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Kings of Boardroom - beherrscht von Erfolg und Leidenschaft - 6-teilige Serie

Catherine Mann, Emilie Rose, Maya Banks, Michelle Celmer, Jennifer Lewis, Leanne Banks

Kings of Boardroom - beherrscht von Erfolg und Leidenschaft - 6-teilige Serie

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Catherine Mann

Verlangen, das wie Feuer brennt

PROLOG

New York City – vor vier Monaten

Lauren Presley fragte sich, wie ein Mann ihr einerseits so nahe sein und ihr andererseits meilenweit entfernt vorkommen konnte.

Aber kein Zweifel, der halb nackte Mann, mit dem sie eng umschlungen auf der Couch in ihrem Büro lag, war gedanklich und gefühlsmäßig längst ganz woanders. Da er ohnehin nur noch körperlich anwesend war, würde Lauren, sobald sie wieder ruhig zu atmen vermochte, kurzen Prozess machen und ihn hinauswerfen.

Sie trug noch ihre halterlosen Seidenstrümpfe und fühlte sich erhitzt von dem wilden leidenschaftlichen – und völlig überraschenden – Zusammensein mit ihm. Zum Glück war ihre Firma, ein aufstrebendes Grafik- und Designunternehmen, an diesem Tag geschlossen und daher keiner der Angestellten anwesend.

Mit einem Mal erschien Lauren alles ungewöhnlich und irgendwie zusammenhanglos. Sie fühlte sich an die surrealistischen Bilder Salvatore Dalis erinnert und konnte es Jason nicht verübeln, wenn er bereute, was sie getan hatten.

Auch sie selbst wunderte sich, dass es so weit gekommen war … Im Nu war ihr Slip auf dem Boden gelandet und das Kleid nach oben gerutscht!

Fast im selben Moment hatte sie begonnen, ihm den Gürtel und den Reißverschluss zu öffnen … Dabei arbeitete sie oft mit Jason Reagert zusammen – eine bewährte geschäftliche Partnerschaft, die sie mit ihrem unüberlegten Verhalten nun leichtfertig aufs Spiel gesetzt hatten.

Diesen schrecklichen Moment der Ernüchterung nach dem Sex musste sie schleunigst hinter sich bringen, bevor ihr Stolz darunter litt.

Als in der Stille des leeren Büros plötzlich ein leises Summen erklang, sagte Lauren: „In deiner Hose vibriert etwas.“

Fragend hob Jason eine Augenbraue. Sein kurz geschnittenes dunkles Haar war noch zerzaust von Laurens Leidenschaft. „Wie meinst du das?“

Sie berührte ihn an der Hüfte, wo in der Tasche sein Handy steckte. „Im Ernst. Dein Blackberry läutet.“

„Herrje!“ Als er sich eilig aus der Umarmung löste, strich kühle Luft über Laurens nackte Haut. Jason setzte sich, und ein leises Kratzen auf dem Holzfußboden verriet, dass er mit den Füßen in die exklusiven Designerschuhe geschlüpft war. Eilig schaltete er das Handy aus. „Schlechtes Timing!“

Auch Lauren setzte sich auf. Während sie sich bemühte, ihr schwarzes Seidenkleid in Ordnung zu bringen, vermied sie es sorgfältig, Jason anzusehen. Um ihren Slip würde sie sich später kümmern. Mit dem Fuß beförderte sie das winzige Teil aus schwarzem Satin unter das Sofa. „Dein Bettgeflüster lässt etwas zu wünschen übrig“, bemerkte sie.

„Sorry.“ In der nächtlichen Stille war deutlich zu hören, wie er den Reißverschluss seiner Hose schloss. „Das war die Weckfunktion.“

„Und woran soll sie dich erinnern?“, fragte Lauren, während sie die weiße Wand aus Ziegelsteinen betrachtete, die Staffelei in der Ecke, die beleuchteten Kunstwerke …

„An meinen Flug nach Kalifornien.“

Ach ja richtig. Er reiste ab.

Lauren stand auf und zog sich das Kleid glatt. Dabei sah sie sich nach ihren Lieblingspumps um, Manolos mit Leopardenmuster. Nie wieder würde sie sie tragen können, ohne daran zu denken, wie unüberlegt sie in dieser Nacht gehandelt hatte …

Jason und sie hatten über den letzten Einzelheiten eines Projekts gesessen, für das Lauren die Grafik ausgearbeitet hatte. Den Auftrag dafür hatte ihr die New Yorker Werbeagentur erteilt, bei der Jason – noch – beschäftigt war.

Seit ein paar Wochen wusste Lauren, dass er in Kalifornien eine vielversprechende Stelle antreten würde, die ihm bessere Karrierechancen bot. Als sie sich mit einer herzlichen Umarmung von ihm verabschiedet hatte, war sie selbst über die Maßen verwundert gewesen, wie nahe ihr sein bevorstehender Umzug ging.

Während sie sein schlankes und sympathisches Gesicht angesehen hatte, waren ihr Tränen in die Augen gestiegen. Im nächsten Moment hatten sie einander geküsst.

Wie intensiv dieser Kuss gewesen war und wie zärtlich Jason sie gestreichelt hatte. Lauren spürte, wie Schauer der Erregung sie erneut erfassten. Er hatte ihren Po umfasst und sie auf diese Weise an sich gedrückt.

Ohne es zu wollen, sehnte Lauren sich bereits wieder nach Jasons körperlicher Nähe. Am liebsten hätte sie nach seiner Krawatte gegriffen, an der sie vorhin vergeblich gezerrt hatte, und ihn zu sich gezogen.

Der Impuls wurde immer stärker und ließ sich kaum noch unterdrücken.

Schließlich gelang es ihr, nicht ständig auf seine markanten Wangenknochen und den sinnlichen Mund zu sehen. Sie konnte sich nicht im Mindesten erklären, woher ihre heftigen Gefühle kamen – und sie wusste nicht, wie sie dagegen angehen sollte, wenn Jason erst weg war.

Unter dem Schreibtisch fand sie die Schuhe mit Leopardenmuster. Erleichtert, dass sie auf diese Art mehr Abstand zwischen sich und Jason – und diese unseligen Couch – bringen konnte, kniete sie nieder und zog den ersten Schuh hervor.

Ärgerlicherweise befand sich der zweite außerhalb ihrer Reichweite.

„Lauren …“ Mit einem Blick auf seine Schuhe bemerkte sie, dass er seitlich hinter ihr stand, und ihr wurde bewusst, welch aufreizenden Anblick sie ihm vermutlich bot.

„Normalerweise ist es nicht meine Art …“

„Gib dir keine Mühe!“, unterbrach ihn Lauren und setzte sich auf die Fersen. Zu ihrem hellen Hauttyp mit den kastanienbraunen Haaren gehörte leider auch, dass sie schnell errötete. „Ist schon gut. Du brauchst nichts zu erklären.“

Genauso, fast unterwürfig, hatte sich ihre Mutter bei ehelichen Schwierigkeiten angehört.

„Ich rufe dich …“

„Nein!“ Brüsk erhob sich Lauren und ließ die Schuhe Schuhe sein. Unter ihren Füßen fühlte sich der Holzfußboden kühl an. „Versprich jetzt nichts, was du nicht halten wirst.“

Er nahm seine Anzugjacke von einem Stuhl aus Metall. „Dann ruf doch du mich an!“

„Wozu soll das gut sein?“ Zum ersten Mal musterte sie unverhohlen seine edlen Gesichtszüge. Und den kultivierten Ausdruck seines Gesichts, der erkennen ließ, dass er teure Privatschulen besucht hatte. Für die Spur von Härte war wohl das Jahr in der Navy verantwortlich.

Jason entstammte einer traditionsreichen wohlhabenden Familie und hatte darüber hinaus bereits jede Menge eigenes Geld verdient.

„Du ziehst nach Kalifornien, und ich bin hier in New York zu Hause“, fuhr Lauren fort. „Im Grunde verbindet uns nur eine Geschäftsbeziehung – abgesehen von der Tatsache, dass diese gerade zu einem unerwartet intensiven Austausch auf körperlicher Ebene geführt hat. Aber dadurch ändert sich nichts.“

Sie warf das lange Haar zurück und öffnete die Tür zu einem größeren Studio. Stühle waren auf Tische gestellt, ansonsten war es leer.

Jason lehnte sich an den Türstock und zog überrascht und leicht arrogant eine Augenbraue hoch. „Heißt das, du zeigst mir die kalte Schulter?“

Ganz offenbar passierte ihm so etwas nicht oft. Mochte sein, dass Lauren eben etwas schnell nachgegeben hatte – ab sofort würde sie andere Saiten aufziehen.

„Ich bin nur vernünftig, Jason.“ Sie sah ihn an, wie er groß und schlank vor ihr stand.

Später, wenn er erst weg war, würde sie es sich in ihrem behaglichen Zweizimmerapartment gemütlich machen. Es lag in dem eleganten Stadtviertel Upper East Side. Nein, noch besser wäre es, den ganzen Tag im Metropolitan Museum of Art zu verbringen, in dem Kunstwerke von der Steinzeit bis in die Moderne ausgestellt waren. Lauren würde in die Welt der einzelnen Bilder eintauchen. Kunst bedeutete ihr alles und war aus ihrem Leben nicht wegzudenken.

Die Eröffnung ihres eigenen Betriebes war möglich geworden, weil ihre Tante Eliza ihr überraschend Geld hinterlassen hatte. Für Lauren bedeutete die Firma die einmalige Chance, ihre Träume zu verwirklichen. Dazu gehörte auch, ihrer Mutter zu beweisen, dass sie mehr konnte, als auf eine gute Partie zu warten.

Lauren würde nicht zulassen, dass ein Mann ihre Pläne durchkreuzte.

Schließlich nickte Jason. „Also schön. Wenn du es so haben willst, von mir aus.“ Er strich ihr das Haar zurück und berührte dabei mit dem Daumen ihre Wange. „Dann mach’s gut, Lauren.“

Sie gab sich Mühe, ernst und unnachgiebig auszusehen – ein Gesichtsausdruck, wie sie ihn oft in den Werken niederländischer Meister wahrgenommen hatte.

Jason drehte sich um, warf das Jackett über die Schulter und ging. Tapfer widerstand Lauren dem Wunsch, ihm nachzurufen.

Die Nachricht, dass er New York verließ, hatte sie unerwartet stark mitgenommen. Aber kein Vergleich zu ihren Gefühlen, als sie ihm nachschaute, wie er ihre Firma verließ!

1. KAPITEL

San Francisco

Nicht an Lauren zu denken hatte sich als weitaus schwieriger erwiesen, als Jason angenommen hatte. Seit seiner Abreise aus New York hatte er immer wieder versucht, sie zu vergessen – und bis vor einer Minute gehofft, es eines Tages auch zu schaffen.

Fröhliches Klirren der Gläser, angeregte Unterhaltung, laute Musik der Achtzigerjahre. Allmählich kam Jason wieder mehr zum Bewusstsein, was um ihn herum in der exklusiven Trendbar vor sich ging. Er sah von seinem Blackberry auf zu der Frau, mit der er die letzte halbe Stunde geflirtet hatte, und senkte wieder den Blick.

Gedankenverloren betrachtete er das Bild, das er gerade empfangen hatte – und das Lauren Presley unübersehbar schwanger bei einer Silvesterparty zeigte!

Ihm fehlten selten die Worte, schließlich gehörte er zu den Besten der Werbebranche, aber hierzu fiel ihm nichts ein … Was vielleicht daran lag, dass er sofort wieder an die leidenschaftliche Begegnung in Laurens New Yorker Büro denken musste. War in dieser – übrigens unvergesslichen – Überraschungsnacht ein Baby entstanden?

Seitdem hatte er weder bei ihr noch sie bei ihm angerufen, und an eine Schwangerschaft hatte er nicht im Traum gedacht!

Er blinzelte und versuchte, sich auf das Geschehen in der Bar zu konzentrieren. Doch immer wieder starrte er geschockt das Foto an, das ihm einer seiner Freunde aus New York aufs Handy geschickt hatte.

Während Jason überlegte, wie er am besten Kontakt zu Lauren aufnehmen konnte, bemühte er sich, sich nichts anmerken zu lassen. Beim letzten Mal hatte sie es ziemlich eilig gehabt, ihn loszuwerden …

Als einer der lebhaft tanzenden Besucher gegen ihn stieß, verdeckte Jason das Blackberry sicherheitshalber mit der Hand.

Die Rosa Lounge in der Stockton Street war eine beliebte und eher kleine Bar im Achtzigerjahre-Retrostil, die durch die gedämpfte Beleuchtung sehr behaglich wirkte. Mit grünen Glastischen und schwarz lackierten Stühlen war sie stilvoll und teuer eingerichtet.

Zahlreiche Gäste drängten sich auf der Tanzfläche und um den weißen Marmortresen, der fast die gesamte Wandseite einnahm. Gegenüber befanden sich hohe weiße Tische. Für den Fußboden war edles dunkles Holz verwendet worden.

Da die Rosa Lounge nur einen Steinwurf von Maddox Communications entfernt lag, kamen die Angestellten oft hierher, wenn sie Grund zum Feiern hatten, etwa nach einem erfolgreichen Vertragsabschluss.

Jason umfasste das Blackberry fester. An diesem Abend waren alle ihm zu Ehren gekommen. Ausgerechnet jetzt musste er im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses stehen!

„Hallo?“, fragte Celia Taylor und schnippte mit sorgfältig manikürten Fingern vor seinem Gesicht. Ihr Key Lime Martini, ein Longdrink, der gerade besonders angesagt war, schimmerte sanft gelbgrün in dem edlen Kristallglas. „Erde an Jason … Erde an Jason!“

Er zwang sich, seine Aufmerksamkeit auf Celia zu richten. Sie war wie er bei der Madd Comm, wie die Werbeagentur intern genannt wurde, beschäftigt. Zum Glück hatte er sein Bier der japanischen Marke Sapporo noch nicht angerührt, denn ein klarer Kopf erschien ihm im Augenblick wichtiger denn je. „Sorry“, sagte er. „Tut mir leid, dass ich mit den Gedanken woanders war.“ Obwohl er das Handy in die Tasche seines Jacketts von Armani verbannte, musste er immerzu daran denken. „Kann ich dir einen neuen Drink holen?“

Eigentlich hatte er sie um ein Date bitten wollen, aber das war gewesen, bevor ihn diese Aufnahme erreicht hatte. Ironie des Schicksals … und der modernen Technik.

„Nein, danke.“ Celia trommelte mit den Fingern gegen ihr Martiniglas. „Die E-Mail muss ja verdammt wichtig gewesen sein. Jetzt könnte ich ja sagen, dass es unhöflich von dir ist, mich einfach so links liegen zu lassen. Aber in Wahrheit bin ich vermutlich nur neidisch, dass mein Handy nicht klingelt.“

Celia strich sich ihr langes rotes Haar zurück und stützte die Hand in die Seite.

Rotes Haar.

Grüne Augen.

Wie Lauren … Plötzlich begriff Jason.

In der Überzeugung, über die Sache mit Lauren hinweg zu sein, hatte er sich zielsicher die einzige Rothaarige dieses Abends zum Plaudern ausgesucht! Allerdings war Laurens Haar dunkler, mehr kastanienfarben … und ihre Kurven etwas voller, was ihn damals vor Verlangen ganz verrückt gemacht hatte.

Entschlossen stellte er seine Flasche auf dem Tresen ab und sah Richtung Tür. Zögern brachte nichts. Er musste es wissen.

Celia war eine wirklich nette Kollegin, und er wollte nicht unhöflich sein. Am Arbeitsplatz blieb sie immer sachlich, um ernst genommen zu werden. Sie hatte wahrlich etwas Besseres verdient, als nur eine Art Ersatz zu spielen. „Entschuldige, ich muss mal einen Augenblick raus und einen wichtigen Anruf erledigen.“

Überrascht neigte Celia den Kopf zur Seite. Dann sagte sie: „Klar, kein Problem. Bis gleich.“

Mit einem angedeuteten Winken verabschiedete sie sich, wandte sich auf ihren hochhackigen Schuhen um und ging zu Gavin, einem Kollegen.

Während sich Jason einen Weg durch die Menge bahnte, hoffte er, dass seine Kollegen sein Verschwinden nicht bemerkten. Nach ein paar klärenden Telefonaten würde ihm vielleicht wohler sein.

Plötzlich spürte er einen kameradschaftlichen Schlag auf die Schulter. Jason drehte sich um und sah sich seinen Chefs, den Maddox-Brüdern, gegenüber: Brock und Flynn, den beiden Geschäftsführern.

Mit einer ausholenden Handbewegung winkte Flynn die umstehenden Mitarbeiter herbei und hob sein Glas. „Auf Jason Reagert“, rief er, „den Mann der Stunde! Herzlichen Glückwunsch, dass du den Vertrag mit Prentice an Land gezogen hast. Madd Comm ist stolz auf dich!“

„Auf unseren neuen und brillanten Mitarbeiter“, schloss sich der Finanzchef Asher Williams an.

„Auf den Erfolg von Jason“, ergänzte Gavin.

„Den nichts und niemand aufhalten kann“, fügte Brock hinzu. Auch seine Sekretärin hob anerkennend ihr Glas. Alle lachten Jason zu.

Ihm blieb nichts anderes übrig, als das Lächeln zu erwidern.

Klar war er stolz, dass er den Vertrag mit Prentice, der größten Textilfirma des Landes, unter Dach und Fach gebracht hatte. Dabei war aber auch eine gehörige Portion Glück im Spiel gewesen. Prentice war als Kunde für Werbeagenturen beinahe ein so großer Fisch wie Procter & Gamble. Gerade, als Jason im Herbst nach Kalifornien gekommen war, hatte Walter Prentice seiner bisherigen Agentur die Aufträge entzogen – weil dieses Unternehmen seiner Meinung nach moralisch nicht einwandfrei war.

Der stockkonservative Prentice war bekannt dafür, dass er Partnerfirmen die Zusammenarbeit aufkündigte, nur weil zum Beispiel ein leitender Angestellter einen Nacktbadestrand besucht hatte oder Beziehungen zu zwei Frauen unterhielt.

Aus den Augenwinkeln sah Jason Celia an.

Mit Appetit dippte Brock ein Stück Quesadilla aus Mais in die Mangosauce. Sicher hatte er wie häufig der Arbeit wegen auf ein Mittagessen verzichtet. „Heute habe ich mit Prentice gesprochen. Er ist ja regelrecht begeistert von dir. War ein guter Schachzug, dass du ihm Geschichten aus deiner Militärzeit erzählt hast.“

Unruhig blickte Jason zur Tür. Als Schachzug würde er das nicht bezeichnen. Es war nur einfach eine Chance gewesen, Kontakt herzustellen, da Prentice’ Neffe in etwa zur selben Zeit Dienst getan hatte wie Jason. „Ich habe mich nur höflich mit ihm unterhalten.“

„Mann, du bist ein Held“, sagte Flynn begeistert und hob sein Glas. „Keine falsche Bescheidenheit. Es war einfach toll, wie du und deine Spezialeinheit diese Piraten hochgenommen …“

Nach seinem Collegeabschluss hatte Jason sechs Jahre in der Navy gedient, als Offizier in einer Tauchabteilung für besondere Aufgaben, und zwar dem Entschärfen von Minen. Natürlich hatte er einige Erfolge gegen Piraten erzielt und damit Leben gerettet, aber das traf auf viele seiner Kameraden ebenfalls zu. „Ich habe nur meine Pflicht getan, wie alle anderen auch.“

Inzwischen steckte Brock den Rest seiner Quesadilla in den Mund. „Du bist eindeutig auf Prentice’ Wellenlänge. Bleib sauber, und du wirst es mit seiner Hilfe weit bringen. Sein Werbeauftrag für eine neue Modelinie kommt uns wie gerufen. Du weißt ja, wie sehr uns Golden Gate Promotions im Nacken sitzt.“

Für Madd Comm war Golden Gate der Hauptkonkurrent – ebenfalls ein traditionsreiches Unternehmen, das bis zum heutigen Tage von seinem ursprünglichen Gründer, Athos Koteas, geleitet wurde. Ein ernst zu nehmender Gegner.

Für Jason bedeutete diese Chance in Kalifornien alles. Niemals würde er zulassen, dass sein Job bei Maddox durch irgendetwas in Gefahr geriet.

In seiner Jacke klingelte das Handy. Kamen noch mehr Bilder? Schickte ihm sein Freund vielleicht noch ein Bild mit Ton, damit es ja jeder mitbekam? Bei der Vorstellung bekam Jason Kopfschmerzen.

Sicherlich mochte er Kinder und wollte eines Tages selbst welche haben. Aber jetzt?

Flynn beugte sich zu ihm. „Im Ernst, für uns bist du eine echte Bereicherung, nachdem wir deinen Vorgänger, diesen Lahmarsch, entlassen haben.“

Brock grinste. „Sonnengebräunter Lahmarsch wäre besser, schließlich hatte er eine Schwäche fürs Nacktbaden.“

Verhaltenes Gelächter der Kollegen erklang. Mit leichtem Unbehagen lockerte Jason seinen Hemdkragen, während er daran dachte, dass Walter Prentice angeblich seine eigene Enkelin verstoßen hatte, nur weil sie sich geweigert hatte, den Vater ihres Kindes zu heiraten. Prentice war ein Mann, dem die Familie über alles ging.

Im Grunde fand Jason, dass im Beruf ausschließlich die Ergebnisse zählten. Dass er bei Maddox Communications als erfolgreicher Newcomer gefeiert wurde, hatte er seinem unermüdlichen Einsatz zu verdanken, harter Arbeit also.

Er war aus eigener Kraft so weit nach oben gelangt, ohne die Hilfe der alteingesessenen Firma seines Vaters, in der er gewissermaßen aufgewachsen war. Keinesfalls würde Jason zulassen, dass die kurze Unbedachtsamkeit vor vier Monaten alles infrage stellte, was er sich aufgebaut hatte. Er wollte den Erfolg genießen, den er sich verdient hatte.

Als Jugendlicher hatte er der Versuchung widerstanden, in das Werbeunternehmen seines Vaters einzutreten. Stattdessen hatte er ein Stipendium für das College erhalten und danach eine Offiziersausbildung absolviert.

