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Klappohrkatze geht auf Reisen

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Inhalt
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Cover

Weitere Titel des Autors

Über dieses Buch

Über den Autor

Titel

Impressum

Danksagung

Vorwort

Teil eins: Eine Katze zu Hause

1. Kapitel: Eine Katze beim Super Bowl

2. Kapitel: Eine verschwundene Katze

3. Kapitel: Eine Katze auf Tour

Teil zwei: Eine Katze im Ausland

4. Kapitel: Eine Katze in Frankreich

5. Kapitel: Eine Katze in der Provence

6. Kapitel: Eine Katze an der Riviera

7. Kapitel: Eine Katze in Spanien

8. Kapitel: Eine Katze in Italien

9. Kapitel: Eine Katze in Sizilien (und anderswo)

10. Kapitel: Eine Katze in Goult

Teil drei: Eine Katze kehrt zurück

11. Kapitel: Eine Katze in New York

Nachwort

Über dieses Buch

Wenn ein Kater eine Reise tut …

Norton und sein Herrchen Peter stehen vor ihrem bislang größten Abenteuer: Sie lassen ihr Leben in den USA hinter sich und ziehen für ein Jahr nach Südfrankreich. Von dort aus bereisen sie ganz Europa. Ihr abenteuerlicher Trip führt sie nach Spanien, wo Norton beinahe nicht einreisen darf, nach Italien, wo der süße Kater fast einen Krieg anzettelt, und an viele weitere Orte. Doch nach ihrer Rückkehr müssen sie erkennen, dass sich nicht nur ihre Umgebung verändert hat …

Herzergreifend, witzig und weise – und ein Muss für Katzenliebhaber!

eBooks von beHEARTBEAT – Herzklopfen garantiert.

Über den Autor

Peter Gethers ist ein erfolgreicher Romanautor, Cheflektor und Drehbuchautor. Er war ein passionierter Junggeselle und Katzenhasser, bevor ihm seine Freundin einen kleinen grauen und unglaublich hübschen Scottish-Fold-Kater schenkte. Die Freundin verabschiedete sich eines Tages, aber Norton blieb – denn Peter und er waren längst unzertrennlich.

Peter Gethers

Klappohrkatze geht
auf Reisen

Ein Katzen-Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von
Petra Trinkaus

Für Danie, Anne, Sylvie, Jean-Guy, Anette, Philippe, Elisabeth, Gwen, Ailie, Jenny, Jim, Maureen, Margit, Georges, Mike und Deborah, die uns aufnahmen, belehrten, ver pflegten und Freunde fürs Leben wurden.

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Danksagung
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Leona Nevler und Betty Prashker glaubten, ermunterten und reparierten.

Esther Newberg machte ihren üblichen Zähne-und-Klauen-Job und ist immer noch die perfekte Agentin.

Janis scheint es nicht zu kümmern (na ja, wenig), wie grummelig ich bin und wie oft ich am Wochenende arbeite.

Und ganz besonders möchte ich mich bei Norton dafür bedanken, dass er meinen Schreibtischstuhl mit mir teilt. Beim nächsten Buch hoffe ich auf eine volle Hälfte, rechne aber nicht ernsthaft damit.

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Vorwort
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Neulich war ich in Paris, zusammen mit meiner ziemlich erstaunlichen und extrem gut aussehenden Scottish Fold oder Schottischen Faltohrkatze, Norton. Wir aßen zusammen mit Danielle und ihrer Tochter Priscilla. Danielle ist eine alte Freundin von mir, die im 17. Arrondissement lebt. Priscilla kenne ich, seit sie vier ist und nur einen einzigen englischen Satz kannte: »I like ze Beeg Mac ’amburgair.« Am Abend unseres Dinners war Priscilla nicht mehr vier. Sie war dreiundzwanzig und sprach fließend Englisch. Sie wollte uns in ein Restaurant ausführen, in dem ihr Freund arbeitete. Was bedeutet, dass ich langsam in die Jahre komme.

Ich sage übrigens »wir« und »uns«, weil niemand so richtig aus dem Häuschen war, nur mich zu sehen. Norton war der Star des Abends. Danielle hatte ganz klar gesagt, dass sie sich natürlich freuen würden, wenn ich mitkäme, aber eigentlich interessierte sie vor allem mein kleiner grauer Kumpel als Essensgast. Danielle ließ mich sogar wissen, dass die Inhaberin des Restaurants darauf bestand, le chat möge als ihr ganz spezieller Gast zum Essen mitkommen, als sie von Norton und den Abenteuern auf seinen Weltreisen hörte.

Als wir das Bistro d’Albert, ein reizendes, perfektes Lokal, wie es sie nur in Frankreich geben kann, betraten, wurde Norton so begrüßt, wie Ike Eisenhower meiner Vorstellung nach direkt nach dem D-Day auf den Champs Élysee bejubelt wurde. Norton bekam, wie immer, seinen eigenen Stuhl, auf dem er es sich gemütlich machte. Die Inhaberin, eine typisch blonde Französin in den Vierzigern, für die man nur zu gern den Rest seines Lebens geopfert hätte, wenn sie einen bloß anlächeln würde, strahlte übers ganze Gesicht. Aber nicht meinetwegen. Oh nein. Für meinen unschuldig dreinschauenden pelzigen Freund, der, bestimmt nur, um mich zu ärgern, schnurrte wie ein Motorboot, sich dann auf den Rücken drehte und die Inhaberin und all ihre hinreißenden Kellnerinnen praktisch anbettelte, herzukommen und ihm den Bauch zu kraulen – was sie natürlich auch taten. Ich versuchte inzwischen mein Bestes, mir einen Kir zu bestellen, aber ich schaffte es nicht mal, dass mich irgendwer ansah.

Schließlich kehrten die Kellnerinnen zu ihren alltäglichen Pflichten zurück, machten sich an die Arbeit, und das Dinner verlief in den üblichen Bahnen. Die drei Menschen tranken eine Flasche köstlichen Rotwein zu ihren gebratenen Nieren – der Spezialität des Hauses –, und der Kater machte sich über gebratenes Hühnchen und ein Schälchen Milch her.

