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Klar sehen und doch hoffen

Eines Predigers Amt ist eigentlich darauf gerichtet, daß er immerdar liebe, predige, helfe, rate und die Hörer zum Glauben und zur Liebe anhalte.

Martin Luther

Wes Fuß wär’ niemals fehlgesprungen?
Wer lief nicht irr’ auf seinem Lauf?
Blick hin auf das, was dir gelungen,
Und richte so dich wieder auf.

Theodor Fontane

Wer glaubt, etwas zu sein, hat aufgehört, etwas zu werden.

Sokrates

Wege entstehen dadurch, daß man sie geht.

Franz Kafka

Wenn der Teufel der Lehre nichts anhaben kann, so legt er sich wider die Person, lügt, schmäht, flucht und tobt wider dieselbe.

Martin Luther

Inhaltsübersicht

WAS ICH ERINNERE, WAS ICH SUCHE

»Steh auf, Friedrich!«

Blick zurück ohne Zor

Vater und Sohn

Vater komm, erzähl vom Krieg

Bleibe im Lande und wehre dich täglich

Die Stimmung einer Zeit berücksichtigen

Wie sich alles zusammenfügt

Wege abschreiten

WO ICH GROSSGEWORDEN BIN

Was ein Kind gesagt bekommt

Familienbande und Mauerbau

Wo Gott ein Fremdwort ist

Ein geborener Staatsfeind

Meine Kirche, mein Refugium – ein Lern- und Lebensort

Ich war im Konsum

Das System ließ Lücken, und Gedanken reisen zollfrei

Konsumsender und Lipsischritt

WIE ICH WURDE, WAS ICH BIN

»Ich singe mit, wenn alles singt«. Paul Gerhardt

Mein Leben mit Tauben – mit der Taube Noahs und Picasso

Von meinem Volk erschüttert – mit meinem Volk ergriffe

Selbstvergewisserung eines Ostdeutschen

Warum ich Pfarrer geblieben bin

Wie ich bewahrt wurde

MEIN WEG IN DIE KONTRASTGESELLSCHAFT

Selbstbehauptung in der ummauerten Provinz

Arbeiten und Skat spielen

Den aufrechten Gang üben

Das Wagnis eines Doppelspiels

Die Sprengkraft einer antiken Metapher

Der einsame Mut einer Abiturientin

Ein Orgelkonzert mit Folgen

Wenn einer aus der Reihe tanzt

Mein Abschied von der Studentengemeinde in Merseburg 1978"

VERSUCHE, IN DER WAHRHEIT ZU LEBEN

Eine oppositionelle Gruppe

Das Recht zu reden und die Drohungen der Macht

Das Spiel mit dem Feuer

»Unsere Zukunft hat schon begonnen«

Mein Bild – Mattheuers »Jahrhundertschritt«

DER UNTEILBARE FRIEDEN

Sag nein, schwör keinen Eid

Die Abiturientin, der Spielpanzer und die Humorlosigkeit des Systems

Schwerter zu Pflugscharen! Feinde zu Partnern!

Spieße zu Winzermessern. Konversion statt neuer Kriege

UMKEHR FÜHRT WEITER

Die Zeit zu reden ist gekommen

Eine Hoffnung lernt gehen – die Ökumenische Versammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung

Beton platzt von innen

Der Herbst der Entscheidung

Lasst uns die Wahl! – Zum Auftakt der friedlichen Revolution am 4. September 1989" in Leipzig.

VOM AUGUSTINERKLOSTER ÜBER DIE SCHLOSSKIRCHE ZUM MARKTPLATZ

Luther: weder Heiliger noch stinkender Madensack

In der Schlosskirche predigen

Rufe nach einer neuen Reformation?

DIE TAGE DER BEFREIUNG

Der 9. Oktober und das unerledigte Erbe der Bürgerbewegung

Der unvergessliche 4. November und sein Mehrwert

Der Schießbefehl an die NVA blieb aus

Der 9. November in Wittenberg

Die Russen in Wittenberg

Ein NVA-Offizier bekennt sich öffentlich

ERNÜCHTERUNGEN – WEDER VERKLÄRUNG NOCH DÄMONISIERUNG

Der Tag, an dem die D-Mark kam

Die Wende war noch keine Umkehr

Konflikte im kommunalen Alltag der Demokratie. Bau auf, bau auf …

Eine neue politische Kultur und neue Untiefen

»Die Drecksau und die Trucksau«

Erinnerung an Vergangenes um der Zukunft willen

Dummheit gefährdet die Demokratie

Verdummung praktisch

Vom Ändern und Bessern

Eigentum verpflichtet – die Erfurter Erklärung

Der politische Journalismus als Fortsetzung des Kalten Krieges mit anderen Mitteln

WIR SIND ÜBERALL AUF DER ERDE – STASI UND KEIN ENDE

»Wir sind überall auf der Erde« – Erfahrungen mit dem Spitzelstaat

»Ich habe meine Arbeit gern getan«

In den Abgrund sehen – Stasispitzel und Stasimethoden

Die Akten und die innere Einheit.

REISEERLEBNISSE

Wind, Sand und Schnellboote. Erlebnis Hiddensee

»Die Grenze der Freiheit bestimmen die Anrainer.« (Lec) Gute Nachbarschaft mit Polen

Reisen in die Goldene Stadt – Begegnungen auf der Prager Burg

MEIN LEBEN IN UND MIT DER KIRCHE

Ich glaube nicht an Gott, aber ihm.

Die Synoden als Übungsfelder der Demokratie

Luther gegenüber leben, lernen, lehren

Akademiearbeit: intellektuelle, geistige und politische Zeitgenossenschaft

Die Lebenswege erkunden – das Lebenswerk würdigen

Ostelbische und Linksrheinische begegnen sich

Unsere schöne deutsche Sprache – in der Bibel aufgehoben

Für jeden Tag ein gutes Wort

DIE HOFFNUNG LÄSST NICHT ZUSCHANDEN WERDEN

Fröhlich sein bei seiner Arbeit

Verrinnende Zeit, aufgehobenes Leben

Ich bin Leben mitten unter Leben

Danksagung

Anmerkungen

Bildnachweis

WAS ICH ERINNERE, WAS ICH SUCHE

»STEH AUF, FRIEDRICH!« – KLAR SEHEN UND DOCH HOFFEN

Am Morgen des 21.August 1968 weckte mich mein Vater früh um sechs mit dem waschwasserkalten Satz: »Friedrich, steh auf! Die Russen sind in Prag einmarschiert.«

Ich schreckte auf, fiel aber wie gelähmt in mich zurück. Was hatte Vater gesagt? Für ein paar Sekunden bestand ich darauf, geträumt und etwas falsch verstanden zu haben. Ich hatte nichts falsch verstanden und nicht geträumt. Mir kam die Inschrift auf dem Tor zur Hölle in den Sinn: »Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!« (Dante)

Erst einen Tag zuvor war ich aus Prag gekommen, um am 22. August – meinem Tauftag – den Gottesdienst zur Silberhochzeit meiner Eltern zu halten. Prag war in jenem Sommer die Hauptstadt eines politischen Frühlings mitten im kalten Staatssozialismus. Und nun: die Russen. Panzer, an deren rasselnde Ketten die Hoffnung gelegt war wie eine Schwerverbrecherin. In Prag war nichts an sich selbst zerbrochen, es war eine Hoffnung niedergewalzt worden. Auf den Panzern saßen junge Soldaten, die vielleicht selber nicht begriffen, was sie da taten, aber sie taten's. Befehligt wurden diese Panzer von der Angst einer bolschewistischen sowjetischen Kaderpartei, der Ruf nach Freiheit würde das System insgesamt untergraben und zum Einsturz bringen.

Friedrich, steh auf! Vielleicht begriff ich in jenen Augusttagen erstmals, dass Wirklichkeit und Hoffnung aneinanderschlagen können wie unversöhnliche Metalle. Ich werde sein!, tönt die Hoffnung. Ich bin!, klirrt die Wirklichkeit. Und du stehst dazwischen, suchst fiebernd den Brückenschlag. Er kommt in dem kleinen starken Wörtchen »doch« zum Ausdruck. Klar sehen und doch hoffen! Diese Maxime wurde mein Lebensmotto. Ich leitete es aus dem Denken von Albert Camus ab.

Mit der Hoffnung, sagte Ernst Bloch, habe man nicht nur etwas zu essen, sondern auch etwas zu kochen. Sie ist Arbeit am Wirklichen. Hoffen heißt: an einen Überschuss glauben und aus solchem Vertrauen Handlungskraft gewinnen.

Ich lebte in jenen Jahren, in die der Schock von Prag fiel, ganz im Pathos der »Theologie der Hoffnung«. In mir pochte der Satz aus dem Johannes-Brief: »Es ist noch nicht erschienen, was wir sein werden.« (1. Joh. 3,2) Mag die Wirklichkeit den Menschen erschöpfen, seine Möglichkeiten sind es kaum. Mit Augenmaß für das Relative leben, ohne die weitgesteckten Horizonte zu verraten. Diese Spannung begriff ich mit den Jahren als eine Definition für so etwas wie Zufriedenheit. Ein Wort, das mir lange als kleinbürgerlich galt. Verriet, wer sich zufriedengab, nicht allen Sturm und Drang, alle Utopie? Nein, wer zu viel von der Welt fordert, erkrankt an ihr und an sich selber. Die Träume darf man nicht von den Gegebenheiten kappen, unter denen sie gedeihen sollen. Friedrich, steh auf! Das war der Weckruf für einen träumerischen Realismus und ein realistisches Träumen. Der graue Schein des jeweiligen Tages soll mir nicht den Sinn für ein ferneres Licht nehmen.

… und doch hoffen! Dies ist Bekenntnis, Trotz, es klingt auch ein wenig Furcht mit, zu niederreißend sei vielleicht, was ohne jede Bemäntelung wahrgenommen werden muss. Der sehr schwarz veranlagte Heiner Müller sagte, Hoffnung sei Mangel an Information. Nein, ich behaupte den aufrechten Blick in voller Kenntnis der Dinge, aber wie gesagt: Die Realität spaßt nicht mit ihren Fakten, und es gehört Mut zur Wahrheit. Sie kann wie ein Felsblock vorm Wunsch der Hoffnung stehen, am liebsten über alles Hemmende hinwegzusehen.

Martin Luther hob in der Heidelberger Disputation 1518 hervor: »Der Theologe der Herrlichkeit nennt das Schlechte gut und das Gute schlecht. Der Theologe des Kreuzes nennt die Dinge, wie sie wirklich sind.« (These 21) Im Unterschied zur gängigen Meinung, Theologie sei eine illusionäre Wirklichkeitsschau, ja geradezu falsches Bewusstsein, nimmt Luther sie dafür in Anspruch, schonungslos aufzuklären. Für einen evangelischen Theologen wird die Erkenntnis lebensleitend, dass die verruchte Wirklichkeit nur im Horizont des Kreuzes erträglich wird. Klar sehen – und doch hoffen!

Der Theologe der Herrlichkeit legt einen glitzernden Schein über die Wirklichkeit. Weil er sie nicht aushält, muss er sie beschönigen, Altäre üppig vergolden – und sei es mit dem Blut unterworfener Völker Südamerikas in den Kathedralen Spaniens. Der Theologe des Kreuzes dagegen kann die Wirklichkeit in all ihrer Härte sehen, weil ihm diese Härte die Hoffnung nicht rauben kann. Sola gratia – allein aus Gnade, die nicht unterwürfig macht, sondern aufrichtet. Dies ist der radikalste religiöse Widerspruch gegen einen Zynismus, der sich aus der Realität heraushält und sich über sie stellt.

Es geht mir, gewissermaßen berufsbedingt, immer wieder um Luther und mit ihm darum, Dinge beim Namen zu nennen. Wer sich für Minderheiten, Ausgegrenzte, Flüchtlinge einsetzt, darf nicht verschweigen, dass z. B. nicht alle Zugewanderten friedlich sind. Wer aber gewalttätige Kurden gewalttätig nennt, rechtfertigt damit noch lange nicht die Unterdrückung der Kurden durch die Türken. Wer Ausländerkriminalität benennt, ist nicht automatisch ausländerfeindlich. Wer offen den Verdacht äußert, »Hartz IV« könne auch als Hängematte missbraucht werden, diskriminiert damit nicht alle Arbeitslosen. Und wer die Enttäuschung alter Kommunisten über die aus der Geschichte gejagte DDR versteht, ist deshalb weder ein Nostalgiker, noch verhöhnt er Opfer der SED-Diktatur. Worte wie Pflicht und Gehorsam, Bescheidenheit und Ordnung, Heimatliebe und Nationalstolz können und müssen wieder in ihr Recht gesetzt werden. In ihnen stecken Werte, ohne die wir nicht gemeinschaftlich leben können. Daher dürfen wir nicht auf sie verzichten. Aber es sollte nicht verschwiegen werden, für welchen Missbrauch, für welches Unrecht diese Begriffe herhalten mussten.

