geduld bitten. Wenn ich unterdes die Personalien aufnehmen dürfte?«

»Bitte«, sagt Pinneberg und wird gleich gefragt: »Wie alt?«

»Dreiundzwanzig.«

Und nun geht es weiter: »Vorname: Johannes.« – Nach einem Stocken: »Buchhalter.«

Und glatter: »Immer gesund gewesen. Die üblichen Kinderkrankheiten, soviel ich weiß, beide gesund.« Wieder stockend: »Ja, die Mutter lebt noch. Der Vater nicht mehr, nein. Kann ich nicht sagen, woran er gestorben ist.«

Und Lämmchen:

»Zweiundzwanzig – Emma.«

Jetzt zögert sie: »Geborene Mörschel. – Stets gesund, beide Eltern am Leben, beide gesund.«

»Also einen Augenblick noch. Herr Doktor ist sofort frei.«

»Wozu das alles nötig ist«, brummt er, nachdem die Tür wieder zufiel. »Wo wir doch nur …«

»Gerne hast du es nicht gesagt: Buchhalter.«

»Und du nicht das mit der geborenen Mörschel!« Er lacht. »Emma Pinneberg, genannt Lämmchen, geborene Mörschel. Emma Pinne …«

»Bist du stille! O Gott, Junge, ich müsste noch einmal ganz unbedingt. Hast du eine Ahnung, wo das hier ist?«

»Also das ist doch immer dieselbe Geschichte mit dir … Statt dass du das vorher …«

»Aber ich bin, Junge. Ich bin wirklich. Noch auf dem Rathausmarkt. Für einen ganzen Groschen. Aber wenn ich aufgeregt bin …«

»Also Lämmchen, nimm dich doch einen Augenblick zusammen. Wenn du wirklich eben erst …«

»Junge, ich muss …«

»Ich bitte«, sagt eine Stimme. In der Tür steht Doktor Sesam, der berühmte Doktor Sesam, von dem die halbe Stadt und die viertel Provinz flüstern, dass er ein weites Herz hat, manche sagen auch: ein gutes Herz. Jedenfalls hat er eine volkstümliche Broschüre über sexuelle Probleme verfasst, und darum hat Pinneberg den Mut gehabt, ihm zu schreiben und sich und Lämmchen anzumelden.

Dieser Doktor Sesam steht also in der Tür und sagt: »Ich bitte.«

Pinneberg sieht ihn scheu von der Seite an, als er vorbeigeht: Ein Mann, der jeden Tag mit solchen Dingen zu tun haben darf, zu dem alle Frauen kommen.

Lämmchen denkt: Wie ein netter Papa sieht er aus, wie ein guter, aber müder Papa. Ich ließe ihn mal ausschlafen.

»Sie haben mir geschrieben, Herr Pinneberg«, sagt der Doktor und sucht auf seinem Schreibtisch nach dem Brief. »Sie können noch keine Kinder brauchen, weil das Geld nicht reicht.«

»Ja«, sagt Pinneberg und ist schrecklich verlegen.

»Machen Sie sich immer schon ein bisschen frei«, sagt der Arzt zu Lämmchen und fährt dann fort: »Und nun möchten Sie einen ganz sicheren Schutz wissen. Ja, einen ganz sicheren …« Er lächelt skeptisch durch seine goldene Brille.

»Ich habe in Ihrem Buch gelesen«, sagt Pinneberg, »diese Pessoirs …«

»Diese Pessare«, sagt der Arzt, »ja, aber sie passen nicht für jede Frau. Und dann ist es ja immer etwas umständlich. Ob Ihre Frau das Geschick hat …«

Er sieht zu ihr hoch. Sie hat sich ein bisschen ausgezogen, nur so angefangen, die Bluse und den Rock, mit ihren schlanken Beinen steht sie sehr groß da. Ihre Schultern sind so kräftig und breit. »Nun, gehen wir einmal rüber«, sagt der Arzt. »Die Bluse hätten wir dazu nun nicht auszuziehen brauchen, kleine junge Frau.«

Lämmchen wird ganz rot.

»Nun lassen Sie sie jetzt liegen. Kommen Sie. Einen Augenblick, Herr Pinneberg.«

Die beiden gehen in das Nebenzimmer. Pinneberg sieht ihnen nach. Der ganze Doktor Sesam reicht Lämmchen nicht bis an die Schultern, und so in Schlüpfern sieht Lämmchen auch noch besonders groß aus. Pinneberg findet wieder, sie sieht herrlich aus, das beste Mädchen von der Welt, das einzige überhaupt. Er arbeitet in Ducherow und sie hier in Platz, er sieht sie höchstens alle vierzehn Tage, und so ist sein Entzücken immer frisch und sein Appetit über alles Begreifen.

Nebenan hört man den Arzt ab und zu halblaut etwas fragen, gegen einen Schalenrand klappert ein Instrument, das Geräusch kennt man vom Zahnarzt, es ist kein angenehmes Geräusch.

Nun fährt er zusammen, diese Stimme von Lämmchen kennt er noch nicht – sie sagt ganz laut, fast schreiend, so hell: »Nein, nein, nein!« Und noch einmal: »Nein!« Und dann ganz leise, aber er hört es doch: »O Gott.«

Pinneberg macht drei Schritte gegen die Tür – was ist das? was kann da sein? –, aber nun spricht der Arzt wieder, nichts zu verstehen, und jetzt klappert wieder das Instrument.

Und dann lange Stille.

Es ist ein Hochsommertag, etwa Mitte Juli, herrlichster Sonnenschein. Der Himmel draußen ist dunkelblau, ins Fenster reichen ein paar Zweige, sie bewegen sich im Seewind. Das ist ein altes Lied aus Pinnebergs Kinderzeit:

Wehe-Wind, Puste-Wind,

Nimm den Hut nicht meinem Kind!

Puste-Wind, Wehe-Wind –

Sei gelind zu meinem Kind.

Die im Wartezimmer reden. Denen wird die Zeit auch lang. Eure Sorgen möcht ich haben. Eure Sorgen …

Die beiden kommen wieder. Pinneberg wirft einen Blick auf Lämmchen, sie hat so große Augen, wie von einem Schreck erweitert. Sie ist blass, aber nun lächelt sie ihm zu, kümmerlich erst, und dann breitet sich das Lächeln voll aus und wird immer stärker und blüht auf …

Der Arzt steht in der Ecke, er wäscht sich die Hände. Schräg schaut er hinüber zu Pinneberg. Dann sagt er eilig: »Ein bisschen zu spät, Herr Pinneberg, mit der Verhütung. Die Tür ist zu. Ich denke Anfang des zweiten Monats.«

Pinneberg ist ohne Atem. Dann sagt er: »Herr Doktor, das ist unmöglich! Wir haben so aufgepasst. Ganz unmöglich ist das. Sag doch selbst, Lämmchen.«

»Junge!«, sagt sie. »Junge …«

»Es ist so«, sagt der Arzt. »Ein Zweifel ist gar nicht möglich. Und glauben Sie mir, Herr Pinneberg, ein Kind ist für jede Ehe immer gut.«

»Herr Doktor«, sagt Pinneberg, und seine Lippe zittert. »Herr Doktor, ich verdiene im Monat hundertachtzig Mark! Ich bitte Sie, Herr Doktor …!«

Doktor Sesam sieht schrecklich müde aus. Was jetzt kommt, das kennt er, das hört er am Tage dreißigmal.

»Nein«, sagt er. »Nein. Kommt überhaupt nicht in Frage. Sie sind beide gesund. Und Ihr Einkommen ist gar nicht schlecht. Gar – nicht – schlecht.«

»Herr Doktor …!«, sagt Pinneberg fieberhaft.

Hinter ihm steht Lämmchen und streicht ihm über die Haare. »Lass, Junge, lass. Es wird schon gehen.«

»Aber es ist ganz unmöglich …«, bricht Pinneberg aus und wird still. Die Schwester ist hereingekommen.

»Herr Doktor werden am Apparat verlangt.«

»Sie sehen«, sagt der Arzt. »Passen Sie auf, Sie freuen sich noch. Und wenn das Kind da ist, kommen Sie sofort zu mir. Dann machen wir das mit der Verhütung. Verlassen Sie sich nicht aufs Nähren. Also denn … Mut, junge Frau!« Er schüttelt Lämmchen die Hand.

»Ich möchte gleich …«, sagt Pinneberg und fasst nach seinem Portemonnaie.

»Ach ja«, sagt der Arzt, schon in der Tür, und sieht die beiden noch einmal an, schätzend. »Na, fünfzehn Mark, Schwester.«

»Fünfzehn …«, sagt Pinneberg gedehnt und sieht die Tür an. Doktor Sesam ist schon fort. Er holt umständlich einen Zwanzigmarkschein hervor, schaut mit gerunzelter Stirn zu, wie die Quittung ausgeschrieben wird, und nimmt sie in Empfang.

Seine Stirn hellt sich etwas auf: »Ich bekomme das von der Krankenkasse wieder, nicht wahr?«

»Doch nicht«, sagt die Schwester. »Schwangerschaftsdiagnosen erstatten die Kassen nicht.«

»Komm, Lämmchen«, sagt er.

Sie steigen langsam die Treppe hinunter. Auf einem Absatz bleibt Lämmchen stehen und nimmt seine Hand zwischen die ihren. »Sei nicht so traurig, bitte nicht! Es wird schon gehen.«

»Ja. Ja«, sagt er, tief in Gedanken.

Sie gehen ein Stück Rothenbaumstraße, dann biegen sie in die Hohe Straße ein. Hier sind viele Häuser und Menschen, Autos fahren in Rudeln, die Abendzeitungen sind schon da, niemand achtet auf die beiden.

»Gar kein schlechtes Einkommen, sagt der, und nimmt mir fünfzehn Mark ab von meinen hundertachtzig. Solch Räuber.«

»Ich schaffe es schon«, sagt Lämmchen. »Ich schaffe es schon.«

»Ach du«, sagt er.

Von der Hohen Straße biegen sie in den Krümperweg ein, still ist das plötzlich hier.

Lämmchen sagt: »Jetzt versteh ich manches.«

»Wieso?«, fragt er.

»Ach nichts, nur dass mir morgens immer schlecht ist. Und es war überhaupt so komisch …«

»Aber du musst es doch an der Regel gemerkt haben.«

»Ich hab doch immer gedacht, die kommt noch. Wer denkt das nicht …«

»Vielleicht hat er sich geirrt!«

»Nein. Das glaube ich nicht. Es stimmt schon.«

»Aber möglich ist es doch, dass er sich geirrt hat?«

»Nein, ich glaube …«

»Bitte, höre doch nur zu, was ich sage! Möglich ist es doch!?«

»Möglich … möglich ist alles.«

»Also vielleicht kommt morgen schon die Regel. Dann schreib ich dem aber einen Brief …!« Er versinkt in Gedanken, er schreibt einen Brief.

Auf den Krümperweg folgt die Hebbelstraße, die beiden gehen fein bedachtsam durch den Sommernachmittag, in dieser Straße stehen schöne Ulmen.

»Meine fünfzehn Mark verlang ich dann aber auch zurück«, sagt Pinneberg plötzlich.

Lämmchen antwortet nicht. Sie tritt kräftig auf, mit der ganzen Breite des Schuhs, und sie sieht genau, wohin sie tritt, es ist alles so anders …

»Wohin gehen wir eigentlich?«, fragt er plötzlich.

»Ich muss noch mal nach Haus«, sagt Lämmchen. »Ich habe Mutter nichts gesagt, dass ich wegbleibe.«

»Auch das noch!«, sagt er.

»Schimpf nicht, Junge«, bittet sie. »Ich konnte es doch gar nicht, wo du heute Vormittag erst im Geschäft angerufen hast. Aber ich will sehen, dass ich um halb neun noch mal runterkomme. Mit welchem Zug willst du fahren?«

»Um halb zehn.«

»Dann bring ich dich zur Bahn.«

»Und sonst nichts«, sagt er. »Sonst wieder mal nichts. Ein Leben ist das …«

Die Lütjenstraße ist eine richtige Arbeiterstraße, immer wimmelt es von Kindern da, man kann keinen richtigen Abschied nehmen.

»Nimm es nicht so schwer, Junge«, sagt sie und gibt ihm die Hand. »Ich schaff es schon.«

»Jaja«, sagt er und versucht zu lächeln. »Du bist Trumpfass, Lämmchen, und stichst alles.«

»Und um halb neun bin ich unten. Bestimmt.«

»Und keinen Kuss jetzt?«

»Es geht wirklich nicht, es wird gleich weitergetratscht. Tapfer, tapfer.«

Sie sieht ihn an.

»Also gut, Lämmchen«, sagt er. »Nimm du es auch nicht so schwer. Irgendwie wird es ja werden …«

»Natürlich«, sagt sie. »Ich verlier den Mut nicht. Tjüs derweile.«

Sie huscht schnell die dunkle Treppe hinauf, ihr Stadtköfferchen schlägt gegen das Geländer: klapp – klapp – klapp …

Pinneberg sieht den hellen Beinen nach. Dreihundertsiebenundachtzigmal, sechstausendfünfhundertzweiunddreißigmal ist ihm Lämmchen diese gottverdammte Treppe hinauf entschwunden.

»Lämmchen!«, brüllt er. »Lämmchen!«

»Ja?«, fragt sie von oben und sieht über das Geländer.

»Einen Augenblick«, ruft er. Er stürmt die Treppe hinauf, er steht atemlos vor ihr, er fasst sie bei den Schultern. »Lämmchen!«, sagt er und keucht vor Aufregung und Atemnot. »Emma Mörschel! Wie, wenn wir uns heiraten würden?«

Mutter Mörschel – Herr Mörschel – Karl Mörschel: Pinneberg gerät in die Mörschelei

Lämmchen Mörschel sagte nichts. Sie machte sich von Pinneberg los und setzte sich sachte auf eine Treppenstufe. Plötzlich waren ihre Beine weg. Nun saß sie da und sah zu ihrem Jungen hoch. »O Gott«, sagte sie. »Junge, wenn du das tätest –!«

Ihre Augen wurden ganz hell. Es waren dunkelblaue Augen mit einer Schattierung ins Grünliche: Sie strömten geradezu über von strahlendem Licht.

