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Kiss Me Once

Ivy

Ich ließ mein blitzblaues Mini Cabrio auf den weiß markierten Parkplatz rollen und stellte den Motor ab. Das monotone Brummen, das mich die letzten drei Stunden begleitet hatte, erstarb plötzlich. Mein mit Anhängern völlig überfüllter Schlüsselbund klimperte, als ich ihn abzog und damit auch dem Radio den Saft abdrehte. Ich nahm die Sonnenbrille von meiner Nase, warf sie in meine Handtasche und sprang aus dem Auto.

Himmel, hatte ich lange gesessen! Ächzend streckte ich mich, zog meinen hochgebundenen Pferdeschwanz fester und schloss den Wagen ab. Die schwüle Hitze Floridas ließ die Luft förmlich flirren, sodass ich mich beeilte, in den Laden zu kommen. Hoffentlich funktionierte wenigstens die Aircondition. Der 7-Eleven sah nämlich genauso aus wie der vor fünf Kilometern. Weißer Kasten, grüne Streifen, abblätternde Farbe und ein leicht defektes Neonschild, sodass die 7 mehr wie eine 1 aussah. Vor fünf Kilometern hatte ich im letzten Moment doch noch gekniffen. Zu deutlich hatte ich noch die Worte meiner Mutter in Erinnerung, dass man sich dort drinnen weit Schlimmeres als nur No-Name-Produkte einfangen konnte. Aber dieses Mal wollte ich es durchziehen. Ich straffte die Schultern und gab mir selbst einen imaginären Tritt, dann betrat ich den Laden. Sofort spürte ich, wie mir die Klimaanlage eiskalte Luft direkt ins Gesicht pustete. Als ich einen kurzen Blick auf mein Spiegelbild in einem der Fenster erhaschte und die pinken Haarspitzen sah, die sich in der feuchten Hitze kringelten, konnte ich nicht anders, als zu grinsen. Da sollte noch einer behaupten, das Ergebnis sähe niemals so aus wie auf der Packung. Ich hatte mein Shirt gestern beim Färben zwar mehr eingesaut als meine Haare, aber das, was letztendlich Farbe abbekommen hatte, sah grandios aus! Das dunkelblaue Chanel-Kostüm, das mir meine Mom rausgelegt hatte, lag immer noch zu Hause auf dem Bett. Stattdessen trug ich eine Jeans-Short aus dem Walmart, kombiniert mit einem weißen T-Shirt, auf dem ein Regenbogeneinhorn Ballett tanzte. Ich konnte mich nicht erinnern, jemals so billige Sachen getragen zu haben, aber bei Gott – ich liebte jedes einzelne Stück! Sogar die No-Name-Flipflops an meinen Füßen, von denen meine Mutter immer behauptete, dass sie schon allein vom Hinsehen eine Plastikvergiftung bekäme. Aber als ich sie im Walmart an der Kasse hatte hängen sehen, war gleich ein Paar in meinem ohnehin schon vollen Einkaufswagen gelandet. Die Einkaufstüten und -kisten stapelten sich nun bereits bis zum geschlossenen Verdeck meines Minis. Den Walmart konnte ich also als Destination-Stop auf meiner Liste abhaken. Jetzt war der 7-Eleven dran.

Neugierig blickte ich mich um. Das Innere des Ladens war genauso schäbig, wie er von außen aussah, und sofort drang mir der aufdringliche Geruch nach Zitronenreiniger in die Nase. Meine Flipflops quietschten auf dem billigen Linoleum, während ich – mit einem der klebrigen Einkaufskörbe in der Hand – zielgenau auf das Regal mit den Isodrinks zusteuerte. Und da war es. Mein Ein und Alles. Das, wofür sich die letzten drei Stunden bereits ausgezahlt hatten.

»Gatorade!«, rief ich voller Freude. Ein Grinsen breitete sich auf meinem Gesicht aus. Die wenigen Kunden in meiner Nähe guckten mich zwar ziemlich komisch an, aber das war mir im Augenblick vollkommen egal.

»Kommt zu Mama!«, flötete ich und schaufelte jede blaue Flasche, die mir in die Finger kam, in den Korb. Dabei war mir auch egal, dass die Isodrinks nicht gekühlt waren und sich schon eine leichte Staubschicht auf den Etiketten abgesetzt hatte. In den Dingern war sowieso nichts Natürliches enthalten, was hätte schlecht werden können. Glücklich tätschelte ich den Inhalt des schweren Korbs und hielt auf das Regal mit den Süßigkeiten zu. Meine Augen wurden groß. Ich hatte noch nie so viele Süßigkeiten kaufen können, wie ich wollte. Sofort landete eine Jumbopackung Rainbow Nerds in meinem Korb der Sünde. Gefolgt von Twinkies, Pop-Tarts, Twizzlers, Reese’s-Keksen und Oreos mit Minzgeschmack. Fünf Minuten später sah mein Korb aus, als hätte ich für die Geburtstagsparty einer zuckersüchtigen Achtjährigen eingekauft. An meinem achten Geburtstag hatte es damals nur Lachs-Kanapees mit Kalbsbries gegeben, weshalb ich diesen Einkauf als Akt der ausgleichenden Gerechtigkeit ansah. Als Krönung warf ich daher auch noch ein paar Double Chocolate Fudge Cookies dazu. Mein achtjähriges Ich hätte bei diesem Anblick vor Freude bestimmt angefangen zu heulen. Okay, mein achtzehn Jahre altes Ich war ebenfalls kurz davor, in Tränen auszubrechen. Aber ich hielt mich zurück. Der Verkäufer sollte mich nicht für noch durchgeknallter halten als ohnehin schon.

»Hallo!« Ich grinste breit, als ich meinen überquellenden Korb triumphierend auf seinem Tresen abstellte.

»Hey«, nuschelte er zurück und musterte mich skeptisch. Er musste etwa in meinem Alter sein, vielleicht ein wenig älter. Bestimmt studierte er nebenher. Ein anderer Grund fiel mir nämlich nicht ein, warum man diesen Job hier freiwillig machte. Ich ertappte mich dabei, wie ich ihn anstarrte. Der Ärmste hatte ein unvorteilhaftes Akneproblem und einen Hals, der so lang und dünn war, dass ich seinen Adamsapfel hüpfen sah. Aber dadurch wirkte er viel natürlicher als die Jungs, die ich bisher kennengelernt hatte. Ich konnte mich nicht dran erinnern, wann ich das letzte Mal einen Menschen mit solchen Hautproblemen gesehen hatte. Die meisten, die ich kannte, konnten vor lauter Botox und Lasereingriffen nicht einmal mehr lächeln. Aber dieser Junge wirkte so … normal. Natürlich war vielleicht das bessere Wort. Ich fühlte mich ein bisschen, als hätte ich einen kleinen Kulturschock. Es war alles so ganz anders, als ich es erwartet hatte. Das war zwar irgendwie traurig, aber gleichzeitig fand ich es faszinierend.

»Wie gehts?«, erkundigte er sich höflich bei mir, während er begann, den Süßkram zu scannen und in eine grüne Tüte zu packen.

»Wundervoll, danke! Und selbst?«, erkundigte ich mich überschwänglich, was ihm ein verhaltenes Grinsen entlockte.

»Muss schon gehen. Heiß heute, nicht wahr? Bist du auf dem Weg zum College?«, erkundigte er sich.

»Ja. Zur UCF, ich fange in den nächsten Tagen dort an. Wie kommst du darauf?«

Der Typ lachte, was seine Grübchen aufblitzen ließ. »Ach ja. Erstes Semester«, sagte er, während er meine Einkäufe in die Tüten verfrachtete. Er befüllte inzwischen schon die dritte. »Man sieht es den Neuen immer sofort an. Da ist alles noch so anders und aufregend. Zu diesem Zeitpunkt glauben sie noch, neben dem Büffeln ein Leben zu haben. Deshalb kaufen sie sich auch all die Dinge, die sie zu Hause nicht essen durften.« Spöttisch zog er eine dunkle Augenbraue hoch, während er demonstrativ eines der neonblauen Gatorades in die Tüte warf. Mir stieg die Röte in die Wangen. »Glaub mir, am Ende des Semesters bettelst du deine Mom an, dass sie dir einen grünen Salat macht.«

Niemals!

»Also … gehst du auch auf die UCF?«, erkundigte ich mich und versuchte, nicht ganz so neu und aufgeregt zu wirken. Was gar nicht so einfach war, denn bis gestern hatte ich – wegen des Koffeins – noch nicht einmal Schwarztee trinken dürfen. Wüsste meine Mom von meinem beinahe schon exzessiven Konsum an Gatorades, würde sie wohl einen Herzinfarkt bekommen, mich enterben und in eine Klinik für Anonyme Koffeinsüchtige stecken. Nicht zwingend in dieser Reihenfolge.

Mein Versuch, eine coole Miene zu ziehen, musste wohl ziemlich in die Hose gegangen sein, denn sein Lächeln wurde noch breiter.

»Drittes Semester, Englisch und Kunst auf Lehramt. Falls du in einem Fach Mrs Garcia bekommst, nimm die Beine in die Hand und lauf, ehe sie auch noch deine Seele in die Finger bekommt.«

Ich prustete. »Danke für diese aufbauenden Worte. Sollte ich auch einen Pflock mitnehmen?«

»Nein, Weihwasser sollte vorerst reichen. Zumindest, um dir genügend Zeit zu verschaffen«, antwortete er vollkommen ernst und reichte mir die raschelnden Tüten. Insgesamt fünf. »Das macht 90 Dollar und 58 Cent.«

»Augenblick!« Ich wühlte zwischen undefinierbaren Dingen in meiner Handtasche herum, bis ich endlich meine Geldbörse gefunden hatte. Ich zählte die Scheine bar ab und schob ihm hundert Dollar über den Tresen. »Passt so und danke für die Tipps.«

Ich wuchtete mir die Tüten über die Schulter und wollte gerade wieder zurück zu meinem Mini wanken, als eine große Hand mir überraschend zwei wieder abnahm. »Warte. Ich helfe dir noch tragen.«

Perplex hob ich den Kopf und sah zum ersten Mal das weiße Namensschild, das auf seine Brust gepinnt war. »Es bedient Sie: Jeff«, entzifferte ich die krakelige Handschrift. »Danke … Jeff, aber das muss nicht sein. Ich bin ein großes, starkes Mädchen.«

»Gerne. Und natürlich muss das sein. Zu einem großen, starken Mädchen fehlen dir nämlich noch ein paar Zentimeter«, zog er mich auf.