Zum Erfreulichsten an Europa gehört es, dass Tiere mit großem Respekt behandelt werden. Man kann in die allerbesten und teuersten Restaurants in Paris gehen und sich fast sicher sein, dass jemand seinen Hund zum Essen mitbringt. Niemand zuckt auch nur mit der Wimper, niemand findet es seltsam. Es herrscht die weit verbreitete Ansicht, dass ein Hund das gleiche Recht auf ein köstliches Mahl bei Robuchon hat wie jeder Mensch. An diesem Abend im Bistro d’Albert hatten gleich fünf Leute ihre Hunde dabei. Was bedeutete, dass irgendwann – ich glaube, es war beim Käsegang – Norton von seiner lait froid aufsah und sich von fünf neugierigen Hunden unterschiedlicher Größe und Temperament umzingelt sah. Einer davon knurrte. Ein anderer nahm seinen Mut zusammen, steckte Norton seine Nase mitten ins Gesicht und beschnüffelte ihn auf besonders geringschätzige Weise. Der Hund schien der Meinung zu sein, Pariser Restaurants seien ihre Domäne und Katzen sollten bleiben, wo sie hingehörten – zusammengerollt am Kamin einer Jahrhundertwende-Wohnung oder unterwegs in einem Garten auf der Jagd nach leckeren Mäuschen. Ganz bestimmt aber gehörten sie nicht an Orte, wo sie Hunden die menschliche Zuneigung – vom bœuf bourgignon ganz zu schweigen – streitig machten. Einen kurzen Moment lang erstarrte alles im Raum. Ich wusste nicht, ob die Franzosen je von der Schießerei am O.K. Corral gehört hatten – hatte aber das Gefühl, dass sich gleich ein ähnliches Szenario ereignen würde. Außer dass Norton, in der friedensstiftenden Rolle des Wyatt Earp, entschlossen seinen Kreis potenzieller Folterer anguckte, einem nach dem anderen direkt in die Augen sah und weiter gelassen sein Hühnchen aß und seine Milch schleckte. Als ein Hund bellte und damit ein bisschen mehr Beachtung verlangte, kaute Norton sein Stückchen Huhn zu Ende und schaute den Beller dann voller Mitleid an, als wollte er sagen:

»Also bitte. Wir sind hier in Frankreich. Du bist mir peinlich. Hast du nicht deinen Sartre gelesen?«

Und damit war die Konfrontation beendet. Die Hunde kehrten – nachdem sie sich so blamiert hatten – verunsichert zu ihren jeweiligen Herrchen und Frauchen zurück und setzten sich unter ihre Tische, wo sie auf ein Häppchen Essen hofften.

Der Rest des Dinners verlief ohne Zwischenfälle, bis es Zeit fürs Dessert war. Danielle, Priscilla und ich bestellten unsere Mousse und unser Gebäck. Als das Dessert serviert wurde, kam der Koch mit einer großen Schüssel Eis aus der Küche. Priscilla hatte ihm erzählt, dass Norton ganz wild auf Eis war.

»Das ist für die unglaublische Katze«, sagte er zu mir. »Isch ’abe chocolat gemacht – seine Lieblingssorte.«

Also, Norton mag Schokoladeneis, gar keine Frage. Aber er ist auch wählerisch. Er liebt Ben & Jerry’s, und Häagen-Dazs bekommt eine Eins plus. Er nimmt auch Frozen Joghurt und Softeis, aber nur im Notfall. Bietet man ihm jedoch fettfreies Schokoladensofteis an, dreht er einem nach dem ersten Schlecken angewidert den Rücken zu, sodass man sich fühlt, als hätte man gerade der Königin von England einen Sabrettes Chili Dog angeboten.

Der Koch tunkte nun den Löffel in sein Eis und hielt ihn Norton hin. Der Kater schleckte eifrig daran, zögerte und bedachte genau, was er gerade gefressen hatte – und drehte dem Koch dann verächtlich den Rücken zu. Sofort überkamen mich Visionen, wie er einen Handschuh zückte, mir diesen ins Gesicht schlug und mich zum Duell forderte – und damit lag ich gar nicht so falsch.

»Das ist nischt möglisch«, sagte er, völlig fassungslos. »Unser Eis ist süperb!«

»Ganz bestimmt«, beschwichtigte ich ihn. »Er ist wahrscheinlich einfach satt.«

»Aber Priscilla ’at gesagt, er liebt die Eis.«

»Versuchen Sie es doch mit einer anderen Sorte«, schlug ich vor – obwohl ich meinen Kater gut genug kannte, um zu wissen, dass die Sache aussichtslos war. Mittlerweile war die Inhaberin an den Tisch gekommen, um zu sehen, ob es ein Problem gab. Als ich es ihr erklärte, sah ich den existenziellen Schmerz in ihren Augen.

»Wir ’atten noch nie eine Beschwerde in allen unseren Jahren«, sagte sie. »Das ist ungeheuerlisch.«

»Gebt ihm eine andere Sorte«, drängte eine Kellnerin.

Also hielt ihm der Koch einen zweiten Löffel Eis hin. Norton leckte vorsichtig, guckte sich den braunen Klumpen an, und – falls Katzen ähnlich wie Menschen den Kopf schütteln können, und ich bin hundertprozentig sicher, dass meine es kann – schüttelte den Kopf. Niemals, schien er zu sagen.

Und damit endete die Mahlzeit. Der Koch stapfte, beleidigt und erniedrigt, in die Küche zurück. Die Inhaberin ließ uns unmissverständlich wissen, dass die Katze nicht annähernd so besonders war, wie man ihr eingeredet hatte. Und ich war mir ziemlich sicher, dass im nächsten Larousse-Wörterbuch Französisch-Englisch neben dem Ausdruck »hässlicher Amerikaner« mein Foto abgedruckt würde.

Ich nahm Norton auf den Arm, versuchte mir zu überlegen, wie man einer Katze die Vorstellung von Taktgefühl und Essen aus Höflichkeit beibringen könnte. Ich gab es auf und steckte ihn wieder in seine Stoffschultertasche, sein Lieblingstransportmittel.

Als wir durch die Tür gingen, nahm eine der Kellnerinnen mich beiseite.

»Ihre kleine Katz’«, sagte sie. »Er ’atte rescht.«

Ich sah sie neugierig an, als sie mir erklärte.

