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Kleine heile perfekte Welt

Kleine, heile, perfekte Welt – Playlist

Reinhard Mey – Über den Wolken

Klima – Schwesterherz

Nena – 99 Luftballons

Christina Perri – A thousand years

Tim Toupet – Fliegerlied

Christina Perri – I´m only human

Edwin Hawkins – Oh happy day

Westerland – You raise me up

Kleine, heile perfekte Welt – Videos

https://www.youtube.com/watch?v=Ju-q4OnBtNU

https://www.youtube.com/watch?v=Biex1XR_mpo

https://www.youtube.com/watch?v=TFQQJB-dsWo

Prolog

Ich glaube es ist wichtig, dass man Leute erst mal richtig kennen lernt, bevor man über sie urteilt. Sicherlich kann man einen Menschen anhand des ersten Eindrucks etwas einschätzen, aber in den meisten Fällen sind wir zu sehr von Vorurteilen beeinflusst, sodass es schwer ist, einen anderen Menschen offen und unvoreingenommen kennenzulernen. Und ich gebe zu, dass das auch nicht unbedingt meine Stärke ist. Aber manchmal sollte ich wirklich meine Klappe halten und abwarten!

Bis jetzt dachte ich immer, ich hätte die Arschkarte gezogen. Ich hatte es nicht unbedingt leicht in meinem Leben und habe in einigen Situationen ziemlich kämpfen müssen. Aber eigentlich wusste ich nicht, wie es ist, wirklich Pech im Leben zu haben. Und es ist keine Stärke, das zu überspielen. Es ist eine Stärke Menschen zu unterstützen, die „normal“ zu sein versuchen, die jeden Tag aufs Neue dafür kämpfen müssen, dass sie akzeptiert werden und permanent damit beschäftigt sind, sich optimal anzupassen.

Unsere Gesellschaft hat eine ganz eigene Definition von „normal“. Und diese Definition hat nichts mit Individualität zu tun, sondern vielmehr mit der Tatsache, dass wir nicht anders als andere sein wollen und niemand auffallen will, wenn er augenscheinlich anders ist, als das definierte „normal“. Und wahrscheinlich ist „normal“ eigentlich nur ein Synonym für alles, was mit Perfektion oder Fehlerlosigkeit zu tun hat. Aber grundsätzlich ist das keiner. Niemand kann also „normal“ sein, weil wir alle individuell sind und eigentlich kann mit einer „Normalität“ auch nicht die Mehrheit gemeint sein, wenn wir doch alle grundlegend verschieden sind.

Aber Fakt ist, dass es keine Integration ist, über andere Menschen zu lachen und sie auszugrenzen, nur weil sie vielleicht nicht im einheitlichen Brei der Gesellschaft schwimmen. Es ist Integration, sich mit Menschen zu zeigen, die „anders“ sind.

Es ist keine Toleranz, wegzuschauen und sich zu sagen, wie froh man ist, dass einen das Schicksal nicht so bloßgestellt hat. Es ist Toleranz, sich mit dem Thema auseinander zusetzten und alle Leute so zu akzeptieren, wie sie sind!

Es ist unsere Aufgabe, dieses „anders“ ein kleines bisschen mehr „normal“ zu machen.

1. Kapitel

Wenn man sich einem Problem vorsichtig nähert, ist das für mich eher so, als würde man vorsichtig eine Seifenblase antippen – sie zerplatzt genauso. Ich halte nichts davon, Kritik nett zu verpacken und finde es auch wenig sinnvoll, freundliche Argumente zu suchen, um jemandem ein Thema nahezulegen. Ich selbst lebe eigentlich immer nach dem Motto: „Gerade raus!“.

Aber jetzt wäre es mir deutlich lieber gewesen, wenn meine angeblichen Eltern mir ihr Thema schonender beigebracht hätten. Allerdings hätte man das in einem kurzen Brief wahrscheinlich kaum noch einfühlsamer machen können. Den Brief selbst finde ich allerdings weder besonders retro, noch modern. Meine Eltern hätten ja auch einfach eine WhatsApp im Zeitalter des Smartphone schicken können.

Okay, das ist eine meiner Eigenschaften, auf die ich nicht besonders stolz bin. Ich verurteile Menschen ziemlich schnell. Wenn nicht nach ihrem Aussehen, dann nach ihrem Verhalten in den ersten fünf Minuten. Also dem ersten Eindruck eben.

Auch wenn mir durchaus selbst bewusst ist, dass das in diesem Fall womöglich wirklich etwas frühzeitig ist. Denn das einzige, was ich von meiner leiblichen Familie weiß, steht in diesem Brief. Wobei ich nicht sicher bin, ob man die Menschen, die sich sein Leben lang nicht für einen interessiert haben, als Familie bezeichnen kann.

Ich war ein gutes halbes Jahr alt, als sie mich in ein Kinderheim gegeben haben. Seitdem habe ich so wenig von ihnen gehört, wie ein Erstklässler vom Binomialkoeffizienten. Nämlich nichts. Ich wusste nicht einmal, dass es sie überhaupt gibt. Deshalb kann ich ihren Impuls, mich nach 16 Jahren zu kontaktieren, auch nicht ganz nachvollziehen.

Außer dem Brief haben meine Eltern noch ein paar Fotos in den Umschlag gelegt. Unter anderem welche von meiner Schwester. Sie ist hübsch und sieht mir leider verdammt ähnlich. Sie ist mir sofort unsympathisch. Theoretisch könnte man jetzt sagen, dass ich eifersüchtig wäre, immerhin lebt sie bei unseren Eltern und ich wurde in ein Kinderheim gesteckt. Aber ich bin nicht eifersüchtig. Kein bisschen. Soll sie es doch besser haben als ich…

Immerhin ist es gar nicht so schlimm im Heim, wie andere immer glauben. Schließlich habe ich ja auch keinen, den ich vermissen könnte. Demzufolge ist das hier mein Zuhause. Es gibt genug nächtliche Mutproben, Sommerpartys oder einfach ein gemütliches Gespräch bis tief in die Nacht mit der besten Freundin. Allerdings ist es auch nicht so toll, wie man nach etlichen Hanni und Nanni Filmen vielleicht den Eindruck haben könnte.

Aber am schlimmsten ist die Zeit außerhalb des Heims. Wenn man von einer Pflegefamilie in die andere gegeben wird, in der Hoffnung, irgendwann ein richtiges Zuhause zu finden, mit einer festen Familie, die sich um einen kümmert und mit einer bekannten Umgebung. Aber in meinen Augen ist das lediglich die perfekte Illusion. Eine Pflegefamilie kann ein Heimkind niemals so lieben wie ein leibliches Kind. Außerdem bin ich für eine Adoption in einem wirklich beschissenen Alter, da die meisten Paare nur Babys oder Kleinkinder wollen. Mein Zug ist also abgefahren.

Für den perfekten Beleg dieser These muss man sich nur einmal die vielen Pflegefamilien ansehen, in denen ich immer nur für eine kurze Zeit gelebt habe. Ich habe nicht nur diverse Schulen besucht, sondern hatte bestimmt hunderte Halbgeschwister und habe immer wieder neue Freunde gefunden, die ich letztendlich wieder zurücklassen musste. Grundsätzlich hatte ich schon immer Probleme, mich auf neue Leute einzustellen. Ich bin grundsätzlich eher ein Mensch, der am besten allein klarkommt. Natürlich gewinnt man auch immer wieder neue Erfahrungen und trifft neue Menschen, aber jede Familie ist anders und es ist unglaublich schwer, sich immer wieder aufs Neue anzupassen. Wie soll es also funktionieren, dass man als gefestigter Teenager, der in seinen vielen Jahren Lebenserfahrung eine gewisse Persönlichkeit entwickelt hat, in eine Familie kommt, die auch ohne ihn hervorragend existiert hat?

