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Kleine Insel – große Sehnsucht

1. KAPITEL

Die Scheibenwischer konnten den strömenden Regen kaum bewältigen. Emmy Logan drosselte das Tempo und umfasste das Lenkrad fester. Ihr Auto hatte schon einige Jahre auf dem Buckel – mit dem Anhänger war es noch schwerer zu handhaben als gewöhnlich. Die zweispurige Treeline Road lag einsam und verlassen da. Ohne die Häuser, die vereinzelt durch den Wald zu beiden Straßenseiten lugten, hätte man sich ganz allein auf der Welt wähnen können. Doch so trüb und düster es an diesem dritten Januar auch sein mochte, für Emmy bedeutete es den vielversprechenden Beginn eines neuen Jahres und eines neuen Abschnitts in ihrem Leben.

„Ist es auf Halo Island nicht wunderschön?“, fragte sie und warf einen besorgten Blick zu ihrem elfjährigen Sohn.

Jesse zuckte die schmalen Schultern. „Es regnet und ist kalt und hier gibt’s überhaupt keine Läden.“

„Wir sind hier im pazifischen Nordwesten. Da muss man damit rechnen, dass es im Januar regnet. Und vergiss nicht, dass es keine Großstadt wie Oakland ist, sondern ein kleiner Ort mit nicht mal zweitausend Einwohnern. Die meisten Geschäfte sind im Ortskern. Und der ist gar nicht weit von hier. Sobald wir uns eingerichtet haben, gehe ich mit dir hin.“

Die Lage auf dem Land war einer der Gründe, weshalb Emmy sich für Halo Island entschieden hatte. Das erste Mal war sie im November zu einem Vorstellungsgespräch in der Stadtbibliothek hergekommen. Auf Anhieb hatte sie sich in den Ort und seine freundlichen Bewohner verliebt.

Weit wichtiger war ihr, dass Welten zwischen diesem beschaulichen Städtchen und Tyrell Barker lagen, dem Leader einer Straßengang namens Street Kings. Der hatte nichts Besseres zu tun gehabt, als ihren ohne Vater aufwachsenden kleinen Sohn zu rekrutieren.

Seit Jesse sich mit Tyrell und dessen Kumpeln angefreundet hatte, war er aggressiv und richtiggehend schwer erziehbar. Seine Schulnoten hatten gelitten und er war mehrfach zum Schulrektor zitiert worden. Weder durch gutes Zureden oder Drohungen noch durch Bestechungsversuche war es ihr gelungen, ihn dazu zu bewegen, sich manierlicher zu benehmen.

Der letzte Tropfen, der für Emmy das Fass zum Überlaufen gebracht hatte, war eine Pistole, die Tyrell ihrem Sohn zugeschanzt hatte. Das hatte sie rein zufällig erfahren, als sie ein Telefongespräch belauschte. Danach war ihr nur noch ein Umzug als letzter Ausweg geblieben. Sie hoffte sehr, dass Jesse auf Halo Island die Gang bald vergessen würde und sich mit anständigen Kids anfreundete, die ihn wieder auf den richtigen Pfad brachten.

Er gähnte herzhaft, und das wunderte sie gar nicht. Sie waren schon lange unterwegs. Fast neunhundert Meilen mit dem Auto von Oakland nach Anacortes, dann die Wartezeit im Hafen und schließlich die Fahrt mit der Fähre, die fast eine Stunde brauchte, um nach Halo Island überzusetzen. Somit waren sie seit zwei Tagen unterwegs und hatten nicht einmal den Jahreswechsel gefeiert.

„Sind wir immer noch nicht da?“, fragte Jesse missmutig.

„Der Beach Cove Way – unsere Straße – müsste gleich links abzweigen. Also halt die Augen offen.“

Jesse spähte durch die Windschutzscheibe und deutete zu einem grünen Straßenschild in einigen Hundert Yards Entfernung. „Vielleicht ist es da.“

„Ja, das muss es sein.“ Emmy trat auf die Bremse. Einen Moment später konnte sie das Schild lesen, unter dem eine weiß lackierte Blechmöwe baumelte. „Mensch, du findest die wichtigen Dinge immer so schnell. Ich weiß gar nicht, was ich ohne dich anfangen sollte.“

„Irgendwas“, murmelte er, doch seine Laune hob sich merklich.