Wie wenn alle Weihnachtsbäume ihres Lebens auf einmal in ihr brennten, dachte Pinneberg und wurde ganz verlegen vor Rührung.

»Also geht in Ordnung, Lämmchen«, sagte er. »Machen wir. Und möglichst bald … von wegen …« Er sah auf ihren Leib.

»Junge, ich sage dir aber, du brauchst es nicht. Ich komme auch so zurecht. Nur, da hast du recht, besser ist es, wenn der Murkel einen Vater hat.«

»Der Murkel«, sagte Johannes Pinneberg, »richtig, der Murkel.« Er war einen Augenblick still. Er kämpfte mit sich, ob er Lämmchen nicht sagen sollte, dass er bei seinem Heiratsantrag gar nicht an diesen Murkel gedacht hatte, sondern nur daran, dass es sehr gemein war, an diesem Sommerabend drei Stunden auf sein Mädchen in der Straße zu warten. Aber er sagte es nicht. Stattdessen bat er: »Steh doch auf, Lämmchen. Die Treppe ist sicher ganz dreckig. Dein guter weißer Rock …«

»Lass den Rock, lass ihn sausen! Was kümmern uns alle Röcke von der Welt! Bin ich glücklich, Hannes, Junge!«

Nun war sie wirklich auf ihren Beinen und fiel ihm wieder um den Hals. Und das Haus war gütig: Von den zwanzig Parteien, die über diese Treppe aus und ein gingen, kam nicht eine, nachmittags nach fünfe in der Laufzeit, wo die Verdiener nach Haus kommen und die Hausfrauen schnell noch eine vergessene Zutat zum Essen holen. Keiner kam.

Bis Pinneberg sich frei machte und sagte: »Aber das können wir doch sicher oben auch – als Brautpaar. Gehen wir rauf.«

Lämmchen fragte bedenklich: »Willst du gleich mit? Ist es nicht besser, ich bereite Vater und Mutter darauf vor, wo sie dich noch gar nicht kennen?«

»Was doch sein muss, tut man am besten gleich«, erklärte Pinneberg, der nicht allein bleiben wollte. »Übrigens werden sie sich doch bestimmt freuen.«

»Na ja«, meinte Lämmchen nachdenklich. »Mutter sicher. Vater, weißt du, da darfst du dich nicht dran stoßen, Vater flachst gerne, der meint das nicht so.«

»Ich werd es schon richtig verstehen«, sagte Pinneberg.

Lämmchen schloss die Tür auf: ein kleiner dunkler Vorplatz, der ziemlich nach Zwiebeln roch. Hinter einer angelehnten Tür klang eine Stimme: »Emma! Komm mal gleich her!«

»Ein Augenblick, Mutter«, rief Emma Mörschel, »ich zieh nur meine Schuh aus.«

Und sie nahm Pinneberg bei der Hand und führte ihn auf den Zehenspitzen in ein kleines Hofzimmer, wo zwei Betten standen.

»Komm, leg deine Sachen dahin. Ja, das ist mein Bett, da schlafe ich drin. Im andern Bett schläft Mutter. Vater und Karl schlafen drüben in der andern Stube. Nun komm! Halt, dein Haar.«

Sie fuhr ihm schnell mit dem Kamm durch die Wirrnis: »Muss doch gut aussehen, mein Junge, wenn er zur Schwiegermutter kommt!«

Beiden klopfte das Herz. Sie nahm ihn bei der Hand, sie gingen über den Vorplatz, sie stießen die Tür zur Küche auf. Am Herde stand mit rundem krummem Rücken eine Frau und briet etwas in einer Pfanne. Pinneberg sah ein braunes Kleid und eine große blaue Schürze.

Die Frau sah nicht hoch: »Lauf schnell mal in den Keller, Emma, und hol Presskohlen. Ich kann das Karl hundertmal sagen …«

»Mutter«, sagte Emma, »das ist mein Freund Johannes Pinneberg aus Ducherow. Wir wollen uns heiraten.«

Die Frau am Herd sah hoch. Es war ein braunes Gesicht mit einem ganz starken Mund, einem scharfen gefährlichen Mund, ein Gesicht mit sehr hellen, wie ausgeblassten Augen und mit zehntausend Falten. Eine alte Arbeiterfrau. Die Frau sah Pinneberg an, nur einen Augenblick, scharf, grausam. Dann wandte sie sich wieder zu ihren Kartoffelpuffern.

»Dumm Tügs«, sagte sie. »Schleppst du mir jetzt deine Kerle ins Haus? Geh und hol Kohlen, ich hab keine Glut.«

»Mutter«, sagte Lämmchen und versuchte zu lachen, »er will mich wirklich heiraten.«

»Hol Kohlen, sag ich, Deern«, rief die Frau und fuhrwerkte mit der Gabel.

»Mutter …«

Die Frau sah hoch. Sie sagte langsam: »Bist du noch nicht unten?! Willst du einen Backs?!!«

Ganz rasch drückte Lämmchen ihrem Pinneberg die Hand. Dann nahm sie einen Korb, rief, so fröhlich es ging: »Gleich bin ich wieder da!«, und die Flurtür klappte.

Pinneberg stand verlassen in der Küche. Er sah vorsichtig gegen Frau Mörschel hin, als könnte sein Hinsehen sie schon reizen, dann gegen das Fenster. Man sah nur einen blauen Sommerhimmel und ein paar Schornsteine.

Frau Mörschel schob die Pfanne beiseite und hantierte mit den Herdringen. Es klapperte und klirrte sehr. Sie stocherte mit dem Feuerhaken in der Glut, dabei murrte sie vor sich hin.

Höflich fragte Pinneberg: »Wie bitte …?«

Es waren die ersten Worte, die er bei Mörschels sagte.

Er hätte es nicht tun sollen, denn wie ein Geier schoss die Frau auf ihn nieder. In der einen Hand hielt sie den Haken, in der andern Hand noch die Gabel vom Pufferwenden, aber das war nicht schlimm, trotzdem sie damit fuchtelte. Schlimm war ihr Gesicht, in dem alle Falten zuckten und sprangen, schlimmer waren ihre grausamen und bösen Augen.

»Wenn Sie mir mein Mädchen in Schande bringen!«, schrie sie, außer sich.

Pinneberg trat einen Schritt zurück. »Ich will sie ja heiraten, Frau Mörschel«, sagte er ängstlich.

»Sie denken wohl, ich weiß nicht, was ist«, sagte die Frau unbeirrt. »Seit zwei Wochen stehe ich hier und warte. Ich denke, sie sagt mir was, ich denke, sie bringt den Kerl bald an, ich sitze hier und warte.« Sie holt Atem. »Das ist ein gutes Mädchen, Sie Mann Sie, meine Emma, das ist kein Dreck für Sie. Die ist immer fröhlich gewesen, die hat mir nie ein böses Wort gegeben – wollen Sie sie in Schande bringen?!«

»Nein, nein«, flüstert Pinneberg angstvoll.

»Doch! Doch!«, schreit Frau Mörschel. »Doch! Doch! Zwei Wochen stehe ich hier und warte, dass sie ihre Binden zum Waschen gibt – nichts. Wie haben Sie das gemacht, Sie?!«

Pinneberg kann es nicht sagen. Diese Frau ist ja verrückt vor Angst, denkt er, aber seltsam, er ist ihr nicht mehr böse, er hat auch kaum mehr Furcht. Er versteht es, dass dies Lämmchens Mutter ist und dass Lämmchens Mutter so sein musste, damit Lämmchen die wurde, die sie ist.

»Wir sind junge Leute«, sagt er sanft.

»Ach Sie«, sagt sie noch böse, »dass Sie mein Mädchen dazu gekriegt haben.« Plötzlich grollt sie wieder. »Schweine seid ihr Männer, alles Schweine, pfui!«

»Wir heiraten, sobald es mit den Papieren geht«, erklärt Pinneberg.

Frau Mörschel steht wieder am Herd. Das Fett brutzelt, sie fragt: »Was sind Sie?«

»Buchhalter in einem Getreidegeschäft.«

»Also ein Angestellter?«

»Ja.«

»Arbeiter wäre mir lieber. Ihr wollt immer hoch hinaus und habt nichts zu fressen. Was verdienen Sie?«

»Hundertachtzig Mark.«

»Mit Abzügen?«

»Nein, die gehen noch ab.«

»Das ist gut«, sagt die Frau, »das ist nicht so viel. Mein Mädchen soll einfach bleiben.« Und plötzlich wieder ganz böse: »Denken Sie nicht, dass sie was mitbekommt! Wir sind Proletarier. Nur das bisschen Wäsche, was sie sich selbst gekauft hat. Vielleicht kann ich ihr auch ein Bett geben, ich will mal mit meinem Mann sprechen.«

»Das ist alles nicht nötig«, sagt Pinneberg.

»Na, Sie haben doch auch nichts. Sie sehen doch auch nicht nach Sparen aus, solcher Anzug …«

Pinneberg braucht nicht zu gestehen, dass sie ziemlich das Richtige getroffen hat, Lämmchen kommt mit den Kohlen. Sie ist bester Stimmung. »Hat sie dich aufgefressen, armer Junge?«, fragt sie. »Mutter ist ein richtiger Teekessel, sie kocht immer gleich über.«

»Sei nicht so frech, du Ütz«, sagt die Alte, »sonst kriegst du doch noch deinen Backs. Geht in die Schlafstube und schleckt euch ab. Ich will mit Vater zuerst allein reden.«

»Na also«, sagt Lämmchen. »Hast du meinen Jungen auch schon gefragt, ob er Kartoffelpuffer mag? Heute ist unser Verlobungstag.«

»Raus mit euch«, sagt Frau Mörschel. »Und dass ihr mir nicht die Tür abschließt, ich sehe ein paarmal, dass ihr keine Dummheiten macht!«

Sie sitzen sich an dem kleinen Tisch auf den weißen Stühlen gegenüber.

»Mutter ist ’ne einfache Arbeiterin«, sagt Lämmchen. »Die ist so derb, sie denkt sich nichts dabei.«

»Oh, sie denkt sich schon was dabei«, sagt Pinneberg und grinst. »Deine Mutter weiß Bescheid, verstehst du, was uns der Doktor heute gesagt hat.«

»Mutter sitzt immer hier im Haus«, sagt Lämmchen. »Die Mutter weiß alles. Vater hat mal ’ne Gehaltserhöhung bekommen und hat es Mutter nicht sagen wollen, weil sie ihn immer so knapp hält, keine zwei Wochen und Mutter hat es gewusst.«

»Ich glaub, sie ist jetzt einverstanden«, sagt Pinneberg vorsichtig.

»Natürlich ist sie das. Wenn Mutter mit Vater reden will, ist sie einverstanden. Ich glaub, du hast ihr gut gefallen.«

»Na, weißt du«, sagt Pinneberg, »so sah das aber nicht aus.«

»Mutter ist so. Mutter muss immer schimpfen, und wen sie am liebsten mag, schimpft sie am meisten. Ich hör’s schon gar nicht mehr.«

Einen Augenblick ist Stille. Beide sitzen sich brav gegenüber, die Hände liegen auf dem Tischchen.

»Ringe müssen wir uns auch kaufen«, sagt Pinneberg gedankenvoll.

»O Gott, ja«, sagt Lämmchen rasch. »Sag schnell, welche magst du lieber: glänzend oder matt?«

»Matt!«, sagt er.

»Ich auch! Ich auch!«, ruft sie. »Das ist fein. – Du, was werden die kosten?«

»Ich weiß auch nicht. Dreißig Mark?«

»So viel?«

»Wenn wir goldene nehmen?«

»Natürlich nehmen wir goldene. Lass sehen, wir wollen Maß nehmen.«

Er rückt rum zu ihr. Sie nehmen einen Faden von einer Garnrolle. Es ist ziemlich schwierig. Einmal schneidet das Garn ein, und einmal sitzt es zu lose.

»Hände besehen bringt Streit«, sagt Lämmchen.

»Aber ich besehe sie ja gar nicht«, sagt er. »Ich küsse sie ja. Ich küsse ja deine Hände, Lämmchen.« –

Es klopft mit sehr hartem Knöchel gegen die Tür. »Rüberkommen! Vater ist da!«

»Gleich«, sagt Lämmchen und löst sich aus seinem Arm. »Komm, schnell uns ein bisschen zurechtmachen. Vater flachst ewig.«

»Wie ist er denn, dein Vater?«

»Gott, du wirst ja gleich sehen. Ist ja auch ganz egal. Du heiratest mich, mich, mich, ohne Vater und Mutter.«

»Aber mit dem Murkel.«

»Mit dem Murkel, ja. Nette unvernünftige Eltern bekommt er. Nicht eine Viertelstunde können sie vernünftig sitzen …«

Auf den Küchentisch ist ein Wurststück gelegt, darauf stehen fünf weiße Steingutteller mit blauem Würfelrand. Fünf hässliche Blechbestecke. Ein Teller mit zwei sauren Gurken. Drei Gläser und drei Flaschen Bier.

Am Küchentisch sitzt ein langer Mann in grauen Hosen, grauer Weste und einem weißen Arbeitshemd, ohne Jacke, ohne Kragen. An den Füßen hat er Pantoffeln. Ein gelbes faltiges Gesicht, kleine scharfe Augen hinter einem hängenden Zwicker, ein grauer Schnurrbart, ein fast weißer Kinnbart.

Der Mann liest die Volksstimme, aber nun, da Pinneberg mit Emma hereinkommt, lässt er das Blatt sinken und betrachtet ihn.

»Sie sind also der junge Mann, der meine Tochter heiraten will? Sehr erfreut, bitte, nehmen Sie Platz. Dort drüben, ja, dann habe ich Ihr Gesicht im Licht. Sie werden es sich noch überlegen.«

»Was?«, fragt Pinneberg.