»Der Koch, er ’at gemacht eine Portion Eiskrem, und das war nischt gut. Er ’at gedacht, er kann die Katz’ austricksen und das Eis loswerden.« Sie legte Norton die Hand auf den Kopf und kraulte ihn, was zu seinen Top drei der liebsten Dinge gehört.

»Das ist eine sehr eindrucksvolle Katz’«, sagte sie. »Und sein Geschmack ist sü-perb

»Das habe ich nie bezweifelt«, sagte ich und sah meine »kleine Katz« an, nun doch ein bisschen beeindruckt. Er erwiderte meinen Blick voller Skepsis.

»Ehrlich«, sagte ich zu ihm und legte meine Hand aufs Herz. »Ich habe nie auch nur eine Minute an dir gezweifelt.«

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Teil eins

Eine Katze zu Hause
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1. Kapitel

Eine Katze beim Super Bowl

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Bei Edmund Wilson und anderen Gelehrten heißt es, das einzige große Thema für amerikanische Autoren sei der Aufstieg Amerikas in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Das mag zu großen Teilen stimmen, ich möchte aber behaupten, dass eine so enge Weltsicht doch einer gewissen Korrektur bedarf. Ohne allzu emotional zu werden, sagen wir einfach: Ein sehr gutes Thema für amerikanische Autoren ist der Aufstieg der amerikanischen Katze. Besonders, wenn die Katze zufällig eine brillante, gut aussehende, gutmütige Scottish Fold mit rundem Kopf und platten umgeklappten Ohren ist, die eher einer Eule als einer Katze ähnelt und die die ganze Welt bereist und auf ihren Reisen mehr Abenteuer erlebt hat als Gulliver.

Natürlich kann es sein, dass ich hier ein bisschen voreingenommen bin. Besonders da dieses Buch der Nachfolger von Klappohrkatze ist, in dem es um besagte Katze mit den Faltohren ging – sowie um ihren Besitzer, der einigermaßen gerade Ohren hat.

Die Katze, die tatsächlich nach Paris reiste, ist mein höchsteigener Kater Norton. Er war außerdem so gut wie überall sonst, an jedem erdenklichen Ort in Frankreich sowie in Holland, Deutschland, Italien, der Schweiz und Spanien. Er war beim Frühjahrs-Baseballtraining in Florida, bei einer Autorenkonferenz in San Diego, bei Sitzungen in Filmstudios in L.A. und begleitete mich beim Skilanglauf in Vermont. Wie ich im ersten Buch bereits beschrieben habe, geht Norton mit mir ohne Leine spazieren, und wo er nicht mit hineinkommen darf, kann ich ihn so gut wie überall draußen vor der Tür lassen. Er wartet geduldig am ihm zugewiesenen Platz, bis ich ihn wieder abhole. Diese Plätze gab es überall, von Hotelhallen über Gärten von Freunden und Warteräume in Flughäfen bis zu den unendlichen Weiten des Central Parks. Er ist mit der Concorde geflogen. In Europa geht er mit mir ins Restaurant und sitzt auf seinem eigenen Stuhl, wo er sich benimmt wie jemand, der gerade seinen Abschluss auf einem Schweizer Internat gemacht hat. Er ist, wie alle Katzen seiner Art, außergewöhnlich lieb. Außerdem ist er, anders als alle anderen Tiere, denen ich je begegnet bin, schockierend schlau. Ich habe ihn wirklich immer bei mir, führe lächerlich lange Gespräche mit ihm, und ich mag ihn, wie ich bereitwillig zugebe, so sehr, dass es an Wahnsinn grenzt. In meinem Leben geschieht nur sehr wenig ohne Nortons Zustimmung.

Seit dem Erscheinen von Klappohrkatze musste ich erfahren, dass ich bei meinen Reisen um die Welt mehr und mehr in den Hintergrund trete, während sich Norton langsam ins Rampenlicht vorarbeitet. Das soll mir recht sein, außer dass ich mich dadurch häufig eins zu eins verglichen fühle mit etwas – Entschuldigung: mit jemandem –, den ich in meiner Verblendung als mein Haustier angesehen hatte.

Glauben Sie mir, es ist nicht immer eine angenehme Aufgabe, Katzen mit Menschen zu vergleichen, besonders dann nicht, wenn derjenige, der den Vergleich anstellt, zufällig ein fehlerbehafteter Mensch ist und kein Mitglied der nahezu fehlerlosen Katzengattung. Zum Beispiel: Menschen lügen. Genau genommen lügen Menschen ständig. Katzen lügen niemals. Menschen bringen mit Vergnügen andere Menschen um und das im Namen von allem Möglichen, von einem Gott über ein Land bis zu einer überentwickelten Reizbarkeit, wenn jemand auf der Autobahn ohne zu blinken die Spur wechselt. Katzen können bisweilen andere Katzen umbringen, geben sich aber meistens damit zufrieden, ihr Fell aufzuplustern, markerschütternd zu jaulen und das ein oder andere Ohr abzureißen – und das alles in der Regel wegen Nahrung oder um ihr Revier zu verteidigen (was vielleicht nicht immer verzeihlich, aber zumindest verständlich ist).

Menschen sind häufig grausam und fügen anderen großen emotionalen Schaden zu, manchmal absichtlich, manchmal in seliger Unkenntnis. Das Schlimmste, wodurch eine Katze jemandem emotionales Leid zufügen kann, ist, einem klarzumachen, dass sie in Ruhe gelassen werden will. Das löst bei anderen ausgeglichenen Katzen eine gewisse Erleichterung aus, bei weniger ausgeglichenen, sehr viel neurotischeren Menschen dagegen ein Gefühl des Zurückgewiesenseins.

Menschen neigen dazu, ihre Ansprüche (und so ziemlich alles andere, was möglich ist) herabzuschrauben, wenn sie sich davon versprechen, die Anerkennung eines Freundes, Partners, Chefs oder selbst eines flüchtigen Bekannten zu erringen. Katzen dagegen stehen solchen emotionalen Streicheleinheiten relativ gleichgültig gegenüber. Deshalb spielen sich ihre Entscheidungen automatisch auf einer wesentlich höheren moralischen und ethischen Ebene ab – sei es bei Fragen der persönlichen Bindung, der Vergabe von Zuneigung und ganz bestimmt bei Fragen wie der, ob man sich vom gemütlichen Sofa wegbewegen soll, um – die Katzen mögen den Ausdruck verzeihen – sich am Rattenrennen zu beteiligen. Alles in allem fällt es nicht besonders schwer, dafür zu plädieren, dass Katzen in so gut wie jeder Hinsicht dem angeblich dominierenden Homo sapiens überlegen sind.