Ich zögerte. Nicht, dass hier so viel Kundschaft rumlaufen würde, dass er sofort jemanden bedienen musste, aber so viel spontane Hilfsbereitschaft war mir doch ein wenig unangenehm. Die Worte von meinem Vater und Harry, die ich in den letzten Jahren immer wieder gehört hatte, hatten eindeutig Spuren hinterlassen. Nicht in fremde Autos steigen, nichts annehmen, keine privaten Dinge ausplaudern. Zu groß war die Gefahr, dass mich jemand erkannte und im nächsten Augenblick auch schon die Presse oder gar Schlimmeres auf der Matte stand. Anders als sonst hatte ich diesmal keine Bodyguards, die mich durch das Chaos schleusten. Ich war allein. Meine Knie zitterten vor Nervosität, doch ich konnte nicht länger hier rumstehen, denn Jeff war schon nach draußen gelaufen. Ich holte tief Luft und eilte ihm hinterher.

Nach der angenehmen Kühle im 7-Eleven war die Hitze draußen wie ein Schlag ins Gesicht. In Florida zu atmen, war in etwa so einfach wie auf dem Meeresboden. Ächzend holte ich den Autoschlüssel aus meiner Handtasche und sperrte den Mini auf, der kurz aufblinkte. Jeff steuerte schnurstracks darauf zu und wollte schon die Kofferraumtür aufmachen, als ich ihn mit einem kurzen Aufschrei davon abhielt.

»Nicht!« Ich rannte zu ihm und drückte die Klappe wieder zu. Dahinter rumpelte es bereits verdächtig. »Wenn du das jetzt aufmachst, fällt alles raus.«

Jeff hob abwehrend die Hände. »Sorry! Wohin dann mit den Tüten? Auf den Rücksitz?«

»Nein! Der … äh … ist auch voll. Warte kurz …«

Ich lächelte, öffnete die Fahrertür und quetschte mich mit meinen raschelnden Tüten hinters Steuer. Vorsichtig platzierte ich die Tüten auf den Haufen, der auf dem Beifahrersitz bereits jede Sicht verstellte. Ich drehte mich wieder zu Jeff herum, damit er mir die restlichen Tüten reichen konnte. Da auf dem Beifahrersitz inzwischen auch schon alles voll war, drückte ich sie kurzerhand zwischen meine Sachen auf dem Rücksitz. Wir zuckten beide zusammen, als wir das Rumpeln von Gatorades hörten, die in den Fußraum hinabpurzelten. Ups.

»Danke für deine Hilfe, Jeff«, sagte ich schnell und schloss die Tür. Gerade als ich den Motor gestartet hatte, klopfte Jeff noch mal vorsichtig an mein Fenster. Ach herrje, langsam wurde er ein wenig aufdringlich. Trotzdem ließ ich das Fenster ein Stück herab und sah ihn fragend an.

Jeff grinste. »Kein Ding, ich helfe gerne. Ich würde dich ja nach deiner Nummer fragen, aber ich denke mal, meine Chancen, dich wiederzusehen, sind höher, wenn ich dir stattdessen Nachhilfe anbiete … falls du im kommenden Semester welche benötigst.«

»Wirklich?« Ich lächelte schwach. »Ich weiß nicht, ob ich welche brauchen werde, aber falls, komme ich gerne auf das Angebot zurück.« Als ob ich Nachhilfe brauchen würde.

»Immer gern.«

»Das ist nett von dir.«

»Ja, so bin ich. Freund und Helfer hübscher Erstsemesterinnen. Falls du Interesse hast, findest du mich in der Verbindung Delta Phi. Frag einfach nach Jeff, die anderen schicken dich dann zu mir.« Jeff räusperte sich, klopfte auf das Dach meines Autos und trat einen Schritt zurück.

»Delta Phi. Ich werd’s mir merken. Bis dann.« Langsam fuhr ich vom Parkplatz. Als ich einen Blick in den Rückspiegel warf, sah ich noch, wie Jeff mir zum Abschied winkte und dann grinsend in den Markt zurückschlenderte.

Okay, irgendwie war er süß gewesen. Und unglaublich nett. Aber was noch besser war: Er hatte keine Ahnung gehabt, wer ich war. Und diese Tatsache ließ mich ebenfalls bis über beide Backen grinsen.

Ryan

Ivy H. Redmond.

18 Jahre alt.

Blonde Haare.

Blaue Augen.

Sommersprossen.

1 Meter 62 groß.

Blutgruppe 0.

Schuhgröße …

Ich ließ die Akte sinken und zog eine Augenbraue hoch. »Ernsthaft? Ihre Schuhgröße?«

»Du verbringst das Semester mit ihr, Junge. Irgendwann wirst du mir für diese ganzen Informationen noch danken.« Harry lachte und schlug mir auf die Schulter.

Fuck! Der Mann mochte vielleicht über fünfzig sein, aber sein Schlag war alles andere als sanft. Ich zwang mich, nicht vor Schmerzen das Gesicht zu verziehen, und überflog erneut die Raw Facts über meine neue Klientin. Auch wenn mir ein paar der Informationen absolut unnötig vorkamen. Ich meine, ernsthaft? Warum musste ich wissen, dass sie heimlich Gatorade trank? Aber Harry – aka mein Dad – würde keine Ruhe geben, ehe er sich nicht sicher war, dass ich mir auch wirklich alle Details eingeprägt hatte. Dafür kannte ich Harry viel zu gut. Ein angepisster Harry war kein guter Harry, weshalb ich mich wieder auf die Akte konzentrierte.

»Wofür steht eigentlich das H. von Ivy H.?«, erkundigte ich mich.

Mein Vater winkte ab. »Sie hat einen zweiten Namen, nach ihrer Großmutter oder so, ist aber nicht so wichtig. Lies weiter.«

Ich schaffte es gerade noch, nicht genervt die Augen zu verdrehen. Stattdessen fasste ich musterschülerhaft den nächsten Absatz zusammen.

»Ivy ist in Florida geboren und aufgewachsen. Einzelkind. Erbin von geschätzten dreißig Milliarden Dollar der Firma RedEnergies, inklusive diverser Tochterunternehmen. Hervorragender Notendurchschnitt in sämtlichen Fächern. Sie hat Harvard und Princeton abgelehnt, um ein Stipendium an der UCF anzunehmen. Sie hat … Warum zum Teufel lehnt man Harvard ab?« Erneut ließ ich die Akte sinken und starrte Harry an.

»Ivy ist ein kleiner Sturkopf«, brummte mein Dad, während er sich im Nacken kratzte. »Ich arbeite jetzt schon … was in etwa fünfzehn Jahre für die Redmonds. Zumindest lange genug, um noch zu wissen, dass sie schon als kleines Kind immer mit dem Kopf durch die Wand musste. Ihr Vater ist ein ehemaliger Absolvent von Harvard und investiert, soweit ich weiß, auch in einige fakultäre Fachbereiche. Bei ihrer Mutter verhält es sich ähnlich mit Princeton. Ich glaube, Ivy hatte daher auch das Gefühl, dort nicht die Anonymität zu besitzen, die ihr die UCF bietet.«

Ich konnte nur den Kopf schütteln. Typisch reiche Kids. Ich konzentrierte mich wieder auf die Akte in meiner Hand und überflog die nächste Zeile: Isst am liebsten Froot Loops zum Frühstück. Ich schnaubte. Welche Achtzehnjährige tat das? Und warum zum Teufel musste ich das wissen? Sollte sie nicht eher goldbestäubten Kaviar oder so essen?

Unwillkürlich musste ich an diese Reality-Shows über die Reichen und Schönen denken, die sich meine Mom so gerne ansah. Da warfen die Kids ständig Champagner auf Boote und verpulverten in Nachtclubs an einem Abend mehr Kohle, als ich in einem Jahr verdiente. Ivy Redmond war bestimmt genauso.

Ich seufzte. Meinen ersten Job hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt. Ich hatte mir in der IBA, der International Bodyguard Association, die Seele aus dem Leib trainiert. Hatte mir zweimal die Nase brechen lassen und insgesamt fünf Nasen zurückgebrochen. Plus/minus einen Arm. Aber das war ein Unfall gewesen. Als ich endlich meine Ausbildung in der Tasche gehabt hatte, kreisten meine Jobvorstellungen eher darum, wichtige Politiker zu beschützen. Nicht darum, verzogene Achtzehnjährige davon abzuhalten, sich mit einem Hundert-Dollar-Schein Koks durch die Nase zu ziehen.

»Hier steht, dass sie mit einem Pseudonym an der Universität eingeschrieben ist. Als Ivy Bennet. Wer hat sich denn diesen Scheiß ausgedacht?«

»Ich«, murrte Harry.

»War ja klar, du Fantasiebestie.« Lachend las ich weiter. »Sie ist allergisch gegen Sellerie, hat eine Hundehaarallergie und bekommt zudem extrem schnell einen Sonnenbrand, weshalb ich immer darauf achten muss, dass sie genügend Sonnenschutz verwendet. Harry, ernsthaft? Ich bin ihr Security, nicht ihr Babysitter!«

»Oh doch, mein Junge, genau das bist du. Dafür wirst du bezahlt und wenn da steht, dass du sie jeden Morgen aus dem Bett klopfen sollst, damit sie nicht ihre Vorlesungen verschläft, dann wirst du auch das machen. Steht auch alles im Kleingedruckten«, brummte Harry gutmütig und sah sich noch einmal in dem schmalen Wohnheimzimmer um, das wir soeben auf seine Sicherheit überprüft hatten.

Ich warf einen Blick auf das Kleingedruckte. Und tatsächlich, das stand da wirklich. Offensichtlich war Ivy Redmond ein Morgenmuffel.

Seufzend faltete ich die Akte zusammen und steckte sie mir so gut es ging in die hintere Hosentasche. Dann sah ich mich ebenfalls noch mal im Raum um. Das Zimmer war so gut wie leer. Die Matratze lag nackt auf dem Gitter des klapprigen Bettgestells. Der Schreibtisch sah einfach, aber zumindest solide aus. Langsam ging ich ans andere Ende, um die Fenster zu checken. Sie sahen genauso aus wie die in jedem anderen Zimmer des Wohnheims auch – jedoch mit dem Unterschied, dass diese hier kugelsicher waren. Quasi das Dormitory-Upgrade für Ivy Redmond. Ich bezweifelte allerdings, dass sie wusste, welche Extras ihr Daddy hatte einbauen lassen.

»Weiß sie schon, dass wir Zimmernachbarn sind? Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie von dieser Nachricht sonderlich begeistert gewesen ist«, erkundigte ich mich bei Harry, der die versteckte Sicherheitsanlage hinter dem Kleiderschrank inspizierte. Ich war es ja selbst nicht gewesen. Aber es gehörte nun mal zum Job.