Aber am schlimmsten ist einfach das Gefühl, wenn die Familien einen wieder ins Heim zurückbringen. Auch wenn mir immer wieder versichert wird, dass es einfach nur nicht gepasst hat und es natürlich nicht meine Schuld sei, habe ich jedes Mal das Gefühl, gerade wieder einmal etwas falsch gemacht zu haben.

Klar hinterlassen solche Begegnungen und Momente immer ein ungutes Gefühl, allerdings treffen mich solche Dinge mittlerweile längst nicht mehr so stark. Mit der Zeit habe ich gelernt, nichts mehr an mich heranzulassen. Es hat lange gedauert, bis mich nichts mehr verletzt hat. Vielleicht mag ich deshalb auf den ersten Blick als ruppig oder nicht besonders einfühlsam erscheinen, aber das ist immer noch besser, als meine Gefühle zuzulassen. Wenn ich mich auf Menschen einlassen würde, wäre ich nur immer wieder aufs Neue enttäuscht und verletzt. Deshalb vermeide ich solche Beziehungen gänzlich. Und höchstwahrscheinlich ist das auch der Grund, warum Heimkinder immer verzogen und frech rüberkommen. Sie wurden in dieser Zeit so oft enttäuscht, dass sie keinen Menschen mehr an sich heranlassen können oder mit sich vernünftig reden lassen.

Eine Lehrerin, mit der ich Unterricht hatte, als ich in einer Pflegefamilie untergebracht war, hat mal zu mir gesagt, mir würde die mütterliche Liebe fehlen. Aber das ist Unsinn. Ich brauche keine Liebe oder Fürsorge. Mir geht es gut. Ich komme klar und kann für mich selbst sorgen. Ich bekomme mein Leben gut organisiert und hätte für diesen ganzen gefühlsduseligen Quatsch sowieso gar keine Zeit.

Allerdings schaffe ich es gerade nicht besonders gut, meine Gefühle komplett zu unterdrücken. Ich betrachte eines der beigelegten Bilder und muss tatsächlich gegen die Tränen ankämpfen. So etwas ist mir noch nie passiert! Ich schlucke hart.

Momentan sind nur noch Umrisse zu erkennen. Ein Mann und eine Frau. Beide wirken ziemlich groß. Die Frau hat blonde Haare und der Mann braune. Meine Mutter blaue Augen und mein Vater braune. Die beiden sind unverkennbar meine Eltern. Die Augen haben ich von ihm und die Haare von ihr.

Beide haben jeweils einen Arm um die Schultern eines Mädchens gelegt. Sie sieht aus wie eine bildhübsche Kopie von mir. Ihre langen honigblonden Haare leuchten in der Sonne und die warmen braunen Augen strahlen ruhig in die Kamera. Sie hat strahlend weiße und perfekt gerade Zähne, die man sieht, wenn sie so lächelt. Meine Zwillingsschwester. Kaum zu glauben. Ich schüttle den Kopf. Plötzlich komme ich mir hässlich vor. Schmutzig und ungepflegt. Dennoch fällt es mir zunehmend schwerer sie nicht zu mögen. Immerhin kann sie nichts dafür, dass ich hier gelandet bin.

Im Gegensatz zu meinen Eltern. Sie haben es zu verantworten, dass ich keine Familie habe und so bin wie ich bin. Und jetzt haben sie mich zu sich nach Hause eingeladen. Dort wo meine perfekte Schwester aufs Gymnasium geht, Geige und Klavier spielt, Ballett tanzt und alles andere macht, worauf Eltern stolz sein können. Zumindest könnte ich mir das vorstellen, denn wissen tue ich es eigentlich nicht. Kann man schon Babys ansehen, welches es zu Erfolg bringen wird und welches nicht?

Ich weiß, ich bin gemein. Ich sollte meine Schwester nicht mit solchen Vorurteilen begegnen und auch meine Eltern nicht so voreilig beurteilen. Jeder Mensch hat schon alleine daher etwas Respekt verdient, da man nie wissen kann, welche Ereignisse zu entsprechenden Entscheidungen geführt haben. Und solange ich diese Ereignisse nicht kenne und nicht bis ins kleinste Detail nachvollziehen kann, sollte ich auch keine voreiligen Schlüsse ziehen. Ich habe nicht das Recht, diese Menschen zu verurteilen.

Wütend wische ich mir mit dem Handrücken über meine Augen und nehme das nächste Foto in die Hand. Diesmal ist es ein Bild nur von meinen Eltern. Meine Mutter trägt ein pastellfarbenes Sommerkleid und mein Vater eine weiße Hose mit einem hellblauen Hemd, bei dem er die Ärmel hochgekrempelt hat. Beide Formen mit ihren Händen ein Herz und sehen einfach nur glücklich aus. Ich seufze. Eigentlich ist das mehr als kitschig und normalerweise würde ich einen Brechreiz unterdrücken müssen, aber gerade habe ich vielmehr das Bedürfnis, dieses Bild an meine Brust zu drücken und nie wieder loszulassen.

Die beiden sehen noch unglaublich jung aus. Mein Vater scheint höchstens 35 zu sein und meine Mutter sogar noch jünger. Wenn ich nachrechne, waren sie damals nicht besonders alt, als sie uns beide bekommen haben. Aber auch da kann ich mich natürlich täuschen. Ich habe keine Ahnung, ob die beiden wirklich so alt sind sind oder ob mich ihr Äußeres nicht doch täuscht. Aber zumindest zeigt mir das, dass ich ihnen unter Umständen doch die Möglichkeit geben sollte, sich zu erklären.

Ich betrachte das Foto noch einen kurzen Moment. Wenn man es genau nimmt, bin ich gerade dem Geheimnis meiner Vergangenheit auf der Spur… Vielleicht ist es meiner Familie sogar schwer gefallen, mich wegzugeben. Aber wenn das der Fall wäre, warum haben sie mich dann nicht früher kontaktiert?

Ich seufze noch einmal und versuche mich auf den Text des Briefes zu konzentrieren.

„Liebe Ella,

es tut uns leid, dass wir uns erst nach so einer langen Zeit bei dir persönlich melden. Wir sind uns bewusst, dass du Zeit brauchen wirst, um zu entscheiden, ob du zu uns Kontakt aufnehmen willst. Diese wollen wir dir auch gewährleisten. Allerdings würden wir uns freuen, wenn du mit uns unsere Hochzeit feiern möchtest.“

Wie gesagt – ein emotionaler Roman wurde in diesem kurzen Brief nicht verfasst. Ich hoffe, dass dieses Fest nur der gegebene Anlass war, um mich zu kontaktieren und nicht der eigentliche Grund, warum sie es getan haben. Nur um einen auf kleine, heile, perfekte Familie am Hochzeitstag zu machen, werde ich da bestimmt nicht hinfahren. Ich wünsche mir viel mehr, dass sie schon länger den Drang verspürt haben, sich mit mir zu treffen und dass sie bis dato nur noch nicht den richtigen Zeitpunkt gefunden haben.

Plötzlich nehme ich eine Bewegung ganz in der Nähe war. Neben mir raschelt ein Busch. Ich halte die Luft an und bewege mich nicht. Schnell wische ich mir über mein Gesicht und schaue mich erschrocken um. Wenn mich jemand in diesem Zustand sieht, werde ich mit Sicherheit zum Gespött der gesamten Belegschaft. Innerlich fahre ich meine Schutzmauern wieder hoch und lege mir ein paar bissige Worte zurecht, falls mich jemand wegen meiner Heulattacke blöd anmachen sollte. Ich warte einen Moment und lausche in den Wald hinein, aber nichts passiert. Schlussendlich kommt lediglich ein kleiner Vogel aus dem Gebüsch gesprungen.

