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Kissed

BASTEI ENTERTAINMENT

Für meine Tochter Meredith

Mit besonderem Dank an Toni Markiet, Jayne Carapezzi, Joyce Sweeney, Dorian Cirrone und George Nicholson

Nur wenige wissen, wie man spazieren geht.

Man braucht dazu Ausdauer, einfache Kleidung, alte Schuhe, ein Auge für die Natur, gute Laune, unendliche Neugier, gute Gespräche, gutes Schweigen und sonst nicht allzu viel.

~~~ Ralph Waldo Emerson ~~~

1

Es war ein Schuster ohne seine Schuld so arm geworden, daß ihm endlich nichts mehr übrig blieb als Leder zu einem einzigen Paar Schuhe.

~~~ Die Wichtelmänner ~~~

Ich habe noch nie in meinem Leben eine Prinzessin gesehen. Und so wie es aussieht, werde ich auch heute keine zu Gesicht bekommen.

Aber fangen wir ganz von vorne an: Ich stamme aus einer Familie, die seit vielen Generationen im Schuhgeschäft ist. Mein Großvater sprach von unserer Arbeit als Flickschusterei, aber das klingt mehr nach Pfuscherei als nach einem Beruf. Schon bevor ich geboren wurde, führte meine Familie den Schuhreparaturladen im Coral Reef Grand, einem schicken Hotel in South Beach, Miami. Zuerst führten ihn meine Großeltern, dann meine Eltern und jetzt führen ihn meine Mutter und ich. Auf diese Weise bin ich den Berühmten und Berüchtigten begegnet, den Reichen und … Armen (okay, das wäre dann ich), Leuten, die Bruno Magli, Manolo Blahnik und Converse (das wäre wieder ich) an den Füßen tragen. Ich kenne die Schönen. Zumindest kenne ich ihre Füße.

Aber bisher bin ich noch keiner einzigen Prinzessin begegnet.

»Sie sollte jede Minute hier eintreffen«, unterbricht Ryan meine Gedanken. Er ist einer dieser Collegetypen, die als Rettungsschwimmer hier arbeiten. Ich bin damit beschäftigt, die Sohle von einem Paar Johnston Murphys abzureißen, die der Kunde bis acht Uhr braucht. »Meine Freunde haben mir gerade eine SMS geschickt, ihr Autokonvoi ist vor ’ner Minute durch die Collins Avenue gefahren.«

»Und was genau geht mich das an?« Ich will sie wirklich gern sehen, aber ich muss auf meinem Posten bleiben. Ich kann’s mir nicht leisten, einen Kunden zu verpassen.

»Es geht dich was an, Johnny, weil sich jeder – zumindest jeder normale Siebzehnjährige – von der Schuhtheke losreißen würde, wenn eine umwerfend aussehende Prinzessin in der Hotellobby ist.«

»Manche Leute müssen arbeiten. Ich habe Kunden …«

»Ja, klar, Schuhe sind wichtig.«

»Geld ist wichtig.«

Ryan redet normalerweise nicht mit mir. Wie die meisten Typen in meinem Alter, die hier arbeiten, verdient er was nebenher, um sein Cabrio zu betanken, das er zum Abschluss geschenkt bekommen hat, oder vielleicht auch, um neue Klamotten zu kaufen. Mir fällt auf, dass er ein neues Hollister-Poloshirt trägt, das seine Arme eng umschließt. Wahrscheinlich will er mit seinen Muskeln angeben, die er ständig anspannt.

Ich hingegen arbeite hier, um meiner Familie zu helfen, und trainiere meine Muskeln höchstens dadurch, dass ich Collegeschuhe durch die McKay-Schuhnähmaschine jage. Auch wenn ich im Herbst in die zwölfte Klasse komme, werde ich nächstes Jahr nicht aufs College gehen. Kein Geld. Ich werde wohl Schuhe reparieren, bis ich abkratze.

»Willst du sie denn nicht sehen?« Ryan schaut mich an, als hätte ich gerade zugegeben, dass ich noch Windeln trage oder Kiemen habe. Er lässt wieder seine Muskeln spielen.

Natürlich will ich sie sehen. Ich starre schon die ganze Zeit sehnsüchtig auf die Bilder der Titelseiten von Miami Herald, Miami New Times, Sun Sentinel und USA Today, die mir aus dem Hotelcafé ins Auge springen. Eine Boulevardzeitung behauptet, sie sei mit einem Alien zusammen, aber die meisten zeigen eine wilde Partymaus, die regelmäßig ihre Familie und ihr Land blamiert. Sie ist in einer wichtigen, streng geheimen Angelegenheit in Miami, zu der wahrscheinlich der Konsum von zahlreichen Drinks gehört, die auf tini enden.

Oh ja, und ich weiß, dass sie umwerfend aussieht.

Deswegen sollte ich, der das langweiligste aller Leben führt, zumindest einen kurzen Blick auf sie werfen, denn wenn ich irgendwann bei dem Versuch, einen hartnäckigen Stich aufzutrennen, an Arterienverkalkung sterbe, möchte ich wenigstens sagen können, dass ich mal eine Prinzessin gesehen habe.

»Mr. Farnesworth will nicht, dass wir da draußen herumstehen und sie angaffen. Außerdem: Was ist, wenn jemand vorbeikommt und ich bin nicht da?«

»Du meinst, in einer Art Schuhnotfall?«, fragt Ryan lachend.

»Ja. Es ist immer ein Notfall, wenn man seine Schuhe nicht tragen kann. Das kann ich nicht machen.« Ich versuche, es in einem abschließenden Tonfall zu sagen, so wie Mum immer Das können wir uns nicht leisten sagte, als ich noch klein war. Ich wusste dann immer, dass nicht weiter darüber diskutiert wurde.

»Was ist denn los?« Meine Freundin Meg kommt auf mich zu.

Ich bin froh, Meg zu sehen; sie arbeitet in der Kaffeebar neben unserem Laden. Ich weiß, dass sie böse werden wird, weil ihre Brüder, die gestern Abend die Bar geschmissen haben, kein bisschen aufgeräumt und geputzt haben. Genau wie ich arbeitet Meg für ihre Eltern, sie hilft sogar während des Schuljahrs aus. Sie ist meine beste Freundin und normalerweise der einzige Freund, für den ich überhaupt Zeit habe. In der Mittelstufe war ich ein bisschen in sie verknallt. Ich bin sogar mit ihr zum Schulball gegangen, als wir in der Achten waren. Sie wollte damit einen anderen Typen eifersüchtig machen, aber als wir dann auf der Tanzfläche standen, hatte ich einen Augenblick lang das Gefühl, dass da mehr war. Doch das ist schon lange her.

Jedenfalls wird Meg verstehen, weshalb ich nicht mit Ryan gehen kann.