Lämmchen hat sich auch eine Schürze umgebunden und hilft der Mutter. Frau Mörschel sagt: »Wo der Bengel nur wieder bleibt! Die ganzen Puffer werden zäh.«

»Überstunden«, sagt Herr Mörschel lakonisch. Und zu Pinneberg zwinkernd: »Sie machen manchmal auch Überstunden, nicht wahr?«

»Ja«, sagt Pinneberg. »Ziemlich oft.«

»Aber ohne Bezahlung?«

»Leider. Der Chef sagt …«

Herrn Mörschel interessiert nicht, was der Chef sagt. »Sehen Sie, das ist der Unterschied zwischen meinen klassenbewussten Proleten und euch: Mein Karl kriegt seine Überstunden bezahlt.«

»Herr Kleinholz sagt …«, beginnt Pinneberg von neuem.

»Was die Arbeitgeber sagen, junger Mann«, erklärt Herr Mörschel, »das wissen wir lange. Das interessiert uns nicht. Was sie tun, das interessiert uns. Es gibt doch ’nen Tarifvertrag bei euch, was?«

»Ich glaube«, sagt Pinneberg.

»Glaube ist Religionssache. Bestimmt gibt es ihn. Und da steht sicher drin, dass Überstunden bezahlt werden müssen. Warum werden sie denn nun nicht bezahlt?«

Pinneberg zuckt die Achseln.

»Weil ihr nicht organisiert seid, ihr Angestellten«, sagt Herr Mörschel. »Weil kein Zusammenhang ist bei euch, keine Solidarität. Darum machen sie mit euch, was sie wollen.«

»Ich bin organisiert«, sagt Pinneberg mürrisch. »Ich bin in ’ner Gewerkschaft.«

»Du, Emma, du, Mutter, unser junger Mann ist in ’ner Gewerkschaft! Wer hätte das gedacht! So schnieke und Gewerkschaft.« Der lange Mörschel hat den Kopf ganz auf die Seite gelegt und besieht seinen künftigen Schwiegersohn mit eingekniffenen Augen. »Und wie nennt sich Ihre Gewerkschaft, mein Junge? Nu, raus damit!«

»Gewerkschaftsbund der Angestellten«, sagt Pinneberg und ärgert sich immer mehr.

Der lange Mann krümmt sich völlig zusammen: »GDA! Mutter, Emma, haltet mich fest, das nennt dies Blümchen ’ne Gewerkschaft! Ein gelber Verband, zwischen zwei Stühlen. O Gott, Kinder, so ein Witz …«

»Na, erlauben Sie mal«, sagt Pinneberg wütend, »wir sind kein gelber Verband! Wir werden nicht von den Arbeitgebern finanziert. Wir zahlen unsern Bundesbeitrag selber.«

»Für die Bonzen! Für die gelben Bonzen! Na, Emma, da hast du dir ja den Richtigen ausgesucht! Ein GDA-Mann! Wissen Sie auch, junger Mann, was Ihr Bund für ’ne Parole bei der letzten Reichstagswahl ausgegeben hat?«

»Gar keine. Wir sind ganz unpolitisch.«

»Hier bei uns haben sie gesagt: wählt Staatspartei, und zehn Dörfer weiter haben sie gesagt: wählt Bürgerblock. Unpolitisch … hehe …«

Pinneberg sieht hilfesuchend zu Lämmchen hinüber, aber Lämmchen sieht nicht her, vielleicht ist sie dies gewöhnt, aber wenn sie es gewöhnt ist, für ihn ist es doch schlimm.

Herr Mörschel rafft sich zusammen: »Sie heißen ja wohl Pinneberg? Na ja, seinen Namen soll man niemandem vorwerfen, dafür kann keiner. Immerhin: Emma Pinneberg … ich möcht nur überlegen, Emma …«

»Mir gefällt’s, Vater.«

»Na ja, du Lamm! – Also, Herr Pinneberg, fünfunddreißig Jahre bin ich in der Partei …«

»In was für ’ner Partei?«

»Es gibt nur eine Partei. Die SPD. Die andern … na, das ist wie mit Ihrem Gewerkschaftsbund. Und durch die Partei bin ich aus ’nem Arbeiter das geworden, was Sie sind: Angestellter. Ich arbeite auf dem Parteibüro. Angestellter. Aber deswegen bin ich erst recht organisiert, und deswegen mach ich noch lange keine unbezahlten Überstunden, deswegen bleibe ich doch ewig ein Prolet.«

»Na ja«, sagt Pinneberg.

»Angestellter, wenn ich das schon höre«, sagt Mörschel. »Ihr denkt, ihr seid was Besseres wie wir Arbeiter.«

»Denk ich nicht.«

»Denken Sie doch. Und warum denken Sie das? Weil Sie Ihrem Arbeitgeber nicht ’ne Woche den Lohn stunden, sondern den ganzen Monat. Weil Sie unbezahlte Überstunden machen, weil Sie sich unter Tarif bezahlen lassen, weil Sie nie ’nen Streik machen, weil Sie alle Streikbrecher sind …«

»Es geht doch nicht nur ums Geld«, sagt Pinneberg. »Wir denken doch anders als die meisten Arbeiter, wir haben doch andere Bedürfnisse …«

»Anders denken«, sagt Mörschel, »anders denken, Sie denken genauso wie ein Prolet …«

»Das glaube ich nicht«, sagt Pinneberg, »ich zum Beispiel …«

»Sie zum Beispiel«, sagt Mörschel und kneift die Augen ganz gemein ein und feixt. »Sie zum Beispiel haben sich doch Vorschuss genommen?«

»Wieso?«, fragt Pinneberg verwirrt. »Vorschuss?«

»Na ja, Vorschuss«, grinst der andere noch mehr. »Vorschuss, da, bei meiner Tochter Emma. Nicht sehr fein, Herr. Mächtig proletarische Angewohnheit …«

»Ich …«, fängt Pinneberg an und ist sehr rot und hat Lust, die Türen zu donnern und zu schreien: Rutschen Sie mir doch …

»Ruhig bist du jetzt«, sagt Frau Mörschel. »Das ist erledigt. Das geht dich gar nichts an.«

»Da kommt der Karl«, ruft Lämmchen, und draußen klappt die Tür.

»Also her mit dem Essen, Frau«, sagt Mörschel. »Und recht habe ich doch, Schwiegersohn, fragen Sie mal Ihren Pastor. Unfein …«

Ein junger Mensch kommt herein, aber jung ist nur eine Altersbezeichnung für ihn, er sieht völlig unjung aus, noch gelber, noch galliger als der Alte. Er knurrt: »’n Abend«, nimmt von dem Gast keine weitere Notiz und zieht Jacke und Weste aus, dann das Hemd. Pinneberg sieht es mit steigender Verwunderung.

»Überstunden gemacht?«, fragt der Alte.

Karl Mörschel knurrt nur etwas.

»Lass doch jetzt die Scheuerei, Karl«, sagt Frau Mörschel, »komm essen.«

Aber Karl lässt schon das Wasser am Ausguss laufen und fängt an, sich sehr intensiv zu waschen. Bis zu den Hüften ist er nackt, Pinneberg geniert sich etwas, Lämmchens wegen. Aber die scheint nichts dabei zu finden, es ist ihr wohl selbstverständlich.

Pinneberg ist vieles nicht selbstverständlich. Die hässlichen Steingutteller mit den schwärzlichen Anschlagstellen, die halbkalten Kartoffelpuffer mit etwas sauren Gurken, die ein Mittagessen darstellen, das laue Flaschenbier, das nur für die Männer dasteht, dazu diese Küche, der waschende Karl …

Pinneberg hat es sich anders gedacht. Nach den eiligen lieblosen Mittagstischen seiner Junggesellenzeit sehnt er sich nach einem weißen, sauber gedeckten Tisch, einem Essen mit anständigen reinen Zutaten, einer hübsch angezogenen Hausfrau … Er sieht nach Lämmchen. Sie hat die blaue Schürze umbehalten.

Das darf sie nicht bei uns, denkt er. Und möchte, dass sie einmal nach ihm hinsähe, aber sie spricht halblaut mit ihrer Mutter etwas, von Plätten und Wäsche.

Karl setzt sich an den Tisch, sagt brummig: »Nanu, Bier?«

»Das ist der Bräutigam von Emma«, erklärt Frau Mörschel. »Sie wollen bald heiraten.«

»So«, sagt Karl. Und damit ist dieser Punkt für ihn erledigt. Aber zum Vater: »Morgen früh lass mich liegen, ich spiel krank.«

»Warum denn?«, fragt der Alte. »Du hast es doch nicht so dicke. Mutter wartet schon wieder seit zwei Wochen auf dein Kostgeld.«

»Soll die Emma mehr zahlen, wo sie jetzt ’nen reichen Bourgeois hat. – Deine Sozialfaschisten haben wieder ’nen schönen Verrat in der Fabrik gemacht.«

»Sozialfaschisten …«, sagt der Alte. »Wer wohl Faschist ist, du Sowjetist!«

»Na klar«, sagt Karl, »ihr Panzerkreuzerhelden.«

Die Debatte wurde sehr spitz.

Spielt in der Nacht und handelt von Liebe und Geld

Pinneberg hat seinen Zug sausenlassen, er kann auch morgens um vier reisen. Dann ist er immer noch rechtzeitig im Geschäft.

Die beiden sitzen in der dunklen Küche. Drinnen in der einen Stube schläft Herr, in der andern Frau Mörschel. Karl ist in eine KPD-Versammlung gegangen.

Sie haben zwei Küchenstühle nebeneinandergezogen und sitzen mit dem Rücken zu dem erkalteten Herd. Die Tür zu dem kleinen Küchenbalkon steht offen, der Wind bewegt leise den Schal über der Tür. Draußen ist – über einem heißen, radiolärmenden Hof – der Nachthimmel, dunkel, mit sehr blassen Sternen.

»Ich möchte«, sagt Pinneberg leise und drückt Lämmchens Hand, »dass wir es ein bisschen hübsch hätten. Weißt du« – er versucht es zu schildern –, »es müsste hell sein bei uns und weiße Gardinen und alles immer schrecklich sauber.«

»Ich versteh«, sagt Lämmchen, »ich versteh, es muss schlimm sein bei uns für dich, wo du es nicht gewöhnt bist.«

»So meine ich es doch nicht, Lämmchen.«

»Doch, doch. Warum sollst du es nicht sagen, es ist doch schlimm. Dass sich Karl und Vater immer zanken, ist schlimm. Und dass Vater und Mutter immer streiten, das ist auch schlimm. Und dass nie Ordnung ist und dass sie Mutter immer um das Kostgeld betrügen wollen und dass Mutter sie mit dem Essen betrügt … alles ist schlimm.«

»Aber warum sind sie so? Bei euch verdienen doch drei, da müsste es doch gut gehen.«

Lämmchen antwortet ihm nicht. »Ich gehör ja nicht rein hier«, sagt sie stattdessen, »ich bin immer das Aschenputtel gewesen. Wenn Vater und Karl nach Haus kommen, haben alle Feierabend. Dann fang ich an mit Aufwaschen und Plätten und Nähen und Strümpfestopfen. Ach, es ist nicht das!«, ruft sie aus. »Das täte man ja gerne. Aber dass das alles ganz selbstverständlich ist und dass man dafür geschubst wird und geknufft, dass man nie ein gutes Wort bekommt und dass der Karl so tut, wie wenn er mich miternährt, weil er mehr Kostgeld zahlt als ich … Ich verdien doch nicht viel – was verdient denn heute eine Verkäuferin?«

»Es ist ja bald vorbei«, sagt Pinneberg. »Ganz bald.«

»Ach, es ist ja nicht das«, ruft sie verzweifelt »es ist ja alles nicht das. Aber, weißt du, Junge, sie haben mich immer richtig verachtet, du Dumme, sagen sie zu mir. Sicher, ich bin nicht so klug. Ich versteh vieles nicht. Und dann, dass ich nicht hübsch bin …«

»Aber du bist hübsch!«

»Du bist der Erste, der das sagt. Wenn wir zum Tanz gegangen sind, immer bin ich sitzen geblieben. Und wenn dann Mutter zum Karl gesagt hat, er soll seine Freunde schicken, hat er gesagt: ›Wer will denn mit so ’ner Ziege tanzen?‹ Wirklich, du bist der Erste …«

Ein unheimliches Gefühl beschleicht Pinneberg. Wirklich, denkt er, sie sollte mir das nicht so sagen. Ich hab immer gedacht, sie ist hübsch, und bin stolz auf sie gewesen, wenn wir ausgegangen sind. Und nun ist sie vielleicht gar nicht hübsch …

Lämmchen aber redet weiter: »Siehst du, Jungchen, ich will dir ja nichts vorjammern. Ich will es dir nur dieses eine einzige Mal sagen, dass du weißt, ich gehör hier nicht her, ich gehör nur zu dir. Zu dir allein. Und dass ich dir ganz furchtbar dankbar bin, nicht nur wegen des Murkels, sondern weil du das Aschenputtel geholt hast …«

»Du«, sagt er. »Du.«

»Nein, jetzt noch nicht. – Und wenn du sagst, wir wollen es hell und sauber haben, du musst ein bisschen Geduld mit mir haben, ich hab ja nie richtig kochen gelernt. Und wenn ich etwas falsch mache, dann sollst du es mir sagen, und ich will dich nie, nie belügen.«

»Nein, Lämmchen, nein. Es ist ja gut.«

»Und wir wollen uns nie, nie streiten. O Gott, Junge, was wollen wir glücklich sein, wir beide allein. Und dann der Dritte, der Murkel.«

»Wenn es aber ein Mädchen wird?«

»Er ist ein Murkel, sage ich dir, ein kleiner süßer Murkel.«

Nach einer Weile stehen sie auf und treten auf den Balkon. Ja, der Himmel ist da über den Dächern und seine Sterne in ihm. Sie stehen eine Weile schweigend, jedes die Hand auf der Schulter des andern.

Dann kehren sie zu dieser Erde zurück, mit dem engen Hof, den vielen hellen Fensterquadraten, dem Jazzgequäk.

»Wollen wir uns auch Radio anschaffen?«, fragt er plötzlich.

»Ja, natürlich. Weißt du, ich bin dann nicht so mutterseelenallein, wenn du im Geschäft bist. Aber erst später. Wir müssen uns so furchtbar viel anschaffen.«

»Ja«, sagt er.