Aus diesem Grund ist es gar nicht so erstaunlich, dass die allerwichtigste Entscheidung meines Lebens – die ich im letzten Jahr treffen musste – auf den Taten meines moralischen, ethischen, wahrheitsliebenden, Zuneigung verschenkenden, Semi-Couch-Potato von bestem Freund fußte.

Um dies zu erklären, müssen wir uns näher mit einem Gebiet befassen, auf dem Menschen es mit Katzen aufnehmen oder ihnen zumindest gleichberechtigt gegenübertreten können: Mut.

Norton ist eine interessante Kombination aus tollkühnem Abenteurer und windelweichem Feigling und darin den meisten Menschen, die mir begegnet sind, nicht unähnlich. Setzen Sie meine Katze in einen fremden Garten, Hof oder sogar Wald, und er wird sofort durchstarten. Furchtlos wird er Bäume erklimmen, verspielt unter Büsche krabbeln, freudig laufen und rennen, so weit ihn seine kleinen grauen Beinchen tragen. Setzen Sie ihn in einem fremden Haus oder Hotelzimmer ab, und er erforscht dann sämtliche Ecken und Winkel und fühlt sich vollkommen zu Hause, ohne jeden Gedanken an potenzielle Gefahren – das heißt erboste Putzfrauen, schwindelnde Höhen oder wackliges Mobiliar, das es unter Umständen gar nicht gut aufnimmt, wenn zusätzliche vier Kilo Pelztier darauf herumhopsen. Er fürchtet sich nicht vor Pariser Dächern oder düsteren, mysteriösen Ruinen, Flugzeugen, Schiffen oder den meisten Hunden.

Aber: Vor zwei Jahren tauschte ich die alten Kopfkissen auf meinem Bett gegen schöne, weiche, daunengefüllte aus. An dem Abend, als sie frischbezogen auf ihre erste Benutzung warteten, sprang Norton hoch aufs Bett. Schlafbereit wollte er sich an seinen Stammplatz neben meinem Kopf kuscheln. Probeweise setzte er eine Pfote auf das neue Kissen und, um es gnädig zu formulieren, war blitzschnell wieder vom Bett herunter. Er rannte mit halsbrecherischem Tempo von dem schrecklichen Kopfkissen weg und brauchte sechs Monate, bis er ein Kopfkissen auch nur antippte! (Keine Angst. Für diejenigen unter Ihnen, die bereits Zweifel an meiner Ergebenheit hegten: Ja, ich habe die alten Kissen wieder aufs Bett gelegt. Ich hielt ständig beide Sorten griffbereit und legte sie so hin, dass ich auf den neuen und Norton auf den alten schlafen konnte.)

Janis – von der im ersten Buch viel die Rede war und von der in dieser Fortsetzung noch viel mehr die Rede sein wird – und ich haben neulich ein neues Sofa für unser Haus in Sag Harbor gekauft. Erst als das alte Sofa hinausgetragen und weit außer Sichtweite gebracht worden war, setzte Norton auch nur eine graue, schwarz geringelte Pfote ins Wohnzimmer. Er hatte einen absoluten Horror vor diesem Sofa. Er hatte zu viel Angst, um auch nur daran zu kratzen. Für diejenigen unter Ihnen, die sich bereits fragen, wie weit ich gehen würde, um meine Katze glücklich zu machen: Nein, ich habe kein neues Sofa gekauft, weil Norton das alte hasste. Wir haben ein neues gekauft, weil das alte hässlich war, auseinanderfiel und ausgesprochen unbequem war. Die Tatsache, dass mein Kater mit etwas leben muss, das ihm nicht gefällt, ist allerdings total untypisch für mich. Rückblickend hege ich bereits Schuldgefühle und kann nur hoffen, dass er sich behaglich auf der Armlehne des neuen Sofas einrichtet, sonst werde ich über kurz oder lang bestimmt wieder ins Möbelgeschäft laufen.

Janis hat außerdem gerade eine neue Decke für unser Bett gekauft. Eine schlichte, einfache, normale, lila, leblose Wolldecke. Diese Decke hat nichts auch nur annähernd Bedrohliches an sich – außer für eine gewisse Scottish Fold. Für Norton besitzt diese Decke so ziemlich die gleiche Persönlichkeit wie Freddy Krueger in Nightmare on Elm Street. Das erste Mal, als Janis ihn hochhob, ihn aufs Bett und damit auf die gefürchtete Decke setzte, machte Norton einen fast perfekten Salto rückwärts – ich gab ihm dafür eine 9,7 – und ward den ganzen Tag nicht mehr gesehen.

Außer vor diversen Möbelstücken und dazugehörigen Wohnaccessoires fürchtet sich mein lieber Kater zudem vor Fahrrädern, Presslufthammern und Vögeln. Die beiden ersteren kann ich nachempfinden. Fahrräder werden von achtlosen Menschen gefahren und sind durchaus in der Lage, eine Katze so plattzumachen wie ein breitgetretenes Stückchen Pounce, Nortons Lieblingszwischenmahlzeit. Und Presslufthammer sind laute, erderschütternde Dinger und sollten jedem vernunftbegabten Menschen Angst machen, sofern er nicht damit arbeitet. Der letzte Punkt auf der Liste allerdings ist ein ständiger Quell der Erniedrigung für alle, die die Katze und den Katzenbesitzer kennen und lieben.