Sie bog in die schmale, gewundene Straße ab. Zwischen hohen Fichten waren mehrere bezaubernd aussehende Häuschen zu erkennen. Die meisten standen den Winter über bis zur Sommersaison leer. Das wusste Emmy von ihren Vermietern, den Rutherfords, die derzeit noch die einzigen Bewohner waren.

Hinter der nächsten Wegbiegung tauchte das Meer zwischen den Bäumen auf. Kurz darauf, fast am Ende der Sackgasse, lag das gesuchte Cottage.

„Das ist unser neues Zuhause!“ Emmy bog in die kurze Kies­auffahrt ein und stellte den Motor ab. Da es nach wie vor heftig regnete, schlug sie vor: „Lass uns noch eine Weile hier drinnen sitzen bleiben. Vielleicht lässt der Sturm ja nach.“

Während der Regen auf das Autodach prasselte, musterte Jesse schweigend das hübsche weiße Cottage, den kleinen Garten, den Strand und das Meer dahinter.

„Was hältst du davon?“, fragte sie.

„Es ist ganz okay, aber ich wär trotzdem lieber bei meinen Freunden in Oakland.“

Die Mitglieder einer Gang zählten in ihren Augen kaum als Freunde, aber sie verkniff sich die Bemerkung, um ihren Sohn nicht zu ärgern. Sie war fest entschlossen, ihm den Übergang so angenehm wie möglich zu machen. „Ich vermisse meine Freunde auch, aber ich werde neue finden. Genau wie du.“

„Was, wenn ich das gar nicht will?“ Er verschränkte die Arme vor der Brust und presste die Lippen zusammen. „Die einzigen Leute, die ich brauche, sind in Oakland. Ich will nach Hause!“

„Das Leben in Oakland liegt hinter uns“, entgegnete sie entschieden. „Jetzt ist Halo Island unser Zuhause. Wir wohnen praktisch am Strand. Ich finde das ziemlich cool.“

„Vielleicht für die Ferien. Aber ich will nicht hier leben.“

„Ich habe eine wundervolle Anstellung in der Stadtbibliothek. Hier ist es längst nicht so teuer wie in Oakland. Also müssen wir uns nicht so viele Sorgen wegen des Geldes machen. Das heißt, dass ich dir wahrscheinlich alles kaufen kann, was du brauchst.“ Sie musste trotzdem weiterhin gut haushalten, denn der Umzug hatte ihre Ersparnisse größtenteils verschlungen.

„Das ist gut“, meinte Jesse, aber irgendetwas bedrückte ihn ganz offensichtlich immer noch.

„Was hast du denn?“

„Was ist, wenn mein Dad mich sucht?“

Der sehnsüchtige Ausdruck auf seinem Gesicht ging Emmy an die Nieren. „Ich glaube nicht, dass es dazu kommen wird. Er ist jetzt seit sechs Jahren verschwunden und hat nicht ein einziges Mal von sich hören lassen.“

„Aber wenn er’s sich anders überlegt?“

„Er weiß doch, wie er Grandma oder Grandpa erreichen kann. Beide haben unsere Adresse. Mach dir bitte nicht allzu große Hoffnungen.“

„Ich hasse ihn!“

Auch Emmy war nicht gut auf Chas zu sprechen. Sie fragte sich, was sie jemals an ihrem Exmann gefunden hatte. Von Anfang an hatte er sie doch betrogen und nur geheiratet, weil sie schwanger gewesen war.

Aber sie blieb hartnäckig bei ihm, weil sie sich so sehr nach einer Familie mit einem liebevollen Ehemann an ihrer Seite sehnte. Eine Paartherapie hatte ihnen über etliche Jahre hinweggeholfen, aber er war eine rastlose Seele geblieben – er glaubte, ohne jegliche Sorgen oder die Übernahme von Verantwortung durchs Leben gehen zu können. Jedenfalls hatte ihm nie der Sinn nach Ehe und Kindern gestanden.

Und so hatte er eines schönen Nachmittags die Scheidung eingereicht, das gemeinsame Bankkonto leer geräumt und die Flucht ergriffen. Emmy war praktisch mittellos mit einem fünfjährigen Kind zurückgeblieben. Ein Anwalt hatte sämtliche Formalitäten geregelt – von Chas fehlte seither jede Spur. Die Alimente, die er schuldete, waren inzwischen astronomisch hoch. Seine Weigerung, Kontakt zu seinem Sohn aufzunehmen, wirkte besonders niederschmetternd. Sie hatte schon viel zu viel Zeit damit zugebracht, ihren Exmann zu verfluchen.

Eine Weile nach der Scheidung war sie mit Männern ausgegangen, weil sie noch immer von einem liebevollen Lebensgefährten geträumt hätte. Nach Hause hatte sie nie jemanden mitgebracht, damit Jesse sich keine Hoffnungen machte, falls nichts dabei herauskam. Tatsächlich war es nie zu einer festen Beziehung gekommen, und nach etwa einem Jahr hatte sie die Suche aufgegeben.

Sie glaubte nicht länger an ein Happy End. Nun richtete sie ihren Blick auf ihren Sohn und dessen Wohlergehen. Er und ihr Beruf füllten ihr Leben aus, und das musste reichen.

Da der Sturm unvermindert anhielt, knöpfte Emmy sich den Mantel zu. „Es sieht nicht so aus, als ob der Regen bald nachlässt, und ich will unser Haus endlich von innen sehen.“ Sie zog sich die Kapuze über den Kopf und öffnete die Autotür. „Mach die Jacke zu, und dann laufen wir zu den Rutherfords und holen den Schlüssel.“ Sie kannte ihre Vermieter bisher nur vom Telefon, aber sie wusste, dass sie gleich gegenüber wohnten.

Während sie durch das nasse braune Gras sprinteten, kicherte Jesse unverhofft. Ein fröhliches Geräusch, das trotz des schlechten Wetters ansteckend wirkte.

Das Haus der Rutherfords war etwa doppelt so groß wie das Cottage und sah wunderschön aus. Auf der großen gedeckten Veranda putzten Emmy und Jesse sich die Schuhe an der Fußmatte ab.

Sie nahm sich die Kapuze ab, strich sich über das nasse Gesicht und atmete tief ein. „Riech doch bloß mal den Ozean!“

Er schnupperte. Als sie klingelte, öffnete sich Sekunden später die Tür. Eine pummelige Frau Anfang sechzig im Sweatshirt und einem geblümten Rock begrüßte sie mit einem herzlichen Lächeln.

„Ihr müsst Emmy und Jesse sein. Ich bin Melinda Rutherford. Willkommen auf Halo Island und mitten im schlimmsten Regen seit Monaten. Bitte kommen Sie doch rein. Wir müssen uns für das Chaos entschuldigen. Wir sind gerade dabei, unsere Küche zu renovieren.“

Sie betraten ein großes unaufgeräumtes Wohnzimmer.

Ein grauhaariger Mann in Flanellhemd und Jeans mit Hosenträgern begrüßte sie ebenso herzlich lächelnd. „Ich bin Tom Rutherford. Schön, dass Sie es schließlich geschafft haben. Sieht aus, als wären Sie ein bisschen nass geworden!? Aber keine Sorge, von Ende April bis Oktober oder so regnet es kaum. Bis dahin machen Sie sich darauf gefasst, dass Ihnen Schwimmhäute an Händen und Füßen wachsen.“ Er zwinkerte Jesse zu. „Wie alt bist du, mein Junge?“

„Elf.“

„Demnach gehst du in die fünfte Klasse, oder?“

„Ja.“ Am Montag war sein erster Tag in der Halo Island School, auf die alle Kinder von der Vorschule bis zur Highschool gingen.

„Dann kommst du in Mrs Hatchers Klasse. Sie ist echt nett. Eine gute Lehrerin – und hübsch dazu. Sie wird dir gefallen.“

„Ja, sie war mir sehr sympathisch, als ich mit ihr telefoniert habe“, warf Emmy ein. Sie wandte sich an Jesse. „Ist es nicht toll, so viel Gutes über deine neue Lehrerin zu hören?“

Er nickte stumm und sah sich mit großen Augen um. Auf dem Küchentisch, auf sämtlichen Stühlen und allen anderen Oberflächen stapelten sich Geschirr, Kochbücher, Elektrogeräte und diverse Küchenutensilien.