Klar sehen, was ist. Schönfärber und Schönredner hat es immer gegeben. Davon zeugt auch der Konflikt zwischen dem Propheten Jeremia und den »falschen Propheten«. Diese falschen berieten die Könige und legten ihnen alles mundgerecht vor, damit sie nicht in Ungnade fielen. Der wahre Prophet aber ist einer, in dessen Belieben es nicht gestellt ist, was er sagt. Er folgt der Wahrheit, die er auf dem Herzen hat und die ihm auf der Zunge brennt – wie Jeremia, der Unglücklichste und Mutigste unter den Propheten. »Denn sie gieren doch alle, groß und klein, nach unrechtem Gewinn.« Über das störrische Volk urteilt er: »Sie haben ein Gesicht, härter als ein Fels.«

Propheten werden verdächtigt, Schwarzseher, Agenten des Feindes, Wichtigtuer, unbelehrbare Volksverächter und Staatsfeinde zu sein. Sie haben mit Gefühl- und Rechtlosigkeit zu rechnen, wenn sie auf das schon sichtbare und das noch drohende Unheil hinweisen. Sie blicken nicht rückversichernd auf die Oberen und auch nicht auf die Volksstimmung. Sie glauben an ihr Gesetz: Es gibt keine Hoffnung ohne Wahrheit, ohne Einsicht, ohne Umkehr. Sie sehen der Wirkungslosigkeit ihrer Anstrengungen ins Auge und bleiben dennoch im Mühen; eine Resthoffnung auf Wandel behalten sie. Deshalb das wiederkehrende Bild von der Nachlese, wie am Weinstock.

Natürlich leidet der Prophet unter seinem Auftrag, die Wirklichkeit ohne Rücksicht aufzudecken. Wahrheit tut weh, auch dem, der sie sagt. Dem Volk sowieso. Das gemeine Volk will hören, dass alles gut wird, auch wenn dies gelogen wäre. Gutredner werden gut bezahlt und gern gehört. Ein Prophet steht daher als Einzelner immer gegen die vielen.

»Bessert euer Leben und euer Tun, so will ICH bei euch wohnen an diesem Ort. Verlasst euch nicht auf Lügenworte.« (Jeremia 7,3 f.) Geistesgeschichtlich gesehen, ist die Philosophie der Propheten ein Schritt aus der streng vorgegebenen Norm in die Freiheit des persönlichen Handelns. Es geht nicht bloß um Normbefolgung; es geht um Wahrnehmen von Verantwortung – die Propheten vollziehen den Schritt von der Moral zur Ethik, zur eigenen, freien, verantwortlichen Tat. Hier waltet nicht mehr das Schicksal, hier wird Verantwortung eingeklagt. Für jeden.

Die Bibel half mir immer beim Erden der Sehnsüchte, der Menschenrechts- und Friedensutopien. Sie half mir, ein realistisches, also ein skeptisches Menschenbild zu behalten. An Propheten, nicht an Herrschern habe ich mein Denken und Tun geschult, habe mich an ihrem Anspruch gerieben, spürte und spüre immer wieder den Abstand zu ihrer Klarheit. Ihr Leiden ließ ich an mich heran, ihre Kraft beneidete ich. Sie haben mir geholfen, meine nunmehr dreiundvierzig Jahre als Pfarrer ohne Schönfärberei zu betrachten, ohne Selbstblendung, also nicht nur das Feuer, sondern auch die Asche der Jahre zu sehen. Den Blick vom Spektrum der Erfahrungen, auch von Enttäuschungen nicht feige abzuwenden – aber dabei das Hoffen nicht aufzugeben. Wenn ich mich auf das Lebensskript von Propheten berufe, dann nicht anmaßend nähebetont, sondern verehrend und ermutigt.

Der Holzschnitt »Ein Prophet« von Emil Nolde begleitet mich seit meinem 16. Lebensjahr. Ich hatte ihn von einer Postkarte abfotografiert, vergrößert und auf ein Brett geklebt. Zu meinen »Propheten« zähle ich auch Martin Luther King, Wolfgang Borchert, Ernesto Cardenal, Dorothee Sölle. Und Hilde Domin! »Dennoch-Sagen« war die Lebensmaxime dieser kleinen Frau und großen Dichterin, die einem ihrer Bücher den Titel »Aber die Hoffnung« gab – und die nach ihrer Erfahrung mit Hitlers Deutschland lebenslang das Veronal in der Handtasche behielt.

Klar sehen und doch hoffen. Das ist Lebenskunst schlechthin. Man zeige mir freilich einen, der diese Kunst durchgängig hat leben können. In ständiger Balance zwischen Skepsis und Sehnsucht, sodass eines das andere aufhebt, ja -wiegt. Immer stehen sich die Kräfte mit Eigenmacht gegenüber; die eine wirft sich im Übermaß der Entgegnung auf die Angebote der anderen, auf das Schwarz der nüchternsten Erkenntnis antwortet die farbigste Droge des Wünschens. Der Mensch, ein Zerrissener zwischen den Gemütslagen, zwischen Abgrund und Wolken schwebend, zwischen Optionen in Überfülle und totaler Alternativlosigkeit. Jedes der späten Lebensjahre nimmt dir ein Gran Traumkraft und verstrickt dich zugleich in das tragische Empfinden, dass just jetzt – da die Begehrlichkeiten des einst prallen Lebens abfallen wie eine Last – des Traumes schönste, ungezwungenste Zeit sein könnte. Nunmehr, da ohnehin aus naturgegebenen Umständen das Erfüllbare nicht mehr das Erstrebenswerteste ist, könnte die Hoffnung etwas freier, unbelasteter, fast wieder jugendlich durch den Sinn schwirren. Aber ihr steht ein gewachsener, gehärteter Wirklichkeitssinn gegenüber, der nur noch kalte Rechnungen aufmacht und auf die ablaufende Uhr zeigt. Ich sehe tieftraurig auf die UNO-Klimakonferenz in Durban zurück. Sollte kollektive Einsicht auf dem Globus nie mehr greifen?

Bald nach meinem Wechsel 1978 aus der Stadt des Raben in die Stadt des Schwans – also von Merseburg nach Wittenberg – entdeckte ich das Konterfei Martin Luthers am Katharinenportal. Der Steinmetz hatte es über einem der Türsitze eingemeißelt mit einer Umschrift, die als ein Lebensmotto Luthers gilt: »Im Stillesein und Hoffen wird eure Stärke sein.« Stillesein bedeutet hier nicht, in sich gekrümmt die Klappe zu halten, aus Angst, ein falsches Wort zu sagen, sondern ganz konzentriert sein, genau hinschauen und ganz gelassen sein – so wird Stärke auf den Menschen zukommen. So wird Glauben zu einem der Zukunft geöffneten Dasein. In diesem Sinne habe ich versucht zu leben und zu widerstehen – bei allem Versagen und Verzagen, in Zeiten tiefer Müdigkeit, des Zweifelns, des Verzweifelns und der Selbstzweifel. Zu widerstehen galt es der Welt und mitunter auch mir selber. Der Weckruf meines Vaters hat mich geleitet und begleitet: »Friedrich, steh auf!«

BLICK ZURÜCK OHNE ZORN – ERINNERUNGEN UND PERSPEKTIVEN

Erinnerung erfindet. Denn die Vergangenheit legt sich nicht selber ab in einen Ordner, darin man das Gewesene, all das Wirkliche und Wahre nachschlagen kann. Wer sich an sein Leben erinnert, kann auf nichts Befestigtes, nunmehr Unantastbares zurückgreifen, er rekapituliert und fabuliert gleichermaßen, er steht somit unweigerlich zwischen Archäologie und kleiner Weltengründung. Noch im Denken an entfernteste biografische Einzelheiten hört die Selbstsuche im Gegenwärtigen nicht auf. Die Zeit haut nichts in Stein, das man sich von allen Seiten betrachten könnte. Alles steht nur gefiltert zur Verfügung – Daten und Fakten, Personen und Ereignisse.

Zur Freude darüber, dass sich meine Erinnerungen mit Erfahrungen anderer Menschen decken, kommt das Glück, manch Aufgerufenes ergänzt, bereichert zu wissen durch fremde Wahrnehmungen. So paradox es klingen mag: Der Blick zurück lebt von der Freiheit, offenzulassen, wie etwas wirklich geschah. Es handelt sich um jene Offenheit, die ins Heute zielt. Erinnern geht nicht der Frage nach, wie etwas war, sondern forscht mit dem Material des Vergangenen nach dem, was ist.

Vergangenheit lebt. Aber dieser Satz widerspricht keinesfalls jenem Satz, der mir ebenso wichtig ist, vor allem in Bezug auf die Auseinandersetzung mit der DDR: Man muss Vergangenheit irgendwann auch Vergangenheit sein lassen. Warum können wir die DDR nicht endlich im Grabe lassen, statt sie permanent zu exhumieren? Alle Nachrufe sind inzwischen geschrieben. Kaum ein Staat der Welt wurde so gründlich analysiert wie dieses vierzig Jahre dauernde Staatsexperiment mit diktatorischen Mitteln. Das Sezieren begann bereits in dem Moment, da das System endlich verlosch. Was war, darf uns nicht beherrschen, indem unaufhörlich Feindbilder, ja sogar Hass aufrechterhalten oder reanimiert werden. Die seit 1990 dominierende Art der Aufarbeitung stand und steht weiterhin der Versöhnung entgegen. Ich fühlte und fühle mich dem verbunden, was Nelson Mandela nach 23 Jahren Kerker zusammen mit Bischof Tutu in beeindruckenden Ansätzen initiiert hat: Vergebung – nicht ohne Wahrheit; Wahrheit – nicht ohne Versöhnung.

In diesem Buch steige ich selbst noch einmal hinab in den trockengelegten Brunnen DDR, weil ein Großteil meines Lebens dort stattfand und ich sehr wohl Argumente für eine Freiheit der Loslösung habe, die nichts zu tun hat mit Vergessen oder Verdrängen. Es ist die Freiheit des weiterführenden Gesprächs, das aus dem gestrigen Los Erkenntnismaterial schürft für morgige Lösungen. Keiner kann etwas Sicheres über die Zukunft sagen, aber wir kennen das Gelebte und können mit großer Sicherheit sagen, was wir nicht, was wir nie wieder wollen. Das ist unser Fundus, daraus entstehen Entscheidungen, die vielleicht nicht weniger Irrtum befördern als frühere Taten. Aber ein paar Irrwege dürften vermeidbar sein! Klare, unverstellte Sicht auf die Welt bedeutet zuallererst Einsicht in die Tatsache, dass mit dem Wechsel der Zeiten die alten quälenden, existenziellen Probleme blieben: Hochrüstung, bipolares Denken, Fremdenfeindlichkeit, ideologische Verengung, Machtgier und Machtmissbrauch, Feindbildzimmern und Steinewerfen.

Ich will einstigen Hoffnungen, Einsichten und Visionen nachsinnen und fragen, was davon unerledigt ist. Ohne eine Leitidee, die in Freiheit angenommen und von Freien gemeinsam getragen wird, hat eine Gesellschaft keine lebenswerte Zukunft. Deshalb lebe, denke, schreibe ich wieder und wieder gegen Gleichgültigkeit, Zynismus und Resignation.

Die Frage, was Kirche Jesu Christi sein kann, hat mich mein ganzes Leben beschäftigt, und sie treibt mich heute um, zumal die gegenwärtige Kirche hinter ihren Möglichkeiten zurückbleibt und sich oft zeitgeistig, beliebig, eventgierig gibt. Was ich in der Evangelischen Kirche der DDR als einer geduldeten Gegenöffentlichkeit einzubringen versuchte, dokumentiere ich ebenso wie vieles, was ich als Prediger in der wilhelminischen Schlosskirche in Wittenberg habe anregen können.

Jedem Menschen ist der Mut zu wünschen, sich selbst gegenüber ehrlich zu sein und nicht nur seinen Anteil an der Lösung eines Problems zu benennen, sondern auch zu erkennen, was er zu dessen Verursachung beigetragen hat. Solcher Mut ist möglich, wenn der Mensch um Gnade weiß. Dies ist eine der wertvollsten Gewissheiten. Ich jedenfalls wüsste nicht, wie ich anders leben sollte.

Beglückt mache ich mir bewusst, wie oft ich in meinem Dasein Bewahrung, Behütung, gute Fügung erfuhr. Ich wundere mich, dass ich noch immer am Leben bin. Ich erschrecke, wie oft ich am Abgrund vorbeischlitterte. Längst gestorbene Freunde und Lehrer ziehen an meinen Augen vorüber – wie eine »Wolke der Zeugen«. Auch Beziehungen, die abgebrochen wurden, erkaltet, erloschen sind oder sich im Wirbel wechselnder Zeiten, Orte und Umstände verloren, werden nun, da ich schreibend mein Leben bedenke, wieder lebendig. Was oder wer in diesem Buch keine Erwähnung findet, ist dennoch nicht aus meinen Gedanken und Gefühlen gelöscht. Privates soll privat, im Vertrauen Anvertrautes vertraulich bleiben. Wahrhaftigkeit setzt nicht die Kunst außer Recht, Vorhänge zu platzieren, wo ich sie für angemessen und anständig erachte.