»Sie weiß zumindest, dass sie Begleitschutz bekommt. In welchem Ausmaß, haben wir ihr aber vorerst verschwiegen, sonst wäre die Streiterei für alle Beteiligten nur noch anstrengender gewesen.«

Ich zog eine Augenbraue hoch und lehnte mich gegen den Türrahmen. »Nur so als nette Frage am Rande: Was denkt sie denn, welche Art von Begleitschutz sie bekommt? Weiß sie, dass ich neben ihr in der Uni sitzen werde wie ein Stalker?«

Harry zögerte und ich sah tatsächlich so was wie schlechtes Gewissen über seine kantigen Züge huschen. »Tja, was das angeht, muss ich dich noch um etwas bitten …«

»Oh nein.«

Harry verzog die Mundwinkel und kratzte sich verlegen am Nacken. »Sie weiß zwar, dass ein Security auf sie aufpasst, aber vielleicht kannst du das ständige … Observieren ein wenig dezenter verpacken und so tun, als ob …«

»… ich der nette Student von nebenan wäre? Harry!« Ich schnaufte. »Im Ernst: Das kann doch nur schiefgehen. Spätestens wenn ich darauf bestehe, sie sogar bis zur Toilette zu begleiten, wird sie wissen, wer ich bin. Zumindest wenn ihr IQ über den einer Erdnuss hinausgeht.«

Wenigstens besaß Harry den Anstand, rot zu werden. »Wie du das machst, ist ganz dir überlassen, Junge. Aber sei nett. Ich glaube, sie kann einen Freund ganz gut gebrauchen. Ivy ist ein liebes Mädchen. Ihr werdet euch bestimmt gut verstehen, sonst hätte ich dich nicht für diesen Job ausgesucht.«

Ich verschränkte die Arme vor der Brust. »Nein, du hast mir diesen Job aufgedrückt, weil du hoffst, dass ich hinschmeiße und stattdessen wieder die Studienbank drücke, um später deine Security-Firma zu übernehmen, Dad.«

Er seufzte und zuckte ergeben mit den breiten Schultern. »Ich denke immer noch, dass es das Beste für dich wäre zu studieren. Du bist jung. Genieß das Leben. Der aktive Außeneinsatz läuft dir schließlich nicht davon.«

»Du kennst meine Meinung dazu.« Ich schaute demonstrativ zur Seite. Keine Ahnung, wie oft wir dieses Thema inzwischen schon durchgekaut hatten.

Harry schien Ähnliches zu denken, denn er nickte nur und stapfte aus dem Zimmer. »Schön, wenn du den Job wirklich machen willst, nur zu … Halte ein bis zwei Semester durch, danach sehen wir weiter.«

Schwungvoll stieß ich mich vom Türrahmen ab und folgte meinem Vater aus dem Wohnheim.

Es war gerade mal Mittag und wir hatten bereits alle Vorbereitungen getroffen, um für Ivy Redmonds Sicherheit garantieren zu können. Schweigend gingen wir zu dem schwarzen SUV, mit dem Dad mich heute Morgen samt meiner Umzugskisten hergebracht hatte. Die Luft im Inneren des Wagens stand praktisch vor Hitze, als Harry sich hineinhievte.

»Brauchst du sonst noch was, Junge?«, erkundigte er sich und tippte mit gerunzelter Stirn auf dem Navi herum. Dieser Mann mochte der Chef einer Security-Firma sein und sogar einen Anschlag in kürzester Zeit erfolgreich vereiteln können, aber bei alltäglichster Technik stellte er sich manchmal etwas ungeschickt an. Resigniert nahm ich ihm das Navi aus der Hand und gab sein Reiseziel zurück nach Miami ein.

»Keine Sorge«, sagte ich, nachdem ich ihm das Navi zurückgegeben hatte, und klopfte ihm beruhigend auf die Schulter. »Ich komme klar. Das Mädchen kommt erst übermorgen. Ich habe also sogar noch genug Zeit, mir alles anzusehen, bevor ich zum Babysitter mutiere.«

»Gut. Du hast alle Handynummern, falls etwas schieflaufen sollte?«

»Ja. Alles da.«

»Vergiss nicht, jede Woche deinen Bericht abzuliefern.«

»Ich mach sogar kleine Post-its rein und male Herzchen zur bildhaften Unterstreichung.«

»Haha, du und zeichnen? Deine Scherze waren auch schon mal besser, Kleiner.«

»Vielleicht sollte ich Kunst studieren. Wäre doch schade um mein Talent.«

Harry verdrehte die Augen. »Sehr witzig. Vergiss bitte nicht, deine Mutter anzurufen«, brummte er.

»Klar, mach ich. Und sag den Zwillingen, dass sie ihre Finger von meinem Zeug lassen sollen. Nur weil ich nicht da bin, dürfen sie noch lange nicht in mein Zimmer.«

Mein Dad lachte. »Kann ich machen, aber wir wissen beide, dass sie nicht auf mich hören werden. Okay. Mach’s gut, Ryan.«

»Tschüss, Dad«, sagte ich und schlug die Autotür zu.

Harry hielt sich nicht mit weiterem Geplänkel und tränenreichen Verabschiedungen auf. Musste er auch nicht. Die letzte Stunde hatten wir den Fall Ivy Redmond zur Genüge durchgekaut. Ich wusste, was zu tun war. Und ich würde ihm sowieso wöchentlich Bericht erstatten. Nachdenklich starrte ich dem SUV hinterher und spielte dabei unbewusst mit meinem Lippenpiercing. Tja, da war ich jetzt. Allein auf einem Campus, der berühmt war für seine Verbindungspartys und seine hübschen Mädchen. Mir blieben also noch siebenunddreißig Stunden, um genau diese Dinge in vollen Zügen auszukosten, bevor meine Klientin hier auftauchte und ich beweisen musste, wie verdammt gut ich in meinem Job war.

Ivy

Ich war da. Holy Moly! Ich war so glücklich und aufgeregt, dass ich beinahe ein wenig Gatorade verschüttet hätte. Fasziniert starrte ich auf die Verbindungshäuser der University of Central Florida, an denen ich im Schritttempo vorbeifuhr. Durch das halb geöffnete Fenster blies mir ein warmer Wind ins Gesicht. Die Verbindungen verströmten allesamt das typische Südstaatenflair: grüner, perfekt gestutzter Rasen, eine Veranda und griechische Zeichen an der Front und – obwohl die Uni offiziell noch nicht begonnen hatte – bereits ziemlich viele Studenten, die sich trotz der brütenden Mittagshitze im Freien tummelten. Irgendwo musste auch gerade eine Party gefeiert werden, denn die Musik war nicht zu überhören.

Während ich langsam die Auffahrt entlangfuhr, hüpfte mein Blick von einem Verbindungshaus zum nächsten. Ich wusste gar nicht, wo ich zuerst hinsehen sollte. Auf der linken Seite war eine Verbindung, die sich Gamma Sigma Eta nannte. Und daneben, ganz in Blau gestrichen, lag Alpha Tau Omega, wo sich Mädchen auf der Veranda rekelten, die allesamt aussahen, als wäre das Aufnahmekriterium an perfekte 90-60-90 gebunden. Ich wurde noch langsamer, denn rechts von mir warfen sich gerade ein paar Jungs – teilweise ohne Shirts! – lachend einen Football zu.

Jeese! Was musste ich tun, um dieser Football zu sein? Ich würde alles tun, um … Kreischend trat ich auf die Bremse. Trotz der geringen Geschwindigkeit schnitt mir der Gurt in die Schulter. Die Reifen quietschten kurz, während der Typ erschrocken zurücksprang.

»Scheiße! Pass doch auf, wo du hinfährst!«, fuhr er mich an und schlug wütend auf die Motorhaube.

Schwer atmend zuckte ich zusammen und hob entschuldigend die Hände vom Lenkrad. »Sorry! Ich hab nicht aufgepasst.«

»Ganz offensichtlich nicht«, schimpfte er. »Hör auf zu gaffen und fahr mit deiner Barbie-Karre weiter!« Abrupt drehte er sich um und eilte in Richtung Kappa Sigma davon.

»Wa…? Hey! Kein Grund, so gemein zu werden«, rief ich aufgebracht.

Doch mein Beinahe-Autounfallopfer zeigte mir nur den Mittelfinger. Einen tätowierten Mittelfinger, um genau zu sein. Obwohl es höllisch heiß war, trug er eine schwarze Jeans und ein farblich angepasstes T-Shirt samt grinsendem Totenschädel. Plötzlich fiel mein Blick auf seine Piercings. Irgendwie wirkte der Typ ziemlich einschüchternd. Na toll, fast hätte ich ein Mitglied von Zeta Delta Untot getötet. Sofort bekam ich wieder ein schlechtes Gewissen. Schnell rief ich ihm ein »Trotzdem noch mal sorry« nach. Prompt bekam ich wieder den Mittelfinger zu sehen. Was für ein netter Typ. Hoffentlich sahen wir uns nie wieder. Mit finsterer Miene starrte ich ihm hinterher, während er in dem Verbindungshaus verschwand, aus dem die laute Musik zu kommen schien. Na, das war ja ein guter Start.

Ein lautes Hupen hinter mir ließ mich erschrocken im Sitz zusammenfahren. »Wird das heute noch was?«, brüllte mir ein Typ in einem schwarzen Hummer zu. Ich winkte entschuldigend, legte den Gang ein und folgte den Schildern, die mich vom Verbindungsviertel ins Herz der Uni führten. Aber als ich zu den Parkplätzen abbog, musste ich feststellen, dass Abstellplätze für fahrbare Untersätze an der UCF offenbar Mangelware waren. Ich fuhr gefühlte zwanzig Minuten in dem kleinen Parkhaus herum, bevor ich außerhalb des Betonklotzes noch einen Platz fand. Okay, zugegeben: Es war nur eine sehr schmale Lücke, die zwei Autos zwischen sich freigelassen hatten, und als ich haarscharf an der Sachbeschädigung vorbeischrammte, waren zwei Sachen für mich ziemlich klar. Erstens würde ich die Türen nicht öffnen können, ohne dabei die anderen Autos zu demolieren – ich musste also aus dem Cabrio klettern und mein Zeug vorerst hier drinnen lassen. Zweitens würde ich diesen Platz nie wieder im Leben hergeben – aber das lag hauptsächlich daran, dass ich nicht wusste, wie ich aus der Lücke wieder herauskommen sollte.

