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Kino

Hermann Kant

Kino

Roman

 

 

 

Aufbau-Verlag

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|5|Was zum Henker ich da mache, fragte meine einstige Freundin Dorit, als sie mich im Schlafsack auf dem nassen Pflaster von Hamburgs Spitalerstraße liegen sah. Zwar nicht inmitten, aber auch nicht am Rande der Fußgängerzone. Nicht zu stiller Mitternacht, sondern zu lautem Mittag. Nicht wie nach einem Unfall zum Transport vorbereitet, vielmehr in der Weise verwegener Bettler. Oder solcher, die Herr Peachum im Laubsack hatte auslegen lassen, wo es einträglich schien.

»Hau ab«, sagte ich, »es ist Kunst!«

Das verstand sie, wie die meisten es verstanden hätten. Obgleich der Behälter zwei Aufkleber trug, auf denen Sinnstudie! – Nicht stören und nichts spenden! stand, streute Dorit einige von den Euros, die sie beim Shoppen griffbereit hält, über mich aus und schritt durch den Regen davon. Vermutlich zu der Parfümerie, die jeden auf die schwarze Liste setzt, der nach minderen Rasierwässern fragt.

Auch wenn Hamburg eine große Großstadt ist und die Spitalerstraße ein Vielvölkerplatz, hätte ich mit Dorit rechnen müssen. Immer schon tat sie, was andere zu meiden suchten. So ist aus unserem jungen Glück kein älteres geworden, weil sie unser beider Namen unter der Anzeigen-Schriftzeile Wir haben uns befreundet in die Zeitung setzen wollte. Als ich fand, das gehe niemanden etwas an, fragte sie, wo meine berühmte Neugier bleibe. Sie sei gespannt, was die Leute sagten, und mich finde sie begrenzt. Weshalb ich keine Lust hatte, ihr vom Unterschied zwischen berühmter und berüchtigter Neugier zu sprechen. Es war eine Unlust, die bald auf Dorit übergriff.

Dennoch hätte ich ihr aus meinem Iglu auf dem nassen Boulevard gern nachgerufen, nicht Kunst, sondern zwingende |6|Neigung habe mich in diese Lage gebracht. Das stimmte zwar, nur zählte nicht, was ich hätte tun mögen. Ginge es danach, kampierte ich kaum im geliehenen Trekking-Zubehör in Höhe von Daniel Wischers Fischbratküche unter Hamburgs porösem Himmel auf dem feuchten Gestein von Hamburgs beliebter Einkaufstraße, sondern säße an Wischers Tisch und äße Wischers gebackenen Fisch. Mit Salat, der aus Kartoffeln, Salz, Pfeffer, Zucker, Essig, Öl, geriebenen Zwiebeln und einem durchtriebenen Geheimnis besteht.

Die unerwünschten Taler der zeitweiligen Gefährtin zogen andere nach sich. Ich sah es nicht, erfaßte jedoch einen Vorteil harter Währung. Indem im Umweltlärm jede Münze deutlich zu hören war, die auf den Pflasterplatten landete. Man zahlte mir trotz der abweisenden Inschrift, zahlte aber eigentlich meiner früheren Freundin. Weil sie aus der Verlegenheit geholfen hatte, die aufkommt, wenn man im Regenschatten von Daniel Wischers Giebel steht und sieht, was nach geltender Sitte nicht zu sehen sein, nicht angehen sollte. Daß einer, zu dem es nicht paßt, auf der Straße liegt wie einer, der sich da hingelegt hat. Ein Wegelagerer, wenn man je einen traf. Gehüllt in hochtechnischen Stoff, aber bei Wetter, wegen dem der Hund hinterm Ofen blieb.

Mein Hund hätte, wäre er noch unter uns gewesen, mit in den Schlafsack gedurft. Ich müßte nur verhindern, daß er zu weit in die Höhle kröche. Sein Kopf und mein Kopf in all der hanseatischen Nässe, dagegen käme das trägste Touristenherz nicht an. Kuck ma, den nassen Mann! würden sich viele verkneifen, aber Kuck ma, den nassen Hund!, das sprengte jedes Schweigegebot.

Weil Jokko längst tot war, mußte mein verregnetes Antlitz als Blickfang in der verregneten Passage genügen. Zumal ich die kordillerentaugliche Hülle nicht an der Grenze der Einkaufsschneise abgelegt und bestiegen hatte. Unnötig zu betonen, daß so logistisches Planen mir kurz zuvor noch unvertraut gewesen war. Wer gerät schon im halbwegs geregelten Leben an das Problem, wohin unterm offenen Elbhimmel er sich am |7|besten bette, wenn der in Aussicht genommene Campbereich ein vielbeschrittener Marktplatz ist.

Auch in solchem Fall regieren Zwecke. Willst du an ungewöhnlichem Ort lediglich ruhen, bleibst du besser am Rande. An einem Punkt, wo du keinem im Wege bist und, der Räuber wegen, nicht aus aller Augen. Wer denn um Himmels willen den, der ohne Obdach scheint, auch noch berauben solle? Der so fragt, ist schon tot. Bei meinen Jahren war ich das fast, doch hatte es mich letzthin dringend verlangt, noch einmal am Leben zu sein.

Das bist du nur, wenn andere davon wissen. Weshalb ich mich, um zu sehen und gesehen zu werden, so öffentlich wie möglich placierte. Nicht in einen Winkel, in dem es überwindig, aber unterbelebt zuging. Ebensowenig taugt der Mittelpunkt als Lagerplatz. Das ist Raum, den jeder will. Wer sich da ausbreitet, liegt allen verquer. Mir war es recht zwischen ihm und dem Rand. An der Drittelgrenze eher als an der Viertelgrenze, mit einer Tendenz mehr zum Zentrum als zur Peripherie. Nahm man den Regen hinzu, konnte ich besser kaum liegen. Woran mir lag, weil einige Verweildauer nötig war.