»Je mehr man über die faktische Wahrheit hinausgeht, desto spürbarer werden die Schwierigkeiten des Mitteilens und Verstehens«, schrieb Siegfried Lenz 1964. Spruch trifft auf Widerspruch. Lenz erinnert an die Weisheit der Kabbala: »In ihr ist die Wahrheit das, was sich geziemend widerspricht … Diese Wahrheit … liegt im Aufblitzen eines emporgerissenen Messers, in der pfeilschnellen Berührung der Schwalbe mit dem Wasser. Sie ist in einer einzigen Sekunde gewonnen und wieder verloren.«1

Worin besteht sie also, die Wahrheit eines Menschen? Wie viele gegensätzlich konturierte Bilder er doch in anderen erzeugt – auch wenn er selber zweifelsfrei meint, ganz klar und eindeutig zu sein. An jedem besseren Kleidungsstück findet man heute mindestens fünf Etiketten. Ich bin im Laufe der Jahre auf Dutzende Etiketten gekommen, mit denen man mich bedachte – sachlich, teilnahmsvoll, mitunter schmeichelhaft, aber auch heftig schmähend, mich missverstehend oder schroff bis gemein ablehnend. Die Stasi nannte mich stets »widersprüchlich«, das klingt im Arsenal der groben Schnüffel- und Denunziationsprosa fast wie eine Verirrung ins Milde. Ich musste mich mit den Jahren damit abfinden, dass meine Art polarisiert. Allen, die es nicht lassen können, die Welt in Freunde und Feinde einzuteilen, biete ich eine willkommene Projektionsfläche, ohne es im Geringsten darauf anzulegen. Alpha braucht auf Anti-Alpha nicht lange zu warten. Wahrscheinlich wirke ich auf manche Menschen auch im Sitzen wie jemand, der gerade die Treppen zu einer Kanzel nimmt. Das ist wohl das Schicksal aller, die in der zugigen Öffentlichkeit tätig sind. Wer dort arbeitet, muss ertragen, dass sich andere an einem abarbeiten. Ertragen schließt für mich ein: offen austragen, was einem unerträglich ist.

Ich – das ist immer ein anderer. Schrieb der Dichter Arthur Rimbaud. Was weiß ich von mir? Was wissen die anderen von mir? Und was wissen weder die anderen noch ich selbst von mir? Meine jüngste Schwester Ulrike, die aus privaten Gründen nach Westdeutschland ausgereist war, hatte mir 1978 in einem Brief ein Gedicht Wolfgang Borcherts beigelegt. Sie ahnte wohl, dass diese Zeilen mich seit meinem 16. Lebensjahr begleitet hatten. Das Blatt hängt bis heute über meinem Schreibtisch: »Was morgen ist, auch wenn es Sorge ist, ich sage: Ja!« Wieso sollte ich nicht Ja sagen, wo ich doch so viel weniger durchmachen musste als Wolfgang Borchert? Der Autor von »Draußen vor der Tür« sagt Ja, wissend, dass er sich beständig überforderte. Das freilich kenne ich nur zu gut. Ich teile seinen Wunsch, Leuchtturm für andere sein zu wollen, in Nacht und Wind und für jedes Boot – »und bin doch selbst ein Schiff in Not«.

Jeder ist in eine bestimmte Zeit gestellt. Denke ich über meinen Lebensweg nach, steht mir immer deutlicher vor Augen, dass ich von vielen Menschen umgeben bin, die mir zu Leuchttürmen geworden sind. Ihnen widme ich das, was ich an Erinnerungen notiert habe und was ich an Perspektiven skizziere. Solche Leuchttürme richten mich auf und lassen mich »nach oben« sehen. Wer zu Jesus aufschaut, empfängt einen Rückruf: Sieh hin, die Erde!

VATER UND SOHN

Die Briefe meines Vaters an meine Großmutter zeigen ihn als einen Mann, dessen Denken und Fühlen ganz in seiner Zeit verwurzelt war. Im April 1932 forderte er seine Mutter auf, die nationalliberale Deutsche Volkspartei zu wählen, deren prominentester Politiker der 1929 gestorbene Gustav Stresemann war. Zu den Irrwegen seines Denkens zähle ich – rückblickend! –, dass er sich nach der Machtübernahme der NSDAP zeitweilig deren Ideologie angenähert hat. Im Mai 1933 hatte der Student noch über einen gewissen Anpassungszwang berichtet: »Wir mussten nämlich alle in den nationalsozialistischen Studentenbund eintreten. Wenn nicht, dann gibt es keinen Gebührenerlass und keinen Freitisch mehr. Ich soll Scharführer werden, und da waren wir Samstag und Sonntag in Brachwitz zum Exerzieren.« Er bat um 40 Mark für eine SA-Ausrüstung. Im Sommer 1933 besuchte er die SA-Führerschule in Wernigerode. Einige Monate, vielleicht ein Jahr später – das genaue Datum ist unklar –, gab er den Scharführerposten auf.

Er gehörte einer schlagenden Verbindung an. In einem Brief vom Sommer 1934, dem er stolz ein Foto von sich im »Chargenwichs« beilegte, berichtete er: »Im Laufe dieser Woche besichtigen wir das Gefängnis und das Museum der Nationalsozialistischen Revolution. Gestern war Göbbels [sic!] hier in Halle. Wir waren auch auf den Brandbergen. Er hat ganz fabelhaft geredet. 160 000 Menschen waren dort versammelt.« Die Zahlenangabe darf getrost bezweifelt werden. Unzweifelhaft ist, dass mein Vater von den Goebbels’schen Propagandakünsten beeindruckt war. Der Sog der Massen und der Massenbegeisterung hatte ihn wie so viele anfänglich ergriffen.

In den Briefen geht es sehr oft um etwas Geld zum Leben, um Essen und Kleidung, Dinge, an denen es dem Studenten Wilhelm Schorlemmer stetig mangelte. Er berichtete wiederholt über das Studium, über Prüfungen, auch über den »Ariernachweis«, den er zu erbringen hatte. Im November 1934 teilte er seiner Mutter und den beiden Tanten Emma und Hermine in der Börde mit, dass er »auf Budensuche gegangen« sei: »Ich wohnte zuerst Laurentiusstr. 15. Ich stellte aber sogleich fest, dass es Juden waren, und bin daher sofort umgezogen nach Brandenburgerstr. 10 I.« Hier fühlte er sich »sehr wohl«. Ein paar Monate später, im April 1935, riet er, »Triumph des Willens«, den »großartigen« Parteitagsfilm, unbedingt anzuschauen. Dennoch wurde aus ihm kein überzeugter oder aktiver Nazi. Eine Abwertung der Juden oder anderer Völker habe ich nie von ihm gehört. Für sein 1. Theologisches Examen lernte er in dem 1937 erschienenen Ethikbuch von Alfred Dedo Müller. Darin hieß es, dass »eine theologische Betrachtung die ganze Tiefe und Unausrottbarkeit des kriegerischen Instinktes in der menschlichen Natur zu Gesicht bekommen« müsse. Der Krieg sei »offenkundig eine anthropologische Wirklichkeit, die wir einfach vorfinden«.2

Müller tritt »der ideologischen Verfälschung des ganzen Problems durch den aufklärerischen Pazifismus« entgegen.3 Luther habe den »Gehorsam gegen den Staat im Liebesgebot verankert«, und so sei ein Christ aufgefordert, »um der Liebe willen sich dem staatlichen Gebot zu unterwerfen«. Für die Verwirklichung dieser Gedanken biete die gegenwärtige politische Lage einzigartige Bedingungen, weil die die sogenannte deutsche Revolution tragende politische Bewegung »ganz aus dem repräsentativen Erlebnis eines Mannes wuchs, der von sich sagen kann: ›Aus dem Volke bin ich gewachsen, im Volke bin ich geblieben, zum Volke kehre ich zurück‹«4.

Alfred Dedo Müller lehrte bis 1957 an der Leipziger Universität, die seit 1953 den Namen von Karl Marx trug. Dort dominierten »rote Theologen«. Zu ihnen wollte ich nicht, auch wenn mich der religiöse Sozialist Paul Tillich, der in die USA emigriert war, mit seinen Schriften früh fasziniert hatte. Karl Barth, den Sozialdemokraten, verehrte ich. Er war 1935 als Professor, nachdem er den Eid auf den Führer nicht abgelegt hatte, in die Schweiz zurückgegangen. Eigentlich wollte ich in Westberlin studieren, um Helmut Gollwitzer, den Nachfolger Martin Niemöllers und Hitler-Gegner, hören zu können. Die Mauer machte es unmöglich. So entschied ich mich für Halle. Als ich 1962 dort mein Studium begann, sprach keiner von der Vertreibung des »roten« Professors Günther Dehn durch nationalsozialistische (Theologie-)Studenten im Juni 1933. Mein Vater war daran nicht beteiligt, soweit ich weiß. Für mich ist es heute noch ein Skandal, was damals zum Skandal erklärt wurde. Dehn hatte 1928 beklagt, es sei üblich geworden, den Tod fürs Vaterland im Ersten Weltkrieg unter das Bibelwort »Niemand hat größere Liebe denn die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde« (Johannes 15,13) zu stellen. Er wandte ein, der, der getötet wurde, habe »eben auch selbst … töten wollen. Damit wird die Parallelisierung mit dem christlichen Opfertod zu einer Unmöglichkeit.«

Ich gehe noch einen Schritt weiter. Mit Tucholsky bin ich der Meinung, dass Soldaten – auch die ermordeten – Mörder sind, weil sie unter dem staatlich sanktionierten Befehl stehen, den Feind zu vernichten. Sie müssen morden, um eines vermeintlich hohen Zieles willen. Das ist ihre moralische Pflicht. Werden sie selbst Opfer dieser Perversion und sterben den »Heldentod«, nennt man sie verharmlosend »Gefallene«. Dem Sinn-losen soll so als Trost für Hinterbliebene ein Sinn verliehen werden. Mich erschreckte die Radikalität eines Kurt Tucholsky. 1931 hatte er in der »Weltbühne« den Artikel »Der bewachte Kriegsschauplatz« mit dem provokanten Satz »Soldaten sind Mörder« veröffentlicht, der bis in die jüngste Zeit heftige Diskussionen ausgelöst hat und Gegenstand gerichtlicher Auseinandersetzungen war, u. a. im Zusammenhang mit der Bombardierung der Tanklastzüge bei Kunduz.

Tucholsky hatte den Offiziersgeist als junger Mann radikal abgelehnt, aber auch sehr früh die Erfahrung der eigenen Verführbarkeit thematisiert. Gruppendynamik in einer Armee konnte selbst Tucholsky in ihren Bann ziehen. Dabei hatte er den Mechanismus des Militarismus längst erkannt und bereits 1912 Krieg mit Mord gleichgesetzt. Er wurde im Ersten Weltkrieg nicht an die Front abkommandiert, sondern von vornherein in die Etappe. Er schrieb offen, dass er nicht sterben wolle. Zum Helden oder Märtyrer sei er nicht geboren. »So tat ich, was ziemlich allgemein getan wurde: ich wandte viele Mittel an, um nicht erschossen zu werden und um nicht zu schießen – nicht einmal die schlimmsten Mittel. Aber ich hätte alle, ohne jede Ausnahme alle, angewandt, wenn man mich gezwungen hätte: keine Bestechung, keine andre strafbare Handlung hätt’ ich verschmäht. Viele taten ebenso.«5 Er hatte sich in der Etappe relativ gemütlich eingerichtet. Seine Äußerungen sind durchaus zwiespältig. So schrieb er einerseits: »Es ist noch nicht – nach 6000 Jahren noch nicht – in die Köpfe gegangen, daß Blut Blut ist und daß es keinen geheiligten Mord geben darf.« Andererseits: »Ich wünschte nicht, daß der Krieg nun auf einmal ein Ende hätte – ein Jahr brauche ich ihn noch.«6

Erst in dem Text »Der bewachte Kriegsschauplatz« bäumte er sich scharf gegen die Absurdität des Krieges auf, weil dieser alle zivilisatorischen Errungenschaften außer Kraft setze. »Da gab es vier Jahre lang ganze Quadratmeilen Landes, auf denen war der Mord obligatorisch, während er eine halbe Stunde davon entfernt ebenso streng verboten war. Sagte ich: Mord? Natürlich Mord. Soldaten sind Mörder. Es ist ungemein bezeichnend, daß sich neulich ein sicherlich anständig empfindender protestantischer Geistlicher gegen den Vorwurf gewehrt hat, die Soldaten Mörder genannt zu haben, denn in seinen Kreisen gilt das als Vorwurf.«7

Ich frag mich, wie man diese Scharfzunge auf »Mutterns Hände« und »Schloss Gripsholm« verharmlosen oder in der DDR im antimilitaristischen Kampf instrumentalisieren konnte. Mir erschloss sich eine neue, auch religiöse Fragen berührende Welt bei Tucholsky, als ich 1997 zur Verleihung des Tucholsky-Preises an den schweizerischen Dichter, Pfarrer und Pazifisten Kurt Marti die Laudatio als Jurymitglied im Deutschen Theater in Berlin zu halten hatte.8

In Vaters Bibliothek stand jeder in der DDR veröffentlichte Tucholsky-Band. Und zu meinen ersten selber gekauften Büchern gehörte »Tucholsky. Ein Lesebuch für unsere Zeit«, herausgegeben von Walther Victor im Thüringer Volksverlag, es erreichte schon 1954 eine Auflage von 40 000. (Auch das war DDR-Kulturpolitik, die Spuren hinterlassen hat.) Wenn beim Großen Zapfenstreich vor Schloss Bellevue heutzutage der Befehl kommt: »Helm ab zum Gebet«, dann höre ich immer Tucholskys »Kopf ab zum Gebet« (»Gebet nach dem Schlachten«) mit.