Mit zittrigen Fingern stellte ich den Motor ab und ließ mich mit einem Seufzen, das tief aus meiner Brust kam, in den Sitz zurückfallen. Von der katastrophalen Parksituation einmal abgesehen, hatte ich es endlich geschafft. Ich war an der UCF. Ich war da! Alleine. Ohne meinen Vater. Ohne Harry oder einen der anderen Securitys. Mein Magen schlug vor Aufregung Purzelbäume, während mein Gehirn auf Hochtouren arbeitete. Was sollte ich als Erstes tun? Mir standen so viele Möglichkeiten offen. Da es erst Mittag war, hatte ich noch mehr als genug Zeit, den Campus zu erkunden, mich mit anderen Studenten anzufreunden, eventuell noch mal nachzuprüfen, zu welcher Verbindung die Shirtless-Jungs von vorhin gehörten und ob die nicht auch Mädchen aufnahmen, und mich bei der Wohnheimvermietung zu melden. Ob ich eine Mitbewohnerin bekam? Oder gar einen Mitbewohner? Bei dem Gedanken musste ich lächeln. Möglich wäre es auf jeden Fall, da nur die Waschräume getrennt, die Zimmer selbst aber gemischt waren. Zumindest hatte ich es so auf der Website gelesen. Meine Fantasie lief prompt Amok. Möglicherweise war mein Mitbewohner ein heißer Sportstudent, der mir ein paar Übungen am Reck beibringen wollte. Oder ein Schauspielstudent, der mit mir unbedingt die Kussszene für sein nächstes Stück üben musste …

Das Klingeln meines Handys war wie ein eiskalter Kübel Wasser, der meine Fantasie zur Ordnung rief. Mit einem Seufzen kramte ich in meiner Tasche nach dem Handy. Als ich jedoch sah, wer meine Tagträume unterbrochen hatte, zögerte ich. Daddy Doom. Meine Finger schwebten unentschlossen über dem Display. Ich hatte den Anruf zwar erwartet, jedoch mit ein paar Stunden mehr Puffer gerechnet, bevor auffiel, dass ich nicht – wie angekündigt – nur eine Shoppingtour nach Miami gemacht hatte. Na ja, shoppen war ich schon, allerdings bei Walmart und nicht bei Chanel. Und danach war ich einfach weitergefahren, anstatt erst in zwei Tagen anzureisen – mit einem Koloss von Bodyguard, der mir an den Hacken klebte. Nachdenklich schielte ich zu meiner Tasche. Ich könnte den Anruf einfach ignorieren, mir stattdessen das Nötigste schnappen und dann ganz zufällig das Handy im Wagen liegen lassen … aber wem wollte ich etwas vormachen? Wenn ich nicht zumindest ein kurzes Statement abgab, dass es mir gut ging und ich nicht entführt wurde, gäbe es innerhalb der nächsten halben Stunde einen internationalen Fahndungsbescheid. Kurz und schmerzlos. Mit einem Seufzen drückte ich auf den grünen Hörer und hielt mir das Handy ans Ohr.

»Hey, Daddy …«

»Ivy! Wo zum Teufel bist du?« Die Stimme meines Vaters war so laut, dass ich erschrocken das Handy weghielt. Schnell drückte ich leiser und begann, meine Tasche zu packen.

»Ah, habe ich vergessen, das zu erwähnen?« Natürlich hatte ich das. »Ich bin ein wenig früher losgefahren und gerade an der UCF angekommen.«

»Du bist was?« Ich konnte förmlich sehen, wie die Ader auf seiner Stirn deutlich hervortrat und sein Kopf vor Zorn rot anlief, während er in seinem schwarzen Nadelstreifenanzug im Büro auf und ab lief und ins Telefon brüllte.

Carl Redmond war ein toller Vater. Aber er regte sich ziemlich oft auf. Besonders in letzter Zeit. Was wohl vor allem meine Schuld war. Ich versuchte, kein schlechtes Gewissen zu bekommen.

Ich räusperte mich verlegen, während ich die Umzugskisten auf dem Beifahrersitz zur Seite schob, um die Unterlagen für die Wohnheimanmeldung aus dem Handschuhfach zu holen. »Ich bin an der UCF, Daddy«, wiederholte ich ruhig.

»Bist du von allen guten Geistern verlassen? Weißt du, was du uns allen für eine Angst eingejagt hast, als du einfach nicht nach Hause gekommen bist? Deine Mutter wollte schon die Polizei rufen.«

»Ach Daddy, es ist ein Uhr mittags, nicht drei Uhr morgens.«

»Dir hätte sonst was passieren können«, schimpfte mein Dad. Er brüllte zwar nicht mehr, aber ich konnte immer noch hören, wie er wütend in seinem Büro herumstapfte. »Ich dachte, du bist inzwischen verantwortungsbewusst genug, um auf diese Alleingänge zu verzichten. Du weißt ganz genau, wie gefährlich es sein kann, wenn du ohne Geleitschutz unterwegs bist. Was hast du dir dabei gedacht, einfach so zu fahren? All deine Sachen sind doch noch hier!«

Ja, all meine Chanel-Kostüme, knielangen Röcke und unbequemen High Heels. Sprich alles, was mir meine Mutter zusammengepackt hatte. Mein altes Leben und das, was damit zusammenhing, lag immer noch zu Hause auf meinem Bett. Mein neues Leben hatte ich mir für knapp zweihundert Dollar im Walmart gekauft. Aber das würde Dad nicht verstehen, deswegen schwieg ich lieber.

»Es ist nichts vorbereitet!«, brüllte mein Vater plötzlich wieder. »Du bist ganz allein dort. Es war geplant, dass ich noch mit deinen Dozenten spreche, bevor die Kurse anfangen …«

»Daddy!«, unterbrach ich ihn scharf. »Ich habe dir klar und deutlich gesagt, dass ich allein an die UCF fahren möchte. Ich will auch nicht, dass du mit meinen Dozenten redest. Wir haben das oft genug durchgekaut. Deine Bedingung für die öffentliche Uni war, dass mich einer deiner Men in Black begleitet, schön und gut. Aber ich lasse es nicht zu, dass du hier einfährst wie der Präsident persönlich. Das wäre mein sozialer Selbstmord!«

»Es geht hier nicht um sozialen Selbstmord, sondern um deine Sicherheit, Ivy!«

Ich schnaubte. »Bisher hat noch niemand versucht, mich umzubringen oder zu entführen, aber wenn du noch ein bisschen lauter brüllst, kommen bestimmt noch ein paar potenzielle Meuchelmörder angerannt.«

»Werd nicht frech, junge Dame. Du steckst bis zum Hals in Schwierigkeiten.«

Eigentlich steckte ich knöcheltief in Gatorade, aber das würde ich ihm jetzt nicht auf die Nase binden. Da folgte ich ganz dem Motto meines letzten Glückskekses: Die Klugen wissen zu schweigen. Ich presste die Lippen fest aufeinander und atmete ein paarmal tief durch. Da ich meinem Vater sehr ähnlich war, tat er wahrscheinlich das Gleiche.

»Es geht mir gut, Daddy. Ich habe schon alles organisiert und werde mich jetzt im Wohnheim anmelden. Wenn dein Security hier eintrifft, soll er bei mir klingeln.«

»Ivy, du wirst nicht …«

»Hab dich lieb!«

»Ivy! Du bleibst, wo du bist. Ich werde deinen Bodyguard anrufen. Er soll dich sofort …«

»Bye!«, unterbrach ich ihn mitten im Satz. Ohne auf seine Reaktion zu warten, legte ich auf. Himmel! Mein Herz schlug so schnell, als wäre ich gerade einen Marathon gelaufen. Meine Hände verkrampften sich um die ledernen Riemen meiner Handtasche. Gleichzeitig fühlte ich mich aber irgendwie auch verdammt gut. Triumphal. Als hätte ich gerade eine kleine Schlacht gewonnen. Oh, das würde noch mächtig Ärger geben. Keinen Zweifel. Aber nicht jetzt. Dad wusste, wo ich mich befand. Er war zwar nicht glücklich darüber, aber zumindest gab es keinen Grund mehr, die US Army zu meiner Rettung zu schicken. Trotzdem zweifelte ich nicht daran, dass ich in den nächsten Stunden meinen Begleitservice auf der Matte stehen haben würde. Also musste ich die kurze Zeitspanne ohne Babysitter noch nutzen. So schnell ich konnte, packte ich die restlichen Unterlagen in meine Tasche und ließ die Fensterscheibe wieder hochfahren. Keine Ahnung wie, aber irgendwie schaffte ich es doch, aus dem Auto zu steigen, ohne das Auto neben mir zu beschädigen. Nachdem ich den Mini abgeschlossen hatte, ging ich einfach der Nase nach. Das Handy ließ ich dabei wohlweislich im Auto.

Ryan

Mein verdammtes Handy hatte keinen Akku mehr. Zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt aller Zeiten. Ich wollte gerade das letzte grüne Schwein abschießen, sah den roten Vogel in der absolut perfekten Bahn darauf zusteuern, als das Display einfach schwarz wurde.

»Fuck!« Ich warf das Ding vor mir in den Rasen und verschränkte seufzend die Arme hinter dem Kopf, während ich in den blauen Himmel starrte. Keine Ahnung warum, aber irgendwie wirkte der Tag heute lauter und greller als sonst. Sogar die Musik, die aus dem Verbindungshaus hinter mir drang und meine Trommelfelle zum Vibrieren brachte, war irgendwie viel zu laut. Es konnte erst ein oder zwei Uhr mittags sein, aber bereits jetzt waren alle komplett dicht. Eigentlich könnte der Tag für mich nicht besser laufen. Ich war vorhin zufällig einem ehemaligen Highschool-Kollegen über den Weg gelaufen. Ihn als Freund zu bezeichnen, würde zu weit gehen, da wir in vier Jahren Highschool höchstens ein paar Runden Football gespielt und uns im Gang zugenickt hatten. Aber offensichtlich hatte das an Sozialkontakt ausgereicht. Shane hatte mich sofort wiedererkannt und auf eine dieser Verbindungspartys eingeladen. Alfa Zeta … was auch immer. Anscheinend war die Aufnahmebedingung, dass man Steroide zum Frühstück isst und mit den Hanteln ins Bett geht. Zumindest sahen die Mitglieder so aus, als könnten sie die Mädchen von gegenüber, Delta Dulfta, was auch immer, mit einer Hand hochheben. Ich hatte für heute Abend sogar schon ein Date in Aussicht. Und eigentlich hatte ich mich bisher auch super amüsiert.

Doch dann hätte mich dieses eine Mädchen mit ihrem Auto fast über den Haufen gefahren. Keine Ahnung warum, aber seitdem war meine Stimmung im Keller. Schon eine ganze Weile saß ich abseits der grölenden Partymeute und versuchte, mich mit Angry Birds abzulenken. Aber dann hatte mein Handy den Geist aufgegeben. Jetzt starrte ich missmutig in den Himmel und versuchte, die vorbeikriechenden Wolken mit imaginären Vögeln abzuschießen. Ich war dabei zu verlieren. Verdammt.

Immer wieder warf ich einen Blick auf mein Handy, als würde ich auf einen Anruf oder eine Nachricht warten, was natürlich sinnlos war, weil das Ding ja keinen Saft mehr hatte. Meine Laune war inzwischen auf den absoluten Nullpunkt gesunken. Nicht nur, weil ich jetzt nicht mehr zocken konnte, sondern auch, weil ich in solchen Dingen normalerweise sehr zuverlässig war. Das iPhone war ein überteuerter Gimmick aus der Firma meines Vaters und besaß eine extralange Akkulaufzeit. Im Notfall hatte ich eigentlich auch immer eine Powerbank dabei, aber die steckte irgendwo in meinen Umzugskartons.