Nach den sechs Jahren in der Navy hatte er auf eigene Faust sein Glück in der Werbebranche versucht. Als er den Job in New York angenommen hatte, war der Einfluss seines Dads für Jason noch immer zu spüren gewesen. Erst das Angebot von Madd Comm aus San Francisco hatte es Jason erlaubt, aus dem väterlichen Schatten herauszutreten, denn nun lag ein ganzer Staat zwischen ihnen.

Mit einem Mal wusste Jason, was er zu tun hatte. Gleich nach der Party würde er den Nachtflug nach New York nehmen. Schon am nächsten Morgen würde er bei Lauren Presley vor der Tür stehen und von Angesicht zu Angesicht mit ihr reden.

Und wenn das Baby tatsächlich von ihm war, musste sie eben ganz einfach nach Kalifornien ziehen. Wenn er sie überall als seine Verlobte vorstellte, wäre eventuellen Gerüchten von vorneherein die Grundlage entzogen.

Der Januarwind war so kalt, dass die meisten Leute nicht aus dem Haus gingen. Normalerweise hätte sich auch Lauren mit dicken Socken und Pullover in ihr Apartment zurückgezogen und sich der Pflege ihrer Zimmerpflanzen gewidmet.

Aber da sie fand, dass die Kälte gut gegen ihre Schwangerschaftsübelkeit half, beschloss sie, auf den gemeinschaftlichen Dachgarten zu gehen. Sie selbst hatte vor ein paar Jahren die Bepflanzung angeregt. An einem Tag wie diesem würde es sicher nicht schaden, nachzusehen, ob der Winterschutz der Gewächse noch in Ordnung war.

Auf den Knien zog sie die Folie fester um einen Pflanzkübel. Unter ihr kündigten Motorenlärm und Hupgeräusche an, dass New York allmählich erwachte. Während der Wintermonate musste Lauren beim Anblick der Stadt immer an den amerikanischen Maler Andrew Wyeth und seine Bilder in Schwarz, Weiß, Braun und Grau denken.

Durch ihre Jeans drang die Eiseskälte des Betonbodens, und vom East River wehte ein scharfer Wind. Lauren vergrub sich tiefer in ihren Wollmantel und bewegte die steifen Finger in den Gartenhandschuhen.

Dass ihr Magen verrückt spielte, lag nicht nur an dem Baby …

Vorhin hatte ihre Freundin Stephanie angerufen und ihr ziemlich aufgeregt gestanden, dass Jason von der Schwangerschaft wusste: Ihr Mann hatte ihm ein Foto aufs Handy geschickt, das in der Vorwoche bei einer Silvesterparty entstanden war.

Mit der Folge, dass Jason auf dem Weg hierher war.

Unter diesen Umständen war es kein Wunder, dass weder frische Luft noch Gartenarbeit gegen Laurens Übelkeit half.

Wie sollte es auch anders sein, da ihre Welt zu zerbrechen drohte? Bald würde Jason hier sein und ihr vorwerfen, dass sie ihm nichts von dem Baby erzählt hatte, das in fünf Monaten zur Welt kommen würde. Doch am schlimmsten war, dass ihre Firma, die ihr so viel bedeutete, vor einem schier unlösbaren Problem stand.

Müde ließ sie sich gegen die Einfassung des Springbrunnens sinken, in dem das verbliebene Wasser zu Eis gefroren war. Von der Mähne des steinernen Löwen hingen Eiszapfen herab.

Als es ihr eine Zeit lang zu schlecht gegangen war, um zur Arbeit zu gehen, hatte ihr Buchhalter Dave ihre Abwesenheit genutzt und eine halbe Million Dollar veruntreut.

Lauren hatte erst vor einer Woche davon erfahren: Da Dave „im Urlaub“ war, hatte sie vorübergehend ein Buchführungsbüro beauftragt, und dessen Mitarbeiterin war das Fehlen der Summe sofort aufgefallen.

Egal, in welches Südseeparadies er sich mit Laurens Vermögen zurückgezogen hatte – wiederkommen würde er sicher nicht. Auch Polizei und Behörden glaubten nicht, dass sie ihn oder das Geld jemals aufspüren würden.

Nachdenklich strich sie über die sanfte Wölbung ihres Bauches. In wenigen Monaten würde ein Kind auf sie angewiesen sein – und sie hatte es geschafft, ihr Leben gründlich durcheinanderzubringen.

Eine schöne Mutter bin ich, dachte sie selbstkritisch. Verstecke mich auf dem Dachgarten, anstatt meine Probleme zu lösen.

Die Tür zum Dach quietschte, und gleich darauf fiel ein Schatten in Laurens Richtung. Noch bevor sie aufsah, wusste sie, dass Jason sie gefunden hatte. Nun ließ sich das Gespräch mit ihm – und die drohende Auseinandersetzung – nicht länger aufschieben.

Sie sah über die Schulter … und verspürte einen Stich im Herzen.

Vor der Skyline hob sich Jasons große schlanke Gestalt ab. Die Jahre des Tauchens und Schwimmens in der Navy hatten einen muskulösen Körper geformt. Der Wind fing sich in seinen kurzen Haaren.

Fordernd und unbewegt stand er da, und Lauren dachte: So wie er aussieht, denkt und fühlt er auch. Kein Mann für Kompromisse …

Sie riss sich von seinem Anblick los und begann, ihre Gartenwerkzeuge einzupacken. „Hallo Jason.“

Auf dem harten Boden hörte sie ihn näherkommen, aber noch immer sagte er kein Wort.

„Offensichtlich hat dir der Portier gesagt, dass ich hier oben bin“, plauderte sie los, und ihre Bewegungen wurden hastiger.

Jason kniete sich neben sie. „Du solltest vorsichtiger sein.“

„Und du solltest dich nicht an Leute heranschleichen“, erwiderte sie und rückte ein Stück von ihm ab.

„Was, wenn nicht ich es gewesen wäre, der hier hochkommt? Obwohl die Tür einen ziemlichen Krach macht, hast du mich nicht gehört.“

„Ich war mit meinen Gedanken eben woanders.“ Das stimmte leider! Bei seiner unmittelbar bevorstehenden Ankunft, bei dem Baby – und bei der unterschlagenen halben Million.

Ohne viel Fantasie zu bemühen, konnte sich Lauren bereits die missbilligenden Kommentare ihrer Eltern vorstellen, wenn sie von alldem hörten. Nur von Jason würden sie gewiss begeistert sein, denn er entsprach genau dem Schwiegersohntyp, den ihre standesbewusste Mutter sich vorstellte: Er stammte aus gutem Hause, verfügte über ein dickes Finanzpolster und sah auch noch gut aus.

Im Grunde dachten vermutlich alle Mütter so. Aber wenn Jason auch unbestritten über all diese Vorzüge verfügte, so war er trotzdem ziemlich stur und gab gerne den Ton an. Lauren hatte zu lange um ihre Unabhängigkeit gekämpft, um sich auf eine Beziehung mit einem Mann wie ihn einzulassen. Nur aus diesem Grund hatte sie es in den vergangenen Monaten geschafft, die Anziehung zwischen ihnen zu ignorieren.

Sie drückte die Gartentasche aus Leinen an ihre Brust und fragte: „Was machst du hier? Du hättest mich doch anrufen können!“

„Und du hättest mich anrufen können!“, entgegnete er, betrachtete kurz ihr Bäuchlein und sah sie dann an. „Als ich letzte Nacht mit einem Freund telefoniert habe, hat er mir erzählt, dass du zurzeit von zu Hause aus arbeitest, weil dir nicht gut ist. Ich hoffe, dir fehlt nichts! Ist mit dem Baby alles in Ordnung?“

Einfach so, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt, redete er von ihrer Schwangerschaft. Keine Vorwürfe, kein Streit – ganz anders, als Lauren es von ihren Eltern kannte, egal ob vor oder nach deren Scheidung.

Dennoch zitterten ihr die Finger, als sie die Tasche über die Schulter hängte.

„Mir ist nur morgens schlecht“, antwortete Lauren und steckte die Hände in die Manteltaschen. „Der Arzt sagt, alles im grünen Bereich. Ich schaffe einfach mehr, wenn ich von daheim aus arbeite. So wie es aussieht, habe ich das Schlimmste hinter mir.“

„Da bin ich aber froh.“

Ein paar Monate lang hatte Lauren die Übelkeit schlimm zugesetzt. Obwohl es ihr schwergefallen war, die täglichen Geschäfte anderen anzuvertrauen, war ihr schlichtweg keine Wahl geblieben … Nur leider hatte sie das eine halbe Million Dollar gekostet. „Seit letzter Woche gehe ich immerhin wieder halbtags in die Firma.“

„Sicher, dass das nicht zu früh ist? Du bist dünn geworden“, bemerkte Jason fürsorglich, zog einen Metallstuhl heran und bot ihn Lauren an.

Sie setzte sich – nicht ohne ihn misstrauisch zu mustern. „Was weißt du eigentlich über meine Schwangerschaft?“

„Spielt das eine Rolle?“ Er zog seinen Trenchcoat aus und legte ihn Lauren um die Schultern.

Sofort nahm sie den vertrauten Duft seines Aftershaves und die angenehme Wärme wahr. Die Verlockung war zu groß! Lauren, die entschlossen war, ihr Leben nicht noch mit weiteren Problemen zu belasten, gab den Mantel zurück. „Nein. Nicht wirklich. Hauptsache ist, dass du überhaupt Bescheid weißt.“

Als er näher kam, lag in seinen dunklen Augen ein Glanz, der Lauren erbeben ließ. An diesem Tag ebenso wie damals vor vier Monaten, als sie es nicht hatte erwarten können, Jason nahe zu sein.

Da sie sich nur zu genau an diese leidenschaftliche Nacht erinnerte, zwang sie sich, zur Seite zu sehen. „Danke, dass du keine Zweifel an deiner Vaterschaft hast.“

„Jetzt würde ich gerne erwidern: Danke, dass du mir von unserem Baby erzählt hast. Aber hast du ja leider nicht!“ Zum ersten Mal klang seine Stimme leicht vorwurfsvoll.

„Hätte ich schon noch.“ Vielleicht kurz bevor das Kind volljährig wurde … „Es ist ja erst in fünf Monaten soweit.“

„Ich möchte am Leben meines Kindes teilhaben und keinen Moment verpassen“, sagte Jason. „Ab jetzt ziehen wir an einem Strang.“

„Heißt das, dass du wieder nach New York ziehen willst?“, fragte sie.

„Nein, das nicht“, antwortete er und klappte den Mantelkragen hoch. Jasons sonnengebräuntem Gesicht war deutlich anzusehen, dass er nun schon eine Zeit lang im angenehmen kalifornischen Klima lebte. „Reden wir lieber in deiner Wohnung weiter, da ist es wärmer.“

Lauren beschlich ein Verdacht. „Du ziehst nicht nach New York, aber möchtest dich mit mir zusammen um das Baby kümmern. Du erwartest doch nicht ernsthaft, dass ich nach San Francisco komme?“

Er schwieg. Es war tatsächlich genau das, was er sich vorstellte.

Wütend stellte Lauren klar: „Ich gehe mit dir nirgendwohin. Nicht in mein Apartment und schon gar nicht nach Kalifornien! Weder gebe ich meinen Betrieb auf, in den ich all mein Herzblut investiert habe, noch mein Leben hier in New York.“ Auch wenn von der Firma nicht mehr viel übrig war.

„Na ja …“ Sein Atem hing wie weißer Hauch in der kalten Luft. „Ich möchte schon, dass du mitkommst. Und dass wir zusammen sind, schon wegen dem Baby. Was ist dir wichtiger? Deine Firma oder dein Kind?“

Am liebsten hätte sie laut aufgeschrien. Das Wohl des Babys war ihr wichtiger gewesen als alles andere – leider voll zu Lasten ihres Unternehmens. Und doch war Lauren sich sicher, dass sie jederzeit wieder so handeln würde.

Hätte sie lieber etwas mehr Geld ausgegeben, damit jemand wirklich Vertrauenswürdiges in ihrer Abwesenheit auf den Laden aufpasste! Aber sie hatte ja geglaubt, Personalkosten sparen zu müssen.

„Jason, warum bedrängst du mich so? Lass mir doch etwas Zeit.“ Der Gedanke an ihre betrieblichen Schwierigkeiten erfüllte sie mit Zorn und der Angst, wie es weitergehen sollte – Gefühle, die sich nun gegen Jason richteten. „Wir haben doch monatelang Zeit, über alles zu reden. Was steckt in Wahrheit dahinter?“

Seine Miene wirkte verschlossen, und er sah Lauren kühl und ausdruckslos an wie der Steinlöwe in dem eingefrorenen Brunnen. „Ich weiß nicht, was du meinst.“

„Es muss doch einen Grund geben, warum du mich auf Biegen und Brechen in deiner Nähe haben willst.“ Inzwischen pfiff der Wind so laut, dass er fast den Straßenlärm übertönte. „Wurde deine Mutter von irgendeinem Mann sitzen gelassen? Oder bist du vielleicht von einer Frau enttäuscht worden?“

Als er lachte, bildeten sich wieder weiße Wölkchen in der Luft. „Du hast ja eine lebhafte Fantasie! Ich versichere dir, dass keine deiner Vermutungen zutrifft.“

Obwohl sein Lachen ehrlich wirkte, gab Lauren sich nicht zufrieden. „Das ist keine Antwort.“

„Ich bin nicht hier, um mit dir zu streiten“, sagte Jason und tat einen Schritt auf sie zu. Lauren, die durch die Schwangerschaft besonders sensibel war, roch den angenehm meeresfrischen Duft seines Rasierwassers.

Jason schien Wärme auszustrahlen, was ihn bei der bitteren Kälte umso anziehender machte. Es musste herrlich sein, sich an seiner breiten Brust zu vergraben, seinen Körper zu spüren …

Schön früher hatte Lauren in seiner Nähe ein Gefühl von Spannung und Hitze empfunden. Jetzt, da sie wusste, wie leidenschaftlich er war, empfand sie dieses Gefühl noch stärker.

Sie hob die Hände, vermied es dabei aber sorgsam, seine Brust zu berühren. „Mir geht das alles zu schnell. Ich möchte in Ruhe darüber nachdenken.“

„Na gut, aber wenn du nachdenkst, solltest du eines nicht übersehen.“ Mit diesen Worten griff er in seine Jackentasche, zog eine kleine Schmuckschatulle aus schwarzem Samt heraus und klappte den Deckel auf.

Darin befand sich ein Verlobungsring aus Platin mit einem funkelnden Solitärdiamanten!

2. KAPITEL

Mit der Samtschatulle in der Hand wartete Jason auf Laurens Antwort. In der Nacht einen Juwelier zu finden, um einen Verlobungsring zu kaufen, war nicht ganz einfach gewesen. Trotzdem hatte Jason es noch rechtzeitig vor dem letzten Flug nach New York geschafft.

Vermutlich war der Schrecken in Laurens Gesicht nicht unbedingt ein gutes Zeichen. Aber Jason fand, dass Schwierigkeiten dazu da waren, überwunden zu werden.

Der Wind blies welke Blätter vom Vorjahr zusammen. Es war ungemütlich kalt – und ganz anders als an jenem Sommerabend, an dem sie zuerst stundenlang in Laurens Büro gearbeitet hatten …

Obwohl Jason wusste, dass er ungeduldig wirkte, bot er ihr den Ring an, denn unnötig Zeit zu verlieren, war nicht seine Art. „Und, was sagst du?“

„Immer mit der Ruhe!“ Sie strich sich eine Strähne ihres langen glatten Haares aus dem Gesicht und atmete tief aus. „Ich bin noch völlig perplex von deinem Vorschlag, dass ich hier alles aufgeben und dir nach Kalifornien folgen soll. Und da kommst du mit einem Verlobungsring an? Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder?“

„Sehe ich aus, als würde ich Witze machen?“ In diesem Moment fiel ein Sonnenstrahl auf den Ring und brachte den dreikarätigen Diamanten zum Funkeln.

Die Gartentasche rutschte von Laurens Schulter und fiel zu Boden. „Wir sollen heiraten, nur weil ein Baby unterwegs ist? Findest du das nicht etwas altmodisch?“

An eine Heirat hatte er eigentlich noch gar nicht gedacht. Er wollte mit einer Verlobung Gerüchte vermeiden – was eigentlich auch in Laurens Interesse liegen dürfte. Aber das konnte er ihr unmöglich direkt sagen. „Wenn du dich nicht entschließen kannst, mich zu heiraten, wie wäre es dann mit einer Verlobung zur Probe?“

„Verlobung zur Probe?“, wiederholte sie. „Du bist ja völlig verrückt. Und außerdem friere ich.“ Sie wandte sich zur Türe. „In einem Punkt jedenfalls hast du recht: Wir sollten unsere Unterhaltung in meinem Apartment fortsetzen.“

Auch wenn sie sich unbeeindruckt gab, sein Antrag ließ sie offensichtlich nicht kalt. Immerhin hatte sie die Leinentasche auf dem Boden liegen gelassen.

Jason hob sie auf und folgte Lauren durchs Treppenhaus. Obwohl Laurens Wohnung in einer der sichersten Gegenden New Yorks lag, schien Jason das irgendwie nicht genug. Und wo sollte hier ein lebhaftes Kleinkind spielen?

Auf dem Flug hatte er viel Zeit zum Nachdenken gehabt, und so war Jason sich über eines klar geworden: Er wollte auf keinen Fall ein Dad sein, der von Küste zu Küste flog. Er wollte am Leben seines Kindes richtig Anteil nehmen.

Auch wenn er viel arbeitete, wollte er nicht den Fehler seines Vaters begehen, der in seinem Sohn im Grunde nur das Abziehbild seiner eigenen Person gesehen hatte. Nie hatte er sich die Zeit genommen, Jason besser kennenzulernen.

Lauren musste mit nach Kalifornien! Und das nicht nur wegen des Vertrages mit Prentice. Jason steckte den Ring wieder in die Tasche – fürs Erste. Er kannte sein Ziel und war entschlossen, es weiter zu verfolgen. Während Lauren die beiden Schlösser aufsperrte, wartete er gespannt.

In ihrer kleinen Wohnung spiegelte sich ihre gesamte Persönlichkeit. Alles wirkte schwungvoll und lebhaft. Überall standen Blumen und Grünpflanzen, an den Wänden hingen moderne Kunstwerke in bunten Rahmen. Der Sommer schien sich hierher zurückgezogen zu haben.

Jeder Bereich hatte seine eigenen Farben: Das Wohnzimmer war in Gelb gehalten, die Küche in Grün. Durch die halb geöffnete Schlafzimmertür ließ sich ein rosa Schimmer erkennen. Jason war zwar mit Kollegen schon einige Male hier gewesen, aber natürlich hatten sie sich immer nur im Wohnzimmer aufgehalten.

Das Schlafzimmer hatte er noch nie aus der Nähe gesehen – was er in nächster Zeit zu ändern gedachte.

Jason stellte die Tasche auf ein Tischchen im Flur, streifte sich die Schuhe ab und folgte Lauren ins Wohnzimmer. „Wir sind seit Monaten befreundet, und ganz offensichtlich fühlen wir uns zueinander hingezogen.“ Mit einer Geste auf ihr Bäuchlein fragte er: „Oder kannst du ehrlich sagen, dass du niemals über eine gemeinsame Zukunft nachgedacht hast?“

„Habe ich nie.“ Sie hängte ihren Mantel an die Garderobe und sah Jason über die Schulter an. „Würdest du jetzt bitte aufhören? Wir können später besprechen, wie es sein wird, wenn das Baby da ist. Aber jetzt muss ich mich anziehen und zur Arbeit gehen.“

„Klar, mach dir keine Sorgen um den Wichtigtuer von Mann, der dir mal wieder lästig fällt“, sagte er ironisch und spielte damit auf das letzte Mal an, als sie es ziemlich eilig gehabt hatte, ihn loszuwerden.

Vermutlich keine sehr geschickte Bemerkung, dachte er, außerdem sieht sie müde aus. Auf ihrer Stirn ließen sich feine Linien erkennen, die auf Erschöpfung hinwiesen. Fürsorglich fragte Jason: „Geht es dir wirklich gut?“

Lauren ging zur Küchenzeile und sagte: „Ja, alles in Ordnung.“ Aber die Antwort hatte eine Sekunde zu lang auf sich warten lassen.

Während sie sich ein Glas Milch eingoss, beobachtete Jason jede ihrer Bewegungen. Ihr glattes kastanienbraunes Haar reichte ihr weit den Rücken hinab. Am liebsten hätte Jason es berührt, um sicherzugehen, dass es noch immer so seidig war, wie er es in Erinnerung hatte. „Irgendetwas verschweigst du mir.“

„Ich versichere dir, dass das Baby und ich völlig gesund sind.“ Dabei hob sie, ohne sich umzudrehen, ihr Glas Milch wie zu einem Trinkspruch.

Da war noch etwas, dessen war Jason sich sicher. Aber ihm war klar, dass sie ihm im Moment nicht mehr erzählen würde. Vorerst würde er den Rückzug antreten – nur um es in ein paar Stunden aufs Neue zu probieren. Schließlich war er ein Fachmann für Werbung und wusste, wie er vorgehen musste. Der richtige Augenblick würde schon noch kommen.

Er nahm die Schatulle wieder heraus und stellte sie auf die Arbeitsplatte. „Lass dir Zeit. Wir müssen uns ja noch nicht heute entscheiden.“

Argwöhnisch betrachtete Lauren die Schatulle, als wäre eine gefährliche Schlange darin. „Ich weiß schon jetzt, dass ich mich auf keinen Fall mit dir verlobe – von einer Heirat ganz zu schweigen.“

„Also gut“, sagte er und schob die Box bis zu einem apfelförmigen Keramikgefäß – und damit gleichzeitig näher zu Lauren. „Dann hebe den Ring eben für unser Kind auf.“

Lauren lehnte sich gegen die Arbeitsplatte. Auf ihrem T-Shirt, das über ihrem Bäuchlein – und den volleren Brüsten – etwas spannte, befanden sich Farbspritzer. „Glaubst du, es wird ein Mädchen?“

Während er unauffällig die Wölbung ihres Bauches betrachtete, stellte er sich im Geiste ein kleines Mädchen mit rötlichen Locken vor. So ein winziges Wesen wuchs in Lauren heran!