Rückblickend auf meine Studienzeit, erachte ich es als unverdientes Glück, dass ich aus den Ethikfragmenten des Hitler-Gegners und Verantwortungspazifisten Bonhoeffer lernen und an ihm meine Maßstäbe für das Menschliche – für das das Christliche einsteht – gewinnen und justieren konnte. Seine Texte haben mich ermutigt. An ihm habe ich mich immer wieder aufgerichtet.

»Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein« (Joh. 8,7). Den Stein auf meinen Vater lasse ich in der Tasche. Ich bin dankbar und freue mich, dass ich trotz Wehrdienstverweigerung 30 Jahre nach ihm mit anderen Einsichten und Aussichten studieren konnte, dass ich nicht solchen politischen Versuchungen ausgesetzt gewesen bin wie er und nicht in einen Krieg ziehen musste. Ich will nicht mit den Erkenntnissen von heute neunmalklug daherkommen und richten. Die Vorgänge werten, das will ich um der Zukunft willen. Ich kann die Enkelin von Generalfeldmarschall Rommel gut verstehen, die nicht darüber richten mag, wie sich Menschen in einer Diktatur verhielten. »Ich bete für uns, dass wir nie in die Lage geraten, unsere Zivilcourage in einer Zwangsherrschaft unter Beweis stellen zu müssen.«9

VATER KOMM, ERZÄHL VOM KRIEG

Als Sanitätsgefreiter hat mein Vater die ersten Tage des Unternehmens »Barbarossa«, jenes barbarischen Raub- und Vernichtungskrieges, miterlebt, bald auch die Gnadenlosigkeit, mit der Partisanen hingemordet und Dörfer ausgeraubt wurden.

In seinem 269 Seiten langen Kriegstagebuch las ich 70 Jahre nach dem Überfall auf die Sowjetunion.

Samstag, 21. 6. 1941

Wir liegen seit vorgestern Nacht in einem kleinen Wäldchen, das nur wenige Kilometer vom Bug entfernt sein soll. Wir haben ein Zeltkamp aufgebaut und faulenzen in die wunderschönen Tage hinein. Gegen Abend und in der Nacht hören wir ferne Detonationen. Die Russen scheinen zu sprengen. Der Sonnenuntergang tauchte das flache Land von zahlreichen Waldstücken in ein goldenes Licht, dass man den Krieg vergessen konnte. Doch das stumpfe Sprenggeräusch jenseits des Flusses ließ uns immer wieder an das bevorstehende Ereignis denken. Gestern wurde uns das allgemeine Marschrichtungsziel bekanntgegeben. Unsere Division soll in Verbindung mit den anderen, nach Erzwingung des Bugübergangs und Durchbrechung der feindlichen Befestigungslinien, in Gewaltmärschen auf Moskau vorstoßen. Die Verproviantierung der Truppe soll ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse der Zivilbevölkerung aus dem Gebiet selbst gewonnen werden, da man wahrscheinlich vom Nachschub abgeschnitten wird. Heute Nacht sollen wir in das Dorf, dessen Kirchturm man vom Waldrand aus sehen kann, abrücken. Eine Schule wird der Ort unseres ersten Hauptverbandplatzes sein. In dieser Nacht soll der erste Stukaangriff auf die russischen Linien erfolgen. Die letzte Post geht heute fort. Wer weiß, wann sich wieder einmal die Gelegenheit zum Schreiben bietet. An Mutter und Anne habe ich ganz knapp geschrieben und sie auf die Ereignisse vorbereitet, von denen die beiden wohl schon wissen werden, wenn mein Brief sie erreicht.

Sonntag, 22. 6. 1941

Um 12 Abmarsch des zweiten Zuges zur Schule Zablorie. Da die Gefahr des Ari-Beschusses besteht, ziehen wir uns an den Dorfrand zurück. Unsere Wagen stehen in einem Kornfeld neben einem Bauernhof. Bis ½ 3 im Wagen geschlafen. Punkt 3.15 beginnt das Arifeuer. Im Nordosten steigen bald große Rauchwolken auf. Von der Antwort der russ. Ari nichts zu bemerken. So gehen wir, nachdem gegen 4 h unsere Geschütze schweigen, zur Schule und richten HVP ein. 6 h erste Verwundete. Im ganzen kommen 87 Verwundete, darunter 2 Russen. Staunend und neugierig wird der erste Russe betrachtet. Junger Kerl, asiatischer Typ, sehr schlechte, zerlumpte und geflickte Uniform. Unsere Schützen sind beim Vorgehen auf zähen Widerstand gestoßen. Die meisten Verletzungen kommen auf die Baumschützen. Besonders ein Scharfschütze in einem Bunker, soll, nach Aussagen der Verwundeten, allein ca. 12 Tote und viele Verwundete gemacht haben. Selbst Patz konnte ihn nicht erledigen. Granatsplitterverletzungen durch eigene Artillerie standen an zweiter Stelle. Bis abends ½ 9 wird pausenlos gearbeitet.

Montag, 23. 6. 1941

½ 4 Wecken. Die restlichen Schwerverwundeten werden abtransportiert. HVP aufgelöst. Heute ist Ruhetag …

26. 6. 1941

Am Nachmittag kam ein Panjewägelchen. Ein Ukrainer aus Sbunice, jenseits des Bug, brachte auf Heu eine traurige Last. Auf Heu hatte er zwei seiner 6 Kinder liegen. Die Gesichtszüge aller drei zeigten nichts Slawisches. Man hätte den Alten für einen Professor halten können, der älteste Junge hatte, nach dem Vater artend, scharfe feine Gesichtszüge, wunderbare blaue Augen. Der Kleine wurde operiert, beim Großen kam jede Hilfe zu spät (Gasbrand). Er wollte weiter in ein Hospital. Ich redete ihm das aus. So fuhr er dann in sein Dorf zurück, um erst den Tod des Ältesten abzuwarten.

29. 6. 1941

Wir gingen einige Schritte in den Wald, da sahen wir die Schützenlöcher, da lagen die Russen, wie sie gefallen waren. Bleckend zeigten die im Tod verzerrten Gesichter ihre blendenden Zähne. Ein Schütze hockte mit aufgepflanztem Bajonett zum Sprunge gekrümmt in seinem Loch, als wollte er im nächsten Augenblick herausspringen. Eine Handgranate hatte ihm Kopf und Gesäß zerrissen. Im Nebenloch lag ein anderer vollkommen verbrannt, dass man Mühe hatte zu erkennen, wo Gesicht und wo Beine waren. Auch auf der Straße längs lagen die Russen noch unbeerdigt. Von der Stadt Sluzk stehen nur noch Kamine, nur wenige Häuser, darunter das Rathaus, sind unbeschädigt. Und vor dem Rathaus steht ein überlebensgroßes Denkmal Lenins auf einem hohen Podest.

Freitag, 13. 2. 1942

Am Morgen wurde noch ein Befehl verlesen, der zum verschärften Vorgehen gegen die Zivilbevölkerung mahnt. Sie soll mehr Furcht vor den deutschen Soldaten bekommen als vor den Russen + Partisanen. Dörfer, wo sich Partisanen zeigen, sollen ausgerottet werden, Mann, Weib + Kind. Die letzte Kuh, das Saatgetreide, alles kann geholt werden. Es ist kein ritterlicher Kampf, es ist Vernichtungskrieg in seiner blutigsten Form.

Faschingsdienstag, 17. 2. 1942

Wir gehen auf Quartiersuche. Kein Haus unbelegt. Nur eine elende Hütte, die letzte in dieser Richtung. Andere Richtung im Dorf, auch alles belegt. Nur eine verfallene, windschiefe Hütte ist frei. Kalt und leer. Nur eine Frau liegt stöhnend auf dem Ofen. Wir gehen erst mal weiter. Kommen aber wieder zurück, ohne etwas gefunden zu haben. Sachen rübergeschafft – Pferd in den gegenüberliegenden Schuppen. Die Alte wird merkwürdig lebendig, als wir draußen rumstöbern. Sie versuchte uns fortzuscheuchen mit der Erklärung, dass der Ofen kaputt sei. Er hängt auch ziemlich windschief im Zimmer. Da fängt sie auf einmal an zu plärren, als Franz nach Sachen sucht, um einen Ofen zusammenzubringen. Auf den Dachboden hängen noch drei Gurri. Unter einem Steinhaufen, den wir forträumen, als Ofenunterlage eine Truhe. Sie plärrt wieder und versucht uns wegzudrängen. Wäsche ist drin. Als sie merkt, dass wir weder ihre Wäsche noch ihre Gurri wollen, wird sie wieder ruhig. Ohne Aufforderung wäscht sie jetzt unser Kochgeschirre, hilft beim Holzsägen, schleppt Steine zum Ofenbau ran und ist gar nicht mehr krank. Am zerbrochenen Eisenofen – Ziegelsteine als Unterlage – ein alter Blechkanister als Esse, und bald brennt, wenn auch zuerst etwas qualmend, unser Ofen.

Aschermittwoch, 18. 02. 1942

Im Osten nicht Neues.

Ich bewundere an meinem Vater, dass er seine Erfahrungen ohne erkennbare innere Zensur aufgeschrieben und das Tagebuch stets bei sich getragen hat. Ich stelle mir vor, dem SD oder der Gestapo wären diese Berichte in die Hände gefallen. Ich wäre wohl gar nicht geboren worden. Er hat uns Kindern oft und viel von seinen Kriegserlebnissen erzählt. In Erinnerung war mir geblieben, dass er zu den Truppen gehörte, die bis nahe Moskau vorgedrungen waren. Die unglaubliche Kälte habe er dank der Öfen in den Holzhütten überlebt, auch dank der Gütigkeit russischer Babuschkas, die den Feinden und Zerstörern des Landes als Menschen freundlich begegnet waren, sie anfangs gar mit Begeisterung gefeiert hatten. Sehr bald begann die rassistische Unterdrückungs- und Vernichtungsorgie. Einen Partisanen, der mit Sprengstoffpaketen nächtens zum deutschen Militärlager unterwegs gewesen war, hatte mein Vater als Wachtposten gestellt und dafür das Ritterkreuz 2. Klasse bekommen. Die Frage, was aus diesem Russen geworden ist, hat ihn nicht mehr losgelassen.

Einen Nierenschuss hat er 1942 ganz knapp überlebt. Das hat ihm letztlich das Leben gerettet, denn nach seiner Genesung wurde er in die Etappe nach Frankreich beordert.

Für die Hochzeit mit der Medizinstudentin Anne Haack bekam er im August 1943 Fronturlaub. Nach neun Monaten wurde ich geboren.

Mein Vater hat selber nie schießen müssen. Schwerverwundete hat er behandelt, Sterbende begleitet, Angehörigen in persönlichen Briefen die Todesnachricht übermittelt. Über das, was der Krieg aus Menschen macht, unter welchen Befehlen deutsche Soldaten Grausiges unter der Zivilbevölkerung angerichtet haben, hat er nicht hinweggesehen, davon hat er nichts ausgeblendet. In seinen beiden letzten Lebensjahrzehnten las er fast ausschließlich Literatur über den Zweiten Weltkrieg. Das war das Lebensthema, mit dem er – bis zu seinem Ende – nicht fertig geworden ist.

Ich bin dankbar, dass ich einen Vater und sechs Geschwister haben durfte. Die meisten meiner Schulkameraden wuchsen nicht nur ohne Väter auf, oft wurden die Väter auch noch beschwiegen, weil sie sich als aktive Nazis hervorgetan hatten.

Ich habe den Wehrdienst verweigert, weil ich keinesfalls einen Fahneneid sprechen konnte, der in der Grundstruktur dem Eid glich, den mein Vater abgelegt hatte. »Unbedingter Gehorsam« mit Selbstverfluchungsklausel. Niemals! Aber ich gehöre nicht zu denen, die den roten Militarismus der DDR, den totalitären Staat und die kommunistische Ideologie auf eine Stufe stellen zu können meinen mit dem, was in deutschem Namen und von Deutschen im Nationalsozialismus angerichtet worden war. Ich wurde Pazifist aus politischen Gründen, aus Gewissensgründen, auch im Gedenken an meinen Großvater, der schon im ersten Kriegsmonat 1914 als vermisst gemeldet worden war. Meinem vaterlos aufgewachsenen Vater kamen die Tränen, als er mir in meinem 14. Lebensjahr das Schlusskapitel aus »Im Westen nichts Neues« vorgelesen hat. In seinem Kriegstagebuch heißt es mehrfach in ironischem Anklang »Im Osten nichts Neues«.