Ryan lässt seine Muskeln spielen und mustert Meg von oben bis unten, so wie er es bei allen Mädchen tut. »Ich versuche gerade, Johnny zu überreden, dass er sich mal fünf Minuten von der kurzweiligen Welt der Schuhreparaturen losreißt, um Prinzessin Vickys Autokonvoi zu sehen. Nie möchte der Junge seinen Spaß haben.«

Meg schneidet eine Grimasse und legt mir die Hand auf den Arm. »Und warum genau sollte John diese Trashqueen aus Europa sehen wollen?«

»Hallo?«, sagt Ryan. »Weil er ein siebzehnjähriger Kerl mit ganz normalen männlichen Bedürfnissen ist und sie…« Er hebt beide Hände auf Brusthöhe und deutet ihre Vorzüge an.

»Echt schöne Augen hat«, beende ich den Satz für ihn.

Meg verdreht die Augen. »Und den IQ eines Einzellers.«

»Jedenfalls kommt er nicht mit.« Ryan muss unbedingt noch eins draufsetzen. »Der Junge ist verrückt nach Schuhen.«

»Der Schuh, der dem einen passt, drückt den andern.« Während ich das sage, zwinkere ich Meg zu. Sie und ich sammeln Zitate über Schuhe. Ich hatte schon auf eine Gelegenheit gewartet, bei der ich das hier zum Einsatz bringen konnte. »Das ist von C. G. Jung.«

»C. G. wer?«, fragt Ryan.

»Ein Schweizer Psychiater«, sage ich. »Noch nie gehört von der Jungschen …?«

»Wie auch immer«, sagt Ryan. »Du kommst also wirklich nicht mit?«

Meg wirft mir einen Blick zu. »Ich kann deinen Kunden sagen, dass du gleich wiederkommst, falls du gehen willst. Aber ich bin mir sicher …«

»Das würdest du tun? Danke!« Ich weiß, dass Meg erwartet hat, dass ich ablehne, aber ich möchte wirklich gern gehen. Wahrscheinlich werde ich allerhöchstens von einem Stehplatz hinter einer Palme im Blumenkübel aus beobachten können, wie Victoriana eincheckt, aber trotzdem wäre es ein Hauch von Abenteuer, und Abenteuer erlebe ich ja sonst keine.

»Es geht los!« Ryan hält sein Handy hoch. »Pete an der Tür hat gerade eine SMS geschickt, dass ihre Limousine in Sicht ist.«

»Du bist gut vernetzt«, sagt Meg zu Ryan.

»Das ist genau das, worauf es ankommt.« Ryan tritt näher an sie heran. »Vielleicht sollten wir uns auch mal vernetzen… zum Beispiel am Freitagabend, wie wär’s?«

Ich bin mir sicher, dass Meg Ja sagen wird. Die meisten Mädchen werfen sich ihm geradezu an den Hals. Aber sie lächelt noch nicht einmal. »Nein, danke. Du bist nicht mein Typ.«

Ryan sieht so überrascht aus, wie ich insgeheim bin. »Auf wen stehst du dann? Andere Mädchen?«

Meg zuckt mit den Schultern, wirft mir einen Blick zu und zuckt dann wieder mit den Schultern. »Warum geht ihr nicht einfach eure Prinzessin begaffen?«

»Macht es dir wirklich nichts aus, mich zu vertreten?« Ich weiß, dass es ihr etwas ausmacht.

»Geh einfach, bevor ich es mir anders überlege.«

Ryan wirft im Weggehen einen Blick zu Meg zurück. »Sie steht total auf dich.«

»Ja, klar.«

»Doch, wirklich. Du solltest zuschlagen. Sie sieht zwar nicht besonders gut aus, aber du kannst nicht so wählerisch sein.«

»Sie hat dich eiskalt abserviert.« Ich schaue zu Meg zurück, die uns beiden noch immer hinterhersieht. Sie streicht sich ihr kinnlanges braunes Haar aus den Augen, und einen Moment lang muss ich an diesen Abend in der achten Klasse denken. Doch als sie bemerkt, dass ich sie anschaue, hebt sie abwehrend die Hände, als wollte sie sagen: Was guckst du denn so? »Nee, sie und ich sind einfach nur gute Freunde.«

Aber ich winke ihr zu, bevor ich in die Hotellobby abbiege.

2

In der Lobby ist so viel Betrieb wie beim Straßenkarneval auf der Calle Ocho, nur ohne Salsamusik. Ein Hotelangestellter lässt sechs Schwäne zu einem morgendlichen Spaziergang um den Springbrunnen des Hotels herumwatscheln. Ein anderer zieht eine Decke von einem Papageienkäfig. Die Sonne Miamis lässt ihre Strahlen durch die neun Meter hohen Fenster an der Vorderseite des Raumes fallen. Wo sie auf den Marmorfußboden treffen, funkelt dieser wie pures Gold. Außerdem bin ich abgelenkt, weil der Manager, Mr. Farnesworth, direkt in meine Richtung blickt. Ich glaube, er will zu uns kommen, aber dann fährt sein Kopf herum, und ich sehe auch gleich, warum. Sämtliche Hotelpagen, die hier arbeiten, kommen herein, in jeder Hand einen Louis-Vuitton-Koffer. Schnell wie eine Krabbe bewege ich mich seitwärts und finde mich wie geplant hinter einer Palme im Blumenkübel wieder. Dabei male ich mir aus, was diese Koffer enthalten. Die Schuhe. Prada, Stuart Weitzman, Dolce & Gabbana, Jimmy Choo und Alexander McQueen!

Ryan hat recht. Ich bin nicht normal. Kein Mensch würde in einem Augenblick wie diesem an Schuhe denken.

Unter dem Gepäck bemerke ich auch eine Hundetransportbox. Unnötig zu erwähnen, dass im Coral Reef keine Hunde erlaubt sind, aber ich nehme an, das sagt man einer Prinzessin nicht so einfach. Es ist eine große Transportbox, und ich werfe einen Blick durch die Gitterstäbe. Ich hätte einen Pudel oder einen Afghanischen Windhund erwartet, aber stattdessen starren mich traurige Augen aus dem schwarzbraunen Gesicht eines Bloodhounds an.

»Hallo Süßer«, sage ich.

Der Hund knurrt.

»Na fabelhaft.« Ryan hat ebenfalls hinter der Palme Posten bezogen. »Jetzt hat er uns entdeckt.«

Er meint Farnesworth, der seinen Blick lange genug von der Tür abgewandt hat, um uns hinter der Palme auszumachen. »Ihr! Was habt ihr hier zu suchen?«

»Wir machen gerade Pause«, sagt Ryan.

»Macht eure Pause woanders. Ich will nicht, dass ihr die Prinzessin belästigt.«

»Excusez-moi?«, unterbricht uns eine Stimme. »Sind Sie der ’otelmanager?«

Farnesworth dreht sich um und tritt einen Schritt zurück, dann noch einen, direkt auf meinen Fuß. Ich versuche zurückzuspringen. Das ist sie!

Farnesworth, der noch immer auf meinem Fuß steht, stottert, und es gelingt ihm nicht, sinnvolle Wörter zu bilden. Ich frage mich, ob sie wohl ein Zimmermädchen zum Aufwischen schicken, wenn er sich in die Hose pinkelt.

»Ähm …«, bringt er heraus.

Ich verbeuge mich und ziehe Ryan mit mir nach unten. Ich versuche wirklich, nicht auf ihre Schuhe zu starren, aber aus diesem Blickwinkel sind sie das Einzige, was ich sehe. Roberto Cavalli. Italienische schwarz-weiße Plateauschuhe mit Schrägriemen, geflochtener Lederoberseite und Absätzen so hoch wie der Eiffelturm.

»’allo?« Sie versucht noch immer, mit Farnesworth Kontakt aufzunehmen. Farnesworth keucht, als wäre er gerade am Strand entlanggejoggt. Er schwitzt auch. Sie beugt sich zu mir herunter und bedeutet mir, mich wieder aufzurichten. Und da sehe ich sie zum ersten Mal richtig.

Ich habe viele Bilder gesehen, aber sie haben mich nicht auf die Wirklichkeit vorbereitet. Ihre Schönheit flasht mich, und das will was heißen, wenn man bedenkt, dass ich in South Beach lebe, wo »atemberaubend« der neue Durchschnitt ist. Sie hat langes weißblondes Haar, das sich bis hinunter zu ihrer perfekt geformten Hüfte lockt. Obwohl sie ihre körperlichen Vorzüge mit eng anliegender Kleidung und einem kurzen Rock betont, wirkt sie durch ihre großen Augen, die blauer sind als der Ozean da draußen, vollkommen unschuldig, wie eine Disney-Prinzessin.

»Hübscher Hund«, bringe ich heraus.

Oh, was bin ich nur für ein Idiot.

Sie nickt und macht den Käfig auf. Der Hund flitzt heraus und schaut sich nach etwas um, woran er schnüffeln kann, aber auf ein Zeichen der Prinzessin hin kommt er sofort zu ihr zurück und setzt sich neben sie. Sie streicht ihm über den Kopf und wendet sich dann an mich.

»Ist er…« – sie nickt zu Farnesworth hinüber – »… nischt in Ordnung?«

»Normalerweise ist er ganz okay.«

Farnesworth’ Mund versucht, sich zu bewegen. »Sie sind … Sie sind …«

»Isch bin Victoriana.«

Menschen sind wie Schuhe. Manche sind wie Sneakers oder Flipflops, andere wie hochhackige Pumps. Prinzessin Victoriana ist wie die Schuhe, die sie anhat – nicht besonders praktisch, aber schön.

Farnesworth findet seine Stimme wieder. »Ich habe nicht erwartet, dass Sie… ich meine, ich dachte, ich würde es mit Ihrer Kammerfrau zu tun haben oder… so.«

»Sie ist da’inten.« Sie deutet auf eine Frau in ihrem Gefolge. Sie hat kurzes schwarzes Haar und trägt einen schlichten Rock und Schuhe, die wie die alorische Version von Aerosoles aussehen. »Schröcklisch langsam.« Sie schaut Ryan und mich an. »Und diese … diese gehören zu Ihren Angestellten?«

Mr. Farnesworth erholt sich und zieht eine Miene, die vor Geringschätzigkeit nur so trieft. »Ach, die. Machen Sie sich um die keine Sorgen. Ich werde nicht zulassen, dass sie Sie behelligen.« Er fuchtelt mit der Hand vor Ryan herum. »Deine Pause ist jetzt bestimmt vorbei. Und du…« Er schaut mich an.

»Non, non. Sie brauchen nischt zu gehen. Isch werde ’ier sein, vielleischt für einige Zeit, und isch würde gern die Leute kennen, die ’ier ihre Dienste anbieten.« Dabei sieht sie vor allem Ryan an. Es ist mir neu, dass sie länger bleibt. Schauspieler bleiben manchmal eine Weile, wenn sie einen Film drehen, aber Würdenträger residieren normalerweise nur ein oder zwei Tage bei uns. Sie schaut wieder Ryan an. »Wie ’eißt du?«

Ryan grinst. Er ist Aufmerksamkeit gewohnt, aber trotzdem fühlt er sich geschmeichelt. »Ich bin Ryan. Ich arbeite am Swimmingpool. Wenn du mal da bist, kann ich dir vielleicht den Rücken mit Sonnencreme eincremen.«

»Vielleischt, vielleischt auch nischt.« Die Prinzessin hält einen Augenblick länger als nötig Augenkontakt, und ich merke, dass sie ihn abcheckt. In meiner Fantasie stelle ich mir vor, dass ihr nicht gefällt, was sie sieht. Sie dreht sich zu mir um. »Und du? Wer bist du, und was machst du?«

Mir verschlägt es die Sprache. Warum möchte sie etwas über mich erfahren?

»Sag was!«, zischt Farnesworth und stupst mich in den Rücken. Als wäre ausgerechnet er so redegewandt!

Ich sage: »Ich bin Johnny. Ich …« Und noch bevor ich es ausgesprochen habe, schäme ich mich dafür. »Ich repariere Schuhe. Meine Familie führt das Schuhreparaturgeschäft hier.« Ich zeige auf die Hotel-Shops.

»Schuhe!« Sie klatscht in die Hände, als wären das die fantastischsten Neuigkeiten, die sie je gehört hat. »Isch liebe Schuhe! Isch ’abe einen ganzen Koffer voll davon!«

Ich lache. Klar hat sie das. Sie ist eine Prinzessin.

»Du lachst misch aus? Du denkst wohl, meine Liebe zu Schuhen ist … wie sagt man … oberfläschlisch?«

»Ich habe dich nicht …«

»Vielleischt ist sie das. Aber isch glaube, dass die Schuhe sind magisch, wie in Cendrillon, für eusch Cinderella, oder in Die roten Schuhe. Isch glaube an Magie. Und du?«

Ich gaffe sie an. »Ähm, ich glaube schon.« Einer der Schwäne vom Springbrunnen läuft vorbei, und der Bloodhound fängt an zu bellen. Es ist kein fieses Bellen, sondern ein sanftes, gleichmäßiges Bellen, als würde er sich mit dem Schwan unterhalten. Victoriana hebt energisch ihre kleine Hand, und der Hund verstummt.

»In Aloria, wo isch herkomme«, sagt Victoriana, »gibt es Magie. Manschmal gute, manschmal weniger gute …« Sie zögert und schüttelt den Kopf, weil ihr offensichtlich aufgefallen ist, dass sie völlig verrückt klingt und das Thema wechseln sollte. »Du darfst disch wegen Schuhen niemals schämen, und für die Familie zu arbeiten ist ehrenwert. Isch bin auch im Familiengeschäft. Das ist nischt immer leischt.«

Ich nicke, obwohl es mir ziemlich leicht vorkommt, herumzureisen und auf Partys zu gehen. Aber vielleicht ist es das nicht. Während ich in Victorianas Augen starre, kommt sie mir gar nicht wie das Mädchen aus den Zeitungen und Boulevardblättern vor – das Partygirl, das sich nur für Klamotten und Drinks interessiert. Stattdessen sehen ihre Augen irgendwie traurig aus, als würde sie sich in ihrem eigenen Leben gefangen fühlen, so wie ich mich in meinem.