Mir war sie nötig, niemandem sonst. Keiner ahnte von meinem Trachten und Tun. Mein Neffe, der mir auf Anhieb seinen Freilicht-Schlafsack geliehen hatte, war mich zu sehr gewöhnt. Dafür schrieb ich ihm mehrfaches Nichtgefragtwerden gut. Einmal, als ich das halb entrollte Nylongehäuse vom Parkhaus am Gertrudenkirchhof vorbei durch den Regen über Rosen- und Lilienstraße trug, fragte ein Mann, ob er sicherheitshalber mein Gepäck unter die elektronische Lupe nehmen dürfe. Er wies sich höflich aus und nannte seinen Namen dazu. Ich sagte meinen auf und durfte passieren. Sollte noch wem nach Erkundigung gewesen sein, enthielt er sich ihrer. Wir hatten längst Zeit, in der Ganich um kümmern! galt.

Was für die Zeile zwischen Hauptbahnhof und Rathaus nicht heißt, früher sei es dort besser gewesen. Ich lasse das im ungewissen, weil ich das Wort früher nicht mehr leiden kann und im längeren Teil meines Lebens selten in Hamburg war. |8|Als Kind bin ich kaum auf die Mönckebergstraße gekommen, als junger Mann wohnte ich länderfern von ihr, in meiner ersten Geschichte kommt statt ihrer ein sandiger Weg in Lurup vor. Wieso ich mich neuerdings des öfteren im Centrum geschriebenen Zentrum herumtreibe, das zwischen Speersort und Brandsende annähernd die Mitte der Siedlung bildet, kann ich nicht sagen. Beinahe leichter erklärte sich, warum ich zu Oktoberanfang in des Neffen Hülle im Umbau- und Basarlärm der Spitalerstraße lag, wo ich hinter Regenschleiern östlich den nahen Bahnhof und hinter Regenschleiern westlich das unferne Rathaus ahnte.

Leichter erklärt es sich, aber nicht leicht. Obwohl es um einen Zwang geht, der mich nicht genieren müßte. Ein Quentchen Neugier ist jedem eigen. Ohne sie wären wir nicht, könnten nicht sein. Es hat seine Richtigkeit mit ihr, solange nicht Gier die Oberhand bekommt. Bedauerlicherweise – daher mein Zögern, es beim Namen zu nennen – ist das bei mir zuweilen der Fall. Über bloßes Interesse und notwendigen Wissensbedarf hinaus meldet sich das pressende Verlangen, von einer Sache, einem Verhalten oder Verhältnis alles zu erfahren. Es ist ein unbändiger Drang, der mich in Fällen, die mich im Grunde nicht berühren sollten, beinahe unweigerlich fragen läßt: Wie geht denn das?

Um ein Beispiel zu nennen: Bei flüchtiger Lektüre lese ich, womöglich zum fünfzigsten Mal, das Wort Magersucht. Da ich Süchte wenig anziehend finde, habe ich mich auch mit dieser nie aufgehalten. Diesmal hält sie mich auf. Sobald ich mir die Frage stelle, wie Magersucht denn gehe, bin ich verloren. Mit einem Blick ins allgemeine, dann ins medizinische Lexikon ist es nicht getan. Verläuft der Anfall gutartig, begnüge ich mich mit dem Besuch einer Sonntagsvorlesung; verläuft er schlecht, bin ich imstande, mir im Selbstversuch einschneidenden Nahrungsentzug zu verordnen.

Bis zu einem bestimmten Punkt sind die Attacken anhaltbar. Im Hintergrund meines Kopfes habe ich vor einiger Zeit einen Posten aufgestellt, den ich Brainguard nenne. Seines |9|Amtes ist es, auf Zeichen meiner Neugier zu achten. Bemerkt er ein interessiertes Zögern an mir, ein Verharren, das ins Fragen übergehen will, besitzt er Vollmacht, die Sache zu prüfen, ehe sie Gelegenheit findet, sich innig an mich heranzumachen, und ich Gelegenheit finde, Wie geht denn das? zu denken. Falls die Aufsicht keinen Erkenntnis- oder auch nur Kenntnisbedarf ausmacht, hat sie Lizenz, mich in Bewegung zu halten. Und sei es auf die ruppige Weise, in der ich einstens das Hündchen Jokko hinderte, an jederlei Baum oder Busch oder Stein forschend zu verweilen.

Kürzlich haben der Wächter und ich uns trotz aller Vigilanz beim Anblick einer fremden Frau, die in mittlerem Regen mitten im regen Publikumsverkehr auf belebtem Trottoir im Schlafsack zu schlafen schien, fahrlässig verhalten. Der Aufpasser merkte nicht beizeiten, wie sehr sich mein Augenmerk steigerte, und ich hetzte nicht vor der herbeieilenden Frage Wie geht denn das? davon. Vielmehr duldete ich, daß sie sich in mir niederließ. In einem Maß, das nur Unmaß heißen kann, räumte ich ihr regelnde Rechte ein.

Mit welchem Ergebnis, ist gesagt. Oder mit welchem vorläufigen Ergebnis: An einem unwirtlichen Oktobertag legte ich die Wildlife-Matte meines Neffen in der Spitalerstraße aus, bestieg sie auf eine umsichtig eingeübte Weise, zog ihren großgliedrigen Reißverschluß, der von der zweifachen Aufschrift Sinnstudie – Nicht stören und nichts spenden! eingefaßt war, weitgehend zu, paßte meinen Kopf in die eingesteppte Polsterung der Kapuze und mußte nur noch entscheiden, ob es sich besser bei offenen oder geschlossenen Augen mache, ein Fels in der Brandung vor Daniel Wischers Fischbratküche zu sein.

Im Himmel stand keine Antwort. Er war grau, wenn ich hinaufsah, und blieb grau, wenn ich die Lider senkte. Der Regen kam ab und an aus Kannen, dann wieder verhalten auf die vielbesungene nieselige Art. Wasserstaub fing sich in den Brauen und machte die Augengläser blind. Das schlug mir nicht weiter zum Schlechten aus, da ich vorerst weder sehen |10|noch hören mochte. Nur fühlen wollte ich. Was bei meiner neuartigen Lagerung auf der gefliesten Kuppe zwischen Flußsee und Fluß vor allem einfühlen hieß.

