Logo weiterlesen.de
Kirschkernspucken mit dem Tod

Inhalt

Auch zu früh ist oft zu spät

Die heimsuchenden Seelen

Schon gegangen

Währenddessen

Was machst du da eigentlich?

Erster Versuch

Überlegungen

Test, Test, Test

Engel

Neuer Versuch

Auch keine Lösung

Der Mensch ist ein Engel

Nachwort

Auch zu früh ist oft zu spät

Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er verschlafen. Das war ihm noch nie passiert. Sicher lag es an der langen Nachtschicht, die er soeben hinter sich gebracht hatte. Jetzt galt es, sich zu beeilen. Sonst würde er sein heutiges Pensum nicht schaffen. Er griff hastig nach der Liste mit den Namen, Adressen und Vorlieben der Menschen, die er zu besuchen hatte und verbringen musste. Er nannte das so, weil er ja vorher nie genau wusste, wohin er die Seelen zu begleiten hatte. Ohne sein sonst übliches Morgen-Ritual des Gähnens und Streckens eilte er davon.

Auf seiner Liste standen siebenunddreißig Namen. Seltsam, das hatte er anders in Erinnerung! Aber er führte auch das auf seine zunehmende Überlastung zurück.

Sein erster Besuch galt laut Liste Chlothilde. Sie war zweiundneunzig Jahre alt und lag seit mehreren Wochen auf einer Palliativ-Station, davor war sie einige Jahre in einem Pflegeheim gewesen. Er würde sich ihr vorstellen und ihr mitteilen, dass er ihre Seele in drei Tagen abholen käme. Das war Vorschrift. Dann würde er sie fragen, wohin ihre Seele zu gehen wünsche.

Als Tod hatte er die Gabe, in jeder Gestalt zu erscheinen – möglichst freundlich, damit der Abzuholende nicht erschrak. Für Chlothilde wählte er nach sorgsamer Überlegung die Gestalt ihres verstorbenen Gatten. Er rechnete damit, dass es ein kurzer und liebevoller Besuch werden würde.

Behutsam näherte er sich der reglos im Bett liegenden Gestalt. Ihr Schutzengel begrüßte ihn mit einem sanften Lächeln und nickte ihm zu. Der Tod grüßte ähnlich sacht zurück. Dann hauchte er Chlothilde leicht über die Wangen. Trotz seiner langen Existenz war ihm immer noch nicht klar, dass dieser Hauch für Menschen einfach nur saukalt, also äußerst unangenehm war. Chlothilde öffnete leicht ein Auge und erblickte ihren verstorbenen Mann. Mit der letzten Kraft, die noch in ihrem Körper steckte, fragte sie mürrisch: „Was willst du denn hier?“

„Ich bin gekommen, um dich darauf vorzubereiten, dass ich dich in drei Tagen abholen werde. Dann bist du die Last des Lebens los.“

„Verschwinde“, zischte sie und schloss ihr Auge wieder. Der Tod war sich nicht mehr sicher, ob er die passende Gestalt zur Verkündung des Ablebens angenommen hatte und entschied sich, die Verkündung nochmals zu überbringen, diesmal in Gestalt einer heilig schimmernden Engelsfrau.

„Chlothilde, du wirst in drei Tagen das Zeitliche segnen dürfen. Bist du bereit?“

Chlothilde hob wieder leicht ein Augenlid, starrte auf die Heiligenfigur und fauchte: „Bist du die elendige Hure, mit der mein Herbert rumgemacht hat? Soll dich der Teufel holen!“

Und wieder schloss sich das Auge. Ihr Schutzengel lächelte entschuldigend. Der Tod entschied, dass er seiner Pflicht nachgekommen war. Die Zeit drängte, er musste weiter.

Als Nächstes besuchte er Hans P. Der lag im Bett, in seinem eigenen Haus. Fürsorglich war er von seiner Tochter gepflegt worden. Aber nun konnte er nicht mehr. Sein Gesicht war eingefallen, die Haut aschgrau. Und wie er so dalag, hätte man meinen können, seine Seele wäre bereits abgeholt worden. Hans P. bemerkte sofort das Erscheinen des Todes, der jetzt die Gestalt des Sensenmannes in schwarzer Kutte gewählt hatte. Hans P. seufzte: „Da bist du ja endlich!“

„Ja“, erwiderte der Tod.