Ich stand auf und lief unruhig auf und ab. Vielleicht setzten mir der Wechsel an die UCF und mein bevorstehender Job doch mehr zu, als ich mir zuvor eingestanden hatte. Was überhaupt keinen Sinn machte. Es war vollkommen idiotisch, mir jetzt schon Sorgen über meinen Auftrag zu machen. Ivy Redmond würde erst übermorgen ankommen und es war egal, ob sie mich mochte oder nicht. Sie war nur das Sprungbrett zu meiner Karriere. Ein, höchstens zwei Semester musste ich durchhalten, um meinem Vater zu beweisen, dass es sich gelohnt hatte, für diesen Job das College zu schmeißen. Um ihm zu zeigen, wie verdammt gut ich darin war, Leben zu retten. Viel zu gut, um wie er hinter einem Schreibtisch zu versauern und alles nur noch durch Statistiken, Daten und Berichte zu koordinieren. Wahrscheinlich war ich ein undankbarer Sohn, aber ich wollte diesbezüglich einfach mehr.

Mist, der leere Akku machte mich immer nervöser. Wenn ich während meiner Ausbildung eins gelernt hatte, dann war es, auf mein Bauchgefühl zu hören. Denn oftmals konnte eine intuitive Reaktion den Unterschied bedeuten, ob eine Kugel in deiner Schulter steckte oder eben nicht. Ohne hinzusehen, schnappte ich mir das Handy und sprang auf die Beine. Ich sollte das Ding wirklich aufladen, bevor …

Plötzlich krachte etwas hart gegen meinen Rücken.

»Was zum …?« Fluchend kam ich ins Stolpern. Rosa Haarsträhnen füllten mein Gesichtsfeld und ich hörte einen überraschten Schrei, der mir in den Ohren klingelte.

Ich reagierte instinktiv. Obwohl ich gerade selbst zu Boden fiel, drehte ich mich blitzschnell herum und schlang schützend die Arme um die Taille des Mädchens, damit es auf mir landen würde. Pfft. Mir schoss die Luft aus den Lungen, während sich ein schlanker, warmer Körper an mich presste. Ein Knie drückte mir ziemlich unangenehm in die Leiste, was mich schmerzerfüllt aufstöhnen ließ. Himmel! Das waren die spitzesten Knie der Weltgeschichte.

»Fuck! Hast du was mit den Füßen oder findest du mich einfach nur umwerfend?« Schwer atmend starrte ich das Mädchen an – und blickte in die größten blauen Augen, die ich jemals gesehen hatte. Wow.

Helles Haar mit rosa Spitzen fiel ihr in wirren Wellen um die Schultern und kitzelte meine Brust, während sich schmale Finger in mein schwarzes T-Shirt krallten. Blasse Sommersprossen tanzten auf einer niedlichen Stupsnase, die sich erschrocken kräuselte, als sie sich wie von der Tarantel gestochen aufrichtete.

»Holy Crap! Tut mir leid! Geht es dir gut?«

Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen, besonders als sie begann, meine Arme nach möglichen oder unmöglichen Brüchen abzutasten. Dabei saß sie breitbeinig auf mir, sodass mein Blick direkt auf ihren Brüsten landete – und ach du Scheiße! Wenn das mal nicht die heißesten Brüste vom ganzen Campus waren. Das konnte selbst das tanzende Einhorn auf ihrem T-Shirt nicht verstecken. Schnell wandte ich mich wieder ihrem Gesicht zu. Doch je länger ich sie betrachtete, desto mehr hatte ich das Gefühl, sie irgendwoher zu kennen …

»Hey, hast du mich nicht vorhin fast überfahren?«

Das Mädchen erstarrte. Ihr Mund klappte auf und formte ein entzückendes O, während ihr Blick von meinem Unterlippenpiercing zu den silbernen Steckern in meinen Ohren und dann weiter zu den etwas längeren schwarzen Stirnfransen wanderte, die ich mir wegen der Hitze mit einer kleinen Klammer hochgesteckt hatte. Amüsiert beobachtete ich ihr Mienenspiel, das von Besorgnis zu dezenter Panik wechselte, als sie die schwarzen Tattoos entdeckte, die aus meinem V-Ausschnitt hinausragten.

»Ähm, ja«, stotterte sie und sah dabei aus wie ein verschrecktes Kaninchen, das vor dem großen bösen Wolf die Ohren anlegte. »Noch mal sorry deswegen, ich hab nicht aufgepasst.«

»So wie gerade auch nicht?«, fragte ich verärgert.

Schuldbewusst zuckte sie zusammen. »Tut mir leid«, murmelte sie leise.

War ihr bewusst, dass sie immer noch rittlings auf mir saß?

»Aber das war nicht mit Absicht, ich hab einen Football an den Kopf bekommen«, fügte sie mit einem entschuldigenden Lächeln hinzu und deutete auf das ovale Ding, das ein Stück neben uns im Gras lag. Was?

»Hey!« Shane kam grinsend auf uns zugejoggt. »Sorry! Der Pass ging ein bisschen zu weit. Geht es euch gut?« Die Frage war zwar an uns beide gerichtet, doch sein Blick klebte dabei an dem Mädchen, dem er helfend die Hand entgegenstreckte. Amüsiert beobachtete ich, wie sie Shane anstarrte, als hätte er ihr gerade ein unanständiges Angebot gemacht.

»Alles okay?«, hakte Shane nach, als sie seine Hand immer noch ignorierte.

Langsam wanderte ihr Blick zu seinem nackten Oberkörper – und blieb dort hängen. Das T-Shirt, das dieses übertriebene Sixpack eigentlich verdecken sollte, musste er wegen der Hitze ausgezogen haben.

Shane entging ihr Blick natürlich nicht. »Wie wär’s, soll ich dir aufhelfen? Ich lad dich als Entschuldigung gern auf einen Drink ein«, sagte er mit einem Augenzwinkern. »Oder soll ich dich weiter auf Ray hocken lassen? Sieht aus, als hättet ihr es gerade ziemlich gemütlich.«

»Was?« Verwirrt sah sie auf mich runter.

Ich versuchte, ein Grinsen zu unterdrücken, und deutete auf ihre Beine, die sich um meine Hüften schlangen. Nicht dass ich was dagegen gehabt hätte, aber normalerweise wusste ich den Namen der Lady, der ich so viel Körperkontakt zu verdanken hatte. Zumindest von den meisten wusste ich ihn.

»Oh, verdammt!«

Ihre Wangen liefen knallrot an und sie schoss so schnell in die Höhe, dass sie prompt wieder über meine Beine stolperte. Ihre Augen waren vor Entsetzen weit aufgerissen.

Gerade wollte ich sie beschwichtigen, dass es Schlimmeres gab, als ein leicht durchgeknalltes Mädchen auf sich sitzen zu haben. Doch dann wurde mir klar, dass sie gar nicht mich ansah. Fast panisch eilte sie zu einer gigantischen Handtasche, aus der eine Flasche Gatorade herausgefallen war. Scheiße, das Zeug gab es immer noch? Ich dachte eigentlich, die Gesundheitsbehörde hätte das Giftgemisch längst aus dem Verkehr gezogen. Aber offensichtlich nicht, denn der neonblaue Inhalt breitete sich ziemlich schnell über dem Rasen und in ihrer Tasche aus.

»Oh nein, die Unterlagen für das Wohnheim«, jammerte sie und schraubte die Flasche verzweifelt zu. Mit spitzen Fingern hob sie ein paar vollkommen durchnässte Anmeldeformulare hoch.

Shane starrte peinlich berührt auf die tropfenden Zettel, während er den Football von einer Hand in die andere warf. »Uh, sorry noch mal. Der Ball hat dich bestimmt ganz schön hart am Kopf erwischt. Ist dir schwindlig? Brauchst du ’n Coolpack oder so?«

Das Mädchen wurde ganz blass um die Nase und schüttelte hektisch den Kopf, dabei taumelte sie ein wenig.

»Hey, geht’s dir gut?« Besorgt sprang ich auf die Füße und hielt sie am Ellenbogen fest.

»Ja … nein … meine Anmeldezettel!« Sie klang tatsächlich verzweifelt, während sie vorsichtig versuchte, den pappigen Haufen trocken zu wedeln. Das Gatorade spritzte dabei in alle Richtungen.

»Keine Panik«, meinte Shane und ließ den Ball auf seinem Zeigefinger kreiseln.

Scheiße, langsam ging er mir damit echt auf die Nerven. Konnte der das Ding nicht mal eine Sekunde weglegen?

Ich warf Shane einen finsteren Blick zu, bevor ich mich wieder an das Mädchen wandte. »Er hat recht, wenn es noch lesbar ist, dann kannst du es noch verwenden. Ansonsten musst du nur zur Verwaltung gehen und dir dort neue Formulare holen. Ist doch für das Wohnheim, oder?«

»Ich … ja …« Sie sah auf und nickte hektisch, wobei sie leicht zusammenzuckte. Ihr tat also doch der Kopf weh. »Ich sollte in einer Stunde mein Zimmer zugeteilt bekommen«, fügte sie leise hinzu.

»Zeig mal!« Shane rupfte ihr die Anmeldezettel aus der Hand, was das nasse Papier sofort auseinanderreißen ließ.

Ich fluchte. »Scheiße, Shane! Lass mal stecken. Ich mach das schon.« Ich nahm ihm die durchweichten Zettel ab und versuchte, noch etwas zu entziffern. Alles, was ich genauer lesen konnte, war, dass ihr Name mit I begann. Isa? Iris? Der Rest war absolut hinüber. »Ich befürchte, du musst zur Verwaltung«, teilte ich ihr mit.

»Shrimp! Und wo ist die Verwaltung? Mein Campusplan ist ja jetzt auch komplett nass.«

Als ich ihren deprimierten Blick wahrnahm, zog sich etwas in meiner Brust zusammen.

»Tja also, ich geh dann mal wieder zurück. Nimm dir ein Bier, Süße, geht auf mich«, meinte Shane. »Kommst du mit, Ray?« Er sah mich abwartend an, während er den dämlichen Football wieder von einer Hand in die andere warf. Wenn er nicht bald damit aufhörte, würde ich ihm das Ding noch da reinstecken, wo die Sonne nicht hinkam.

»Nein, lass mal. Ich helfe …« Ich drehte mich wieder zu dem Mädchen herum. »Wie war noch mal dein Name?«

Sie biss sich auf die Unterlippe und sah unter ihren hellen Wimpern zu mir hoch.