Farnesworth muss wohl beschlossen haben, dass ich die Aufmerksamkeit der Prinzessin lange genug in Anspruch genommen habe, denn er bietet ihr seinen Arm an. »Für Ihren Check-in ist gesorgt. Ich kann Sie auf Ihr Zimmer begleiten.«

Die Prinzessin blickt mich noch einen Augenblick länger an, bevor sie »Na schön« sagt. Sie ignoriert Farnesworth’ Arm und macht sich auf den Weg zum Aufzug. Farnesworth trottet hinter ihr her.

Ryan und ich gehen in die entgegengesetzte Richtung. Als wir den Gang erreichen, der zum Pool führt, drehe ich mich zu Ryan um. »Gott, ich glaube, ich bin verliebt.«

»Ja, wer hätte das gedacht? Eine Prinzessin, die auf Schuhe steht. Schade, dass du nicht besser aussiehst. Und schade, dass du nicht am Pool arbeitest, so wie ich. Ich bekomme sie wahrscheinlich jeden Tag im Bikini zu sehen.«

»Ja.« Ich werde sie nie wieder sehen. Prinzessinnen lassen ihre Schuhe nicht reparieren. Sie schicken ihre Dienstboten los, um neue zu kaufen.

Ryan fängt an zu pfeifen, hört aber sofort wieder auf. Vielleicht hat er gemerkt, dass ich ernsthaft deprimiert bin. »Sie suchen einen neuen Rettungsschwimmer. Bewirb dich doch.«

Ich schüttle den Kopf. »Ich kann nicht.«

»Du kannst nicht schwimmen?«

»Nee. Ich kann super schwimmen. Aber meine Mom braucht mich im Laden. Wir sind doch nur zu zweit.«

»Du musst dich abnabeln. Du bist jetzt wie alt? Siebzehn? Zeit, deine eigenen Entscheidungen zu treffen.« Er zuckt mit den Schultern. »Wie du willst.«

Ich werfe einen Blick zu den Aufzügen hinüber. Victoriana besteigt gerade den, der bis hinauf zum Penthouse fährt. Sie krault den Hund hinter den Ohren. Ich stelle mir vor, ich wäre jetzt bei ihnen und wir würden bis hinauf zum Himmel schweben.