„Ich fürchte, so wird es hier noch die nächsten sechs Wochen aussehen.“ Melinda seufzte. „So lange wird diese Renovierung nämlich dauern.“

„Wenn sich keine Probleme ergeben.“ Tom hakte die Daumen hinter seine Hosenträger. „Ich schätze eher, es werden zwei oder sogar drei Monate.“

„Vergiss nicht, dass Mac sein Flugticket schon gekauft hat. Er wird ganz bestimmt rechtzeitig fertig.“

„Mac ist unser Bauunternehmer“, erklärte Tom. „Sobald er hier bei uns fertig ist, reist er für einige Monate nach Europa. Im nächsten Sommer geht er in Seattle aufs College.“

Er scheint vielleicht noch etwas jung für so ein riesiges Projekt zu sein, dachte Emmy.

„Wir wollen die Küche um etliche Meter vergrößern“, eröffnete Melinda. „Da unsere Kinder aus dem Haus sind und nicht mal mehr auf der Insel leben, brauchen wir nicht mehr so viel Rasenfläche. Ich koche wahnsinnig gern, und wir schaffen uns ganz moderne Geräte an und richten eine geräumige Essecke ein.“ Sie rieb sich die Hände. „Wenn alles fertig ist, laden wir Sie zum Dinner ein.“

„Oh, ich freue mich schon darauf.“ Das freundliche Paar schien Emmy der Himmel geschickt zu haben. Sie malte sich sogleich aus, dass sie sich miteinander anfreundeten und Jesse richtiggehende Ersatzgroßeltern bekam. Die Eltern von Chas waren nämlich tot und ihre eigenen kamen höchst selten zu Besuch, seit sie geschieden war. „Aber vorher lade ich Sie ein, sobald ich drüben eingerichtet bin!“

„Das wäre schön.“ Tom schaute zur Uhr, als ein Auto in seine Einfahrt bog. „Das wird Mac sein. Er fängt am Montag mit der Arbeit an und will noch mal die Pläne durchgehen.“

„Dann verschwinden wir jetzt lieber“, sagte Emmy. „Wenn Sie uns den Schlüssel geben …“

„Den habe ich schon zur Hand.“ Tom holte ihn aus der Hosentasche und reichte ihn ihr. „Ich komme nachher vorbei und helfe Ihnen, Ihre Sachen ins Haus zu bringen.“

Da das Cottage möbliert vermietet wurde, gab es nicht viel auszuladen. Lediglich Koffer und Kartons, gerahmte Bilder und Jesses Poster sowie ein paar Kleinmöbel. Da Emmy es gewohnt war, allein klarzukommen, schüttelte sie den Kopf. „Nein, danke, es ist nichts besonders Schweres dabei. Wir schaffen das schon.“

„Aha, Sie sind von der unabhängigen Sorte.“ Er schmunzelte. „Falls Sie es sich anders überlegen, sagen Sie mir einfach Bescheid.“

„Bleiben Sie doch noch einen Moment. Dann können Sie Mac gleich kennenlernen“, schlug Melinda vor. „Da er hier in den nächsten sechs Wochen ständig ein und aus gehen wird, laufen Sie sich früher oder später sowieso über den Weg.“

Sekunden später klopfte es an die Haustür.

Der Mann, der eintrat, war wider Erwarten kein Teenager, sondern offensichtlich in Emmys Alter – um die dreißig. Er war groß und kräftig gebaut, mit hoher Stirn und gerader Nase, markantem Kinn und dunklem, lockigem Haar, das einen Schnitt gut vertragen hätte. Er trug locker sitzende verblichene Jeans, ein schwarzes T-Shirt und eine Jeansjacke, die seine breiten Schultern betonte.

Er sah mit einem Wort umwerfend aus.

„Mac Struthers – dies ist Emmy Logan mit ihrem Sohn Jesse, unsere neuen Mieter.“

Jesse nickte zur Begrüßung, sagte aber nichts. Trotzdem spürte Emmy, dass er beeindruckt war. Kein Wunder! Schließlich begegnet man nicht alle Tage einem Mann mit einer solch starken Ausstrahlung.