»I…, ähm, Haidi.«

Haidi? Und was war mit dem I? Auf dem Zettel stand eindeutig ein I. Aber was wusste ich schon, vielleicht hatte das Gatorade einfach den Rest vom H weggeätzt. »Cool, also ich begleite Haidi zur Verwaltung«, sagte ich zu Shane, zu Haidi gewandt fügte ich augenzwinkernd hinzu: »Nicht dass du am Ende doch noch jemanden umbringst.« Amüsiert beobachtete ich, wie ihr die Röte in die Wangen schoss. Niedlich.

»Klar, wie auch immer.« Shane zuckte mit den Schultern. »Wir sehen uns später, Ray.«

»Klar, bis später.«

Wir nickten uns zum Abschied kurz zu und ich nahm mir im gleichen Augenblick vor, den Kontakt in Zukunft auf dieses Nicken zu beschränken. Langsam fiel mir wieder ein, warum ich neunundneunzig Prozent der anderen Kids in der Highschool nicht hatte ausstehen können.

»Es ist wirklich nett, dass du mir helfen willst, aber du musst das nicht tun. Ich komme schon klar. Außerdem fühle ich mich ein wenig komisch dabei, mir von dem Typen helfen zu lassen, dem ich fast meinen ersten Mord samt Fahrerflucht zu verdanken habe«, sagte Haidi neben mir.

Lachend guckte ich auf sie runter. Verdammt, war sie klein. Wie eine Elfe, nur … heißer. »Fahrerflucht? Wärst du etwa nicht stehen geblieben, um zu schauen, ob ich noch atme?«

Unweigerlich blieb mein Blick an ihren vollen Lippen hängen. Die Vorstellung, dass Haidi sich über mich beugte, um mich mit einer Mund-zu-Mund-Beatmung wiederzubeleben, ließ mich noch breiter grinsen.

Haidi musterte mich skeptisch. Ihre Augen verengten sich und sie kräuselte die Nase, als wüsste sie ganz genau, welch schmutzige Fantasien mein Hirn gerade produzierte. »Weiß nicht, meine Barbie-Karre ist nicht zu unterschätzen. Wenn ich mal wen platt walze, steht er für gewöhnlich nicht wieder auf«, stichelte sie und verschränkte die Arme vor ihrer Oberweite, die …

Räuspernd zwang ich meinen Blick nach oben. »Tja, wenn du mit dem Ding in Pink angekommen wärst, hätte ich mich wahrscheinlich freiwillig überfahren lassen«, zog ich sie auf.

Haidi funkelte mich böse an. »Okay, klar, wie auch immer. Ich muss dann mal die Verwaltung suchen. Du musst wirklich nicht mitkommen. Sorry noch mal wegen dem Beinaheunfall und … ähm … dem Umrennen.« Damit warf sie ihre Tasche über die Schulter, machte auf dem Absatz kehrt und lief los.

Verdutzt blickte ich ihr nach, den fliegenden blonden Haaren mit den pinken Spitzen und einem Paar schlanker blasser Beine hinterher, die sich schnell von mir entfernten. Rannte sie gerade vor mir davon?

Ivy

Aaaaah. Peinlich. Peinlich. Peinlich. Ich spürte, wie mir das Blut in die Wangen schoss. Bestimmt war ich knallrot im Gesicht – wie ein Hummer, der in der unerträglichen Hitze zu kochen anfängt. Ich verpasste mir innerlich einen Tritt für den peinlichsten Auftritt meines gesamten Lebens. Ohne mich noch einmal umzudrehen, flüchtete ich über das kurze Rasenstück der Verbindung und versuchte dabei, möglichst nicht auf den herumliegenden Bierdosen auszurutschen und mir den Hals zu brechen.

Warum musste so was auch immer mir passieren? Konnte ich nicht einmal in meinem Leben cool sein? Oder zumindest so viel Glück haben, nicht ausgerechnet den Typen über den Haufen zu rennen, den ich davor schon fast überfahren hatte? Einen total einschüchternden Kerl noch dazu! Dieser Ray sah aus, als könnte er auf dem Cover für Sexy Ink posieren. Meine Mutter hätte mich gar nicht erst in die Nähe von jemandem gelassen, der so aussah wie … wie … na ja, eben wie Ray. Nicht dass er schlecht aussah. Wenn ich ehrlich war, sah Mr Beinaheunfall sogar richtig gut aus. Holy Moly! Wie ein tätowierter Panther. Schlank, groß, geschmeidig und sein Lächeln brachte mich einem halben Herzinfarkt nahe. Ich schauderte und rannte gleichzeitig schneller. Meiner lebhaften Fantasie davon, die schamlos schnurrend in Rays Armen zurückgeblieben war. Irgendwie hatte mich diese Begegnung verstört. Seine grünen Augen ließen mich nicht mehr los. Als würde man in zwei funkelnde Smaragde blicken, in denen eine Persönlichkeit schimmerte, bei der sich mir sämtliche Nackenhaare aufstellten. Ich konnte seinen Blick immer noch auf mir spüren.

Prompt meldete sich auch mein Verfolgungswahn. Um mich selbst zu beruhigen – und um sicherzugehen, dass Ray mir nicht doch folgte –, drehte ich mich noch mal um und stellte fest, dass ich bereits ein ganzes Stück die Straße runtergelaufen war. Doch ohne meine Brille sah ich ein wenig verschwommen – meine Kontaktlinsen hatte ich in Miami vergessen –, weshalb ich die Studenten, die vor einer blau gestrichenen Veranda herumstanden und aus roten Plastikbechern tranken, nur undeutlich erkennen konnte. Kein Ray in verschwommener Sicht.

Er könnte sich aber auch hinter einem Baum verstecken. Ich schüttelte den Kopf, um den unsinnigen Gedanken zu vertreiben. Warum sollte er so etwas tun? Nicht mal ich hatte so viel Pech, mir gleich in den ersten zehn Minuten am College einen Stalker anzulachen. Aber … nun ja … Was, wenn er dich erkannt hat und nur auf eine Gelegenheit wartet, dir zu folgen?, flüsterte eine Stimme in meinem Kopf, die verdächtig nach Harry, dem Security meines Vaters, klang. Automatisch straffte ich meine Schultern, nahm eine gerade Haltung ein und kniff die Pobacken zusammen. Selbst als imaginäre Stimme hatte Harry diese Wirkung. Zu tief saß der Drill, den er mir seit meiner Kindheit eingeimpft hatte. Immer wachsam bleiben. Körperkontakt vermeiden. Nichts annehmen. Mit niemandem mitgehen. Unter keinen Umständen die Handynummer hergeben. Und falls mich jemand bedrängte, sollte ich so schnell wie möglich eine geschützte Ecke suchen und sofort Harry oder einem der anderen Securitys Bescheid geben, damit sie mich mit dem SUV abholen kommen konnten.

Die letzte Maßnahme hatte ich erst zweimal in Anspruch nehmen müssen. Einmal, als ein paar Paparazzi mich beim Shoppen erkannt und zu aufdringliche Fragen zum Crash der RedEnergies-Aktien im letzten September gestellt hatten. Und einmal, weil meine ehemalige Freundin Chloé felsenfest davon überzeugt gewesen war, dass ein fremder Typ ihre neue Valentino klauen wollte. Im Nachhinein betrachtet, hatte er uns eher wegen Chloés Sonnenstudiounfalls so angeglotzt. Beide Male hatte ich nur meinen Notfall-Pager drücken müssen, und Harry hatte innerhalb von wenigen Minuten auf der Matte gestanden. Nur konnte ich das jetzt gerade leider nicht tun. Mein neuer Security würde erst später eintreffen. Meinen Pager hatte ich zwar in meiner Handtasche, aber Harry war zweihundertfünfzig Meilen weit weg. Also musste ich die Situation selbst in die Hand nehmen und verflucht noch mal aufhören, herumzulaufen wie ein kopfloses Huhn.

Ich zwang mich dazu, langsamer zu gehen und die stickige Luft einzuatmen. Meine Lungen brannten vom Laufen, aber zumindest half der Sauerstoff ein wenig, mein rasendes Herz zu beruhigen. Ich atmete tief ein und aus, versuchte, die antrainierte Vorsicht gegenüber anderen Menschen – insbesondere bei fremden Menschen – meditativ wegzuatmen, bis mir von dem ganzen Sauerstoff schwindlig wurde. Ein Stück weiter vorn zweigte die Straße bereits zu den Parkplätzen ab. Kurz überlegte ich, zurück in mein Auto zu steigen und meinen Vater um sofortigen Geleitschutz zu bitten. Es waren nur knappe drei Stunden bis zum Campus. Harry könnte eventuell Steve schicken, bis … nein! Ich war kein Angsthase. Ich würde das hinbekommen! Ich musste das alleine schaffen. Demonstrativ ging ich in die andere Richtung, weg vom Parkplatz.

Vor mir breitete sich eine große Parkanlage aus. Das satte Grün half mir dabei, meine Angst unter Kontrolle zu kriegen. Meine Knie zitterten zwar immer noch, aber ich blickte nicht zurück. Stattdessen strebte ich entschlossen ein rotes Backsteingebäude an, das wie eine Fakultät oder ein Wohnheim aussah. Obwohl ich mir natürlich vorher den Campusplan angesehen und eingeprägt hatte, musste ich nun doch feststellen, dass ich absolut keine Ahnung hatte, wo ich mich gerade befand. Seufzend blieb ich stehen und suchte in den durchnässten Unterlagen nach dem Campusplan. Es musste doch möglich sein herauszufinden, wo um alles in der Welt ich war. Oder wo sich die Verwaltung versteckte. Angestrengt studierte ich die feuchten Linien. Dabei versuchte ich penibel, das bereits eingerissene Papier nicht noch weiter zu beschädigen. Mit der Fingerkuppe fuhr ich über ein paar Balken, die wohl den Parkplatz markierten. Und daneben … Verwirrt legte ich den Kopf schief. Diese Striche und Kreise halfen mir nicht wirklich, mich zu orientieren. Laut Campusplan lag die Verwaltung bei einem Wohnheimkomplex, der wie ein Y aussah. Direkt neben einem Gebäude, das wie ein X aussah. Aber als ich mich umschaute, konnte ich weder ein X noch ein Y entdecken. Das Haus vor mir ähnelte eher einem verzogenen, schiefen L. Frustriert schnaubte ich. So würde ich nicht weiterkommen. Also musste ich auf dem Plan nach Dingen suchen, die in meiner unmittelbaren Umgebung waren. Das auffälligste in meiner Nähe war eine Statue von Ben Franklin, der jemand eine Harry-Potter-Narbe verpasst hatte. Ich starrte wieder auf den Plan und nach nur wenigen Sekunden hatte ich sie gefunden. Direkt neben … Gebäude T. Argh!

»Brauchst du Hilfe?«

Warmer Atem traf meinen Nacken.

Wenn dir jemand von hinten zu nahe kommt, halte ihn dir vom Leib – nutze alles, was du hast, selbst wenn es nur einer deiner Pumps ist!