Im letzten Herbst, als mein rundköpfiger Kumpel und ich uns in Südfrankreich aufhielten, beschloss ich, l’intelligence incroyable de mon chat vorzuführen. Wir gingen mit einem Freund essen und hatten den Wagen mehrere Straßen vom Haus entfernt geparkt. Ich beschloss, Norton zum Essen mitzunehmen – und außerdem, dass er mit uns zum Wagen laufen solle. Unser Freund hegte gewisse Vorbehalte, besonders weil die Stadt, in der wir uns befanden, ein mittelalterliches französisches Bergphänomen war, mit engen, gewundenen Straßen und frei laufenden Tieren, die überall herumliefen, wo es ihnen beliebte. Aber Norton meisterte die Bewährungsprobe mit Bravour: kühn marschierte er aus der Autotür, ignorierte verächtlich all die Hunde und Katzen, die sich um ihn herum verlustierten. Ebenso all die Kinder, die einen Fußball hin und her kickten, und all die Erwachsenen, die flott ausschritten, ein Baguette unter den Arm geklemmt. Er folgte uns in akzeptablem Tempo über das Kopfsteinpflaster – bis wir zu einem Haus kamen, gerade mal drei Meter von unserem Wagen entfernt, an dem ein Vogelkäfig vor dem Fenster hing. In dem Käfig waren drei winzige gelbe Vögel, die munter vor sich hin pfiffen und sangen. Norton, der all die schweren Hindernisse in der Stadt mit Bravour gemeistert hatte, kam bis auf dreißig Zentimeter an den Käfig heran, hörte die Vögel fröhlich zwitschern, drehte sich auf dem Absatz um und rannte schnurstracks nach Hause, wobei er locker den Geschwindigkeitsrekord des Autorennfahrers A.J. Foyts brach. Ich fand ihn jämmerlich zusammengekauert in unserem Hauseingang, wo er nach Kräften versuchte, sich unsichtbar zu machen.

»Es waren Vögel«, sagte ich kopfschüttelnd zu ihm. »Winzige Vögel. Wirklich winzige Vögel. Im Käfig. Im geschlossenen Käfig«, fügte ich hinzu, in der Hoffnung, ihn zu beschämen.

Es ist jedoch sehr schwer, mit einer Katze zu diskutieren, besonders mit einer nervösen Katze. Und diese Katze hegte eindeutig nicht die Absicht, noch einmal in die Nähe dieser winzigen, eingesperrten Vögel zu kommen, wenn er es irgendwie vermeiden konnte – und das konnte er. Also hob ich ihn auf und trug ihn den ganzen Weg zum Wagen zurück. Als wir an diesen winzig kleinen Vögelchen vorbeikamen, vergrub Norton, in allerbester Vogel-Strauß-Manier, seinen Kopf unter meinem Arm. Sobald wir uns in der Sicherheit unseres roten Citroëns befanden, machte er es sich hochzufrieden auf der Rückbank bequem. Unempfänglich für den Spott, mit dem ihn seine Essensgenossen straften, genoss er den Rest seines Abends in der Stadt ausgiebig. Es gab keine Vögel in dem Restaurant, die seine Mahlzeit gestört hätten.

Während les oiseaux bei ihm offenbar eine Art Achillesferse sind, hat Norton eine ziemlich ausgeprägte Macho-Ader, sobald Mäuse ins Spiel kommen. Dieser Raubtierinstinkt war ein ziemlicher Schock für mich, als er sich schließlich zeigte. Norton und ich hatten schon viele gemeinsame Jahre hinter uns, ohne dass er auch nur einen Hauch von löwenartigem Interesse an der Großwildjagd gezeigt hätte. Dann, eines Abends, als wir in meinem alten Sommerhaus in Fair Harbor auf Fire Island waren, brach der Jäger in ihm hervor.

An diesem speziellen Samstag hatte ich einen Männerabend mit meinem Freund Norm, dem Chefautor der Sesamstraße, und wie in Klappohrkatze geschildert dem legendären Ladykiller unter den Fair Harbor-Sixtysomethings. Bei uns war mein Cousin Jon, ein Schauspieler auf Besuch aus L.A. Wir Drei – wir Vier, wenn man Ihr-wisst-schon-wen mitzählt – aßen zusammen, redeten Jungskram und amüsierten uns blendend. Wobei sich jeder von uns die ganze Zeit fragte, wie bald er die anderen stehen lassen könnte, um auszugehen und eine Frau kennenzulernen. Während wir redeten, merkte ich irgendwann, dass Jon breit übers ganze Gesicht grinste und auf etwas unter dem Esstisch starrte.

»Was siehst du da?«, wollte ich wissen.

»Nichts«, sagte er. »Ich amüsiere mich nur, wie schön Norton mit seiner Spielzeugmaus spielt.«

Ich nickte, lächelte bei dem Gedanken und hörte mir an, wie Norton auf dem Boden herumtobte. Und dann erstarb mein Lächeln. Norm und ich sahen uns verwirrt an und sagten beide exakt gleichzeitig:

»Norton hat keine Spielzeugmaus.«

Was nun geschah, hätte man eigentlich in einem impressionistischen Gemälde mit dem Titel Drei Juden auf dem Lande festhalten sollen, denn Sie haben in Ihrem ganzen Leben noch keine drei relativ steifen Typen sich dermaßen schnell bewegen sehen. Jon stand, glaube ich, auf seinem Stuhl. Ich bin mir relativ sicher, dass ich oben auf dem Tisch stand und irgendetwas Konstruktives sagte wie:

»O mein Gott, mir wird ganz schlecht!«

Norm war der Einzige, der die Geistesgegenwart besaß, zum Besen zu greifen. Mit dem Strohende schaffte er es, die zappelnde Maus von Norton wegzuschubsen, der sie spielerisch herumschleuderte, als sei das ganze Zimmer ein einziges großes Spielbrett für Knock-Hockey. Meinem Kater war ganz offensichtlich nicht klar, dass dieses kleine graue Ding, das sich mit Lichtgeschwindigkeit fortbewegte, ein abscheuliches Nagetier war, das um jeden Preis zu fürchten und zu meiden war. Er dachte nicht mal, man könne es umbringen und zum Dessert verspeisen. Nein, seiner ersten unheimlichen Begegnung der mausigen Art nach zu urteilen, hielt Norton die quiekende, langschwänzige Beute für ein Unterhaltungsgerät, das sich nicht sonderlich von einem mit Katzenminze gefüllten Säckchen unterschied.

Ohne Rücksicht auf meine Würde und Selbstachtung musste ich irgendwann vom Tisch herunterklettern und die Tür aufhalten, während Norm die Maus nach draußen beförderte – viel zu nahe an meinen nackten Füßen, was ich ihm später zum Vorwurf machte.