Stille.

»Junge«, fängt Lämmchen sachte an. »Ich muss dich doch was fragen.«

»Ja?«, fragt er unsicher.

»Aber sei nicht böse.«

»Nein«, sagt er.

»Hast du was gespart?«

Pause. »Ein bisschen«, sagt er zögernd. »Und du?«

»Auch ein bisschen.« Und ganz rasch: »Aber nur ein ganz, ganz, ganz klein bisschen.«

»Sag du«, sagt er.

»Nein, sag du zuerst«, sagt sie.

»Ich …«, sagt er und bricht ab.

»Sag schon!«, bittet sie.

»Es ist wirklich nur ganz wenig, vielleicht noch weniger als du.«

»Sicher nicht.«

»Doch. Sicher.«

Pause. Lange Pause.

»Frag mich«, bittet er.

»Also«, sagt sie und holt tief Atem. »Ist es mehr als –?« Sie macht eine Pause.

»Als was?«, fragt er.

»Ach was«, lacht sie plötzlich. »Soll ich mich genieren. Hundertdreißig Mark hab ich auf der Kasse.«

Er sagt stolz und langsam: »Vierhundertsiebzig.«

»Au fein«, sagt Lämmchen. »Das wird grade glatt. Sechshundert Mark. Junge, was ein Haufen Geld!«

»Na …«, sagt er. »Viel finde ich es ja nicht. Aber man lebt schrecklich teuer als Junggeselle.«

»Und ich hab von meinen hundertzwanzig Mark Gehalt siebzig Mark für Kost und Wohnung abgeben müssen.«

»Ich glaub nicht, dass wir in Ducherow gleich ’ne Wohnung kriegen«, sagt er.

»Dann müssen wir ein möbliertes Zimmer nehmen.«

»Dann können wir auch für die Einrichtung mehr sparen.«

»Aber ich glaube, möbliert ist schrecklich teuer.«

»Aber hilft doch nichts, Lämmchen, wir kriegen sonst nichts.«

»Aber eine Küche will ich für mich allein haben. Küche zu zweien gibt immer Streit.«

»Also lass uns mal rechnen«, schlägt er vor.

»Ja. Wir wollen mal sehen, wie wir hinkommen. Wir wollen rechnen, als ob wir nichts auf der Kasse hätten.«

»Ja, das dürfen wir nicht angreifen, das soll ja mehr werden. Also hundertachtzig Mark …«

»Als Verheirateter kriegst du doch mehr.«

»Ja, weißt du, ich weiß nicht. Nach dem Tarifvertrag, aber mein Chef ist so komisch.«

»Darauf würde ich keine Rücksicht nehmen, ob der komisch ist.«

»Lämmchen, lass uns erst mal mit hundertachtzig rechnen. Die haben wir doch sicher.«

»Na schön«, stimmt sie zu. »Also erst mal die Abzüge.«

»Ja«, sagt er. »An denen kann man ja nichts machen. Steuern sechs Mark und Arbeitslosenversicherung zwei Mark siebzig. Und Angestelltenversicherung vier Mark. Und Krankenkasse fünf Mark vierzig. Und der Bund vier Mark fünfzig …«

»Na, dein Bund, der ist doch überflüssig.«

Pinneberg sagt etwas ungeduldig: »Den lass man erst. Ich hab von deinem Vater genug.«

»Schön« sagt Lämmchen. »Macht zweiundzwanzig Mark sechzig Abzüge. Fahrgeld brauchst du nicht?«

»Gott sei Dank nicht.«

»Bleiben also erst mal hundertsiebenundfünfzig Mark vierzig. Was macht die Miete?«

»Ja, ich weiß doch nicht. Zimmer und Küche, möbliert. Sicher doch vierzig Mark.«

»Sagen wir fünfundvierzig«, sagt Lämmchen. »Bleiben hundertzwölf Mark vierzig. Was denkst du, brauchen wir fürs Essen?«

»Ja, sag du mal.«

»Mutter sagt, eine Mark fünfzig braucht sie für jeden am Tag.«

»Das sind neunzig Mark im Monat«, sagt er.

»Dann bleiben noch zweiundzwanzig Mark vierzig«, sagt sie.

Die beiden sehen sich an.

Lämmchen sagt ganz schnell: »Und dann haben wir noch nichts für Feuerung. Und nichts für Gas. Und nichts für Licht. Und nichts für Porto. Und nichts für Kleidung. Und nichts für Wäsche.«

Und er sagt: »Und man möchte auch mal ins Kino. Und am Sonntag möchte man auch fort. Und ’ne Zigarette rauch ich auch gern.«

»Und sparen wollen wir auch was.«

»Mindestens zwanzig Mark im Monat.«

»Dreißig.«

»Aber wie?«

»Rechnen wir noch mal.«

»An den Abzügen ändert sich nichts.«

»Und billiger kriegen wir kein Zimmer mit Küche.«

»Vielleicht fünf Mark billiger.«

»Na ja, ich will mal sehen. ’ne Zeitung möcht man sich aber auch halten.«

»Sicher. Aber am Kostgeld, nun gut, zehn Mark vielleicht ab.«

Sie sehen sich wieder an.

»Zwanzig Mark können wir dann noch immer nicht sparen.«

»Du«, sagt sie, »musst du immer Plättwäsche tragen? Die kann ich nicht selber plätten.«

»Doch, das verlangt der Chef. Ein Oberhemd kostet sechzig Pfennig plätten und ein Kragen zehn Pfennig.«

»Macht auch wieder fünf Mark im Monat.«

»Und Schuhe besohlen.«

»Auch das, ja. Das ist auch gemein teuer.«

Pause.

»Also, rechnen wir noch mal.«

Nach einer Weile: »Also streichen wir vom Essen noch mal zehn Mark ab. Aber billiger als für siebzig kann ich es nicht.«

»Wie machen es denn die andern?«

»Ja, ich weiß auch nicht. Furchtbar viele haben doch noch weniger.«

»Ich versteh das nicht.«

»Da muss irgendwas nicht richtig sein. Lass uns noch mal rechnen.«

»Weißt du«, sagt sie nach einer Weile, »wenn ich heirate, kann ich mir doch meine Angestelltenversicherung auszahlen lassen?«

»Au fein«, sagt er. »Das gibt sicher hundertzwanzig Mark. Und deine Eltern, meinst du, geben nichts?«

»Ein bisschen Wäsche vielleicht. Ach, ich möchte das auch nicht …«

»Nein« sagt er reuig. »Natürlich nicht.«

»Und mit deiner Mutter?«, fragt sie. »Du hast mir nie was von ihr erzählt.«

»Da ist auch nichts zu erzählen« sagt er kurz. »Ich schreib ihr nicht.«

»So«, sagt sie. »Ja dann.«

Wieder Stille.

Sie stehen wieder einmal auf und treten hinaus. Es ist fast alles dunkel geworden im Hof, auch die Stadt ist still geworden. In der Ferne hört man ein Auto tuten.

Er sagt in Gedanken verloren: »Haarschneiden kostet auch achtzig Pfennig.«

»O du, lass«, sagt sie. »Was die andern können, werden wir auch können. Es wird schon gehen.«

»Du, Lämmchen«, sagt er. »Ich will dir auch kein Haushaltsgeld geben. Zu Anfang des Monats tun wir alles Geld in einen Topf, und jeder nimmt sich, was er braucht.«

»Ja«, sagt sie, »und wir sind furchtbar sparsam. Vielleicht lerne ich auch noch Oberhemden plätten.«

»Fünf-Pfennig-Zigaretten sind auch Unsinn«, sagt er. »Es gibt schon ganz anständige zu drei.«

»Und wenn wir dann eine Wohnung kriegen, dann kaufen wir uns ein feines Schlafzimmer …«

»Aber nicht auf Abzahlung«, sagt er schnell.

»Nein, natürlich nicht. Wir wollen doch keine Schulden haben. Borgen macht Sorgen.«

»Und wir wollen nie wieder Sorgen haben. Sorgen sind schrecklich.«

»Ja«, sagt Lämmchen. »Weißt du, wie die Regel immer und immer nicht kam, ich hab es ja beinahe gedacht, aber ich wollte und wollte es nicht glauben.«

»Und wir haben so aufgepasst.«

»Eben. Und ich war so schrecklich allein, und ich hatte solche Angst …«

»Aber ist ja vorbei. Wir sind beide nie wieder allein …« Plötzlich lacht er laut.

»Was ist denn?«, fragt Lämmchen. »Junge, was lachst du denn? Sag nur?«

»Eins weiß ich, das sparen wir bestimmt …«

»Und was? Sag doch!«

»Präservative.«

Aber sie lacht nicht, nein, sie stößt einen Schrei aus: »O Gott, Junge, den Murkel haben wir ja ganz vergessen! Der kostet doch auch Geld.«

Er überlegt: »Was kostet denn solch ein kleines Kind? Und dann gibt es Entbindungsgeld und Stillgeld … Ich glaub, die ersten Jahre kostet der gar nichts.«

»Ich weiß nicht …«, sagt sie zweifelnd.

In der Tür steht eine weiße Gestalt.

»Wollt ihr nicht endlich ins Bett?«, fragt Frau Mörschel. »Drei Stunden könnt ihr noch schlafen.«

»Ja, Mutter«, sagt Lämmchen.

»Es ist schon alles gleich«, sagt die Alte. »Ich schlaf heute bei Vater. Nimm ihn dir mit, deinen …« Die Tür schrammt zu, ungewiss bleibt, welchen deinen …

»Aber ich möchte wirklich nicht …«, sagt Pinneberg etwas pikiert. »Das ist doch wirklich nicht angenehm hier bei deinen Eltern …«

»O Gott, Junge«, lacht sie. »Sei doch froh. Ich glaub, der Karl hat recht, du bist ein Bourgeois …«

»Aber keine Spur«, protestiert er. »Wenn es deine Eltern nicht stört.« Er zögert noch einmal. »Und wenn Doktor Sesam sich nun geirrt hat.«

»Also setzen wir uns wieder auf die Küchenstühle«, schlägt sie vor. »Mir tut schon alles weh!«

»Also komm schon, Lämmchen«, sagt er reumütig.

»Ja, wenn du nicht willst –?«

»Ich bin ein Schaf, Lämmchen! Ich bin ein Schaf!«

»Na also«, sagt sie. »Dann passen wir ja zueinander.«

»Das wollen wir gleich sehen«, sagt er.

Erster Teil

Die kleine Stadt

Die Ehe fängt ganz richtig mit einer Hochzeitsreise an, aber – brauchen wir einen Schmortopf?

Der Zug, der um vierzehn Uhr zehn an diesem Augustsonnabend von Platz nach Ducherow fährt, befördert in einem Nichtraucherabteil dritter Klasse Herrn und Frau Pinneberg, in seinem Packwagen einen »ganz großen« Schließkorb mit Emmas Habe, einen Sack mit Emmas Betten – aber nur ihr Bett, »für sein Bett kann er selber sorgen, wie kommen wir dazu?« – und eine Margarinekiste mit Emmas Porzellan.

Der Zug verlässt eilig die große Stadt Platz, am Bahnhof war keiner, die letzten Vorstadthäuser bleiben zurück, nun kommen die Felder, eine Weile noch geht es an dem Ufer der glitzernden Strela entlang – dort baden Jungens, ganz ohne Hose – na ja, so Jungens … – und nun Wald, Birken an der Bahn lang, Pinneberg erklärt seinem Weib die Schutzstreifen gegen Funkenflug.

Im Abteil sitzt außer ihnen nur noch ein grämlicher Mann, der sich nicht entschließen kann, was er nun eigentlich tun soll: Zeitung lesen, die Landschaft besehen oder das junge Paar beobachten. Überraschend geht er von einem zum andern über, und immer wenn die beiden sich gerade ganz sicher glauben, werden sie von ihm erwischt.

Pinneberg legt ostentativ seine rechte Hand aufs Knie. Der Reif schimmert freundlich. Jedenfalls sind es vollständig legitime Dinge, die dieser Grämling beobachtet. Er sieht aber nicht den Ring an, sondern die Landschaft.

»Macht sich gut, der Ring«, sagt Pinneberg zufrieden. »Kann man überhaupt nicht sehen, dass er nur vergoldet ist.«

»Weißt du, ein komisches Gefühl ist es mit dem Ring, ich fühl ihn immerzu und muss ihn ewig ansehen.«

»Bist ihn eben noch nicht gewöhnt. Alte Eheleute spüren ihn überhaupt nicht. Verlieren ihn, merken es gar nicht.«

»Das sollte mir passieren«, sagt Lämmchen entrüstet. »Ich werd ihn merken, immer, immer.«

»Ich auch«, erklärt Pinneberg. »Wo er mich an dich erinnert!«

»Und mich an dich!« Sie neigen sich gegeneinander, immer näher, immer näher. Und fahren zurück, der Grämliche starrt geradezu schamlos.

»Keiner aus Ducherow«, flüstert Pinneberg. »Müsste ihn kennen.«

»Kennst du denn alle bei euch?«

»Was so in Frage kommt, natürlich. Wo ich früher bei Bergmann Herren- und Damenkonfektion verkauft habe. Da kennt man alles.«

»Warum hast du das denn aufgegeben? Das ist doch eigentlich deine Branche.«

»Hab mich verkracht mit dem Chef«, sagt Pinneberg kurz.

Lämmchen möchte weiterfragen, sie spürt, hier ist noch ein Abgrund, aber lieber lässt sie es. Alles hat Zeit, jetzt, wo sie richtig standesamtlich getraut sind.

Er hat scheinbar auch gerade daran gedacht. »Deine Mutter sitzt nun längst wieder zu Haus«, sagt er.

»Ja«, sagt sie. »Mutter ist ärgerlich, deswegen ist sie auch nicht mit zur Bahn gegangen. ’ne Hundehochzeit ist das, hat sie noch gesagt, wie wir weggegangen sind vom Standesamt.«

»Soll ihr Geld sparen. So ’ne Festfresserei, wo alle nur dreckige Witze reißen, ist mir grässlich.«

»Natürlich«, sagt Lämmchen. »Mutter hätte es nur Spaß gemacht.«

»Haben nicht geheiratet, damit Mutter Spaß hat«, sagt er kurz angebunden.