3

Bald darauf trat auch schon ein Käufer ein, und weil ihm die Schuhe so gut gefielen, so bezahlte er mehr als gewöhnlich dafür, und der Schuster konnte von dem Geld Leder zu zwei Paar Schuhen erhandeln.

~~~ Die Wichtelmänner ~~~

»Hey, hier sieht es sehr viel besser aus als vorhin, als ich gegangen bin.« Auf meinem Weg zurück zum Johnston-Murphy-Schuhnotdienst komme ich an der Kaffeebar vorbei. Sie ist proppenvoll mit Konferenzteilnehmern, aber die Ketchupflecken der letzten Nacht sind von den Tischen gewischt, die Strohhalmverpackungen und Servietten, die über den Boden verstreut waren, sind verschwunden, und der Boden selbst glitzert wie der Sandstrand draußen. Meg und eine andere Angestellte gießen Kaffee ein und legen Croissants auf Teller. »Wie hast du das so schnell sauber bekommen?«

»Es war schon so, als ich hier ankam«, sagt sie. »Und? Hast du Ihre Königliche Hoheit gesehen?«

Ich nicke, während mein Blick noch immer ungläubig durch den Raum schweift. »Sie schien nett zu sein.«

»Sie war nett anzuschauen, meinst du wohl«, sagt Meg. »Es ist ja nicht so, als hättest du mit ihr gesprochen.«

»Doch, das habe ich sehr wohl.« Ich kann es selbst noch nicht glauben. »Sie hat einen Hund, und sie hat gesagt, dass Schuhe reparieren… ehrenwert sei.«

Meg gibt ein Geräusch von sich, das irgendwo zwischen einem Lachen und einem Schnauben liegt.

Ich schaue mich um. Selbst der Honigspender ist saubergewischt, und der Zuckerstreuer glänzt sogar. »Gestern Abend war es hier nicht so aufgeräumt. Sean und Brendan haben ein Riesenchaos hinterlassen. Ich dachte schon, du würdest ausflippen, wenn du das siehst.«

»Du warst gestern Abend hier, als sie zugemacht haben?«, fragt Meg. Als ich nicke, sagt sie: »Und du warst um sieben schon wieder hier?«

»Um sechs. Das ist doch keine große Sache.«

»Doch, es ist eine große Sache. Du kannst nicht sechzehn Stunden am Tag arbeiten!«

»Wir brauchen das Geld.«

Meg nickt. Sie versteht das. Die Sommer sind hart. Im Winter stellen wir normalerweise noch einen zusätzlichen Angestellten ein, aber im Sommer sind nicht so viele Leute im Hotel, deshalb stapeln sich die Rechnungen. Jetzt ist Sommer, aber ich gehe nicht an den Strand oder schlafe aus. Meg weiß nicht, dass meine Mom einen anderen Job angenommen hat und ich ganz allein bin.

»Unsere Einkommen sind wie unsere Schuhe. Wenn sie zu klein sind, drücken und kneifen sie uns. Wenn sie zu groß sind, lassen sie uns straucheln und stolpern«, sagt Meg. »John Locke hat das gesagt.«

»Ich glaube, ich käme im Moment mit einem zu großen Einkommen ganz gut klar.« Ich schaue nach unten. »Unter diesem Tisch war eine große Milchpfütze.«

»Ist aufgewischt.«

»Vorhin hast du gesagt, es war sauber, als du hier ankamst.«

»Das war gelogen. Ich wollte nicht, dass du weißt, dass ich ein Putzteufel bin. Wenn sich das herumspricht, würden sie mich als Zimmermädchen einstellen wollen, und da würde ich die glamouröse Welt des Kaffees vermissen. Können wir das Thema jetzt fallen lassen?«

»Nur wenn wir nicht länger darüber reden, dass ich aufhören soll, doppelte Schichten zu arbeiten.«

Meg runzelt die Stirn und legt mir die Hand auf die Schulter. »Tut mir leid. Ich wünschte nur … ich wünschte, ich könnte helfen.«

Ich schüttle ihre Hand ab. »Du könntest mir einen Espresso machen.«

»Alles klar.« Sie holt eine Tasse heraus.

Ich kehre hinter meine Ladentheke zurück und arbeite an der Schuhsohle weiter, die ich liegen gelassen hatte. Es ist nicht so, dass ich Meg nicht recht geben würde. Aber ich muss hier arbeiten. Wir können es uns nicht leisten, jemanden mit meinen Fähigkeiten einzustellen, deshalb muss ich den Job machen. Das Familienunternehmen zu verlieren wäre ein zu harter Schlag für meine Mutter. Ich glaube nicht, dass sie sich davon erholen würde.

Wenigstens habe ich die meisten Reparaturen schon gestern Abend durchgeführt. Vielleicht kann ich nach dieser hier an dem arbeiten, was ich in meiner geheimen Schachtel versteckt habe. Der Schachtel, die ich unter den überfälligen Rechnungen aufbewahre.

Ich ziehe sie unter der Ladentheke hervor, um einen Blick hineinzuwerfen. In der Schachtel liegt der Prototyp einer hochhackigen Damensandale in Kelly-Grün, skelettartiger Aufbau, versteckter Plateauabsatz für mehr Komfort und stilvolles Auftreten. Den habe ich gemacht.

Die meisten unserer Kunden sind Geschäftsleute, die für Konferenzen in die Stadt kommen. Sie sind so viel unterwegs, dass sie erst am Tag eines wichtigen Meetings merken, dass ihre Siebenhundert-Dollar-Loafer von Esquivel völlig abgelaufen sind. Da sie dann völlig verzweifelt sind, können wir fünfzig Dollar oder mehr für den Eilauftrag verlangen. Sie können sich das leisten.

Ich bekomme fast nie Damenschuhe. Die Frauen, die hier absteigen, werfen ihre Schuhe weg, wenn ein Riemchen reißt, selbst wenn sie sie nur ein einziges Mal getragen haben. Aber manchmal bringt ein Dienstmädchen oder ein Au-pair ein Paar Giuseppe Zanottis oder Donald Pliners vorbei, das seine Arbeitgeberin weggeworfen hat, und hofft, dass ich es für sie reparieren kann. Auf diese Weise habe ich erfahren, dass sich Riemchensandalen für Hunderte von Dollars verkaufen lassen.

Und dazu kommt, dass es Spaß macht, sie zu entwerfen. Es gibt sie in allen möglichen Farben, Materialien und Stilen. Die richtig guten sind wie Kunstwerke. Ich kenne mich mit Schuhen aus, und wenn ich das Material hätte, könnte ich Schuhe herstellen, die genauso gut wie diese teuren wären. Noch besser sogar.

Das ist also mein Traum: Ich möchte ein international bekannter Schuhdesigner werden, der sich nicht länger mit simplen Schuhreparaturen rumschlagen muss. Im Moment repariere ich zwar Schuhsohlen, aber tief in meinem Inneren weiß ich, dass ich mehr kann.

Es wäre schön, wenn ich aufs College gehen könnte, um zu lernen, wie ich das, was ich entwerfe, auch vermarkten kann. Aber im Moment haben wir genug damit zu tun, mit der Miete nicht allzu sehr in Rückstand zu geraten.

»Der ist ja toll.« Meg taucht hinter mir mit dem Kaffee auf. »Woher hast du ihn? Von einer dieser reichen Tussis?«

Ich schlage den Deckel zu. »Der ist doch nichts Besonderes.«

»Natürlich ist er das. Er ist fantastisch. Du hast ihn selbst gemacht, nicht wahr?« Zentimeter um Zentimeter rückt ihre Hand an die Schachtel heran. »Komm schon. Ich habe gesehen, wie du Schuhe und so zeichnest, wenn du dich unbeobachtet fühlst. Ausgerechnet ich würde dich ja wohl kaum auslachen.«

Ich gebe nach. Sie hat recht. Ich kenne all ihre Geheimnisse, wie die Sache damals, als wir zwölf waren und sie in einen Rettungsschwimmer verliebt war. Sie ging nach der Schule an den Swimmingpool des Hotels, in einem Bikini, den sie mit Wattekugeln ausgepolstert hatte. Nur dass sie das vergaß, als sie ins Wasser sprang.