Fluchend werfe ich ein kleines Stöckchen nach ihm. Es tut mir sofort leid, als er erschrocken davonfliegt, aber mein mentaler Zustand scheint momentan nicht besonders stabil zu sein.

Aber das hier ist natürlich nicht mein Wald. Im Gegenteil. Normalerweise meide ich ihn, weil ich Angst habe, dass mir ein Öko- Heini beim Pilze suchen über den Weg läuft oder so ein Mensch, der die Vögel im Wald zählt und dann jeden einzelnen dokumentiert. Verurteile ich schon wieder? Vielleicht sind das ja eigentlich auch ganz coole Typen…

Ich lenke meinen Blick wieder auf das Blatt und lese weiter.

„Wir möchten jedoch keine traditionelle Feier veranstalten, sondern eine Mottoparty mit dem Thema All in White. Wir würden uns freuen, wenn du uns in den Osterferien besuchen könntest, damit wir uns in aller Ruhe kennenlernen können. Dann kannst du immer noch entscheiden, ob du mit uns feiern möchtest oder nicht. Allerdings gibt es in den Ferien einiges zu organisieren, weshalb wir zusätzlich noch jede helfende Hand gebrauchen könnten. Wenn du möchtest, kannst du also gerne deinen Beitrag zum Gelingen dieses besonderen Tages beitragen. Unsere Hochzeit soll dann am 25. April stattfinden. Selbstverständlich könntest du bei uns im Gästezimmer übernachten.

Wir würden uns freuen, dich in unserer Familie willkommen heißen zu dürfen. Demnach hoffen wir, dass du zusagst, da wir dich sehr gerne persönlich kennen lernen würden.

In Liebe

deine Mama, dein Papa und deine Schwester Sina“

Ich lasse den Brief sinken. Ich weiß einfach nicht, was ich davon halten soll. 16 verdammte Jahre habe ich mich danach gesehnt eine richtige Familie zu haben. Ich hatte gehofft, dass sich meine Eltern melden würden und dass ich hier rauskomme. Dass ich Menschen finden würde, die mich lieben und bei denen ich mich geborgen fühlen würde. Oder zumindest, dass ich Menschen um mich haben würde, die mir vertraut sind und die mir das Gefühl geben, gebraucht zu werden.

Jetzt hätte ich auf all das eine Chance und möchte mich am liebsten wie ein Kleinkind unter meiner Bettdecke verkriechen und all diesen Entscheidungen, den Problemen und Veränderungen aus dem Weg gehen.

Aber auf der anderen Seite bin ich sehr gerührt, dass sie mich auch nach so langer Zeit nicht vergessen zu haben scheinen. Also habe ich zumindest einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Für einen Moment gerate ich ins Schwärmen. Wie es wohl wäre, wenn jemand Sina und mich als Geschwister vorgestellt bekommt. Wenn ich sagen kann, dass ich Teil dieser Familie bin? Für viele wäre das wahrscheinlich selbstverständlich und das normalste der Welt, aber wenn man so etwas nicht kennt, dann weiß man es zu schätzen. Ich wäre so gerne jemand, auf den die Eltern stolz sein könnten. Gut in der Schule, immer brav zu allen und so. Aber in diesem Brief klingt es, als ob wir von alledem noch sehr weit entfernt wären. Vielleicht sehen sie in mir auch einfach eine kostenlose Arbeitskraft, die bei den Vorbereitungen für die Party Stühle schleppen und Blumen binden kann und die dann schlussendlich als verschollene Tochter vorgestellt wird…

Ich seufze mal wieder und widme mich einer anderen Seite des Briefes. Diesmal ist es etwas Handgeschriebenes von meiner Schwester.

Die Schrift ist nicht besonders ordentlich und es ist auch nicht wirklich viel Text. Augenscheinlich hatte meine Schwester keine Lust, diesen Brief an mich zu verfassen. Aber ich kann sie verstehen. Wenn ich in einer heilen, perfekten Welt leben würde, dann wäre ich auch nicht erfreut, wenn diese plötzlich ins Wanken gerät. Wenn sich jemand in mein Leben drängen würde, mit dem ich meine Eltern teilen müsste.

Plötzlich spüre ich eine Hand auf meiner Schulter. Unsanft werde ich zurückgerissen, sodass ich keine andere Wahl habe, als der Person direkt ins Gesicht zu schauen. Ich sehe zwei grüne Augen, ein schmales Gesicht, welches von dicken braunen Locken umrahmt wird. Erleichtert stöhne ich auf, als ich erkenne, dass es nur meine beste Freundin Kiki ist.

Aber wenn ich sie so anschaue, frage ich mich jedes Mal aufs Neue, warum manche Eltern ihre Kinder von sich geben. Vor allem weil sie nicht einmal wissen, was sie ihnen damit antun.

Kiki ist erst seit einem halben Jahr hier und hat noch keine Erfahrungen mit Pflegefamilien gemacht. Das Jugendamt hat sie von zu Hause weggeholt. Ihr alleinerziehender Vater war mit seinem Leben und seiner Arbeit überfordert. Aber wahrscheinlich am meisten mit sich selber. Den Stress und die eigene Unzufriedenheit hat er dann nicht nur verbal an Kiki ausgelassen. Hinzu kam, dass er ein nicht unerhebliches Alkoholproblem hatte.

Als das Jugendamt davon Wind bekommen hat, dass der Vater seine Tochter schlägt, wurde Kiki ihm sofort weggenommen und es wurde ein Verfahren gegen ihren Vater eingeleitet.

Kiki war sehr unglücklich, als sie von ihm wegmusste. Selbstverständlich war ihr bewusst, dass ihr Vater ihr nicht gut tat, aber sie hat ihn eben auch einfach aus dem Grund geliebt, dass er ihr Vater war. Sie wäre niemals auf die Idee gekommen, sich selber Hilfe zu holen.

Im Nachhinein hat sie mir erzählt, dass ihr Vater sie erpresste, indem er es zur Bedingung mache, sie müsse diese Dinge akzeptieren, wenn er weiterhin ihre Handyrechnung bezahlen soll oder sie weiter unter seinem Dach wohnen will. Er meinte, dass er jeden Tag hart arbeite, nur damit sie Essen auf dem Teller hat und sie nur ein undankbares Stück sei, dass nachtragend war, wenn er einmal einen Fehler mache. Aber für ein Kind ist es schwer, zwischen Fehlern, die der Vater nach einem Abend in der Bar macht und dem täglichen Leben eines alkoholkranken Gewalttätigen zu unterscheiden. Wobei es wahrscheinlich auch keinen Unterschied gemacht hätte, ob dieses Verhalten nun nur sporadisch auftritt oder regelmäßig. Es ist nicht richtig und es wäre unverantwortlich, wenn Kiki nicht aus dieser Situation geholt worden wäre.

Kiki lässt sich neben mich ins Gras plumpsen und mustert mich von der Seite. Ihr Blick hat etwas Aufforderndes. Ich habe das Gefühl, dass sie von mir erwartet, dass ich allein anfange zu reden. Es fühlt sich an, als würde sie mit ihren Augen meinen Körper röntgen, um zu sehen, was in mir vorgeht.

Ich riskiere einen vorsichtigen Seitenblick. Plötzlich beugt sie sich vor, nimmt mein Kinn zwischen ihre Finger und dreht meinen Kopf so, dass sie mir direkt in mein Gesicht schauen kann.

„Sag mal hast du geheult oder was?“

Ihr Blick fällt auf den Brief in meiner Hand. Ich muss seufzen. Kiki hatte schon immer eine sehr direkte Art. Ich zögere mit der Antwort und winde mich aus ihrem Griff. Dann druckse ich ein wenig herum und blicke verlegen zu Boden.