Der Bauunternehmer, der eine schwarze Ledermappe unter dem Arm hielt, wandte sich an Emmy und ließ den Blick flüchtig über ihre Gestalt wandern. „Freut mich.“

Sie brachte ein gelassenes Lächeln zustande – ganz im Widerspruch zu ihren flatternden Nerven. „Hallo.“

Er trat zu ihr, indem er eindrucksvoll vor ihr aufragte. Sein Händedruck war fest und warm und seine lebhaften blauen Augen … Mit brennenden Wangen wandte sie sich ab.

Als Nächstes reichte er ihrem Sohn die Hand. „Freut mich, mein Junge.“

Ganz ernst, als ob er auch wie ein Mann handeln wollte, schüttelte Jesse ihm die Hand. „Mich auch, Mr Struthers.“

Mr Struthers war mein Vater. Mich nennen alle nur Mac.“

Total verzaubert und verwirrt über die ausgeprägte Wirkung dieses Mannes auf ihr seelisches Gleichgewicht, legte Emmy eine Hand auf Jesses Schulter. „Zeit für uns zu gehen. Es hat mich sehr gefreut, Sie alle kennenzulernen. Auf Wiedersehen.“

Eine Stunde später, als Mac das Haus der Rutherfords verließ, hatte der Regen aufgehört. Nur noch das Tröpfeln von Wasser aus den Ästen der Bäume war zu hören, als er in die frische Luft hinaustrat. Er hielt auf der Veranda inne und machte sich letzte Notizen über die Dinge, die er bis Montag zu erledigen hatte. Materialien besorgen, den Van beladen …

Das Lachen einer Frau, glockenhell und leicht wie der Flügelschlag eines Schmetterlings, unterbrach seine Gedanken. Das Kichern eines Jungen folgte. Die Geräusche wirkten ansteckend, sodass Mac schmunzelte. Die Veranda war aufs Wasser ausgerichtet, und Fichten versperrten die Sicht auf die Frau und das Kind. Doch wenn er den Kopf ein wenig in die Richtung drehte, den Hals reckte und durch die Zweige spähte, konnte er sie sehen, ohne bemerkt zu werden.

Er beobachtete, wie Emmy einen Karton aus dem Anhänger hob und an Jesse übergab, bevor sie die nächste Kiste auslud.

Sie war ein Hingucker, und er betrachtete sie ausgiebig. Ihr hellblondes glattes Haar reichte ihr bis an die Schultern und umspielte ihre zarten Gesichtszüge. Eine kurze Winterjacke und enge Jeans brachten lange, schlanke Beine und einen wohlgerundeten Po zur Geltung. Er stellte sie sich in knappen engen Shorts vor. Oder noch besser in einem seidigen Tanga … Sein Körper regte sich.

Entschieden rief Mac sich zur Räson. Eine alleinerziehende Mutter mit einem kleinen Sohn? Nein, danke! Er hatte bereits Kinder aufgezogen – seine Brüder. Die Zwillinge waren nämlich erst zehn Jahre alt gewesen, als ihre Eltern bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren. Er selbst hatte mit knapp achtzehn kurz vor dem Abschluss der Highschool gestanden und wollte quer durch Europa reisen und danach Architektur studieren. Der Unfall hatte seine großen Pläne gründlich durchkreuzt.

Anstatt wie seine Freunde den Sommer nach dem Schulabschluss zu faulenzen, anschließend aufs College zu gehen und sich mit hübschen Kommilitoninnen zu vergnügen, hatte er auf seine Brüder aufgepasst, auf dem Bau gearbeitet und den Haushalt geführt. Keine leichte Aufgabe, aber er hatte Ian und Brian acht Jahre durch die Schulzeit geleitet.

Danach hatte er seine eigene Renovierungsfirma gegründet. Mit den Geschäftseinnahmen und dem Erlös aus dem Verkauf ihres Elternhauses waren die Kosten für die College-Ausbildung der Zwillinge abgedeckt worden. In den Sommerferien hatten sie für ihn gearbeitet und sich dadurch ein Taschengeld verdient. Sie hatten die Baubranche von der Pike auf kennengelernt und im vergangenen Dezember ihren Schulabschluss gemeistert.