„Können wir jetzt gehen?“, fragte Hans P. und seine Seele stieg mühelos aus dem Körper.

„Wohin willst du gehen?“

„Einfach nur weg. In die Berge, auf eine grüne Wiese, in den Himmel. Egal. Nur weg.“

Der Tod hatte sich schon lange abgewöhnt, zu erklären, dass es keinen Himmel gab, sondern nur das Jenseits. Also beließ er es dabei und führte Hans P. im Jenseits auf eine blühende Almwiese in den Bergen. Dort wurde er von einem seiner Geistführer in Empfang genommen.

Weiter. Wer kam als Nächstes? Adalbert. Hm. Adalbert war Jäger gewesen. Ein Jäger auf Frauen und Rotwild. Sein Körper hatte ihn mehr und mehr im Stich gelassen, seine Jagdleidenschaft jedoch nicht. Gerade, als der Tod dessen Zimmer im Altenheim betreten wollte, stürzte eine zierliche Pflegefachkraft wütend mit hochrotem Kopf heraus und schimpfte leise: „Dieser alte Bock! Das muss ich mir nicht länger gefallen lassen. Das halte ich nicht mehr aus. Ich kündige!“

Der Tod fand Adalbert mit ebenfalls hochrotem Kopf und glänzenden Augen vor. Diesmal erschien der Tod in Gestalt einer Walküre mit ausladend wogendem Busen und Wallehaar. Auf dem Kopf trug er ein Hirschgeweih. Der Tod mochte diese Gestalt überhaupt nicht, aber was sollte er machen? Job ist Job.

„Adi“, hauchte die Gestalt, „es ist Zeit. Du darfst jetzt in den ewigen Jagdgründen wie ein junger Mann deine Freude haben. Komm.“

Der als Adi angesprochene alte Mann starrte auf die Walkürengestalt, runzelte leicht die Stirn und fragte: „Geht es auch eine Nummer kleiner?“ Adi fürchtete sich nämlich vor großen, starken Frauen und bevorzugte die eher kleinen, schwachen.

„Natürlich“, flötete der Tod. „So, wie du es gern hast.“

„Versprochen?“

„Versprochen.“

Adalberts Seele stieg etwas verunsichert aus dem Körper und begleitete den Tod. Der führte ihn in eine Sphäre, die speziell für Männer wie Adalbert geschaffen worden war. Dort gab es Sex, Sex, Sex. Diese Sphäre erfreute sich derartiger Beliebtheit, dass sich der Tod schon seit Längerem fragte, wann ein Schild aufgehängt werden musste: „Wegen Überfüllung vorübergehend geschlossen.“ Die Jenseits-Arbeiter hatten tatsächlich schon damit begonnen, vor der Sphärenblase Bänke aufzustellen, damit Neuankömmlinge bis zu ihrem Eintritt wenigstens Zuschauer sein konnten. Irgendwie wurde es immer verrückter. Natürlich herrschte dort ein gravierender Männerüberschuss, was innerhalb der Blase zu heftigen Auseinandersetzungen und Kämpfen um die Weibchen führte. Aber das war nicht sein Problem. Er war nur der Reisebegleiter.

Auf der Liste stand nun Erwines Name. Erwine lebte allein in einer kleinen Einzimmer-Wohnung. Ihr musste er sich nur vorstellen und sein Erscheinen in drei Tagen ankündigen. Er betrat die Wohnung und befand, dass es wirklich an der Zeit war, sie abzuholen. Die Wohnung stank, alles versank in einem einzigen Chaos, verdreckt, vermüllt und Erwine mittendrin. Unschlüssig, wie er ihr erscheinen sollte, nahm er jetzt die Gestalt eines Geistes an. Erwine saß auf einem Stuhl am Fenster, mit Fernglas in der Hand und blickte auf die Straße. Sie schimpfte unablässig auf alles, was sich bewegte, aber auch auf das unbeweglich Vorhandene. Ihrem Schutzengel hinter ihr war es nicht gelungen, sich in seinem reinen Weiß zu halten. Seine Federn hingen grau und matt wie ein nasser Sack an ihm herunter, er wirkte alles andere als glücklich. Offensichtlich war er mit Erwine überfordert.