Kiki hat jeglichen Kontakt zu ihrem Vater abgebrochen, deshalb weiß ich nicht ob ich ihr meine Situation erklären soll. Sie ist der Meinung, dass es so besser ist. Wenn sie jetzt regelmäßig mit ihm schreiben oder telefonieren würde, würde sie sich nur jedes Mal aufs Neue Vorwürfe machen oder wäre enttäuscht, dass es damals nicht besser gelaufen ist.

Eigentlich bin ich ja ganz froh, dass meine Eltern mich kontaktiert haben. Aber Kiki und ich sind nun mal komplett andere Typen. Sie ist mehr der wildere Charakter und sehr schnell aufbrausend, während ich hingegen sehr viel über mein Umfeld und meine Handlungsschritte nachdenke. Ich habe oft Angst, dass ich etwas falsch mache und mache die Dinge dann meistens gar nicht. Oder ich verschließe mich vor der Außenwelt, damit ich nicht verletzt werden kann. Ist Ruppigkeit dann vielleicht auch nur eine Form von Angst, wenn es mir als Selbstschutz dient?

Warum ich deshalb ausgerechnet mit den Menschen Kontakt haben will, die für mein Schicksal hier verantwortlich sind, kann ich selbst nicht so ganz verstehen.

Also beschließe ich, Kiki die Wahrheit zu sagen und ihr die ganze Geschichte zu erzählen. Meine finale Entscheidung steht sowieso noch nicht fest und es kann nicht schaden, sich eine zweite Meinung einzuholen.

Ich fange an, ihr davon zu erzählen, wie sehr ich mir schon immer eine richtige Familie gewünscht habe und wie ich mich freue, dass sie mich kontaktiert haben. Aber ich verschweige ihr auch nicht, dass ich im gleichen Maße ängstlich bin und mir nicht vorstellen kann, dass es mir nach fast 16 Jahren besonders gut gelingen wird, mich in diese Familie zu integrieren. Ich zeige ihr die Fotos und erzähle ihr, dass meine Schwester so perfekt und fehlerfrei wirkt und ich nicht verstehen kann, warum sie, im Gegensatz zu mir, bei unseren Eltern wohnt.

Ich komme mir ziemlich bescheuert vor, Kiki an dieser Stelle meine Gefühle zu offenbaren und mir somit selbst einzugestehen, dass ich Zweifel habe. Es ist, wie gesagt, normalerweise einfach nicht meine Art, über das zu reden, was ich fühle, warum ich Angst habe oder auch weshalb ich mir Sorgen mache.

Vorsichtig werfe ich einen Blick in Kikis Richtung, um zu sehen, wie meine beste Freundin auf die Neuigkeit reagiert. Ihr Gesicht ist wie versteinert. Sie wäre der perfekte Pokerspieler. Keine Chance irgendwas zu entschlüsseln.

Zaghaft lächle ich ihr zu. In so einer Situation kann sie schon mal schnell ausflippen. Ehrlich gesagt, rechne ich auch mit so einer Reaktion, da wir bestimmt komplett anderer Ansicht sein werden, was die Lösung des Problems betrifft. Doch sie legt mir nur die Hand um die Schultern und zieht meinen Kopf zu sich.

„Hey, du schaffst das schon. Du weißt, dass ich immer an deiner Seite stehe und du dir echt keine Sorgen machen brauchst“, flüstert sie.

Dann lächelt sie mir zu. Ich kaue nervös auf meiner Unterlippe. Ich bin kurz davor, schon wieder zu heulen. Kiki streckt die Hand nach dem Foto von Sina aus, dass ich immer noch in der Hand halte.

„Wow, ihr seht euch echt ähnlich. Du und deine Schwester.“

Dann legt sie das Foto beiseite und nimmt meine Hand. Diesmal ist ihr Gesichtsausdruck ernst, auch wenn sie sich bemüht, freundlich zu wirken und ihre Augen mir absolute Offenheit signalisieren.

„Ella du hast großes Glück, dass du die Chance bekommst, mit deiner Familie nochmal neu anfangen zu können. Sieh das als einmalige Gelegenheit, die du geschenkt bekommst und die du auch als solche nutzen solltest. Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen, als endlich nette Leute kennen zu lernen, mit denen du auch noch verwandt bist. Du solltest gar nicht lange überlegen, sondern zusagen!“

„Also soll ich es machen?“ Diese emotionale Reaktion hätte ich von Kiki wirklich nicht erwartet.

Sie nickt, während sie gespielt genervt die Augen verdreht. „Natürlich sollst du es machen!“ Sie knufft mir in die Seite. „Aber ich will eine detaillierte Berichterstattung haben!“

Dann zeigt sie wieder auf das Foto von Sina, das sie immer noch in der Hand hält.

„Ist dir aufgefallen, dass ihre Augen ganz anders aussehen als deine? Du hast diese großen kugelrunden Augen. Braun sind ihre zwar auch, aber viel schmaler. Mandelförmig. Fast so wie die Augen von Chinesen.“

Ich betrachte das Foto nochmal genauer. Es stimmt. Das ist mir vorher noch gar nicht aufgefallen.

„Und ihre Augen stehen viel weiter auseinander“, ergänze ich.

„Und es scheint, als wärst du ein ganzes Stück größer als sie“, findet Kiki. „Steht in dem Brief denn, ob ihr eineiige Zwillinge seid?“

Ich verneine. Ich war schon verblüfft, dass ein Mensch, den ich nicht kenne, mir überhaupt so ähnlich sehen kann. Ich lehne mich an Kikis Schulter, während sie einen Arm um mich legt.

„Ich bin sehr froh, dass du es gut findest, wenn ich dahin fahre“, seufze ich.

„Na klar“, lächelt Kiki. Dann beugt sie sich vor, um mir ins Gesicht sehen zu können.

„Aber du solltest nicht zu euphorisch sein. Vielleicht ist das Familienleben gar nichts für dich und du kommst mit diesen Leuten gar nicht klar. Immerhin sind es trotzdem Fremde. Auch wenn ihr vielleicht verwandt seid.“

Ich schließe die Augen und lasse mir ihre Worte noch einmal durch den Kopf gehen. Kann es sein, dass ich mir ein Leben lang eine Familie gewünscht habe und trotzdem nicht in einer leben kann? Möglich wäre es schon. Aber ich hoffe, dass es nicht der Fall ist.

2. Kapitel

Wir quatschen fast noch eine Stunde und spekulieren, was meine Eltern dazu veranlasst haben könnte, sich so plötzlich nach 16 Jahren bei mir zu melden. Und obwohl uns beiden bewusst ist, dass ich wiederkommen werde und wir danach unser Leben ganz normal weiter leben, kommt es mir so vor, als ob es ein Abschied wäre. Es ist definitiv eine Entscheidung, die mein Leben verändern kann. Und vielleicht ist es ja auch eine Entscheidung, die einen Schritt ins Familienleben darstellt.

Ich bin froh, dass Kiki mir zuhört, auch wenn wir zwei so grundlegend verschiedene Typen sind. Und auch wenn das Leben hier seine Schattenseiten hat, bin ich doch dankbar, dass ich nicht auf der Straße oder in Krisengebieten leben muss. Ich habe ein Dach über dem Kopf, immer Essen, ein interessantes Leben, Leute um mich herum und eine Bezugsperson, die immer ein offenes Ohr für mich hat. Und ich glaube, dass ich dafür viel zu selten wirklich dankbar bin.

Kiki und ich sind so in unser Gespräch vertieft, dass wir gar nicht merken, wie es langsam dämmert. Die Luft hat sich stark abgekühlt und die ersten Sterne sind am Himmel zu sehen.

Es ist schon relativ spät, sodass wir uns eigentlich gar nicht mehr auf dem Gelände befinden dürften. Aber unser Gespräch war recht aufwühlend, sodass ich beschließe, vor dem Schlafengehen nochmal an den kleinen See zu gehen, der an das Grundstück grenzt. Kiki ist müde, weshalb sie schon mal in unser Zimmer vorgeht.