Erschrocken fuhr ich herum und schleuderte der Person hinter mir die durchnässten Zettel ins Gesicht. Es war zwar kein Pump, aber meine Flipflops schienen mir auch nicht unbedingt geeigneter als Waffe. Zumindest schien es einen erblindenden Effekt zu haben, denn der Typ jaulte auf und wischte sich hektisch das Papier aus den Augen.

»Hölle, brennt das Zeug!«

Holy Turkey! Es war Ray. Er blinzelte heftig, während er sich immer wieder übers Gesicht wischte und Papierklumpen ausspuckte. Um nicht getroffen zu werden, wich ich ein paar Schritte zurück, bis ich mit dem Rücken gegen Ben Franklins Knie stieß. Kampfbereit hob ich meine Handtasche. Das Ding war so vollgepackt mit Gatorade und anderen Sachen, dass ich ihn damit noch bis übermorgen k.o. schlagen könnte. Irgendwo musste auch noch Pfefferspray und eine Vergewaltigungspfeife sein, aber bis ich die endlich ausgegraben hatte, hatte ich schon längst zugeschlagen.

»Was willst du von mir?«, rief ich und war unglaublich stolz darauf, wie taff ich klang.

»Ähm, dir helfen? Zumindest hatte ich das vor, bevor du mich mit Säure beworfen hast.« Ray blinzelte mich anklagend unter seinen nassen schwarzen Wimpern an. »Scheiße!« Ächzend wischte er sich über die Augen. »Wenn das Zeug wegen dem Gatorade so brennt, solltest du wirklich aufhören, es zu trinken. Das kann nicht gesund sein.«

Das schlechte Gewissen, das sich gerade einschleichen wollte, war sofort wie weggeblasen. Denn niemand beleidigte mein heiliges Getränk. Herausfordernd verengte ich die Augen zu Schlitzen. »Es ist auch nicht gesund, wenn man eine Handtasche zwischen die Beine geschlagen bekommt. Also sag, was du von mir willst, oder hau ab!«

Ein halb verärgerter, halb belustigter Ausdruck huschte über Rays Gesicht. Einmal mehr wurde mir bewusst, wie sehr mich sein Aussehen verunsicherte. Ray war vielleicht kein Anabolika-Muskelprotz, aber er war trotzdem ziemlich groß und durchtrainiert. Die Tattoos auf seinen Armen leuchteten in der Sonne wie schwarze Schlangen und verliehen ihm eine gefährliche Ausstrahlung. Mein Herz schlug plötzlich schneller, während ich mich Schutz suchend enger an die Statue drückte – genau gegen das spitze Knie von Benjamin Franklin. Autsch!

Ray knabberte an seinem Unterlippenpiercing, während er mich mit seinen grünen Katzenaugen abschätzend musterte. Keine Ahnung, was er sah. Ich hoffte auf eine wütende Kriegerprinzessin Xena. Aber wahrscheinlich sah er nur ein verängstigtes Häschen mit pinken Fellbüscheln.

»Was willst du?«, wiederholte ich.

Ray hörte auf, auf seiner Unterlippe herumzuknabbern, und hob beruhigend die Hände. »Hey, alles gut, Haidi. Ich wollte gerade in mein Wohnheim zurück. Und als ich dich gesehen habe, dachte ich, du willst vielleicht doch meine Hilfe.«

Haidi? Ach ja, fast hätte ich vergessen, dass ich mich vorhin mit meinem zweiten Vornamen vorgestellt hatte. Meine ehemalige Freundin Chloé hatte mich auch manchmal so genannt. Eigentlich mochte ich den Namen nicht besonders, trotzdem war es mir sicherer erschienen, mich nicht sofort als Ivy vorzustellen.

»Klar, du wolltest nur ganz zufällig zurück …«, sagte ich skeptisch. »Und was ist mit der Party?«

Ray zuckte lässig mit den Schultern und ging noch einen weiteren Schritt zurück. Meine Panik ebbte dadurch zwar ein wenig ab, doch das Misstrauen blieb.

»Ich bin selbst erst heute angekommen und muss noch auspacken«, fuhr er fort. »Außerdem sind mir die Typen auf die Nerven gegangen. Keine Ahnung, wie die das warme Bier literweise trinken können – das schmeckt wie Pisse.«

Ein freches Grinsen breitete sich auf Rays Gesicht aus, sodass ich ein Zungenpiercing zwischen seinen weißen Zähnen aufblitzen sehen konnte. Jeese!

Angestrengt versuchte ich, meine Angst hinunterzuschlucken. Zumindest glaubte ich, dass es Angst war, die mein Herz wie verrückt schlagen ließ.

»Okay, also, kannst du bitte aufhören, mich zu stalken?«, presste ich hervor. »Das macht mich dezent nervös.« Vielleicht half es ja, wenn ich ehrlich zu ihm war.

Ray lachte, trat jedoch einen weiteren Schritt zurück. Dabei fiel ihm das dunkle Haar in die Stirn. »Kein Problem. Stalken war ohnehin nie meine Stärke. Aber ich mach dir einen Vorschlag: Ich könnte ja mal ganz zufällig in Richtung Wohnheimverwaltung gehen und du könnest mir ebenso zufällig die paar Meter folgen. Danach kann ich beruhigt in mein Zimmer gehen und du musst heute Nacht nicht neben Benny schlafen.«

Er deutete kurz auf die Statue, gegen die ich mich immer noch presste, und steckte sich dann die herabgefallenen Haare wieder mit einer kleinen Klammer hoch. Ein paar Strähnen standen danach wirr von seinem Kopf ab, was irgendwie niedlich aussah und eine erstaunlich beruhigende Wirkung auf meinen Puls hatte.

Okay, es gab keinen Grund, Angst vor Ray zu haben. Er war – von seinem wilden Äußeren einmal abgesehen – wahrscheinlich ein ganz netter Kerl. Ich reagierte gerade nur ein wenig über. »Klingt gut«, gab ich schließlich zu.

Ray lächelte. Dabei bildete sich ein kleines Grübchen in seiner linken Wange. Und zum ersten Mal sah ich auch die leichte Einkerbung in seinem Kinn.

Ohne auf eine Antwort von mir zu warten, schob er die Hände in seine Hosentaschen und ging einfach los. In eine komplett andere Richtung als die, in die ich eigentlich hatte gehen wollen. Irritiert blinzelte ich ihm hinterher. Also, entweder wollte er mich in die Irre führen, k.o. schlagen und mich dann an einem finsteren Ort gefangen halten und Lösegeld erpressen … oder ich hatte absolut keinen Orientierungssinn. Wahrscheinlich letzteres. Schnaufend trottete ich ihm hinterher, hielt jedoch ein gewisses Maß an Sicherheitsabstand. Falls er etwas Dummes versuchte, könnte ich ihm immer noch Gatorade ins Gesicht spritzen.

Unauffällig ließ ich mich noch ein wenig weiter zurückfallen, um meinen Retter in der Not genauer betrachten zu können. Dabei konnte ich vor allem seine Kehrseite bewundern. Bisher hatte ich diese bei Jungs in meinem Alter hauptsächlich in Anzügen oder verdeckt von teuren Jacketts zu sehen bekommen. Höchstens noch in Golfhosen, die jede Schwärmerei für einen etwaigen knackigen Hintern sofort im Keim erstickten. Ray trug jedoch eine einfache Jeans, die wenig Spielraum für Interpretationen ließ. Dabei bewegte er sich so unglaublich geschmeidig, dass mir meine eigenen Schritte unverhältnismäßig laut vorkamen. Meine Flipflops waren das einzige Geräusch, das die Stille zwischen uns füllte. Nur hin und wieder begegneten wir auf dem Weg durch die grüne Campusanlage anderen Studenten. Ray ließ sich währenddessen durch nichts aus der Ruhe bringen. Er schien zu spüren, dass ich ihm nicht ganz traute, denn er sah kein einziges Mal zu mir zurück. Offenbar überließ er es mir, wie nah ich ihm sein wollte.

Nach ein paar Minuten entspannte ich mich endlich etwas und musterte neugierig den Campus, der für die nächsten Semester mein Zuhause sein würde. Die UCF schien im Großen und Ganzen eine riesige Parkanlage zu sein, in der sich die Fakultäten, Wohnheime und andere Gebäude verteilten. Das meiste war offenbar zu Fuß erreichbar und von den Bildern aus dem Internet wusste ich auch, dass es hier ein paar Cafés, einen Supermarkt und sogar einen Drugstore gab, der für die Studenten zur Verfügung stand. Ich würde also nicht mal den Campus verlassen müssen, wenn ich Klopapier kaufen musste.

Zwischen dem künstlichen Grün zogen sich breite Schotterwege hindurch, die teils von hohen, knorrigen Bäumen gesäumt waren. Die meisten davon waren mit dicht herabhängenden Flechten versehen und spendeten ein wenig Schatten. In regelmäßigen Abständen standen braune Parkbänke, auf denen es sich ein paar Studenten gemütlich gemacht hatten und in ihren Büchern schmökerten oder Kaffee schlürften. Die Gespräche und das sorglose Lachen hallten wie eine faszinierende Musik in meinen Ohren wider. Eine angenehme Gänsehaut überzog meine Arme und ich merkte, wie sich ein kaum wahrnehmbares Lächeln auf meine Lippen stahl. Freiheit. So sah also Freiheit aus und bald, nein, ab heute würde die UCF auch meine Karte in die Freiheit sein. Nicht mehr lange und ich würde mich endlich nicht mehr die ganze Zeit nervös umblicken, würde nicht mehr die ganze Zeit das Gefühl haben, schutzlos im Regen zu stehen. Solange ich hier war, würde ich den Notfall-Pager nicht mehr mit mir herumtragen müssen. Endlich konnte ich die Person sein, die ich schon immer sein wollte. Es brauchte nur eine Weile, bis mein Kopf das auch kapiert hatte. Entschlossen ging ich etwas schneller, sodass ich nun fast auf gleicher Höhe mit Ray war.

»Noch nicht viel los auf dem Campus«, brach er schließlich das Schweigen zwischen uns.

»Ja.« Ich lächelte ihn an und bemerkte mit pochendem Herzen, wie er die Geste erwiderte. Unauffällig wischte ich mir die nassen Hände an der Hose ab.

»Aber ich glaube, das wird sich bald ändern. Spätestens wenn die Anmeldungsphase für die Kurse, Clubs und Verbindungen beginnt«, redete Ray munter weiter. Er neigte den Kopf. »Hast du dich schon für eine Verbindung beworben?«

»Nein, ich habe mir zwar ein paar angesehen, aber ich bin weder katholisch noch sportlich genug, um infrage zu kommen«, erklärte ich ihm.