Der Tod hauchte Erwine an. Sie schauderte. Dann kreischte sie los: „Ich werde die Hausverwaltung verklagen! Die Fenster sind nicht dicht. Es zieht hier rein wie Hechtsuppe. Denen werd ich was erzählen! Ich werde die Miete kürzen. Die glauben wohl, die können mit mir machen, was sie wollen. Nicht mit mir!“

Der Tod hauchte sie wieder an und flüsterte ihren Namen. Nun erschrak Erwine dann doch.

„Erwine, deine Zeit auf Erden ist abgelaufen. Genieße die letzten drei Tage. Ich werde dich dann holen und in eine bessere Welt bringen.“

„Hau ab, verschwinde. Ich bin doch nicht verrückt. Ich glaube nicht an Geister. Hau ab!“

Der Tod zog sich diskret zurück. Mehr gab es im Augenblick für ihn hier nicht zu tun.

Streng genommen, hatte der Tod überhaupt keine Entscheidungsfreiheit. Der Sterbetag aller Menschen war vor deren Eintritt in die Erdenwelt bereits festgelegt. Basta. Daran gab es nichts zu rütteln, das war nicht verhandelbar. Im Prinzip jedenfalls. Es bedurfte schon sehr spezieller Konstellationen, um einen Aufschub zu erlangen. Jedoch wurde niemand im Datum vorgezogen. Niemals! Und ihm, dem Tod, war noch nie ein Fehler unterlaufen. Er arbeitete immer absolut korrekt und zuverlässig.

Er stutzte, als er den nächsten Namen las. Wilhelm. War der nicht erst morgen dran? Warum stand er jetzt schon auf der Liste? Aber da stand der Name: Wilhelm. Noch nie war ihm ein Fehler unterlaufen. Die Liste hatte er vor zwei Tagen vorbereitet, hatte akribisch alle Namen aus dem großen Buch des Lebens herausgeschrieben. Nun ja, da war er noch nicht ganz so überarbeitet gewesen wie heute. Er beruhigte sich, schließlich konnte er sich auf seine Sorgfalt verlassen. Wenn der Name da stand, musste das seine Richtigkeit haben.

Wilhelm, siebenundneunzig Jahre alt, mit sehr gelichtetem Haar, über und über voller Altersflecken, stand rüstig vor seinem Traktor. Seine trüben Augen blitzten wütend, und er zischte: „Verreck doch, du verdammtes Luder!“ Dann trat er mit Wucht gegen den Reifen des Traktors. Neben ihm stand lässig der Teufel im schwarzen Nadelstreifenanzug.

„Was regst du dich so auf? Kann dir doch egal sein, ob das Ding noch läuft oder nicht. Du gehst sowieso bald mit mir.“

„Ist mir aber nicht egal. Ich muss die Gülle ausfahren.“

„Du bist und bleibst gehässig. Ich glaube, du wirst dich sehr wohl bei mir fühlen“, meinte der Teufel sarkastisch.

„Mit dir geh ich sowieso nicht. Und diesem Schweinepriester von Nachbar muss ich noch die Gülle vor der Haustür abladen. Die hat er sich verdient. Der Dreckskerl hat mir nen toten Vogel in den Auspuff vom Traktor gestopft. Das wird er büßen!“

„Wie kommst du darauf, dass du nicht mit mir gehst?“, fragte der Teufel süffisant und lehnte sich leicht an den Traktor. „Du hast mir doch deine Seele verkauft. Erinnerst du dich nicht? Oder wie sonst bist du zu deinem Hof gekommen?“

„Ach“, meinte Wilhelm mit wegwerfender Handbewegung, „das war doch nur so dahingesagt. Es gibt dich doch überhaupt nicht. Wie kann ich dir da meine Seele verkaufen? Jetzt hilf doch mal, dieses verdammte Ding flott zu kriegen. Ich muss die Gülle abkippen.“