Einfühlen im Sinne von Empathie, nicht Sympathie. Von Verstehen, nicht von Bestärken. Einfühlen letztlich in meine, nicht so sehr anderer Lage. Schon gar nicht in fremder Seelen Sozialumstand. Ich hatte zu tun, mich in meinen zu finden. Kaum aus Mitleid lag ich auf dem Pflaster. Mehr aus einer banalen Neugier, die öfter, als mir guttut, Gewalt über mich hat.

Als ich Erstkläßler war, ging ich in der großen Pause ins Lehrerzimmer, um zu erfahren, was sie dort machten. Dies gab ich als Grund meines Erscheinens an. Eine pädagogische Kraft hat mich am Ohrläppchen aus dem Raum geführt, nicht ohne mir und dem Kollegium mitzuteilen, bei soviel Wissensdurst warteten die Erzieherlaufbahn und vorher ein hingebungsvolles Fibelstudium auf mich. Unser Auftritt wurde Erzählgut in der Schule.

Als ich Letztkläßler war, bin ich längere Zeit hinterletzter Schüler gewesen. Nur weil ich hatte wissen wollen, auf welche Weise man das werden und es aushalten könne. Ich tat mich unter hoffnungslosen Fällen um, fragte, wie es gehe, so wie sie zu sein. »Einfach Luft anhalten«, sagte einer. »Lange genug, und du bist tot.« Ich gab alles Zuhören, Hinsehen, Mitschreiben, Nachlesen auf und konnte mich beinahe am Denken hindern. Es reichte gerade zum Befund, nun wisse ich Bescheid.

Als ich gefangen saß, fielen mir Wege ein, auf denen die Helden so manchen Buches, so manchen Films ins Freie gelangt waren, und die Überlegung fiel mich an, ob ich deren Verfahren gewachsen sei. Einen Kameraden fand ich, der konnte die Landessprache. Am Werktag brachen wir, Besen und Schaufel geschultert, auf. Bei Licht nahm keiner Notiz von uns, im ersten Dunkel scholl es Halt, wer da? Was er sagen solle, fragte der Gefährte. Man hat uns, diesmal nicht an den Ohren, abgeführt und wegen Wissensdurstes nicht nur mit Durst bestraft.

|11|Auch wenn derart Drakonisches kaum in Aussicht stand für einen, der sich in der Freien Hansestadt eine kleine Freiheit erlaubte, wollte ich mich nicht schon am Anfang mit möglichen Folgen befassen. Um zu denen nicht hinzudenken, gab ich über das Hinterteil hinaus sämtlichen hinteren Teilen, also Hacken, rückwärtigen Waden, Ellenbogen, Schulterblättern und Hinterkopf, den Auftrag, herauszufühlen, ob die überwölbte Matte halte, was vom Neffen, der eigentlich ein Großneffe ist, versprochen worden war. Selbst nackt und bloß, so wußte er mir zu singen, könne man dank der dämmenden Folie, die ein Beiprodukt der Raumfahrt sei, beliebig viel Zeit bei wohliger Wärme in ihr verbringen. Was aber für den Mond tauge, werde meinen irdischen Zwecken gewachsen sein.

Falls seine Beteuerung eine leise Erkundigung einbegriff, hat sie nicht verfangen. Wer weiß, ob er mir Wernher von Brauns Spacehütte ausgefolgt hätte, wäre ich ihm mit Daniel Wischers Fischbratküche gekommen. Vor deren Eingang bin ich schon deshalb ordentlich gewandet in das NASA-Erzeugnis gestiegen, weil alle Spitalerstraßen-Toleranz bei Entblößung endet. So genau sich die Isolierkraft des Hüllenbodens, der letztlich aus Vorpommerns Peenemünde stammt, bei blankem Arsch ermitteln ließe, so sicher wäre ich unbedeckt nicht in die Meßstation gelangt. Viele der Passanten, die mir nach Dorits Vorbild Münzen warfen, hätten sich, wäre ich aller Kleidung bar gewesen, im Namen des Gesetzes, namentlich des Jugendschutzgesetzes, auf mich geworfen.

Ich lag still, so gut ich konnte, war bemüht, nach aller Vorschrift angezogen zu wirken, und versuchte, mittels Bodenhaftung ein feinfühliges Thermometer zu sein. Wohl hätte ich die Kontur des Straßenbelags, von dem mich nur Mikrofasern und ein tapetendünnes Teflongeflecht trennten, profilgetreu wiedergeben können, doch von den Hackenballen bis zu den Haarwirbeln spürte ich keine Änderung der Temperatur meiner Außenfläche. Was weniger von Dickfelligkeit als von deutschamerikanischem Erfindergeist zeugte.

|12|Da ich landläufig empfindlich bin, entsinne ich mich einiger Gelegenheiten, bei denen ich mich wundgelegen habe. Oder Gegebenheiten, die mich, wäre es nach allgemeiner Physik und meiner speziellen Physis gegangen, im vereisten Schnee zum vereisten Schneemann hätten machen müssen. Vom Maschendraht der Pritschen blieb ein Tattoo in meinem gegerbten Fell; nach kriegsbedingtem Piercing lag Bedarf an ziviler Durchlöcherung nicht vor. Doch sosehr sich mir manches eingerieben hat, so untief ist es unter die Haut gegangen. Wie ich unmutig befand, als sich von allen Lage-und-Liege-Episoden, die sich im Leihsack spucknah neben dem Bürgermeister-Johann-Georg-Mönckeberg-Brunnen zu meiner Ablenkung herbeidenken ließen, nur unblutige, harmlose, ja lächerliche behaupteten.

In einem Nachwendejahr wollte ich am Ende ungut verlaufenen Verwandtenbesuchs haushälterisch sein und erwarb auf der Fähre von England retour keinen Kabinenplatz. Ein grober Fehler, denn in dem Nachen ging es überbevölkert zu. Ich suchte die Reise durch einen Bordrundgang mit Abendimbiß zu stückeln – der Fisch schien frisch, was Wunder bei all dem Wasser ringsum, der Salat aber nahm sich aus, als habe es Daniel Wischer nie gegeben –, doch hatten wir, als ich gegen Mitternacht mehr als müde wurde, noch viel Kanal zu queren. Von Europas Jugend ein größerer Teil lag über die sparsam montierten Stühle gebreitet, ein kleinerer zog in energischen Trupps von Deck zu Deck, lärmte Niedergänge hinunter und Aufgänge hinauf, setzte sich singend, um gleich darauf tonlos davonzuspringen.