Leise plätschern die Wellen ans Ufer. Ich steige vorsichtig die steile Böschung hinab und lasse mich zwischen zwei riesigen Trauerweiden ins kühle Gras sinken. Die ersten Sterne und der Mond spiegeln sich im Wasser und der Wind kräuselt die Oberfläche des Sees. Mir saust er um die Ohren, sodass ich schnell den Kragen meiner Jacke aufstelle. Die Luft ist kühl, aber angenehm klar. Ich atme einmal tief durch.

Dieser Ort hat einfach eine beruhigende Wirkung auf mich. Und irgendwo auch etwas Magisches. Immerhin könnte ich hier den Mond berühren, wenn ich wollte.

Ich schließe die Augen und lasse meine Gedanken wandern. Könnte ich mir ein Leben woanders vorstellen?

Das hier ist mein Zuhause und ich möchte es nicht missen.

Im Sommer feiern wir hier immer Partys bis zum nächsten Morgen. Wir hängen bunte Lichterketten in die Bäume, grillen und machen Stockbrot und Marshmallows über dem Lagerfeuer. Wenn es warm ist, schwimmen wir bis zur anderen Seite des Ufers. Oder wir fahren mit einem kleinen Floß zur Insel in der Mitte des Sees.

Dort haben wir drei kleine Hütten, in denen wir auch manchmal übernachten. Wir bleiben ewig wach und spielen Wahrheit oder Pflicht.

Um Mitternacht machen wir dann oft alle zusammen ein Wettschwimmen. Keiner kann uns ermahnen, dass wir zu laut sind, weil uns keiner hört. Und keiner kann uns sagen, wir müssen ins Bett, weil Ferien sind. Es ist absolut still hier draußen und wenn wir in der Morgendämmerung ganz leise sind, können wir sogar Rehe beobachten, die hier an unsere Uferstelle zum Trinken kommen. Die ersten, die wach werden, wecken meist die anderen, in dem sie Wasser aus dem See holen und es über den schlafenden Köpfen verteilen.

Im Herbst gibt es jedes Jahr einen kleinen Wettkampf, bei dem wir mit kleinen Ruderbooten über den See fahren und bei dem es immer coole Sachen zu gewinnen gibt. Alle machen mit, und es interessiert in diesem Moment keinen, welches Schicksal der Teamkollege hinter sich hat, wie alt das Kind ist, dass mit im Boot ist, oder ob man die Leute gut leiden kann, die die erste Runde gewonnen haben. Wenn man in dieser Jahreszeit auf den Steg geht, wird man häufig komplett vom Nebel verschluckt. Es fühlt sich immer an, als würde die klamme Feuchtigkeit unter jede Jacke, in jeden Ärmel kriechen und als würde der Nebel seine langen Finger ausfahren, um sein neustes Opfer im Nacken packen.

Das eignet sich besonders gut, wenn man andere erschrecken will. Am besten finde ich deshalb auch die legendäre Halloweenparty, bei der auf dem ganzen Steg gruselige Kürbisse aufgestellt werden. Jeder, der sich traut, muss einmal im Dunkeln alleine um den See laufen. Unsere Lehrer und Betreuer lassen sich immer etwas Neues einfallen, um die Mutigen zu erschrecken. Letztes Jahr haben sich alle im Wald auf der anderen Uferseite versteckt und ein Kind nach dem anderen ins Wasser gejagt. Ihnen fallen immer wieder neue Kostüme ein und die Jüngsten unter uns können wochenlang nicht mehr einschlafen.

Im Winter können wir Schlittschuhlaufen, da es nicht besonders kalt sein muss, bis der kleine See komplett zugefroren ist. Unsere Sportlehrer machen dann mit uns im Sportunterricht Eishockey oder Eiskunstlaufen. Nachdem wir zu den Hütten auf der Insel gelaufen sind, können wir uns immer aufwärmen, wenn das Feuer im Kamin knistert und wir in warme Decken eingehüllt zusammensitzen. Dann lachen wir viel und trinken heißen Kakao, während wir auf die schöne Winterlandschaft hinausschauen.

Weihnachten wichteln wir immer, nur dass bei uns der Weihnachtsmann die Geschenke nicht mit Schlitten und Rentieren bringt. Stattdessen verteilt er die Geschenke auf der Eisfläche und die Kinder müssen an Heilig Abend aufs Eis, um sie sich zu holen.

Im Frühling findet das Aprilfest statt. Eine kleine Tradition der Heimkinder. Alle bekommen eine kleine Schwimmkerze und lassen sie auf das Wasser hinausschwimmen. Das ist ein unfassbar schönes Bild, wenn der Nebel über dem See liegt, die Sonne zwischen den Bäumen hindurch scheint und die ersten Frühlingssonnenstrahlen auf der Haut kitzeln. Wenn die kleinen Lichter über den See gleiten und nach und nach vom Nebel verschluckt werden, erinnern ihre bunten Farben an den Sommer, der dann vor der Tür steht. Die Tradition vermittelt immer einen spannenden, einen ankündigenden Eindruck.

Ich bin so in Gedanken versunken, dass ich gar nicht auf die Zeit achte. Es dauert bestimmt nochmal eine Stunde, bis ich aufstehe und mir den Sand von der Hose klopfe.

Mittlerweile ist es so finster, dass ich mehrmals danebentrete, als ich den kleinen Hang hinaufklettere. Danach laufe ich so schnell ich kann zum Haupthaus, wo sich die Schlafzimmer befinden. Dabei bin ich sehr bedacht, nicht in einen der Maulwurfshügel zu treten, die auf der ganzen Wiese verteilt sind.

Ich komme an dem keinen Anbau vorbei, indem sich die Küche befindet. Dahinter ist die Cafeteria im gemütlichen Bungalowstil. Der Anbau verbindet die beiden großen Haupthäuser in denen alle Kinder auf drei Etagen untergebracht sind. In einem Haus sind die Jungen mit den entsprechenden Betreuern und im anderen die Mädchen.

Eigentlich hat das Kinderheim etwas von einem Feriencamp, mit dem modernen Stil und den gepflegten Gebäuden. Nur das fünfte Gebäude auf dem Campus, die Schule, verrät, dass die Kinder hier länger, als bis zum Ende ihrer Sommerferien bleiben. Denn das hier ist ihr Zuhause.

Als ich unser Doppelzimmer betrete, ist nur noch Kikis Nachtischlampe an. Sie liegt, mit einem aufgeschlagenen Buch in der Hand, auf dem Rücken und schläft. Offenbar wollte sie noch auf mich warten, hat aber nicht damit gerechnet, dass ich so lange brauchen würde.

Leise nehme ich ihr das Buch weg, klappe es zu und lege es auf den Tisch. Dann knipse ich ihr Licht aus. Auf Zehenspitzen greife ich nach meinem Kosmetikbeutel und verschwinde in dem kleinen Bad, das zu unserem Zimmer gehört. Ich springe unter die Dusche und putze mir die Zähne, bevor ich mich ins Bett lege und sofort einschlafe.

In dieser Nacht träume ich von Familien, von Geschwisterkindern, Hochzeiten und von Eltern.

3. Kapitel

Ich zähle die Tage, bis wir endlich Osterferien haben. In der Schule wollen die Lehrer um diese Zeit immer am meisten Tests schreiben. Aber mir fällt es noch schwerer als sonst, mich auf den Unterrichtsstoff zu konzentrieren.

Heute ist Mittwoch. Bis Samstag muss ich noch durchhalten, dann habe ich es geschafft.

Mittlerweile freue ich mich doch mehr auf den Besuch bei meiner neuen Familie, als ich zu Beginn dachte. Doch mit der Freude steigen auch meine Zweifel. Immerhin weiß ich so gar nicht, was auf mich zukommen wird… Und mit den Zweifeln ploppen auch immer wieder neue Fragen in meinem Kopf auf, die mich verunsichern und mir das Gefühl geben, doch eine falsche Entscheidung getroffen zu haben, als ich bei meinen neuen Eltern zugesagt habe.

Was wenn sie mich schlecht behandeln? Ich weiß schließlich nicht den Grund, warum ich ins Heim gekommen bin. Es wird ja hoffentlich nicht der Grund sein, dass ich nicht so perfekt zu sein scheine wie Sina. Aber warum haben sich meine Eltern damals nicht für mich entschieden? Und dürfte ich solche Gedanken überhaupt laut aussprechen? Oder klinge ich dabei nur selbstverliebt und arrogant und so, als ob ich meiner eigenen Schwester kein tolles Leben gönnen würde? Aber wie soll ich denn dann Antworten auf meine Fragen bekommen, wenn ich mich nicht einmal traue, sie zu stellen?

Was ist, wenn ich mich nicht wohl fühle?

Was mache ich, wenn ich mit den Leuten nicht klar komme?

Was sollte sein, wenn sie mich nicht mal vom Flughafen abholen?

Es gibt so viele Sachen, die alle schief laufen könnten. Ich bin eigentlich wirklich nicht unbedingt der Mensch, der immer nach dem Kopf handelt und schon gar nicht einer, der sich im Vorfeld irgendwelche Gedanken macht, was alles schieflaufen könnte. Ich bin mehr der Bauchgefühltyp. So etwas wie „Bauch sagt zu Kopf ja, doch Bauch sagt nein“ gibt es für mich nicht. Ich probiere sehr gerne Dinge aus. Wer weiß, wann ich das nächste Mal zu etwas die Gelegenheit habe. No risk- No fun…

Aber dieses Mal ist alles anders. Ich bin komplett verunsichert und habe mehrmals ernsthaft mit dem Gedanken gespielt, das alles wieder abzublasen.

Ich überlege im Moment andauernd, wer ich bin und was ich eigentlich überhaupt kann. Manchmal komme ich mir wie ein Versager vor. Ich fand mich unglaublich erwachsen und selbstständig. Aber ist man erwachsen, wenn man cool ist?

Früher dachte ich immer, ich wäre total cool und beliebt. Alle haben immer mit mir gelacht. Ich war der Klassenclown und bei mir gab es nie schlechte Stimmung. Aber neuerdings denke ich immer, dass sie nicht mit mir gelacht haben, sondern über mich. Mich quasi ausgelacht. Und selbst wenn sie mit mir gelacht hätten, kann es sein, dass ich damit nur meine eigene Unsicherheit überspielen wollte. Ich wollte mit meinen Witzen von meinen Fehlern ablenken. Keinem sollte bewusst werden, dass ich unzufrieden sein könnte und auch manchmal traurig bin.

Ich habe keine anderen Freunde als Kiki und bin auch gerade dabei, meine eigenen Stärken aus den Augen zu verlieren. Aber niemand sollte auf die Idee kommen, dass ich Zweifel im Leben haben könnte. Selbstzweifel…

„Ella, kommst du bitte mal an die Tafel und rechnest uns diese Aufgabe vor?“

Ups… Der Matheunterricht ist wohl doch nicht der beste Ort, um in Ruhe über das Leben nachzudenken.

Ich bewege mich nicht und schaue nur auf das Blatt meines Schreibheftes. Vielleicht habe ich mich verhört und mein Mathelehrer meint jemand anderes. Oder er sucht sich ein anderes Opfer, wenn er einsieht, dass es mit mir sowieso keinen Sinn ergibt.

Die Seite meines Mathehefts ist immer noch unbeschrieben. Ich werfe einen Blick auf das Blatt von Kiki. Erschrocken stelle ich fest, dass ihre Seite keineswegs leer ist. Im Gegenteil.

„Ella, ich habe dich gemeint. Vielleicht solltest du mit der Ferienstimmung noch zwei Tage warten. Und jetzt komm bitte nach vorne und zeige uns deinen Rechenweg, um die nächste Aufgabe auszurechnen.“

Ich stehe langsam und mit gesenktem Kopf auf und schleiche zur Tafel. Dann nehme ich das Stück Kreide aus der Hand des Lehrers und werfe einen Blick an die Tafel.

Irritiert stolpere ich einen Schritt zurück. Was ist das denn? Hieroglyphen? Nehmen wir etwa die alten Ägypter im Matheunterricht durch?

Ich schaue fragend zu Kiki. Sie hält beide Daumen gedrückt, schaut mich aber etwas mitleidig an. Dann muss es doch etwas mit Mathe zu tun haben.

Ich schaue zu meinem Lehrer. Doch er hat ein richtiges Pokerface aufgesetzt. Meine Klasse wird unruhig und fängt an zu tuscheln und zu kichern. Ich merke, dass sich selbst mein Mathelehrer ein abfälliges Grinsen nicht verkneifen kann. Ich schaue nochmal an ihm vorbei und sehe das Kiki mit ihren Händen fuchtelt.

Seit wann kann sie denn Gebärdensprache? Mir hilft das jedenfalls nicht. Ich habe davon genauso wenig Ahnung, wie von der legendären Mathematik. Mürrisch wende ich mich wieder der Tafel zu. Kein Plan, was das sein soll. Geschweige denn, wie man auf die Lösung dieses Problems kommen soll.

20 Minuten später, nach mehrmaligem genervten Aufstöhnen meines Mathelehrers und ziemlich viel Gelächter meiner Klassenkameraden, kann ich endlich wieder auf meinen Platz huschen. Ich hab das Gefühl, dass mein Kopf glüht. Selbstverständlich habe ich immer mitgelacht, um meine Verlegenheit zu kaschieren, aber es war vielmehr unangenehm.

Am liebsten möchte ich meinem Mathelehrer eine reinhauen. Er konnte sich natürlich ein paar abfällige Bemerkungen bezüglich meines Leistungsstandes nicht verkneifen.

Normalerweise habe ich großen Respekt vor Lehrern. Ich bekomme schon weiche Knie, wenn ich wegen eines Vortrags vor der Klasse sprechen muss. In meinen Augen ist es eine beachtliche Leistung, wenn man die Inhalte des entsprechenden Unterrichtsfachs so darstellen kann, dass man die Schüler dafür begeistert.

Aber leider ist das in den seltensten Fällen die Regel. Für die Lehrer ist es teils nicht mehr als ein Job. Es interessiert sie nicht, ob sie den Unterrichtsstoff verständlich rüberbringen. Sie denken nicht an die Konsequenzen, die die entsprechenden Noten für uns darstellen. Noch weniger interessiert sie unsere berufliche Zukunft, für die wir in dieser Zeit die Grundsteine legen. Sie bekommen ja so oder so das Geld.

Es gibt so viele tolle Erklärvideos auf YouTube oder Möglichkeiten, sich Unterrichtsstoff selbst zu erarbeiten. Die Lehrer könnten toll davon profitieren, wenn sie den Stoff schon nicht vernünftig vermitteln können.

Wenn ich so darüber nachdenke, dann bekomme ich schlechte Laune. Stattdessen versinke ich lieber wieder in meinen Tagträumereien. Noch einmal wird mich mein Lehrer ja hoffentlich nicht dran nehmen. Also kann ich jetzt wieder abtauchen.

Meine Gedanken schweifen wieder zu der Fahrt, die ich vor mir habe.

Sie ist komplett von meinen neuen Eltern bezahlt worden. Sie haben es damit begründet, dass sie diejenigen waren, die wollten, dass ich zu ihnen komme. Als ob das nicht mehr oder weniger auf Gegenseitigkeit beruhen würde. Aber ich wiederspreche ihnen nicht. Ich bin sehr dankbar, dass sie das auf sich nehmen. Wenn ich auf meine eigenen Ersparnisse angewiesen gewesen wäre, dann wäre diese Reise wohl kaum so möglich geworden.

Unser Heim liegt in Baden- Württemberg direkt an der Grenze zur Schweiz. Von dort aus fahre ich mit dem Bus nach Friedrichshafen und fliege somit vom Bodensee aus nach Berlin. Dann muss ich noch ein Stück mit der Bahn fahren und werde am Bahnhof von meinem Vater abgeholt. Der fährt mich direkt zum Rest meiner neuen Familie, die etwas außerhalb von Berlin irgendwo in Brandenburg wohnt.

Ich war noch nie in Berlin. Überhaupt bin ich noch nie geflogen oder irgendwohin verreist. Ein weiterer guter Grund, sich auf die Reise zu freuen.

„Hallo, aufwachen Ella!“, flüstert eine Stimme direkt neben meinem Ohr.

Ich ziehe scharf die Luft ein, als ich Kikis Ellenbogen schmerzhaft in meinen Rippen spüre.

Was? Wo bin ich? Ich bin doch nicht etwa im Matheunterricht eingeschlafen?

Nachts kann ich in letzter Zeit vor Aufregung kaum noch schlafen und bin dann dementsprechend tagsüber müde. Und Mathe würde sich theoretisch gut zum Schlafen eignen. Allerdings könnte das negative Auswirkungen auf meinen MSA haben, den ich am Ende des Schuljahrs machen möchte. Die ersten Prüfungen habe ich hinter mir. Eigentlich lief es ganz gut. Allerdings nur, da ich mit Kiki wie eine Blöde gelernt habe.

Ich schaue zu Kiki und mir blitzten zwei verschmitzte Augen entgegen. Es sieht wohl so aus, als ob ich selbst zum Schlafen in der Mathestunde fähig bin.

Unauffällig schaue ich mich im Klassenraum um. Niemand scheint mein kleines Schläfchen bemerkt zu haben. Alle halten die Köpfe über ihre Mathebücher gesenkt und schreiben konzentriert.

Als mein Blick nach vorne wandert, blicke ich allerdings direkt in die Augen meines Lehrers. Er sitzt obercool auf seinem Schreibtisch und schaut mich missbilligend an. Dann greift er demonstrativ in eine Tasche, die auf seinem Stuhl steht und zieht ein kleines rotes Notizheft heraus. Mit einem selbstgefälligen Grinsen schreibt er etwas hinein.

Offenbar scheint doch nicht allen mein kleiner Ausrutscher entgangen zu sein.

Er wirft das Buch auf den Schreibtisch. Durch den lauten Knall zucken die Schüler in den ersten Reihen zusammen, aber ihn scheint das nicht weiter zu stören. Dann springt er vom Tisch und dreht uns den Rücken zu, um die Tafel zu wischen.

Ich zeige seinem blöden Lehrerrücken den Mittelfinger.

Der Rest des Tages vergeht quälend langsam. Immerhin stehe ich mit den anderen Fächern dieses Tages nicht so sehr auf Kriegsfuß wie mit Mathe.

Beim Mittagessen stochere ich lustlos in meinen Kartoffeln. Dass es draußen regnet, hebt meine Stimmung zusätzlich nicht besonders an.

In Sport bin ich mal wieder total unmotiviert, aber meine Klasse weiß das inzwischen. So bin ich beim Spiel wieder einmal die Letzte, die noch auf der Bank sitzt und in ein Team gewählt wird. Aber das bin ich gewohnt.

Nach meiner tollen Mathestunde ist meine Laune sowieso am Nullpunkt, sodass nicht mal diese Tatsache noch etwas ändert.

Ich brauche endlich Ferien.

4. Kapitel

Nach Sport haben wir Deutsch. Das ist eines der wenigen Fächer, die ich ganz gerne mag.

Im Moment behandeln wir Lyrik und jeder sollte ein Gedicht, eine Geschichte oder etwas anderes schreiben, was in dieser Stunde vorgetragen wird.

Grundsätzlich bin ich kein Nerd, der den ganzen Tag auf dem Bett liegt und Bücher liest, aber Lyrik liebe ich. Ich bin fasziniert davon, was Menschen mit Worten für eine Leidenschaft ausdrücken können und wie sie es schaffen, ihre ganz eigene Welt zu kreieren, in die man in den Stunden des Lesens vollkommen eintauchen kann. Ich finde es Wahnsinn, wenn man es schafft, mit Sätzen Menschen zu berühren und zum Nachdenken zu bewegen. Wenn man es vielleicht sogar schafft, durch seine eigenen Texte die Menschen so zu beeinflussen, dass sie weltoffener, dankbarer oder einfach aufmerksamer durchs Leben gehen.

Ich glaube, dass jeder von gut geschriebenen Texten berührt werden kann, wenn man sich darauf einlässt. Das fällt den meisten Menschen nur schwer, weil die entstehenden Gefühle oftmals mit Schwäche gleichgesetzt werden.

Ich bin mit meinem Vortrag ziemlich am Ende dran. Ich habe mich entschlossen, einen Poetry Slam zum Thema Unzufriedenheit zu schreiben. Es soll um die Menschen gehen, die eigentlich alles haben, aber dennoch wegen Kleinigkeiten unzufrieden sind.

Ich schreibe sehr gerne Poetry Slams. Gerade, da ich in persönlichen Angelegenheiten niemanden zum Reden habe, ist das eine tolle Möglichkeit seine Gedanken loszuwerden.

Die Schüler, die vor mir dran waren, haben entweder lieblose kurze Gedichte geschrieben oder sich Fantasiegeschichten ausgedacht, die sie entweder emotionslos vorgetragen oder viel zu übertrieben ausformuliert haben.

Als ich an der Reihe bin, klopft mein Herz aufgeregt gegen meine Rippen. Ich lasse meinen Zettel auf dem Platz liegen, da ich meinen Text mittlerweile auswendig kann und mich so mehr auf meine Performance konzentriere.

„Mein Text heißt „Kleine, heile, perfekte Welt““, beginne ich, als ich vorne stehe. Ich sehe in viele spöttische Gesichter, da ich wirklich nicht so besonders beliebt bin. Deshalb schließe ich die Augen und versuche alles um mich herum auszublenden. Ich räuspere mich noch einmal und lege los:

„Wenn ich mich manchmal so richtig mies fühle, dann glaube ich, die Welt bricht zusammen.

Zum Beispiel bei einem Streit, einer schlechten Note, einer gemeinen Bemerkung, eines Verbots, eines Missgeschicks, einer unfairen Beurteilung oder eben einfach so.

Doch die Welt kann nicht zusammenbrechen.

Ich sage die Welt ist aus Gestein und die Naturphilosophen sagen, sie besteht aus Quarks, Atomen, Elektronen oder Elementarteilchen.

Und was es auch ist, es ist stabil und kann nicht einfach durch ein Gefühl zerbrechen.

Das, was dann vermeintlich zerbricht, ist meine kleine, heile, perfekte Welt.

In diesem Moment ist alles scheiße und ich will heulen und mich verstecken.

- Wie früher, als jemand kommen und mich in den Arm nehmen sollte.

Doch eigentlich bedeutet diese Welt etwas Gutes.

Ich besitze diese kleine, heile, perfekte Welt und habe so hohe Ansprüche an sie, dass sie schon wegen eines falschen Wortes droht, in sich zusammenzubrechen.

Ich bin nie wirklich dankbar, dass ich sie besitze.

Es ist immerhin selbstverständlich, dass sie da ist. Und sie ist immer da, ansonsten scheine ich totunglücklich zu sein.

Aber ich bemerke nur, wie gut es mir geht,

wenn die kleine, heile, perfekte Welt ins Wanken gerät.

Wenn mal nicht alles so läuft, wie ich es mir gerade vorgestellt habe.

Ich habe keine Vorstellungen davor, wie es den Menschen geht,

die nicht in meiner kleinen, heilen, perfekten Welt leben.

Selbstverständlich habe auch ich Probleme,

Aber die scheinen nichtig im Vergleich zu denen, die andere quälen.

Die statt eines Streites mit den Eltern, vielleicht an die Tage zurückdenken, als ihre noch da waren.

Die statt einer schlechten Note in der Schule, davon träumen, jemals dorthin zu gehen.

Die wegen eines kleines Verbotes lachen würden, wenn sie an ihre eigene Unterdrückung denken.

Die sich statt einer unfairen Beurteilung, wünschen würden, jemals frei ihre Meinung sagen zu können.

Und obwohl es vielen Menschen bei Weitem nicht so gut geht wie mir, wie jedem von uns, sind andere bei Kleinigkeiten glücklich.

Vielleicht wissen sie gerade durch ihre Erfahrungen ihr Glück zu schätzen und ihr Leben zu genießen.

Und wahrscheinlich wären sie auch, über so ein lächerliches Problem wie meines, glücklich, da das bedeuten würde, dass sie sonst keine anderen Sorgen haben.

Ich sollte an diese Menschen denken, die nichts haben und

trotzdem das Beste aus ihrem Leben machen,

wenn ich mal wieder verbittert irgendwo in der Ecke liege, inmitten

von den Trümmern, meiner kleinen, heilen, perfekten Welt,

mich im Selbstmitleid suhle, und mir einrede, wie ungerecht die Welt doch ist.

Immerhin bin ich offensichtlich eine, die immer Pech hat.

Denn in solchen Momenten denke ich nie an die Menschen, die

in den Trümmern ihrer richtigen Welt leben

und die diese nicht einfach ohne weiteres wieder aufrichten können

wie ich meine kleine, heile, perfekte Welt.“

Ich öffne die Augen und warte, bis sich mein Atem wieder beruhigt hat. Ich habe im Laufe des Textes immer lauter gesprochen, sodass ich jetzt ganz schön aus der Puste bin.

In unserem Klassenzimmer ist es ganz still. Alle starren gebannt nach vorne. Das hat es bei keinem der anderen Vorträge gegeben. Normalerweise gehen wir nicht so respektvoll miteinander um.

Ich sehe in die verschiedenen Gesichter. Es gibt welche, die ihre gepuderten Näschen rümpfen, ihre perfekt gezupften Augenbrauen heben oder ihre tollen Mähnen schütteln um mir zu signalisieren, dass sie mein Gedicht inakzeptabel fanden. Und dann gibt es die, die mit offenen Mündern dasitzen oder sogar welche, die mir anerkennend zulächeln.

Und obwohl beides in etwa zu gleichen Anteilen vertreten ist, weiß ich, dass ich mit meinem Text alle berührt habe.

Jeder geht nur anders damit um. Aber wir wissen alle, dass unsere Konsumgesellschaft dazu neigt, ihre Problemchen theatralisch aufzuputschen, die Medien nur über das Negative bekannter Leute berichten. Niemand denkt dabei an die Menschen, denen es wirklich schlecht geht.

Allerdings verunsichert mich die Stille, die in unserem Raum herrscht. Die anderen Schüler haben direkt eine Auswertung von unserer Lehrerin bekommen. Ich werfe ihr einen Blick zu.

„Ich weiß, das war nicht besonders professionell, aber die Message…“, setzte ich daher entschuldigend an, aber sie unterbricht mich.

„Das war wirklich gut, Ella. Ich glaube, wir sollten uns deinen Text alle mal zu Herzen nehmen. Du kannst dich setzen.“

Mit gesenktem Kopf schleiche ich zu meinem Platz. Ich spüre die Blicke meiner Mitschüler auf mir. Aber eigentlich sollte ich stolz auf meinen Text sein.

5. Kapitel

Zwei Tage später ist es dann endlich soweit. Ich verabschiede mich von Kiki, um mich auf den Weg zur nächsten Bushaltestelle zu machen.

Kiki konnte die Tränen nicht zurückhalten. Es sind zwar nur zwei Wochen, aber wir waren noch nie voneinander getrennt, seitdem wir uns kennen. Und auch ich habe feuchte Augen bekommen.

Ich weiß, dass dieses Geheule jetzt ein bisschen unnötig und theatralisch wirkt, aber es hat sich irgendwie alles so komisch angefühlt. Surreal. Irgendwie so, als ob wir beide wissen, dass mich dieser kleine Ausflug nachhaltig verändern wird. Und wir wissen beide nicht, inwiefern.

Schnell steige ich ein und ziehe die Tür hinter mir zu. Meine Nerven sind heute schon zum Zerreißen gespannt, weshalb ich mir jetzt nicht auch noch die Blöße geben möchte, vor Kiki zu weinen. Immerhin sollte ich froh sein, mal eine Zeitlang hieraus zu kommen.

Die Taxifahrt dauert höchstens eine Dreiviertelstunde, aber ich bin so aufgeregt, dass es mir wie eine Ewigkeit vorkommt. Als ich den Preis für die Fahrt höre, bin ich froh, dass ich ihn nicht selber übernehmen muss. Auch wenn mich das im Moment am wenigsten beschäftigen sollte.

Am Flughafen angekommen, dauert es einen kurzen Moment, bis ich mich orientiert habe. Aber dann klappt das mit dem Einchecken, der Gepäckaufgabe und der Sicherheitskontrolle ganz gut. Und dafür, dass ich das zum ersten Mal mache, finde ich mich schon ziemlich profimäßig.

Es ging relativ schnell und ich habe mich bemüht, zu allen nett zu sein. Das ist mir auch mehr oder weniger gelungen.

Allerdings muss ich manchmal etwas nachhelfen. Zum Beispiel, als der Typ mit der Glatze und dem dicken Bauch sich so sonderlich wichtig genommen hat, nur weil er am Flughafen arbeitet.

Und für meinen Geschmack hat er auch ein bisschen zu lange studiert, was ich denn alles in meinem Handgepäck habe. Aber ich habe mich zusammen gerissen und nur anhand meiner Körpersprache zum Ausdruck gebracht, dass er sich doch bitte etwas beeilen solle. Ich habe wirklich nichts Unfreundliches zu ihm gesagt. Und mein Witz bei der Sicherheitskontrolle kam auch nicht so besonders gut an, aber ansonsten lief das alles reibungslos.

Der Typ war einfach nur ein bisschen spaßfrei. Ich meinte zu ihm, dass er doch bitte genau hinsehen soll, immerhin habe ich heute etwas Munition zum Frühstück gegessen. Daraufhin wurde ich rausgewunken, musste ein wirklich unangenehmes Gespräch führen und wurde noch einmal per Hand und mithilfe eines Pipers kontrolliert, bevor sie mir glaubten. Und ich versicherte wirklich mehrmals, dass es ein Witz sein sollte. Ich meine, als ob ein Mensch sowas essen könnte und es vor allem dann noch gefährlich für die anderen Passagiere werden würde. Also echt…

Aber glücklicherweise schaffe ich trotz Verspätungen meinen Flug und habe sogar einen Platz am Fenster.

Ich habe es mir bequem gemacht und hoffe, dass der Mittelsitz freibleibt, als sich doch noch ein ziemlich dicker Mann zu uns in die Reihe quetscht.

Ich nehme meine Tasche auf den Schoß und presse mich ans Fenster. Allerdings scheint ihm sein Sitzplatz nicht wirklich auszureichen, sodass er gleich noch eine Hälfte von meinem in Anspruch nimmt.

Er riecht nach altem Mann.

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