Jason hatte kaum Zeit gehabt, sich auf seine neue Rolle einzustellen. Aber nach allem, was er sah, bestand nicht der geringste Zweifel, dass er Vater wurde.

Am liebsten hätte er Lauren berührt, um den Veränderungen ihres Körpers nachzuspüren. Und vielleicht die Bewegungen des Babys zu fühlen?

Er schluckte. „Wenn es ein Junge wird, kann er eines Tages seiner Freundin den Ring schenken.“

Lauren neigte den Kopf zur Seite, und ihr seidig schimmerndes Haar fiel auf die sanft gerundeten Brüste. „Wünschst du dir einen Jungen? Ich glaube, die meisten Männer stellen sich als erstes Kind einen Sohn vor.“

„War das bei deinem Vater so?“ Bei seinem auf jeden Fall! Für ihn war Jason eine Art Miniausgabe seiner selbst gewesen, ein Spiegelbild seiner eigenen Gedanken und Ansichten.

„Lass meinen Vater aus dem Spiel!“

„Ist ja gut“, sagte Jason beschwichtigend und gab der Versuchung nach, ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht zu streichen. Noch bevor Lauren protestieren konnte, zog er die Hand wieder zurück. „Du siehst wunderschön aus. Aber wenn ich mich recht erinnere, wolltest du dich für die Arbeit umziehen.“

Sanft küsste er sie auf die Stirn, schaffte es, sich von Lauren loszureißen, und ging zur Tür. „Bis dann, Lauren! Lass uns später weiterreden.“

Während er die Wohnung verließ, meinte er, ihr überraschtes Gesicht noch immer vor sich zu sehen. Mit seinem Rückzug hatte er sie verwirrt. Offenbar hegte sie durchaus Zweifel, die sich vielleicht für seinen Plan nutzen ließen.

Auch wenn sie Nein gesagt hatte – das war noch nicht das letzte Wort in dieser Sache. Für Jason stand außer Frage, dass er am Sonntagabend mit dem letzten Flug nicht allein nach Kalifornien zurückkehren würde. Lauren und das Ungeborene würden ihn begleiten!

Lauren betrat ihr Grafik- und Designunternehmen im dritten Stock des Bürogebäudes. Viel Platz boten die Räumlichkeiten nicht: ein großes Zimmer mit Tischen und einem Empfangsbereich. Und ihr eigenes Büro … in dem Jason und sie das Baby gezeugt hatten.

Lauren empfand das Durcheinander ihrer Gefühle wie eines der bunten Klecksbilder des Malers Jackson Pollock. Es lag wirklich nicht an der Schwangerschaft, dass ihr Magen im Augenblick verrückt spielte.

Die Schatulle in ihrer Tasche schien Tonnen zu wiegen. Lauren hatte die kleine Box aus Samt mitgenommen, um Jason anzurufen, mit ihm zu Mittag zu essen und ihm dabei den Ring zurückzugeben. Diese Verlobung war wirklich eine alberne Idee!

Lauren fand, dass sie weiß Gott genug damit zu tun hatte, ihr Unternehmen vor dem Ruin zu retten.

Als sie eintrat, drückte ihr Franco, ihr Assistent, einen Stapel Papiere in die Hand. „Alles Nachrichten und Post für Sie, Miss Presley.“

„Danke, Franco“, sagte Lauren und brachte ein Lächeln zuwege. Wie sie feststellte, befanden sich im Stapel viele Anfragen potenzieller Kunden – aber leider hatten auch Gläubiger angerufen.

Franco erhob sich und strich seine Krawatte glatt. Das Emblem des Footballteams New York Giants prangte groß darauf. „Bevor Sie in Ihr Büro gehen …“

„Ja?“, fragte Lauren geistesabwesend, während sie gleichzeitig die Tür öffnete – und vom Duft frischer Blumen regelrecht überwältigt wurde.

„Sie wurden gerade gebracht“, sagte Franco. „Und übrigens …“

Ohne weiter zuzuhören, betrat Lauren ihr Büro, in dem sich mindestens fünf Vasen voller weißer Rosen mit rosa und hellblauen Schleifen befanden. Auf dem Schreibtisch standen ein Krug Orangensaft und ein Körbchen leckerer Muffins.

Als Lauren sich fragend zu Franco umdrehte, zog eine Bewegung im Empfangsbereich ihren Blick auf sich. Jason lehnte lässig an der Wand und betrachtete Lauren sehnsuchtsvoll mit halb geschlossenen Lidern.

Wie hatte sie ihn nur übersehen können? Mit einem Kopfnicken bat Lauren Jason in ihr Büro. „Komm rein! Ich dachte, wir treffen uns mittags?“

Als er sich langsam von der Wand abstieß, wirkte Jason geschmeidig wie eine Wildkatze. Mit unverhohlener Neugier blickten Franco, die neue Buchhalterin und die zwei Studentinnen, die hier ihr Praktikum leisteten, von Lauren zu Jason.

Jason legte Lauren unbeirrt den Arm um die Taille. „Ich wollte nur sicherstellen, dass die Mutter meines Kindes glücklich ist und genug zu essen hat.“

Lauren richtete sich kerzengerade auf. Was bildete er sich eigentlich ein, einfach so die ganze Welt über ihre Beziehung ins Bild zu setzen! Na gut, vielleicht nicht die ganze Welt – aber die Angestellten und wartenden Kunden!

„Wie gesagt, dem Baby und mir geht es gut.“ Schnell versuchte sie, Jason in ihr Büro zu schieben. „Bitte, könnten wir uns in meinem Büro weiter unterhalten?“

„Natürlich, Schatz“, sagte er ruhig und lächelte charmant. Die beiden Studentinnen kicherten und wurden rot.

Endlich schloss Lauren die Tür hinter sich, und Jason und sie waren allein. Mit dem türkisfarbenen Sofa. Und ihren Erinnerungen …

Als sie die Metalljalousie hochzog, schienen die hellen Strahlen der Wintersonne herein. So wohltuend das war, Laurens Ärger verflog dadurch nicht. „Was zum Teufel soll das?“

„Ich wollte nur alle wissen lassen, dass ich mich um dich und unser Baby kümmere.“ Er nahm einen Blaubeermuffin aus dem Korb. „Wie wäre es mit Frühstück?“

„Danke, ich habe schon gefrühstückt. Du hättest mich ja wenigstens fragen können, ob ich meinen Mitarbeitern schon von der Schwangerschaft erzählt habe. Oder meinst du nicht?“

Nach kurzem Schweigen sagte er: „Bestimmt hast du es ihnen schon gesagt. Du bist ja deswegen einige Zeit nicht zur Arbeit gekommen.“

„Also gut, ich gebe es zu. Aber die Kunden, die warten, wussten es nicht. Und ich finde, es ist meine Sache, wann ich es offiziell verkünde.“

„Stimmt natürlich. Bitte entschuldige.“ Er schwenkte den Muffin vor ihrem Gesicht. Der köstliche Duft stieg in ihre Nase. „Möchtest du wirklich nichts essen? Die Muffins sind ganz frisch. Ich habe selbst gesehen, wie sie in der Bäckerei aus dem Ofen geholt wurden.“

Am liebsten hätte Lauren diesem aufdringlichen Menschen gesagt, was er sie mit seinen Muffins gern haben konnte. Aber sie kam fast um vor Hunger danach! Die Gebäckstücke wirkten ausgesprochen appetitlich: An den Seiten sah man die großen Beeren, und der Zuckerguss auf der Oberseite ließ Lauren das Wasser im Munde zusammenlaufen.

Sie freute sich auf ihr Baby und liebte es. Aber durch die Hormonumstellung hatte sich einiges bei Lauren verändert. Nicht nur, dass sie Heißhungerattacken bekam, sie hatte auch näher am Wasser gebaut. Und dass Jason und sie mit Blumen und Gebäck die Entstehung des neuen Lebens feierten, wie es eben Eltern tun, rührte sie fast zu Tränen.

Die letzten Monate waren so schwierig gewesen, ohne einen Partner an der Seite. Gar nicht auszudenken, wie hart die folgenden Monate – und Jahre – werden würden.

Sie trat näher, bis sie fast auf Tuchfühlung mit Jason stand, und blinzelte, um die Tränen zurückzuhalten. Jason roch gut, die Blumen auch – und am allerbesten natürlich der Muffin! Fürs Erste würde sie ihn sich auf jeden Fall schmecken lassen.

Jason brach ein Stück ab und hielt es ihr hin. Ohne nachzudenken, öffnete sie den Mund – ähnlich wie damals vor vier Monaten, hier auf diesem Sofa …

Was war nur an diesem Mann, dass sie sich in seiner Nähe so anders verhielt, als sie es sonst von sich kannte? Lauren war nicht impulsiv wie ihre Mutter mit ihren ständigen Stimmungsschwankungen. Lauren hatte ihre Gefühle im Griff. Immer. Bis auf den einen denkwürdigen Fehltritt mit Jason.

Als ihr der Bissen auf der Zunge zu zergehen schien, stieg ihr das süße Fruchtaroma der Blaubeeren in die Nase. Es schmeckte so gut!

Plötzlich spürte sie, wie Jason mit dem Daumen ihre Lippenkonturen nachzog. Sie schnappte nach Luft, als sie so heftige Erregung verspürte, dass ihre Brustspitzen sich unter der braunen Wolle ihres Pullovers aufrichteten.

Ohne nachzudenken stellte sie sich auf die Zehenspitzen, bis ihr Mund fast den seinen berührte …

Da klopfte es an der Tür.

„Was ist?“, fragte Lauren ungeduldig und atemlos. Weder sie noch Jason bewegten sich von der Stelle. In seinen dunklen Augen lag etwas wie Hitze, was Lauren so faszinierte, dass sie nicht wegzusehen vermochte.

Das Klopfen wurde hartnäckiger. Lauren räusperte sich, sagte deutlich: „Ja?“ und trat einen Schritt zurück. Insgeheim wusste sie selbst nicht, was sie damit bejaht hatte. „Was gibt es denn?“

Lächelnd sah Jason sie an. Ihm war deutlich anzumerken, was es gegeben hätte, wenn es nach ihm gegangen wäre, hier und jetzt.

Mit der Hand auf dem Türknauf sammelte sich Lauren, um sich nichts anmerken zu lassen. Dann öffnete sie die Tür und fragte: „Womit kann ich helfen?“

Vor ihr stand die neue Buchhalterin, eine ältere und sehr flinke Frau, die Lauren eingestellt hatte, damit sie ihr half, die Finanzen zu ordnen. Wie unter einer kalten Dusche fühlte sich Lauren zurück in die Realität geschleudert. Diese Angelegenheit musste sie unbedingt in Ordnung bringen, aber Jason brauchte das nicht zu hören.

Mit gesenkter Stimme sagte sie: „Ich bin in fünf Minuten bei Ihnen.“

Die Angestellte drückte den Ordner an die Brust. Dem entschlossenen Ausdruck ihrer Augen war unmissverständlich zu entnehmen, dass unter ihrer Aufsicht niemand auch nur einen Keks aus der Dose klauen würde. „Gut! Ich schlage vor, dass wir den vorläufigen Finanzierungsplan besprechen und eine Liste der Hauptgläubiger anlegen.“

„Ja. Natürlich.“ Angespannt sah Lauren zu Jason. Sie wünschte dringend, dass er ging. „Jason, wir unterhalten uns später. Heute Abend, nach der Arbeit.“

„Gläubiger?“, fragte er stirnrunzelnd.

„Nichts, was dich interessieren müsste“, antwortete sie ausweichend.

Jason atmete tief ein, was seine Brust noch breiter wirken ließ, und machte so ganz den Eindruck eines Beschützers. „Du bist die Mutter meines Kindes. Was dich betrifft, betrifft auch mich!“

Zu der Angestellten gewandt sagte Lauren: „Also, es bleibt dabei, in fünf Minuten komme ich zu Ihnen.“ Dann schloss sie die Tür, lehnte sich dagegen und sah Jason an.

Mit so viel ehrlicher Anteilnahme an ihren Problemen hatte sie nicht gerechnet. Ihr war so übel mitgespielt worden, dass sie darüber völlig vergessen hatte, wie hilfsbereit Jason war.

Seit sie ihn kannte, hatte er sich immer wieder für andere eingesetzt: für einen Freund, der zu Unrecht entlassen worden war, oder für eine Frau, die von ihrem Exfreund belästigt wurde. Sogar einem Unternehmen hatte er unentgeltlich geholfen, als er erfahren hatte, dass der Eigentümer viel Geld für die medizinische Versorgung seines kranken Kindes aufbringen musste.

Auch wenn Jason Reagert ein Mann war, der so entschlossen handelte, dass Lauren es bisweilen als Drängen empfand, er hatte das Herz auf dem rechten Fleck. Kein Wunder, dass er mit diesen Eigenschaften in der Navy so erfolgreich gewesen war.

Lauren würde ihm gegenüber auf der Hut bleiben, dennoch fand sie, dass er etwas Nachsicht verdient hatte. „Früher oder später wird es sowieso bekannt werden. Also warum soll ich es dir nicht sagen? Mein Buchhalter, der Vorgänger der Angestellten, die gerade hier war, hat sich mit einer halben Million Dollar aus dem Staub gemacht.“

Erschrocken zog Jason die Augenbrauen hoch. „Gütiger Gott. Und wann war das?“

„Als ich von zu Hause aus gearbeitet habe.“ Sie ging zur Couch und setzte sich. Plötzlich fühlte sie sich entsetzlich müde. Warum nicht dem Vater ihres Kindes die ganze Geschichte erzählen?

„Schon in der Zeit vorher erschien Dave mir unzuverlässig. Eigentlich hatte ich vor, ihn zu entlassen. Aber die Schwangerschaft verlief am Anfang nicht so gut, deswegen musste ich für eine Woche ins Krankenhaus.“ Sie strich sich eine Strähne aus dem Gesicht.

„Als ich wiederkam, hatte er bereits gekündigt, und ehrlich gesagt war ich erleichtert. Da er noch zwei Wochen Resturlaub hatte, kam er nicht mehr in die Firma. Inzwischen habe ich die Buchhalterin eingestellt, die ich eigentlich gleich von Anfang an hätte nehmen sollen – aber Dave hat weniger verlangt, und ich wollte möglichst niedrige Personalkosten!“ Schulterzuckend fügte sie hinzu: „Eindeutig an der falschen Stelle gespart.“

Jason setzte sich neben sie. Er wagte nicht, sie zu berühren. Zum ersten Mal seit ihrer Begegnung im Dachgarten bedrängte er sie nicht. „Lauren, das tut mir ja so leid.“

„Danke. Ja, es ist wirklich schlimm.“

„Kein Wunder, dass du heute Morgen ganz durcheinander warst.“ Als er die Ellbogen auf die Knie stützte und dabei locker die Finger verschränkte, glitzerte seine Rolexuhr in der Sonne. „Dass du dir solche Sorgen machen musst, ist nicht gut für dich. Schon gar nicht in der Schwangerschaft! Bitte lass mich dir helfen.“

So viel zum Thema Drängen. „Jetzt hör aber auf! Dass ich zurzeit in Schwierigkeiten stecke, heißt nicht, dass ich nicht klarkomme!“

„Es ist doch nichts dabei, Hilfe in Anspruch zu nehmen.“ Jason lehnte sich zurück und legte den Arm auf die Sofalehne. Auch wenn er Lauren nicht berührte, fühlte sie sich wie eingehüllt in seine angenehme Ausstrahlung. „Ehrlich gesagt bin ich genau aus diesem Grund hier. Weil ich nämlich deine Hilfe brauche.“

„So? Und wobei?“ War das Jason, der so viel für andere tat? Oder sprach da der Werbefachmann, der nur zu genau wusste, wie man Gesprächspartner für sich einnahm?

„Ich bin neu bei Maddox Communications. Und leider sind in diesen wirtschaftlich schwierigen Zeiten Arbeitsplätze nicht sicher.“ Mit seinen dunkelbraunen Augen blickte er Lauren ernst an. „Was weißt du über Madd Comm?“

„Dass es ein Familienbetrieb ist.“ Zwar hatte sie mit Madd Comm bisher nicht selbst zusammengearbeitet, wusste aber vom Hörensagen, dass dieses Unternehmen etliche finanzkräftige Kunden hatte. „Zwei Brüder sind die Chefs, wenn ich mich nicht irre.“

„Stimmt. Brock und Flynn Maddox sind die Geschäftsführer. Madd Comm würde den Markt an der Westküste beherrschen – wäre da nicht Golden Gate Promotions.“

„Ebenfalls eine Werbeagentur in Familienhand, stimmt’s?“ Entspannt lehnte Lauren sich zurück – alles schien auf das übliche Geplauder über die Branche hinauszulaufen. „Athos Koteas hält die Fäden in der Hand. Was ich so gehört habe, darf man ihn nicht unterschätzen. Ein ziemlich rücksichtsloser Geschäftsmann.“

„Und sehr erfolgreich!“ Von Jasons Arm auf der Lehne schien wohltuende Wärme auszugehen. „Da er ursprünglich aus Griechenland stammt, hat er viele Verbindungen nach Europa, was für seine Firma in diesen schwierigen Zeiten natürlich ein großes Glück ist.“

„Er hat Gerüchte in die Welt gesetzt, dass Madd Comm unzuverlässig sei und Kunden verlieren würde. Brock macht sich ganz schöne Sorgen …“, sagte Jason verärgert.

„Bereust du es, dass du nach Kalifornien gegangen bist?“

„Kein bisschen. Für mich läuft alles wunderbar. Ich habe Madd Comm neue Kunden gebracht. Vor allem einen dicken Fisch habe ich an Land gezogen – vielleicht hast du schon von ihm gehört: Walter Prentice, den stockkonservativen Textilmagnaten.“

Wow! „Meinen Glückwunsch, Jason. Ist ja der Hit! Mr. Prentice ist wirklich ein dicker Fisch, um nicht zu sagen ein Wal.“

„Ein Wal mit dem Motto: ‚Ehre ist alles‘. Der letzten Agentur hat er die Zusammenarbeit aufgekündigt, weil sein Ansprechpartner zum Nacktbaden ging“, erzählte Jason kopfschüttelnd. „Seine Enkelin, die den Vater ihres Kindes nicht hatte heiraten wollen, hat er verstoßen.“

Hoppla, sollte das etwa heißen …? „Du willst mir doch nicht weismachen, du fürchtest um deine Stellung, weil deine Exfreundin schwanger ist?“ Eigentlich war sie ja nie seine Freundin gewesen. „Verschone mich mit diesem Unsinn!“

„Glaub mir, das ist kein Unsinn! Dieser Mr. Prentice möchte mit Madd Comm einen Werbevertrag abschließen, der eine siebenstellige Summe bringt. Damit hat er natürlich das Sagen. Sein Wunsch zählt.“

Unauffällig sah Lauren zu ihrer Tasche mit dem Ring darin. Mit Romantik hatte Jasons Angebot also nichts zu tun, mit Ritterlichkeit auch nicht. Er wollte ganz einfach seinen Job behalten.

In ihrem Herzen verbreitete sich ein Gefühl der Kälte, als sie nüchtern feststellte: „Du bist ziemlich ehrgeizig.“

„Du nicht?“, fragte er und beugte sich näher zu ihr. „Wir beide sind uns ähnlich, denn wir möchten unseren Familien beweisen, dass wir es auch ohne ihre Hilfe schaffen. Also, warum arbeiten wir nicht zusammen? Zum Wohl unseres Kindes …“

„Rede jetzt nicht von meiner Familie!“, rief Lauren aus. Irgendwie tat es weh. Klar hatte sie gewusst, dass sie von Jason nichts zu erwarten hatte. Von Gefühlen zwischen ihnen war nie die Rede gewesen.

Eigentlich war sie ja froh darüber, dass ihr Leben so leidenschaftslos verlief – ganz im Gegensatz zu dem ihrer Mutter.

„Du hast recht“, gab Jason zu. „Es geht jetzt nicht um unsere Eltern. Vielmehr wollen wir dem Baby eine aussichtsreiche Zukunft ermöglichen. Und das geht nur, wenn wir selbst abgesichert sind. Darum will ich, dass du einer Verlobung auf Zeit zustimmst, nur bis ich den Auftrag von Mr. Prentice erledigt habe. Und ich gebe dir das Geld, das du zur Überbrückung brauchst, bis du wieder festen Boden unter den Füßen hast.“

Zu ihrem eigenen Entsetzen schien Lauren das alles irgendwie recht vernünftig. Sie stand auf und ging unruhig im Zimmer hin und her. „Ich will dein Geld nicht. Alles, was ich brauche, ist Zeit.“

„Von mir aus kann ich es dir auch leihen, wenn es dir dann leichter fällt. Eine halbe Million brauchst du, richtig?“

Sie spielte mit dem Schultergurt ihrer Tasche und dachte dabei an den Ring. Dass Jason ihr Geld anbot, machte die ganze Sache schrecklich. „Willst du wissen, was du tun müsstest, damit ich mich besser fühle?“

„Was denn?“, fragte er und trat hinter sie, ohne sie zu berühren. „Was auch immer es ist …“

Lauren wandte sich um und sah ihm ins Gesicht. „Mitsamt deinem ganzen Geld verschwinden.“

„Okay, okay, ich habe verstanden. Anscheinend hast du kein Interesse, deine Firma zu retten.“

Wütend holte Lauren den Ring aus der Tasche. „Stimmt nicht! Aber ich brauche keine Almosen.“

„Von einem Almosen kann gar keine Rede sein. Es ist ein Deal, der beiden Seiten Vorteile bietet.“

Sie drückte die Schatulle gegen seine Brust. „Wieso soll dein wichtiger Kunde überhaupt mitbekommen, dass das Baby von dir ist? Wir brauchen es doch nicht an die große Glocke zu hängen.“

Jason atmete tief ein. „Auf keinen Fall werde ich mein Kind verleugnen, nicht einen einzigen Tag in meinem Leben. Es mag ja stimmen, dass ich ehrgeizig bin, aber alles hat seine Grenzen. Und so weit würde ich nie gehen!“

In der Hand noch immer die Schatulle, fuhr sich Lauren mit dem Handrücken über die Stirn. „Das ist alles ein bisschen viel auf einmal. Ich weiß einfach nicht …“

Aufmunternd legte Jason ihr die Hand auf die Schulter. „Dann lassen wir das jetzt.“ Er begann, ihr den Nacken zu massieren. „Außerdem haben wir Wichtigeres vor: Pläne machen für die Zeit, wenn das Baby da ist. Nach der Arbeit hole ich dich ab.“

Lauren kostete es einige Mühe, sich nicht einlullen zu lassen, denn Jason bot ihr Zärtlichkeiten, Trost – und Hilfe.

Sie war so verspannt, dass ihr beinahe der ganze Körper wehtat. „Könntest du vielleicht aufhören, mit mir im Befehlston zu reden?“

Jason strich ihr von den Schultern über die Arme nach unten, nahm ihr das Ringkästchen aus der Hand und stellte es auf den Schreibtisch. Dann verschränkte er seine Finger mit ihren – die erste wirklich verbindende Geste zwischen ihnen, seit sie vor vier Monaten miteinander geschlafen hatten. „Okay, dann eben so: Möchtest du heute Abend mit mir essen gehen?“

„Um Pläne für das Baby zu machen“, schränkte sie ein.

Jason nickte und hielt dabei weiter ihre Hand – ohne sich zu bewegen oder Lauren zu bedrängen. Es stand einfach nur da.

Was für eine Versuchung! Dabei sollte ich es besser wissen, dachte sie. Aber wir müssen wirklich dringend miteinander reden. Schließlich konnte sie ihm nicht ewig aus dem Weg gehen. „Also gut, hol mich um sieben zu Hause ab.“

Als sie ihm nachsah, wie er das Büro verließ, fragte sie sich, ob sie vielleicht eben einen noch größeren Fehler gemacht hatte als nur den, den Ring nicht zurückzugeben …

3. KAPITEL

Mit dem Telefon zwischen Kopf und Schulter geklemmt versuchte Lauren, ihre violetten Stiefel anzuziehen. „Hallo Mom“, sagte sie und ließ sich auf die Bettkante sinken. „Was gibt es denn?“

„Lauren, Schätzchen, ich versuche ständig, dich zu erreichen, aber du gehst an kein Telefon: nicht im Büro, nicht zu Hause und auch nicht ans Handy!“ Lauren spürte förmlich, wie ihre Mutter am anderen Ende der Leitung ruhelos auf und ab ging. Immer, wenn Jacqueline Presley aufgeregt war, hörte man ihren typischen nordostamerikanischen Akzent. „Allmählich glaube ich, du weichst mir aus!“

„Wie kannst du das von mir denken?“ Erst vor wenigen Tagen hatte Lauren mit ihrer Mutter gesprochen. Seitdem waren auf dem Handy siebenunddreißig Anrufe von ihr eingegangen.

Selbst wenn alles normal lief, hatte Lauren Schwierigkeiten, mit den ausgeprägten Stimmungsschwankungen ihrer Mutter umzugehen. Auf Phasen übertriebener Lebhaftigkeit folgten immer wieder Zeiten, in denen sie sich über alles beschwerte.

„Ich weiß ja gar nicht, was du im Augenblick so treibst. In letzter Zeit kriege ich fast nichts mehr von deinem Leben mit.“ Eine Pause entstand. Holte ihre Mutter Luft? Oder sammelte sie ihre Gedanken? „Hast du mit deinem Vater telefoniert?“

Zum Teufel! Lauren kannte diese Frage nur zu gut – eine tickende Zeitbombe, die sofort entschärft werden musste. „Nein Mutter. Ich habe Dad nicht eine Minute mehr gewidmet als dir.“

„Sei doch nicht gleich so schnippisch! Ich weiß gar nicht, warum du immer so angespannt bist. Manchmal erinnerst du mich wirklich sehr an die Schwester deines Vaters. Am Ende war sie viel zu dick und einsam.“

Na toll! Das hatte gerade noch gefehlt: Wenn es um Laurens Figur ging, war ihre Mutter wie besessen.

Schon mit zehn hatte sie ihre Tochter davor gewarnt, füllig wie die von Rubens gemalten Frauen zu werden – von diesem Thema hatten die anderen Kinder in diesem Alter noch gar keine Ahnung gehabt.

„Ich wollte dich nicht kränken, Mom.“ Inzwischen hatte Lauren es geschafft, erst den einen, dann den anderen Stiefel anzuziehen. Sie sah auf die Uhr. Gleich würde Jason klingeln.

Nach der Arbeit war sie ins Schlafzimmer geeilt, um ihre schwarze Stretchhose und den langen Pullover auszuziehen. Als sie ihre Tasche, die sie aus einem Wollpullover genäht hatte, auf das Bett geworfen hatte, war die Schatulle mit dem Ring herausgefallen. „Es ist nur so, dass ich bei der Arbeit gerade viel Stress habe.“

„Du brauchst nicht dein Letztes zu geben, nur um dich vor mir zu beweisen.“ Ein leises Klimpern von Schmuck verriet Lauren, dass Jacqueline Presley mit einer der langen Perlenketten herumspielte, die sie immer trug. „Ich könnte deinen Vater bitten, dass er dir einen Teil deines Erbes schon jetzt auszahlt. Außerdem wäre es besser gewesen, das Geld von Tante Eliza als Sicherheit für die Zukunft zurückzulegen, während du dich mit echter Kunst versuchst.“

Lauren spürte ein Engegefühl in der Brust – eine vertraute Reaktion auf das Verhalten ihrer Mutter.

„Du könntest als Künstlerin genauso erfolgreich sein wie ich damals, Lauren. Du musst dich nur anstrengen.“

Wenn ihre Mutter erst einmal dabei war, alles aufzuzählen, was Lauren ihrer Meinung nach falsch machte, endete es stets auf dieselbe Weise: Jacqueline schlug eine Reihe junger Männer vor, die Lauren einfach lieben musste. Männer wie Jason zum Beispiel.

Lauren ballte die Hand zur Faust. Dass ihr Buchhalter die halbe Million veruntreut hatte, wäre nur Wasser auf die Mühlen ihrer Mutter. Lauren fühlte sich schlecht. „Mom …“

„Nächste Woche komme ich in die Stadt“, fuhr Jacqueline unbeirrt fort. „Dann können wir zusammen essen gehen.“

Mit Schrecken dachte Lauren daran, dass sie ihrer Mutter irgendwann die Schwangerschaft beichten musste.

„Mom, es war schön, mit dir zu telefonieren“, sagte sie und stand auf, um sich fertig anzuziehen. „Aber ich muss jetzt Schluss machen.“

„Hast du etwas vor?“

Wenn sie Nein sagte, würde ihre Mutter so schnell nicht aufhören zu reden. „Ich bin zum Essen verabredet. Mit einem Mann, mit dem ich schon zusammengearbeitet habe. – Natürlich ist es nicht die Art von Verabredung, die du meinst.“ Lauren wusste, je mehr sie erzählte, desto schlimmer wurde das Ganze. Und außerdem kam sie sich dann selbst vor wie ihre Mutter.

„Bitte gib dir Mühe, dich schön herzurichten, Schätzchen. Und immer daran denken: Rosa passt nicht zu dir! Also dann, mach’s gut!“

Lauren drückte so heftig auf den Auflegen-Knopf, dass ihr Nagellack splitterte. Wütend warf sie das Telefon aufs Bett. Wie um die unangenehmen Gefühle loszuwerden, ging sie durchs Zimmer und schüttelte dabei die Arme und Hände.

Es tat weh. Nach all den Jahren sollte sie ihre Mutter eigentlich kennen. Trotzdem litt sie unter ihrem Verhalten. Dabei war es in der Vergangenheit schon zu bedeutend unangenehmeren Gesprächen als diesem gekommen.

Auf jeden Fall war Lauren klar, dass sich bei Jacqueline einmal mehr eine übertrieben aktive Phase anbahnte. Eine Kleinigkeit würde genügen, um die Dinge eskalieren zu lassen. Seit ihre Mutter medikamentöse Behandlung und Therapien ablehnte, waren das Auf und Ab, die Höhen und Tiefen noch ausgeprägter geworden.

Und die Neuigkeit von dem Baby war gewiss keine Kleinigkeit. Die Unterschlagung im Übrigen auch nicht. Völlig klar, dass Jacqueline darauf alles andere als gefasst reagieren würde.

Lauren trat ans Fenster. Gedankenverloren knipste sie an einem Farn einen vertrockneten Wedel ab. Wie es wohl wäre, eine verständnisvolle Mutter zu haben? Nachdenklich legte Lauren die Hand auf den Bauch. Sie jedenfalls würde sich Mühe geben, ihrem Kind stets zur Seite zu stehen und es zu unterstützen.

Sie drehte den Farn ins Licht. Wenn sie doch ein paar Wochen Zeit hätte, um zu sich zu finden und ihr Leben neu in den Griff zu bekommen!

Wie von selbst wanderte ihr Blick zu der Schatulle, die auf der Damastdecke auf dem Bett lag. Lauren trat näher.

Vielleicht war Jasons Vorschlag mit der probeweisen Verlobung nicht einmal so schlecht. Sollte sie es wagen, mit Jason in Kalifornien zu leben? Der Gedanke hatte etwas Verführerisches – und Gefährliches.

Andererseits, so wie die Dinge hier lagen – wenn sie die geschäftlichen Schwierigkeiten und ihre angeschlagene Gesundheit betrachtete –, war es vielleicht unverzeihlich, eine solche Chance auszuschlagen.

Auf der mehrspurigen Ausfallstraße steuerte Jason den Mietwagen in Richtung einer gemütlichen Kleinstadt, die ungefähr vierzig Autominuten von New York City entfernt lag. Lauren saß auf dem Beifahrersitz. Sie hatte den Kopf zurückgelegt, die ungewöhnliche Tasche, die Jason an einen Pullover erinnerte, auf dem Schoß.

Dahinter ließ sich die sanfte Wölbung ihres Bauches mit dem Baby erahnen.

Immerhin wurden sie jetzt von niemandem gestört, und Jason war entschlossen, diese Gelegenheit zu nutzen. Er hatte versucht, sich an alles zu erinnern, was er von Lauren wusste, und sich auf den Abend so gut vorbereitet wie auf ein wichtiges Geschäftsessen.

Die Dinge vernünftig zu betrachten, fiel ihm leichter, als sich zu fragen, warum ihm so viel daran lag, Lauren zu überzeugen. Je mehr er über die Unterschlagung nachdachte, desto mehr ärgerte er sich darüber. Lauren war so talentiert! Von Anfang an hatte Jason ihre große künstlerische Begabung erkannt.

Er umfasste den Schalthebel der komfortablen Limousine fester und wünschte sich, Lauren nicht nur zu beschützen, sondern selbst aktiv zu ihrem Wohl beizutragen – ein Gefühl, stärker als alles, was er seit der Dienstzeit in der Navy erlebt hatte.

Natürlich ließ sich im Augenblick nichts machen: Lauren war eingeschlafen, noch ehe sie die Stadtgrenze New Yorks hinter sich gelassen hatten. Wenn sie am Zielort noch nicht wach wäre, würde er einfach so lange um den Block fahren …

Bei all dem Stress, den sie zurzeit aushielt, konnte sie ihren Schlaf gut brauchen. Außerdem war es für das bevorstehende Gespräch besser, wenn sie ausgeruht war.

Entlang der Strecke standen altmodische Straßenlampen, die gelbe Lichtinseln schufen. Kleinere Läden und Geschäfte tauchten auf. Es schneite.

In der Stille des Fahrzeuginnenraumes erklangen plötzlich gedämpfte Klingeltöne aus der Tiefe von Laurens Tasche – ihr Handy klingelte. Einen Augenblick lang fragte sich Jason, ob er sie wecken sollte. Dann schlug sie die Augen mit den langen Wimpern auf und holte das Telefon heraus – gerade als das Klingeln aufhörte. Sie runzelte die Stirn.

„Willst du zurückrufen?“, fragte Jason.

„Nein, schon gut“, sagte Lauren und schüttelte den Kopf. „Das hat Zeit.“

„Ich habe volles Verständnis, wenn du geschäftlich noch etwas regeln musst.“

„Damit hat es nichts zu tun.“ Lauren spielte mit dem Schultergurt der Tasche, der aussah wie der Ärmel eines Pullis. „Es war meine Mutter. Sie ruft oft an.“

Hörte sich nicht so an, als ob sie sich darüber freute. Aber immerhin redete Lauren überhaupt mit ihrer Mutter – während Jason seit dem Streit mit dem Vater keinen Kontakt mehr zu seinen Eltern hatte. Nach allem, was seine Eltern für ihn getan hatten … Seine Mutter musste sehr unglücklich sein.

Aber darum ging es jetzt nicht. Es ging um Lauren. „Was hat denn deine Familie zu dem Baby gesagt?“

Lauren stellte die Tasche in den Fußraum und antwortete leise: „Ich habe es ihnen noch nicht erzählt.“

Seltsam … „Deine Mutter ruft dich an, aber sie besucht dich nicht?“

„Als wir uns das letzte Mal getroffen haben, hat man noch nichts gesehen.“

„Lange wird es kein Geheimnis mehr bleiben. Ich habe es sogar auf der anderen Seite des Kontinents mitbekommen! Sagen wir es gemeinsam deinen Eltern.“

Sie lachte. „Wer sagt dir eigentlich, dass ich dich dabeihaben will? Unter Selbstzweifeln scheinst du wahrlich nicht zu leiden. Übrigens sind sie geschieden.“

Vor einer Kurve ging Jason vom Gas. Schließlich hatte er kostbare Fracht an Bord. „Wir wollten doch zum Wohl des Babys an einem Strang ziehen, dachte ich.“

„Stimmt, sorry“, räumte Lauren ein. Sie verschränkte die Arme und sah aus dem Wagenfenster, wo inzwischen die Altstadt zu sehen war, mit Bäumen, weißen Zäunen und heimeligen Backsteinhäusern. „Ich fürchte, ich lasse den Ärger, den ich in der Arbeit habe, an dir aus.“

Am liebsten hätte er sie erinnert, dass er ihr Problem ohne großen Aufwand aus der Welt schaffen konnte, aber Jason hielt es für besser, nicht zu drängen.

Ein anderer Ansatz erschien ihm günstiger. „Du wirst doch nicht verschweigen, dass ich der Vater bin, oder? Früher oder später werden es deine Eltern doch herausfinden und sich aufregen. Treten wir lieber von Anfang an gemeinsam auf, dann nehmen wir ihnen den Wind aus den Segeln. Und bevor sie sich von ihrer Überraschung erholen und Fragen stellen können, verabschieden wir uns.“

„Klingt gut. Aber die Wahrscheinlichkeit, meine Eltern gemeinsam anzutreffen, geht gegen null. Und wer von ihnen es als Zweiter erfährt, wird sich sofort zurückgesetzt fühlen, zum Telefon greifen und Streit mit dem anderen anfangen.“ Während sie das sagte, schlug Lauren unruhig die Beine übereinander. Ihre violetten Stiefel – und erst recht die schlanken Beine – zogen Jasons Aufmerksamkeit auf sich. „Ich kann nur hoffen, dass sich das irgendwie vermeiden lässt.“

Noch nie hatte sie ihm von ihren Eltern erzählt. Meist hatten sie über die Arbeit geredet – oder darüber, wohin man in New York abends ausgeht. Er hatte sich schon immer zu Lauren hingezogen gefühlt, aber es hatte sich nie ergeben, dass mehr daraus wurde.

Eine Zeit lang war sie liiert gewesen, dann er. Allerdings konnte sich Jason im Augenblick gar nicht mehr daran erinnern, wer die Frau damals war. „Hört sich an, als ob deine Eltern dich seit ihrer Scheidung ziemlich verletzt hätten.“

„Das gehört der Vergangenheit an“, behauptete sie und hob den Kopf. Die Beleuchtung des Armaturenbretts ließ ihre grünen Augen glänzen. „Ich lasse nicht mehr zu, dass sie weiterhin Macht über mich haben.“

„Sicher?“, fragte Jason und sah zu der Tasche mit dem Handy. „Nur weil deine Eltern sich viel streiten, brauchen wir das nicht auch zu tun.“

Kühl blickte Lauren ihn an. „Und nur weil du mit mir geschlafen hast, brauchst du nicht zu glauben, dass du mich gut kennst und meine Gedanken und Gefühle erraten kannst.“

„Okay, okay“, beschwichtigte Jason. Sie gefiel ihm, wenn sie wütend war. Überhaupt gefiel ihm vieles an ihr: wie klug sie war, ihr Ehrgeiz – und sogar ihre Gewohnheit, die Wohnung mit Zimmerpflanzen regelrecht vollzustopfen. Doch am meisten mochte er, wenn ihre äußerliche Gelassenheit heftigen Gefühlen Platz machte. Was immer dann geschah, wenn Jason am wenigsten damit rechnete.

„Soll das heißen, du gibst nach?“ Überrascht sah sie ihn mit leicht geöffnetem Mund an. Ein sehr verlockender und einladender Anblick. Wie gerne hätte Jason sich zu ihr hinübergebeugt und …

Zu seiner eigenen Verblüffung stellte er sie sich plötzlich völlig nackt vor. Doch er hielt der Versuchung stand, auch wenn es schwerfiel. Auf keinen Fall wollte er den Bogen überspannen und damit alles verderben.

„Natürlich gebe ich nach. Wenn es für dich angenehmer ist, beschränke ich mich aufs Zuhören.“ Er würde sehr genau auf alle Einzelheiten achtgeben, denn schließlich stand sehr viel auf dem Spiel.

Inzwischen waren sie fast angekommen. Jason fuhr langsamer.

Nachdenklich sah sie ihn an. „Ich habe dich arbeiten sehen und weiß daher, dass du niemals aufgibst, sondern höchstens deine Strategie änderst. Erinnerst du dich an meine Tuschezeichnung eines Segelboots, die dir so gut gefallen hat? Dem Kunden schwebte für seinen Herrenduft eher etwas mit Cowboys vor. Aber du hast nicht eher Ruhe gegeben, bis in der Werbekampagne das Schiff verwendet wurde!“

Genau. Und seither zierte es Flakons auf der ganzen Welt, während der Originalentwurf gerahmt zu Hause in Jasons Arbeitszimmer hing.

Aber das war jetzt nicht das Thema. Jason konzentrierte sich auf sein Vorhaben und sagte: „Hier geht es um Wichtigeres als um die Arbeit. Ich möchte, dass du dich entspannst und glücklich bist.“ Und wenn man schon der Wahrheit die Ehre gab … „Ich will dich noch immer. Du warst schon vorher sehr schön, aber jetzt bist du atemberaubend attraktiv.“

„Bitte etwas mehr Zurückhaltung, Romeo“, wehrte Lauren ab. Doch sie lächelte noch immer, als sie den Parkplatz des kleinen Restaurants erreicht hatten. „Du hast es doch schon geschafft, mit mir ins Bett zu gehen.“

„Ja, aber das ist schon so lange her.“ Vier lange Monate, in denen er Lauren nicht hatte vergessen können. In dieser Zeit hatte er nicht einmal eine Frau zu einem Drink eingeladen. Von mehr ganz zu schweigen …

Lauren nahm ihr Handy aus der Tasche und begann, die Tasten zu drücken. Jason sah sie an und fragte: „Wieder deine Mutter?“

„Nein. Ich schaue mir nur die Liste der Anrufe durch.“ Enttäuscht fuhr sie fort: „Hm. In mehr als fünfzehn Wochen kein einziges Lebenszeichen von dir. Sieht nicht danach aus, als ob du verrückt nach mir wärst.“

Ob sie sich über einen Anruf gefreut hätte? Einige Male war Jason versucht gewesen, zum Telefon zu greifen. Aber da Lauren es beim letzten Mal so eilig gehabt hatte, ihn loszuwerden, hatte er nichts unternommen.

War es möglich, dass er sie missverstanden hatte? Eigentlich konnte Jason Menschen gut einschätzen. Dieses Mal hoffte er beinahe, sich getäuscht zu haben. Wartete sie auf eine Antwort?

Ja, er begehrte Lauren, wollte mehr von ihr. Am besten gleich auf der Stelle. Er roch ihr blumiges Parfüm, das das Wageninnere erfüllte. Dabei stellte er sich vor, wie warm und weich ihre Haut sich anfühlte. Wie gerne wäre er mit ihr weggefahren, irgendwohin, wo sie allein waren. Natürlich machte die Schwangerschaft die Dinge etwas kompliziert, aber alles wäre einfacher, wenn er Lauren liebte.

Tiefe Sehnsucht ergriff ihn. „Du hast mir deutlich zu verstehen gegeben, dass unsere Zukunftspläne nicht zusammenpassen.“

„Daran hat sich nichts geändert.“

„Doch. Alles hat sich geändert“, widersprach er. Als er sich in seinem Sitz bewegte, um ihr näher zu sein, quietschte leise das Leder.

Lauren sah ihn an und beugte sich zu ihm herüber. Noch immer wartete Jason ab. Genussvoll atmete er den herrlichen Geruch nach Grünpflanzen und Blumen ein, mit denen sie sich umgab.

Dann legte er den Arm auf die Rückenlehne und berührte dabei Laurens Schulter. Eine kleine Geste, die genügte, dass er an jenen Abend zurückdachte. So wie sich ihre Schulter in seine Hand zu schmiegen schien, so hatte er damals ihren wunderschönen Körper gespürt. Lauren erschien ihm durch das Baby, das sie erwartete, etwas fülliger als sonst – und damit nur noch attraktiver.

Jason zwang sich, etwas von ihr wegzurücken. „Durch das Kind werden völlig andere Dinge wichtig. Je eher du das auch so siehst, desto eher können wir uns den Annehmlichkeiten des Lebens widmen.“

Auch Lauren ließ sich in ihren Sitz zurücksinken. „Immer wieder fängst du mit diesem Thema an“, sagte sie enttäuscht.

Den Fehler sollte Jason besser nicht noch einmal machen. Wenn es überhaupt eine Chance gab, dass sie sich wieder auf eine Beziehung mit ihm einließ, durfte er gar keinen Fehler mehr machen. Weder durfte er zu sehr drängen, noch zu schnell aufgeben. Vielmehr war es an der Zeit, die Mutter seines Kindes zu umwerben.

Er schlug den Mantelkragen hoch und stieg aus. „Weißt du was? Reden wir erst nach dem Essen weiter darüber. Ich habe eine Überraschung für dich.“

Sicher würde ihr das Restaurant gefallen, das er ausgesucht hatte. Im Übrigen konnte er nur hoffen, dass seine Überredungskünste ausreichen würden, eine distanzierte und rätselhafte Frau wie sie für sich zu gewinnen.

An die Möglichkeit eines Misserfolgs mochte er nicht einmal denken.

Wann hatte sie den inneren Widerstand aufgegeben? Lauren griff nach dem Geländer und ging die Treppen zu dem renovierten Sandsteinhaus nach oben, in dem ihr Apartment lag. Mit Jason zu essen, war wundervoll gewesen. Besonders hatte ihr gefallen, dass er ein kleines, üppig mit Pflanzen dekoriertes italienisches Restaurant ausgesucht hatte. Wie ein Weingarten im Süden hatte es gewirkt, warm und behaglich.

Dass ihm ihre Vorliebe für Grünpflanzen aufgefallen war! Kein Zweifel, dachte Lauren, er wirbt um mich. Während sie die Stufen nach oben schritt, spürte sie ihn förmlich hinter sich.

Natürlich warb er um sie. Ein Mann wie er wollte immer seinen Willen durchsetzen. Und mit seiner beruflichen Erfahrung gelang ihm das in der Regel auch. Dafür hatte Lauren ihn während ihrer Zusammenarbeit oft bewundert.

Nun aber stand sie selbst im Mittelpunkt seiner Bemühungen, und was ein angenehmer Abend hätte sein können, verwirrte sie nun zutiefst. Irgendwie wollte sie plötzlich mehr.

Nein! So weit würde sie nicht gehen. Der Ring würde bleiben, wo er war: wohlverwahrt in ihrer Tasche.

Über die Schulter sagte sie: „Danke für den herrlichen Abend. Du hast es tatsächlich geschafft, dass ich für ein paar Stunden meine Sorgen vergessen habe.“

Seine dunklen, vom Schnee feuchten Haare glänzten im Licht der Straßenlampen, als er antwortete: „Für Schwangere und ungeborene Babys ist Essen wichtig. Freut mich, dass es dir gefallen hat.“

Lauren sperrte die Haustür auf. „Ich hoffe, du wirst das nicht für deinen Plan mit der Verlobung auf Probe ausnutzen.“

„Du kennst ja meine Meinung. Im Augenblick gibt es dazu nichts mehr zu sagen.“ Wie selbstverständlich folgte er ihr in den Hausflur. Offenbar dachte er nicht im Traum daran, sich zu verabschieden. „Bevor du versuchst, mich loszuwerden, werde ich dich zu deiner Wohnung begleiten.“

„Aus Sicherheitsgründen?“, fragte sie lächelnd und deutete in den Hausflur. Aus einer Wohnung drangen die leisen Stimmen eines Mannes und einer Frau. Im Apartment Zwei A rief die alte Dame nach ihrem Pudel, um mit ihm spazieren zu gehen. Hier würde niemandem etwas passieren, dazu gab es zu viele Zeugen.

„Schließlich muss dich jemand vor dem gefährlichen Hund beschützen.“ Jason lachte. Mit dem Funkeln in seinen Augen und dem unrasierten Gesicht – es war später Abend – wirkte er ausgesprochen anziehend.

Lauren blickte nach oben und versuchte, nicht daran zu denken, wie schwer ihr schon in wenigen Wochen das Treppensteigen fallen würde. „Wenn es so ist, komm!“

Unter ihren Schritten knarrten die Holzstufen. „Keine Angst, ich werde mich nicht selbst zu einer Tasse Kaffee einladen. Aber wenn du mich hereinbittest, verspreche ich dir eine unvergessliche Nacht.“

„Fast hätte ich vergessen, wie überzeugend du sein kannst.“

„Aber ich habe nicht vergessen, wie gut du riechst“, konterte er und zog sie mit seinen Blicken förmlich aus. „Habe ich dir schon einmal gesagt, wie sehr ich dein blumiges Parfüm mag?“, fragte er mit zur Seite geneigtem Kopf. „Das Essen gerade bedeutet mir übrigens genauso viel wie dir.“

„Ja, es war sehr schön, und ich weiß es zu schätzen, dass du so nett mit mir flirtest. Aber ich mag es nicht, wenn jemand versucht, meine Entscheidungen zu beeinflussen.“

Jason lachte. „Manchmal vergesse ich fast, dass wir beide in derselben Branche arbeiten.“

„Sei einfach ehrlich zu mir.“

„Also gut.“

An die Wohnungstür gelehnt musterte Lauren sein Gesicht, um zu erraten, was er dachte. Was sie darin sah, war … Leidenschaft!

Ehe sie sich versah, ertappte sie sich dabei, dass sie Schneeflocken von seinem Mantelkragen entfernte.

„Wow!“, rief sie plötzlich und drückte die Hand auf den Bauch.

Stirnrunzelnd fragte Jason: „Alles in Ordnung?“ Besorgt griff er nach Laurens Ellenbogen. „Gib mir den Schlüssel. Du musst dich hinlegen.“

„Nein wirklich, mir geht es gut.“ Um der Versuchung zu widerstehen, sich an Jason anzulehnen, ging sie einen Schritt zur Seite. „Unser Kind macht gerade seinen Abendsport.“

Interessiert blickte Jason auf ihren Bauch, wagte aber offensichtlich nicht zu fragen. Lächelnd bot Lauren ihm an: „Willst du mal fühlen?“

Als er nickte, nahm sie seine Hand und führte sie an die richtige Stelle. „Keine Ahnung, ob du es auch spürst … Eigentlich ist es noch etwas früh.“ Auf keinen Fall würde sie Jason erlauben, ihre nackte Haut zu berühren.

Wenn es nach ihm ginge, würde er sie womöglich noch zu den Arztterminen begleiten! Gar nicht auszudenken. „Warte, ein bisschen weiter links. Ja. Genau hier.“

Tief bewegt sah er ihr in die Augen. „Ja, ich spüre es! Wow!“ Er senkte den Blick auf ihren Bauch.

„Manchmal liege ich im Bett und achte auf die Bewegungen des Babys – und wenn ich dann auf die Uhr sehe, ist eine Stunde wie im Flug vergangen. Verrückt, oder?“

„Ich hatte ja keine Ahnung, wie sich so etwas anfühlt. Das ist das erste Mal, dass ich …“ Sprachlos sah er sie an. „Danke.“

Um sie herum wurde alles still: die Gespräche in den anderen Wohnungen, das Bellen des Pudels. Lauren hörte nur noch ihr eigenes Herz klopfen. Sie legte ihre Hand auf seine und fragte sich, wie es wohl wäre, ihren Gefühlen nachzugeben.

Durch ihre hohen Stiefelabsätze war ihr Gesicht fast auf einer Höhe mit seinem. Jason musste sich nur ein kleines Stück herunterbeugen – oder Lauren sich etwas auf die Zehenspitzen stellen –, damit sie einander küssen konnten.

Nur ein einziger Kuss, dachte Lauren, gar nicht mehr. Nur ein leichtes Berühren der Lippen.

Sie spürte bereits seinen Atem an ihrer Wange. Wie sehr sie sich nach seinen Liebkosungen sehnte! Im Grunde stand außer Frage, wohin das führen sollte …

Vorsichtig biss sie in seine Unterlippe. Jason stöhnte leise auf und begann, Lauren zu küssen. Unwillkürlich öffnete sie den Mund. Ihre Gefühle waren einfach zu stark.

Sie küssten sich wie vor vier Monaten, als sie auf dem Sofa in Laurens Büro gelandet waren. Es war auch damals keine unpersönliche Angelegenheit gewesen. Und doch ganz anders als jetzt, da sie nach einem wunderbaren Essen im Flur vor Laurens Wohnung standen, lachten und flirteten.

Irgendwie war alles so … romantisch. Am liebsten hätte Lauren sich einfach ihren Gefühlen überlassen und den Augenblick genossen.

Sie strich durch sein kurz geschnittenes Haar und atmete voller Sehnsucht seinen Duft nach frischer kalter Winterluft und einem Hauch von Oregano ein.

„Lauren“, flüsterte er und bedeckte ihre Wange und den Hals mit kleinen Küssen. „Ich glaube, was wir hier tun, ist nichts für einen öffentlichen Hausgang. Wollen wir reingehen?“

Gute Frage. Lauren trat einen Schritt zurück und sah Jason nachdenklich an.

Plötzlich öffnete sich schwungvoll die Wohnungstür. Erschrocken drehte Lauren sich um. Jason stellte sich beschützend vor sie. Dabei fühlte sie, wie er die Rückenmuskeln anspannte.

Lauren schob die Hand tiefer unter Jasons Mantel, sah über seine Schulter und sagte: „Hallo Mom.“

4. KAPITEL

Lauren sah ihre Mutter an, wie sie dort im Türrahmen vor ihr stand. Wie lange würde es wohl dauern, bis ihr das gewölbte Bäuchlein ihrer Tochter auffiel?

Hätte ich es ihr doch bloß schon erzählt, dachte Lauren. Aber Selbstvorwürfe halfen jetzt auch nicht weiter. Nun ging es darum, mit dieser Situation fertig zu werden. Dabei half es zumeist, zuerst einmal die momentane Stimmung ihrer Mutter anhand der Kleidung einzuschätzen.

Jacqueline Presleys Stil war eine seltsame Mischung aus Jugendlichkeit und Extravaganz. Wie immer trug sie ein Kostüm von Chanel, diesmal in einem dunklen Violett, dazu allerdings eine auffällige Kette mit großen Tierfiguren. Ihr smaragdgrünes Cape mit silberfarbenen Fransen hatte sie achtlos über den Arm geworfen. Offenbar war sie gerade erst angekommen.

Wie sie es geschafft hatte, ins Haus zu kommen, wollte Lauren gar nicht erst wissen. Außerdem hatte sie ganz andere Sorgen. Wie sich aus Jacquelines Aufmachung ergab, erlebte sie gerade eine Hochphase. Doch die etwas zerzausten Haare, der zum Teil schadhafte Nagellack und ein leichtes Zittern der Hände verrieten, dass sie an der Grenze zur Übersteigerung stand.

Mit den Jahren hatte Lauren gelernt, auf solche kleinen Zeichen zu achten. Während sie noch überlegte, was sie sagen sollte, machte Jason einen Schritt nach vorne. „Hallo, Mrs. Presley. Ich bin Jason Reagert.“

„Reagert?“, wiederholte Jacqueline und reichte ihm die Hand. „Sind Sie mit J. D. Reagert von Reagert Comm verwandt?“

„Mein Vater, Madam.“

„Oh, bitte nennen Sie mich nicht Madam. Für Sie bin ich Jacqueline.“ Sie hing sich bei ihm ein und führte ihn in die Wohnung, ohne weiter auf Lauren zu achten.

Und ich hatte Angst, dass ihr meine Schwangerschaft auffallen würde, dachte Lauren entnervt. Aber das war zumindest im Augenblick eine völlig unbegründete Furcht. Kein Wunder, schließlich entsprach Jason genau Jacquelines Idealbild von einem Schwiegersohn.

Lauren ging hinter den beiden ins Wohnzimmer und schloss die Tür.

Bald darauf klang Jacquelines Lachen durch das Apartment. Zu den vielen guten Eigenschaften von Laurens Mutter gehörte auch ihr Charme. Als sie noch ihre Medikamente genommen hatte, war ihr Leben in geordneten Bahnen verlaufen, ja sogar glücklich gewesen. Obwohl oder gerade weil sie sich schon immer unkonventionell verhalten hatte und sich für eine begabte Künstlerin hielt, hatte es mit ihr zusammen viele amüsante Momente gegeben.

Lauren konnte nur hoffen, dass das so ein Moment war …

Unauffällig hielt sie sich die Tasche vor den Bauch, während Jason ihrer Mutter am Esstisch einen Stuhl anbot. Zwar wunderte sich Lauren etwas, warum gerade hier und nicht auf der Couch, aber auf diese Weise würde die Tischplatte wenigstens ihren Babybauch verdecken.

Plötzlich begriff Lauren: Jason hatte absichtlich diesen Platz gewählt, damit ihre Schwangerschaft nicht auffallen sollte.

Während Lauren sich ebenfalls setzte, lenkte er Jacqueline ab, indem er ihr höflich das Cape abnahm und sich danach erkundigte, wie die Anreise verlaufen war.

Ob das gutgeht? fragte sich Lauren und hoffte, es würde ihnen allen erspart bleiben, dass Jacqueline auf diese abrupte Art von ihrem Enkelkind erfuhr. Die Chancen standen nicht schlecht, denn Jacqueline lauschte gebannt Jasons Ausführungen über seine neue Stellung in Kalifornien. Weder er noch sie würdigten Lauren dabei eines Blickes.

Ihre Mutter war so fasziniert, dass sie sogar vergaß, mit ihrer Kette zu spielen.

Wie anders es doch war, wenn sich jemand Drittes um Jacqueline kümmerte! Leider hatte sich Laurens Vater schon lange den Problemen entzogen. Aber Lauren machte ihm keinen Vorwurf, schließlich waren ihre Eltern geschieden, und ihr Vater lebte sein eigenes Leben.

Nach fünfzehn Minuten angeregter Unterhaltung sagte Jason: „Hat mich sehr gefreut, Jacqueline, Sie kennenzulernen. Hoffentlich halten Sie mich nicht für unhöflich, aber ich bin eigens von Kalifornien hierhergekommen, um Lauren zu besuchen, und muss schon bald wieder zurückfliegen …“

Sofort erhob sich Jaqueline und warf ihr Cape über. „Ich möchte euch zwei Turteltäubchen auf keinen Fall stören.“ Sie lachte. „In diesem Fall ziehe ich mich ins Hotel Waldorf zurück, ich habe dort ein Zimmer gemietet.“

Zu Lauren sagte sie: „Wir beide essen mal gemeinsam zu Mittag, wenn Jason wieder in Kalifornien ist.“

„Ja, Mom. Wir müssen uns wirklich mal wieder unterhalten.“

Lauren atmete auf. Nun hatte sie die Chance, ihrer Mutter ein andermal in aller Ruhe von der Schwangerschaft zu berichten.

„Ich kenne ein schönes Vollwertrestaurant. Das Essen dort wird dir guttun. Dein Gesicht wirkt ein wenig aufgedunsen.“ Jaqueline legte zum Abschied die Wange an die Wange ihrer Tochter und flüsterte: „Jason ist ein feiner Kerl. Verdirb bloß nicht wieder alles!“

„Nein, Mom.“

Auf keinen Fall wollte Lauren neuerliche Ratschläge, wie sie den „Richtigen“ finden konnte, schon gar in Jasons Gegenwart. Um Ärger zu vermeiden, ließ sie auch das „aufgedunsene Gesicht“ auf sich sitzen. Hauptsache, dieser Blitzbesuch ihrer Mutter würde ohne Streit enden.

Jacqueline würde bestimmt das Baby als Vorwand nehmen, ihrer Tochter weiter die Leviten zu lesen, damit sie endlich unter die Haube kam. Ihr ungeborenes Kind für einen solchen Zweck eingespannt zu sehen, widerstrebte Lauren zutiefst.

In der Tür winkte Jacqueline noch einmal über die Schulter, drehte sich aber nicht mehr nach Lauren um, da Jason sie in den Hausflur begleitete.

Als sie weg war, stellte Lauren die Tasche auf den Boden und ließ sich wieder auf ihren Stuhl sinken. Sie legte die Hand auf den Bauch und spürte die Bewegungen des Babys. Es sollte für nichts als Vorwand dienen, auch nicht für einen sozialen Aufstieg!

Eine Träne lief ihr über das Gesicht.

Mit dem Handrücken wischte sie sie weg. Sie hatte nicht einmal gemerkt, dass sie weinte. Die Wohnungstür fiel ins Schloss, und Jason kam zurück ins Wohnzimmer.

Lauren versuchte zu lächeln. Sie wollte nicht, dass er ihre plötzlichen Tränen sah. „Ich kann dir gar nicht genug danken.“

„Wofür denn?“, fragte er, zog einen Stuhl heran und setzte sich zu Lauren an den Tisch.

„Dass du Mom in ein Gespräch verwickelt hast. Und dass du ihr gegenüber weder das Baby noch die Unterschlagung erwähnt hast.“

„Ich will einfach nur unserem Baby und uns das Leben erleichtern.“

Unserem Baby! Lauren wusste nicht, ob sie sich freuen sollte, oder ob die Angst überwog. Sie dachte an den Kuss von vorhin und begriff, dass sie jederzeit wieder in seinen Armen landen konnte. Und mit ihm im Bett. Irgendwie schaffte Jason es immer, dass sie ihren Gefühlen freien Lauf ließ, und genau das war es, womit sie schwer zurechtkam.

Auch in diesem Moment spürte sie deutlich den Wunsch, seine Hand zu berühren.

„Ehrlich, du hast dich einfach großartig benommen: Du bist hierhergekommen, sobald du von dem Baby erfahren hast, hast mich zum Essen eingeladen und dich sogar mit meiner Mutter angefreundet!“

Dennoch konnte sie nicht vergessen, dass er sich vier Monate lang nicht gemeldet hatte. Nicht einmal eine E-Mail hatte er geschickt. Dabei mussten sie über jene Nacht unbedingt reden. „Du hast mich nie gefragt, wieso ich eigentlich schwanger geworden bin.“

Nachdenklich rieb er sich das Kinn. „Weil das Kondom versagt hat, nehme ich an.“

Lauren dachte an den Kuss vorhin im Hausflur – und an die folgenreiche Nacht vor vier Monaten. Damals hatten sie einander wie im Rausch die Kleidung vom Leib gerissen. Ihre Küsse waren sehnsüchtig und leidenschaftlich gewesen, bis sie beide nicht mehr hatten warten können. Dann das hastige Suchen in Jasons Brieftasche …

„Zu dem Zeitpunkt waren wir, nun ja, sehr beschäftigt … Ich rechne dir hoch an, dass du keine Fragen gestellt hast.“ Sie betrachtete seinen Nacken, der sich stark und fest unter ihren Küssen angefühlt hatte.

„Wir kannten uns damals schon ein Jahr, und ich wusste, dass du in keiner festen Beziehung warst.“

„Und unsere Beziehung war ja eher geschäftlicher Natur.“ Dennoch hatte sie mit ihm geschlafen, eine impulsive, ja wilde Vereinigung – etwas, was Lauren noch nie erlebt hatte. Bis zu jener Nacht war sie mit zwei Männern zusammen gewesen, und beides waren Beziehungen gewesen, die eigentlich zu einer Ehe hätten führen sollen.

Jason rückte näher zu ihr und strich ihr über den Arm. „Stimmt zwar, aber aufgefallen bist du mir von Anfang an.“ Sein Streicheln wirkte nun nicht mehr beruhigend, sondern verführerisch. Lauren fühlte, dass ihr warm wurde. Ja, sie begehrte diesen Mann – und konnte nichts dagegen tun.

Bevor sie etwas Unüberlegtes tat, wie sich zum Beispiel mit ihm auf dem Boden zu wälzen, rückte sie ein Stück von Jason ab. Gerade noch hatte sie geweint, und nun wäre sie am liebsten über ihn hergefallen. Während der Schwangerschaft schienen wirklich die Hormone verrückt zu spielen.

Jason hörte auf, sie zu streicheln, um sie nicht zu bedrängen. Allerdings der höchst angenehme Duft seines Rasierwassers …

Lauren wechselte das Thema, um ihre Gefühle nicht weiter zu vertiefen. „Wie hast du das mit meiner Mutter nur so gut hinbekommen?“

Eine Zeit lang sah er Lauren an, bis ihr regelrecht heiß wurde. Dann antwortete er: „Den Trick mit dem Tisch haben wir vor Kurzem bei Werbeaufnahmen für eine neue Make-up-Linie angewandt. Das Model war nämlich schwanger geworden, und deshalb sollte nur ihr Gesicht zu sehen sein.“

„Also nochmals vielen Dank“, sagte Lauren und spielte mit einer Pfeffermühle auf dem Tisch. Erneut spürte sie bereits Tränen aufsteigen. Vielleicht sollte sie so tun, als ob sie Pfeffer ins Auge bekommen hätte. „Im Grunde weiß ich ja, dass ich das Unvermeidliche nur hinausschiebe.“

Jason reichte ihre eine Stoffserviette. „Deiner Mutter von ihrem ersten Enkelkind zu erzählen sollte etwas Besonderes sein. Zeit und Ort bestimmst natürlich du.“

„Danke für dein Verständnis“, sagte Lauren, nahm die Serviette und wischte sich die Tränen ab. Irgendwie wurde ihr alles zu viel: Dass sie ihre Firma retten musste und allein mit einem Kind dastand, waren beides keine Kleinigkeiten. Und dann die Hormonumstellung …

Aber Jason hatte ihr Hilfe angeboten.

Was hatte sie schon zu verlieren? Warum nicht für ein paar Wochen mit ihm nach Kalifornien gehen, bis die Dinge wieder im Lot waren? Dabei konnten sie auch schon den Umgang mit dem Baby besprechen. „Okay, Jason.“

„Was ist okay?“, fragte er.

Nach einem tiefen Atemzug erklärte sie: „Ich gehe für zwei Wochen mit dir nach Kalifornien und spiele deine Verlobte.“

Einen kurzen Augenblick lang wirkte er überrascht, dann fasste er sich wieder und machte einen völlig ruhigen Eindruck. „Zwei Wochen?“

Also hatte er diesen Teil nicht überhört. „Ich kann meine Firma nicht länger alleinlassen.“ Nur um mit Jason das perfekte Paar zu spielen. „Man hat ja gesehen, was dabei herauskommt. Mein Angestellter nutzt die Gelegenheit und geht mit einer halben Million Dollar auf und davon.“

„Auch ein wichtiger Punkt. Nimmst du mein Geldangebot an?“

„Als Darlehen, das ich dir mit Zinsen und einem Tilgungsplan zurückzahlen werde.“ Etwas anderes ließ ihr Stolz nicht zu. „Nur dabei habe ich ein gutes Gefühl, vor allem, weil ich ja nicht auf Dauer mit dir nach Kalifornien gehe.“

„Wir könnten das Geld ja auch als Investition in die Zukunft unseres Kindes ansehen.“

„Jason, hör auf! Und bedränge mich nicht schon wieder. Auch wenn eine halbe Million Dollar für dich nicht viel Geld ist, mir geht es ums Prinzip.“

„Okay“, sagte er schließlich. „Wie du willst.“

„Ich bin mit einem niedrigen Zinssatz einverstanden.“ Übertreiben musste man den Stolz nicht, schließlich ging es um das Wohl der Firma.

„Gute Entscheidung“, lobte Jason. „Ich habe nichts dagegen, da ich dir wie gesagt das Geld auch schenken würde.“

„Dieses Mal werde ich mir gut überlegen, wem ich meinen Betrieb während meiner Abwesenheit anvertraue. Ein Fehler wie beim letzten Mal passiert mir nicht wieder!“

Wie gut, dass sie diese Chance bekam! Es musste einfach klappen. Das Baby hatte ein Recht auf eine Mutter, die fest im Leben stand.

Sie drückte Jason den Zeigefinger auf die Brust. „Aber das eine sage ich dir: Wenn ich zwei Wochen sage, meine ich das auch so.“

„Na gut. Wenn du danach wieder nach New York gehst, lassen wir es aber offiziell bei der Verlobung. Schon wegen deiner Mutter und meinem Kunden.“ Bei diesen Worten nahm er ihre Hand und drückte sie fest gegen seine Brust. Lauren spürte seine Wärme und sah in seine braunen Augen.

„Und nach einiger Zeit können wir sagen, es ist wegen der großen Entfernung auseinandergegangen.“

„Hey! Findest du es nicht ein wenig früh, jetzt schon über eine Trennung nachzudenken?“ Ganz leicht strich er über die Innenseite ihres Handgelenks.

„Hör auf, du bringst mich zum Lachen.“ Oder sollte sie sagen: Hör auf, ich bekomme Lust auf dich.

Während er ihr weiterhin in die Augen sah, verschränkte er ihre Finger mit seinen. „Es ist so schön, wenn du lachst, dass ich nicht genug davon bekomme.“

Lauren wusste, dass sie jetzt stark bleiben musste. Vorsichtshalber zog sie die Hand weg. „Eine Bedingung allerdings habe ich noch.“

„Daran wird es sicher nicht scheitern.“

Um die Finger von Jason zu lassen, hielt sie sich an den Armlehnen des Stuhls fest. „Auf keinen Fall schlafen wir noch einmal miteinander.“

Nach Kalifornien ging sie nur mit, um von dort aus mit etwas Abstand ihr Leben neu zu ordnen, um ihre Firma zu retten und um Jason in Bezug auf seinen Kunden zu helfen. Aber mehr auch nicht!

In ihrer Situation brauchte sie einen kühlen Kopf, musste klar denken können. Mit Jason zu schlafen, hätte das genaue Gegenteil zur Folge.

Mit einem sehnsüchtigen Blick auf seine breiten Schultern fragte sie sich allerdings, ob sie sich mit dieser Bedingung tatsächlich einen Gefallen tat.

Zwar hatte Jason nicht daran gezweifelt, dass er Lauren schließlich überzeugen würde, dennoch war er froh, als er endlich mit ihr auf dem Beifahrersitz zu seinem Haus in San Francisco unterwegs war. Es lag im Mission District, einem der ältesten Stadtviertel.

Es gefiel ihm ganz und gar nicht, dass sie ihm klargemacht hatte, nicht mit ihm schlafen zu wollen. Aber er hatte den Glanz in ihren Augen gesehen. Und als er ihr Handgelenk gestreichelt hatte, hatte er bemerkt, wie sich ihre Brustspitzen unter dem Pulli aufgerichtet hatten. Er war sich sicher, dass das letzte Wort noch nicht gesprochen war.

Sonntagabend waren sie mit einem Charterflug von New York gekommen. Bisher hatte Jason sich sehr zurückgehalten, um nicht schon im Vorfeld einen Fehler zu machen. Schließlich lagen zwei Wochen vor ihm, in denen er Lauren für sich gewinnen konnte.

Da ihr sechsstündiger Flug durch insgesamt vier Zeitzonen geführt hatte, war es noch immer Sonntag, allerdings spät in der Nacht. Im Augenblick ging es Jason daher nur darum, Lauren so schnell – und so sanft – wie möglich in seine restaurierte Villa aus dem neunzehnten Jahrhundert zu bringen, damit sie ihren dringend notwendigen Schlaf bekam.

Das Licht der Straßenlampen fiel in das Innere seiner großen Saab-Limousine. „Du hast ein Haus?“, staunte Lauren ungläubig und deutete nach vorne.

„Ich wohne nicht im Auto, wenn du das meinst.“

Sie lachte leise und sah interessiert aus dem Seitenfenster, während Jason in die Garage fuhr. „Ich dachte, du hättest vielleicht nur eine Eigentumswohnung. Schau mal die Blumenkästen am Nachbarhaus! Jetzt im Januar blühen hier schon die Blumen! Hier wirkt alles so … beschaulich.“

So hatte es Jason noch nie betrachtet. Er stellte den Wagen ab und senkte mit der Fernbedienung das Tor. „In meiner Navyzeit war ich oft auf Schiffen unterwegs, auf denen die Mannschaft nur wenig Platz hatte – oder ich wohnte in Hotelzimmern. Darum wollte ich etwas Geräumiges.“

Lauren dachte an ihr eigenes Zwei-Zimmer-Apartment. „Manchmal machen Babys ganz schön Lärm. Und Platz brauchen sie auch.“

„Selbst wenn du Drillinge bekommen solltest, dürfte das kein Problem werden.“ Jason lachte. Dann stieg er aus, ging um den Wagen herum und half Lauren aus dem Auto. Schließlich öffnete er die Tür der Garage und ging mit Lauren auf einem gepflasterten Weg zu dem historischen und luxuriösen Haus.

Jason hatte es hauptsächlich wegen seiner Lage gekauft. Aber als er jetzt die Stufen zum Seiteneingang hinaufging, sah er die reich verzierte Fassade zum ersten Mal mit den kunstverständigen Augen Laurens. Drinnen fiel das Licht auf den dunklen Dielenboden und verlieh dem Holz einen warmen Glanz. Dazu die Fenster mit Buntglaseinsätzen …

„Es ist einfach großartig“, rief Lauren und drehte sich in einem der Zimmer um die eigene Achse, dass ihr der Rock um die Beine schwang. Bewundernd ließ Jason den Blick über ihre schöne Figur gleiten, über ihren süßen Mund …

„Ich bin gern da, wo es schön ist“, sagte er und lockerte die Krawatte. „Außerdem ist in der Gegend immer etwas los.“

„Soll das heißen, du hast nicht mehr nur die Arbeit im Kopf?“

Bewundernd strich sie über den Kaminsims aus Marmor. Das gesamte Haus schien ihr ausnehmend gut zu gefallen, worüber Jason sich nicht wunderte. Schließlich kannte er ihren Geschmack gut genug.

Plötzlich empfand er es als großes Glück, gerade dieses Haus gekauft zu haben.

„Da ich nicht viel Freizeit habe, finde ich es gut, Restaurants und Bars in der Nähe zu haben.“

„Wirklich ein absoluter Glücksgriff. Wie bist du dazu gekommen?“, fragte Lauren. Als sie sich nach Jason umwandte, schwang ihr kastanienfarbenes Haar durch die Luft.

Er stellte ihre Tasche an den Fuß der Treppe. „Die Vorbesitzer haben das Haus von Grund auf renoviert, allerdings offenbar kurz vor dem Ziel aufgegeben. Oben im Gästebad stehen noch Farbeimer in der Wanne.“

Vor lauter Arbeit mit dem Vertrag mit Prentice war Jason noch nicht dazugekommen, dort oben aufzuräumen.

„Tut mir ein bisschen leid für die Leute. Vielleicht ist ihnen das Geld ausgegangen. Oder sie hatten persönliche Gründe“, mutmaßte Lauren. „Aber für dich war es natürlich ein Glück.“

Er nickte und betrachtete insgeheim Laurens vollendete Schönheit.

„Und was ist mit Möbeln?“, wollte sie wissen.

Jason sah sich um: nackte Wände, fast leere Zimmer und Umzugskisten in der Ecke. Bisher hatte er immer einfach herausgenommen, was er gerade brauchte.

„Weißt du, ich hatte vorher nur ein paar Stücke. Und weil mir die Zeit fehlt, habe ich vorerst nur das Allernötigste gekauft. Finde ich besser, als eine Menge Zeug anzuschaffen, und später bereut man es. Komm, gehen wir in die Küche. Da kannst du dich setzen.“

„Wie wäre es mit einem Innenarchitekten?“, fragte Lauren, während ihre Schritte auf dem Fliesenboden des geräumigen Flures hallten. Als sie einen anerkennenden Laut von sich gab, schmunzelte Jason.

„Ach, ich lasse mir Zeit. Fürs Erste habe ich ja alles.“ Sie nahmen an dem hohen Tresen zwischen Küche und Essbereich Platz. „Einen bequemen verstellbaren Sessel und einen Fernseher. Im ersten Stock steht ein superbequemes großes Bett.“

Lauren stützte die Ellbogen auf die Platte aus brasilianischem Granit und fragte: „Und wo schlafe ich?“

„In meinem Bett natürlich.“ Schon bei dem Gedanken wurde ihm heiß. „Möchtest du Mineralwasser? Und Obst dazu?“, fragte er und öffnete den Kühlschrank.

„Ja, gern.“ Lauren stand auf und holte sich das Wasser und einige Trauben. „Dann hoffe ich für dich, dass dein Gästebett oder Sofa bequem ist.“

Jason liebte es, wie sie ihm in verfänglichen Situationen ganz lässig den Ball zurückspielte. „Leider ist das Gästezimmer noch leer. Und eine Couch gibt es auch noch nicht. Macht aber nichts: Heute schlafe ich im Sessel. Und in den nächsten Tagen wird eine Matratze geliefert.“

„Glaub jetzt bitte nicht, dass du mir leidtust und ich dich zu mir ins Bett bitte!“

„Du bist herzlos“, sagte Jason, legte den Arm um sie und hielt ihr eine Weintraube an die Lippen.

„Ich habe dir von Anfang an gesagt, dass wir getrennt schlafen“, beharrte sie, nahm ihm die Traube ab und steckte sie in den Mund.

„Na ja“, sagte er leise. „Man kann es ja mal probieren …“ Mit dem Daumen strich er über ihren Rücken und beobachtete, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg.

„Jason, in den zwei Wochen, die vor uns liegen, können wir doch nicht einfach miteinander schlafen und danach so tun, als wäre nichts gewesen. Wir müssen an das Baby denken. Dummheiten können wir uns nicht leisten.“

Da sie ihn nicht von sich gewiesen hatte, rückte er ein Stück näher zu ihr. „Unser Kind sieht uns bestimmt gerne zusammen.“

„Möchtest du plötzlich eine feste Beziehung? Ist ja ganz was Neues.“

Fast unmerklich zuckte Jason zusammen. „Ja, warum eigentlich nicht?“, fragte er.

„Sehr nett“, spöttelte sie, entzog sich ihm und wandte sich Richtung Treppe.

„Hey!“, rief er hinter Lauren her. „Für mich ist das auch Neuland.“

Lauren griff nach ihrer Tasche und sagte: „Was soll’s, ich gehe ins Bett. Und zwar allein. Viel Spaß in deinem Sessel.“

„Danke. Und keine Angst, ich schlafe immer gut.“ Er nahm ihr die Tasche aus der Hand. „Ich kann nicht sehen, dass eine Frau – und noch dazu eine schwangere – Gepäck die Treppe hoch schleppt.“

Ohne ein weiteres Wort ging er vor ihr her. Zwei Wochen gemeinsame Zeit, in der er sie in sein Bett bekommen musste. Und wenn er sie erst so weit hatte, würde er sie so schnell nicht mehr gehen lassen.

5. KAPITEL

Plötzlich fühlte sich Lauren in dem leeren Schlafzimmer einsam. Durch die geschlossene Tür hörte sie, wie Jasons Schritte sich immer weiter entfernten. Zugegeben, sie hatte ihr kleines Apartment in New York mit Möbeln und Blumen geradezu vollgestopft, aber dieses Haus wirkte leer und riesig.

Das Bett bestand nur aus einem Rahmen mit Matratze. Daneben stand ein Nachttischchen aus Glas und Messing mit einer Leselampe und einem Wecker. Die wenigen Kleidungsstücke waren fein säuberlich in den Wandschrank eingeräumt.

Als Lauren ihre Tasche auf die Tagesdecke in braunen und blauen Farbtönen warf, fiel erneut die Ringschatulle heraus. Lauren stellte sie auf das Glastischchen.

Sie wollte nicht zulassen, dass Jason ihr leidtat. In der Werbebranche galt er als harter Verhandlungspartner, und Lauren mochte ihm gegenüber nicht ins Hintertreffen geraten. Aber dennoch rührte sie dieses trostlose Haus: Es verlangte geradezu nach Blumen, Farben und Geräuschen. Wie anders wäre es, wenn es hier Liebe und Aufmerksamkeit, Partys mit Freunden und Familienleben geben würde!

In der Küche standen zwei Barhocker am Küchentresen. Ob sie noch von den Vorbesitzern stammten? Oder hatte Jason die Stühle angeschafft und dabei an jemand Bestimmtes gedacht?

Lauren kniete sich vor das Bett und holte das seidene Nachthemd aus dem Koffer. Es passte noch. Noch! Liebevoll legte sie die Hand auf ihren sanft gewölbten Bauch. Für besonders verführerisch hielt sie sich in diesem Zustand allerdings nicht mehr.

Nachdenklich betrachtete sie die leeren Wände und den völlig unmöblierten Erker. Hier könnten zwei Korbstühle stehen, von denen aus ein Paar gemeinsam den Sonnenaufgang genießen konnte.

Doch abgesehen von den Barhockern gab es keinen Hinweis, dass Jason jemals eine Frau mit nach Hause gebracht hatte.

Außer Lauren.

Wie ihm aufgefallen war, hatte sie in den letzten sechs Monaten vor seinem Wegzug keinen Freund gehabt. Aber auch Jason hatte sich mit keiner Frau getroffen. Sonst hätte sich Lauren auch kaum mit ihm eingelassen, egal, wie groß die Anziehung auch sein mochte.

Seufzend schlüpfte sie in das Nachthemd. Bei der sanften Berührung des kühlen Seidenstoffes richteten sich ihre Brustspitzen auf. Wie einfach wäre es doch, hinunter ins Erdgeschoss zu Jason zu gehen, um ihre schmerzliche Sehnsucht zu stillen. Lauren sah zur Tür und überlegte, ob sie es tun sollte. Zögernd tat sie einen Schritt in die Richtung. Dabei stieß sie mit der Zehe gegen ihre Notebooktasche.

Ach ja richtig, der Computer!, dachte Lauren, und ihr fiel wieder ein, weswegen sie hier war: um Zeit für sich selbst zu haben, um ihr Geschäft zu retten – und um sich ihren Stolz zu bewahren.

Nur schade, dass das Notebook und ihr Stolz nicht wirklich aufregende Bettgenossen abgaben.

Als Jason am anderen Morgen in sein Schlafzimmer kam, bemerkte er auf dem Nachttisch das Notebook und die Ringbox, beide zugeklappt. Noch immer trug Lauren den Ring nicht am Finger, und das, obwohl sie der Verlobung zugestimmt und mit nach Kalifornien gekommen war.

Also war sie sich nicht zu hundert Prozent sicher.

Vorsichtig stellte er das Frühstückstablett am unteren Ende des Bettes ab und betrachtete die Frau, die in seinem Bett schlief. Ihr kastanienbraunes Haar lag ausgebreitet auf dem braun bezogenen Kopfkissen, die Decke hatte sich um ihre Beine gewickelt.

Das pastellgelbe Nachthemd war etwas nach oben gerutscht, und unwillkürlich dachte Jason daran, wie wunderbar weich sich ihre Schenkel angefühlt hatten. Und wie kräftig, ja fordernd Lauren sie um seine Hüften geschlungen hatte.

Es fiel ihm zunehmend schwerer, in ihrer Gegenwart seine Hände bei sich zu behalten. Aber Geduld würde sich am Ende auszahlen. Er setzte sich auf die Bettkante – und ertappte sich dabei, wie er Lauren eine Haarsträhne aus dem Gesicht strich.

Eigentlich hatte er sie nicht wecken wollen, aber der Gedanke, dass sie allein in einem fremden Haus aufwachen würde, gefiel ihm nicht. „Schlafmütze, wach auf!“, rief er leise.

Lauren streckte sich, und das Nachthemd spannte über ihrem Bäuchlein. Wie faszinierend es gewesen war, die Bewegungen des Babys zu spüren. Er musste Lauren unbedingt zum Bleiben überreden.

Noch im Halbschlaf lächelte sie und streckte Jason die Arme entgegen – und allen vernünftigen Überlegungen zum Trotz beugte er sich über sie und küsste sie auf beide Augenlider.

Wie weich ihre Haut war! Jason küsste ihre Nasenspitze und das Kinn. Am liebsten hätte er so weitergemacht, den Hals und das Dekolleté mit Küssen bedeckt … Aber er hatte sich vorgenommen, dass Lauren es sich von ganzem Herzen wünschen sollte, wenn sie wieder miteinander schliefen.

Langsam und sehr sinnlich bewegte sie sich unter ihm und seufzte leise. Sein Begehren erwachte schnell. Er lehnte die Stirn an ihre und verharrte so.

Plötzlich erwachte Lauren vollends und riss die Augen auf. „Jason!“, rief sie und stieß ihn von sich. „Ich habe dir doch gesagt, dass ich dich nicht in meinem Bett haben will.“

Geduld!, ermahnte er sich und richtete sich auf. „Wenn ich dich daran erinnern darf: Du bist in meinem Bett!“

„Lass die Spitzfindigkeiten.“ Hastig zog sie sich erst das Nachthemd bis zu den Knien herunter und dann die Decke über sich.

„Eigentlich hatte ich dich als Morgenmensch in Erinnerung“, sagte Jason und nahm das schwarz lackierte Tablett vom Fußende des Bettes. Als Lauren das Frühstück sah – Saft, Milch, Toastbrot und Eier –, sagte sie: „Trotzdem vielen Dank. Wirklich sehr nett von dir.“

„Hoffentlich geht es dir inzwischen besser.“

„Ja. Wenigstens behalte ich jetzt das Essen bei mir.“ Sie biss in eine Scheibe Toast.

Zum Glück aß sie etwas. Jason erhob sich. Zum ersten Mal in seinem Leben verspürte er wenig Lust, ins Büro zu gehen. „Ich bin zum Mittagessen wieder da.“

„Nicht nötig, wirklich. Ich komme schon zurecht.“ Sie trank ihre Milch. „Ich muss einiges erledigen, meinen Computer habe ich ja hier.“

„Na gut. Wenn es so ist, schlage ich vor, dass wir zusammen zu Abend essen. Morgen stelle ich dich meinem Chef vor, und Ende der Woche wird es eine große Feier geben.“

„Aha. Dabei lerne ich bestimmt die Leute kennen, die sich daran stören, dass deine Freundin schwanger ist. Na großartig, ich kann es kaum erwarten.“

„Nur Mr. Prentice hat damit ein Problem, meine Kollegen zum Glück nicht.“ Jason nahm eine Krawatte aus dem Schrank, klappte den Hemdkragen hoch und band sie sich um. Dann klappte er den Kragen wieder nach unten und zog ein Jackett an.

Obwohl Lauren erst eine Nacht hier war, erschien Jason ihre Nähe angenehm vertraut. „Aber findest du nicht“, fuhr er fort, „dass unsere Verlobung glaubwürdiger wirken würde, wenn du dir einen Ruck geben und den Ring tragen würdest?“

Er nahm die Schatulle und stellte sie auf das Tablett. Auf diese Weise würde sie sich hoffentlich weniger bedrängt fühlen.

Mit dem Zeigefinger berührte sie die Box. „Du erwartest aber nicht wirklich, dass eine Frau dich heiratet, nur damit dein Kunde zufrieden ist, oder?“

Nach kurzem Zögern beschloss Jason, der Wahrheit die Ehre zu geben. Schließlich war Lauren eine kluge und verständnisvolle Frau, zwei Eigenschaften, die er besonders an ihr schätzte.

„Ehrlich gesagt, Lauren, weiß ich selbst nicht genau, wie weit wir gehen sollten. Eins nach dem anderen erscheint mir im Augenblick das Beste. Dabei dürfen wir nicht unser Ziel aus den Augen verlieren, nämlich die Zukunft des Babys. Und dazu müssen wir Schwierigkeiten aus dem Weg räumen – in meinem Leben wie in deinem. Mit der Verlobung lösen wir etliche Probleme auf einmal. Zum Beispiel wirst du so auch eine Zeit lang Ruhe vor deiner Mutter haben.“

Lauren stieß ihn leicht an. „Du versuchst es wohl mit allen Mitteln, was?“

„Na ja, ich bin eben zielstrebig“, antwortete er und tippte die Box an.

Lauren zog die Knie zum Kinn, nahm den Ring heraus und sah den lupenreinen Dreikaräter an, als wäre er eine gefährliche Schlange.

Toller Erfolg, dachte Jason. Wenn es ihm nicht so ernst gewesen wäre, hätte er vermutlich gelacht.

Fragend sah Lauren Jason an. „Was soll ich sagen, wenn jemand den Hochzeitstermin wissen will?“

Obwohl es noch nicht einmal sieben Uhr morgens war, fühlte Jason sich verspannt. Er kreiste mit den Schultern, um die Muskeln zu lockern. „Sag doch, dass deine Mutter die Hochzeit plant. Oder dass wir Schwierigkeiten haben, einen Tag zu finden, an dem wir beide Zeit haben. Oder dass wir sowieso nach Las Vegas fliegen und von uns hören lassen, sobald wir verheiratet sind.“

Lauren nahm den Ring heraus und hielt ihn hoch, dass er in der Morgensonne glitzerte und funkelte. „Du bist wirklich gut im Lügen.“

Im Lügen? Eigentlich war Jason stolz auf seine Wahrheitsliebe, auch wenn die Tatsachen manchmal etwas … zurechtgefeilt werden mussten. „Ich bin eben ein Werbefachmann und lasse meine Fantasie spielen.“

Lauren schwieg, doch ihr war anzusehen, was sie dachte: Nämlich dass Jason in erster Linie sich selbst etwas vormachte.

Nach der warmen Dusche hing noch immer Dampf in der Luft, als Lauren das Frotteetuch fester um sich zog und eilig zum Telefon lief. Atemlos griff sie nach ihrem Handy, das auf dem Nachttisch lag. Von ihren langen Haaren tropfte das Wasser. „Hallo?“

Mit völlig überdrehter Stimme meldete sich ihre Mutter. „Lauren, Tante Elizas Anwalt hat mich gerade angerufen.“

Lauren ließ sich auf die Bettkante sinken und schalt sich selbst dafür, dass sie nicht auf die Nummer des Anrufs geachtet hatte. „Warum redet er mit dir statt direkt mit mir?“, fragte sie.

Stimmte vielleicht irgendetwas mit dem Nachlass nicht? Das Geld, das Tante Eliza ihr vererbt hatte, war längst auf Laurens Konto eingegangen – und von ihrem Buchhalter unterschlagen worden.

„Weil er dich nicht erreicht hat. Wo bist du denn?“

„Ich bin geschäftlich unterwegs, aber ich habe mein Handy an und checke regelmäßig meine E-Mails. Aber gut, ich rufe ihn an. Danke, dass du mir Bescheid gesagt hast.“ Lauren hoffte, dass das Gespräch damit beendet war.

„Schätzchen, er sagt, du steckst finanziell in Schwierigkeiten.“

Sorgfältig wog Lauren jedes Wort ab. Ihre Eltern waren reich, und sie halfen ihr gern und großzügig, was aber stets mit Bedingungen verknüpft war. Außerdem wollte Lauren nicht zu den jungen Menschen gehören, die immerzu den Eltern auf der Tasche lagen, ohne selbst etwas Vernünftiges auf die Beine zu stellen. „Im Augenblick ist es etwas eng, aber das kriege ich schon wieder hin.“

„Die meisten Neugründungen scheitern im ersten Jahr, ist dir das eigentlich klar?“ Deutlich war das Klimpern der Perlenkette zu hören.

„Weiß ich doch, Mutter“, sagte sie und hoffte inständig, dass ihre Firma nicht dazugehören würde. „Also, nochmals danke für deinen Anruf.“

Doch Jacqueline ließ nicht locker. „Ich sage meinem Buchhalter, dass er sich mit dir in Verbindung setzt. Denk daran, dass du dein Handy immer bei dir hast.“

„Nicht nötig, Mom, ich komme allein klar.“ Ja, sie würde es schaffen. Fröstelnd zog sie ihr Badetuch enger um sich.

„Liebling, du konntest noch nie gut mit Geld umgehen, wenn ich dich erinnern darf.“

Lauren biss sich auf die Lippe. Warum schaffte es ihre Mutter immer wieder, ihr wehzutun?

Unbeirrt fuhr Jacqueline fort: „Weißt du noch, wie du deine ganzen Ersparnisse für eine Uhr ausgegeben hast?“

„Mom …“, begann Lauren verzweifelt – dabei hätte ihr klar sein müssen, dass alles nur schlimmer wurde, wenn sie sich aufs Argumentieren einließ. „Damals war ich in der dritten Klasse. Außerdem habe ich nur ausgegeben, was in meinem Sparschwein war.“

Am anderen Ende der Leitung schien ihre Mutter zu schluchzen. „Ach so? Woher soll ich das wissen? Ich meine es ja nur gut mit dir.“ Als sie weitersprach, zitterte ihre Stimme. „Auf jeden Fall musst du deswegen nicht gleich auf mich losgehen. Du bist genau wie dein Vater, immer drischst du auf mich ein, egal, was ich tue.“

„Mom, es tut mir leid …“

„Na ja, schon gut. Wenigstens weiß ich, wohin ich mich zurückziehen kann. Habe ich dir schon von meinem neuen Ferienhaus erzählt?“

Mit geschlossenen Augen beschränkte Lauren sich aufs Zuhören und machte ab und zu Hm und Oh. Obwohl es noch nicht einmal Mittag war, fühlte sie sich erschöpft. Die Stimmungsschwankungen ihrer Mutter waren entsetzlich anstrengend.

Detailreich schilderte Jacqueline die Vorteile ihres neuen Domizils. In der bisherigen Ferienanlage hatte sie sich zuletzt nicht mehr wohlgefühlt – etwas, was so oder so ähnlich schon oft vorgekommen war.

Während ihre Mutter erzählte, betrachtete Lauren die Samtschatulle. Auf seine ruhige und gelassene Art hatte Jason geholfen, mit Jaqueline umzugehen. Und ihre Firma unterstützte er mit seinem Darlehen.

Außerdem bemühte er sich, ihr zu gefallen, wie die Blumen im Büro und der Toast an diesem Morgen deutlich zeigten.

Es gab keine romantischen Gründe, den Ring zu tragen, aber was sprach letztlich schon dagegen? Wenn sich auf so einfache Weise sein Job sichern ließ? Schließlich tat auch Jason alles, damit es mit ihrer Firma wieder aufwärtsging. Für die Zukunft des Babys war das nur gut.

Lauren nahm die Schatulle vom Nachttisch und öffnete sie. Verführerisch glänzte der Diamant darin.

Eigentlich war es ja nur eine Formsache. Ich bin hier in seinem Haus, dachte Lauren, und ich bekomme ein Kind von ihm. Was ist schon dabei, wenn ich den Ring trage?

Während sie das Telefon zwischen Kinn und Schulter geklemmt hielt, steckte sie ihn an den Finger. Im selben Moment wusste sie, dass sie richtig entschieden hatte. Nur die Aussicht, allein hier herumzusitzen, machte sie nervös. Da Jason ohnehin wollte, dass seine Kollegen von der Verlobung erfuhren – nur aus Rücksicht auf sie hatte er ihr Zeit lassen wollen –, würde sie ihn in der Firma überraschen und zum Essen abholen.

Entschlossen erhob sie sich. „Mom, es hat Spaß gemacht, mit dir zu reden, aber jetzt muss ich Schluss machen. Ich habe eine wichtige Verabredung.“

Neugierig sah Lauren aus dem Fenster. Das Taxi hatte die Gegend um den Union Square erreicht, eine todschicke Einkaufsmeile mit Palmen und weißen Häusern. Irgendwo hier befand sich das Bürogebäude von Maddox Communications, wie Lauren seit diesem Morgen aus dem Internet wusste.

Als Geschäftsfrau war sie es gewohnt, sich auf Begegnungen vorzubereiten, indem sie sich informierte. Deshalb wusste sie, dass nach dem Tod von James Maddox vor acht Jahren seine Söhne Brock und Flynn die Firma, die schon seit über fünfzig Jahren bestand, übernommen hatten.

Auch über das Firmengebäude in der Powell Street hatte Lauren einiges im Internet gefunden: Es stammte aus dem Jahr 1910 und war von James Maddox in den Siebzigerjahren vor der Abrissbirne gerettet und saniert worden. Inzwischen war das Maddox Building ein Vielfaches wert.

Als das Taxi vor dem Gebäude hielt, bezahlte Lauren den Fahrer und stieg aus. Leise öffneten sich die Türen des mehrstöckigen Hauses. Im Erdgeschoss befanden sich ein Restaurant einer modernen Kette und exklusive Läden.

Der Beschilderung der Aufzugknöpfe entnahm Lauren, dass einige der Geschosse an andere Firmen vermietet waren. Madd Comm befand sich im vierten und fünften Stock, wobei der Kundenempfang in der fünften Etage lag.

Der Aufzug bewegte sich schnell und lautlos nach oben. Als die Türen sich öffneten und Lauren ausstieg, stand sie direkt vor dem supermodernen Empfangstresen. An den nüchternen weißen Wänden hingen moderne Grafiken. Auf zwei Siebzig-Zoll-Monitoren liefen Werbefilme, deren Untertitel besagten, dass sie von Madd Comm stammten.

Offenbar hatte Jason mit seinem neuen Job eine gute Wahl getroffen. Irgendwie war Lauren stolz auf ihn, vor allem weil er es ohne elterliche Hilfe so weit gebracht hatte. Sie wusste nur zu gut, wie schwierig das sein konnte.

Ihre Absätze hallten auf dem glänzenden Boden.

„Herzlich willkommen bei Maddox Communications“, wurde Lauren von der freundlich lächelnden Angestellten begrüßt. „Was kann ich für Sie tun?“

Auch Lauren lächelte und las das Namensschild. „Hallo Shelby, ich möchte zu Jason Reagert. Mein Name ist Lauren Presley.“

„Ja, Madam. Würden Sie bitte dort drüben Platz nehmen?“ Sie wies auf ein großes weißes Ledersofa.

Lauren setzte sich und bedeckte mit der Hand ihren Verlobungsring. Unruhig stellte sie fest, dass Shelby sie neugierig beobachtete. Plötzlich erschien es ihr keine so gute Idee mehr, dass sie hergekommen war. Eigentlich hatte sie Jason beweisen wollen, dass sie die Dinge im Griff hatte – dabei wirkte sie nun bestimmt einfach nur nervös.

Ob sie lieber wieder gehen sollte?

Doch noch bevor sie sich erhoben hatte, stand ein schlanker, etwa vierzigjähriger Mann mit dunklen Haaren vor ihr. „Hallo, ich bin Brock Maddox“, stellte er sich vor. „Sie möchten zu unserem besten Mitarbeiter?“

Lauren reichte ihm die Hand. „Lauren Presley. Ich bin eine Freundin Jasons und ebenfalls Grafikdesignerin. In New York haben wir öfter zusammengearbeitet.“

Einen kurzen Moment sah der Mann ihren Bauch an. War die Schwangerschaft wirklich schon so offensichtlich?

„Sind Sie beruflich oder privat in San Francisco?“

„Sowohl als auch“, antwortete sie unverbindlich.

„Kommen Sie mit. Ich führe Sie zu ihm. Sicher freut er sich über diese Überraschung.“

Lauren merkte, wie ihre Aufregung wuchs, aber jetzt musste sie das durchstehen. Sie folgte Brock Maddox bis zu einer Tür mit einem gravierten Messingschild, auf dem der Name Jason Reagert stand. Lauren nahm einen tiefen Atemzug, öffnete die Tür – und erstarrte.

Jason stand mit dem Rücken zu ihr. Er war nicht allein. Eine lächelnde, auffällig attraktive Rothaarige hatte in einer vertraulichen Geste die Hand auf Jasons Arm gelegt.

Lauren spürte, wie Anspannung und Nervosität einem Gefühl der Verärgerung und Eifersucht wichen. Gab es tatsächlich eine andere in seinem Leben? Für einen Mann, der um seinen guten Ruf fürchtete, war das unglaublich, geradezu ein Spiel mit dem Feuer.

Lauren richtete sich kerzengerade auf. Plötzlich wurde sie seltsam ruhig. Wie hatte sie so dumm sein können, sich Hoffnungen zu machen? Nur weil er ihr das Frühstück ans Bett gebracht hatte!

Wirklich, sie ließ sich zu viel gefallen: von ihrer Mutter, ihrem betrügerischen Buchhalter und jetzt von Jason.

Gedankenverloren spielte sie mit dem Ring an ihrem Finger. Jason hatte sie hierher gebracht, und sie würde nicht so ohne Weiteres aufgeben. Er wollte eine Verlobte? Dann sollte er eine haben!

„Hallo Liebling“, sagte Lauren und legte auffällig die Hand auf den Bauch. „Ich sterbe vor Hunger. Wollen wir zu Mittag essen?“

6. KAPITEL

Jason traute seinen Ohren nicht, als er Laurens Stimme hörte. Schnell trat er einen Schritt von Celia zurück. Warum musste gerade jetzt Lauren hereinkommen? Was machte sie überhaupt hier in seinem Büro? Zu allem Überfluss stand hinter ihr auch noch Brock und runzelte die Stirn.

Was für ein dummer Zufall!

Eben hatte Celia ihn gefragt, ob sie nach der Arbeit etwas trinken wollten, und Jason war gerade dabei gewesen, ihr zu erklären, dass sie sich im Hinblick auf ihn keine falschen Hoffnungen machen sollte. Dann war die Tür aufgegangen …

Laurens grüne Augen funkelten, als sie das Büro betrat. Ihr türkisfarbenes Kleid schwang um ihre Beine und betonte ihre sanften Rundungen. An ihrer Hand glitzerte der Verlobungsring. „Ich bin Lauren Presley aus New York, Jasons Verlobte. Wir heiraten heute Abend.“

„Heiraten?“, fragte Celia ungläubig.

„Heute Abend?“, fragte Jason überrascht. Sich auf Lauren einzustellen, war immer wieder eine Herausforderung.

Brock zog eine Augenbraue hoch und lehnte sich gegen den Türstock, wie um nichts zu versäumen.

Schwungvoll trat Lauren zu Jason, hängte sich bei ihm ein und erklärte: „Ich weiß, dass so eine Blitzhochzeit eigentlich geheim bleiben sollte. Tut mir leid, Schatz, aber ich bin einfach zu aufgeregt. Wir fliegen nach Las Vegas. Klingt kitschig, ich weiß, aber …“ Wieder legte sie die Hand auf den Bauch. „Wie man sieht, bleibt uns nicht mehr viel Zeit, wenn ich bei der Hochzeit noch eine halbwegs gute Figur machen will.“

„Davon hatten wir ja keine Ahnung“, rief Brock. „Herzlichen Glückwunsch!“

Jason rückte seine Krawatte zurecht. „Danke.“

„Das ist meine Schuld, Mr. Maddox“, fuhr Lauren fort. „Ich mache gern ein Geheimnis aus meinem Privatleben. Aber ich arbeite daran, etwas offener zu werden.“

Dabei lächelte sie Jason an. Nur er wusste, dass ihre Freude nicht echt sein konnte, denn Lauren klammerte sich beinahe schmerzhaft an seinen Arm. „Hast du schon Bescheid gesagt, dass du morgen etwas später zur Arbeit kommst?“

„Äh, nein. Noch nicht.“ Jason tätschelte ihr die Hand, um unbemerkt den Griff etwas zu lockern.

Brock richtete sich auf. „Ich denke, wir lassen das junge Paar im Augenblick allein. Auf die Feier danach freue ich mich jetzt schon. Also nochmals alles Gute.“ Mit diesen Worten hielt er Celia, die noch immer wie erstarrt wirkte, die Tür auf.

Jason war klar, dass er seiner Kollegin eine Erklärung schuldete. Doch er musste auch zu Lauren stehen. Wie kam sie nur auf die Idee mit der Blitzhochzeit?

Als sie alleine waren, sah Jason Lauren fragend an. Sie spielte mit dem antiken Schiffskompass, der als Briefbeschwerer diente. Ein solch überstürztes Verhalten sah Lauren gar nicht ähnlich. Was hatte sie sich nur dabei gedacht?

Er trat näher zu ihr, doch sie wirkte wieder völlig ruhig. „War das gerade dein Ernst?“

„Mein völliger Ernst“, bestätigte sie und stellte den Kompass ziemlich laut zurück auf den Tisch.

„Ist ja toll, wirklich.“ Was hatte den Ausschlag für diesen Sinneswandel gegeben? Bemüht, Streit auf jeden Fall zu vermeiden, strich Jason Lauren eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Übrigens hast du keinen Grund, auf Celia eifersüchtig zu sein.“

„Wer sagt, dass ich eifersüchtig bin?“, fuhr sie ihn an.

„Dein Verhalten lässt den Schluss zu“, sagte Jason und begann, ihr die Schultern zu massieren.

Doch Lauren entzog sich ihm. „Ich lasse mich nur nicht gern zum Narren halten.“

„Glaub mir, zwischen ihr und mir ist nichts“, beteuerte Jason wahrheitsgemäß.

„Weiß sie das?“

„Ich wollte ihr gerade sagen, dass sie sich keine Hoffnungen machen soll. Da bist du hereingekommen.“

„Also läuft doch etwas zwischen euch!“ Lauren kniff die Augen zusammen.

„Jetzt hör aber auf“, sagte Jason und ging unruhig auf und ab. „Du bringst mich ganz durcheinander. Ich habe mir Mühe gegeben, dir zu gefallen, aber du hast mich auf Abstand gehalten, hast nicht einmal meinen Ring tragen wollen. Und kaum siehst du mich mit einer anderen Frau, möchtest du mich Knall auf Fall heiraten!“

„Sobald du gepackt und den Flug gebucht hast“, bestätigte Lauren und vertrat ihm den Weg. Ihre Kinnlinie wirkte entschlossen – und die sinnliche Unterlippe lud zum Küssen ein.

Lauren war ausgesprochen attraktiv, wenn sie wütend war. Ihre Augen funkelten, und selbst ihr Haar wirkte energiegeladen und schwungvoller.

Obwohl er nur das Beste für das Baby wollte, konnte er Lauren scheinbar nichts recht machen. „Wenn du dich so über mich ärgerst, warum verkündest du dann unsere Hochzeit?“

Stolz hob sie das Kinn. „Bisher hatte ich ständig Angst davor, dass wir uns gefühlsmäßig aneinander binden könnten. Auf keinen Fall wollte ich eine Ehe wie meine Eltern. Aber jetzt bin ich mir absolut sicher, dass ich mich nie in dich verlieben werde. Deswegen: Auf nach Las Vegas!“

Bevor sie Maddox Communications verließen, stellte Jason Lauren seinen Kollegen vor. Sie stand es tapfer durch, beschränkte sich aber auf einsilbige Antworten.

Auch während des Fluges weinte sie nicht. Und nicht einmal während der Trauzeremonie, die wie eine Farce wirkte. Und das, obwohl Jason es ihr zuliebe arrangiert hatte, in einer Hochzeitskapelle in einem Park mit üppigem Grün zu heiraten.

„Und damit ernenne ich euch zu Mann und Frau. Sie dürfen die Braut jetzt küssen.“ Das bunte Hawaiihemd des Standesbeamten war des Guten ein bisschen zu viel, aber irgendwie passte es zu den vielen Pflanzen und Blumen.

Genauso habe ich mir meine Trauung immer gewünscht, dachte Lauren und presste die Lippen zusammen. Aber mit diesem Mann …?

Jason hauchte ihr einen Kuss auf die Lippen, ohne große Dramatik, sondern sanft, so wie es sein sollte.

Sofort wurde Lauren heiß. Gleichzeitig spürte sie die Tränen aufsteigen.

Zärtlich legte Jason den Arm um ihre Taille und strich Lauren über den Rücken. Sie konnte nicht anders, sie schmiegte sich an Jason – bis sie sich abrupt von ihm löste. „Bitte entschuldige mich.“

Schnell ging sie zur Toilette, einem komfortabel eingerichteten Raum mit WC-Kabinen. Sie musste unbedingt verhindern, dass sie vor Jason vollends die Fassung verlor.

Was für ein Tag! Ein ständiges Auf und Ab der Gefühle, ohne Pause. Eine Achterbahn des Lebens … Was in aller Welt hatte sie getan?

Auch in diesem Raum standen Kübelpflanzen, vor allem Palmen. Von der Decke hingen Ampeln mit Farnen herab. Erschöpft ließ Lauren sich auf das Rattansofa sinken und griff nach der Box mit Papiertaschentüchern.

Nun ließen sich die Tränen nicht länger zurückhalten. Zu viel hatte sich angesammelt, angefangen von der bitteren Erkenntnis, dass sie ihr Baby allein aufziehen musste, über die Besorgnis, wie ihre Mutter reagieren würde, bis zu dem Geld, das ihr unterschlagen worden war.

Weinte sie auch wegen Jason?

Das hier war ihre Hochzeit, ihre Hochzeitsnacht stand bevor, und wie gerne hätte sie alles, was damit zusammenhing, in vollen Zügen genossen. Aber sie schaffte es einfach nicht, die Vorsicht über Bord zu werfen.

Gewiss, sie würde alles tun, um ihre Firma zu retten. Und natürlich würde sie Jason helfen, seinen Job abzusichern. Alles im Interesse des Kindes. Und danach wollte sie mit diesem Jason Reagert nichts mehr zu tun haben.

Aber zuallererst musste sie die Hochzeitsnacht hinter sich bringen.

Neben Jasons Sitz im Flugzeug stand wie immer sein Notebook. Normalerweise fand er es praktisch, während des Fluges seine Arbeit zu erledigen, und gerade hatte der Pilot mitgeteilt, dass ab jetzt elektronische Geräte eingeschaltet werden durften.

Doch diesmal interessierte sich Jason nicht dafür.

Unauffällig betrachtete er seine Braut, während das Charterflugzeug durch die Nacht glitt.

Sie lag zurückgelehnt in dem bequemen Ledersitz und sprach über das Bordtelefon. Gerade hatte sie ihrem Vater von der Blitzhochzeit erzählt: Er hatte ihr hoch und heilig versprechen müssen, Jacqueline nicht zu erzählen, dass Lauren zuerst ihn angerufen hatte.

Auch wenn das hier eine völlig ungewöhnliche Hochzeitsnacht war – Jason wünschte sich dennoch, sie mit Lauren in einer wunderbar altmodischen Honeymoon-Suite zu verbringen.

An Bord der einmotorigen Maschine durfte man auf und ab gehen, und es gab sogar eine kleine Küchenzeile. Schlafen allerdings war nur in den Sitzen möglich, deren Lehne nach hinten gestellt werden konnten.

Seine Frau – schon das Wort ließ Jasons Herz höher schlagen – wählte eine neue Nummer, legte die Beine hoch und zog das türkisfarbene Kleid zurecht.

„Hallo Mom“, sagte sie, während sich auf ihrer Stirn feine Linien zeigten, die auf Anspannung und Erschöpfung hinwiesen. „Sorry, dass ich dich so spät am Abend noch störe, aber es gibt etwas Wichtiges zu berichten.“ Sie blickte Jason kurz an, ein Blick, der ihn tief berührte. „Du erinnerst dich doch an Jason Reagert? … Ja genau. Weißt du, er ist mehr als nur ein Freund. Wir haben gerade in Las Vegas geheiratet.“

Nachdenklich spielte Jason mit dem schmalen goldenen Ehering. Die Ringe hatte er in letzter Minute gekauft, weil sie einfach dazugehörten. Nie hätte er gedacht, wie sehr ihm so etwas am eigenen Finger gefallen würde.

„Ja, Mom“, sagte Lauren und nickte. „Ich weiß, dass du gern dabei gewesen wärst. Aber, hm, das war noch nicht alles. Wir hatten es nämlich eilig: Ein Baby ist unterwegs.“

Aus dem Hörer drang ein Aufschrei, gefolgt von einem wahren Redeschwall. Wieder sah Lauren Jason an und fuhr dann fort: „Ich bin im fünften Monat … Nein, wir wissen noch nicht, ob es ein Junge oder Mädchen wird … Honeymoon? Ähm, wir haben zu viel Arbeit.“ Immer wieder wurde Lauren von ihrer Mutter unterbrochen.

„Mom, das ist wirklich …“ Seufzend schloss sie die Augen, während die Stimme am anderen Ende der Leitung immer lauter wurde.

Da griff Jason nach dem Telefon. „Jacqueline? Hier ist Jason, Ihr frisch gebackener Schwiegersohn. Ich bin gerade dabei, meinen neuen ehelichen Pflichten nachzukommen, Sie wissen schon, was ich meine. Wir stellen jetzt bis morgen Mittag das Telefon ab.“

„Einen Augenblick noch …“

„Gute Nacht, Jacqueline“, sagte Jason und beendete damit das Gespräch.

„Wow!“ Lauren atmete erleichtert auf. „Vielen Dank, Jason. Mir fällt ein Stein vom Herzen.“

Gut so. Doch leider wusste Jason noch nicht, wie er Lauren vor künftigen Kränkungen ihrer Mutter beschützen sollte. „Gern geschehen.“

„Zum Glück habe ich das hinter mir“, sagte Lauren und lächelte tapfer.

„Geht es dir gut?“

„Ja, klar“, bestätigte sie und richtete sich auf. Ihr Bemühen, ihre Ruhe wiederzuerlangen, rührte Jason so sehr, dass er Lauren am liebsten auf der Stelle an sich gezogen hätte. Doch er wusste, dass sie ihn von sich gewiesen hätte.

Ohne Zweifel gab es in Laurens Familie ebenso Spannungen wie in seiner eigenen. „Was geht hier eigentlich vor?“, fragte er.

„Ich weiß nicht, was du meinst“, sagte Lauren und spielte mit ihrer Tasche.

„Das Gespräch hat dich sehr mitgenommen“, stellte er fest. Er berührte ihr Kinn, und Lauren sah ihn an. „Mir ist schon aufgefallen, dass deine Mutter, sagen wir mal, etwas überdreht ist.“

Sie seufzte. „Warum soll ich es dir nicht sagen? Irgendwann erfährst du es ja doch. Schließlich ist sie die Großmutter deines Kindes. Meine Mutter ist seit ihrem zweiundzwanzigsten Lebensjahr manisch-depressiv.“

„Das tut mir ehrlich leid, Lauren“, sagte Jason teilnahmsvoll. „Davon hast du nie etwas erwähnt.“ Allerdings hatte er selbst auch nie von seiner Familie gesprochen.

„So ein Thema eignet sich nicht für Small Talk nach getaner Arbeit“, sagte Lauren lächelnd.

Ob sie es ihm schon früher erzählt hätte, wenn er nur aufmerksamer zugehört hätte? Wenn er mehr auf sie eingegangen wäre? Da Jason aus seinen Fehlern lernte, fragte er: „Seit sie zweiundzwanzig gewesen ist?“

„Ja. Damals wurde die Diagnose gestellt, und seitdem war sie immer mal wieder in ärztlicher Behandlung.“ Aber nur auf Drängen ihres Mannes oder ihrer Tochter … „Als ich klein war, ging es ihr recht gut. Bis sie beschloss, die Medikamente abzusetzen.“

Überflüssigerweise ordnete Lauren den Faltenwurf ihres Kleides. „Versteh mich bitte nicht falsch, ich beklage mich nicht. Irgendwie hat der Umgang mit Moms Stimmungsschwankungen meinen Charakter gefestigt.“

„Trotzdem muss es für dich als Kind schwer gewesen sein, nie zu wissen, was gerade auf dich zukam, oder?“

„Na ja, ich hatte immer Angst, so zu werden wie sie. Sie gesteht es sich nicht ein, dass sie Probleme hat. Was wenn es bei mir genauso ist? Ich war deswegen sogar schon beim Arzt.“

„Und was hat er gesagt?“

Nach kurzem Zögern sah sie ihn vertrauensvoll an und lächelte. „Ich denke, ich bin nicht so schlimm, dass du hier gleich zur Tür rausrennst.“

„Hier im Flugzeug wäre das auch nicht ratsam.“ Sie lachten.

Jason liebte ihr Lachen. Unauffällig betrachtete er ihre schlanken Hände. In letzter Zeit erregte ihn einfach alles an ihr. Aber er würde sich beherrschen.

In ihren Augen lag etwas Verletzliches, und Jason wusste, dass sie ihn jetzt brauchte. Er würde es nicht durch seine ungestüme Leidenschaft verderben.

Sorgfältig wählte er seine Worte, als ginge es um ein Millionengeschäft. „Lauren … Ich bin zwar kein Fachmann auf diesem Gebiet, aber ich kenne dich seit über einem Jahr, und noch nie sind mir an dir irgendwelche Anzeichen aufgefallen.“

Lauren schluckte. „Danke, dass du das sagst. Weißt du, oft nehmen mich Menschen, die von Moms Krankheit wissen, nicht mehr für voll.“

„Hey!“ Er konnte dem Impuls, ihre Hand zu nehmen, nicht länger widerstehen. „Ich nehme dich ernst.“ Ja, er bewunderte sogar die Ruhe und Gelassenheit, die sie ausstrahlte.

„Danke“, wiederholte Lauren und drückte ihm die Hand. Dabei glänzten ihr Ehering und der Verlobungsring, den sie nach amerikanischer Tradition weiterhin trug. „Die Ärzte haben gesagt, eine solche Störung tritt meist zwischen Pubertät und frühem Erwachsenenalter auf. So gesehen freue ich mich schon auf meinen dreißigsten Geburtstag.“

Jason lachte. „Da hat das Älterwerden etwas für sich, stimmt’s?“

Lauren nickte und streichelte ihr Bäuchlein. „Aber jetzt mache ich mir die größten Sorgen, dass sich die Erkrankung auf das Baby übertragen könnte.“

Unter diesem Gesichtspunkt hatte Jason es noch nicht gesehen, bisher war es ihm um die Sicherheit und die materielle Zukunft des Ungeborenen gegangen. Sicher ließ sich vieles im Leben eines Kindes im Voraus planen, doch an alles konnte man nicht denken.

„Wir werden eben beide auf der Hut sein, und wenn uns etwas auffallen sollte, nehmen wir alles in Anspruch, was helfen kann.“ Er hielt noch immer ihre Hand und spürte Laurens Puls unter seinem Daumen. Er ging ziemlich schnell – oder war es der heftige Schlag seines eigenen Herzens?

„In meiner Familie gibt es Diabetes, und meine Schwester ist Legasthenikerin. So ist das nun mal.“

Lauren lief eine Träne über das Gesicht. „Du bist so vernünftig – und so süß.“

„Süß? Das hat mir ja noch niemand gesagt.“

„Stimmt aber“, sagte Lauren und umfasste sein Gesicht. „Immer sagst du genau das Richtige. Und das Schöne dabei ist, dass du es auch so meinst.“

„Heute Morgen hast du mir noch vorgeworfen, ich würde lügen.“ Jason wusste selbst nicht, wieso er das sagte, gerade jetzt, da sie begann, Vertrauen zu ihm zu fassen.

Und dann begriff er: Lauren war ihm zu wichtig, als dass er ihr etwas vormachen konnte. Ging es ihm um mehr als nur um die Hochzeitsnacht? Plötzlich schien der Boden unter seinen Füßen zu schwanken, obwohl das Flugzeug völlig ruhig in der Luft lag.

Zärtlich streichelte sie sein Gesicht. „Vielleicht höre ich jetzt mehr auf meine innere Stimme.“ Sie kam näher, küsste ihn und strich ihm durchs Haar. Jason neigte ihr den Kopf zu. Sein mühsam unterdrücktes Verlangen brach sich Bahn.

Ja, er wollte sie! Seit der Nacht in ihrem Büro hatte er von ihr geträumt. Bisher hatte er der vielen Arbeit in seinem Job die Schuld gegeben, dass ihn keine andere Frau wirklich interessierte. Aber endlich begriff er.

Als sie sich an ihn schmiegte, spürte er die angenehmen Rundungen, die er so sehr liebte. Wie gerne hätte er ihre zarte Haut gestreichelt und jede Linie ihres Körpers mit den Händen nachgezeichnet!

Ungläubig erkannte er, dass seine Hände zitterten.

Lauren lächelte ihm zu, bevor sie sich auf ihren Sitz zurückzog. Dass sie ihn geküsst hatte, machte Jason neuen Mut.

„Gute Nacht, Jason“, flüsterte sie und ließ seine Hand los. Sie schloss die Lider mit den langen Wimpern und schlief fast im selben Moment ein.

Jason dagegen war hellwach – und machtlos gegen seine Erregung. Vergeblich versuchte er, es sich bequem zu machen.

Endlich war Lauren seine Frau. Und nach wie vor sehnte er sich danach, mit ihr zu schlafen. Doch die schwierigste Aufgabe stand ihm noch bevor: Nun sollte sie auch mit ihm verheiratet bleiben.

7. KAPITEL

Wie sollte sie bloß in ein paar Wochen wieder ihr altes Leben aufnehmen, so als wäre nichts gewesen?

Lauren setzte sich auf die Bettkante. Sie war allein in ihrer Hochzeitsnacht. Oder was davon noch übrig war. Als sie nach der Landung vom Flughafen nach Hause gefahren waren, hatte man am Horizont bereits die gelben und orangen Farbtöne der aufgehenden Sonne gesehen. Zu gerne hätte Lauren zusammen mit Jason das Anbrechen des neuen Tages beobachtet, aber Jason stand bereits unter der Dusche, weil er einen wichtigen Termin wahrnehmen musste.

Aber er hatte versprochen, früher nach Hause zu kommen. Und Lauren hatte ihm versichert, dass auch sie jede Menge zu tun hatte.

Eine seltsame Hochzeit. Und eine ebenso sonderbare Hochzeitsnacht …

Da an Schlafen ohnehin nicht zu denken war, zog Lauren ihre Schuhe aus und ging barfuß den Flur im ersten Stock entlang. Dabei mied sie vorsichtshalber das elegante Badezimmer, in dem Jason duschte. Zu groß wäre die Versuchung gewesen, ihm Gesellschaft zu leisten.

Alles, was sie bisher von diesem Haus kannte, war luxuriös und exklusiv, angefangen von der Küche über die drei Bäder bis hin zum großen Schlafzimmer. Die anderen Zimmer hatte sie bisher noch nicht in Augenschein genommen.

Vorsichtig öffnete sie die erste Tür: Der Raum war leer, auf dem Holzboden standen ein paar Umzugskartons herum. Das zweite, ebenfalls leere Zimmer hatte eine hohe gewölbte Decke, und Lauren sah es sofort als Kinderzimmer mit einer Deckenmalerei von Engeln, die schützend über dem Baby schwebten. Lauren schluckte und schloss die Tür hinter sich.

Im dritten Zimmer gab es immerhin einige Möbel: einen Schreibtisch aus Kirschholz mit Drucker und Computer. Als Bildschirmschoner lief ein Motiv aus der Navy. Ansonsten befand sich auch hier kaum etwas Persönliches.

Auch Lauren fand, dass Arbeit durchaus Spaß machen konnte. Dennoch verspürte sie das Bedürfnis, eine schöne Rückzugsmöglichkeit zu haben. Wie wäre es, dieses große Haus mit Möbeln und Pflanzen auszustatten und dadurch Jasons Leben zu bereichern?

Gemeinsam die Sonne aufgehen zu sehen …

Inzwischen war es schon beinahe Tag geworden. Ich muss schlafen, ermahnte sich Lauren, wenigstens dem Baby zuliebe. Sie drehte sich um – und blieb überrascht stehen. An der Wand über dem Schreibtisch hing eine gerahmte Tuschezeichnung. Ihre Segelschiffzeichnung für den Herrenduft!

Mit zitternden Händen berührte Lauren den Rahmen. Bedeutete sie Jason mehr, als sie ahnte? Hatte er sich nur deshalb vier Monate lang nicht bei ihr gemeldet, weil sie ihn damals weggeschickt hatte?

Hatte er in dieser Zeit ebenso oft von ihr geträumt wie sie von ihm?

Jason saß im Konferenzraum von Maddox Communications und wusste noch immer nicht, wie er verhindern sollte, dass Lauren San Francisco verließ. Nervös spielte er mit seinem Füller, bis Brock irritiert eine Augenbraue hochzog.

Sofort hörte Jason damit auf, aber er fühlte sich aufgeregt wie ein kleiner Junge. Nur weil er es kaum erwarten konnte, nach Hause zu seiner Frau zu kommen. Stattdessen saß er hier in dieser Besprechung fest.

Brock schaltete das letzte Bild seiner Präsentation aus. „Das wäre erst mal alles“, sagte er zu den Zuhörern. Zu seiner Sekretärin Elle Linton gewandt fragte er: „Sie werden die Unterlagen allen zukommen lassen?“

Pflichtbewusst nickte Elle. „Natürlich, Mr. Maddox.“

Brock drückte auf einen Knopf, und die Glaswände, die den großzügigen Raum umgaben, verloren ihre Tönung und wurden wieder hell. „Jason?“

Jason hoffte inständig, dass sein Chef nichts zum Inhalt der Präsentation wissen wollte. „Ja?“

„Ich möchte dir als Erster offiziell zur Hochzeit gratulieren. Im Namen aller hier in der Firma wünsche ich dir und Lauren viele gemeinsame glückliche Jahre.“

Als der Applaus abebbte, erhob sich Flynn. „Wir freuen uns schon sehr darauf, deine Frau bei unserer Dinnerparty besser kennenzulernen.“

„Versprochen“, nickte Jason. Bei diesen Partys ging es weit förmlicher zu als bei den Treffen in der Rosa Lounge. Es wurde allgemein erwartet, dass auch die Ehefrauen teilnahmen. Gerüchten zufolge hatte Flynns Ehefrau immer sehr unter den zahlreichen Verpflichtungen gelitten, denen sie sich als Ehefrau des Geschäftsführers ausgesetzt gesehen hatte. Inzwischen lebten die zwei getrennt.

Der Konkurrenzdruck war groß, und manchmal war es schwer, sich geschäftlich zu behaupten, vor allem in Zeiten wie diesen. Zum ersten Mal wurde sich Jason seiner Verantwortung Lauren und dem Baby gegenüber bewusst. Von nun an musste er für sie sorgen, was den Erfolgsdruck, unter dem er ohnehin schon stand, deutlich erhöhte.

Gavin klopfte ihm auf die Schulter. „Was tust du überhaupt noch hier? Lass deine schöne Frau nicht zu lange warten.“

„Schau ja nicht meine Kundendaten im Computer durch, wenn ich weg bin“, drohte Jason halb im Scherz.

„Würde ich nie wagen“, lachte Gavin. Zwischen ihm und Jason herrschte eine gewisse Rivalität, doch das gehörte dazu und hielt ein Unternehmen wie Maddox Communications an der Spitze.

Jason wusste, dass er sich keine Unterbrechung seiner Arbeit erlauben konnte. Andererseits würde es komisch aussehen, wenn er einen Tag nach der Hochzeit nicht früher nach Hause gehen würde. Außerdem hatte er noch alle Hände voll zu tun, Lauren zu überzeugen, dass sie mit dem Kind in San Francisco blieb.

„Ich mache heute früher Schluss, denn wir wollen unsere Hochzeitsreise planen. Aber Lauren weiß, wie wichtig der Vertrag mit Prentice ist und dass ich mich in erster Linie darum kümmern muss. Sie freut sich schon darauf, Walter Prentice bei der Dinnerparty persönlich zu treffen.“

Brock sah ihn abschätzend an. „Vielleicht ergibt es sich, dass wir deine Frau schon früher besser kennenlernen, zum Beispiel in der Rosa Lounge nach der Arbeit.“

„Klar. Ich sage es ihr und gebe dir Bescheid.“

„Klingt, als hättest du mit ihr einen guten Fang gemacht. Und eine fähige Geschäftsfrau soll sie obendrein sein.“

„Danke. Ja, Lauren ist etwas ganz Besonderes. Ich bin überglücklich, dass sie mit mir in Kalifornien leben will, obwohl sie an der Ostküste eine eigene Firma hat.“ Wie versprochen hatte er vorgebaut, dass sie wieder nach New York zurückkehren würde. Nur dass er sie so leicht nicht aufgeben würde.

Sie?

Ursprünglich war es ihm nur um das Baby gegangen. Und darum, dass Jason kein Vater sein wollte, der sein Kind nur zu bestimmten Anlässen sah.

Schluss mit dem Selbstbetrug!, ging es Jason durch den Kopf. Er wollte Lauren, wollte sie in seiner Nähe haben, mit ihr schlafen und sein Leben mit ihr verbringen. Es passte einfach alles. Dass sie gut zusammenarbeiteten, hatten sie schon bewiesen. Und in körperlicher Hinsicht lagen sie voll und ganz auf einer Linie. Hier in Kalifornien würden sie leben. Auf diese Weise bekam Lauren etwas Abstand zu ihrer Familie und den Problemen in ihrer Firma.

Nun musste er sie nur noch überzeugen.

Plötzlich begriff er, dass Lauren die mächtige Anziehung zwischen ihnen ebenso bewusst war wie ihm selbst. Bisher hatte er versucht, sie zu verführen. Doch ab jetzt würde er auf einer mehr praktischen Ebene vorgehen, indem er ihr bewies, wie gut sie zusammenpassten. Und dass sie eine wunderbare Familie abgeben würden.

Vorerst also würde er seine Hände bei sich behalten, während er seine Frau umwarb.

Während sie die Treppe hinunterging, zog Lauren den Gürtel ihres Bademantels enger um sich. Beim Abendessen am hohen Küchentresen hatten sich ihre Beine und die Jasons immer wieder berührt, eine Berührung, die Lauren irgendwann völlig verrückt gemacht hatte.

Sie hatte gehofft, eine Dusche würde die Spannung lindern. Doch vergeblich: Unter den Warmwasserdüsen der luxuriösen Wellness-Dusche hatte sie sich erst recht nach Jason gesehnt.

Wasser lief von ihren Haaren herunter und in den Ausschnitt, gerade zwischen ihre Brüste, die sich schwer anfühlten und fast vor Sehnsucht schmerzten.

Durch den Torbogen blickte sie in das Wohnzimmer, wo im Kamin ein kleines Feuer loderte. Davor kniete Jason und legte Brennholz nach. Er trug eine enge Jeans, die seine schmalen Hüften betonte. Am liebsten hätte Lauren seinen attraktiven Po berührt …

Beim Näherkommen schienen sich die Wärme des Feuers und das Hitzegefühl, das Lauren empfand, zu verbinden.

Noch immer mit dem Rücken zu ihr, erhob sich Jason, zog eine Steppdecke aus einem der Umzugskarton und breitete sie vor dem Kamin aus.

„Du schläfst wohl jetzt auf dem Boden statt im Sessel?“

Über die Schulter sah er sie an und lachte. „Nachdem du beim Abendessen so munter gewirkt hast, dachte ich mir, du willst vielleicht noch etwas aufbleiben und reden.“

„Du willst reden?“

„Ja, klar. Warum nicht?“

Lauren dachte an ihr gezeichnetes Segelboot, das er über seinem Schreibtisch aufgehängt hatte. Langsam begann sie sich auf den Abend zu freuen, der romantisch zu werden versprach.

In der Ecke stand das Tablett aus schwarzem Lack, das Lauren vom Frühstück kannte. Eine Grillzange lag bereit, und in den Weingläsern war …

„Traubensaft. So kommst du trotz der Schwangerschaft in den Genuss der wunderbaren Reben Kaliforniens.“

Lauren setzte sich auf die Decke und zog den Bademantel über den Knien zurecht. „Wie lief es auf Arbeit? Haben dir die Kollegen Löcher in den Bauch gefragt?“

„Klar wollten sie wissen, wie es in Las Vegas war. Ganz natürliche Neugier. Und jede Menge Glückwünsche.“ Nach einem schnellen Blick zu Lauren kümmerte er sich wieder um das Feuer. „Jetzt möchten alle dich kennenlernen. Am Wochenende ist eine Dinnerparty, zu der auch Mr. Prentice kommt.“

„Dahin begleite ich dich auf jeden Fall. Deswegen haben wir ja geheiratet, oder?“

Ohne zu antworten, fuhr Jason nach einer Weile fort: „Ab und zu gehen wir nach der Arbeit noch etwas trinken. Aber wenn du nicht mitmöchtest, verstehe ich das. Du arbeitest ja auch den ganzen Tag.“

„Ich komme gern mit. Ich möchte die Leute kennenzulernen, mit denen du arbeitest.“ Abgesehen von dieser Celia … Lauren zog es vor, das Thema zu wechseln. „Eigentlich kommst du auch ohne Möbel recht gut zurecht. Nur deinen Arbeitsplatz hast du schon fertig eingerichtet.“ Aufmerksam beobachtete sie ihn.

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