Ich war derjenige, der sie darauf aufmerksam machte, der sie hinter sich hergehen ließ, bis wir aus dem Blickfeld des Anbetungswürdigen verschwunden waren. Und ich war derjenige, der noch einmal zurückging, um ihm zu erklären, dass die Wattebäusche, die er da gerade aus dem Ablaufgitter fischte, mir gehörten, weil ich einen entzündeten Fußballen hatte.

Nein, Meg würde sich nicht über mich lustig machen. Ich schiebe ihr die Schachtel hin und gehe mit dem Loafer hinüber zum automatischen Schuhbesohler.

»Er gefällt mir.« Sie fährt mit einem Finger über die Riemen. »Darf ich ihn anprobieren?«

Ich habe ihn tatsächlich in Größe sechsunddreißig angefertigt, Megs Schuhgröße. Auf irgendeiner Ebene meines Unterbewusstseins muss ich wohl ein Model im Sinn gehabt haben. Trotzdem ist der Gedanke daran, dass jemand, also ein echter Mensch, ihn tragen könnte, beängstigend.

»Bitte. Meine Füße sind echt hübsch. Mir wurde schon mal gesagt, ich könnte als Fußmodel arbeiten.«

»Klar.« Ich lache.

»Das stimmt! Eines Tages wirst du meine Füße in einem Werbespot für eine Creme gegen Fußpilz sehen.« Sie hält den Schuh hoch. »Mir gefällt das Design. Ich würde sie tragen.«

»Du könntest sie dir gar nicht leisten. Das hier wird ein Paar Fünfhundert-Dollar-Schuhe.«

»Oh, du könntest mindestens tausend dafür verlangen, da bin ich mir sicher.«

»Sie sind nicht für Leute wie uns, die bei Target einkaufen.« Aber ich fühle mich geschmeichelt, weil sie ihr so gut gefallen, deshalb sage ich: »Na gut.«

Sie macht eine große Sache daraus, ihre Sandalen auszuziehen (Mossimo, die Eigenmarke von Target, $14.99, Kunstleder). Sie hat tatsächlich niedliche Füße, mit rotem Nagellack, der zu ihrem T-Shirt passt. Sie zieht den Schuh über ihren Fuß, dann hält sie inne, um ihn zu bewundern, bevor sie ihn mir hinhält. Sie reißt die Augen auf und sagt: »Seht, ich hab den andern Schuh.«

Das Zitat kenne ich. »Disneys Cinderella.«

»Jedes Mädchen würde sich in diesen Schuhen wie Cinderella fühlen.« Meg schlüpft in den anderen Schuh. Dann stolziert sie durch den Gang zwischen unseren Läden, wobei sie tänzelt wie ein Model auf dem Laufsteg. »Meg führt uns hier ein neues Modell in Smaragdgrün vor, ein Entwurf des aufregenden neuen Designers Johnny Marco.«

»Das ist Kelly-Grün.«

»In Kelly-Grün. Mit Plateausohle und zehn Zentimeter hohem Absatz.«

»Siebeneinhalb Zentimeter. Die Plateausohle lässt sie höher wirken.«

»Siebeneinhalb Zentimeter.« Sie vollführt eine rasche Drehung. »Ich finde sie klasse. Aber ich glaube, ich sollte sie jetzt ausziehen.«

»Glaube ich auch.« Doch mir gefällt es, sie anzuschauen, deshalb frage ich: »Sind sie bequem?«

Sie benutzt wieder ihre Ansagerinnenstimme: »Als würde man am Strand spazieren.« Sie legt schwungvoll einen Fuß in meinen Schoß. Die fluoreszierenden Lichter der Ladenbeleuchtung schimmern auf dem grünen Leder. Schuhe sind magisch, ganz wie Victoriana gesagt hat. »Hast du noch mehr davon?«

Ich greife in die Schachtel und gebe ihr die Mappe, die ganz unten liegt und in der sich alle meine Entwürfe befinden. »Gleich hier.«

Bewundernd blättert sie darin. »Oh, die hier musst du mal machen.«

»Genau das ist das Problem. Ich kann mir im Moment das Material nicht leisten. Aber ich habe einen Plan.« Ich zeige auf das Schild, auf dem steht: SCHUHE, DIE NICHT INNERHALB VON 14 TAGEN ABGEHOLT WERDEN, WERDEN GESPENDET. »Ich dachte mir, ich könnte sie auf eBay verkaufen, ein wenig Geld damit verdienen und einen Teil davon spenden. Ich habe dadurch ganz gut Profit gemacht. Aber manchmal lassen die Leute nur einen einzelnen Schuh da. Den kann ich nicht verkaufen oder spenden, also muss ich ihn wegwerfen. Aber dann kam mir die Idee, die einzelnen Teile der Schuhe zu verwenden. Mach mal die Schublade da auf.« Sie zieht sie auf und nimmt eine Tüte voll Lederreste in allen Farben heraus. »Kennst du diese unglaublich teuren Handtaschen, die aus Stückchen von anderen teuren Handtaschen bestehen? Das Gleiche möchte ich mit Schuhen machen.«

Meg klatscht in die Hände. »Das ist genial. Ich wusste schon immer, dass du ein Genie bist.«

»Ich habe fast genug für ein weiteres Paar.«

»Wann hast du Zeit für so was?« Sie berührt meinen Arm. Ihre Hand ist eiskalt, und ich fröstele. Sie merkt, wie ich zusammenzucke, und zieht die Hand schnell zurück. »Ich dachte immer, du starrst nur ins Leere und sabberst.«

»Hey, ich stecke voller Überraschungen.«

»Entschuldigung. Muss ich erst jemanden umbringen, bevor ich hier bedient werde?«

Mein erster Kunde heute ist ein Geschäftsmann in einem italienischen Anzug. Ein unhöflicher Geschäftsmann. Mit den Fingern der einen Hand trommelt er auf die Ladentheke. In der anderen hält er ein Paar schwarze Cole Haan Blucher Oxford. Einzelhandel, etwa zweihundert Dollar, was für diese Gegend ziemlich billig ist. Er wackelt mit dem losen Absatz. »Wenn es nicht zu viel verlangt ist, können Sie das vielleicht reparieren. Ich brauche die Schuhe sofort.«

Ich greife an Meg vorbei danach. »Selbstverständlich, Sir, aber ich habe davor noch ein paar andere Aufträge zu erledigen. Deshalb muss ich einen Eilzuschlag von Ihnen verlangen.« Das ist gelogen.

»Ja. Was auch immer. In einer Stunde habe ich ein Meeting, das mein Leben verändern wird.«

Sein Leben verändern. Ich wünschte, mir würde auch mal etwas Lebensveränderndes passieren.

Ich untersuche den Schuh. Der Absatz ist um einen Zentimeter abgelaufen, und es sieht nicht mal aus, als wäre es der Originalabsatz. Der Typ da hat vor Jahren ein Paar teure Schuhe gekauft und versucht seitdem, seine Klienten damit zu beeindrucken. Ich glaube, wenn ich seinen Anzug genauer unter die Lupe nähme, würde auch er nicht halten, was er auf den ersten Blick verspricht. Ich überlege, ob ich bei ihm in Bezug auf die Reparatur nicht ein Auge zudrücken sollte. Aber dann fallen mir wieder die Rechnungen ein, die sich stapeln und wegen denen Mom gestern geweint hat. Außerdem ist er ein Idiot. »Sechzig Dollar«, sage ich.

»Sechzig? In St. Louis zahle ich dafür …«

»Das hier ist South Beach, nicht St. Louis, und Sie brauchen sie schnell.« Aber ich gebe nach. »Okay, fünfzig. In zwanzig Minuten bin ich fertig.«

Fünfzehn Minuten später ist er auf dem Weg nach draußen. »Viel Glück!«

Sobald er weg ist, gibt mir Meg ein Zeichen, dass ich rüberkommen soll. Zwischen zwei Kunden sagt sie: »Mir ist etwas eingefallen. Wenn du Prinzessin Victoriana dazu bringen kannst, ein Paar von deinen Schuhen zu tragen, wird jeder sie haben wollen. Du könntest tausend Dollar pro Paar verlangen!«

»Klar, und wenn Frösche fliegen könnten …«

Aber eigentlich ist es eine geniale Idee. Ich bin schon genug reichen Leuten begegnet, um zu wissen, dass sie nichts lieber wollen, als wie noch reichere Leute auszusehen.

»Ich entwerfe besondere Schuhe für anspruchsvolle Füße«, zitiere ich den Schuhdesigner Manolo Blahnik. »Vielleicht hast du recht. Wer könnte sie besser tragen als die Prinzessin?«

»Ja, wer«, stimmt Meg zu.

»Aber da gibt es ein Problem. Wie bringen wir sie dazu, sie zu tragen?«

»Schenk ihr ein Paar. Du hast gesagt, dass sie nett zu sein scheint. Wenn sie sieht, wie fantastisch sie sind, dann wird sie sie vielleicht tragen. Und wenn sie dann dabei fotografiert wird, wie sie betrunken aus einer Limousine fällt, hat sie deine Schuhe an. Du musst noch einmal mit ihr reden.«

Plötzlich höre ich einen Tumult in der Lobby, einen Tumult, der nur bedeuten kann, dass Victoriana gesichtet wurde. Ich renne los, um nachzuschauen.

Sie ist es nicht. Nur ihr Hund. Ihr Hund, drei Bodyguards, zwei Hotelbedienstete und sechs schwimmende Schwäne jagen im Kreis hintereinander her.

»Kein Glück gehabt?«, fragt Meg, als ich zurückkehre.

»Nein, kein Glück gehabt«, sage ich, »aber ich werde es weiter versuchen.«

4

Den Rest des Tages kann ich an nichts anderes mehr denken, als an Megs Idee, Prinzessin Victoriana dazu zu bringen, meine Schuhe zu tragen. Zum ersten Mal seit Ewigkeiten bin ich ganz aufgeregt. Es ist viel los heute, deshalb habe ich wenig Zeit, herumzusitzen und zu träumen, aber das hat auch sein Gutes. Während ich Absatzspitzen abziehe und Risse flicke, schmiede ich konkrete Pläne, wie ich es anstellen könnte. Um sechs beschließe ich, den Laden eine Stunde zuzumachen, um zu Abend zu essen. Mom sollte jetzt zu Hause sein, und ich möchte ihr von der Idee erzählen. Meg ist schon weg, aber ihr Bruder Sean sagt, dass er die Schuhe meiner Kunden bei sich in der Kaffeebar annehmen kann. Wenn überhaupt noch jemand kommt.

Als ich gehe, regnet es. Trotzdem radle ich nach Hause, weil ich total aufgedreht bin. Sobald ich die Wohnung betreten habe, merke ich, dass etwas nicht stimmt. Weder die Lichter noch die Klimaanlage sind an. Meine Mutter sitzt auf dem Sofa und fächelt sich Luft zu.

Ich sage: »Hey, du wirst niemals erraten, wen ich heute gesehen habe.«

»Oh, Johnny.« Meine Mutter hat ein T-Shirt an, auf dem Love That Dog! steht. Sie trägt es in ihrem Zweitjob, in einem Hot-Dog-Laden. Sie geht hinüber zum Fenster. »Tut mir leid, dass es so heiß ist. Sie …«

»… haben den Strom abgestellt. Schon kapiert.« Sie nickt, und ich frage: »Wie viel schulden wir ihnen?«

»Fünfhundert. Das oder die Miete – ich musste mich entscheiden. Ich habe von Mrs. Castano Eis bekommen. Das sollte die Lebensmittel bis zum Zahltag kühlen, vorausgesetzt, wir machen die Kühlschranktür nicht allzu oft auf.«

Im Kopf rechne ich die Einnahmen von heute zusammen. Es ergibt nicht annähernd genug. Jetzt tut es mir leid, dass ich dem St.-Louis-Typen einen Rabatt von zehn Dollar gewährt habe.

Aber Mom lächelt, als wäre sie daran gewöhnt. Sie ist daran gewöhnt. Letzten Sommer war es genau das Gleiche.

Ich selbst will mich daran niemals gewöhnen. Als ich klein war, machten wir eine Art Spiel daraus, so etwas wie Camping. Aber inzwischen weiß ich, dass es kein Spiel ist. Ich frage mich, wie lange es noch dauert, bis wir gar keine Rechnung mehr bezahlen können und das Geschäft verlieren.

»Sag schon«, sagt Mom. »Hast du die Prinzessin gesehen?«

»Ja.« Ich versuche zu lächeln, aber plötzlich kommt mir das gar nicht mehr so cool vor. Ich meine, was ist eine Prinzessin schon? Lediglich jemand, der in der Geburtenlotterie den Jackpot geknackt hat und deshalb nichts zu tun braucht, aber trotzdem alles hat, während wir übrigen armen Teufel schwitzen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Es ist so heiß, dass ich erschauere.

Aber Mom möchte, dass ich ihr davon erzähle. »Wie fandest du sie? War sie schön? War sie betrunken? Hat sie eine Million Dienstboten?«

»Nun, wir – Ryan und ich – haben gesehen, wie sie eingecheckt hat. Ich dachte schon, Farnesworth würde seine Zunge verschlucken. Und sie hat einen Hund, einen Bloodhound.«

Mom lacht. »Dein Vater hätte auch immer gern einen Bloodhound gehabt.« Sie wirft einen Blick zum Bücherregal hinüber, auf das zwanzig mal fünfundzwanzig Zentimeter große Hochzeitsfoto, das sie dort aufgestellt hat. Mein Blick folgt ihrem. Sie hat ein paar Kerzen rausgeholt, weiße in einem Glas, wie sie zur Hurrikan-Saison im Supermarkt verkauft werden. Mom hat immer welche davon da, falls der Strom abgeschaltet wird. Sie hat sie um das Bild meines Vaters herum drapiert, so dass es wie eine Art Schrein wirkt.

Mein Vater muss ein Volltrottel sein. Als ich zwei war, ist er morgens zur Arbeit gegangen und einfach nicht zurückgekommen. Jahrelang hat meine Mutter nach ihm gesucht, hat zwielichtige Privatdetektive angeheuert, die seinen Führerschein und seine Sozialversicherungsnummer überprüften, um herauszufinden, ob er irgendwo arbeitet. Sie suchten auch online nach ihm. Nichts. Wie dieses Buch, das ich mal in einem Antiquariat entdeckt habe. Der Titel war How to Disappear Completely and Never Be Found, also Wie man verschwindet, ohne je gefunden zu werden. Darin war genau beschrieben, wie man seinen eigenen Tod fingiert und dann eine neue Identität annimmt.

Es könnte natürlich auch sein, dass er tatsächlich tot ist.

»Weißt du«, sage ich zu Mom. »Jemand hat mir mal gesagt, dass man eine Person für tot erklären lassen kann, wenn sie seit sieben Jahren vermisst wird. Dann würdest du Sozialhilfe bekommen.«

»Er ist nicht tot.«

Das haben wir alles schon x-mal durchgekaut. »Woher willst du das wissen?«

»Als wir auf der Highschool waren, brachte er mir jeden Tag Blumen und flocht sie mir ins Haar.«

Ich glotze sie verständnislos an. »Und was genau hat das jetzt damit zu tun?«

»Wenn jemand dein Seelenverwandter ist«, sagt sie, »dann weißt du es, wenn er tot ist.«

Ich schüttle den Kopf. Ich finde, wenn sie wirklich diese gigantische Liebesgeschichte gehabt hätten, dann wäre er nicht einfach gegangen. Aber das wird sie nicht hören wollen. »Wir könnten die Sozialhilfe jetzt echt gut gebrauchen. Willst du das Geschäft verlieren und für immer und ewig bei Love That Dog arbeiten?«

»Erzähl mir mehr von der Prinzessin«, sagt sie. Offensichtlich möchte sie das Thema wechseln.

»Sie steht auf Schuhe. Meg sagt, ich soll sie dazu bringen, einen meiner Entwürfe zu tragen. Aber ich glaube, das ist Quatsch.« Vor einer Stunde habe ich noch nicht gedacht, dass es Quatsch wäre, aber vor einer Stunde habe ich auch noch nicht so geschwitzt. Jetzt kommt es mir völlig verrückt vor zu glauben, jemand wie Victoriana könnte etwas mit jemandem wie mir zu tun haben wollen. Ich meine, natürlich war sie nett zu mir. Sie wurde von Geburt an darauf getrimmt, nett zu sein. Nett sein ist leicht, wenn man alles hat.

Aber Mom ist ungeheuer scharf darauf, von etwas anderem zu reden als darüber, wie pleite wir sind. »Was für eine wunderbare Idee. Meg hat recht. Dass sie hier im Hotel wohnt, ist deine Chance. Das ist Schicksal.«

Die Hitze hämmert auf meinen Schädel ein, bis ich rote und schwarze Punkte vor den Augen sehe. Ich will zurück zur Arbeit, weil es dort zumindest kühl und ruhig ist.

»Wie kannst du an diese … Hirngespinste glauben? Fakt ist, dass Dad nie mehr zurückkommen wird und dass ich die Prinzessin nie wiedersehen werde. Uns wird nie etwas Gutes passieren. Das ist Schicksal.«

Sie erwidert nichts, sondern nimmt eine Zeitschrift und fächelt sich Luft zu, wobei sie ihr Gesicht verdeckt. Sofort fühle ich mich schlecht. Sie hat nicht darum gebeten, arm zu sein. Sie hat nicht darum gebeten, dass mein Vater sie verlässt. Sie hat ihr Bestes getan. Ich will mich entschuldigen, aber es ist selbst zum Sprechen zu heiß.

Schließlich sagt sie: »Wenn ich nicht daran glauben würde, hätte ich gar nichts mehr.«

Ich hole tief Luft. »Tut mir leid. Ich weiß. Hör mal, ich gehe zurück ins Hotel und arbeite. Du solltest mitkommen. Dort ist es kühl. Wenn wir im Laden bleiben, bis es dunkel ist, dann brauchen wir hier nur zu schlafen. Die Hitze wird dann nicht mehr so schlimm sein.«

Meine Mutter schüttelt den Kopf. »Geh du nur alleine. Aber lass mich dir erst ein paar Eier machen. Wir sollten die Lebensmittel essen, bevor sie schlecht werden. Ich kann den Gasofen mit einem Feuerzeug anmachen.«

Ich nicke. So viel zum Thema Magie.

5

In der folgenden Woche versuche ich, Prinzessin Victoriana noch einmal über den Weg zu laufen. Das sollte doch eigentlich nicht so schwer sein, oder? In Anbetracht der Tatsache, dass sie in einem Hotel wohnt, in dem ich sechzehn Stunden pro Tag verbringe (noch mehr als gewöhnlich, weil es zu Hause keine Klimaanlage gibt), und es ist ja nicht so, als wäre sie total unauffällig. Ich versuche, mich mit den Paparazzi in der Lobby anzufreunden, aber schnell finde ich heraus, dass sie nur mit mir reden, weil sie glauben, ich würde Victorianas Terminkalender kennen.

Den kenne ich aber nicht. Das Einzige, was ich weiß, ist, dass jeden Morgen um acht ein Bediensteter mit ihrem Hund auf der Collins Avenue Gassi geht, und fast jeden Tag ist in den Zeitungen ein Foto von Victoriana abgedruckt, wie sie die Nächte im Mansion, im Opium Garden oder einem anderen Club in South Beach durchfeiert.

Aber immerhin finde ich heraus, wohin der Hund geht. Am nächsten Tag bringt der Herald ein Foto des Hundes, auf dem er im Hafen von Miami herumschnüffelt.

Daneben wird Victoriana mit folgender Aussage zitiert: »Ich kann nichts dafür, wo mein Personal meinen Hund ausführt. In Aloria kann ich ihn selbst Gassi führen, aber hier werde ich von Reportern gejagt.«

Außerdem ist da noch ein Foto vom Hund mit der Unterschrift: »Gejagt?« In der Rubrik Leute ist ein Schnappschuss von Victoriana zu sehen, wie sie auf einem Tisch tanzt.

Ich gewöhne mir an, im Laden zu schlafen, über die Ladentheke gelümmelt, weil ich hoffe, sie zu erwischen, wenn sie von einer ihrer Sauftouren kommt, aber ich sehe sie nie. Ich schwöre, dass ich manchmal aufwache und sie hinter einer Palme oder neben Megs Kaffeebar, die nachts geschlossen ist, stehen sehe. Schlafmangel führt bei mir offenbar zu Halluzinationen.

Aber eines Tages kommt sie in meinen Laden.

Ja, wirklich. Und sie ist betrunken.

An und für sich ist das ja nicht gerade schockierend. Viel schockierender ist, dass sie betrunken genug ist, um mit mir zu reden.

»’scusez-moi«, sagt sie, während ich mich aus meiner zusammengesackten Haltung aufrichte. »Isch bin ein Notfall.«

Bevor ich Luft holen, geschweige denn etwas sagen kann, wird sie von einer zweiten, dann von einer dritten Stimme auf Französisch unterbrochen. Zwei breitschultrige Bodyguards füllen mein gesamtes Blickfeld aus, so dass ich sie nicht mehr sehen kann.

Sie fängt an, mit ihnen zu schimpfen. »Non! Non!« Eine kleine weiße Hand schiebt sich zwischen die Fleischberge. Sie sagt etwas auf Französisch, dann fügt sie hinzu: »Isch muss selbst mit ihm reden.«

Victoriana schiebt sie auseinander, wie ein Eispickel, der sich durch Mount Rushmore pflügt. Die zwei Bodyguards wollen sich offenbar nicht auseinanderdividieren lassen, aber sie haben keine andere Wahl. Sie ist schließlich ihre Prinzessin.

Sie stellt ihre Sandale auf die Theke. Sie besteht aus olivfarbenem Schlangenleder, kostet im Laden über tausend Dollar und hat einen gerissenen Riemen.

All das nehme ich kaum wahr.

Das Einzige, was ich wahrnehme, ist, dass noch immer ihr Fuß darin steckt. Und der hängt an ihrem Bein. Auf meiner Ladentheke!

»Hübsch, non?«, sagt sie.

»Doch.« Das Wort ist kaum mehr als ein Ausatmen. Dann kapiere ich, dass sie die Schuhe meint. »Ja, hübsch. Donna Karan, aus Italien. Ich habe sie in der Vogue gesehen, sie sind aus der Frühlingskollektion.«

»Isch brauche deine ’ilfe.« Beim Sprechen bläst sie Mojito-Dämpfe – Rum und Pfefferminzblättchen – zu mir herüber. »Das sind meine Lieblingsschuhe, und jetzt …« – verzweifelt schaut sie auf ihren Fuß, als wäre er ein verletzter Welpe – »… sind sie ruiniert.«

»Okay.« Trotz meiner blank liegenden Nerven setzen meine Instinkte ein, und ich strecke die Hand nach dem Schuh aus. Als mich ihr Bodyguard finster anblickt, halte ich in meiner Bewegung inne. »Ähm, ich kann dir helfen. Ich kann ihn reparieren.«

»Oh, merci!« Die Prinzessin klatscht in die Hände und fällt beinahe nach hinten, aber der Bodyguard fängt sie auf. »Und kannst du bis morgen früh um ’alb elf damit fertisch sein? Isch bin mit dem Bürgermeister zum Mittagessen verabredet und muss misch zeitig in Schale werfen. Es ist äußerst wischtig.«

Einen Augenblick lang klingt sie überhaupt nicht betrunken. Sie klingt, als würde sie über etwas weit Wichtigeres als einen Schuh sprechen. Zum Beispiel über den Weltfrieden.

Doch dann schwankt sie wieder, und ich bezweifle, dass sie um halb elf überhaupt schon wach sein wird, geschweige denn auf zwölf Zentimeter hohen Stöckelschuhen gehen kann. Aber ich sage: »Der Schuh wird rechtzeitig fertig sein«, wobei ich mir schon überlege, wie ich sie fragen könnte, ob sie die Schuhe, meine Schuhe, anprobieren würde.

»Du bist mein ’eld!« Sie beugt sich noch weiter vor – ziemlich beweglich für jemanden, der so betrunken ist – und küsst mich auf die Wange. Dann zieht sie ihren Schuh aus. Sie lässt ihren Fuß von der Theke rutschen und torkelt dabei nach hinten in ihre Bodyguards. Als sie sich wieder gefangen hat, sagt sie: »Sag ihm meine Zimmernummer, isch ’abe sie vergessen.«

Der Bodyguard sagt etwas auf Französisch.

»Nein. Isch möchte, dass er ihn bringt. Er ist gut aussehend.«

Gut aussehend. Eine Prinzessin findet mich gut aussehend und lädt mich auf ihr Zimmer ein? Unmöglich.

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