»Nein, wirklich nicht – aber weißt du, mit den dreckigen Witzen, da wär Mutter schon dahinterher gewesen, das lässt Mutter sich nicht gefallen. Gerade bei mir nicht.«

»Wieso gerade bei dir nicht?«

»Nun, weil … du weißt schon, Junge.«

»Aber man sieht doch noch nichts bei dir.«

»Nein, noch nicht. Heut Abend wirst du schon sehen, das kommt erst. Ich glaub, ich werde sehr stark …«

»So« sagt er. Es ist ihm nicht ganz recht. Immerhin hat Ducherow nur zweiundzwanzigtausend Einwohner, und er ist ziemlich bekannt im Ort.

»Also wieso gerade bei dir«, fängt er wieder an. »Wo sie doch noch nichts sehen können?«

»Ach Gott, Junge, die reden doch alle. Wo wir das Aufgebot so beschleunigt haben. Im Geschäft, die Burmeister, hat auch zu mir gesagt: hier haben Sie immer so zipp getan, und plötzlich sind Sie ganz anders.«

»So ein Aas«, sagt Pinneberg.

»Aber wirklich«, erwidert Lämmchen. »Von der Burmeister träum ich. Weißt du, was die mich gehetzt und getriezt und drangsaliert hat … Und Launen hat sie gehabt und ungerecht war sie, bloß um sich beim Chef anzuschmieren …«

»Ich kenn das«, sagt Pinneberg mit Überzeugung. »Überhaupt sind die größten Schweine nie die Chefs, am meisten quälen sich die Angestellten untereinander.«

»Da hast du recht«, sagt Lämmchen eifrig. »Was ich von der Burmeister habe einstecken müssen …«

»Aber es ist ja jetzt vorbei für dich«, sagt er. »Ganz vorbei, Lämmchen!«

»O Gott, ja, Junge! Ich kann es mir gar nicht ausdenken. Keiner, der mehr mit einem rumraunzt und schimpft … Ganz frei. Ogottogott …«

»Jetzt bin ich dein Chef, Frau Emma Pinneberg«, sagt er streng.

»Ja du! Du bist mein Chef. Du …«

Sie neigen sich gegeneinander. Der Alte raunzt. Sie gehen auseinander.

»So ein Ekel«, sagt Lämmchen, und gar nicht mal sehr leise. »Soll er seine Zeitung lesen, der alte Knacker, und sich nicht an uns aufregen.«

»Nicht so laut, Lämmchen.«

»Na ja, wo es doch wahr ist.«

»Also bitte!«

Pause.

»Du«, fängt Lämmchen wieder an, »ich bin schrecklich gespannt auf die Wohnung.«

»Na ja, hoffentlich gefällt sie dir. Viel Auswahl ist nicht in Ducherow.«

»Also, Hannes, beschreib sie mir noch mal.«

»Schön«, sagt er und erzählt, wie er schon öfter von ihr erzählt hat. »Dass sie ganz draußen liegt, hab ich schon gesagt. Ganz im Grünen.«

»Das ist grade fein.«

»Aber es ist ein richtiger Mietskasten. Maurermeister Mothes hat ihn da draußen hingesetzt, hat gedacht, da kommen noch mehr. Aber keiner kommt und baut da.«

»Warum nicht?«

»Weiß ich nicht. Ist den Leuten zu einsam, zwanzig Minuten in die Stadt. Kein gepflasterter Weg.«

»Also die Wohnung«, erinnert sie ihn.

»Unten ist ein Laden, Kolonialwaren, Brot, Seife, alles, was du willst. Da hast du es nicht so weit, wenn du einkaufen willst und kannst nicht mehr so gehen.«

»Das muss ich erst sehn«, sagt sie. »In die Stadt muss ich doch, nach den Preisen sehen. In solchen kleinen Läden nehmen die Leute einem ab, was sie wollen.«

»Na, du wirst ja sehn. Ich glaub nicht, dass er teurer ist wie die andern. Im ersten Stock wohnt dann Agent Nußbaum. Was der Mann eigentlich macht, weiß ich nicht. Er hat so mehr auf dem Lande zu tun, Güter prüfen und verkaufen, glaube ich.«

»Mit dem kriegen wir also nichts zu tun.«

»Hat ’ne nette Frau, sieht gut aus. Nein, die sind viel zu vornehm für uns, werden doch nicht mit einem kleinen Angestellten verkehren. Im zweiten Stock wohnt Redakteur Kaliebe, der ist beim Ducherower Anzeiger.«

»Auch verheiratet?«

»Ja.«

»Haben sie Kinder?«

»Weiß ich nicht. Doch, ich glaube, ich hab da ’nen Kinderwagen stehen sehen.«

»Was sind das für Leute?«

»Kann ich nicht sagen. Er ist ja immer in der Stadt rum, ich glaube, er säuft fürchterlich viel.«

»Pfui! Na, und nun kommen wir.«

»Noch nicht ganz. Nun kommt unser Wirt oder vielmehr unsre Wirtin: Witwe Scharrenhöfer.«

»Wie ist sie denn?«

»Gott, was soll ich sagen. Sie tut ja sehr fein, sie hat auch mal bessere Tage gesehen, aber die Inflation … Na, sie hat mir tüchtig was vorgeweint.«

»O Gott!«

»Sie wird ja nicht immer weinen. Und überhaupt, das ist ausgemacht, nicht wahr, wir sind schrecklich reserviert! Wir wollen keinen Verkehr mit andern Leuten haben. Wir sind für uns genug.«

»Natürlich. Aber wenn sie aufdringlich ist?«

»Glaub ich nicht. Ist ’ne richtige feine alte Dame mit ganz weißen Haaren. Und sie hat schreckliche Angst um ihre Sachen, es wären noch die ganz guten Sachen von ihrer Mutter selig, und wir sollen uns immer langsam auf das Sofa setzen, weil das noch die gute alte Federung hat, die verträgt keine plötzliche Belastung.«

»Wenn ich da man nur immer dran denke«, sagt Lämmchen bedenklich. »Wenn ich mich freue oder wenn ich schrecklich traurig bin und rasch mal heulen will, und ich setz mich hin, dann kann ich doch nicht an die gute alte Federung denken.«

»Musst du«, sagt Pinneberg streng, »musst du eben. Und die Uhr unter dem Glassturz auf dem Vertiko, die sollst du nicht aufziehen und ich auch nicht, das kann sie allein.«

»Soll sie sich ihre olle eklige Uhr rausholen. Ich will in meiner Wohnung keine Uhr, die ich nicht aufziehen darf.«

»Na ja, es wird schon alles nicht so schlimm werden. Schließlich sagen wir, das Schlagen stört uns, und bitten sie, sie rauszuholen.«

»Aber gleich heute Abend! Ich weiß ja nicht, solch vornehme Uhren, vielleicht müssen die nachts aufgezogen werden. – Also, sag endlich, wie ist es: man kommt die Treppe herauf, und da ist die Flurtür. Und dann …«

»Dann kommt der Vorplatz, den haben wir gemeinsam. Und links gleich die erste Tür, das ist unsere Küche. Das heißt, ’ne ganz richtige Küche ist es nicht, früher ist es wohl nur so ’ne Kammer gewesen unterm schrägen Dach, aber ein Gaskocher ist da …«

»Mit zwei Flammen«, ergänzt Lämmchen traurig. »Wie ich das machen soll, das ist mir noch schleierhaft. Auf zwei Flammen kann doch kein Mensch ein Essen kochen. Mutter hat vier Flammen.«

»Aber natürlich geht es mit zweien.«

»Nun pass doch mal auf, Junge …«

»Wir wollen ganz einfach essen, da reichen zwei Flammen vollkommen.«

»Wollen wir auch. Aber ’ne Suppe willst du doch haben: erster Topf. Und dann Fleisch: zweiter Topf. Und Gemüse: dritter Topf. Und Kartoffeln: vierter Topf. Wenn ich dann zwei Töpfe auf den beiden Flammen warm habe, sind unterdes die beiden andern kalt geworden. Bitte –?«

»Ja«, sagt er gedankenvoll. »Ich weiß doch auch nicht …« Und plötzlich, ganz erschrocken: »Aber dann brauchst du ja vier Kochtöpfe!«

»Brauch ich auch«, sagt sie stolz. »Damit komm ich noch nicht einmal aus. ’nen Schmortopf muss ich auch haben.«

»O Gott, und ich hab nur einen gekauft!«

Lämmchen ist unerbittlich: »Dann müssen wir eben noch vier dazukaufen.«

»Aber das geht doch nicht vom Gehalt, das geht doch schon wieder vom Ersparten!«

»Das hilft aber nichts, Junge, sei schon vernünftig. Was sein muss, muss doch sein. Wir brauchen doch die Töpfe.«

»Das hab ich mir ganz anders gedacht«, sagt er traurig. »Ich denke, wir kommen vorwärts und sparen, und nun fangen wir gleich mit Geldausgaben an.«

»Aber wenn es sein muss!«

»Der Schmortopf ist ganz überflüssig«, sagt er erregt. »Ich ess nie Geschmortes. Nie! Nie! Wegen so ein bisschen Schmorbraten einen ganzen Topf kaufen! Nie!«

»Und Rouladen?«, fragt Lämmchen. »Und Braten?«

»Also die Wasserleitung ist auch nicht in der Küche«, sagt er verzweifelt. »Wegen Wasser musst du immer in die Küche von Frau Scharrenhöfer gehen.«

»O Gott«, sagt sie wieder einmal. –

Die Fahrt von Platz bis Ducherow dauert drei und eine halbe Stunde, aber sie hätte doppelt so lang sein können, die beiden hätten nichts von ihr gemerkt. Einmal sehen sie hoch, und sie merken, sie waren allein im Abteil. Der Grämliche war verschwunden, dunkel erinnerten sie sich, dass noch mehr gekommen und gegangen waren, hatten sie Zeit gehabt, hochzusehen?

Von weitem sieht eine Ehe außerordentlich einfach aus: Zweie heiraten, bekommen Kinder. Das lebt alles zusammen, ist möglichst nett zueinander und sucht vorwärtszukommen. Kameradschaft, Liebe, Freundlichkeit, Essen, Trinken, Schlafen, das Geschäft, der Haushalt, sonntags ein Ausflug, abends mal Kino. Fertig.

Aber in der Nähe löst sich die ganze Geschichte in tausend Einzelprobleme auf. Die Ehe, das tritt gewissermaßen in den Hintergrund, das versteht sich von selbst, ist die Voraussetzung, aber, beispielsweise, wie wird das nun mit dem Schmortopf? Und er soll heute Abend noch Frau Scharrenhöfer sagen, dass sie ihre kostbare Uhr aus dem Zimmer nimmt? Das ist es.

Dunkel fühlen es die beiden. Aber es scheint ihnen ausgezeichnet, dass im Augenblick niemand im Abteil ist. Schmortopf und Stutzuhr bleiben hinten, sie nehmen sich in die Arme, der Zug rattert. Ab und an holen sie einmal Atem, und dann küssen sie sich wieder, bis der langsamer fahrende Zug verrät: »Ducherow.«

»O Gott, schon!«, sagen beide.

Pinneberg wird mystisch, und Lämmchen bekommt Rätsel zu raten, aber für den Murkel gibt es einen goldenen Gockel

»Ich hab ein Auto bestellt«, sagt Pinneberg hastig, »mit dem Weg zu uns raus, das wäre doch zu viel geworden für dich.«

»Aber wieso denn? Wo wir sparen wollen! In Platz sind wir doch erst vorigen Sonntag zwei Stunden gelaufen!«

»Na ja, aber deine Sachen.«

»Die hätt uns auch ein Dienstmann bringen können. Oder jemand aus deinem Geschäft. Ihr habt doch Arbeiter.«

»Nein, nein, das mag ich nicht. Das sieht dann so aus …«

»Na schön«, sagt Lämmchen. »Wie du meinst.«

»Und noch eins«, sagt er hastig, während schon die Bremsen angezogen werden. »Wir wollen nicht so verheiratet tun. Wir wollen so tun, als wenn wir uns nur ganz flüchtig kennen.«

»Aber warum denn?«, fragt Lämmchen erstaunt. »Wir sind doch ganz richtig verheiratet!«

»Weißt du«, sagt er verlegen. »Es ist wegen der Leute. Wir haben doch keine Karten verschickt, überhaupt nichts angezeigt. Und wenn sie uns nun so sehen, sie könnten doch beleidigt sein, nicht wahr …?«

»Das versteh ich nicht«, sagt Lämmchen verblüfft. »Das musst du mir noch mal erklären. Wieso können die Leute beleidigt sein, wenn wir verheiratet sind –?«

»Ja, ich erzähl dir das alles noch. Aber jetzt nicht. Jetzt müssen wir … Nimmst du deinen Stadtkoffer? Also bitte tu so ein bisschen fremd.«

Lämmchen sagt nichts mehr, sondern sieht ihren Jungen nur zweifelhaft von der Seite an. Der entwickelt eine vollendete Höflichkeit, hilft seiner Dame aus dem Wagen, sagt verlegen lächelnd: »Also dies ist der Hauptbahnhof Ducherow. Wir haben nämlich auch noch eine Kleinbahn nach Maxfelde. Bitte, hier.« Und geht voran, die Treppe vom Bahnsteig hinunter, wirklich ein bisschen zu rasch für einen so besorgten Ehemann, der sogar ein Auto bestellt hat, damit seiner Frau das Gehen nicht zu viel wird, immer zwei, drei Schritte voraus. Und dann durch einen Seitenausgang hinaus, da hält das Auto, ein geschlossener Wagen.

Der Chauffeur sagt: »Guten Tag, Herr Pinneberg. Guten Tag, Fräulein.«

Sie sieht den Chauffeur an, sie sieht ihren Mann an und sagt wieder nichts.

Pinneberg murmelt hastig: »Einen Augenblick, bitte. Vielleicht schon einsteigen? Ich besorge unterdes das Gepäck.« Und ist fort.