An Schlaf kein Gedanke. Das heißt, an Schlaf durchaus, nur an Schlafplatz keiner. Es sei denn, ich belegte einen schmalen Streifen, der zwischen Treppenschacht und Zubehörschapp vakant schien. Da traf es sich, daß ich nicht breit geraten und in engen Verhältnissen öfter gewesen bin. Die Reisetasche als Kissen war ähnlich Routine. Was tat’s, daß sich mein Körper beim Hinüberturnen in die Spalte wie einer betrug, der lange schon sportlichen Trainings entbehrte. |13|Endlich auf die Bootsplanken gelagert, fühlte ich mich geborgen. Niemals zuvor war so wiegendes Liegen gewesen; nie wieder würde – vom Schlafsack auf Hamburgs Spitalerstraßen-Platten ahnte ich noch nicht – so gediegenes Verweilen sein.

Selige Floßfahrt; jähes Erschrecken, das jähem Erwachen folgte. Ich lag, wie ich mich gebettet hatte, doch lag ich mit offenem Mund. Keinem schweigenden, sondern einem, aus dem, wer wußte, wie lange schon, Töne drangen, die Humorzeichner lautmalerisch mit Sägen und Raspeln anzudeuten lieben. Meine Brille hing am Ohr, übers Kinn lief ein Spuckerinnsal bis in die Halsgrube. Entgegen dem Ruf, zu dem man in meinem Beruf leicht kommt, war ich nicht eitel genug, mir das Bild, das ich in entrückter Blödheit abgeben mußte, nicht machen zu können. Ebensowenig übersah ich, daß auf der Treppe, welche seemännisch Niedergang heißt, in der Formation gemischter Chöre eine Passagiereinheit aufgebaut stand, die sich vermutlich auf dem Weg vom Casino in die Kabinen befand und mich besah wie einen, den sie kennt. Den sie aber so nicht kennt. So verrutscht und besabbert, so aus der Ordnung gefallen, so von jäher Wende gefällt. – O Hamlet, welch ein Niedergang!

Zweifellos lag ich unter den Augen von Leuten, denen ich in ihren jungen Jahren Schulstoff gewesen war. Zweifellos hatten sie es weitergesagt. Zweifellos vermuteten sie mich in Schnaps und Schande. Und verharrten nun, Gebildete und Ungebildete endlich wieder ein und desselben Volkes, erheitert und angewidert im Schiffsaufgang, von dem mich nur ein großzügiges Gitter trennte.

Ohne Scheu sei es eingestanden: Hätte uns in diesem allerscheußlichsten Augenblick ein Tanker gerammt und mit ausfließendem Öl den Seevögeln angeglichen oder hätte sich ohn’ Fremdverschulden unser Kiel vom Rumpf getrennt, so daß wir schlingernd im Kanal versinken müßten, oder hätte uns der heilige Moby Dick auf den Walbuckel genommen und die Arche samt mir und geeinter Nation in die Kreide |14|von Dover oder den Sand von Dünkirchen geschmettert – schmalen Mundes, kalten und trockenen Auges wäre ich dem Vorgang gefolgt. Ohne ein Wort der Klage, mit einem des Hohnes allenfalls. Hohnes einzig auf mich und des Inhalts: Wer sich gehenläßt, ist bald vergangen.

Eine Erkenntnis, die fortan die Zügel hielt. Beim Hingeworfensein in der Einkaufstraße war sie mächtig im Spiel. Neben hypertropher Neugier hat mich philanthrop Forscherisches in Bodennähe getrieben. Eine Tat aus dem Ersttätergeist, in dem du Herzkatheter am eigenen Leib probierst. Nicht mit der Seele suchen wollte ich, sondern sehen, was Mitmenschen in Knöchelhöhe sehen, wenn sie, umgeben von feuchtem Sohlenabrieb und trubeligem Basar, öffentlich ausliegen. Weil aber solcher Ehrgeiz nichts bringt, solange man seine Augen des Regens wegen geschlossen hält, öffnete ich meine.

Zögernd zunächst. Womöglich war von der Touristenschar, von der ich auf der Kanal-Fähre fast zu Tode gestarrt worden wäre, ein Teil erneut unterwegs. Wechselfreudig Mobile, die beim diesjährigen Ausflug, anstatt in Hoek van Holland aufs Festland zu rollen, den längeren Seetörn bis Cuxhaven und den nördlichen Landtörn über Hamburg gewählt hatten. Um vorm Absturz nach Randow im Landkreis Demmin oder nach Wittstock an der Dosse im hansischen Centrum noch einmal welthaltige Luft zu atmen. Und bei Daniel Wischer zu knusprigem Fisch von einem Salat zu kosten, wie er sich weder in Wittstock noch Randow findet.

Wie aber von meinen Wasserstraßen-Mitreisenden keiner zu sehen war, schienen sich die Spitalerstraßen-Mitmenschen an mich zu gewöhnen. Soweit sie nicht ungesäumt in den Regen traten, warteten sie im Lokaleingang, den etliche Verkaufs- und Verzehrstände beengten, auf günstiges Wetter und nutzten die Zeit zur Einnahme von Lachsbrötchen oder zum Erwerb von Tintenfischringen. Für den Heimweg oder eine Liebe daheim. Aus der Vielzahl gelber und blauer Goretex-Stiefel und grobkarierter wie beigelilamelierter Pelerinen zu schließen, waren es umsichtige Leute. Auf Unbilden vollkommen |15|eingerichtet und gegen das Unbild von mir in Maßen verschlossen.