Mac war verdammt stolz auf sie und konnte sich nun endlich mit seinen eigenen Ambitionen befassen. Endlich, im reifen Alter von dreißig, war er an der Reihe. Sobald die Küche der Rutherfords fertiggestellt war, wollte er für ein paar Monate durch Europa tingeln. Ohne festen Terminplan und ohne Verantwortlichkeiten. Völlig unabhängig sein und dorthin gehen, wohin es ihn gerade ziehen mochte – wie er es sich immer erträumt hatte.

Er plante, erst zurückzukehren, kurz bevor das Semester an der Universität von Washington anfing. Dort wollte er den Bachelor im Bauwesen machen. Wenn er sich richtig ins Zeug legte und viele Kurse besuchte, war das Studium in drei Jahren zu schaffen. Während seiner Abwesenheit wollten seine Brüder die Firma weiterführen und somit seine Ausbildung finanzieren – genau so, wie er es für sie getan hatte. Diesmal sollte ihn nichts davon abhalten, sein Berufsziel zu verwirklichen.

„Ich bin müde!“, hörte er Jesse sagen.

„Ich weiß“, erwiderte Emmy. „Lass uns trotzdem schnell die letzten Kartons reintragen, bevor es wieder zu regnen anfängt. Anschließend bringen wir den Anhänger zurück. Wenn wir es vor fünf schaffen, sparen wir Geld. Und dann holen wir uns was zum Dinner und ruhen uns aus.“

„Ich will aber jetzt chillen.“

„Es ist doch gar nicht mehr so viel zu tun. Wenn wir uns zusammenreißen, sind wir im Nu fertig. Dann kannst du abhängen.“

Er verschränkte die Arme vor der Brust und schüttelte den Kopf.

„Bitte! Nur noch ein bisschen.“

„Nein. Ich habe keine Lust mehr.“

„Komm schon, Jess, ich brauche deine Hilfe wirklich.“

„Nei-ein!“

Mac musterte den trotzigen Jungen, der eindeutig eine feste Hand brauchte. Dies schien Emmy – ihrer bittenden Stimme und Miene nach zu urteilen – allerdings nicht zu begreifen.

„Was braucht es, um dich umzustimmen?“, fragte sie in sanftem Ton. „Ein riesiges Eis? Ein neues T-Shirt?“

Jesse schnaubte und schüttelte den Kopf. „Du kannst mich nicht zu was zwingen, was ich nicht will. Du kannst mich zu gar nichts zwingen!“ Trotzig reckte er das Kinn vor. „Ich hasse es hier. Ich will wieder nach Hause – nach Oakland und zu meinen Freunden.“

Sie seufzte laut. „Wir haben schon oft genug darüber diskutiert. Wir gehen nicht zurück. Unser Zuhause ist jetzt hier.“

„Meins nicht. Ich wollte überhaupt nicht umziehen und mir wird es hier nie gefallen. Ich will wieder zurück!“, wiederholte er und betonte dabei jedes einzelne Wort.

„Wenn du Halo Island nur eine Chance gibst, weiß ich genau …“

„Du weißt überhaupt nichts. Hier ist es total öde und das bist du auch. Ich hasse dich! Du kannst mich mal!“

Schockiert und verletzt zuckte Emmy zurück. „Was hast du da gesagt?“

„Dass ich dich hasse und dass du mich mal kannst.“

Damit hat der Junge eindeutig seine Grenzen überschritten, durchfuhr es Mac. Ohne auch nur eine Sekunde nachzudenken, stürmte er von der Veranda hinunter.

Jesses hitzige Worte versetzten Emmy einen Stich ins Herz. Entsetzt und auch ein wenig verängstigt legte sie ihre strengste Miene auf. Doch ihr Sohn starrte sie völlig unbeeindruckt und trotzig an. Ihr wurde bewusst, dass sie ihn wohl nicht länger beeinflussen konnte.

Oh mein Gott, was soll ich jetzt tun?