Mein Vater schrieb genau vier Wochen nach meiner Geburt an meine Mutter, voller Sehnsucht nach seinem Erstgeborenen, sich selbst fragend:

»Wirst du nicht richtig ein bisschen eifersüchtig auf den kleinen Kurfürst, da er noch mit ernstem, nachdenklichem Professorengesicht im Wagen liegt? …

Wie kann er dort aufwachsen, zwischen dem Blühen, all dem Duft des Vorsommers? Seine kleinen Äuglein sehen die alte Tanne und begreifen es noch nicht, was für ein Ding das ist. Noch gehört er ja Dir mit all seinen Lebensäußerungen und Begierden.

Wie wird er wohl seinen Vati anschauen, wenn er mal kommt?

Wir wollen einmal vernünftig in die Zukunft blicken. Ich hätte gern für Dich und das Kind eine Rentenversicherung abgeschlossen. Kannst du da mal Schritte unternehmen? Such doch mal mit der Allianzgesellschaft eine Verbindung …«

Abbildung

Mit Eltern und Geschwistern in Herzfelde, 1950

Im Juli 1944 teilte er ihr aus dem Lazarett in einem Kloster mit:

»Meine Gedanken kommen mir besonders bei dem abendlichen kurzen Gang durch den Klostergarten. Im nächsten Monat muss nun der Junge getauft werden, sonst wird mir der kleine Heide zu alt.

Ich kann nicht genug von ihm hören. Denn dann bin ich immer wieder bei euch, ganz nah in dem alten Haus, und wenn ich dann die Kletterrosen vor mir sehe, wünsche ich mir, dass solche auch an unserer Haustür wachsen sollen. Wie schön, denn dann wäre der Dornröschenschlaf eigentlich erst vollkommen.

Ein ganz klein wenig könnte ich Dich beneiden – dort im Herzfelder Frieden mit unserem Jungen.

Genieße nur das Glück deines jungen Mutterseins und lass es Dir nicht allzu sehr trüben von dem Gedanken, dass einer fehlt, der doch mit seinem Herzen dabei ist. Und wo unser Herz ist, da leben wir ja eigentlich in dieser Welt.

Wie viel Liebes möchte man euch sagen, am Bettchen sitzen mit Dir und nicht zu sprechen, nur das kleine Wurm anschauen. Wenn Du über unserem Kind betest, wirst Du auch an mich denken.«

Vater sein, Kind sein, Poesie des Gartens – und nüchterne Sorge für die Zukunft in düsterer Zeit: Allianzversicherung. Gerade wer sich poetisch erhebt, muss geerdet bleiben.

Dieser Sanitätsobergefreite Wilhelm Schorlemmer kehrte 1946 aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft in die SBZ zurück und wurde zum Arbeitseinsatz in Leuna/Merseburg verpflichtet, ehe er die Familie wiedersehen konnte, die im altmärkischen Dorf Herzfelde lebte. Ich musste mich als Zweijähriger erst an meinen Vater, den »Onkel Vati«, gewöhnen. Er erklärte mir, was ich nicht verstand. Warum fremdsprechende Soldaten hier waren, warum die Stadt Magdeburg so schwarz und voller Ruinen war, wer Stalin war, wer Niemöller war, was KZs waren, warum Kommunisten herrschten und was Kommunisten waren. Er erklärte mir die Welt. Er las mir (und später auch meinen jüngeren Geschwistern) viel vor.

Als 1970 unsere Tochter Uta geboren wurde und ich sie vier Wochen lang nur durch eine Scheibe sehen durfte, erahnte ich, welche Sehnsucht mein Vater gehabt haben muss, als noch nicht klar war, wie lange der Krieg dauern und was aus Deutschland werden würde. Meine Mutter starb 1971 nur 49-jährig an Krebs, und mein Vater fand Trost mit der Enkeltochter auf einer Gartenwiese liegend und außerhalb des Laufgitters spielend. Er sagte noch Jahre später stolz: »Ich habe ihr die Freiheit gezeigt.« Ein Leben ohne Gitter!

BLEIBE IM LANDE UND WEHRE DICH TÄGLICH

Der Blick zurück in die DDR trägt vielfach verdüsterte Züge. Mit der Entfernung von jenem abgeschlossenen geschichtlichen Zeitabschnitt wachsen nicht nur Desinteresse und Unkundigkeit der Jüngeren (eine natürliche Begleiterscheinung aller Geschichte), sondern offenkundig auch die Eintrübungen in der Erinnerung vieler, die maßgebliche Teile ihres Lebens in der DDR verbrachten. Das Gedächtnis zahlreicher Menschen suggeriert – und dies steigerte sich in den letzten Jahren zweifelsfrei zu einem Haupterzählstrang –, Widerstand gegen das SED-Regime sei überhaupt nicht möglich, weil gar zu gefährlich gewesen, schon jedes frei geäußerte Wort habe sämtliche Lebensmöglichkeiten gekostet. Man beschreibt die DDR als weit schlimmer, um plausibel zu begründen, dass man zu denen gehörte, die sich tatenlos angepasst haben. Mitläuferschaft? Nein, wehrt man ab: Nichts war Charakter, alles Zwang.

Bautzen und Waldheim, die Orte staatlicher Justizbrutalität und gnadenloser Strafpraxis, sind seit meiner Jugend stehende Begriffe für politische Willkürherrschaft gewesen. Einstige »politische Häftlinge«, aber auch aufmüpfige Bürgerrechtler (aus kleinen oppositionellen Gruppen, meistens unter dem Dach der evangelischen Kirchen) verkörpern das leibhaftige schlechte Gewissen jener, die sich der Einschüchterung durch die Herrschenden brav gebeugt hatten und deren Handeln nicht von ihrer Courage und Denkkraft bestimmt wurde, sondern von ständiger Angst.

Von Kindheit an bin ich von Ausreden und Selbstentschuldigungen umgeben gewesen. Das SED-System hat dieses Lebensrezept raffiniert genährt. Da die Behörden immer wieder an einzelnen Leuten ein Exempel statuierten, prägte sich allen ein, wie schnell sie selbst in eine solch missliche, die Existenz zerstörende Lage kommen könnten. Also sorgten die Bürger vor, indem sie sich ins Grau der Masse zurücksinken ließen. Bloß nicht auffällig werden. Das Strafgesetzbuch der DDR war gewissermaßen eine Abschreckungsschrift. Die Machthaber wandten ihre Gesetze und Paragraphendoktrin nicht strikt und unflexibel an (die Gefängnisse hätten sonst bei Weitem nicht ausgereicht), nein, sie beherrschten die Auslegungslist, das Spannungsspiel zwischen kurzer und langer Leine. Man ging strafrechtlich vor nach politischer Zweckmäßigkeit. So hing das Strafgesetzbuch wie ein Damoklesschwert über den DDR-Bürgern. Wo sie es für nötig hielt, zeigte die Macht, wie es bei Brecht heißt, die Instrumente, das genügte vielfach; die meisten schwiegen, schluckten, bissen sich auf die Zunge, erhoben den vorauseilenden Gehorsam zur Tugend und sprechen heute das Wort »Diktatur« aus, als seien sie der puren Hölle entkommen.

Andere wiederum erinnern sich angesichts der so zugigen Freiheit vorwiegend an die wohlige soziale Geborgenheit in der DDR. Beim Schreckensbegriff »Sicherheit« denken sie hauptsächlich an Arbeitsplatz und Neubauwohnung. So stehen sie sich oft unversöhnlich gegenüber: die vielen Nutznießer und die wenigen Verfolgten, die noch immer »Überzeugten« und die sich nach wie vor unterdrückt Fühlenden. Man attackiert einander: Ostalgiker! Schwarzmaler! Die selektiven DDR-Bilder prallen unvereinbar aufeinander. Die Wahrheit wird eingeklemmt, ins Unkenntliche verformt.

Ich möchte mich so redlich wie möglich erinnern. Bereits Ende der fünfziger Jahre empfand ich mich als ein Einsamer in der Masse, es war die Masse der bereitwillig oder schweigend geduckt sich Fügenden, es war rundum die Lust am Kollektiven, die mir seelisches Leid zufügte. Ich wollte nicht nur heimlich »Die Gedanken sind frei« singen, sondern frei leben und mich frei äußern. Widerstand bedeutete für mich als Schüler pure Selbstbehauptung gegen Ideologisierung, also Eingemeinden ins geistig Uniforme. Ich fühlte mich nicht heldenhaft, ich fühlte mich umzingelt, genötigt, bevormundet. Ich sah mich um und wurde noch trauriger: Ich war allein. Aber eigentlich konnte ich mir nicht vorstellen, als Einziger den Druck, diese Tendenz zur Vermassung, diese Atmosphäre aus Kontrolle und Züchtigung zu spüren. Trugen die anderen Masken, und hinter diesen Masken saß der gleiche Zweifel, die gleiche Distanz, die ich empfand?

Das Verhalten vieler wurde durch die Trennung in privat und öffentlich geprägt. Letztlich wussten die Machthaber trotz der ständig perfektionierten Überwachungstechniken nicht, was die Leute wirklich dachten. Deshalb hatten die Aktionen des Spitzelapparates bei allem kalten Kalkül stets etwas Hektisches, ja Panisches; solche Unsicherheit tritt ein, wenn man Phantomen nachjagt. Ich wage zu behaupten, der ständige Wechsel von privater und öffentlicher Person hat auch die DDR-Bürger selbst verunsichert.

Gute Freunde fand ich, war dennoch oft Außenseiter und habe den Preis des Alleinseins gezahlt. Umso dankbarer war ich für jede Geste der Ermunterung (auch vonseiten einiger Lehrer). Mir war das Glück beschieden, auch mit Menschen zusammenzutreffen und zusammenzuleben, die nicht gespalten waren und die sich nicht abtrennen ließen von ihrem wahren Ich. Sie sagten, was sie dachten, und dachten wirklich, was sie sagten. Das war möglich. Dies sei gesagt gegen alle Einschwärzungen des realen Lebens in der DDR.

Zur Mauer bemerkte ich, das ist »eine Todesgrenze für Flüchtlinge aus der DDR, kein antifaschistischer Schutzwall gegen den Westen«. Das Spittelwasser, einen Bach im Chemiedreieck bei Bitterfeld, der in die Mulde fließt, charakterisierten wir öffentlich als Einspeisung von Gift in den Wasserhaushalt. Die Kampfgruppen bezeichneten wir als die militärische Reserve der Staatssicherheit zur Bekämpfung der »inneren Feinde«, die Angehörigen des MFS nannte ich laut meiner Stasiakte 1977 »Kettenhunde«.

1981 bestärkte mich mein Bischof Werner Krusche mit dem kühnen Satz: »Wir wollen durchschaubar sein. Was wir denken, das sagen wir. Und was wir sagen, das denken wir. Mehr und anderes als das, was wir sagen, denken wir nicht. Wir wollen durchschaubar sein.« In den folgenden Jahren wurde mir Václav Havel zu einem wichtigen Mutanker: Leben in der Wahrheit hieß, sich nicht mehr mit der Lüge abspeisen lassen, wenigstens Wahrhaftigkeit suchen.

1968 hatte ich gegen den Einmarsch in die ČSSR protestiert. Ich schrieb die allgemeine Erklärung der Menschenrechte und später Texte der KSZE ab und verbreitete sie. Meine Bibelarbeit auf dem Kirchentag 1987 wurde in einem Stasibericht festgehalten: »Seine Angriffe richtete er weiterhin gegen die Staatsgrenze sowie die ideologische Abgrenzung, sprach über die Verletzung von Menschenrechten sowie die Notwendigkeit, mehr individuelle Freiheit zu gewähren. … Man könnte sich nicht mehr mit dem realen Sozialismus begnügen … Das Publikum applaudierte bei jedem Satz, den Schorlemmer als seine Zukunftsvision bezeichnete. ›Ich sehe ein endgültig innerlich und äußerlich entmilitarisiertes, neutralisiertes, entblocktes deutsches Land vor mir in einer europäischen Friedenswelt. (starker Beifall) … Die besten deutschen Traditionen sind nicht mehr der korrekte Stechschritt und obrigkeitlicher Angstgehorsam, sondern menschliche Zuverlässigkeit und persönliche Gewissensverantwortung. Von deutschem Boden geht Frieden aus – das steht nicht nur in der Zeitung. Ich sehe eine weltoffene Gesellschaft – wir grenzen uns nicht ab und auch nicht ein. (starker Beifall) Soziale und individuelle Menschenrechte werden nicht mehr gegeneinander ausgespielt, sondern miteinander ausgefüllt. (Beifall) Die Freiheit eines jeden wird zur Bedingung der Freiheit aller – so Marx. Christen haben nicht die große kritische Klappe, sondern gehen mit kleinen Schritten mit den anderen mit. (Beifall) Der Austausch von Gedanken und Lebensweisen macht niemandem mehr Angst. Wir lernen von den anderen – keiner will den anderen mehr ablösen.‹«

Im Spitzelbericht vom 16. November 1988 werde ich so zitiert: »Manche wissen, was sie an mir haben, es gibt eine ganze Reihe stalinistischer Krokodile, aber die sterben langsam aus. … die haben die oberste Order, still zu sein, greifen hier und da wieder zu, verbreiten Angst und Schrecken, im Grunde aber ist der Fluss frei.«

Andere fanden erst (wieder) zu ihrem Ich, als sie mit dem Ende des SED-Staates selber denken durften und auch mussten. Sie gerieten in eine schwierige »Positionierungs«-Phase. Ende 1989 kam eine merkwürdige Redeweise auf: »Ich muss mich erst (zu dem oder dem Problem) noch positionieren.« Ich wusste in jenen dramatischen Monaten oft nicht, wer eigentlich wer ist und wer was denkt, will oder ablehnt. Was war Kalkül, was echt? Was war Wandlung, was nur Wendung hin zu einem erneuten Opportunismus?