Sobald das Tier aus dem Haus war, ließen wir uns nieder, und es kehrte wieder Vernunft ein. Wir alle applaudierten Norton für seine Fähigkeit, spontan auf seine Dschungelinstinkte zurückzugreifen. Und wir alle entschieden, dass das Stadtleben uns Menschen vielleicht zuträglicher sei als dieses gefährliche Leben so nah am Ozean. Vor allem aber waren wir alle drei dankbar, dass wir an diesem Wochenende unter uns waren, sodass keine Vertreterin des anderen Geschlechts unser tragisches Scheitern miterleben musste, als wir der wilden Natur von Angesicht zu Angesicht gegenüberstanden. (Bei späteren Erzählungen wurde die Maus zu einer Art Ratte – manchmal eher zu einem kleinen Alligator –, und ich war derjenige mit dem Besen, aber ich befürchte, Norm könnte dies lesen, also bleibe ich besser bei der traurigen Wahrheit.)

Das war allerdings nur der Anfang, denn Norton hatte gewissermaßen Blut geleckt.

Fire Island lag hinter uns und das reizende Landhaus in Sag Harbor nun vor uns. Ich musste nicht länger fürchten, mich vor fremden Frauen zu blamieren, weil Janis jetzt ein wesentlicher Bestandteil der Gleichung war. Ich musste nur noch fürchten, mich vor meiner Freundin zu blamieren.

Kurz nachdem wir unser Haus gekauft hatten, tapste ich an einem perfekten Herbstmorgen nach unten. Ich ging zum Markt, um Zeitungen zu kaufen, machte eine Kanne dampfenden Kaffee, trug einen Becher Java in die Sicherheit und Wärme des Wohnzimmers. Dann schaute ich auf den Fußboden … und fand eine halb aufgefressene, mausetote Maus, die mitten im Raum auf mich wartete.

Mein eigener Kater hatte das getan. Der Kater, den ich oft (wahrscheinlich zu oft) mitten auf die Lippen küsste. Den Kater, der höchstwahrscheinlich das liebste, sanfteste Lebewesen auf der ganzen Welt war. Mein genialer, weltreisender Kater hatte eine Maus mittendurch gebissen und sie als kleines Geschenk für seinen Papa hinterlassen.

Ich muss zugeben, dass meine Brust, sobald ich den ersten Anfall von Abscheu überwunden hatte, vor Stolz doch ein bisschen schwoll. Okay, Vögel waren also gruselig – aber kein sieben Zentimeter langer Käsefresser konnte meine Katze herumschubsen.

Das einzige Problem, das es noch zu lösen galt, war die Entsorgung der Leiche. Norton lauerte mittlerweile vor dem Wohnzimmer und erwartete Lob für seine neu entdeckte Rolle als Beschützer des Haushalts. Ich tat ihm den Gefallen, hob ihn hoch, streichelte ihn ausgiebig und pries seinen Mut und seine Körperkraft. Leider lauerte Janis ebenfalls in der Nähe und verlangte von mir, die Leiche augenblicklich wegzuschaffen.

Es ist Ihnen vielleicht schon selbst aufgefallen, dass ich einen Hauch zimperlich bin, wenn es um so etwas wie tote Mäuse geht (nur der Vollständigkeit halber, auch wenn es um lebendige Schlangen geht und alle Insekten, die größer sind als einen halben Zentimeter). Aber da mein Kater nun mal ein neues Level von Machotum erreicht hatte, war ich entschlossen, es ihm nachzutun. Und trotz allem, was Janis Ihnen jetzt erzählen würde, wenn Sie direkt mit ihr reden könnten, erledigte ich meine Aufgabe als Mäuseentferner auf solide und eindrucksvolle Weise. Ich brauchte nur ungefähr zwei Stunden dafür, denn jedes Mal, wenn ich endlich meinen Mut zusammengerafft hatte, den widerwärtigen kleinen Haufen auf die Kehrschaufel zu fegen, wurde mir schwindlig, und ich musste mich in die Küche flüchten (wohin sich Janis, sollte ich noch erwähnen, in Sicherheit gebracht hatte!). Dort brauchte ich dann eine halbe Stunde, um mich wieder zusammenzureißen.

Nach diesem ersten Mord wurde die Sache jedoch für uns alle ein bisschen einfacher. Ich möchte nicht, dass jemand den Eindruck bekommt, unser Haus sei eine Miniaturausgabe von Willard, in dem Tausende von Mäusen frei herumlaufen, die Möbel umstellen und mitten in der Nacht Leute telefonisch belästigen. Aber ein- oder zweimal im Jahr haben wir so ein kleines Tierchen, das sich entschlossen hat, unter der Spüle oder hinter dem Kühlschrank herumzuschnüffeln. Und ein- oder zweimal im Jahr tritt Norton in Aktion. Bei einem Kater, dessen liebstes Hobby, nun, da er etwas älter ist, darin besteht, so lange wie möglich absolut bewegungslos dazusitzen, ist es ein fabelhafter Anblick, wenn er seine Mäuseantennen ausfährt. Er sitzt da, angriffsbereit, und starrt auf eine Ritze unter dem Kühlschrank, so geschmeidig und graziös wie ein Tai-Chi-Meister. Plötzlich schießt ein Gegenstand heraus, so schnell, dass er kaum zu sehen ist, aber Norton sieht ihn nicht nur, sondern schießt sogar noch schneller hinterher. Und bevor man sich noch versieht, stolziert der siegreiche Norton ins Wohnzimmer, die eroberte Maus fest zwischen die Zähne geklemmt. Ein kleiner Schritt für die Katzenspezies, ein riesiger Schritt zu einem mäusefreien Haushalt.

Mit solchen Störungen kann ich mittlerweile sehr viel besser umgehen. Übung macht tatsächlich den Meister. Schon lange erstarre ich nicht mehr bei dem Gedanken, wieder einen Leichnam ins Mäuseleichenschauhaus zu befördern. Schon lange muss irgendein dahingeschiedenes Mäusetier nicht mehr stundenlang mitten im Zimmer herumliegen, während ich warte, bis mein Magen sich nicht mehr umdreht. Oh nein. Heutzutage habe ich alles unter Kontrolle. Entweder rufe ich meinen Freund David Meves an, der ein paar Blocks entfernt wohnt und, soweit ich weiß, weder Mäuse noch Menschen fürchtet, oder ich lasse die Sache von Davids Frau Peggy erledigen.

Aber ich beschreibe Nortons Heldentaten hier nicht nur, um zu zeigen, dass mein kleiner Kater, wenn es hart auf hart kommt, in Machokrisen seinen Mann steht. Ich will nicht, dass er zu einem Mike Tyson oder Stormin’ Norman Schwarzkopf in Katzengestalt wird. Ich erwähne es nur, weil Nortons Abenteuerlust und allumfassende Furchtlosigkeit sehr viel größere Auswirkungen auf mich und mein Leben haben als nur den, die Mausefallen wegzuwerfen. Letztes Jahr sah ich mich mit jener großen, lebensverändernden Entscheidung konfrontiert, die ich vorhin schon angedeutet habe. Wie bei allen lebensverändernden Entscheidungen, die ich in den letzten acht Jahren getroffen habe, leistete Norton einen entscheidenden und wesentlichen Beitrag zu diesem Prozess. Dieser spezielle Prozess wurde in Gang gesetzt, als ich eingeladen wurde, zum Super Bowl mitzukommen.

Ich bin ein echter Sportfan, allerdings nicht mehr ganz so sehr, seit ich älter geworden bin, die Sportler gieriger und die Teambesitzer dümmer geworden sind. Ich war schon bei Spielen der World Series und All-Star-Spielen der NBA und bei Tennisspielen der French Open, aber ich war noch nie beim Super Bowl und schon gar nicht bei einem Super Bowl, bei der meine geliebten Giants spielten. Der Gedanke an den Giants Linebacker Lawrence Taylor, L.T.,der riesige AFCers in einem einzigen Satz übersprang, war einfach zu schön, um sich die Gelegenheit entgehen zu lassen. Besonders, da die Einladung von der NFL (National Football League) ausging, was bedeutete, dass ich ihn von den Plätzen an der Fünfzig-Yard-Linie springen sehen würde.

Selbst Janis, die normalerweise lieber etwas Angenehmes und Entspannendes macht – zum Beispiel über glühende Kohlen laufen oder mit dem Radiomoderator und Entertainer Rush Limbaugh das Recht auf Leben diskutieren –, als eine Sportveranstaltung zu besuchen, meinte, sie könne sich einen Super Bowl nicht entgehen lassen. Also trafen wir unsere Vorbereitungen. Einen Flug nach Tampa. Ein Zimmer im Dolphin Hotel in Orlando. Dinner mit einem NFL-Funktionär. Eine Katze, die ein großer Giants-Fan war.

Norton hatte damals schon ganz Europa und Amerika ausgiebig bereist. Aber selbst für ihn war das Super-Bowl-Wochenende etwas Außergewöhnliches.

Zunächst einmal gehört das Dolphin Hotel zu Disney World. Als wir eincheckten, begrüßte uns ein Haufen sehr freundlicher, eins achtzig großer, dreifingriger Mäuse, die durch die Lobby tanzten und hüpften und jedem zuwinkten, der sie ansah. Für einen Menschen ist das ein ziemlich desorientierender Anblick; ich kann mir nicht einmal vorstellen, was dabei im Kopf einer einigermaßen kultivierten Scottish Fold vorgeht. Die Aussicht, einen von diesen Deppen mittendurch zu beißen und ihn für Papi zum Wegräumen im Wohnzimmer liegen zu lassen, muss unglaublich einschüchternd gewirkt haben. Glücklicherweise hielt sich Norton, während ich die Formalitäten erledigte, vorbildlich zurück und begnügte sich damit, den Kopf aus der Schultertasche zu recken, seinen Hals in alle Richtungen zu verdrehen und sich eingeschüchtert in der Lobby umzusehen.

Als wir zu einem Spaziergang aufbrachen, um uns die Stadt anzusehen – weder Janis noch Norton waren jemals in Orlando gewesen –, herrschte eine ebenso zirkusmäßige Atmosphäre. Mein Kater sah nicht nur Tausende von Menschen aus dem gesamten Land, die sich betranken und entschlossen schienen, ihr Wochenende so wild wie möglich zu gestalten. Er sah auch schreiende Verkäufer, die T-Shirts und Team-Jogginganzüge anpriesen, schreiende Kinder, die ihre schreienden Eltern über die Straße nach Disney World zerrten, und schreiende NFL-Propagandisten, die versuchten, alle anderen am Schreien zu hindern, um ihre dreifach überteuerten Waren nur umso lauter anpreisen zu können. Neben den gigantischen Mäusen konnte Norton auch einen sehr ausführlichen Blick auf Goofy und Donald werfen, aus nächster Nähe und höchstpersönlich, sowie auf all die echten (und künstlichen) Fische, die es überall im Hotel gab (die Designer fühlten sich offensichtlich verpflichtet, sich an ein künstlerisches Motto zu halten, das dem Namen des Hotels entsprach).

Nach zwei Tagen voller Hektik in Sachen Tourismus und Geselligkeit gönnten sich Norton, Janis und ich ein paar ruhige Momente in unserem Zimmer, bevor wir uns all den schreienden Leuten im Bus anschlossen, der uns zu dem Spiel fahren sollte.

»Bist du froh, dass du mitgekommen bist?«, fragte ich Janis, denn da für dieses Wochenende nach dem Spiel nichts mehr auf dem Stundenplan stand, konnte es von da an nur noch bergab gehen.

»Irgendwie schon«, gab sie widerwillig zu. »Aber ich bleibe immer noch dabei, dass es Goofy war, der mich gestern auf der Party gekniffen hat.«

»Was ist mir dir?«, sagte ich zu meiner Katze. Als Antwort rekelte sich Norton auf dem Bett und drehte sich auf den Rücken, seine subtile Art, mir zu sagen, dass er müde war und am Bauch gekrault werden wollte.

»Wie das wohl für ihn ist?«, fragte ich Janis. »Riesenmäuse. Durchgeknallte Football-Fans. Kids, denen Büffel auf die Brust gemalt sind. Für uns ist das nur ein schräges und lustiges Wochenende. Für Norton muss es sein wie ein Flug zum Mars

Im Lauf unseres Gesprächs steigerte ich mich immer mehr in die Vorstellung hinein, was für ein riesiges Abenteuer dieses Wochenende für Norton sei. Klar, er hatte das Caféleben in Paris genossen, sonnte sich gerne an Floridas Stränden, gewöhnte sich sogar an Skilanglauf in Vermont. Aber dieses Wochenende war etwas, was er bislang nicht einmal annähernd gesehen oder erlebt hatte.

»Ganz ehrlich«, sagte ich, halb zu Janis, halb zu mir selbst. »Ich bin irgendwie neidisch. Nichts, was wir machen, könnte auch nur annähernd so seltsam, aufregend und außergewöhnlich sein, wie das, was dieser Kater macht.«

Janis weiß sehr wohl, dass sie mich nicht noch ermutigen sollte, wenn ich versuche, mich in die Gedanken meiner Katze hineinzuversetzen (oder gar in meine eigenen Gedanken). Also blieb sie still und ließ mich weiterreden.

»Es ist deprimierend, ja, das ist es«, plapperte ich weiter. »Wir sind Menschen, er ist ein Kater! Es geht doch nicht an, dass er ein besseres Leben führt als wir.«

»Er führt ein besseres Leben als irgendjemand sonst auf der ganzen Welt«, betonte Janis.

»Das tut nichts zur Sache«, erwiderte ich. »Er verdient es. Und ich meine nicht Norton im Speziellen. Ich meine das philosophisch.«

Mittlerweile resigniert seufzte Janis auf und fragte mich, worauf ich eigentlich hinauswollte.

»Nortons Leben ist aufregend. Er jagt. Er geht auf die Pirsch. Er fliegt zum Mars. Unser Leben ist langweilig. Wir gehen zur Arbeit, wir sehen fern. Wir haben uns in der Routine festgefahren. Ich will auch so ein abenteuerliches Leben wie meine Katze!«

»Okay«, sagte Janis, die ihr Bestes tat, um es mir recht zu machen. »Was genau gedenkst du deswegen zu unternehmen?«

Das muss ich ihr lassen, als ich es ihr sagte, schnappte sie weder nach Luft, noch kreischte sie oder fiel in Ohnmacht. Sie fragte mich lediglich, ob es mein Ernst sei, und als ich sagte, es sei mein Ernst, sagte sie: »Okay.«

Ich beschloss, wir sollten etwas genauso Abenteuerliches machen wie Norton, als er zum Mars Super Bowl kam. Und das machten wir.

Und so kam es, dass ich meinen sehr guten Job kündigte, mein schönes Apartment verließ, mein gesamtes nettes Leben zusammenpackte und mit meiner überaus verständnisvollen Freundin und meinem Vorbild von Kater nach Südfrankreich zog.

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2. Kapitel

Eine verschwundene Katze

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So einfach war es natürlich auch wieder nicht. Wir mussten uns um tausend Kleinigkeiten und größere Lebensveränderungen kümmern, bevor wir drei zu neuen Ufern in die alten Welt aufbrechen konnten.

Das Erste, was es zu bedenken galt, waren unsere Jobs. Janis, die gearbeitet hatte, seit sie vierzehn war, und eine Art Workaholic war (und zwar ein sehr erfolgreicher Workaholic), nahm sich ein Sabbatjahr von ihrem Job in der Verlagsbranche. Sobald diese Last von ihren Schultern genommen war, begann sie sich um eine neue Last zu sorgen:

Was zum Teufel sollte sie eigentlich das ganze Jahr lang tun?

Ich sorgte mich, wie üblich, darum, zu viel zu tun zu haben. Das Problem löste ich teilweise, indem ich als Herausgeber zurücktrat. Der Vorstandsvorsitzende, bei dem ich kündigte, zeigte sich recht verständnisvoll.

»Ich kann nicht länger das machen, was mir keinen Spaß macht«, erklärte ich ihm. »Das Einzige, was ich im Moment mache, ist, mit Anwälten zu reden und anderer Leute Probleme zu lösen.«

»Was glauben Sie wohl, wie ich mich fühle?«, lautete seine Antwort.

Ich begriff seinen Standpunkt, blieb aber standhaft, und er erwies sich als guter Vorsitzender. Er löste mein Problem und gab mir den perfekten Job. Ich gab alles Unangenehme an meiner Tätigkeit ab – die bürokratischen Wirren und Geschäftsrangeleien – und konnte wieder das machen, was ich gerne tat, nämlich mit Autoren arbeiten und versuchen kreativ zu sein. Und als er seinen anfänglichen Schock überwunden hatte, willigte er sogar ein, mich von Frankreich aus arbeiten zu lassen.

Als Nächstes musste ich meinem kalifornischen Agenten beibringen, meine Film- und Fernsehkarriere – soweit vorhanden – ein Jahr auf Eis zu legen. Er nahm die Nachricht erstaunlich gelassen auf, was mich vermuten ließ, dass meine Film- und Fernsehkarriere bereits auf Eis lag. Das betrübte mich aber nicht sonderlich.

Dass ich alles für eine Weile hinschmeißen konnte, lag auch daran, dass mein Koautor, David Handler, und ich in jenem Jahr engagiert worden waren, eine TV-Serie zu schreiben und zu produzieren. Es hatte alles sehr vielversprechend begonnen: eine anständige Grundlage für die Sendung, ein angenehmes Autorenteam und eine tolle Besetzung mit TV-Stars, die tatsächlich gute Schauspieler waren. Am ersten Tag, an dem die Autoren sich trafen, hatten David und ich Vorstellungen von einem Tantiemenscheck in Bill-Cosby-artigen Höhen, der eines Tages auf unserem schrumpfenden Bankkonto landen würde.

Wie immer, wenn man sich im Showbusiness große Hoffnungen macht, wurde nichts daraus.

Fast das Erstaunlichste am Fernsehgeschäft ist die Art, wie sich die Leute etwas vormachen (vermutlich der Grund, warum Katzen – jene illusionslosen Geschöpfe – nie eine Pfote ins TV-Business bekommen haben). Menschen, die sich Sendungen ausdenken wie My Mother the Car und Pink Lady and Jeff, könnten sich selbst nicht mehr ertragen, wenn sie sich tatsächlich eingestünden, was sie der Gesellschaft zumuten, also reden sie sich ein, dass sie ...

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