In Maßen und nicht ganz. Ein Kerl, seinem Äußeren nach ein Penner, und ein anderer Kerl, kein Penner dem Äußeren nach, behielten mich sichtlich im Auge. Der eine wirkte, als könne er aus Gründen der Finanz nicht einmal Fisch bei Wischer essen, der andere, als würde er es aus Hoffart nie tun. Des einen Bart war im Wachstum unbegrenzt, des anderen in jedem Haar coiffeurumhegt. Dumm wirkten beide nicht, dreist alle beide. Als Pflanze hätte der eine Nessel heißen können, der andere Mispel. Oder Efeu. Oder Poison Ivy.

Dem einen war ich live nie begegnet, den anderen kannte ich nur zu gut. Sehr mißfiel mir, daß eben dieser auf mich zukam, während jener an Wischers Hauswand verharrte. Um gegen den Heranwieselnden blind zu sein, wandte ich mein Augenmerk, soweit Perspektive und Näßlichkeit es erlaubten, dem restlichen Umkreis zu. Kleinkinder benutzten die Ärmel ihrer Begleiter als Klingelzüge; die Bescheide dazu hätte ich gern gehört. Jüngere Schulpflichtige richteten Laserkanonen auf mich; ältere taten es den Eltern gleich, nachdem sie kurz Notiz von mir genommen hatten. Ein puppenhaftes Mädchen kam zwei Schritte näher und fragte in eine Lärmlücke hinein nicht ohne verstohlenen Zählerblick, der den Münzen auf mir und neben mir galt, ihre Bezugsperson in der Menge, was denn wohl eine Sinnstudie sei. Auch auf die Antwort hierauf war ich gespannt.

Ich hörte sie weder, noch sah ich ihren Absender, weil eine Älterengruppe, die unter Schirmen eingehakt ging, zwischen uns geriet. Waren die Ausflügler auch bei Jahren, so waren nicht alle unbehende. Die letzte, eine Dame in gelben Stiefeln, die nach Zitronenseife roch, hob in fließendem Vorübergehen und ohne das vorletzte Riegenglied loszulassen, Münzen vom Pflaster und legte sie zu denen auf dem Schlafsack.

Ums Haar hätte ich Brave Frau! gerufen, da ihre Sammelgebärde zu einer Ährenleserin stimmte, die hinter der Hungerharke über magere Felder schreitet, um noch den geringsten |16|Halm zu Gunsten der darbenden Familie einzuziehen. Mein Dank unterblieb, weil Schirme und Wettermäntel mir die Sicht auf die duftende Passantin versperrten. Ebenso auf die Mönckebergstraße, in die Fischmann Wischers Spitalerstraße am Burger-King-und-Bürgermeister-Mönckeberg-Brunnen im spitzen Winkel mündet.

Ich hätte gewünscht, auf ähnlich sperrende Weise wäre jemand zwischen mich und den graumelierten Schlängel getreten, der in gehobenen Gesellschaftsregistern als geölter Fritz eingetragen steht. Gebückt und doch hurtig schob er sich nach nochmaliger Prüfung heran und sagte mit einer rauchverrohten Stimme: »Mir geht es ganz ähnlich, mein Lieber. Wie, wenn ich zu Ihnen schlüpfte?«

Das möge er besser ein paar Häuser weiter bei Ole von Poppenspeel versuchen, antwortete ich.

»Gottchen nein, zu einseitig, der Mann«, sprach der Mann, der ungebeten für Sekunden neben mir hockte. Um sich gleich darauf geschmeidig zu erheben und spornstreichs davonzueilen. Aus meinen Augen Richtung Hauptbahnhof. Was in seinen besseren Tagen Richtung Reinbek gewesen war. Himmelsrichtung Rowohlt. Diesmal endete der Weg zu Gedrucktem meines Vermutens wenige Schritte aufwärts im Thalia-Laden. Wo sein soeben erschienenes Beschwerdebuch, wie ich hoffte, nicht auf Halde lag. Ich hoffte es kaum zugunsten des Verfassers, wohl aber zugunsten der Literatur. Wenn des armen Teufelchens Memoiren auch weder edel noch hülfreich heißen konnten, waren sie doch gut geschrieben. Zuweilen niedrig, widrig bis widerlich, überstiegen sie das Übliche. Die Mären in ihnen nahmen sich leserlich aus, und nicht jede ältere Wahrheit schien ihrem Autor entfallen. Seinen Narzißmus wog für mich sein Antinazismus auf. Einen ganzen Kerl konnte ich ihn nicht nennen; ganz unterhaltsam fand ich ihn schon.

In welcher Verbindung der Geölte zu dem Struppigen stand, neben dem er in der Menge aufgetaucht war, wußte ich nicht, doch zeigte sich letzterer im Begriff, eine Beziehung zwischen |17|uns anzubahnen. Während ich mich noch fragte, ob ich ihn aus der Sesam- oder der Lindenstraße kenne und er der Harri-Bär oder so ähnlich sei, baute er sich über mir auf und bat mich in kräftigem Ton und wie urvertraut um Gehör und Urteil.

Er suche einige der Redensarten, ohne die kein Mensch mehr auszukommen scheine, beim Wort zu nehmen und auf andere Weise in Dienst zu stellen. »Ein Exempel? Kein Problem«, sagte er und fuhr nach einer beinahe unmerklichen Pause fort: »Sehen Sie, was ich meine? Ich meine dieses automatische Kein Problem! Anstatt Bitte, gern! zu rufen und das Exempel folgen zu lassen, beteuern die Leute, sie hätten kein Problem mit dem Problem, und lassen erst dann ihr Exempel folgen. Ich hingegen stelle die verdächtige Phrase Kein Problem! völlig anders in Dienst. Auch dazu ein Exempel: ›Kein Problem!, antwortete der Finanzminister auf die Frage, was er sich von Herzen wünsche.‹ – Nun, wie finden Sie es?«