Er nickte. »Ganz unter uns: Ist vermutlich auch besser so. Sonst musst du am Ende noch auf die Heilige Schwesternschaft schwören, deine tugendhafte Jungfräulichkeit bis ans Ende der Collegezeit zu bewahren. Ich kann mir nichts Grauenhafteres vorstellen.«

Amüsiert sah ich zu ihm hoch. »Höre ich da etwa Verbitterung heraus? Sprichst du aus persönlicher Erfahrung?«

Getroffen fasste er sich an die Brust und stöhnte. »Du hast mich erwischt. Ich musste einen Keuschheitsschwur ablegen und bereue es seit fünf Minuten zutiefst. Aber immerhin bekomme ich gratis Essenscoupons.«

Wir lachten. Es war beinahe etwas schüchtern, ein Herantasten an den jeweils anderen. Aber ich musste zugeben, dass Ray einen tollen Humor hatte. Das ließ mich etwas mutiger werden.

»Ich habe mich bereits für ein paar Kurse angemeldet, auf die ich mich schon sehr freue«, sagte ich nach einer Weile.

»Cool. Welche Kurse hast du denn belegt?«

»Fix sind eigentlich nur die Pflichtvorlesungen fürs erste Semester. Aber ich habe auch noch genug Freizeit eingeplant für andere Kurse, die ich einfach so besuchen möchte.«

»Ah.« Ein Grübchen blitzte auf. »Und welche willst du abgesehen von den Basiskursen noch besuchen?«

»Alle!«

Er lachte und ein warmes Gefühl breitete sich in meinem Bauch aus. Verstohlen musterte ich ihn aus dem Augenwinkel. Meine Mutter beherrschte es perfekt, jemanden zu beobachten, ohne dass derjenige etwas davon mitbekam. Manchmal schien es fast so, als hätte sie Augen im Hinterkopf, vor allem dann, wenn sie sich mit jemandem unterhielt und dabei gleichzeitig verächtlich die Louis Vuittons aus der letzten Saison von der Person schräg hinter sich musterte und kommentierte. Sie schielte dabei nicht mal. Ich leider schon.

Ray schien davon allerdings wenig zu halten, denn sobald er meinen Blick auf sich spürte, drehte er sich zu mir und zog fragend eine Augenbraue nach oben. »Habe ich was im Gesicht?«

»Ähm … nein, nicht direkt«, nuschelte ich und spürte, wie mir die Hitze in die Wangen schoss. »Wie viele Piercings hast du?« Die Frage war raus, bevor ich mich zurückhalten konnte. Schnell biss ich mir auf die Unterlippe.

Ray grinste jedoch nur. »Zuzüglich der Stecker in den Ohren?«

Sag Nein! Es interessiert dich nicht! Doch anstatt auf meine innere Stimme zu hören, nickte ich.

»Lass mich mal überlegen.« Nachdenklich leckte er sich über die Unterlippe. Dabei musste er wohl mit dem Zungenpiercing gegen die Zähne gestoßen sein, denn ich hörte ein leises metallisches Klacken.

»Acht … nein, sieben. Das in der Augenbraue hat sich immer entzündet, darum habe ich es zuwachsen lassen.«

Fasziniert schielte ich auf seine schwarze Braue. Als er meinen Blick bemerkte, lehnte er sich zu mir herunter. Plötzlich war er mir so nahe, dass mir sein Geruch entgegenschlug, der so … na ja, nach Seife, Pfefferminz und etwas Aromatischem roch, das ich nicht benennen konnte, was aber eindeutig kein Parfum war. Es erinnerte mich ein wenig an Räucherstäbchen.

»Hier war es!« Er deutete auf eine winzige, kaum sichtbare Narbe am Rande seiner linken Augenbraue. Die – nebenbei bemerkt – ziemlich sexy aussah. Kräftig und elegant geschwungen. Mein Blick huschte zu dem silbernen Ring, der an seiner Unterlippe aufblitzte.

»Hat das nicht wehgetan?«, fragte ich und tippte an meine Unterlippe. Seine traute ich mich nicht anzufassen, auch wenn ich es vielleicht gewollt hätte. Ein Funkeln stahl sich in seine Augen. Er schien sich offenbar Mühe zu geben, mich nicht auszulachen.

»Gar nicht. Allerdings war ich an dem Tag, an dem ich es mir stechen ließ, auch nicht ganz nüchtern. Willst du es mal anfassen?«, bot er mir prompt an.

Hektisch schüttelte ich den Kopf. »N…nein danke!«

Ray sog grinsend den Ring in seinen Mund ein. Als er wieder herauskam, glänzte er in der Sonne.

Okay, das in der Lippe mochte ich. Ein bisschen zumindest. Aber hatte er nicht von sieben Stück gesprochen? Neugierig suchte ich nach weiteren Metallsteckern. Das in seiner Zunge musste Piercing Nummer zwei sein. Im linken Ohr zählte ich zwei Stecker und einen Ring, und im anderen Ohr einen Stecker. Nach meiner Rechnung fehlte demnach noch eines.

»Das letzte kann man nicht sehen.« Er zwinkerte mir verschwörerisch zu.

Sofort schoss mein Blick nach unten und mein Mund klappte auf. Hatte er etwa …? Jeese! Ich hatte zwar schon davon gehört, dass man sich den Genitalbereich durchstechen lassen konnte, aber diese Vorstellung war einfach nur verstörend.

Als Ray meinen entsetzten Gesichtsausdruck sah, prustete er los. »Du müsstest dich gerade selbst sehen.« Er versuchte, ernst zu bleiben, doch es gelang ihm nicht wirklich. »Wenn du es sehen willst, musst du mir nur mein Shirt ausziehen.«

Ray betrachtete mich mit einem verschmitzten Lächeln, während ich meinen Blick erleichtert wieder etwas höher wandern ließ. Also doch nicht Eier am Spieß, sondern nur die Brustwarze! Ich suchte nach dem verräterischen Ringabdruck unter seinem T-Shirt, doch ich sah nichts. Verwirrt sah ich ihn an.

»Wirklich? Du verarschst mich doch, oder?«, fragte ich skeptisch.

Rays Antwort bestand aus einem Augenzwinkern und einem wissenden Lächeln, das mir die Röte in die Wangen trieb. Seine Augen funkelten amüsiert.

Okay, es wurde mir hier eindeutig zu zweideutig. Mein prüdes Herz verkraftete das einfach nicht. Schnell rückte ich wieder etwas von ihm ab und wich seinem Blick aus.

»So, hier sind wir auch schon«, verkündete Ray nach einer Weile. Just in dem Moment, in dem ich mich unauffällig davonschleichen wollte. Erleichtert blieb ich stehen und betrachtete die vierstöckige Wohnheimanlage, die sich vor uns erstreckte. Viel schien auch hier noch nicht los zu sein. Nur ein paar wenige Fenster standen offen und aus einem der Zimmer weiter oben drang leise Musik zu uns herunter. Irgendwo lachten ein paar Mädchen. Der sauer vergorene Geruch nach abgestandenem Bier lag in der Luft und ich hätte lügen müssen, wenn ich behauptet hätte, begeistert von der Wohnheimanlage zu sein. Skeptisch sah ich zu Ray hinüber, der gerade ebenfalls das Gesicht verzog.

»So kurz vor dem Semester lassen alle, die schon hier sind, die Sau raus, bevor die Verwaltungsaufsicht die Zimmer kontrolliert. Deshalb findet hier morgen auch noch eine Party statt. Sehen wir uns da?«

»Ähm … vielleicht. Ich weiß ja noch gar nicht, in welches Wohnheim ich eingeteilt werde«, druckste ich herum, weil mir bei der Vorstellung, mit Ray eventuell das gleiche Wohnheim zu teilen, das Herz in die Hose rutschte. Holy Moly! Jetzt, wo unser Geplänkel vorbei war, wurde ich plötzlich wieder nervös. Ich räusperte mich. »Ich sollte dann mal gehen. Danke fürs Begleiten!«

Unsicher betrachtete ich wieder das Backsteingebäude, an das ein schmaler Anbau grenzte. Der Haupteingang des Wohnheims schien allerdings weiter vorn zu liegen.

»Die Verwaltung ist übrigens da hinten«, sagte Ray, als er meinen Blick bemerkte, und deutete auf den Anbau. »Und kein Ding. Wir sehen uns bestimmt bald wieder.« Er zwinkerte mir zu und zupfte neckisch an einer pinken Haarspitze, bevor er in Richtung des Haupteingangs verschwand. Mit offenem Mund starrte ich ihm hinterher.

Ivy

Ich zwang mich weiterzugehen, korrigierte nervös den Griff um meine Tasche und klopfte schließlich vorsichtig an die Tür der Verwaltung. Drinnen konnte ich gedämpftes Papierrascheln hören, gefolgt vom Piepen eines Druckers. Jemand fluchte leise. Zögernd drückte ich die Klinke nach unten.

»Hallo?« Ich streckte den Kopf in den Raum und sah ein schmales Büro, dessen Innenarchitekt irgendwann in den Siebzigern beschlossen haben musste, dass Matschbraun kombiniert mit Grellorange die Farbkombination schlechthin war. Der Geruch nach Filterkaffee und Mottenkugeln stieg mir in die Nase.

Hinter dem wuchtigen Tresen, der beinahe die Hälfte des Raums einnahm, stand eine füllige Frau mit dem Rücken zu mir und verpasste dem Ungetüm von Drucker gerade einen wütenden Schlag. »Verfluchtes Ding«, fauchte sie. Der Drucker stotterte hilflos vor sich hin.

»Hallo? Kann ich kurz stören?« Zögerlich schob ich mich in den Raum und schloss die Tür hinter mir.

Erst als sie das metallene Klicken der einrastenden Türklinke hörte, drehte sich die Frau mit einem frustrierten Schnauben zu mir herum. Ihre Wangen waren knallrot, Schweiß glänzte auf ihrer Stirn, und sie sah aus, als würde sie vor Hitze und Wut gleich umkippen. Was ich nachvollziehen konnte. Hier drinnen hatte es gefühlte zweihundert Grad. Offensichtlich hatte man in den Siebzigern auch die Aircondition vergessen und stattdessen in braune Vorhänge mit Paisleymuster investiert.

»Was kann ich für dich tun, Mäuschen?«, fragte die Verwaltungsangestellte. Ihre blonden Locken standen in alle Richtungen ab, während sie dem Drucker einen weiteren Schlag verpasste.

»Hi. Ich bin Ivy Bennet.« Unsicher, was ich jetzt tun sollte, beließ ich es bei einem freundlichen Lächeln.

Die Frau seufzte tief und warf dem Drucker einen weiteren giftigen Blick zu, bevor sie sich in ihren Bürostuhl fallen ließ.

»Alles klar, Mädchen, komm her. Nicht schüchtern sein.« Ungeduldig winkte sie mich näher. »Ich bin Libby. Was kann ich für dich tun?«

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