Aus den Augenwinkeln sah sie eine Bewegung. Sie wandte den Kopf und sah Mac mit zusammengepressten Lippen durch den Garten marschieren.

Unter seinem strengen Blick gab Jesse prompt seine harte Pose auf und wurde plötzlich wieder zu einem kleinen Jungen, der verlegen mit den Füßen scharrte.

Mac blieb keinen Meter vor ihm stehen, die großen Hände in die Hüften gestemmt. „Kein Junge sollte so mit seiner Mutter reden!“, verkündete er mit leiser, aber autoritärer Stimme. Sein Atem bildete weiße Wolken in der Kälte. „Du entschuldigst dich sofort.“

Zu Emmys Verwunderung murmelte ihr rebellischer Sohn: „Tut mir leid.“

Sie nickte stumm.

„So ist’s schon besser.“ Macs Miene erhellte sich. „Und jetzt tu, worum deine Mutter dich gebeten hat, und hilf ihr mit den Kartons.“

Jesse gehorchte auf der Stelle.

Einerseits erleichterte es sie, dass sie wieder auf seine Hilfe zählen konnte. Andererseits war es ihr peinlich, dass Mac das respektlose Verhalten ihr gegenüber miterlebt hatte. Außerdem machte es sie wütend, dass dieser Mann, den sie nicht wirklich kannte, ihrem Kind vorschrieb, wie es sich zu benehmen hatte.

Sie wartete, bis Jesse im Haus verschwunden war, bevor sie Mac anfuhr: „Was bilden Sie sich eigentlich ein, wer Sie sind?“

Verdutzt hob er die Hände in einer beschwichtigenden Geste. „He, ich wollte nur helfen. Ich kenne mich ein bisschen aus mit Kindern. Wenn man sie nicht rechtzeitig zwingt zu spuren, steht man später auf verlorenem Posten.“

Wahrscheinlich hat er recht, dachte Emmy. Es ist auch zu dumm – mir gelingt es einfach nicht, Jesse gutes Benehmen beizubringen. Das musste sich ändern. Aber dass dieser Fremde ihren Sohn herumkommandierte, ging dennoch eindeutig zu weit. „Sie kennen uns überhaupt nicht. Sie haben ganz gewiss kein Recht, sich in unser Leben einzumischen! Also halten Sie sich gefälligst da raus.“

Mac zuckte zusammen, als hätte sie ihn geohrfeigt. „Es wird nicht wieder vorkommen“, versprach er, und damit machte er auf dem Absatz kehrt und stapfte davon.

2. KAPITEL

Das ganze Wochenende über, während Emmy mit Jesse Lebensmittel einkaufte, Farbe für sein Zimmer aussuchte und Kartons auspackte, dachte sie an Mac und den Wortwechsel mit ihm. Im Nachhinein war ihr klar, dass er ihr nur helfen wollte. Und es funktionierte auch. Jesse benahm sich seit der Auseinandersetzung viel besser.

Und wie hatte sie es Mac gedankt? Mit einem Wutausbruch! Immer wieder sah sie vor sich, wie er sich mit verletztem Gesichtsausdruck zurückgezogen hatte. Ihr unhöfliches Verhalten belastete sie so sehr, dass sie selbst spätabends, wenn sie erschöpft ins Bett fiel, nicht einschlafen konnte.

Am Montagmorgen hatte sie die Selbstvorwürfe satt und fasste einen Beschluss. Sobald Mac bei den Rutherfords auftauchte, wollte sie hinübergehen und sich entschuldigen. Der bloße Gedanke erleichterte ihr Gewissen.

Doch momentan hatte sie ganz andere Probleme. Zum Beispiel, wie sie Jesse dazu überreden konnte, zur Schule zu gehen. Mit Ausnahme des Zwischenfalls am Samstagnachmittag fürchtete sie eigentlich nicht, völlig die Kontrolle über ihn verloren zu haben. Sie waren wieder auf ihrem alten Kurs mit einem relativ harmlosen Kräftemessen zwischen Mutter und Sohn. Zum Glück akzeptierte er, dass sie das letzte Wort hatte. Aber die ständigen Auseinandersetzungen zehrten an ihren Kräften.

„Muss ich denn unbedingt hingehen?“

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