»Hm«, sagte ich und fragte mich, wie »Hm« in Ohren klingen mochte, auf denen ein hochkrempiger Homburg saß und an denen ein feuchter Vollbart hing. Ihr Besitzer bedachte meinen unentschiedenen Laut gesenkten Hauptes und kippte dabei eine Hutrinne Regenwasser über mich aus. Sodann räumte er ein, sein Exempel sei wahrscheinlich nicht transparent genug; er liefere ein transparenteres: »›Ich denke mal‹, sagte der Journalist und nahm sich vor, es nicht Gewohnheit werden zu lassen.« Ohne eine Bewertung abzuwarten, versicherte er, auch zu dem törichten Das kann ich nachvollziehen habe er etwas. Es laute: »›Das kann ich nachvollziehen‹, tröstete der Henker den verspäteten Delinquenten.«

»Sehr transparent«, sagte ich. »Mir scheint, ich verstehe das Verfahren. Mit Ihrer Erlaubnis möchte ich es auf den Schnack Das ist nicht der Punkt anwenden: ›Das ist nicht der Punkt‹, klagte sie und ging ihm zur Hand. – Falls Ihnen das zu freizügig ist, nehmen wir Davon gehe ich aus: ›Davon gehe ich aus‹, hauchte das Licht, als man es unter den Scheffel stellte.«

»Hm«, machte der Harri-Bär und tappte davon. Kam aber nicht weit. Hatte ein Problem, das er loswerden mußte. Er |18|musterte mein Behältnis und das Pflaster ringsum und fragte: »Wo ist denn die blanke Pinke geblieben, die eben noch auf Ihrem Mumiensack lag? Ich jedenfalls, soviel steht fest, habe sie nicht genommen.«

»Davon gehe ich aus«, hauchte ich. Er zuckte ein wenig und machte sich erneut auf den Weg. Kam auch diesmal nicht weit, weil er – was Regen, was Hagel, was Schnee – am Passantenring, durch den unser Freund Fritz wie geölt entschwunden war, Autogramme geben mußte. Der Sesam- oder der Lindenstraße wegen, gleichviel.

Mir gleich schon gleich. Hauptsache, das Manegenlicht wurde abgezogen und über den signierenden Harri Limelight ausgegossen. Weil ich im jähen Schatten meine Brille von der Nase ziehen konnte, um eine Güterarmut anzuzeigen, die der Ansässige von Fremden erwartet, welche auf seinem geliebten Heimatpflaster herumliegen. Vor allem tat ich es der Tarnung wegen, die sich bei mir aus dem Wegfall von Augenglas ergibt. Als ich einmal unvermutet an mein nacktes Antlitz im Spiegel geraten war, unterließ ich nur knapp die Frage, was es in meinem Bad zu suchen habe. Optischen Zubehörs entkleidet, sei mein Gesicht wahrhaft ein Nullsummen-Gesicht, hat Dorit bei erster Gelegenheit gesagt. Sowenig ihr Bescheid unsere Verbindung kräftigen konnte, sosehr stärkte er im Spitaler-Revier meine Hoffnung, ich könne für ein Quentchen Zeit im Passagenradau vor Daniel Wischers Fischküchentür unerkannt und ungestört verbleiben.

Schließlich wollte ich nur wissen, was der sah, der kunststoffummantelt die Welt besah. Und wollte nicht immerfort bekunden, wie gut einerseits und wie nicht so gut andererseits es mir gehe. Wobei immerfort übertreibt. Da meine Rückkunft an den Ort meiner Herkunft nur besuchsweise zustande kam, waren neue Bündnisse fast unterblieben. Oder zerfielen früh, wie sich an der befristeten Dorit zeigte. Auch unser Familienkreis zerlief mit den Jahren. Seit meine Schwester Isa tot war, fand hamburgische Verwandtschaft nur noch zweiten Grades statt. Oder dritten Grades, zu welchem auch |19|die Männer von Nichten gehören. Und Großneffen, an die sich stets wenden kann, wer in stürmischer Zeit einer Wetterhöhle bedarf.

Zum Glück stand Begegnung mit dem jungen Verwandten, der mir sein Eigentum geliehen hatte, nicht zu befürchten. Er wollte Landvermesser werden und der Hohen Schule auf kürzestem Weg per Fleiß entkommen. Ähnlich ihm hätten sich seine Eltern, denen ich ein alter Onkel war, entschieden gehütet, zur besten Geldverdienenszeit in der Gutesgeldausgebezeile zu erscheinen. Wenn aber doch, wären sie eher erblindet, als des uralten Oheims im Schlafsack des Sohnes vorm Haus des Fischkochs gewahr zu werden.

Blieben die wenigen nordelbischen Freunde. Sosehr ich ihnen als Meinungspartner gemeinsam war, so gemeinsam war ihnen eine Abneigung gegen drangvoll enge Speisehäuser. Meine Liebe zur Spitalerstraße teilten sie von Herzen nicht. Ohne jemals vom dortigen Salat gekostet zu haben, ließ einer von ihnen, der als Diplomat – beinahe hätte ich gesagt: zu Pferde – durch die Küchen der Welt gekommen ist, nur die Kartoffelzubereitung eines Delikatessenhändlers in Berlin-Charlottenburg gelten. Keinesfalls wollte er an meinen Ausflügen hinauf auf das Mönckebergstraßenplateau beteiligt sein.

Ein anderer Lebensnachbar ahnt kaum, wo dieser Lebensmittelpunkt mit seinem Gastmahl des Meeres liegt. Dabei ist er seine Advokatenlaufbahn lang nahe der Spitaler unterwegs gewesen, um in den Pressemassiven an Speersort und Ost-West-Magistrale für die unverbrüchlich unveräußerlichen Urheber- und Gegendarstellungsrechte seiner Mandanten den flinken Speer, den schützenden Schild zu führen.

Von allen elbstädtischen Geistkampfgenossen wäre mir der schwierigste im Schmuddelwetter vom letzten Oktober der willkommenste gewesen. Weil er und sein entschieden linkes Ansichtenmagazin mich ohnedies als Mumie taxieren, so daß mein Eingewickeltsein sie nicht schockieren müßte. Und weil der Herausgeber und ich prägende Erlebnisse teilten. Darunter eines, dessen Anfang in meiner Überfahrt von Harwich |20|nach Hoek van Holland lag. Ehe ich es ausführlich wiedergebe, muß ein methodischer Hinweis sein:

Natürlich besteht zwischen dem, was mir im Leihsack durch den Kopf gesprungen ist, und der Form, in der ich es hier liefere, ein Unterschied wie zwischen einer Mikropunkt-Meldung und deren penibler Ausschrift. Identität des Inhalts aber ist gegeben. Was jeder tut, tat ich vor Wischers Spital. Ich dachte in Microdots. Und mache in dieser späten Geschichte, was jeder mit Gespeichertem macht: Löse es ins Eswar-Einmal auf und erzähle nicht nur, was war, sondern füge auch Dinge ein, die der Rede wert scheinen und zur Sache beitragen könnten.