„Nein, das werde ich nicht. Ich bin nicht dein Affe, falls du das noch nicht bemerkt haben solltest. Und außerdem, soll ich deinem Gedächtnis auf die Sprünge helfen?“, setzte der Teufel in scharfem Ton nach. „Erinnerst du dich an die Grundstückspapiere? Das Testament? Oder an die vergrabenen Münzen in Nachbars Garten? Oder an deinen Meineid? Ich hätte da noch ein paar nette Sächelchen aufzuzählen. Glaubst du vielleicht, dass ich dir für nichts geholfen habe? Und dabei hatte ich noch große Mühe, deine Frau und deinen Sohn da raus zu halten. Es ist mir immer ein Rätsel geblieben, wie deine Frau es so lang mit dir ausgehalten hat!“

Der Tod hatte zugehört, sah auf seine Namensliste, und dachte sich: ‚Ach, lass die beiden das ausdiskutieren, ich komme später noch mal.’ Diesen Wilhelm hätte er sowieso nur benachrichtigen müssen. Und das konnte warten. Der Teufel auch, denn Wilhelms Seele würde er nur dann bekommen, wenn sich Wilhelm im Jenseits dafür entschied. Außerdem war der Tod in Eile.

Schnell sah er nach, wie spät es war. Au weia, fast zu spät. Er musste in zwei Minuten an der Kreuzung Hauptstraße, Ecke Kirchgasse sein. Dort käme es Punkt 11: 37 Uhr zu einem Unfall mit tödlichem Ausgang.

Exakt zu dieser Zeit stand der Tod an der Kreuzung. Es kam kein Auto. Keines. Nicht eins. Überhaupt war niemand zu sehen. Er wartete, vergewisserte sich nochmals wegen der Uhrzeit. Seltsam! Er trat auf die Straße, um Ausschau zu halten. Na bitte, da kam ja ein Auto. Was war denn jetzt? Es fuhr einfach durch ihn durch. Wieso fand hier kein Unfall statt? Er würde noch ein paar Minuten warten. Lediglich zwei Fahrradfahrer und ein Leichenwagen kamen vorbei.

Der Tod war fassungslos. Wieder sah er auf seine Liste. Da stand es doch schwarz auf weiß: 11: 37 Uhr Hauptstraße, Ecke Kirchgasse. Auch war er in der richtigen Stadt. Dann packte ihn blankes Entsetzen. Das Datum! Das Datum auf dieser Namensliste war von morgen!!!

Eieieieieieieieieiei, heiliger Brimboriums! Wie hatte das passieren können? So schnell er konnte, eilte er in seine Amtsstube, riss das auf dem Tisch liegende Blatt an sich, starrte darauf. Und da stand es: das heutige Datum mit 42 Namen: vier Heimführungen und 38 Benachrichtigungen. Er würde natürlich die festgelegte Reihenfolge nicht mehr einhalten können, aber die Heimführungen, die mussten sofort erledigt werden.

Die heimsuchenden Seelen

An der Haltestelle vor dem Depot der Fernfahrbusse standen drei Männer. Eigentlich waren sie schon keine Männer mehr, sondern nur noch Geistkörper mit den Seelenanteilen von drei verstorbenen Männern.

Der Erste war von eher kleiner Statur, dünn, aber drahtig. Er hibbelte hin und her: „Der müsste doch längst hier sein!“

Die beiden anderen Männer schwiegen.

„Der hat doch gesagt, er käme pünktlich. Früher hätte es das nicht gegeben. Da hatte Pünktlichkeit immer Vorrang. Aber heute, da glaubt jeder, er kann kommen, wann er will.“

Die anderen sagten weiterhin nichts.

Der Hibbelige, zu Lebzeiten hatte er Fritz geheißen, heute mit 72 Jahren verstorben, wandte sich an den neben ihm stehenden Mann. Der war von gewaltiger Körperfülle und hätte mindestens fünf Fritze abgegeben: „Was meinst du, kommt der noch?“

Der Dicke nuschelte: „Das weiß ich nicht, weil ich nicht darüber nachgedacht habe. Hätte ich darüber nachgedacht, dann wüsste ich es. Aber weil ich nicht nachgedacht habe, weiß ich es eben nicht.“

Fritz drehte sich zu dem Dritten um: „Für welche Uhrzeit wurden Sie denn bestellt?“

„Nun“, erwiderte dieser, zog eine Taschenuhr aus seiner Hosentasche, klappte pedantisch den Deckel auf und meinte: „In der Tat, es ist weit über die Zeit. Um es exakt zu benennen, er ist über dreizehn Stunden, siebzehn Minuten und vierundfünfzig Sekunden in Verzug. Das ist unverzeihlich.“

Würdevoll klappte er den Deckel seiner Taschenuhr wieder zu und ließ sie in seine Hosentasche zurückgleiten.