Lämmchen steht da und sieht den Bahnhofsplatz an, mit seinen kleinen zweistöckigen Häusern. Gerade gegenüber ist das Bahnhofshotel, und daneben ist ein Geschäftshaus: der Ducherower Anzeiger. Da arbeitet also der Mann, der unter ihnen wohnt: Herr Kaliebe.

»Liegt hier auch das Geschäft von Kleinholz?«, fragt sie den Chauffeur.

»Wo Herr Pinneberg arbeitet? Nee, Fräulein, da fahren wir nachher vorbei. Grade am Marktplatz, neben dem Rathaus.«

»Hören Sie«, sagt sie, »können wir nicht das Verdeck aufmachen vom Wagen? Es ist doch heute so ein schöner Tag.«

»Tut mir leid, Fräulein«, sagt der Chauffeur, »Herr Pinneberg hat ausdrücklich geschlossen bestellt. Sonst hab ich das Verdeck doch auch nicht oben, diese Tage.«

»Na schön«, sagt Lämmchen. »Wenn es Herr Pinneberg so bestellt hat.« Und steigt ein.

Sie sieht ihn kommen hinter dem Gepäckträger, der Koffer, Bettsack und Kiste auf einer Karre heranschiebt. Und weil sie ihren Mann jetzt mit ganz andern Augen ansieht, fällt ihr auf, dass er die rechte Hand in der Hosentasche hat. Das ist sonst seine Art nicht, für so was ist er sonst gar nicht. Aber jetzt hat er jedenfalls die rechte Hand in der Hosentasche.

Dann fahren sie los. »So«, sagt er und lacht ein bisschen verlegen, »nun bekommst du ganz Ducherow im Fluge zu sehen. Ganz Ducherow ist eigentlich nur eine lange Straße.«

»Ja«, sagt sie, »du wolltest mir auch noch erklären, warum die Leute beleidigt sein könnten.«

»Nachher«, sagt er. »Es redet sich wirklich schlecht jetzt. Das Pflaster ist miserabel bei uns.«

»Also nachher«, sagt sie und schweigt auch. Aber wieder fällt ihr etwas auf: Er hält den Kopf ganz in der Ecke und nach vorn gedrückt, wenn jemand ins Auto hereinsieht, kann er ihn sicher nicht erkennen.

»Da ist ja dein Geschäft«, sagt sie. »Emil Kleinholz. Getreide, Futter- und Düngemittel. Kartoffeln en gros und en détail. – Da kann ich ja meine Kartoffeln bei dir kaufen.«

»Nein, nein«, sagt er hastig. »Das ist ein altes Schild. Wir haben Kartoffeln nicht mehr im Detail.«

»Schade«, sagt sie. »Ich hatte mir das so hübsch gedacht, wenn ich zu dir ins Geschäft gekommen wäre und hätte zehn Pfund Kartoffeln geholt. Ich hätte auch gar nicht verheiratet getan, du.«

»Ja, schade«, sagt er. »Es wäre wunderhübsch gewesen.«

Sie tippt mit der Fußspitze sehr energisch auf den Boden. Und dann sind die beiden da. Kraft der Fahrt völlig still.

Ducherow scheint wirklich kaum mehr als eine lange Straße zu sein, ab und an, wenn Lämmchen in eine Seitenstraße hineinspäht, sieht sie an deren Ende Grün, ein paar Bäume, etwas Feld, es ist so viel Land um dieses Städtchen, denkt sie.

Gedankenvoll fragt sie: »Haben wir hier auch Wasser?«

»Wieso?«, fragt er vorsichtig.

»Nun zum Baden! Was heißt wieso?«, sagt Lämmchen ungeduldig.

»Ja, Badegelegenheit gibt es hier auch«, sagt er.

Und sie fahren weiter. Aus der Hauptstraße müssen sie heraus sein, Feldstraße, liest Lämmchen. Einzelne Häuser, alle in Gärten.

»Du, hier ist es hübsch«, sagt sie erfreut. »Die vielen Sommerblumen!«

Das Auto macht förmlich Sprünge.

»Jetzt sind wir im Grünen Ende«, sagt er.

»Im Grünen Ende?«

»Ja, unsere Straße heißt das Grüne Ende.«

»Das ist eine Straße?! Ich dachte schon, der Mann hat sich verfahren.«

Links ist eine stacheldrahtbewehrte Koppel, besetzt mit ein paar Kühen und einem Pferd. Rechts ist ein Kleeschlag, der Rotklee blüht gerade.

»Mach doch jetzt das Fenster auf«, bittet sie.

»Wir sind schon da.«

Wo die Koppel zu Ende ist, hört auch das Land wieder auf. Hierhin hat die Stadt ihr letztes Denkmal gepflanzt, und was für eines! Schmal und hoch steht der dreistöckige Kasten im Flachen, braun und gelb verputzt, aber nur vorn, die Seitenmauern sind unverputzte Ziegelwände.

»Schön ist es nicht«, sieht Lämmchen an ihm hoch.

»Aber drinnen ist es wirklich nett.«

»Also gehen wir rein«, sagt sie. »Und für den Murkel wird es natürlich herrlich hier sein, so gesund …«

Pinneberg und der Chauffeur fassen den Korb an, Lämmchen nimmt die Margarinekiste, der Chauffeur erklärt: »Den Bettsack bring ich nachher.«

Unten im Parterre, neben dem Laden, riecht es nach Käse und Kartoffeln, bei Nußbaums wiegt der Käse vor, bei Kaliebe herrscht er unumschränkt, und ganz oben unter dem Dach riecht es plötzlich wieder nach Kartoffeln, dumpfig und feucht.

»Erklär mir das, bitte, wie ist der Geruch am Käse vorbeigekommen?«

Aber Pinneberg schließt schon die Tür auf. »Wir wollen gleich in die Stube, nicht wahr?«

Sie gehen über den kleinen Vorplatz, er ist wirklich sehr klein, und rechts steht eine Garderobe und links eine Truhe. Die Männer kommen kaum mit dem Korb durch.

»Hier«, sagt Pinneberg und stößt die Tür auf …

Lämmchen tritt auf die Schwelle.

»O Gott«, sagt sie verwirrt. »Was ist denn –?«

Aber dann wirft sie alles, was sie in Händen hat, auf ein umbautes Plüschsofa – unter der Margarinekiste ächzen die Federn –, läuft zum Fenster, es sind vier große, strahlend helle Fenster in dem langen Zimmer, reißt es auf und lehnt sich hinaus.

Unten, unter sich, das ist die Straße, der zerfahrene Feldweg mit Sandgleisen und Gras und Melde und Saudistel. Und dann ist das Kleefeld da, und jetzt riecht sie es, nichts riecht so herrlich wie blühender Klee, auf den einen ganzen Tag die Sonne geschienen hat.

Und an das Kleefeld schließen sich andere Felder, gelbe und grüne, und auf ein paar Roggenschlägen ist auch schon die Stoppel geschält. Und dann kommt ein ganz tiefgrüner Streifen – Wiesen –, und zwischen Weiden und Erlen und Pappeln fließt die Strela, schmal hier, ein Flüsschen nur.

Nach Platz, denkt Lämmchen, nach meinem Platz, wo ich geschuftet habe und mich gequält und allein gewesen bin, in einer Hofwohnung. Immer Mauern, Steine … Hier geht es immer weiter.

Ja, es geht immer weiter. Denn die Strela fließt durch ein Land, das sich wie eine Schale sanft gegen den Horizont hebt, ein Land, mit Wäldchen und blinkernden Teichen, mit Feldern, Wiesen und ulkigen, verlassenen Wegen, auf denen man kein Auto sieht. Und links ist es dunkel, da ist Wald, und Wald und Wald, und rechts, wenn sie sich weit aus dem Fenster herauslehnt, sieht sie die Stadt, das Städtchen, die Flecken, die graue Häuserlinie und einen schiefergedeckten Kirchturm mit einem goldenen Hahn.

»Gockel«, sagt die junge Frau, »Gockel würde der Murkel sagen, wenn der Turmhahn golden in der Sonne blitzt. Gockel …«

Und der blinkende Hahn verknüpft sich ihr mit dem kleinen wachsenden Keim in ihrem Schoß, und sie lauscht in sich, als müsste er es gehört haben, was sie gedacht, und sich darauf rühren. Aber alles bleibt still.

Und nun sieht sie im Fenster neben sich das Gesicht ihres Jungen, der den Chauffeur mit dem Bettsack abgefertigt hat, und er strahlt sie so selig und selbstvergessen an, dass der letzte Rest Unmut verfliegt. Alles wird sich klären, denkt sie flüchtig, und sie ruft zu ihm: »Sieh doch! Das soll ein Leben werden!« Sie reicht ihm aus ihrem Fenster die rechte Hand und er nimmt sie mit seiner Linken.

»Der ganze Sommer!«, ruft sie und beschreibt einen Halbkreis mit ihrem freien Arm.

»Siehst du das Zügel? Das ist die Kleinbahn nach Maxfelde«, sagt er.

Unten taucht der Chauffeur auf. Er ist wohl im Laden gewesen, denn er grüßt mit einer Flasche Bier. Den Verschluss hören sie knacken bis zu sich herauf. Dann wischt der Mann sorgfältig den Flaschenrand mit der Innenfläche der Hand ab, legt den Kopf zurück, ruft: »Ihre Gesundheit!«, und trinkt.

»Prost!«, ruft Pinneberg und hat Lämmchens Hand losgelassen.

»So«, sagt Lämmchen, »und nun wollen wir die Schreckenskammer betrachten.«

Selbstverständlich ist so was ein Unding: Man dreht sich um von der Betrachtung des schlichten klaren Landes, in dem nur Arbeiten der Natur gemäß betrieben werden, und sieht einen Raum, in dem … Nun, Lämmchen ist wirklich nicht verwöhnt. Lämmchen hat höchstens einmal in einem Schaufenster an der Hohen Straße in Platz schlichte gradlinige Möbel gesehen, aber dies …

»Bitte, Junge«, sagt sie, »nimm mich an der Hand und führe mich. Ich hab Angst, ich stoß was um oder ich bleib wo stecken und kann nicht mehr vor und zurück.«

»Na, so schlimm ist es doch auch nicht«, sagt er etwas gekränkt. »Ich find, hier sind sehr gemütliche Winkel.«

»Ja, Winkel«, sagt sie. »Aber erzähle mir um Gottes willen, was ist das? Nein, sag kein Wort, wir wollen hingehen, das muss ich in der Nähe betrachten.«

Sie machen sich auf die Wanderschaft, aber wenn sie auch meistens hintereinandergehen müssen, Lämmchen lässt ihren Hannes nicht los.

Also: das Zimmer ist eine Schlucht, gar nicht mal so schmal, aber endlos lang, eine Reitbahn. Und während vier Fünftel dieser Bahn ganz vollgestellt sind mit Polstermöbeln, Nussbaumtischen, Vertikos, Spiegelkonsolen, Blumenständern, Etageren, einem großen Papageienkäfig (ohne Papagei), stehen im letzten Fünftel nur zwei Betten und ein Waschtisch …

Aber die Trennung zwischen dem vierten und dem fünften Fünftel, die ist es, die Lämmchen lockt. Es ist eine Scheidung herbeigeführt zwischen Wohn- und Schlafgemach, aber mit keiner Rabitzwand, mit keinem Vorhang, mit keiner spanischen Wand. Sondern – also mit Leisten ist so eine Art Spalier gemacht, eine Art Weinspalier vom Boden bis zur Decke mit einem Bogen, durch den man aus und ein gehen kann. Und diese Leisten sind nicht etwa einfache glatte Holzleisten, sondern schön braungebeizte Nussbaumleisten, jede mit fünf parallelen Riefen in sich. Aber dass das Spalier nicht so nackt aussähe, sind Blumen hineingewunden, Blumen aus Papier, Rosen und Narzissen und Veilchentuffs, und dann sind da die langen grünen Papiergirlanden, die man von den Bockbierfesten her kennt.

»O Gott«, sagt Lämmchen und setzt sich. Sie setzt sich, wo sie steht, aber es ist keine Gefahr, dass sie auf die Erde zu sitzen kommt, überall ist was da, immer ist was da, ihr Po stößt auf einen rohrgeflochtenen Klaviersessel (Ebenholz), der dort steht, ohne Klavier.

Pinneberg steht stumm dabei. Er weiß nicht, was er sagen soll. Ihm hat eigentlich beim Mieten alles so ziemlich eingeleuchtet.

Plötzlich beginnen Lämmchens Augen zu funkeln, ihre Beine haben wieder Kraft, sie steht auf, sie nähert sich dem Blumenspalier, sie fährt mit dem Finger über eine Leiste. Diese Leiste hat Riefen, Rillen, das ist schon gesagt, Lämmchen prüft ihren Finger.

»Da«, sagt sie und hält dem Jungen den Finger hin. Der Finger ist grau.

»Ein bisschen staubig«, sagt er vorsichtig.

»Bisschen …« Lämmchen sieht ihn flammend an. »Du hältst mir ’ne Frau, ja? Mindestens fünf Stunden täglich muss ’ne Frau her.«

»Aber warum denn? »

»Und wer soll das sauber halten, bitte? Die dreiundneunzig Möbel mit ihren Kerben und Knäufen und Muscheln und Säulen, na ja, ich hätt’s noch getan. Trotzdem es sündhaft ist, solche Quatscharbeit. Aber dieses Spalier, da habe ich ja allein jeden Tag drei Stunden damit zu tun. Und dann die Papierblumen …«

Sie versetzt einer Rose einen Schlag. Die Rose fällt zu Boden, aber ihr nach tanzen durch den Sonnenschein Millionen grauer Stäubchen.

»Hältst du mir ’ne Frau, du?«, fragt Lämmchen und ist gar kein Lämmchen.

»Wenn du’s vielleicht einmal die Woche gründlich machst?«

»Unsinn! Und hier soll der Murkel aufwachsen. Wie viele Löcher soll er sich an den Knäufen und Schüben rennen? Sag.«

»Bis dahin haben wir vielleicht ’ne Wohnung.«

»Bis dahin! – Und wer soll das heizen im Winter? Unterm Dach? Zwei Außenwände! Vier Fenster! Jeden Tag einen halben Zentner Briketts und dann noch geklappert.«

»Ja, weißt du«, sagt er, »möbliert ist natürlich nie so wie eigen.«

»Das weiß ich auch, du. Aber sag selbst, wie findest du das? Gefällt dir das? Möchtest du hier leben? Denk dir das doch aus, du kommst nach Haus, und dann rennst du hier zwischen Eiern rum, und überall sind Deckchen. Aua! – dacht ich mir doch, mit Stecknadeln festgepiekst.«

»Aber wir finden nichts Besseres.«

»Ich finde was Besseres. Verlass dich drauf. Wann können wir kündigen?«

»Am ersten September. Aber …«

»Zu wann?«

»Zum dreißigsten September. Aber …«

»Sechs Wochen«, stöhnt sie. »Nun, ich werd es überstehen. Mir tut nur der arme Murkel leid, dass der alles miterleben muss. Ich dachte, ich würde schön mit ihm spazieren gehen können hier draußen, Kuchen, Möbel polieren!«

»Aber wir können nicht sofort wieder kündigen!«

»Natürlich können wir. Am liebsten gleich, heute, diese Minute.«

Sie steht da, ganz flammende Entrüstung, die Backen rot, aggressiv, die Augen blitzend, den Kopf im Nacken.

Pinneberg sagt langsam: »Weißt du, Lämmchen, ich hab dich mir ganz anders gedacht. Viel sanfter …«

Sie lacht, sie stürzt auf ihn zu, sie fährt mit der Hand durch seine Haare. »Natürlich bin ich ganz anders, wie du gedacht hast, das weiß ich doch. Dachtest du, ich wär Zucker, wo ich seit der Schule ins Geschäft gegangen bin, und bei dem Bruder, dem Vater, der Mutter, der Burmeister, den Kollegen!«

»Na, weißt du …«, sagt er bedenklich.

Die Uhr, die berühmte Glasstutzuhr auf dem Ofensims – zwischen einem hämmernden Amor und einem Glaspirol –, schlägt hastig siebenmal.

»Marsch los, Junge. Wir müssen noch runter ins Geschäft, zum Abendessen einkaufen. Ich bin ja nun nur gespannt auf die sogenannte Küche!«

Pinnebergs machen einen Antrittsbesuch, es wird geweint, und die Verlobungsuhr schlägt immerzu

Das Abendessen ist vorüber, ein Abendessen, zubereitet, eingekauft, durch ein Gespräch belebt, mit Plänen ausgefüllt von einem ganz veränderten Lämmchen. Es hatte Brot und Aufschnitt gegeben und Tee. Pinneberg war mehr für Bier gewesen, aber Lämmchen hatte erklärt: »Erstens ist Tee billiger. Und zweitens ist für den Murkel Bier gar nicht gut. Bis zur Entbindung trinken wir keinen Tropfen Alkohol. Und überhaupt …«

»Wir«, dachte Pinneberg wehmütig, fragte aber nur: »Was überhaupt?«

»Überhaupt sind wir nur heute Abend mal so üppig. Zweimal die Woche mindestens gibt es nur Bratkartoffeln und Brot und Margarine – und Butter? Ja, ja, vielleicht sonntags. Margarine hat auch Vitamine.«

»Aber nicht dieselben.«

»Na ja, entweder wollen wir auskommen und vorwärts. Oder wir brauchen allmählich das Ersparte auf.«

»Nein. Nein«, sagt er eilig.

»So, und nun räumen wir ab. Abwaschen kann ich morgen früh. Und dann pack ich die erste Ladung zusammen, und wir besuchen Frau Scharrenhöfer. Das schickt sich so.«

»Willst du wirklich gleich den ersten Abend –?«

»Gleich. Die soll sofort Bescheid wissen. Übrigens hätte sie sich längst sehen lassen können.«

In der Küche, die wirklich nichts weiter wie eine Bodenkammer mit einem Gaskocher ist, sagt Lämmchen nur noch einmal: »Schließlich gehen sechs Wochen auch vorbei.«

Ins Zimmer zurückgekehrt, entfaltet sie eine emsige Tätigkeit. Alle Decken und Deckchen und Häkeleien nimmt sie ab und legt sie fein säuberlich zusammen. »Rasch, Junge, hol eine Untertasse aus der Küche. Die soll nicht denken, wir wollen ihre Nadeln behalten.«

Endlich: »So.«

Sie legt das Paket mit den Decken über ihren Arm, sieht sich suchend um. »Und du nimmst die Uhr, Junge.«

»Soll ich wirklich –?«

»Du nimmst die Uhr. Ich gehe voran und mach dir die Türen auf.«

Sie geht wirklich voran, ganz ohne Furcht, erst über den kleinen Vorplatz, dann in einen kammerähnlichen Raum mit Besen und solchem Gemurks, der sein Licht durch ein Dachfenster bekommt, dann durch eine Küche.

»Siehst du, Junge, das ist ’ne Küche. Und hier darf ich nur Wasser holen.«

Dann durch ein Schlafzimmer, ein langes, schmales Handtuch, nur mit zwei Betten …

»Hat die das Bett von ihrem Seligen stehen lassen? Na, besser, als wenn wir drin schlafen.«

… und dann in ein kleines Zimmer, das fast ganz dunkel ist, so dicke Plüschportieren hängen vor dem einzigen Fenster.

Frau Pinneberg bleibt in der Tür stehen. Unsicher sagt sie ins Dunkel: »Guten Abend. Wir wollten nur guten Abend sagen.«

»Einen Augenblick«, sagt eine weinerliche Stimme. »Einen Augenblick nur. Ich mache gleich Licht.«

Hinter Lämmchen hantiert Pinneberg an einem Tisch. Sie hört die kostbare Uhr leise klirren. Er bringt sie wohl rasch noch beiseite.

»Alle Männer sind feige«, stellt Lämmchen wieder mal fest.

»Gleich mache ich Licht«, sagt die klagende Stimme, immer noch aus derselben Ecke. »Sie sind die jungen Leute? Ich muss nur erst mal die Tränen abtrocknen, ich weine abends immer ein bisschen.«

»Ja?«, fragt Lämmchen. »Aber wenn wir stören … Wir wollten nur …«

»Nein, kommen Sie, ich mache Licht. Bleiben Sie, junge Leute. Ich erzähl Ihnen, warum ich geweint habe … Ich mach auch Licht.«

Und nun wird es wirklich Licht, was die alte Scharrenhöfer so Licht nennt, eine matte Glühbirne, ganz oben an der Decke, eine trübe Dämmernis zwischen Samt und Plüsch, etwas Fahles, Totengraues. Und in der Dämmernis steht eine große knochige Frau, bleifarben, mit einer rötlichen langen Nase, schwimmenden Augen, mit dünnem weißgrauem Haar, in einem grauen Alpakakleid.

»Die jungen Leute«, sagt sie und gibt Lämmchen eine feuchte, knochige Hand, »bei mir, die jungen Leute.«

Lämmchen drückt ihren Deckenpacken eng an sich, dass die Alte ihn nur nicht sieht mit ihren trüben kalten Augen. Gut, dass der Junge seine Uhr losgeworden ist, vielleicht kann man sie ohne Auffallen nachher wieder mitnehmen.

»Wir wollen aber wirklich nicht stören«, sagt sie.

»Wie können Sie stören? Zu mir kommt keiner mehr. Ja, als mein guter Mann noch lebte. Aber es ist gut, dass er nicht mehr lebt!«

»War er schwer krank?«, fragt Lämmchen und kriegt einen Schreck, wie dumm sie gefragt hat.

Aber die Alte hat es gar nicht gehört. »Sehen Sie«, sagt sie, »junge Leute, wir hatten vor dem Kriege gut und gern fünfzigtausend Mark. Wir haben schon vor dem Kriege privatisiert. Und nun ist das Geld alle. Wie kann das Geld alle sein?«, fragt sie ängstlich. »So viel kann eine alte Frau doch nicht ausgeben?«

»Die Inflation«, sagt Pinneberg vorsichtig.

»Es kann nicht alle sein«, sagt die alte Frau. »Ich sitz hier, ich rechne. Ich hab immer alles angeschrieben. Ich sitz, ich rechne. Da steht: ein Pfund Butter dreitausend Mark … Kann ein Pfund Butter dreitausend Mark kosten …?«

»In der Inflation«, fängt Lämmchen an.

»Nein, ich will es Ihnen sagen. Ich weiß es jetzt, mein Geld ist mir gestohlen. Einer, der hier zur Miete gewohnt hat, muss es mir gestohlen haben. Und damit ich es nicht gleich merke, hat er meine Bücher gefälscht. Aus ’ner Drei hat er Dreitausend gemacht, ich hab’s nicht gemerkt.«

Lämmchen sieht verzweifelt zu Pinneberg hinüber. Pinneberg sieht nicht hoch.

»Fünfzigtausend … Wie können Fünfzigtausend alle sein. Ich hab hier gesessen, ich hab gerechnet, was ich alles angeschafft habe die Jahre, Strümpfe und mal ein paar neue Hemden, es ist alles aufgeschrieben. Keine Fünftausend, sage ich Ihnen …«

»Aber da war doch die Geldentwertung«, bemüht sich Lämmchen wieder.

»Geraubt hat er es mir«, sagt die alte Frau kläglich, und die hellen Tränen fließen mühelos aus den trüben Augen. »Ich will Ihnen die Bücher zeigen, ich hab es jetzt gemerkt, die Zahlen sind ganz anders, all die Nullen …«

Sie steht auf und geht gegen den Mahagonisekretär.

»Es ist wirklich nicht nötig«, sagen Pinneberg und Lämmchen.

In diesem Augenblick geschieht das Schreckliche: Die Uhr draußen, die Pinneberg im Schlafzimmer der Alten abgestellt hatte, schlägt silbern hell, eilig neun Uhr.

Die Alte bleibt halbwegs stehen, den Kopf erhoben, späht sie in das Dunkel, lauscht mit halboffenem Munde, mit zitternden Lippen.

»Ja?«, fragt sie ängstlich.

Lämmchen fasst nach Pinnebergs Arm.

»Das ist die Verlobungsuhr von meinem Mann. Sie stand doch sonst drüben …«

Die Uhr hat zu schlagen aufgehört.

»Wir wollten Sie bitten, Frau Scharrenhöfer …«, fängt Lämmchen an. Aber die Alte hört nicht, vielleicht hört sie überhaupt nie auf das, was andere reden. Sie macht die angelehnte Tür auf, da steht die Uhr, selbst in diesem schlechten Licht deutlich sichtbar.

»Die jungen Leute haben mir meine Uhr wiedergebracht«, flüstert die Alte. »Das Verlobungsstück von meinem Mann. Es gefällt den jungen Leuten bei mir nicht. Sie bleiben auch nicht bei mir. Keiner bleibt bei mir …«

Und wie sie das gesagt hat, fängt die Uhr wieder zu schlagen an, noch eiliger, noch glasheller beinahe, Schlag um Schlag, zehnmal, fünfzehnmal, zwanzigmal, dreißigmal.

»Das ist vom Tragen. Sie verträgt das Tragen nicht mehr«, flüstert Pinneberg.

»O Gott, komm schnell«, haucht Lämmchen.

Aber in der Tür steht die Alte, lässt sie nicht vorbei, sieht die Uhr an. »Sie schlägt«, flüstert sie. »Sie schlägt immerzu. Und wenn sie aufgehört hat zu schlagen, schlägt sie nie wieder. Ich hör sie zum letzten Mal. Alles geht von mir weg. Wie viel Menschen kamen hier früher, jetzt wollen die jungen Leute auch weg. Das Geld ist weg. Wenn die Uhr schlug, dacht ich immer, das hat noch mein Mann gehört …«

Die Uhr ist still.

»Bitte, Frau Scharrenhöfer, seien Sie so freundlich … Es tut mir sehr leid, dass ich Ihre Uhr angefasst habe …«

»Ich bin schuld«, schluchzt Lämmchen, »ich allein …«

»Gehen Sie nur, junge Leute, gehen Sie nur. Das soll so sein. Eine gute Nacht, junge Leute.«

Die beiden drücken sich vorbei, angstvoll, verschüchtert wie Kinder.

Plötzlich ruft die Alte ganz klar und deutlich: »Vergessen Sie aber Montag nicht die Anmeldung bei der Polizei! Sonst hab ich Scherereien.«

Lämmchen hat die Wahl, der Schleier der Mystik hebt sich, Bergmann und Kleinholz, auch warum Pinneberg nicht verheiratet sein kann

Sie wissen nicht recht, wie sie in ihr Zimmer gekommen sind, durch all die dunklen übervollen Räume, angefasst an der Hand wie Kinder, die sich ängstigen.

Nun stehen sie in ihrem Zimmer, auch das noch gespenstisch genug, nebeneinander, im Dunkeln. Es ist, als ob das Licht ihnen widerstrebte, als könnte es ebenso trübe sein wie das funzlige Licht nebenan über der alten Frau.

»Das war schrecklich«, sagt Lämmchen, tief Atem holend.

»Ja«, sagt er. Und nach einer Weile noch einmal: »Ja. Sie ist verrückt, die Frau, Lämmchen, aus Kummer um ihr Geld.«

»Das ist sie. Und ich« – die beiden stehen noch immer angefasst im Dunklen – »und ich soll den ganzen Tag hier allein in der Wohnung sein, und sie kann immer zu mir hereinkommen – nein! Nein!«

»Sei doch ruhig, Lämmchen, neulich war sie ganz anders. Das war vielleicht nur einmal so …«

»Junge Leute«, wiederholt Lämmchen. »Sie sagt es so hässlich, als wenn wir etwas noch nicht wüssten. Du, du, Junge, ich will nie so werden wie die! Nicht wahr, ich kann nicht so werden wie die? Ich hab Angst.«

»Aber du bist doch Lämmchen«, sagt er und nimmt sie in seine Arme. Sie ist so hilflos, groß und hilflos, und sie kommt zu ihm um Schutz. »Du bist doch Lämmchen, und du bleibst Lämmchen, wie kannst du werden wie die olle Scharrenhöfer?!«

»Nicht wahr? Und für unsern Murkel kann es auch nicht gut sein, wenn ich hier wohne. Der soll sich nicht ängstigen, seine Mutter will immer fröhlich sein, damit er auch fröhlich wird.«

»Ja. Ja«, sagt er und streichelt sie. »Es findet sich alles.«

»Das sagst du jetzt, aber du versprichst mir nicht, dass wir ausziehen, gleich.«

»Können wir es denn? Haben wir denn Geld dafür, anderthalb Monate lang zwei Wohnungen zu bezahlen?«

»Ach, das Geld!«, sagt sie. »Soll ich mich ängstigen, soll der Murkel schiech werden wegen ein bisschen Geld.«

»Ja – ach, das Geld«, sagt er. »Das böse Geld, das liebe Geld.«

Er wiegt sie zwischen seinen Armen hin und her. Plötzlich fühlt er sich klug und alt, auf Dinge, auf die es bisher ankam, kommt es nicht mehr an. Er darf ehrlich sein.