Während der Kanalüberfahrt konnte man mir nicht nur als blödem Passagier, sondern auch beim allerletzten zollfreien Einkauf begegnen. Da auf europäischen Beschluß Schluß mit Duty-free sein sollte, meine Börse jedoch selbst für akziselosen Johnnie Walker nicht strong genug war, sah ich mich im niederländischen Bord-Laden nach Waren um, durch deren Ankauf ich nichts als sparen konnte. Weil aber die Holländer ihre seegängigen Regale spätestens seit der Ostindischen Handelskompanie kaum noch unter diesem Gesichtspunkt füllen, fand sich wenig, für das ich bei balanciertem Budget Verwendung hatte. Gummibären wären gegangen, doch übe ich wegen der Pusher-Spots eines Fernsehschalks dahingehend Konsumverzicht.

So blieb vom Preis-Leistungs-Verhältnis her nur etwas Eingetütetes, auf dem das vielversprechende niederländische Wort Hostebolchers und der allesversprechende deutsche Dichtername Dr. Hacks geschrieben standen. Da ich unter plattdeutsch-nordelbischen Sachsen aufgewachsen bin, erfaßte ich rasch, bei den Hostebolchers hatte ich es mit Hustenbonbons zu tun. Mit Dr. Hacks’ Hustenbonbons eben. Wenn das kein wunderbarer Zufall ist! dachte ich im Intershop der gegen Hoek van Holland laufenden Fähre. Just auf dem Hinweg nach Harwich hatte ich im Freundesblatt eine Hymne auf den anderen Dr. Hacks gelesen und überlegt, ob |21|ich meine Zustimmung signalisieren könne, ohne den gestrengen Aufsatz-Verfasser, dem ich zugleich laxheits- wie linienverdächtig bin, in Zweifel zu stürzen. Die Lösung lag mit der Tüte, auf die Dr. Hacks’ Hostebolchers geprägt stand, gewichtig auf der Hand.

Für Leser, die erst kürzlich unserem nordöstlichen Kulturkreis beigetreten sind, noch einmal: Neben dem Dr. Hacks, der in Holland Hustenlöser kocht, ist hier die Rede vom deutschen Dr. Hacks, der als Dichter ebenso genial und radikal wie als Denker war. Was ich, abgewandelt ins Publizistische, von meinem Freund, dem Herausgeber, kaum anders sagen würde. Er ist ein Meinungsfester, der allenfalls schwankte, wenn es galt, zwischen dem Herd von Paulino in der Alsterbucht und dem von Cuneo auf St. Pauli zu wählen.

Ich habe die Hostebolchers des einen Dr. Hacks angekauft und sie dem Lobredner des anderen gleich nach dem Ausschiffen zugesandt. In einem Karton, dessen Volumen dem des Beutels so treulich entsprach, daß es der Quadratur des Kreises nahekam. Auf einem Beipack-Zettel stimmte ich dem Magazin-Artikel zu. Ich bedauere nur, schrieb ich, das Fehlen der Pharma-Bonbons (Probe anbei) in der Liste Hacksscher Verdienste. – Sincerely yours im Fährhafen Hoek van Holland am Soundsovielten und ab die Post nach Hamburg hin. Aber nicht Spitalerstraße 12, sondern Ruhrstraße 111.

Nach der mählich verwundenen Niederlage am Schiffsniedergang wieder friedlich, dachte ich während der Fahrt durch Niederlande und flaches deutsches Land, die handliche Schwere meines kompakten Päckchens dürfe einem postalischen Versandideal nahekommen. Zunehmend gelockert, fragte ich mich, ob ich nicht, um Gulden zu sparen, das vakuumstramme Versandgut mit der Aufschrift Büchersendung hätte versehen sollen. Oder, da ich mich der königlich niederländischen Post bediente, Boekenzending. Vielleicht auch, wenn schon verwegen, dann gleich ganz, Hostebolchers.

Nahe Osnabrück fuhr nahe der Autobahn ein Zug, dem anzusehen war, wie sehr es ihn nach Hamburg zog. Was Wunder, |22|barg er doch mit meinem Kollo eine Fracht, deren Brutto-Netto-Tara-Relationen ihr vorbildliche Gestalt verliehen. Weil aber, wie der Meister lehrt, auch der Kampf gegen das Unrecht die Sinne stumpft und den Blick für Schönes verschliert, durfte man fragen, ob die Kämpfer in der elbnahen Ruhrstraße überm Widerstand ein Auge noch für Ästhetisches hatten.

Kaum wollte ich das in aller Freundschaft bejahen, geriet meine Vorstellung vom Eintreffen des ebenso ergonomischen wie ökonomischen Kleinpakets bei der Redaktion ins Konkrete: »Vermutlich ein Buch«, sagt der Bote. »Zu schwer«, sagt die Pförtnerin. »Ist vielleicht mit Bleisatz«, sagt der Bote. »Oder von üblicher Brisanz«, sagt die Pförtnerin. »Könnte von Al Qaida sein«, sagt der Bote und geht, nicht daß er an so etwas glaubte, in Eile vom Hof.

Ich aber, anders glaubensgewiß, fegte entschieden beeilter voran ans nächste Telefon. Marit, deren Name mich stets an Dorit erinnert, war dran. Um nicht mit Tüte und Tür ins Haus zu fallen, fragte ich nach dem Wohlergehen des Monatsblatts und kündigte, der Fernsprechgebühren wegen vielleicht etwas knapp, mein Päckchen an. So anmutig wie seine Form sei auch sein Sinn, versicherte ich; sie könnten es bedenkenlos öffnen.