Als der Regimedruck gewichen, der Macht-Panzer gebrochen, der Atem nicht mehr flach war und die Freiheit des eigenen Denkens erprobt werden konnte, erwies sich, dass aufrechter Gang wahrlich Training voraussetzt. Nicht wenige suchten erneut nach Anlehnung und nach einem ganz vorn, der sagt, »wo es langgeht«. Helmut Kohl bot sich an, er versprach baldigst »blühende Landschaften«. Wohlstandswünsche siegten über Befürchtungen, erneut fremdbestimmt zu werden. Die Warner wurden abgetan, ihre Skepsis über die künftige Entwicklung im Osten, ihre Träume von einem »dritten Weg« seien ebenso realitätsfern wie ihre Blauäugigkeit zu DDR-Zeiten.

Aber die Widerständigen in der DDR waren keineswegs »blauäugig«. Wir haben meist genau überlegt, was wir zum jeweiligen Zeitpunkt tun könnten und müssten. Wir haben unsere Wehr gegen den Staat verantwortungsbewusst kalkuliert, meist nicht gesinnungsethisch-utopisch gehandelt, sondern mit klarem Blick auf mögliche Gefährdungen und trotz allem mögliche Veränderungen, die nur mit unseren Gegnern, nicht gegen sie zu erreichen waren. Meine Maxime seit den siebziger Jahren lautete: nicht so weit provozieren, dass mich die Organe »mit Sicherheit« ins Gefängnis bringen. Ich wollte nicht durch Haft lebenslang geschädigt, gedemütigt, ins Alternativlose getrieben werden. Aus der Seelsorge und seriösen politischen Sendungen der Westsender, vor allem des Deutschlandfunks, wusste ich, wie Häftlinge in Bautzen zerstört wurden. Im Stasibericht vom 11. / 12. Juli 1988 heißt es: »Im Rahmen der operativen Bearbeitung des OV wurde ›Johannes‹ mehrfach und eindeutig die Verletzung des genannten Straftatbestandes nachgewiesen. Die entsprechenden strafrechtlichen Einschätzungen der Abt. IV belegen dies.« Der OV Johannes war ich. Mir war damals klar, dass man mich täglich wegsperren konnte; mich schützten kirchenpolitische Rücksichten. Bis in die letzten Wochen der DDR hat die Stasi in der »politisch-operativen Bearbeitung des OV solche Schwerpunktorientierungen wie Zersetzung, Disziplinierung und Zurückdrängung umgesetzt und realisiert. – Aufbauend auf der politisch-operativen und strafrechtlichen Bewertung des aktuellen Sachstandes des OV erfolgt die politisch-operative Bearbeitung derzeit gem. §§ 97, 98, 106 StGB.«

Ich wollte nicht in den Westen, nicht abgeschoben oder freigekauft werden. Ich wollte in diesem Landstrich bleiben, bei den Menschen, denen ich mich verbunden fühlte. Dazu zählten Künstler, deren Werke mir in der Lüge Wahrhaftigkeit vorlebten.

In meinem Ordinationsgelübde hatte ich mich an einen Ort gebunden, der mir für die verkündigende und seelsorgerliche Arbeit angetragen war. Ich wollte nicht heimatlos werden; ich selbst bestimmte, was mir Heimat war, nicht die Anmaßungsmaschine SED.

Signifikant für die Unterscheidung zwischen Land und Leuten sowie dem politischen System und seinen Funktionsträgern wurde ein Spruch, der in manchen unserer Büros hing: »Bleibe im Lande und wehre dich täglich.« Für uns stand dahinter: Diejenigen, die hier die Macht ausüben, sind nicht legitimiert, ihnen gehört das Land nicht. Wenn wir in den Westen gehen, überlassen wir ihnen das Feld. Der Widerstand wird geschwächt durch jeden, der aus den Reihen tritt in Richtung Westen. Oft war das Ziel für uns weit in die Ferne gerückt, dennoch bemühten wir uns um den nächsten Schritt.

Ich war nach 1968 davon überzeugt, dass Veränderungen nur gewaltlos und nur mit den Trägern des Systems zu erreichen wären. Nie habe ich den Versuch aufgegeben, mit Staatsvertretern zu kooperieren, die ein Gespür dafür erkennen ließen, dass sich die Kluft zwischen Propaganda und Wirklichkeit täglich vertiefte. Wir befassten uns mit aus dem Westen geschmuggelter links-liberaler Literatur, mit Texten kommunistischer Dissidenten wie Leszek Kołakowski, Werken von Herbert Marcuse oder Erich Fromm. Wir wollten als Wissende agieren, auf der Basis linken Gedankenguts argumentieren. Wir mussten uns die geistigen Grundlagen der emanzipatorischen Idee aneignen, wir mussten auch uns selbst befreien von ideologischem Vorurteil. Es musste uns um die Wahrheit gehen, ohne die Machtfrage zu stellen. Das hatte im Sozialismus bislang als Antwort nur Panzer provoziert. Wie wichtig waren für die Strategie gewaltloser Bedrängung des Systems Gedanken Robert Havemanns oder Rudolf Bahros. Zu unseren Hauptthemen gehörten die Verbindung von individuellen und sozialen Menschenrechten, die Verknüpfung des Friedens in der Gesellschaft mit der Abrüstung. Das sind Problemfelder, die bis heute immer neue Konflikte heraufbeschwören.

Wir lebten in der DDR in zermürbender Alternativlosigkeit. Der Handlungsspielraum war gering, aber wir haben versucht, ihn auszufüllen und allmählich zu erweitern. Zu viele haben sich damals diese Freiheit nicht genommen, sondern darauf gewartet, dass ihnen Freiheit irgendwann gegeben wird. Nur wenige sind bis ans Äußerste gegangen, sind der Masse vorausgegangen; diese Propheten, Gesandte der Zukunft, mussten, wie Günter Kunert sarkastisch schrieb, »in unbequemen Unterkünften« auf die schweigende Mehrheit warten.

Mir ist es wichtig, an drei kleine Gruppen zu erinnern, die am 9. Oktober 1989 – in der von polizeilicher Aggressivität begleiteten Agonie des Systems, also in gefahrvoller Situation – eine besondere Rolle für die friedliche Revolution gespielt haben: die Arbeitsgruppen »Frieden«, »Menschenrechte« und »Umweltschutz«. Ihr Aufruf ist nicht so medienwirksam geworden wie Kurt Masurs in Leipzig per Stadtlautsprecher verbreiteter. Aber als »Aufruf gegen die Gewalt« war er mindestens ebenso wichtig. Er kam von unten, und darin stand jener Satz, der später, als er überall laut wurde, eine gänzlich andere Bedeutung bekommen sollte: »Wir sind ein Volk.«10

Mit diesem – mahnenden – Satz war am 9. Oktober 1989 gemeint: Ihr Polizisten, ihr Kampfgruppen, ihr von der Armee, ihr von der Partei – wir sind mit euch gemeinsam ein Volk. Verhindern wir auch gemeinsam, dass ein Bürgerkrieg ausbricht! Gleichzeitig kam der Slogan »Wir sind das Volk!« auf. Wer heute das Wort »Volk« und nicht das Wort »wir« betont, verfälscht den Ursprungssinn. Denn dies war kein völkischer Satz, sondern ein Widerstandssatz gegen die Anmaßung der SED und deren Herrschaftsorgane: Wir sind das Volk und nicht ihr! Später hieß es nur noch: »Wir sind ein Volk«, und das zielte einzig auf die deutsche Einheit.

Ich war und bin davon überzeugt, dass der Umbruch in der DDR, diese »friedliche Revolution«, nur gelingen konnte, weil in der unabhängigen Friedensbewegung von Suhl bis Rostock nach einer langen inneren Vorbereitungsphase die Gewaltlosigkeit zum umfassenden Handlungsprinzip wurde, weil dieses Prinzip politisch griff und ihm die Volksmassen so besonnen wie entschlossen folgten.

1989 geschah etwas, womit wohl niemand gerechnet hatte: Aus der jahrzehntelangen Friedensarbeit der (jungen) Gemeinden heraus wurde der Geist Martin Luther Kings politisch wirksam. Der Geist der Gewaltlosigkeit, der für mich mutigste wie anmutigste Geist, trug Menschen durch dramatische Konflikte hindurch. Er hat zur Freiheit ermuntert, und er hat Frieden gestiftet. »Welche Zuversicht hast du für dein Tun?« Und: »Welche Strategie hast du, um etwas praktisch Erfahrbares zu erreichen?« Diese beiden Fragen gehören für mich zusammen.

Die Staatsorgane warfen der Kirche immer wieder vor, sie kopple sich vom System ab, bekämpfe es und missbrauche ihre Räume als Oppositionslokale. Als Manfred Stolpe auf der Bundessynode 1986 in Erfurt unmissverständlich erklärte, Kirchen seien »keine Oppositionslokale«, habe ich ihm in der Plenardebatte öffentlich widersprochen und gesagt, das Wort Opposition gehöre nicht ins Strafgesetzbuch, es bedeute kritische Teilhabe, nicht Gegner-, gar Feindschaft.

Freilich gab es Gemeindemitglieder, die mehr und mehr Angst bekamen. Sie fürchteten angesichts einer politisierten Kirche und eines wachsenden Konflikts der Institution mit dem Staat, selbst kriminalisiert zu werden. Kirchenleitende Personen haben ständig vermittelt zwischen engagierten Gruppen und traditioneller Gemeindearbeit. So konnten atmosphärische Trübungen überstanden werden, wie sich z. B. in den Abschlusspapieren der Ökumenischen Versammlung vom April 1989 zeigte. Besonders Manfred Stolpe hat sich »auf seinen Kanälen« als Mann der Kirche und Anwalt der Bedrängten für Deeskalation eingesetzt. Wer unsere damaligen Handlungsspielräume außer Acht lässt, ist für mich unredlich oder leidet an Amnesie.

Wenn ich an die DDR-Zeit erinnere, will und darf ich Folgendes nicht vergessen: Für die Staatsorgane war das Bedrohlichste, dass die kleinen Gruppen ihre Aktivitäten vernetzten oder gar politische Konzepte entwickelten. Wir blieben wohl meist unterhalb dessen, was wir eigentlich sagen oder tun wollten, weil wir wussten: Falls wir weitergehen, dann geht es auf jeden Fall nach Bautzen. Richtig ist die nach 89 vielfach getroffene Feststellung, dass wir kein ausformuliertes politisches Konzept hatten, etwa für die Bildung einer pluralistischen Demokratie. Stürzen war das eine – etwas aufbauen das andere. Der Zusammenbruch der SED-Herrschaft hat uns kalt erwischt, als wir plötzlich aufgerufen, in die Freiheit versetzt, auch gezwungen waren, Parteien zu gründen. Wer hatte zu dieser Zeit ein Programm, und wem trauten die DDR-Bürger zu, den Karren aus dem Dreck zu ziehen? Woher sollte das Geld kommen und woher unbelastete und in juristischen, ökonomischen, verwaltungstechnischen Fragen »auf Anhieb« kompetente Leute?

Unser Wittenberger Kreis hatte im Juni 1988 zum Hallenser Kirchentag »20 Thesen zur gesellschaftlichen Erneuerung« vorgelegt. Sie galten bei der Staatssicherheit als das erste konzeptionelle Papier der Gegenseite und wurden als so gefährlich eingeschätzt, dass sie auf dem SED-Plenum im Dezember 1988 Gegenstand einer Polemik wurden. Dabei handelte es sich nur um eine Zusammenstellung dringend zu lösender Probleme, nicht um strategische Gedanken, die auf eine staatliche Alternative hinausliefen. Der Sektorenleiter beim Staatssekretär für Kirchenfragen, Voigt, kam zu mir und attackierte mich: »Das Wort Sozialismus kommt bei Ihnen gar nicht mehr vor!« Dass wir »Rahmenbedingungen verändern« wollten, galt ausdrücklich als konterrevolutionär. Deshalb beschäftigten sich die Abteilung PUT (Politische Untergrundtätigkeit) und die Abteilung PID (Politisch-ideologische Diversion) umfassend mit mir.

Wir wollten einen grundlegenden gesellschaftlichen Dialog eröffnen, um einen politischen Umbruch zu erreichen. »Der Sozialismus braucht die Demokratie wie die Luft zum Atmen. Gorbatschow« Vom Sozialismus hatten wir uns gedanklich bereits so weit entfernt, dass uns dieses Wort überhaupt nicht mehr in den Sinn kam. Den Dialog hatte die Repressionspolitik der SED in den vier Jahrzehnten ihrer Herrschaft erfolgreich verhindert, sodass für die Ostdeutschen der Anschluss an die wirtschaftlich prosperierende und politisch funktionierende Bundesrepublik plötzlich als die beste und schnellste Lösung erschien.

DIE STIMMUNG EINER ZEIT BERÜCKSICHTIGEN

Mir bleibt unvergessen, wie oft ich in meinem Leben beklommen als Einziger aufgestanden bin und mich die verkniffene Feindseligkeit der um mich herum Schweigenden weit mehr peinigte als die harsche Abweisung durch »die Offiziellen«. Ich hatte so oft das Gefühl, einen Frieden zu stören, der von Lügnern und Belogenen gleichermaßen, in böser Kumpanei fast, geknüpft worden war. Wie leicht war es, pathetisch das Borchert’sche SAG NEIN zu (re-)zitieren, aber wie schwer, im Geiste dieser Verse ganz konkret eine Unterschrift zu verweigern, wie schwer, als Einziger kein FDJ-Hemd zu tragen, wie schwer, bei einer Abstimmung bei der sogenannten Gegenprobe blitzartig mit »Nein« zu votieren; blitzartig, weil für die Gegenprobe meist nur wenige Sekunden blieben, ein »Nein« ist in einer totalitären Gesellschaft einfach nicht vorgesehen! Der Einzelne verschwindet in der Zustimmungsmasse, erst Volksgemeinschaft, später Kollektiv genannt. Der Kontrakt zwischen Herrschenden und Untertanen ist in allen Systemen psychisch und sozial fest geknüpft. Die geistig und politisch engmaschige Ideologie des Marxismus-Leninismus hatte mehr DDR-Bürger erfasst, als heute zugegeben wird. Viele beruhigten sich mit dem Satz, man habe doch schließlich guten Zielen gedient. So können Ideale zum Erstickungsteppich werden, es bildet sich allmählich Wirklichkeitsallergie heraus. Verstockung nannten das die alten Propheten: Nicht sehen wollen wird damit bestraft, dass man irgendwann nicht mehr sehen kann.

Wer allerdings bei Urteilen die Stimmung, die Atmosphäre einer Zeit nicht in den Blick nimmt, kommt zu falschen Schlüssen, zu falschem Urteil, sofern er sich ausschließlich auf die Fakten und hinterlassenen Dokumente bezieht. Kierkegaard geht mir durch den Sinn: »Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden.« Oder der Leipziger Aphoristiker Horst Drescher: »Wir wissen so ziemlich alles über die Zeit von 1945 bis 1933, aber fast nichts über die Zeit von 1933 bis 1945.« Wer redlich bleiben will, darf nicht vom Ergebnis her, er muss vom Ausgangspunkt her denken, muss alles mitfühlen wollen, was dieses letztlich wohl unentwirrbare Knäuel aus Kräften und Gegenkräften, Ängsten, Illusionen, Dummheiten, Klugheiten, Wissen, Unwissen bildet. Die Spur der Geschichte geht durchs Chaos, durchs Gestrüpp, sie ist keine schnurgerade Linie. Folgerichtigkeit ist das Nach-Wort, so wie überhaupt alle Philosophien nachträglich entstehen, dann, wenn man etwas überlebt hat.

In welche Atmosphäre hinein wagte jemand in Mitgliederversammlungen der Gewerkschaft FDGB, das eigene Wort zu erheben? Wer nicht die Umstände, die Existenz- oder Karriereängste, die einschüchternde Kraft der staatlichen Inszenierungen mit bedenkt, diese Blicke aus den Augenwinkeln, wenn einer eigensinnig auftrat – der erhebt sich zum merkwürdigen Wesen, das offenbar frei ist von allen Bindungen an Zeit und Konstellationen. Aber das setzt die Feigen, die Mitläufer freilich nicht ins gleiche Licht, in dem die Mutigen, die Menschen des Gegenlaufs stehen. Das Bedenken der Zwänge, unter denen einer in die Starre gedrückt wird, verkleinert nicht die Preisung derer, die inmitten der Zwänge doch aufstehen und sich für die Einsamkeit entscheiden – in der sie aber ganz bei sich sind. Es ist kaum noch nachvollziehbar, was an Selbstüberwindung, an Herzschlag geleistet werden musste für so klare Sätze wie: »Ich gehe nicht an die Grenze.« »Ich will kein Kandidat der SED werden.« Oder auf der anderen Seite: »Ich will meinem Staat danken und diene drei Jahre.« Da lief auf der Unterzeile der unausgesprochene Satz: »Ich will doch studieren.«

Neben dem Faktengedächtnis ist unsere Erinnerung bestimmt durch das Geruchs-, das Geschmacks-, das Gehör- und das Gefühlsgedächtnis. Wer weiß noch, wie die Tageszeitung »Freiheit« roch? Wie die DDR-Brötchen und -würstchen schmeckten? Wie schneidend die Stimme des Schuldirektors war? Wie lächerlich der sich überschlagende Sound Erich Honeckers klang oder wie kabarettreif (dabei so gefährlich selbstsicher) der sächselnde Singsang des Spitzbarts Ulbricht? Und welche Stimmung herrschte bei einem Konzert mit Bettina Wegener oder Barbara Thalheim, bei einer Lesung von Reiner Kunze oder Christa Wolf? Wie gespannt, wie wach, wie erregt und sinnbegierig sahen wir »Lenins Tod« von Volker Braun am Berliner Ensemble oder den »Drachen« von Jewgeni Schwarz am Deutschen Theater. Im Hallenser Kino »Freundschaft« sah ich 1966 in der ersten Reihe schenkelklatschend Frank Beyers DEFA-Film »Spur der Steine«. Für Stunden lebte ich – zusammen mit meinem Studienfreund Siegfried Neher – in einer anderen DDR, einer DDR mit ruppigen, wirklichen Menschen. Tags darauf wurde der Film verboten. (Wer übrigens erwähnt noch, dass das Drehbuch als Vorlage den Roman des parteitreuen Kommunisten Erik Neutsch hatte?!) Die beklemmenden Bilder aus Güstrow vom Dezember 1981, Helmut Schmidt bei Erich Honecker, gehören ebenso zur DDR wie dann der trotzig-hoffnungsvolle, mitten aus dem Volk kommende Satz »WIR sind das Volk! WIR sind das Volk!« vom Oktober 1989. Wer nicht dabei war, betont den Satz meist falsch – weil er nicht weiß, in welche Geschichte und in welche Atmosphäre hinein so selbstermutigend gerufen wurde: Es war der Ruf des Volkes nach sich selbst. Das Volk sagte endlich »Ich«, als es »Wir« rief. Dann kam der Ruf nach der D-Mark. Nun haben wir nicht »den Salat«, aber eine tiefe Verunsicherung durch einen krisengeschüttelten Euro.

Immer wieder kommt, aus westlichem Munde, gegen uns Ost-Deutsche forsches Befragen auf. Das prallt gegen den Betroffenen wie eine Ohrfeige: Wie konntet ihr nur leben in diesem System? Warum seid ihr in der DDR geblieben? Weshalb habt ihr nicht öffentlich widersprochen, auf der Straße demonstriert, den Widerstand organisiert, euch nicht allen politischen Organisationen des totalitären Staates entzogen? Das sind Fragen, aber ihr Gestus ist oft genug schon die Antwort. Erkundigung gerät flugs zum Verhör, das aus Ahnungslosigkeit der Nachgeborenen, aus kaltnüchternem Willen zum Unverständnis oder aus moralgetränkter Naivität kommt.

Der allgemeinen, selbstgewissen Unschuld gegenüber gehen einem die Fragen ganz schnell aus. Natürlich auch die unbequemen Fragen, die man an sich selber zu richten hat. Das Fragen nach dem eigenen Versagen darf nicht als Kampf gesehen werden, den man, die Frage ablehnend, gegen andere führen muss. Diese Frage ist eine Form der Selbstbegegnung, die Freiheit, die man sich gegen sich selbst nehmen muss.

Also den Mut finden, als Einzelner die totale Kenntlichkeit zu wagen, ob in einer Elternversammlung, einer Wahlversammlung, einer Parteiversammlung, einer Schulklasse, einem Lehrerkollektiv oder bei einem Jugendweihefestakt – wie unüberwindlich waren viele innere Hürden längst geworden. Der Schritt von der Wut zum Mut ist ein Riesenschritt, wenn man erst einmal erfolgreich und zäh verzwergt wurde.

Anpassung wurde angesichts der staatlichen Pressions-Instrumente zum »Kern der Gesundheit« (Christa Wolf in ihrer 1968 erschienenen Erzählung »Nachdenken über Christa T.«). So kann ich gut verstehen, dass eine 33-jährige Mitarbeiterin der Akademie der Wissenschaften, gebunden an Beruf und Entwicklungsträume, nicht öffentlich gegen die Berichterstattung über Tschernobyl protestierte oder sich nicht beteiligte an den Debatten, die in kirchlichen oder dissidentischen Kreisen über die Energiegewinnung in der DDR stattfanden, über die Devastierung der Landschaften durch Riesenbraunkohlentagebaugebiete oder über den Plan, in Arneburg ein großes Atomkraftwerk nach dem Tschernobyl-Typ zu bauen. Wer schwieg, schwieg nicht einzig aus charakterlicher Feigheit. Man hatte etwas zu verlieren, das ein eigenes Gewicht besaß im Abwägen dessen, was man tat oder unterließ.

Ich kann mir das alles gut erklären, weiß ich doch um die Atmosphäre und um die Verletzbarkeit von Menschen, die in staatlichen Institutionen arbeiteten. Nur sollte sich niemand dazu verleiten lassen, heute, in der neuen Freiheit, den damals unterbliebenen Mut nachträglich zu steigern. Es geht um Redlichkeit damals und um Redlichkeit heute. Mir ist zum Beispiel nicht bekannt, dass der Wanderprediger der Freiheit, der jetzt Bundespräsident ist, sich je über seinen unmittelbaren Bereich in Rostock hinaus an den Aktivitäten dissidentischer Gruppen beteiligt hätte. Das erwähne ich nicht im Ton des Vorwurfs. Nur fände ich es redlicher, weniger verbal Scharfrichterliches zu äußern und mehr die Situation einer Zeit zu erklären, in der man nicht ins offene Messer rennen wollte und sich deshalb an- und einpasste. Dass man keinen duckmäuserisch-freiheitsscheuen Dauerschaden davontrug – daraus darf man Freude und Genugtuung und rhetorische Kraft entwickeln.

Auch in der Kirche war Aufmüpfigkeit keinesfalls selbstverständlich »an der Tagesordnung«. Im kirchlichen Raum erlebte ich oft genug Gezischel, wenn ich, etwa auf Synoden, ans Mikrofon ging – und ich ging wohl bei jeder Synode mindestens einmal ans Mikrofon, wenn der Bericht der Kirchenleitung diskutiert wurde. Dann hörte ich – neben anerkennenden Worten – Tuscheln: »Der will doch nur wieder provozieren!« Oder: »Der wird immer besonders dann wach, wenn die Westmikrofone angeschaltet sind!« Nun, ich ging auch nach vorn, wenn keine Westmikrofone da waren, und ich redete schon zu Zeiten, da noch gar keine westlichen Berichterstatter dabei waren. Und, ihr Herren Neider: Die Mikrofone richteten sich zum Rednerpult, weil ich redete. Und zwar Klartext. Diesen einen Satz Hochmut leiste ich mir gern an dieser Stelle!

So habe ich bei der Synode 1988 in Dessau gesagt, dass Menschen, die von Privatreisen aus der Bundesrepublik zurückkämen, darüber erschrocken seien, »wie ergraut die 39-Jährige schon ist. Sie wünschen sich nur ganz Alltägliches, nämlich Blumen im Mai, Gemüse im Juli und gastliche Gaststätten«. Wer sprach denn damals offen aus, dass unsere Flüsse langsam zu giftigen Abwasserrinnen wurden und Kinder im Kindergarten Atomkriegsübungen machen mussten?! Es ging doch nicht nur um die Freiheit zu reisen. Es ging um die bedrückende und erbärmlich-freudlose Atmosphäre im Lande. Was geht einem in einer Diktatur durch den Kopf, wenn alle sich beugen? Wenn alle sich beugen, beugen sich noch mehr. Wenn alle eine Fahne heraushängen, fallen die wenigen Etikettier-Abstinenten noch mehr auf – und flaggen schnell noch.

Wer versteht heute noch, nach so vielen Jahren, was es bedeutete, als meine Tochter Uta ihrer Lehrerin im Juni 1989 unmittelbar vor dem Abitur sagte: »Haben Sie keine Angst, Frau Jänicke, ich mache Ihnen keine Schwierigkeiten.« Erst 2011 erzählte mir dies die Lehrerin. Da war sie, diese Mischung aus gegenseitiger Angst, tief verwurzeltem Misstrauen, da war das ständige Abwägen zwischen Aufstehen und Hockenbleiben, so vieles von taktischem Verhalten – aber im Satz meiner Tochter lebte auch ein Quäntchen Selbstbewusstsein, wie sehr man doch mit unangepasstem Verhalten den falschen Frieden stören, die Diener des Staates in die Krise bringen konnte. Und da steigt alles wieder hoch, was in jenem Sommer 1989 geschah: die feierliche Zeugnisübergabe mit den hohlen Beteuerungen einer rosigen, sozialistischen Zukunft für alle, die privilegierte Aussonderung der Offiziersanwärter, der sogenannten 25-Ender, die zu einer besonderen Feierlichkeit beim Rat des Kreises abwanderten. Schuldirektor Peter Nitze hatte in seiner Rede stolz darauf verwiesen, wie viele höhere Offiziere aus der POS Philipp Melanchthon bereits hervorgegangen seien (wenn ich mich richtig erinnere: fünfundzwanzig). Ich saß da und habe nicht ergrimmt gefragt, ob er dabei wohl auch die Jahre 1914 und 1939 im Blick hatte. Ich hätte es tun müssen, statt wütend, aber schweigend den Saal zu verlassen. Verfolgt von scheelen Blicken, na ja, der »Staatsfeind Schorlemmer«. Immerhin hatte ich erreicht, dass meine Kinder nicht am Wehrunterricht teilnehmen mussten. Aber welch einen Seiltanz musste der Schuldirektor Peter Wittig an der Rosa-Luxemburg-Schule 1979 aufführen, die Macht des Staates zu repräsentieren und zugleich, unter Zeugen, durchblicken zu lassen, dass er Verständnis für unsere Weigerung habe. Er blieb, im Unterschied zu vielen Apologeten der sozialistischen pädagogischen Staatserziehung, auch nach 1990 Lehrer.

Am Ende ist es stets und wohl einzig die Kunst, die, wo andere meinen, die Wahrheit zu berichten, Tieferes zutage fördert: Wahrhaftigkeit. Wir lesen, hören, sehen uns ein Bild an, weil wir mit einem Hochgefühl, einem Schmerz, einem Gewinn, einem Verlust so umgehen möchten, dass die in allem festgeschriebene Undurchdringlichkeit der Welt lebbar bleibt oder wird. Wir antworten auf alles mit Bildern, um der Wirklichkeit ihren unmittelbaren Auftritt zu versalzen. Wer das Elend singen lehrt, der ist ein Künstler. Die Erziehungsanstalt DDR war im Grunde wie jede Schule des Lebens: Dir wird aberzogen, dich auf dich selbst zu konzentrieren. Man soll am Ende so tun, als sei Erlerntes, etwas Eingebläutes etwas Eigenes – zum Schluss agiert man in der Art einer von der Gesellschaft gebauten und programmierten Maschine. Es scheint beim Erzogenwerden darauf anzukommen, sich sogar vor sich selber zu verstellen. Sichverborgenbleiben heißt, ihnen da draußen so zu passen, dass sie dich gut erzogen nennen. Dies bricht die Kunst auf. Du wirst dir wieder deutlich, und die da draußen können, vielleicht, nicht mehr so ganz mit dir machen, was sie wollen. Kunst macht in dem Sinne nicht stark, sie macht porös, sie macht sensibel, also untauglich fürs Harte, Lederne. Freilich stets nur für den Moment der schönen Illusion, diese Wirkung dauere an. Und doch stärkt und motiviert Kunst, so mündig wie sensibel zu werden, zu bleiben, ins Nach- und Vorausdenken zu führen. Da fallen mir zuerst Christa Wolf und Franz Fühmann ein, deren Essys und deren Prosa.

Lüge, Anpassung und Wegschauen, gesellschaftspolitische Apathie, all das, was die DDR zum Glück an ihr Ende trieb – es lebt auf und wird übermächtig in heutiger westlicher Demokratie, einem System mit hart aussortierender Konkurrenz. Manchem wurde das Lobwort »Freiheit« schal im Mund – wer 55 Jahre alt ist und bereits zahlreiche vergebliche Bewerbungen geschrieben hat, der entwickelt unweigerlich eine wachsende Distanz zu einem System, das sich demokratisch nennt, aber vorrangig ein Beförderer von rücksichtslosen Kapitalinteressen wurde und Menschen massenhaft erübrigt – zugunsten der Effizienz.

Über zwei Jahrzehnte nach dem Verlöschen der DDR ergeben sich unterschiedlich angesiedelte Erinnerungen über »das Leben in der DDR, in dem nicht alles schlecht war«. Es war wahrlich nicht alles schlecht, aber ich möchte kaum etwas davon zurückhaben. Und ich möchte meine Kräfte darauf konzentrieren, das zu verändern, was heute grundlegend schiefläuft.

WIE SICH ALLES ZUSAMMENFÜGT

Soweit ich mich überhaupt daran erinnern kann, was ich in der Kindheit dachte, fühlte, hoffte, war ich immer an Politik, an den öffentlichen Dingen, an der res publica interessiert. Die Verwerfungen der Nachkriegszeit im geteilten Deutschland, die Fluchten vieler Familien um uns herum und die russische Militärpräsenz haben mich wahrscheinlich tiefer geprägt, als ich selber lange Zeit wahrzunehmen bereit war. Dunkel und dumpf lagert in meinen Erinnerungen, dass ich 1953 erstmalig vom »Zuchthaus« im Nachbardorf Lichterfelde hörte, aus dessen scharfer Bewachung Gefangene geflohen seien und nun gen Westen drängten. Überall Polizei, auch Sowjetarmisten mit Maschinenpistolen, nächtliches Scheinwerferlicht über Feldern und Wiesen.

Drei Jahre später, Oktober 1956, erklärte mein Vater mir den Aufstand in Ungarn und in welch gefährliche Lage die Welt mit der Suez-Krise geraten war.

Im Dorf Schönberg hatten Funktionäre in den frühen fünfziger Jahren mehrere Holztafeln mit Propagandasprüchen aufgestellt. Die am Weg zu einer Großtischlerei trug die Losung »Deutsche an einen Tisch«. Ich wusste, mit der Tischlerei hat das nichts zu tun. Mosaiksteine einer Welt, in der offenbar nicht ausgemacht war, dass die Dinge gut ausgehen. Mein Grundgefühl, wenn ich nach draußen sah, war Fremdheit, wenn ich den Blick nach innen wandte, ins bergende Elternhaus, umfing mich Sicherheit. Und in den Gesprächen mit dem Vater begann ich zu ahnen, welche moralischen Stützen mein Leben halten würden. Es war ein Gespür, das noch kein Benennen kannte.

Mit drei Freunden bin ich während der Internatszeit in Seehausen über die Mauer von Pfarrer Dieter Staemmlers Grundstück gesprungen. Wir haben uns in sein Amtszimmer geschlichen, wo er uns von Dietrich Bonhoeffer erzählte und vorlas: »Widerstand und Ergebung«. Dort begegnete mir auch der Name eines Naturwissenschaftlers, eines Physikers, der Glaube und Wissenschaft zusammenzudenken verstand. Eine mich aufwühlende Entdeckung, denn ich litt als Christen-Kind unter dem verächtlich gemeinten Vorwurf von Kindern aus atheistischen Elternhäusern: Wer glaubt, weiß nicht – wer aber weiß, hat Glauben nicht nötig. Glaube versus Wissen!

Dieser Carl Friedrich von Weizsäcker sollte mich mein Leben lang begleiten. Seine Friedenspreisrede »Die Bedingungen des Friedens« 1963 öffnete mir die Augen für die Welt, in der ich lebe. Da steckt in jedem Satz so viel bis heute Gültiges: Frieden ist oberste Lebensbedingung des technischen Zeitalters; was den Frieden am gefährlichsten bedroht, ist der Welthunger; Unmoral der Ökonomie ist die schwerste Umweltbelastung; das Neue Testament bleibt das revolutionärste Buch, das wir besitzen.

Von Weizsäcker hat 1985 den Vorschlag für ein »Konzil für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung« in das internationale ökumenische Gespräch eingebracht. Ich war geradezu beglückt, als ich ihn beim Berliner Kirchentag 1987 auf einem Empfang traf und er mir vorschlug, in einen Nebenraum zu gehen, wo man sich ungestört unterhalten könne. Keine allzu lange Begegnung, aber ein kurzes festes Ankern in jener Welt geistigen Austausches, die mir beizeiten zum Lebenselixier geworden ist.

Es mag seltsam anmuten, dass ich als Christ und Gegner des rigiden SED-Sozialismus stets auf der Suche nach wahrhaft marxistischen Gesprächspartnern war. Aber das lag im Charakter meiner Neugier, die ihre Kraft mit Argumenten beweisen wollte, nicht mit bloßer, feindbildlicher Abkehr. Ich wollte mit Gegnern streiten, ja vielleicht war es ein missionarischer Zug. Mich trieb alles hin zum schmalen Grat, wo auch die Dinge auf den Punkt kommen müssen, um zu bestehen. Ich selber fürchtete keine Frage, und wenn die DDR-Ideologen ihre Macht stets damit zu beweisen meinten, dass sie den geistigen Streit kalt und brüsk verweigerten, offenbarte das nur ihr Elend. Im Sozialismus der Kaderparteien ging es vielen Leuten gut, dies war der vermeintliche Sieg der Arbeiterklasse: Die Armut war vom Magen der vielen in den Kopf der Funktionäre gestiegen.

Aber es gab undogmatische linke Denker, und sie kamen nicht zufällig aus der Tschechoslowakei. So traf ich 1966 in Berlin bei einer kirchlichen Ost-West-Begegnung auf Milan Machovec, den ich – der Mut des unbedarften Studenten – nach Halle zu einem Vortrag einlud. Er kam tatsächlich und sprach in der Stadtmission vor 300 Zuhörern (damals eine unvorstellbare Menge von Menschen, die sich trauten, in eine öffentliche Veranstaltung mit einem Prager Reformmarxisten zu gehen) über »Bergpredigt und Marxismus«. Genau ein Jahr nach unserer Begegnung begann mit der – von Machovec prophezeiten – Abwahl des Prager Machthabers Nowotny und der Wahl Alexander Dubčeks zum KP-Vorsitzenden der »Prager Frühling«.

Der tschechoslowakische Kreis schloss sich mir gewissermaßen, als ich mich an einem langen Abend 1993 mit dem jahrhunderterfahrenen Kommunisten Eduard Goldstücker im Goethe-Institut in Prag unterhalten und 1996 auf der Prager Burg für die »Süddeutsche Zeitung« ein Gespräch mit Präsident Václav Havel führen konnte. Noch im September 1987 hatte ich beim Olof-Palme-Friedensmarsch, nach einer Predigt in einer Prager Kirche, die völlig desillusionierten, ja hoffnungslosen Tschechen erlebt, die in Havel dann im November 1989 ihre hoffnungstiftende Symbolfigur fanden. So legt die Geschichte immer wieder ihre verwirrenden, verunsichernden Spuren, und plötzlich geschieht das Unverhoffte, Wunderbare. Klar sehen und doch hoffen!

1986 lernte ich in Budapest Arpad Göncz durch Vermittlung seiner Tochter Ingka kennen. Der promovierte Jurist und Agrarwissenschaftler war nach der Revolution 1956 zu lebenslanger Haft verurteilt worden, nach acht Jahren Zuchthaus freigekommen und dann als freischaffender Übersetzer und Schriftsteller tätig gewesen. Sein Roman »Der Sandalenträger«, eine Parabel über die Verurteilung und Verbrennung des Meister Nikolaus, eines Waldensers, im frühen 15. Jahrhundert, erschien 1987 in der DDR. Von 1990 bis 2000 sollte Göncz ungarischer Präsident werden. Ebenfalls zu lieben Freunden wurden mir nach der Maueröffnung die beiden aus der Widerstandsbewegung kommenden tschechischen Botschafter in Deutschland Jiří Gruša und František Černý. In der langjährigen Gesprächsreihe »Lebenswege« der Evangelischen Akademie in Wittenberg hatte ich sie beide zu Gast – ebenso Adam Michnik und György Konrad, dessen in der DDR verbotene Bücher über »Antipolitik« ich früher geradezu verschlungen hatte.

Was in diesen Zeilen wie protokollarische, gar eitle Aufzählung klingen mag: Es folgt schlichtweg meinem anhaltend dankbaren Staunen darüber, was mir an Begegnungen beschieden ...

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