Fritz musterte ihn. Er sah einen hundertzweijährigen Mann in einem Nadelstreifenanzug mit weißem Hemd, Weste und recht altmodischer Krawatte. Der Mann schien allerdings geschrumpft zu sein, denn der Anzug hing schlabbernd um ihn herum und war definitiv zwei Nummern zu groß. Aber die Haltung des Mannes war aufrecht und stolz. Ja, wenn Fritz das Wort gekannt hätte, hätte er gesagt, dass dieser Alte distinguiert wirkte.

Fritz wieder: „Wir warten schon viel zu lange. Können wir nicht gleich losfahren?“

„Wissen Sie etwa, welchen Bus wir ins Jenseits nehmen müssen?“ fragte der Alte süffisant.

Fritz war diese Art von Ton unbekannt, deshalb ging er darauf nicht ein, meinte nur: „Dann müssen wir uns eben erkundigen. Oder weißt du, welchen Bus wir nehmen müssen?“

Der Dicke zuckte aus seinem Dämmerschlaf hoch: „Das weiß ich nicht, weil ich nicht darüber … “

„… nachgedacht habe“, unterbrach ihn Fritz.

„Wie heißt du eigentlich?“

„Nils. Glaubst du, dass wir hier etwas zu essen kriegen?“

Der Alte mischte sich ein. „Mein Herr, ich bitte Sie! Wir können nicht mehr essen.“

„Wiiiiiie?“, rief Nils entsetzt. „Kein Essen?“

„Sollte es Ihrer Aufmerksamkeit entgangen sein, dass wir keine Körper mehr haben?“

„Waaas? Keinen Körper? Aber ich habe doch einen Körper. Hier.“ Nils wollte sich mit seiner Hand auf den Bauch schlagen, doch die Hand ging einfach hindurch.

„Wir sind tot, Herr, … ähm, …, … Herr Nils.“

„Nein, nein“, protestierte Nils sofort. „Ich lebe doch. Sie sehen doch, dass ich lebe!“

„Wenn Sie es so sehen“, belehrte ihn der Alte, „dann ist das in gewisser Weise korrekt. Aber Sie haben keinen Körper mehr. Im Übrigen, wenn ich mich vorstellen darf: Gottlieb von der Buchenaue, Geheimrat a. D.“

Der Dicke glotze ihn an und wusste nicht, was er mit dieser offenbar wichtigen Information anfangen sollte. Deshalb brummelte er nur leise vor sich hin: „Kein Essen. Das überleb‘ ich nicht.“

Die Unruhe von Fritz wuchs. Immer hibbeliger wanderte er umher. Dann stieß er hervor: „Wir müssen was machen! Ich hab keine Lust, hier in aller Ewigkeit rumzustehen. Ich geh jetzt.“ Sagte es und blieb dann ruhig stehen.

„Es ist ganz nach Ihrem Belieben, wohin Sie zu gehen wünschen. Es wird Sie niemand aufhalten“, tonierte Gottlieb.

Geradezu verächtlich blickte Fritz auf diese würdevolle Gestalt. „Und? Haben Sie eine bessere Idee? Überhaupt, hat man Sie sooo in den Sarg gelegt?“

Der Würdevolle blickte an sich herab. „Das Tuch ist noch gut. Es ist von hervorragender, englischer Qualität und wird noch weitere Jahre überdauern.“

„Hihi“, lachte Fritz, „geht doch gar nicht. Das Tuch liegt doch mit Ihnen im Sarg.“

„Das ist allerdings trefflich bemerkt“, sagte Gottfried.

Fritz brauchte ein Ventil für seine Unruhe, das er endlich gefunden zu haben glaubte: „Aber so, wie es aussieht, hätten Sie wohl ein paar Jahre früher sterben sollen. Da waren Sie wohl noch kräftiger als jetzt. Ihr gutes Tuch hängt ja an Ihnen rum wie ein Sack!“

Gottfrieds linke Augenbraue zuckte kurz nach oben. „Der Herr Fff … Herr Friedrich, bitte mäßigen Sie sich in Ihrem Ton. Sie scheinen im Gegensatz zu mir Ihrer Familie gar nichts wert gewesen zu sein. Sie laufen hier in einem Totenhemd herum.“

„Das passt jedenfalls“, maulte Fritz.