»Gut zu wissen bei den finsteren Verheißungen alle nasenlang«, sagte Marit.

Klick, machte das Kartentelefon, doch weil mich demokratische Verhältnisse umgeben, maß ich dem keine Bedeutung bei. Zu Recht, denn gleich darauf hieß es digital, mein Guthaben sei erschöpft. Da für die fernmündliche Durchsage ähnliches galt, setzte ich meine Reise fort. Obwohl sie vorm Nord-Süd-Ost-West-Kreuz von Hannover merklich an Traffic-Hektik gewann, gab ich der Versuchung nicht nach, am Leine-Fluß auf Unterelbkurs zu gehen. Wobei ich Materiellem, das sich aus Kroßgebackenem und Zwiebelversetztem baute, leichter als idealistisch Ideellem entkam. Fast übermächtig setzte mir die Empfehlung zu: Die Elbe im Hamburg-Tunnel untertauchen, die Spitaler- zugunsten der Ruhrstraße meiden, wie nebenbei |23|in Nr. 111 der letzteren erscheinen und bezüglich der anreisenden Hostebolchers vorauseilend Beschwichtigendes sprechen!

Ich bin aber geradeaus gefahren, habe die Elbe bei Magdeburg oberirdisch gekreuzt und begegnete einen Monat später im Leserbriefteil der Zeitschrift meinem Beipackzettel nebst abgelichteter Heilsüßzeugtüte, auf der in ruhigen Zügen Dr. Hacks’ Hostebolchers stand. Was mir recht war und immer noch recht ist. Im nassen Nachtsack vor Daniel Wischers Fischbratküche jedoch hätte ich milieugerecht Explosives lieber gehabt. Sagen wir, der grundsatzfeste Editor wäre Ecke Spitaler- und angelehnt genannter Mönckebergstraße erschienen und hätte zuerst, ich hatte ja meine Brille nicht auf, gezögert, um dann mit alter Bestimmtheit zu sagen: »Auch gut, du liegst hier rum, und ich hätte beinahe, mög’s Herrgöttle mir verzeihn, das Bombenkommando angefordert. Willst du es hören?«

Natürlich hätte ich gewollt. Und hätte den Herausgeber der einsam linken wie einsam guten Monatsschrift sagen hören: »Marit sagt zu mir, es hat einer angerufen. Klang wie du, sie ist aber nicht sicher. Im Hintergrund war Autobahnlärm, und du warst kurz. Du hättest was geschickt, keine Sorge, es sei lieb gemeint. – Ich frage Marit: Was hat er geschickt, einen Leserbrief? – Sie sagt: Er sprach von einem kleinen schweren Päckchen. – Ich: Klein und schwer und lieb gemeint? Da will uns einer verarschen. – Sie: Oder es war Bin Laden. – Logo, sage ich, morgen wissen wir es.

Anderntags schwenkt sie Post und ruft: Klein und schwer; der Absender stimmt! – Nun muß es nur noch lieb sein, sage ich. Thomy warnt davor, Kleinschweres leicht zu nehmen; Marit soll es nicht schütteln. Seit Lohn der Angst weiß man, was Nitroglyzerin für Löcher reißt. Wolfgang schließt Nitroglyzerin als Versandgut aus. TNT, sagt er, kommt in Frage, Hexogen oder Nitropenta, was PETN abgekürzt wird. Ob es abgekürzt in so kleine Päckchen paßt, will Kathrin wissen. Eins wie dieses reicht, um aus Redaktion und Verlag ein Lohn der Angst-Loch zu machen, sagt Wolfgang. Thomy behauptet, sogar bei der halbfernen Panasonic-Niederlassung flögen die Scheiben raus, |24|und die Nachbarn Steinway & Sons müßten ihre Jahresproduktion neu stimmen. Wenn Brendan Behan noch lebte, riefe sie ihn jetzt an, sagt Marit. Der habe wegen so was eingesessen und wisse Bescheid. Ist aber leider tot, sagt Wolfgang. Dafür halten seine literarischen Erben für Dynamit, was ihren Federn entfließt, sage ich. Zum Stand der Sprengtechnik könnte Marit ebensogut Alfred Nobel anrufen, findet Wolfgang. Vorausschicken muß sie nur, es ist nicht wegen eines Preises, sonst legt er auf. Nun öffnen wir das unverlangt Eingesandte, sage ich. Marit reicht es mir, Wolfgang gibt mir sein Messer, und Thomy geht mit dem Bemerken zur Tür, einer müsse bezeugen können, wie alles gekommen sei. Wie ich an dem Päckchen schnüffle, findet Kathrin, das soll ich den Hunden überlassen; Golden Retriever seien gut darin. Thomy ruft vom Ausgang, ein Bekannter in Groß Borstel hat einen Golden Retriever; ob er den ausleihen soll? Noch besser, du nimmst das Päckchen, sage ich, und öffnest es in einem stillen Teil von Groß Borstel. Dann können gleich mehrere bezeugen, wie alles gekommen ist, sagt Marit. Wolfgang eilt Thomy mit dem Rat zu Hilfe, um den Personen- wie Sachschaden gering zu halten, soll ich den kleinen, schweren, lieben Packen morgen mit auf meine morgendliche Rennradrunde nehmen und an einem geeigneten Platz überprüfen. Führt nicht, fragt er, dein Trainingsweg an der Führungsakademie in Blankenese vorbei?«

Wäre der hochgeschätzte Herausgeber bis hier in dem Bericht gekommen, der ihm leider nur von mir in den Mund gelegt worden ist, hätte ein betagter Disput über individuellen Terror wieder eingesetzt. Diese Kampfesart liebt er sowenig wie ich, haßt sie aber weniger als ich. Mich steuere da eine Linientreue, die ich sonst ja oft bereue, reimt er und kehrt den Großlatinumbesitzer mit der Vermutung heraus, meine Disziplin gehe auf eine falsche Auslegung des Wahlspruchs Nulla dies sine linea zurück.

Doch ist der rühmliche Publizist anders als Dorit, Harri und Fritz nicht in der Spitalerstraße erschienen.

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