»Ich habe keine besonderen Gaben, Lämmchen, ich werd nicht hochkommen. Wir werden immer nach dem Geld krampfen müssen.«

»Ach du«, sagt sie halb singend. »Ach du!«

Der Wind bewegt die weißen Vorhänge an den Fenstern. Das Zimmer ist von einem fahlen Licht erhellt. Magisch angezogen gehen die beiden Arm in Arm gegen das offene Fenster und lehnen sich hinaus.

Das Land liegt im Mondlicht. Ganz rechts leuchtet ein flackerndes, flimmerndes Pünktchen: die letzte Gaslaterne in der Feldstraße. Aber vor ihnen liegt das Land, schön aufgeteilt in freundliche Helle und in einen sanften tiefen Schatten, wo Bäume stehen. So still ist es, sie hören bis hierherauf die Strela über ein paar Steine plätschern, und der Nachtwind kommt ganz sanft an ihre Stirnen.

»Wie schön das ist!«, sagt sie. »Wie friedlich!«

»Ja«, sagt er, »das tut richtig gut. Zieh mal die Luft ein, nicht wie bei euch in Platz.«

»Bei euch … ich bin nicht mehr in Platz, ich gehöre nicht mehr nach Platz, ich bin am Grünen Ende bei der Witwe Scharrenhöfer.«

»Nur bei der?«

»Nur bei der!«

»Gehen wir noch runter?«

»Jetzt nicht, Junge, lass uns hier noch ein Weilchen liegen. Ich muss dich auch noch etwas fragen.«

»Jetzt kommt es«, denkt er.

Aber sie fragt nicht. Sie liegt da, der Wind bewegt das blonde Haar in der Stirn, legt es bald so, bald so. Er sieht dem zu.

»So friedlich«, sagt Lämmchen.

»Ja«, sagt er.

»Horch!«, sagt sie.

Nun hören sie entfernt Musik, es ist ein Konzert, merken sie, aber da sie beide nichts von Musik verstehen, können sie nicht sagen, was es ist.

»Ist hier eine Wirtschaft in der Nähe?«, fragt Lämmchen.

»Nein, nirgends«, sagt er. »Wo kann sie herkommen, die Musik?«

Sie lauschen wieder. Dann macht er sich los aus ihrem Arm und verschwindet ins Zimmer. Sie sieht wieder in die Nacht hinaus, der Mond kommt so rasch höher, es ist, als sähe man ihn steigen im Himmel, Stück um Stück.

Der Junge ist wieder da: »Komm, Lämmchen, jetzt sollst du etwas hören.«

Er führt sie durch den Spalierbogen in ihr Schlafzimmer, bedeutet sie, stille zu sein; deutlicher, als noch ganz leise klingt die Musik zu ihnen herauf: »Der Kaliebe«, sagt Pinneberg, »der Redakteur! Radio! Ich hab heute Abend schon die Antenne auf dem Dach gesehen.«

»Und er stellt es nicht lauter. Könnt er es nicht ein bisschen lauter stellen, dass auch wir etwas abhaben?«

»Der versteht, glaub ich, viel von Musik. Er schreibt immer die Musikkritiken im Anzeiger. Ich les sie aber nie. – Komm ins Bett, Lämmchen.«

»Wollen wir nicht noch ein bisschen ans Fenster? Wir können morgen doch so lange schlafen, wo Sonntag ist. Und dann möchte ich dich auch noch etwas fragen.«

»Also frag schon!« Es klingt ein bisschen gereizt. Pinneberg holt sich eine Zigarette, brennt sie vorsichtig an, nimmt einen tiefen Zug und sagt merklich sanfter: »Frag schon, Lämmchen.«

»Willst du es nicht so sagen?«

»Aber ich weiß doch gar nicht, was du fragen willst.«

»Du weißt!«, sagt sie.

»Aber bestimmt, Lämmchen …«

»Du weißt!«

»Wenn ich dir doch sage …«

»Du weißt!«

»Lämmchen, bitte sei vernünftig. Frag schon!«

»Du weißt.«

»Also dann nicht!« Er ist beleidigt.

»Junge«, sagt sie, »Junge, weißt du noch, wie wir in Platz in der Küche saßen? An unserm Verlobungstag? Es war ganz dunkel und so viele Sterne, und manchmal gingen wir auf den Küchenbalkon.«

»Ja«, sagt er brummig. »Weiß ich alles. Und –?«

»Weißt du noch, was wir da besprochen haben?«

»Na, höre mal, da haben wir uns eine hübsche Menge zusammengequasselt. Wenn ich das noch alles wissen soll …«

»Aber wir haben etwas ganz Bestimmtes besprochen. Uns versprochen sogar.«

»Weiß ich nicht«, sagt er kurz.

Also da liegt nun dieses mondbeschienene Land vor Frau Emma Pinneberg, geborene Mörschel. Die kleine Gaslaterne rechts zwinkert. Und grad gegenüber, noch an diesem Ufer der Strela, ist ein Hümpel Bäume, fünf oder sechs uralte Linden, schien’s Lämmchen heut am Tage, sie hat sich bestimmt vorgenommen, gleich am Sonntag einmal dorthin zu gehen. Die Strela plätschert, und der Nachtwind ist sehr angenehm.

Es ist alles überhaupt angenehm, und man könnte diesen Abend sein lassen, wie er ist: angenehm. Aber da ist etwas in Lämmchen, das bohrt, das keine Ruhe lässt, etwas wie eine Stimme: Es ist ja Schwindel mit diesem Angenehmsein, es ist ja Selbstbetrug. Man lässt es angenehm sein, und plötzlich sitzt man bis über die Ohren im Dreck.

Lämmchen kehrt mit einem Ruck der Landschaft den Rücken zu und sagt: »Doch, wir haben uns was versprochen. Wir haben uns in die Hand versprochen, dass wir immer ehrlich zueinander sein wollten und keine Geheimnisse voreinander haben.«

»Erlaube mal, das war anders. Das hast du mir versprochen.«

»Und du willst nicht ehrlich sein?«

»Natürlich will ich das. Aber es gibt Sachen, die brauchen Frauen nicht zu wissen.«

»So«, sagt Lämmchen und ist ganz erschlagen. Aber sie erholt sich rasch wieder und sagt eilig: »Und dass du dem Chauffeur fünf Mark gegeben hast, wo die Taxe nur zwei vierzig machte, das ist solche Sache, die wir Frauen nicht wissen dürfen?«

»Der hat doch den Koffer und den Bettsack raufgetragen!«

»Für zwei Mark sechzig? Und warum hast du die Hand in der Tasche getragen, dass man den Ring nicht sieht? Und warum hat das Verdeck vom Auto zu sein müssen? Und warum bist du vorhin nicht mit zum Kaufmann runtergegangen? Und warum können die Leute beleidigt sein, weil wir geheiratet haben? Und warum –?«

»Lämmchen«, sagt er. »Lämmchen, ich möchte wirklich nicht …«

»Das ist ja alles Unsinn, Junge«, sagt sie. »Du darfst einfach keine Geheimnisse vor mir haben. Wenn wir erst Geheimnisse haben, dann lügen wir auch, dann wird es bei uns wie bei allen andern. Wir wollen doch Kameraden sein, Junge, und Kameraden gehen miteinander durch dick und dünn.«

»Ja, schon, Lämmchen, aber …«

»Du kannst mir alles sagen, Junge, alles! Wenn du mich auch Lämmchen nennst, ich weiß doch Bescheid, ich genier mich doch nicht, ich ekle mich doch nicht, ich hab dir doch gar nichts vorzuwerfen. Ich …«

»Ja, ja, Lämmchen, weißt du, es ist alles nicht so einfach. Ich möchte schon, aber … es sieht so dumm aus, es klingt so …«

»Ist es was mit einem Mädchen?«, fragt sie entschlossen.

»Nein. Nein. Oder doch, aber nicht so, wie du denkst …«

»Wie denn? Erzähl doch, Junge. Ach, ich bin ja so schrecklich gespannt! Es ist ganz, als wären wir nicht richtig verheiratet. Erzähl schon …«

»Also, Lämmchen, meinethalben.« Er zaudert wieder. »Kann ich es dir nicht in vier Wochen erzählen?« – sie macht eine Bewegung – »oder in einer?«

»Jetzt. Auf der Stelle! Glaubst du, ich kann schlafen, wenn ich mir so den Kopf zerbrechen muss. Es ist was mit einem Mädchen, aber es ist doch nichts mit einem Mädchen … So ein Gesellschaftsspiel gibt es, weißt du.«

»Also, dann hör schon. Mit Bergmann muss ich anfangen, du weißt doch, zu Anfang war ich in Ducherow bei Bergmann …«

»Im Textilfach, ja. Und ich finde ja auch Textil viel netter als Kartoffeln und Düngemittel. Düngemittel – verkauft ihr auch richtigen Mist?«

»Also, wenn du jetzt nicht hörst, Lämmchen –!«

»Ich hör ja schon.« Sie hat sich auf die Fensterbank gesetzt und sieht abwechselnd ihren Jungen an und dies Mondland. Das kann sie jetzt auch wieder ansehen. Und ganz leise hört man das Radio.

»Also bei Bergmann war ich Erster Verkäufer mit hundertsiebzig Mark …«

»Na weißt du, Erster Verkäufer und hundertsiebzig Mark.«

»Stille biste! Da habe ich immer den Herrn Emil Kleinholz bedienen müssen. Er kam oft, er hat sich oft Anzüge gekauft. Er hat viel Anzüge gebraucht. Weißt du, er trinkt, das muss er schon von Geschäfts wegen mit den Bauern und Gutsbesitzern, aber er verträgt das Trinken nicht. Und dann liegt er auf der Straße und ruiniert sich seine Anzüge.«

»Arg! Wie sieht er denn aus?«

»Hör schon. Also ich habe ihn immer bedienen müssen, der Chef nicht und die Chefin nicht haben was bei ihm zu bestellen gehabt. War ich mal nicht da, haben sie ’ne Pleite geschoben, und ich immer feste verkauft. Und dabei hat er immer auf mich eingeredet, wenn ich mich mal verändern will und wenn ich die Judenwirtschaft überhabe, und er hat einen rein arischen Betrieb und ’nen feinen Buchhalterposten, und mehr verdienen kann ich auch … also, das Gerede ist gegangen alle vier Wochen mindestens, und ich hab gedacht: Red du! Ich weiß, was ich hab, und der Bergmann ist gar nicht schlecht, wenn er auch filzig mit den Gehältern ist, nie geschwärzt, immer anständig zu den Angestellten, und wenn man gut verkauft hatte, hat er gesagt: ›Was sind Sie für ein Mann, Pinneberg! Machen Sie hier Ihren Laden auf in Ducherow, ich geh. Ich mach den gleichen Tag zu, wo Sie aufmachen, ich geh, so ein Mann sind Sie, Pinneberg!‹«

»Hat er Gehalt gespart mit seinen Redensarten.«

Pinneberg ist ärgerlich: »Nein, er hat es wirklich so gemeint! Und ich bin ja auch ein guter Verkäufer.«

»Und warum bist du dann doch von ihm weg zu Kleinholz?«

»Ach, wegen so ’nem Quatsch. Weißt du, Lämmchen, das ist hier in Ducherow so, dass wir uns am Morgen die Post selbst auf dem Amt holen. Da gehen die Lehrlinge. Und nun gehen nicht nur wir, sondern die andern auch von unserer Branche: der Stern und der Neuwirth und der Moses Minden. Und den Lehrlingen ist streng verboten, dass sie einander die Post zeigen. Auf den Paketen sollen sie gleich den Absender dick durchstreichen, dass die Konkurrenz nicht weiß, wo wir kaufen. Aber die Lehrlinge kennen sich doch alle von der Gewerbeschule her, und dann vergessen sie das, und manche haben auch richtig schnüffeln lassen, der Moses Minden vor allem.«

»Wie klein das hier alles ist!«, sagt Lämmchen.

»Ach, wo es groß ist, ist es auch nicht anders. Da machen sie es nur anders. Ja, und nun wollte das Reichsbanner zweihundert Windjacken kaufen, und wir vier Textilhändler haben alle ’ne Anfrage bekommen, wegen Angebot. Und wir hatten so eine gute Bezugsquelle, feiner Stoff und Knöpfe … Na ja, aber wir wussten, die schnüffeln, die wollen durchaus raushaben, von wo unsere Muster kommen, der Stern und der Minden und der Neuwirth. Und weil wir den Lehrlingen nicht getraut haben, hab ich zum Bergmann gesagt: ›Ich geh selbst, ich hol die Post diese Tage selbst.‹«

»Na? Und? Haben sie’s rausgekriegt?«, fragt Lämmchen gespannt.

»Nein«, sagt er und ist schwer beleidigt. »Natürlich nicht. Wenn ein Lehrling nur auf zehn Meter Entfernung nach meinen Paketen geschielt hat, habe ich ihm schon Katzenköpfe angeboten. Den Auftrag haben wir gekriegt!«

»Ach, Junge, nun erzähl doch! Das alles ist doch auch kein Grund, dass du von Bergmann weg bist.«

»Ja, ich hab ja schon gesagt«, meint er und ist ziemlich verlegen, »es ist alles so ein Quatsch gewesen.

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