Gottfried konterte: „Von vorn betrachtet durchaus. Es müsste lediglich auch hinten zugeknöpft werden. Ihr …, äh, … hinteres Erscheinungsbild ist durchaus despektierlich.“

„Was ist das?“, ereiferte sich Fritz.

Nun meldete sich Nils zu Wort: „Dein Hemd ist hinten nicht zu. Man sieht deinen Arsch.“

Diese Aussage trug nichts zur Beruhigung des Gemütszustands von Fritz bei, deshalb fuhr er jetzt Nils an: „Und du? Haben sie dich so in den Sarg gelegt? Noch nicht mal ein sauberes Hemd! Oder gibt es keine Zelte als Totenhemden? Wieso bist du eigentlich hier? Warst du zu blöd, eine Leiter hochzusteigen? Dir mussten sie wohl gleich ein Doppelgrab schaufeln.“

„Meine Herren, meine Herren, bitte mäßigen Sie sich. Wenn ich um etwas mehr Haltung bitten dürfte!“

Nils senkte beschämt den Kopf. Dann nuschelte er: „Da vorn kommt jemand.“

Sofort blickten alle Augen nach vorn. Tatsächlich, da kam jemand. Eindeutig eine Frau. Schwungvoll stieß sie ihren Rollator mit dem Fuß nach vorn wie Kinder eine leere Dose vor sich her kicken, und hatte sichtlich Vergnügen daran. Schließlich erreichte sie die Gruppe. Sie blickte von ihrem Rollator zu den Männern und musterte sie. Dann stellte sie fest: „Sie warten wohl auch.“

„Sieht man das?“, fragte Fritz.

Die Frau ließ sich nicht irritieren: „Und? Was beabsichtigen Sie jetzt zu tun?“

Wieder Fritz: „Wir warten noch.“

„Worauf?“

„Na, dass der Tod uns jetzt eben abholt. Gesagt hat er es jedenfalls.“

„Und?“

„Was und?“

„Holt er Sie, oder wollen Sie hier ewig warten?“

Da mischte Nils sich ein: „Das wissen wir nicht, weil wir nicht darüber nachged …“ Er wurde unterbrochen, denn Gottfried meldete sich zu Wort: „Gnädige Frau, unsere Überlegungen sind dahingehend, dass wir die faktische Entscheidung noch nicht getroffen haben. Die vielfältigen Möglichkeiten lassen kein rasches Ergebnis erwarten.“

Die Frau blickte aufmerksam Gottliebs Gestalt an. Sie runzelte die Stirn: „Haben wir da einen Spätheimkehrer? Wenn ich das richtig verstehe, haben Sie keinen Plan.“

Drei Augenpaare sahen sie irritiert an.

„Also, ich bin die Edeltraut. Sie können mir glauben, dass ich heilfroh bin, dass dieser Tod noch nicht gekommen ist. Jetzt kann ich endlich hier machen, was ich will. Ich habe doch keine Ahnung, wie es im Paradies zugeht. Und ich hab keine Lust, den ganzen Tag in einem Engelschor mitzusingen und mich von Mana zu ernähren. Darf man da eigentlich rauchen?“

Das war das Stichwort für Nils: Nahrung! Mit dem Kopf deutete er zu Gottlieb: „Der da sagt, wir können nicht mehr essen. Wir kriegen nie mehr was zu essen. Nie mehr!“

Die Frau betrachtete Nils‘ Gestalt: „Schaden würde Ihnen das bestimmt nicht.“ Blitzartig drehte sie sich zu Fritz um: „Und Sie bleiben jetzt endlich mal ruhig stehen! Sie machen einen ja ganz nervös. Und wenn die Herren jetzt die Freundlichkeit hätten, sich mir vorzustellen. Ich weiß immer gern, mit wem ich es zu tun habe.“

Gottlieb meldete sich zuerst. „Mein Name ist Gottlieb von der Buchenaue, Geheimrat, a. D. 102 Jahre alt.“

„Und?“

„Wie bitte?&

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Kirschkernspucken mit dem Tod" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen