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Kindersucher

Über Paul Grossman

Paul Grossman ist Journalist und arbeitete für Magazine wie »Vanity Fair«. Außerdem hat er erfolgreiche Theaterstücke geschrieben, u.a. über Hannah Arendt sowie den Eichmann-Prozess.

Als Aufbau Taschenbuch erschien bisher ein Kriminalroman über den Ermittler Kraus: »Schlafwandler«.

Informationen zum Buch

Willi Kraus ist der beste Ermittler in Berlin. Als Jude jedoch wird er von seinen Vorgesetzten schikaniert. Als in Berlin immer mehr Kinder verschwinden und an dunklen Orten seltsame Knochen auftauchen, beginnt Kraus zu ermitteln. Buchstäblich im Untergrund der Stadt findet er eine heiße Spur. Dann aber entzieht man ihm den Fall und protegiert einen anderen Polizisten, der sich als Anhänger einer neuen, angeblich patriotischen Partei erweist. Für Kraus wird die Luft im Präsidium immer dünner. Juden gelten plötzlich wieder als Vaterlandsverräter. Doch dann wird der Mordfall immer monströser – und seinen Vorgesetzten bleibt nichts anderes übrig, als Kraus zurückzuholen.

Ein Blick in die Abgründe Berlins zum Ende der 1920er Jahre.

Paul Grossman

Kindersucher

Kriminalroman

Aus dem Amerikanischen
von Wolfgang Thon

Buch Eins

Je näher am Knochen ...

Eins

Berlin, Oktober 1929

»Ich werde euch Respekt lehren!« Die Peitsche der Schulmeisterin erzeugte Gänsehaut auf Kraus’ Beinen. »Runter mit den Unterhosen!«

Unten auf der Bühne zitterten die nur mit Unterhosen bekleideten Jungen, als sich ihnen ihre Zuchtmeisterin in glänzenden, schwarzen Lederstiefeln näherte. »Bückt euch!« Sie ließ die Peitsche knallen. Welche andere Wahl hatten sie, als zu gehorchen, alles zu tun, was sie wollte? »Es ist nur zu eurem Besten!« Ihr kräftiger, weißer Arm hob sich. Als ihr Zorn auf sie herabfuhr, machte sich überbordende Heiterkeit im Admiralspalast breit, denn die traumatisierten Frechdachse auf der Bühne waren, wie das Scheinwerferlicht jetzt enthüllte, gar keine Frechdachse, sondern Männer in mittleren Jahren mit schlaffen, an Kartoffelsäcke erinnernden Kehrseiten.

»Keine Scham, was? Keine Furcht vor Autorität?« Die Lehrerin kam allmählich in Fahrt. »Nehmt das, ihr nutzloses Gesindel! Und das. Und das!«

Je härter sie zuschlug, desto begeisterter reagierte das Publikum. Diese Opfer liebten es ganz offensichtlich, versohlt zu werden, und die Perversion dieser Darbietung reizte offenbar ein kollektives, tief sitzendes Gefühl von Vergnügen. Außer in einigen wenigen, uninteressierten Seelen – wie der von Kraus. Oder der preußischen Baroness, die neben ihm saß und die Vorführung unbeweglich verfolgte, als wäre sie aus Gusseisen.

»Also.« Schließlich nahm sie die Zigarettenspitze aus dem Mund. »Soweit hat euch also eure kostbare Freiheit gebracht, Fritz.« Ihr Kinn deutete wie eine Kanone auf ihren Gastgeber. »Seit dem antiken Rom hat die Welt eine solche Dekadenz nicht mehr erlebt.«

»Sie vergeben mir sicher, Baroness, dass mich diese Darbietung Ihrer Aversion nicht sonderlich erschüttert.« Fritz’ blonder Schnurrbart kräuselte sich, als er spöttisch grinste.

»Was sollte ich Ihrer Meinung nach denn tun?«, erwiderte die Baroness. »Mich errötend hinter meinem Ärmel verstecken?«

Kraus saß eingeklemmt zwischen den beiden. Ihr Argument war stichhaltig, weil sie schlicht und einfach nichts hatte, wohinter sie sich hätte verstecken können. Sämtliche Damen trugen schulterfreie Abendgarderobe, auch die alte Baroness. Kein einziger Ärmel war zu sehen. Allerdings war das angesichts ihrer Oberarme eher ein Pyrrhus-Sieg, und als jetzt die Zuschauer erneut begeistert brüllten und die Schreie auf der Bühne zu einem unverkennbaren Gruppenhöhepunkt anschwollen, entrang sich ein lauter Seufzer ihrem juwelengeschmückten Busen.

»Ein höchst unheilvolles Omen unserer Zeit.«

Dann schob sie sich die Zigarettenspitze wieder zwischen die Zähne.

Bei ihren Worten konnte sich Dr. von Hessler, der ihr gegenübersaß, kaum noch beherrschen. »Wie Sie wissen, Baroness, ändern sich die Zeiten. Noch vor zwei Jahrhunderten wäre es undenkbar gewesen, dass ein Prinz nach dem Dinner seinen Stuhlgang vollzogen hätte, ohne dass seine Gäste den königlichen Gestank mitbekommen hätten.«

Die übrigen Gäste am Tisch erstarrten.

Von Hessler war ein alter Schulfreund von Fritz und so etwas wie ein Wissenschaftler. Allerdings hielt er sich mit genaueren Erklärungen zurück. Kraus konnte nicht genau sagen, ob er tatsächlich ein Doktor war; aber jedes Mal, wenn sie sich begegneten, ließ von Hessler durchschimmern, dass er an einem »bahnbrechenden Werk« arbeitete. Ein ziemlich wichtigtuerischer Kauz, dachte Kraus, obwohl er nicht behaupten konnte, den Mann gut zu kennen, trotz ihrer gemeinsamen langen Bekanntschaft mit Fritz. Von Hessler war ebenfalls an der französischen Front gewesen. Nach dem Krieg hatte er die schwarze Klappe über dem Auge, das er in Verdun verloren hatte, durch eine aus Sterlingsilber ersetzt, die mit einem Lederband befestigt war. Das Silber war auf Hochglanz poliert, sodass man, wenn man mit ihm redete, immer eine Reflektion von sich selbst wahrnahm ... was recht merkwürdig war.

»Und worauf wollen Sie mit diesem zauberhaften Bonmot hinaus?« Die Baroness lächelte gereizt. »Wollen Sie vielleicht andeuten, dass der Unterschied zwischen Tugend und Laster nur relativ ist, Herr Doktor?«

Von Hessler hob bedauernd seine Handflächen.

In diesem Augenblick bemerkte Kraus, wie Vicki ihn von der anderen Tischseite aus unter ihrem braunen Pony hinweg betrachtete. Grundgütiger Himmel, dachte er. Sie hatte ihn mitten beim Gähnen erwischt. Als sie den Kopf schief legte, als wollte sie damit fragen, ob es ihm gut ginge, durchzuckten ihn Gewissensbisse. Normalerweise erzählte er ihr stets von seinen Fällen, diesmal jedoch hatte er es nicht getan. Wenn es um Kinder ging, regte sie sich zu sehr auf. Also zwinkerte er ihr beruhigend zu und konzentrierte sich wieder auf die Feier.

Von allen Anwesenden, die Fritz’ Geburtstag feierten, fühlte sich Kraus hier am deplaziertesten; er wäre noch lieber woanders gewesen als die Baroness. Nicht, dass er Fritz nicht mochte. Er würde für seinen alten Kriegskameraden alles tun; schließlich besuchte er ja ihm zum Gefallen sogar mitten in der Woche diese geistlose Revue. Aber Fritz war ein Aristokrat, und so froh Kraus auch über ihre Freundschaft war, historisch betrachtet war sie dennoch nur ein Zufall. Was Kraus problemlos akzeptieren konnte. Es lag auch nicht an Fritz, sondern an dieser Art von Unterhaltung; diese perverse Melange aus Zucker und Exkrementen ging Kraus unter die Haut. Nicht etwa, weil er ein Gesetzesvertreter war. Es gab keine Gesetze gegen ordinären Tingeltangel, zumal wenn er veranstaltet wurde, um ein Waisenhaus zu unterstützen. Es ging ihm einfach nur gegen den Strich.

Nach allem, was er an diesem Morgen gesehen hatte.

Der unaufhörliche Wolkenbruch in der Nacht hatte etwa eine halbe Stunde weiter östlich ein wahres Horrorszenario hochgespült, draußen, im industriellen Lichtenberg. Im Untergeschoss einer Baustelle war ein Jutesack hochgespült worden, offenbar wegen einer Verstopfung in der Kanalisation. Als Kraus am Schauplatz eintraf, standen mindestens zwölf Leute um den Sack herum und starrten auf den Inhalt, der herausgeschwemmt worden war. Wahrlich ein Spektakel! Es handelte sich um Knochen. Fast zwei Dutzend, aber nicht einfach willkürlich durcheinandergewürfelt, sondern nach Größe und Form sortiert. Und zusammengebunden zu etwas, das man nur als ... Arrangements bezeichnen konnte. Arm- und Beinknochen, die fast wie Blumenbuketts angeordnet waren. Zehenund Fingerknochen, die mit irgendeinem kräftigen Faden zu so etwas wie ... Schmuckstücken gebunden waren. Kleine Lendenwirbel, in die kleine Löcher gebohrt worden waren. Kraus hatte so etwas noch nie gesehen oder auch nur davon gehört. Nach einer ersten flüchtigen Untersuchung hatte der Rechtsmediziner Dr. Hoffnung erklärt, dass die Knochen höchstwahrscheinlich menschlicher Natur waren und eindeutig keinem Erwachsenen gehört hatten. Nach Größe und Dichte zu urteilen, waren es Knochen von Kindern. Die Form der Beckenknochen ließ Hoffnungs Worten zufolge auf Jungen schließen. Auf insgesamt vier oder fünf verschiedene Jungen.

Kraus rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her.

Als die Schulmeisterin und ihre Schülerinnen sich unter tosendem Beifall verbeugten und der »Lektion gut gelernt« betitelte Sketch endete, klatschte Kraus automatisch mit. Drei Jahre an der Westfront. Sieben bei der Kripo, Berlins überaus fleißiger Kriminalpolizei. Niemand konnte behaupten, er hätte nicht sein gerüttelt Maß an Wahnsinn gesehen. Aber ... Knochenkunst?

»Die Nächsten, die die Waisenkinder von Berlin unterstützen«, drang die Stimme des Conférenciers durch das Theater, »sind die bestaussehenden und bestausgebildeten Damen der Stadt ...«

Vierundsechzig wunderschöne Beine steppten in perfekten Reihen über die Bühne.

»Sie tanzen synkopisch zu einem Stück namens ›Massenproduktion‹ ...«

Zweiunddreißig geschmeidige Körper in winzigen, schulterfreien Miedern, in weißen Minihöschen und Spitzensöckchen in glitzernden Pumps.

»Der Admiralspalast präsentiert Ihnen mit großer Freude seine ... Tiller-Girls!«

»Eins, zwei, drei, los!«, kreischte eine, und alle zweiunddreißig Mädchen begannen eine einstudierte Hommage an moderne Produktionsverfahren. Ihre Reihen formten sich zu drehenden Zahnrädern, pumpenden Kolben, Keilriemen, selbst zu einer gigantischen Schreibmaschine. Sie hoben die Beine, ihre Absätze steppten, und sie bewegten die Schultern in rasend schneller Effizienz, während ihre einzelnen Muskeln alle wie einer arbeiteten. Kein Zeh traute sich, aus der Reihe zu tanzen. Das Publikum johlte vor Begeisterung. Das ist eine Welt, in der sie sich glücklich fühlen können, dachte Kraus. Eine synchrone, eine geordnete Welt. Das Individuum, von der Masse absorbiert und im Gleichschritt. Die Zuschauer jubelten noch lange, nachdem die Tiller-Girls als Diesellokomotive von der Bühne gerauscht waren.

»Wirklich phantastisch«, meinte Fritz’ Frau Sylvie, deren Zähne weiß strahlten.

»Welche Präzision«, setzte Vicki mit nahezu glaubwürdiger Aufrichtigkeit hinzu. Kraus wusste, dass sie hundertmal lieber einer Symphonie gelauscht hätte, aber sie wäre niemals so unhöflich gewesen, das auch zu sagen.

Die Baroness dagegen nahm selbstverständlich auf solche bourgeoisen Empfindlichkeiten keinerlei Rücksicht. »Ein perfekter Haufen von Sie-wissen-schon.« Sie steckte eine weitere Zigarette in ihre Spitze. »Keine Moral. Keine Geschichte. Nur ein großer Eimer von ...«

»Zufällig bin ich diesmal Ihrer Meinung.« Von Hessler rückte seine Augenklappe zurecht. »Die Revue hält unserer Republik in brutaler Weise einen Spiegel vor. Wie glänzend sie auf der Oberfläche auch sein mag, darunter ist sie völlig zersplittert. Mich überkommt tatsächlich zurzeit auf den Straßen von Berlin immer wieder das Gefühl, dass alles in einem Moment einfach ...« Er breitete ruckartig die Hände aus.

In der Pause flammten die Lichter im Saal auf. Wie es aussah, gab sich bei der Wohltätigkeitsgala toute le Monde die Ehre. In den Logen drängten sich Anwälte, Ärzte und Geschäftsleute, deren aufgedonnerte Gemahlinnen aufgeregt miteinander plauderten. Im ersten Rang, wo Kraus saß, wimmelte es von Industriellen und Kaufhausbesitzern, Verlegern, Politikern und Dutzenden von Unterweltbossen, die sich bunt gemischt an den Tischen drängten. Fritz, Cousin dritten Grades des abgesetzten Kaisers und dazu Korrespondent für fünf oder sechs Zeitungen, hatte einen gut platzierten Ecktisch mit Blick auf das Orchester ergattert. Unter ihnen, direkt vor der Hauptbühne, wo die Fotografen Platz für Nahaufnahmen hatten, wimmelte es von Stars. Weltbekannte Dramatiker, Architekten und Künstler: Brecht, Gropius, Klee und Kandinsky. Selbst Albert Einstein war mit seiner Frau erschienen, um das Waisenhaus für Jungen und Mädchen zu unterstützen. Es ging hier vielleicht nicht zu wie im Florenz der Medicis, aber gegen alle Logik und Wahrscheinlichkeit war Berlin, das erst vor einem Jahrzehnt im Krieg bezwungen und anschließend von der großen Inflation heimgesucht worden war, irgendwie als Kulturhauptstadt Europas wieder auferstanden.

»Dieses Land wird nicht ohne eine feste Hand überleben, die es führt. Glauben Sie mir.« Ein sardonisches Grinsen schien auf den alten, mit Rouge geschminkten Wangen der Baroness zu gefrieren.

»Ach Quatsch.« Der Blick von Fritz’ blauen Augen zuckte in ihre Richtung. »Deutschland war noch nie besser dran. Die Demokratie hat Wurzeln geschlagen. Die Wirtschaft floriert. Wir haben den höchsten Lebensstandard aller Länder in Europa.«

»Aber wir genießen keinerlei Respekt, Fritzchen.« Die Ironie troff förmlich aus ihren Worten. »Und was sind wir ohne Respekt?« Eine Welle echter Trauer flog über ihr Gesicht. »Barbaren, mehr nicht. Von Monte Carlo bis nach Moskau ist Berlin zu einem Schlagwort für ... Verkommenheit geworden.«

Dieses Wort versetzte Kraus wieder zurück nach Lichtenberg, zu den hämmernden Fabriken, den Rauchwolken. Und auf den Boden dieser Baugrube und zu dem Jutesack, in dem sich neben diesen bizarren Knochen auch eine Bibel befunden hatte. Die meisten Seiten waren durch das Wasser unleserlich geworden. Aber etliche Passagen, die immer noch entzifferbar waren, hatte irgendjemand rot umrandet. Eine fiel besonders auf. Aus dem Neuen Testament, Epheser: »... und auch Euch, die ihr tot waret durch Übertretungen und Sünden, in welchen ihr weiland gewandelt habt ... waren auch Kinder des Zorns von Natur.« Selbst wenn er jetzt daran dachte, wurden seine Hände feucht.

Irgendetwas Düsteres war mit diesem Sack hochgespült worden.

Düsterer, als er es je hätte fürchten können.

Von Hesslers Augenklappe schimmerte im Licht der Kristalllüster. »Die Baroness hat recht, fürchte ich. Im Grunde leiden wir Deutsche unter einem entsetzlichen Mangel an Selbstbeherrschung, weshalb wir uns auch so schrecklich nach Ordnung sehnen. Früher oder später wird uns jemand von dieser ganzen Emanzipation emanzipieren müssen.« Er lachte bellend, fast irre über seinen eigenen Scherz.

Aus dem Orchestergraben ertönte ein Chor von tiefen Trommeln. »Und jetzt ...«, es wurde wieder dunkel im Theater, »... die Frau, deren Name zu einem Symbol für das Zeitalter des Jazz geworden ist ... der Welt berühmteste Bühnenpersönlichkeit ... die unglaublich raffinierte ... schrecklich wilde ... absolut einzigartige ... Josephine Baker!«

Wie ein tropischer Sturm fegte die legendäre amerikanische Sängerin vom Folies Bergère in Paris, wo sie üblicherweise auftrat, auf die Bühne; zwei miteinander konkurrierende Scheinwerfer zuckten über ihre glänzenden schwarzen Haare, die sich in großen Schmachtlocken auf ihre Wangen legten. Ihre Brüste wurden von bunten Seemuscheln gehalten, und um die Taille trug sie ihren berühmten Bananenrock; jede einzelne Frucht ragte unmissverständlich hoch und hüpfte wild, während sie ihren berühmten »Dschungeltanz« aufführte. Anders als bei den Tiller-Girls schien jedes Gelenk in Bakers Körper einen eigenen Willen zu besitzen; Hüfte, Handgelenke, Knöchel, Beine, alles bewegte sich in unterschiedliche Richtungen, als hingen sie überhaupt nicht miteinander zusammen. Selbst ihre Augäpfel schienen in ihrem Kopf zu kreisen. Nicht einmal die zurückhaltendsten Zuschauer vermochten ihr zu widerstehen, und als sie schließlich fertig war, erhob sich das ganze Haus, um die dunkle Göttin mit einem Sturm aus Ehrfurcht und Bewunderung zu ehren. »Davon können wir jedenfalls noch unseren Enkeln erzählen.« Vicki schob sich unter Kraus’ Arm, als sie in die glitzernde Menge eintauchten, die aus dem Hof strömte. »Die Nacht, in der wir Josephine Baker im Admiralspalast gesehen haben.«

Über die belebte Friedrichstraße fegte der Wind vom Fluss her. Die Reihe von Taxen erstreckte sich fast bis zur Weidendammer Brücke. Es war wirklich verrückt, dass sie nichts Wärmeres mitgenommen hatte als einen dünnen Seidenschal. Aber trotz der Wettervorhersage hatte sie nicht glauben wollen, dass die Temperaturen wirklich so schnell fallen würden. »Darf ich dein Dinnerjackett haben, Liebling?«, musste sie ihn bitten.

»Entschuldige.« Kraus riss es sich fast vom Leib. »Ich war abgelenkt ...«

... von dem Jutesack. Er hatte über den Faden nachgedacht, der benutzt worden war, um diese Knochen zusammenzubinden. Auf den ersten Blick hatte er ausgesehen wie Tierdarm. Hoffnung hatte ihm versichert, dass das Labor die genaue Herkunft bestimmen könnte. Aber so etwas brauchte Zeit.

Vicki hatte sich Kraus’ Jackett übergeworfen, stellte sich in ihren blauen Seidenpumps auf die Zehenspitzen und schüttelte ihren Pony zurück. Die Perlen an ihrem Kleid klimperten, als sie ihm ihre Lippen ans Ohr legte. »Diese Show hat mich ganz schön in Fahrt gebracht.« Ihre Augen funkelten anzüglich. Sie waren jetzt fast zehn Jahre verheiratet, aber Kraus dankte immer noch seinem Glücksstern für diese Frau.

Bedauerlicherweise strömten die Leute jetzt nicht nur aus dem Admiralspalast, sondern auch aus den Vorstellungen im Wintergarten gegenüber und dem Metropol etwas weiter unten auf der Straße. Nicht ein einziges freies Taxi war zu sehen. Nach einer Weile zitterte Vicki wieder vor Kälte, und er fühlte sich irgendwie wie ein Versager. Er hätte wirklich den Opel nehmen sollen.

Plötzlich tauchte ein offenes, schwarzes Sportcabriolet neben ihnen wie eine Erscheinung aus der Zukunft auf. »Alles in Ordnung?« Dr. von Hesslers silberne Augenklappe glitzerte hinter dem übergroßen Lenkrad. »Oder sitzen Sie hier fest?« Es war der neue Mercedes SSK, der meistdiskutierte Wagen in Deutschland. Laut der Sonntagsbeilage war dieses 1930er Modell ein »Rembrandt aus Stahl und Gummi«. Nur vierzig Exemplare hatten die Fertigungshalle verlassen, die letzten einer ganzen Reihe von Fahrzeugen, die von dem brillanten Ferdinand Porsche für Mercedes-Benz entworfen worden waren. Danach hatte er Mercedes verlassen, um seine eigene Firma zu gründen. Der Wagen hatte eine revolutionäre Silhouette, die stromlinienförmig genannt wurde. Geschwungen, niedrig und schlank wie ein Geschoss sah der Wagen fast aus, als könnte er auch genauso schnell fliegen. Zusammen mit dem Luftschiff Graf Zeppelin, dem Dornier-Flugboot und der gigantischen neuen Bremen, dem schnellsten Ozeanriesen der Welt, war der SSK einer der Gründe, warum die Deutschen im Augenblick die Köpfe ein wenig höher trugen.

»In welche Richtung müssen Sie denn?«, erkundigte sich der Doktor.

Willi machte eine abwehrende Handbewegung, als wäre es auf halbem Weg zum Mars. »Wilmersdorf.«

»Liegt in meiner Richtung.« Von Hessler ließ die 6,8-Liter-Maschine aufheulen. »Ich wohne in Grunewald.« Als er ihr Zögern spürte, wurde er ungeduldig. »Zwingen Sie mich nicht dazu, meine höhere gesellschaftliche Stellung zu benutzen.« Auf seine unnachahmliche Art wollte er sie anscheinend wissen lassen, dass sie keineswegs zu ordinär waren, um mit ihm zu fahren. Wirklich sehr umsichtig, dachte Kraus und machte dann den Fehler, Vicki anzusehen. Unter ihrem dunklen Pony, das weiße Dinnerjackett mit der Hand umklammernd, wirkte sie wie einer dieser Jungs, die sterben würden, wenn sie einmal Achterbahn fahren durften. Ach, zum Teufel! Machten sie es eben zu einem denkwürdigen Tag, einem für die Geschichtsbücher. Josephine Baker und eine Fahrt in einem SSK und beides in einer Nacht.

Als Kraus die Beifahrertür öffnete, genügte ein Blick auf sein Spiegelbild in von Hesslers Augenklappe, um ihn das Fürchten zu lehren.

Der Wagen war ein Zweisitzer. Vicki musste sich zwischen sie quetschen. Als der Doktor den großen, schwarzen Ganghebel einlegte, brummte es, und sie rasten davon. Der Wagen beschrieb mit quietschenden Reifen eine verrückte Kehrtwendung, und sie wurden in die Sitze zurückgepresst. Es war Freitagnacht. Die Friedrichstraße war vollkommen verstopft. Dieser Verrückte aber beschleunigte, als wäre er bei einem Grand-Prix-Finale. Jenseits der S-Bahn-Station schienen die Lichter der Nachtclubs zu einem einzigen zu verschwimmen: Haller-Revue ... Salamander ... Café Imprimator. Werbetafeln fegten über ihren Köpfen vorbei. Aschinger am Bahnhoooo ... Sie rasten so schnell an einer gelben Straßenbahn vorbei, dass Kraus nicht einmal die Nummer der Linie erkennen konnte.

»Sie haben doch keine Angst, oder?« Dem Doktor schien sein spöttisches Grinsen angeboren zu sein.

Kraus konnte sich gut vorstellen, dass Leute diese Miene verabscheuten.

Während er mit einer Hand Vicki und sich selbst mit der anderen an der ledernen Armstütze festhielt, erinnerte er sich daran, wie ihm einmal als Teenager auf einem Schnellboot schlecht geworden war. Das war der Grund gewesen, warum er beim Heer gelandet und unter Stacheldraht durchgekrochen war.

»Angst?« Belustigung verzerrte Vickis Gesicht. »Au contraire!«

Sie bogen scharf in die Dorotheenstraße ein und tauchten ins Dunkel.

»Ich frage nur, weil ich die menschliche Natur erforsche«, verkündete der Doktor, der schreien musste, um die donnernden 225 Pferdestärken zu übertönen. »Furcht ist eins der Themen, auf die sich meine Studien hauptsächlich konzentrieren.«

»Wie faszinierend.« Vicki legte den Kopf in den Nacken und ließ ihre Bobfrisur fliegen. »Nein, wir haben keine Angst. Oder, Liebling?«

Kraus hätte am liebsten erwidert, dass der Doktor zumindest die Verkehrszeichen beachten könnte.

»Als Wissenschaftler muss ich natürlich mit einem kontrolliertem Versuchsaufbau arbeiten«, schrie von Hessler, als sie um den Reichstag herumjagten. Die gläserne Kuppel war hell erleuchtet, und die schwarz-rot-goldene Fahne der Republik flatterte stolz darüber. »Aber einige meiner tiefschürfendsten Erkenntnisse habe ich aus rein willkürlichen Beobachtungen gewonnen.« Als sie den grünen Baldachin des Tiergartens erreichten, Berlins größtem Park, musste er wenigstens nicht mehr so laut schreien. Man konnte sogar fast die Sterne am Himmel erkennen. Was romantisch sein könnte, dachte Kraus, wenn der gute Doktor endlich die Klappe halten würde.

»Meine Experimente konzentrieren sich auf etwas, was ich Entkonditionierung nenne, den Bruch erlernter Verhaltensmuster.«

Von Hessler liebte ganz offenbar gebannte Zuhörer und stellte sich wohl vor, er stünde in einem Vorlesungssaal, obwohl Vicki aufgehört hatte, Interesse zu heucheln, und Kraus gar nicht erst damit angefangen hatte. Unter seinem Jackett versteckt, kraulte sie stattdessen sein Hosenbein, was ihm heiße Schauer über den Rücken jagte, und warf ihm hin und wieder einen glühenden Blick zu.

Im beliebtesten Teil von Berlin, rund um die erhabene Kaiser-Wilhelm-Kirche, schien sich die Nacht in den Tag verwandelt zu haben. Alles war in Bewegung. Frauen mit helmartigen Kopfbedeckungen und weiten, wehenden Röcken schlenderten über die Trottoirs. Männer in Zweireihern winkten mit ihren Filzhüten, als sie versuchten, ein Taxi zu erwischen. Werbung leuchtete auf Reklametafeln: Crème Mouson, für die Dame von heute; Audi Typ M: für den Herrn von Welt. Wohin man auch blickte: überall moderner Chic. Türen aus rostfreiem Edelstahl. Lange Bogenfenster. Die besten Boutiquen. Die angesagtesten Restaurants. Die größten Kinos der Nation, aufgereiht wie Ballettmädchen: der Gloria-Palast, das Capital, das UFA am Zoo. Alles protzig, glitzernd, hektisch.

Auf dem Kurfürstendamm, Berlins Broadway, spiegelten die Schaufenster den Verkehr wie in einem Avantgardefilm, mit gebrochenen Perspektiven und strömenden Flüssen aus Licht.

»Deshalb, müssen Sie wissen, ist diese Sache mit dem Respekt, über den die Baroness sich ausließ, alles romantischer Unsinn.« Von Hessler drückte wie besessen auf die Hupe und hätte beinahe ein Paar überfahren, das sich verzweifelt aneinander klammerte, während es dieses Chaos zu überqueren versuchte. »Je mehr wir lernen, desto klarer begreifen wir, dass das, was die Menschen in diesem Universum Ordnung nennen, eigentlich nur eine Konditionierung ist. Auf welcher Straße wohnten Sie doch gleich?«

Weit entfernt von den Menschenmengen und den bunten Lichtern führten die ruhigen Chausseen rund um den Preußischen Park vorbei an stuckverzierten fünfstöckigen Mietshäusern mit Mansardenwohnungen in den hohen Spitzdächern. Sie wurden von über allem herrschenden Wasserspeiern und Walküren aus Stuck gekrönt. Auf der Beckmannstraße sprangen Kraus und Vicki vor ihrem seriösen, ehrbaren Mietshaus förmlich aus von Hesslers Rennwagen und dankten ihm überschwänglich. »Wir sollten das unbedingt noch einmal wiederholen!«, schrie der Doktor ihnen zu. »Unbedingt!«

Vicki winkte ihm nach.

In dem mit Teppichen ausgelegten und von Kristalllüstern beleuchteten Vestibül schlang sie die Arme um Kraus und küsste ihn leidenschaftlich, schob ihre warme, weiche Zunge in seinen Mund.

»Atemberaubend«, flüsterte er.

Im Treppenhaus streifte sie ihre blauen Schuhe ab und forderte ihn auf, die Haken ihres Kleides zu öffnen. Die kleinen Perlen klimperten heftig. Wenn jetzt einer der Nachbarn zusieht?, überlegte er. Das würden sie für den Rest ihres Lebens zu hören bekommen. Sie müssten wahrscheinlich sogar umziehen. Und er müsste seinen Abschied bei der Polizei nehmen. Aber so spät am Abend, mitten in der Woche ... und die Kinder, die auf einem Geburtstag waren und dort schliefen ...

Es war wirklich eine Nacht für die Geschichtsbücher.

Am nächsten Morgen summte Vicki fröhlich und küsste ihn zärtlich auf den Mund, als er zum Frühstück kam. Während die Würstchen in der Pfanne brutzelten, hielt sie sich Bananen an die Hüften und schwang sie in einem kleinen Hula-Tanz, dann fuhr sie mit den Fingern durch seine welligen, dunklen Haare. Was für ein Festtag, wenn die Kinder einmal nicht da waren. Wenn Heinz Winkelmann doch nur öfter Geburtstag hätte. Bis auf diese verdammte Party um vier ... und heute noch einen halben Arbeitstag ... es gab kein Entkommen.

Vicki ließ die Bananen sinken. »Was ist das denn?« Sie riss ihm die Zeitung aus den Händen. VERDORBENE WURST! HUNDERTE ERKRANKT! Die Flamme unter der Pfanne mit der Wurst erlosch. »Selbst während des Krieges habe ich so etwas noch nie gehört.« Sie überflog die Zeilen mit zusammengekniffenen Augen. »Verseuchtes Fleisch, hier in Berlin? Trotz aller Kontrollen, die wir haben?«

»In dieser Welt kann so ziemlich alles passieren, Liebling.« Kraus nahm ihr ruhig die Zeitung weg. »Selbst mit den besten Kontrollen.« Eine andere Geschichte war ihm ins Auge gefallen, eine kleinere Rubrik am unteren Ende der Seite. Offenbar hatte die Börse in New York einen schlechten Tag gehabt.

Zwei

Sie rissen den Alex auf. Nach zwei Jahrhunderten unkontrollierten Wachstums wurde in das Gewirr von Straßen, die den alten, kommerziellen Mittelpunkt etwas östlich vom Stadtzentrum bildeten, Ordnung gebracht. Der Alexanderplatz mit seinen Hotels und Kaufhäusern, berühmten Restaurants und dem albtraumhaften Verkehr sollte ein »architektonisch kohärenter« Platz werden, mit ungehindert fließendem Verkehr auf verschiedenen Ebenen und hellen, modernen Gebäuden. Bis es allerdings so weit war, herrschte blankes Chaos. Presslufthammer. Bagger. Pfahlrammen, die unablässig krachten. Kraus musste sich die Ohren zuhalten. Die Fußgänger wurden gezwungen, über schmale, provisorische Bretterwege zu gehen, und hatten Mühe, dem Verkehr von Fahrrädern, Autos und Lastwagen auszuweichen, der ebenfalls über verstopfte Umleitungen geführt wurde. Der Weg zum Paradies führte eindeutig durchs Fegefeuer. Selbst am Samstagmorgen.

Als er das Ende der Königsstraße erreichte, schien die Luft unter der Wucht der Abrissbirnen zu erzittern. Vom Grandhotel, in dem sein Großvater 1911 seinen achtzigsten Geburtstag gefeiert hatte, standen nur noch die letzten Grundmauern. Das Haus »Zum Hirschen«, dessen Speisesaal neunundneunzig Hirschschädel geschmückt hatten, war bereits dem Erdboden gleichgemacht. Dort hatte sein Cousin Kurt sein Hochzeitsdinner veranstaltet. Ein legendäres Gestern wurde für ein durchgeplantes Morgen pulverisiert. Als sich Kraus durch die Massen von frühen Einkaufsbummlern den Weg bahnte, bedauerte er nur, dass das Polizeipräsidium nicht ebenfalls auf der Abrissliste gestanden hatte. Dessen abweisende Fassade und hässliche Kuppeln überragten die ganze südöstliche Seite des Alex wie ein gestrandeter Wal. Sechs Stockwerke, 605 Räume; das nach dem Königspalast und dem Reichstag drittgrößte Gebäude in Berlin, dessen ursprünglich blutrote Farbe unter dem jahrzehntealten Ruß kaum noch zu erkennen war. Als er das schwere, schmiedeeiserne Tor von Eingang Sechs erreichte, war er jedoch dankbar, dass er es soweit gebracht hatte. Viele Beamte schafften es niemals, nicht einmal die besten. Selbst nach unzähligen Dienstjahren.

Kraus fuhr mit dem Aufzug, einem Gitterkäfig aus Messing, hinauf, zusammengepfercht mit einem Dutzend anderer Beamten, die zur Achtuhr-Schicht antraten. Kraus räumte ein, dass er wahrlich nicht der aussichtsreichste Kandidat für die Berliner Polizei gewesen war. Seine Eltern, mochten sie in Frieden ruhen, hätten sich das ganz gewiss niemals träumen lassen. Ein jüdischer Kriminalbeamter? Wer hatte denn so etwas je gehört? Seit Jahrhunderten fanden sich die Juden stets am falschen Ende eines Gummiknüppels wieder. Aber diese Tage waren vorbei, davon war Kraus überzeugt. Und er liebte seine Arbeit wirklich. Er glaubte an die Justiz und das Gesetz. Was zutiefst jüdisch war, soweit er das begriff. Auch wenn es keinen großen Unterschied machte.

Selbstverständlich schämte er sich seiner Herkunft nicht, aber er betrachtete sie auch nicht unbedingt als den Grundpfeiler seiner Identität. Er feierte liebend gern die traditionellen Feiertage mit den Kindern, entzündete zum Beispiel Kerzen zu Hanukkah. Das Seder, das Essen zum Passahfest, auch wenn sie es recht liberal gestalteten. Er liebte es, Bücher über die ungeheuren Errungenschaften seines Volkes zu lesen und seinen langen, tränenreichen Weg. Aber im alltäglichen Leben des modernen Berlin bedeutete sein Judentum für ihn kaum etwas.

Die Mordkommission befand sich im obersten Stockwerk. Kraus’ Schreibtisch stand direkt an einem Fenster. Von seinem Stuhl aus konnte er den halben Alexanderplatz überblicken. Sogar den ganzen, wenn er aufstand. Dann begriff er auch den Gesamtplan. Die neue U-Bahn-Station, die mit dem höher gelegenen Bahnhof verbunden sein würde, unter der neuen Verkehrsinsel, von der aus sich der Verkehrsfluss auf fünf große Straßen verteilte.

»Guten Morgen, Herr Kriminalsekretär.«

Frau Garber, die Sekretärin der Abteilung, war mit ihrem hölzernen Wägelchen aufgetaucht. Sie war eine schlanke, begehrenswerte Großmutter in den Vierzigern und eine der wenigen Leute auf diesem Stockwerk, die ihm nicht die kalte Schulter zeigte. Mehr als zwei Jahre nach Kraus’ Beförderung von Wache 157 in Wilmersdorf zur Mordkommission war er immer noch der Aussätzige der Abteilung. Und seine Kollegen machten ihm auf alle möglichen Arten klar, dass er genau das auch bleiben würde.

»Übrigens hat Dr. Hoffnung angerufen.« Sie schenkte ihm Kaffee aus einer dampfenden Kanne ein und lächelte. »Er lässt Ihnen ausrichten, er wäre dann so weit.« Sie hielt ihm eine Tasse Kaffee hin, genauso wie er ihn mochte, schwarz mit einem Hauch von Zucker. »Das sind neue Bohnen, aus Brasilien.«

»Ihr Kaffee ist einfach der beste, Frau Garber.«

»Mittlerweile ist es Ihnen wohl gestattet, mich Ruta zu nennen, Herr Kriminalsekretär.«

Dr. Hoffnung war einer der kompetentesten Spezialisten, denen Kraus im Präsidium begegnet war. Der Rechtsmediziner war unverblümt und vollkommen gelassen, normalerweise jedenfalls. An diesem Morgen jedoch wirkte der Doktor verstört, das sah Kraus sofort.

»Das ist einer der sonderbarsten und, wie ich mich nicht scheue zu sagen, grauenvollsten Fälle, die mir in meinen zwanzig Jahren untergekommen sind.« Hoffnung schob sich eine schwarze Pfeife zwischen die Zähne. Er knurrte und riss ein Laken zurück. Kraus schnürte sich die Kehle zu. In einer Reihe lagen auf dem Edelstahltisch der Jutesack und die unterschiedlichen Knochen.

»Es macht mir wirklich keine Freude, berichten zu können, dass meine ursprüngliche Einschätzung korrekt war.« Die Pfeife des Doktors hing herunter, während er mit finsterem Blick die sauberen weißen Überreste fixierte. »Es sind die Knochen von Jungen. Insgesamt fünf Jungen im Alter zwischen neun bis vierzehn. Es ist unmöglich, den genauen Todeszeitpunkt festzulegen. Aber«, er streifte sich Baumwollhandschuhe über, »es gibt ein höchst aufschlussreiches Detail.« Vorsichtig öffnete er die ruinierte Bibel und deutete mit seinem Pfeifenstiel auf das immer noch entzifferbare Veröffentlichungsdatum. Berlin. 1929. »Also muss diese ›Bestattung‹«, er zuckte mit den Schultern, »wenn man das so bezeichnen kann, innerhalb der letzten neun Monate stattgefunden haben. Der Sack wurde von der Firma Schnitzler und Sohn hergestellt. Die Fasern enthalten immer noch Reste von Tierfutter. Wahrscheinlich waren die Knochen für Rinder bestimmt, möglicherweise auch für Ziegen oder Schweine, das kann ich nicht sagen. Ich bin kein Bauer. Es sieht jedenfalls so aus.« Hoffnung nahm eine Pinzette und hob ein Korn hoch, damit Kraus es inspizieren konnte. Kraus war ebenfalls kein Bauer.

»Und womit genau waren die Knochen nun zusammengebunden?«

»Es sind Sehnen, schon richtig.« Hoffnung zog einen ledernen Beutel aus seinem Laborkittel. »Aber sie stammen ... nicht von Tieren. Sondern es sind, vermute ich jedenfalls«, er seufzte, schob die Pfeife in den Beutel und füllte den Kopf bedächtig mit Tabak, »Sehnen, die einmal an diesen Knochen befestigt waren. Sie wurden getrocknet und mit der Hand gesponnen, wie ein Strick. Wer auch immer das gemacht hat, ist ein ausgezeichneter Handwerker.«

Kraus überkam ein Frösteln. Menschliche Sehnen zu Fäden gesponnen?

»Das ist noch nicht alles.« Hoffnung klopfte eifrig seine Taschen ab. »Diese Knochen wurden, ein besseres Wort fällt mir nicht ein«, Erleichterung zuckte über sein Gesicht, als er seine Streichhölzer fand, »gekocht.«

Kraus schnürte sich die Kehle zusammen. Wie damals, während des Krieges, wenn die Gasgranaten fielen.

»Ich konnte nicht auch nur ein mikroskopisch kleines Stückchen Gewebe an ihnen finden.« Die Flamme des Streichholzes zitterte, als der Doktor seine Pfeife entzündete. »Und es gibt nur eine Möglichkeit, Knochen so sauber zu bekommen, Herr Kriminalsekretär.« Hoffnungs Augen wurden dunkler, als er an der Pfeife paffte. »Man muss sie kochen.« Sein Gesicht verschwand hinter einer Rauchwolke. »Und zwar etliche Stunden.«

Die Pfahlramme hämmerte Balken in den schlammigen Berliner Untergrund. Kraus hatte das Gefühl, sie würden ihm in den Schädel gerammt. Von seinem Schreibtisch aus sah er die offene Grube auf der anderen Straßenseite, wo die Haltestelle der Untergrundbahn allmählich Gestalt annahm. Irgendwann würden alle Schichten des Verkehrs auf dem Alexanderplatz so raffiniert organisiert sein, dass keine einzige Linie die andere auf derselben Ebene kreuzte. Wie komplex war wohl der Verstand einer Person, die das Fleisch von Kinderknochen kochte?

Er kippte mit dem Stuhl nach hinten, eine nicht ungefährliche Kindheitsmarotte.

Man hatte nicht nur das Fleisch gekocht, sondern die Sehnen getrocknet und sie mit der Hand zu »Fäden« gesponnen. Und mit diesen Fäden hatte man die Knochen zu einem Arrangement gebunden. Diese Arrangements wurden dann in einen Jutesack gestopft ... zusammen mit einer Bibel. Was bewegte jemanden zu einem solchen Verhalten? Was für ein Mensch dachte sich so etwas aus? Konnte man so jemanden überhaupt einen Menschen nennen?

Er richtete sich auf und legte seine Hand auf den schwarzen Telefonhörer. Er hatte gerade mit Schnitzler & Sohn telefoniert. Die Spur war kalt. Man hatte ihm gesagt, dass man Futter für alle möglichen Tiere in ihre Säcke füllen könnte. Und sie hatten Kunden in ganz Norddeutschland.

Er schrak zusammen, als seine Gegensprechanlage summte. »Vergessen Sie das Mittagessen nicht, Herr Kriminalsekretär«, erinnerte ihn Frau Garber – Ruta. »Um Punkt zwölf im Untergeschoss.«

»Danke, Ruta.«

Er zerbrach eine Heftklammer.

Kriminalkommissar Horthstaler liebte es, die Woche mit einem Treffen der Abteilung in der Cafeteria im Untergeschoss abzuschließen, ein Stockwerk über dem Labyrinth von Arrestzellen, dem sogenannten Verlies. Kraus wünschte sich, sie würden sich wie alle anderen Abteilungen in einem ganz normalen Konferenzzimmer treffen. Auf das Mittagessen konnte er gut verzichten. Er vermied es, Schweinefleisch zu essen, nicht aus irgendwelchen religiösen Gründen und nicht einmal, wie Vicki andeutete, wegen des »Zwangs des kollektiven Unbewussten«, sondern eigentlich nur, weil er den Geschmack nicht mochte. Das machte ihn in Deutschland zu einem krassen Außenseiter. Und es war außerdem ein ständiges Thema bei diesen verdammten Mittagessen.

»Was denn, Kraus, heute keine Schweinshaxen?« Müller würde ihm den Arm um die Schulter legen. »Habe gehört, die Haxen sind heute besonders zart.«

»Vielleicht zum Abendessen«, antwortete Kraus dann.

Er hatte sich schon vor langer Zeit daran gewöhnt, diese Art von Köder nicht zu schlucken. In der Armee waren die Sprüche auf ihn herabgehagelt. Nicht nur wegen seiner Ernährung, sondern auch wegen seiner Nase. Seines Haares. Seines »türkischen« Teints. Das ließ rasch nach, als im Laufe des ersten Jahres die Stahlgewitter auf sie herabprasselten. Hier jedoch, im Präsidium, wollte dieses Judenthema einfach nicht verstummen.

Die Cafeteria war voll. Horthstaler hatte ihren Stammtisch im hinteren Teil des Raumes reserviert. Alle waren da. Müller. Meyer. Hiller. Stoss. Und natürlich Freksa.

Kraus nickte ihnen zu, bestellte Hühnerschnitzel und achtete nicht auf das, was die anderen aßen. Nach einer Weile rülpste Horthstaler, wischte sich über die wulstigen Lippen und machte Anstalten, anzufangen. Für Horthstaler hatte das Essen immer Vorrang. Trotzdem war er nicht fett. Irgendwie schaffte er es, die Berge von Essen zu verarbeiten.

»Also.« Er zog einen Aktenordner hervor und leckte sich die Finger, bevor er darin blätterte. »Zunächst mal möchte ich euch allen gratulieren. Unsere Abteilung hat wieder den ersten Platz bei den wenigsten Fehlzeiten belegt. Ich habe immer behauptet, dass unsere Truppe die fleißigste und gewissenhafteste Abteilung der Mordkommission wäre. Und ihr, meine Herrn Kriminalbeamte, beweist erneut, dass ich recht habe.«

Eine halbe Stunde lang versuchte Kraus, so gut er konnte, den Anschein zu erwecken, als würde er auf Horthstaler achten. Aber er konnte sich einfach nicht von dem Jutesack losreißen. Zuerst einmal, dachte er, musste er versuchen herauszufinden, was diese Passage aus dem Brief an die Epheser bedeutete ... Kinder des Zorns. Vielleicht erbrachte die Anfrage ja etwas, die er gestern in der Bibliothek gestellt hatte. Wenn das tatsächlich eine »Beerdigung« gewesen war, wie Dr. Hoffnung spekuliert hatte, versuchte die Person, die sie durchgeführt hatte, möglicherweise, etwas mitzuteilen.

Zweitens musste man die Reise des Jutesacks durch die Kanalisation zurückverfolgen.

»Und jetzt zu den Fallzuteilungen ...« Kraus hörte kaum hin, war vollkommen in Gedanken versunken. Dieses Überlaufrohr, das den Jutesack ins Freie befördert hatte, führte möglicherweise auch zu seinem Ursprung zurück. Oder auch nicht, wenn jemand den Sack nur hineingeworfen hatte, um Spuren zu verwischen.

»Kraus ...« Er zuckte zusammen. Horthstaler sah alle an, nur nicht ihn, »hat neulich diesen höchst ungewöhnlichen Jutesack in Lichtenberg reingeholt. Die Ermittlungen werden jetzt in die fähigen Hände von Hans Freksa gegeben.«

Kraus blinzelte und blickte dann über den Tisch. Freksas Grinsen sagte ihm, dass er Horthstaler nicht missverstanden hatte. Sie nahmen ihm seinen Fall weg.

Die Neuigkeiten von dem Jutesack und den bizarren Knochen hatten sich bereits im ganzen Polizeipräsidium herumgesprochen, bevor Kraus auch nur aus Lichtenberg zurückgekommen war. Berlin litt keinen Mangel an schlagzeilenträchtigen Verbrechen, aber das hier versprach eindeutig ein Knüller zu werden. Und Hans Freksa war nicht nur ein verdammt guter Kriminalbeamter, sondern konnte auch seinen Namen gar nicht oft genug in der Zeitung lesen. Warum war die Polizei so schnell auf der richtigen Spur? Ein Name ist es wert, genannt zu werden ... Hans Freksa. Mithilfe fortschrittlicher Polizeimethoden hat Freksa einen Erfolg nach dem anderen erzielt ... Hans Freksa ist vielleicht Berlins fähigster Kriminalbeamter ...

Berlins Polizei war die beste von Deutschland. Fünfundachtzig Prozent der Mordfälle in der Stadt waren letztes Jahr aufgeklärt worden, im Vergleich zu den fünfundsiebzig Prozent im Rest der Republik. Und Freksa übertraf den Durchschnitt der Stadt, hatte neunzig Prozent seiner Fälle gelöst – das stimmte. Aber es stimmte auch, dass Kraus’ Quote genauso hoch war. Und etliche andere Beamte der Mordkommission übertrafen sie sogar beide. Aber weil Freksa so sympathisch war, weil Freksa so fotogen war, weil Freksa ledig war und weil Freksa sich so schamlos gut präsentieren konnte, verschlangen die Journalisten ihn förmlich. Er war eine richtige Berühmtheit geworden. Die Leute auf der Straße baten Freksa um ein Autogramm. Doch Kraus wollte sich dem Star nicht einfach unterordnen. Das war sein Fall.

»Herr Kommissar. Natürlich tue ich meine Pflicht und nehme auch jeden neuen Fall an, den Sie mir zuteilen. Aber ich möchte Sie bitten, mir zusätzlich zu erlauben, diese Sache in Lichtenberg weiterzuverfolgen.«

Einen Moment herrschte Schweigen. Dann verzog Freksa in gespieltem Entsetzen das Gesicht. »Aber nein, Kommissar. Sie dürfen Isidors Protegé auf keinen Fall überfordern.« Freksa tat, als würde er um Kraus’ Leben betteln. »Sie wissen doch, wie empfindsam diese Leute sind ... von all den Jahren des Geldzählens.«

Schallendes, bösartiges Gelächter brandete auf, in das Horthstaler einstimmte.

Kraus hatte Minenfelder überlebt, Maschinengewehrfeuer. Glaubten diese Schwachköpfe wirklich, sie könnten ihn verletzen? Aber dass sie Weiß so obszön in diese Sache hineinzogen, machte ihn so wütend, dass er Freksa am liebsten seinen Stuhl über den Schädel gezogen hätte. Es war nur gut, dass er ein hoch entwickeltes Über-Ich besaß, wie Dr. Freud es genannt hatte.

Bernhard Weiß war nicht nur ihr Vorgesetzter, sondern auch einer der wenigen Leute in Kraus’ Leben, zu denen er wirklich aufblickte. Weiß war Vizepräsident der Berliner Polizei und der erste Jude, der eine so hohe Position im Gesetzesvollzug erreicht hatte, seit die Juden vor tausendachthundert Jahren nach Deutschland gekommen waren. Weiß hatte außerdem das erste moderne Kriminallabor der Nation geschaffen. Und er war der Vorreiter für die Umgestaltung der Berliner Polizei nach der Revolution von 1919 gewesen. Er vertrat den Geist demokratischer Polizeiarbeit. Extremisten aller Schattierungen hassten ihn, weil er glühend unparteiisch in seiner Verteidigung der Republik war. Er war in Berlin allgegenwärtig, schnüffelte persönlich an Tatorten herum, überwachte Demonstrationen und den Schutz von berühmten Würdenträgern. Mit seinen großen, dunklen Augen hinter der runden Metallbrille, die Offenheit und Zuversicht ausstrahlten, war er das Gesicht der modernen Polizei des Volkes geworden. Und zudem Blitzableiter für alle, die das hassten, wofür er stand. Erst kürzlich hatte einer der übelsten, reaktionärsten Demagogen ihn als Symbol dafür bezeichnet, wie »judifiziert« Deutschland unter der Republik geworden war und Weiß wiederholt mit dem verächtlichen jüdischen Namen Isidor gedemütigt.

»Na ja«, Freksa zuckte mit den Schultern, »es ist ja wohl kein Geheimnis, dass ihr euch gegenseitig helft.«

Ganz offenbar las Freksa die hassdurchtränkten Pamphlete dieses Dr. Joseph Goebbels.

Gewiss, Weiß war für Kraus’ Karriere verantwortlich, das stimmte. Aber nicht so, wie Freksa es sich vorstellte. Kraus war bereits vierundzwanzig Jahre alt gewesen und hatte gerade sein zweites Jahr an der Universität von Berlin beendet, als er 1920 die Bekanntschaft des Doktors bei einem Dinner machte, das zu Ehren von jüdischen Kriegsveteranen veranstaltet wurde. Kraus hatte seine Frau bei einem ähnlichen Ereignis ein Jahr zuvor kennengelernt. Weiß hatte kein Wort darüber gesagt, dass er sich der Polizei anschließen sollte. Das war auch nicht nötig. Seit Kraus’ Kindheit, als sein Vater, der ein schwaches Herz gehabt hatte, mit vorgehaltenem Messer ausgeraubt und mit antisemitischen Verunglimpfungen verhöhnt worden war, brannte er darauf, Übeltäter zu jagen und sie der Gerechtigkeit zu überantworten. Er hatte nur noch nie von einem Juden gehört, der das tatsächlich auch tat. Bis er Weiß kennenlernte, der damals bereits Stellvertretender Chef der Kriminalpolizei war. Weiß wusste weder etwas von Kraus’ Bewerbung bei der Polizeiakademie, noch hatte er das Geringste damit zu tun gehabt, dass man Kraus dort annahm. Dafür war wohl eher das Eiserne Kreuz 1. Klasse verantwortlich. Und ganz gewiss hatte Weiß nicht arrangiert, dass Kraus als Jahrgangsbester abschloss.

Kraus begegnete Dr. Weiß erst wieder, als Außenminister Rathenau im Juni 1922 ermordet worden war. Dieses berüchtigte politische Attentat hatte sich im Grunewald ereignet, im Bezirk Wilmersdorf, wo Kraus Kriminalassistent im ersten Jahr war. Er wurde damit betraut, in der Gruppe mit Weiß zusammenzuarbeiten, der aus dem Präsidium am Alex gekommen war, um die Untersuchung persönlich zu leiten. Dieser erstklassige Spürhund hatte die Jagd mit beeindruckendem Geschick, Zähigkeit und Energie geleitet. Als die Mörder schließlich in die Enge getrieben worden waren, bewunderte Kraus diesen Mann aufrichtig, und seitdem hielten der Doktor und er Verbindung.

Vielleicht hatte Weiß auch ein natürliches Interesse daran, Kraus zu ermutigen, ein Interesse, das er möglicherweise nicht an – zum Beispiel – Hans Freksa hatte, der über ganze Legionen von Vorbildern verfügte. Aber es war nicht Weiß, der den Mörder überführte, der einen Metzger, einen Bäcker und einen Briefträger ermordet hatte, weil er geglaubt hatte, sie alle hätten eine Affäre mit seiner Frau. Und ebenso wenig hatte Weiß den Fall des verschwundenen Apothekers gelöst, der die Kriminalbeamten in Wilmersdorf jahrelang vor ein Rätsel gestellt hatte. Vielleicht konnte sich Freksa nicht damit abfinden, dass Kraus es in nur fünf Jahren zum Kriminalsekretär geschafft hatte, während Freksa doppelt so lange gebraucht hatte. Viele seiner Kollegen glaubten, dass höhere Instanzen Kraus’ Karriere »auf die Sprünge halfen«. Aber keine höhere Instanz hatte den Menschenhändlerring vom Prenzlauer Berg geknackt. Oder die Mietskasernenmorde von Neukölln aufgeklärt.

»Kraus«, wiederholte der Kommissar eindringlich. »Sie haben ja nicht einmal mitbekommen, was Ihr neuer Fall ist. Es ist eine sehr wichtige Aufgabe. Eine äußerst schwere Last. Und von weit größerer Bedeutung für Millionen von Berlinern als alles, was sich in diesem Jutesack befindet, das versichere ich Ihnen.«

Kraus riss sich zusammen.

»Sie haben zweifellos von der vergifteten Wurst gelesen, die solches Entsetzen in dieser Stadt verbreitet.«

Kraus hoffte, dass dies ein Scherz war. Denn all das lief auf einen derben Spaß auf seine Kosten hinaus. Doch nichts in Horthstalers Miene deutete auf einen Witz hin.

»Ja, natürlich. Es stand in der Morgenzeitung.« Kraus konnte sich an Vickis Reaktion erinnern. »Aber es war, glaube ich, nicht von Todesopfern die Rede.«

»Falsch gedacht, Kraus. Bis zum jetzigen Zeitpunkt sind es bereits drei.«

»Meine Güte, Kommissar.« Müller parodierte den übelsten jüdischen Akzent, schlug sich die Hände auf die Wangen und schüttelte den Kopf. »Dieses Fleisch ist nicht koscher. Das ist Schweinewurst!«

Diesmal wollte das Gelächter kein Ende nehmen.

Kraus kochte vor Wut, als er durch die hallenden Gänge des Präsidiums marschierte. Obwohl es bereits nach dreizehn Uhr war und das Gebäude sich zum Wochenende geleert hatte, drehte er sich an den Aufzügen um und überzeugte sich davon, dass ihn niemand beobachtete. Oben, in den Büros der Verwaltung, schien ein Gewicht von tausend Pfund von seiner Brust zu fallen, als er sah, dass die Tür von Dr. Weiß’ Büro noch offen stand. Und als die dunklen Augen hinter der Metallbrille ihren Blick hoben, musste er sich zusammenreißen, um sich nicht auf den Schreibtisch zu werfen und zu heulen: »Sie haben mir meinen Fall weggenommen!«

In den zwei Jahren, die er jetzt hier im Präsidium arbeitete, war er mehr als einmal in das Büro des Doktors gegangen, das musste er zugeben ... aber nur, um sich moralische Unterstützung zu holen. Es war nicht leicht, ständig von Kollegen und Vorgesetzten diffamiert zu werden. Aber kein einziges Mal hatte er den Polizeivizepräsidenten gebeten, einzugreifen. Bis jetzt.

»Freksa wollte den Fall, weil er Schlagzeilen macht und er scharf auf Publicity ist. Horthstaler hat ihn mir aus den Händen gerissen, weil es seinem Instinkt entspricht, mich einfach beiseitezuschieben. Aber ich war derjenige, der zum Tatort gerufen wurde, ich habe den Bericht eingereicht. Also sollte dieser Knochensack eigentlich mein Fall sein.« Kraus schloss seinen Beweisantrag vor seinem Vorgesetzten ab. »Könnte man da nicht etwas unternehmen?«

Dr. Weiß kniff die Augen zusammen, als er seinen Füllfederhalter zur Seite legte.

»Willi, wir kennen uns jetzt wie lange, acht, neun Jahre?« Er beugte seinen schlanken, kräftigen Oberkörper vor und faltete seine Finger auf dem Schreibtisch. »Mir ist klar, dass Sie auf keinen Fall Ihre Bekanntschaft mit mir benutzen würden, um Ihre Karriere voranzubringen. Andere dagegen sind sich diesbezüglich vielleicht nicht so sicher. Überlegen Sie die Konsequenzen für Ihren Ruf, falls ...«

»Mein Ruf?« Kraus fiel niemandem gern ins Wort, aber es war vollkommen sinnlos, darüber auch nur zu diskutieren. »Mein Ruf kann nicht mehr viel schlechter werden, Dr. Weiß. Ganz gleich, wer ich bin oder was ich tue, die Männer in meiner Abteilung sehen in mir nur eines: einen Juden mit einer großen Nase. Sie, Dr. Weiß, haben sich noch nie für mich eingesetzt, aber trotzdem könnten Sie niemanden dort, einschließlich Kommissar Horthstaler, davon überzeugen, dass meine ganze Karriere nicht von Ihnen vorangetrieben wurde.«

Der Polizeivizepräsident kniff die Lippen zusammen und stieß einen langen, leisen Seufzer aus. »Selbst wenn ich es für angemessen hielte, könnte ich mich gar nicht einmischen, Willi. Ich stehe selbst ein wenig unter Druck.«

Kraus starrte ihn an, während sich ihm die Kehle zusammenschnürte. Dann verstand er plötzlich, und es war wie ein Schlag ins Gesicht. Weiß war einer der prominentesten Juden in der gesamten Beamtenschaft und stand unter dem Beschuss glühender Antisemiten. Er konnte sich auf keinen Fall auch nur den kleinsten Skandal leisten, bei dem es um jüdische Vetternwirtschaft ging. Kraus wurde rot vor Scham, weil er so egoistisch gewesen war. Zum Teufel mit dieser heidnischen Welt, fluchte er innerlich. Wie konnte sie Weiß und ihn in eine solche Lage bringen?

»Mir ist klar, dass es frustrierend ist, Willi. Mehr als frustrierend.« Der sanfte Blick aus den dunklen Augen des Doktors ruhte fast liebevoll auf ihm. »Es ist geradezu erniedrigend, deprimierend. Sie sind Polizist geworden, weil Sie an Gerechtigkeit glaubten, und treffen jetzt an jeder Ecke auf Ungerechtigkeiten. Aber eine Leidenschaft für das, was richtig ist, ist nicht die einzige Tugend, die ein guter Polizeibeamter besitzen muss. Er braucht Geduld. Weisheit. Einen Sinn für den größeren Zusammenhang. Und ein starkes Verantwortungsgefühl.«

Drei

»Verantwortung«, Otto Winkelmann paffte stolz an seiner Pfeife, »ist das grundlegendste Überlebensrezept der Natur. Heinz’ Geburtstagsgeschenk wird ihm helfen, zu lernen, was dieses Wort wirklich bedeutet.«

Kraus hatte bereits einiges darüber zu hören bekommen, als er zuvor von der Arbeit nach Hause gekommen war. Stefan und Erich hatten sich auf ihn gestürzt und ihm damit in den Ohren gelegen, dass Winkelmanns ihrem Sohn ein Zehnliter-Aquarium zum Geburtstag geschenkt hatten, mit ganz vielen Guppys. »Können wir nicht auch so eines bekommen?«, hatten sie gejammert. Jetzt, beim Abendessen, erfuhr Kraus, dass Heinz, kurz nachdem das Aquarium aufgebaut worden war, auch eine Lektion über Schmetterlinge und Blumen und Bienen bekommen hatte, in gewisser Weise jedenfalls. Denn in nur wenigen Minuten hatte einer dieser Guppys seinen dicken Bauch verloren und war spindeldürr geworden. Dafür schossen ein Dutzend silbrig glänzender Pfeile im Wasser herum.

»Kann das denn wirklich stimmen?«, fragte Ottos Schwägerin ungläubig ihren Ehemann. »Legen Fische denn keine Eier?«

»So, es geht lo-hos!«. Frau Winkelmann stürmte durch die Terrassentür, praktisch unsichtbar hinter den dampfenden Serviertellern.

Die Gäste am Tisch nahmen Haltung an und verliehen ihrer Begeisterung lautstark Ausdruck.

Zu Ehren von Heinzis Geburtstag ließ sie den wenigen Auserwählten – als da wären Vicki, Kraus und ihre Verwandten, die Klempers – das exklusive Vergnügen ihrer scharf gewürzten Rippchen zuteil werden.

Unwillkürlich fühlte sich Kraus in die Gruppentrance hineingezogen, als seine Nachbarin das Tablett abstellte. Er hatte zwar nach dem Mittagessen im Präsidium nicht allzu viel Appetit, aber einige Rituale waren zu verführerisch, um ihnen zu widerstehen.

»Du bist wahrhaftig ein Meisterkoch, Irmgard.« Vicki applaudierte, als wäre es die Premiere in der Oper. »Niemand würzt Rippchen so wie du.«

Ihrem Gastgeber Otto Winkelmann fiel dazu noch etwas Denkwürdigeres ein. »Wisst ihr noch, wie oft wir von einer solchen Mahlzeit nur träumen konnten? Erst während des Krieges, dann während der Revolution und dann ...«

»Also wirklich, Otto«, platzte seine Schwägerin heraus. »Warum musst du immer an solchen Dingen rühren? Ich mag nicht einmal daran denken.« Frau Klemper legte ihre dicken Finger auf ihren Busen und schnüffelte an dem Fleisch. »Ich weigere mich schlicht, jemals wieder an diese schrecklichen Zeiten zurückzudenken.«

»Das ist idiotisch, Magda.« Ihr Ehemann verdrehte die Augen, als hätte sie etwas zutiefst Peinliches von sich gegeben. »Erinnerung ist das Einzige, was uns vor dem Vergessen bewahrt. Stimmt doch, Otto, oder?« Felix Klemper stopfte sich eine Serviette zwischen seinen dicken Hals und den Hemdkragen. Er war Direktor irgendeiner zweitklassigen Versicherungsfirma am Hermannplatz und liebte es, wie Kraus sich erinnerte, mit seinem dummen Geschwätz zu demonstrieren, wie überlegen er seiner Gemahlin war. Dieser Mann war ein waschechter Flegel.

Und seine Frau war auch nicht gerade eine Leuchte.

Die Rippchen jedoch waren in scharfem Pfeffer, Senf und Meerrettich gekocht und sahen wirklich großartig aus. Und sie waren scharf genug, um einem eine Woche lang Verdauungsstörungen zu bereiten. Vielleicht ist ein solcher Reizzustand ja nur ein natürlicher Teil des Lebenszyklus, überlegte Kraus, dessen Magensäfte bereits strömten, als ein übervoller Teller in seine Richtung gereicht wurde. Er gab keinen Pfifferling auf die aufgeblasenen, angeheirateten Verwandten der Winkelmanns, stellte jedoch fest, dass er regelmäßig mit ihnen zu Abend aß.

Wie die meisten Mietblocks im bürgerlichen Wilmersdorf war auch der in der Beckmannstraße 82 bis 84 rund um einen zentralen Hinterhof erbaut, in dem ein Flecken Gras und ein paar Bäume wuchsen. Sieben Jahre lang wohnten die Familien Kraus und Winkelmann bereits Tür an Tür im dritten Stock. Sie teilten sich einen gemeinsamen Balkon, und ihre Jungen waren gleich alt. Obwohl die eine Familie jüdisch und die andere christlich war, hatte sich ihrer beider Leben miteinander verwoben wie das Efeu, das an den Mauern des Hinterhofs hinaufwuchs.

Kindergeburtstage wurden stets gemeinsam gefeiert. Zum Glück war es an diesem Herbstabend warm genug, um den von Heinz Winkelmann in leichten Sommerjacketts auf der Terrasse zu feiern. An den Rankgittern über ihren Köpfen blühten immer noch Rosen. Die Kinder, die nicht einmal an ihren Geburtstagen Delikatessen wie scharf gewürzte Rippchen bekamen, hatten bereits ihr aus Klößen bestehendes Abendessen verdrückt und waren im Hof zu hören, wo sie Cowboy und Indianer spielten. Die Erwachsenen waren bereits bei der dritten Flasche Riesling angelangt und konnten es kaum erwarten, endlich zu schlemmen. Aber als sie sich gerade auf das Fleisch stürzen wollten, erstarrte Frau Klemper, das Messer in der Hand, und sah sich mit vor Verlegenheit gerötetem Gesicht um. »Seid ihr wirklich alle sicher, dass man diese Rippchen ungefährdet essen kann?«

Die Wucht des folgenden Schweigens hätte den ganzen Mietblock dem Erdboden gleichmachen können.

Das Entsetzen in den Augen von Frau Winkelmann verdeutlichte, dass ihre Schwägerin ihr das Messer auch gleich in die Kehle hätte rammen können. Jedenfalls hatte sie den ganzen Abend ruiniert, all ihre Stunden vor dem heißen Ofen, ja, Heinz’ neunten Geburtstag vollständig zunichtegemacht.

Hortsthaler hatte recht gehabt, das begriff Kraus plötzlich. Die Angst vor der vergifteten Wurst terrorisierte Berlin tatsächlich.

Am Nachmittag waren zwei weitere Menschen gestorben und zwölf andere in Krankenhäuser eingeliefert worden. Der Gesundheitsminister hatte ganz offiziell den Verkauf sämtlicher Wurst verboten, bis die Quelle der Vergiftung gefunden worden war. WURST IN BERLIN – AUS!, titelten die Nachmittagsblätter in Schlagzeilen mit so großen Lettern wie bei der Abdankung des Kaisers.

Vickis Blick sagte Kraus, dass sie ihm nicht in den Rücken fallen wollte, als sie jetzt einen Rettungsversuch unternahm. Er hatte ihr ein paar Einzelheiten verraten, die er erfahren hatte, seit er heute auf den Fall angesetzt worden war. Obwohl Vicki normalerweise nicht einmal im Traum daran dachte, solche Informationen bei einem gesellschaftlichen Ereignis preiszugeben, erforderten es diesmal, so bat ihn ihr flehentlicher Blick, die außergewöhnlichen Umstände.

»Selbstverständlich ist das Fleisch ungefährlich, Frau Klemper.« Die Augen unter ihren langen, dunklen Wimpern schimmerten. »Das Problem ist ausschließlich auf Wurst begrenzt. Das stimmt doch, Liebling?«

Der schimmernde Blick richtete sich auf Kraus.

»Ja, vollkommen.« Er unterstützte Vicki instinktiv. »Das Fleisch ist absolut unbedenklich.«

Er wusste nicht mit Sicherheit, ob das stimmte, aber er wusste, dass sein Wort genügte, um jegliche Diskussionen zu beenden und die Feier der Winkelmanns zu retten. Grund genug, es zu geben. Seit sieben Jahren hatten sich die Familien durch Geburten, Todesfälle, Windpocken, gebrochene Knochen, Hochkonjunktur und wirtschaftliches Chaos begleitet. Eine kleine, harmlose Lüge, ein gelinder Machtmissbrauch war da gewiss verzeihlich. Frau Klemper jedenfalls nahm seine Bemerkung geradezu als kaiserliches Edikt und hätte vor Dankbarkeit fast geknickst.

»Also dann, wenn das ein Kriminalbeamter sagt!« Sie nickte Kraus zu, wartete jedoch darauf, dass er als Erster zugriff. Er fügte sich, und Sekunden später stürzten sich alle auf die Rippchen. Was ein Gespräch über vergiftete Wurst offenbar nicht auszuschließen brauchte.

»Die Frühausgabe von Berlin am Mittag war in dem Punkt ganz eindeutig.« Otto Winkelmann nahm Messer und Gabel in die Hand. »Die Bakterien wurden identifiziert.« Er kaute und warf seiner Frau einen ehrfürchtigen Blick zu. »Liebes, du hast dich diesmal wirklich selbst übertroffen.«

»Du meinst die E.coli-Bakterien?« Frau Klempers Wimpern flatterten zustimmend. »Er hat wirklich recht, Irmgard. Deine Soße sollte zum Nationalschatz erklärt werden. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass diese Behauptung in einer späteren Ausgabe wieder zurückgenommen wurde.«

»Laut dem Volksbeobachter sind es eindeutig keine E.coli-Bakterien.« Herr Klemper hatte Irmgards Nationalheiligtum bereits über die ganze Serviette auf seiner Brust verteilt. »Sondern es sind Salmonellen. Gibt es keine Kartoffeln mehr? Sind wir wieder bei der Rationierung wie in Kriegszeiten?«

Kraus wusste, dass es weder E.coli noch Salmonellen waren.

»Aber warum dauert es so lange, das herauszufinden?« Frau Klemper hob die Hand mit ihren dicken Fingern, unfähig sich vorzustellen, dass ein solcher Prozess mehr als eine Stunde in Anspruch nehmen konnte.

»Schockierend, wirklich schockierend.« Irmgard Winkelmann ging um den Tisch herum und legte ihrem Bruder noch mehr Kartoffeln nach. »Dass so etwas in Berlin passieren konnte.«

Dass nichts den Verteidigungsring durchbrechen konnte, der die Fleischversorgung der Stadt schützte, war eine nicht ganz unbegründete Vorstellung, wie Kraus mittlerweile wusste. In der kurzen Zeit, die er heute im Gesundheitsministerium verbracht hatte, hatte er erfahren, wie eindrucksvoll das Kontrollsystem war, das dieses Ministerium vor Jahrzehnten eingeführt hatte, und dass es in Anbetracht der Größe der fleischverarbeitenden Industrie nur sehr selten durchbrochen wurde. Selbst während des Krieges hatte es, wie Vicki sich erinnerte, trotz der vierjährigen Blockade durch die Alliierten, bei der eine Million Berliner am Rand des Hungertodes standen, keine ernsthafte Vergiftung bei den Fleischvorräten gegeben. Genau genommen hatte es keine wirklich bedeutende Vergiftung in Berlin gegeben, seit Hunderte Bewohner beim Ausbruch der Trichinose-Bakterien vor neunzig Jahren gestorben waren. Was prompt dazu geführt hatte, dass diese Gesundheitsmaßnahmen überhaupt erst eingeführt worden waren.

Bis jetzt hatte es keine Vergiftungsfälle gegeben. Und das trotz all dieser Kontrollen.

Wie üblich hatten die unzähligen Zeitungen der Stadt nur Bruchstücke der ganzen Geschichte richtig verstanden. In diesem Fall waren das die Zahl der Opfer, ihr Alter et cetera. Was jedoch die ursächlichen Krankheitserreger anging, hatten die Zeitungen in ihrem Bemühen, die Konkurrenz auszustechen, fast alles falsch dargestellt. Dieses Mal jedoch war es nicht ihre Schuld. Das Gesundheitsministerium, so hatte Kraus erfahren, führte die Öffentlichkeit absichtlich an der Nase herum.

Kurz nach seinem Gespräch mit Dr. Weiß war er zu dem gewaltigen Granitgebäude des Gesundheitsministeriums in der Nähe des Wilhelmplatzes gefahren. Dort hatte er eine fieberhafte Geschäftigkeit wahrgenommen, als befände man sich im Krieg. Techniker rannten die Gänge entlang. Schreibmaschinen klapperten. Niemand wollte dieses Wochenende nach Hause gehen. Seine Ansprechpartnerin, die Leiterin des medizinischen Krisenstabes, Frau Dr. Riegler, hatte ihn förmlich vor ein Mikroskop gezerrt.

»Das ist eine Riesenschweinerei.« Sie hatte ihm das Okular eingestellt. »E.coli und Salmonellen sind die reinsten Schmusekätzchen gegen das da.«

Kraus hatte einen Haufen zuckender, stabförmiger Gestalten gesehen.

»Listeria monocytogenes«, flüsterte Doktor Riegler, als wäre es zu schrecklich, um es laut auszusprechen. »Zehnmal tödlicher als die meisten gewöhnlichen Krankheitserreger in Nahrungsmitteln. Dieses widerliche kleine Bazillus überlebt selbst in der größten Hitze und Kälte. Und noch lange, nachdem man sie vernichtet geglaubt hat ... kommen sie zurück. Man muss ständig säubern, prüfen. Säubern. Prüfen.«

Kraus fand zwar, dass die Stäbchen recht harmlos aussahen, aber das galt auch für mehr als einen Mörder, den er verfolgt hatte.

»Was passiert, wenn sie einen Menschen infizieren?«

»Übelkeit, Erbrechen, Durchfall. In ernsten Fällen ... Fieber. Im schlimmsten Fall Fieberkrämpfe. All das haben wir in den letzten zehn Tagen zu sehen bekommen.«

»Zehn?« Kraus hob den Kopf vom Okular. Frau Doktor lächelte ihn etwas gequält an. »Wie kann das sein? Die ersten Berichte sind erst gestern hereingekommen.«

»Wir melden nichts, was wir nicht sicher wissen.« Ihr Lächeln erlosch. »Sonst gäbe es eine Massenhysterie. Sie sehen ja, wie schlimm es jetzt schon aussieht, Herr Kriminalsekretär.« Ihre Stimme schwoll autoritär an. »Wie viele andere Bakterien sind auch Listeria allgegenwärtig. Der Hauptinfektionsweg verläuft über Nahrungsmittel. Aber die Ursache könnte alles mögliche sein, angefangen von Gemüse über Fleisch, Geflügel, Fisch oder Milchprodukten. Wir haben zehn Tage gebraucht, bis wir diese Wurst als Quelle ausfindig gemacht haben.« Sie umklammerte ihr Klemmbrett. »Wir konnten schließlich nicht die ganze Stadt so sehr in Angst und Schrecken versetzen, dass keiner mehr etwas zu essen wagt.«

Dem musste Kraus zustimmen. Vor allem, da dies eine Frau sagte, die es gegen alle Widrigkeiten geschafft hatte, die Karriereleiter bis dorthin hochzusteigen, wo sie sich jetzt befand. Denn die Zahl von Ärztinnen in Berlin war ausgesprochen gering. Und Dr. Riegler war klug und gebildet. Woher kam dann also dieser nervöse Tick? »Wegen der Vielzahl der Todesfälle«, sagte sie, und Kraus registrierte, dass unter ihrem linken Auge ein Muskel zuckte, wie eins dieser kleinen Bakterien unter dem Mikroskop, »muss wohl auch die Möglichkeit einer kriminellen Absicht in Betracht gezogen werden.«

Offensichtlich stand sie unter großem Stress, weil die ganze Stadt sich auf sie verließ und sie jetzt auch noch die Kriminalpolizei am Hals hatte. Aber auf der Universität hatte Kraus in einem Kurs über Physiologie und Psychologie gelernt, dass unwillkürliche Muskelkontraktionen manchmal verrieten, was der Mund sich weigerte auszusprechen. Jetzt fragte er sich unwillkürlich, was der Mund der Frau Doktor so dringend verschweigen wollte.

Warum grinste Winkelmann denn so?

»Da sich jetzt die Kriminalpolizei der Sache angenommen hat«, er hob sein Glas in Richtung Kraus, »darf man wohl sicher sein, dass der Fall der vergifteten Wurst schnell gelöst werden wird.«

»Hört, hört.« Die anderen prosteten ihm zu. »Auf die Kriminalpolizei!«

Kraus hob ebenfalls sein Glas und hoffte, dass sein Nachbar recht hatte. Winkelmann war der größte Bewunderer von Kraus, natürlich. Er gab gern damit an, dass er Kraus’ Karriere von seiner Zeit als Grünschnabel auf der Polizeischule bis zu seiner Arbeit als erfahrener Kriminalbeamter im Präsidium am Alex verfolgt hatte. Und das alles in nur sieben Jahren. Kraus fühlte sich dann immer verpflichtet, seinen Nachbarn daran zu erinnern, dass Winkelmann in derselben Zeit von einem einfachen Lagerarbeiter zum Besitzer eines Papier- und Schreibwarenladens aufgestiegen war. Nur wirkte Kraus’ Karriere im Vergleich dazu wahrhaft abenteuerlich, und gewisse Episoden daraus zum Besten zu geben war angesichts eines so verzückten Publikums nicht gerade unangenehm. Winkelmanns Augen traten hervor, wenn Kraus berichtete, wie er auf den Wasserturm am Prenzlauer Berg steigen musste, um die Drahtzieher eines Menschenhändlerrings zu fangen. Oder wie er sich in einem Speiseaufzug versteckt hatte, um den Mietskasernenmörder von Neukölln auszuspionieren. Selbst Kraus’ Jungs lauschten seinen Geschichten nicht mit einer solchen Intensität. Vicki wollte sie sowieso nie hören. Sie war stolz auf seinen Ruf, aber der rein physische Aspekt seines Berufs machte ihr Angst. Manchmal hatte Kraus den Eindruck, sie täte lieber so, als wäre er Abteilungsleiter im Kaufhaus Tietz oder so etwas ähnliches. Wie hatte Freud das noch gleich genannt ...?

»Elsie, ich breche dir jeden gottverdammten Knochen in deinem ...!«

Von oben bis unten staubig vom Spiel, waren die Kinder wieder in die Wohnung zurückgeschlichen. Vom Balkon aus war sehr gut zu sehen, wie die zwölfjährige Tochter der Klempers im Wohnzimmer ein Rad schlug und dabei mit den Füßen haarscharf an der Vitrine vorbeiflog, in der Irmgard Winkelmanns Figürchen aus Meißner Porzellan verwahrt wurden. Nach Klempers Drohung huschte das Kind hastig wie ein Eichhörnchen ins Dunkel zurück.

»Seht ihr, wie sie gehorcht?« Der Versicherungsdirektor richtete die Serviette um seinen Hals. »Weil sie weiß, Papa ist der Chef. Und warum weiß sie das?«

»Weil sie gut erzogen ist«, platzten seine Frau und seine Schwester gleichzeitig heraus. Dann sahen sie sich an und kicherten verlegen.

»Es gibt keinen Grund, sich darüber lustig zu machen.« Klemper drohte ihnen mit dem Finger und lief rot an. Er hasste es offenbar, wenn man über ihn lachte, und riss sich jetzt die Serviette vom Hals. »Hätte ich so etwas gemacht, hätte mein Vater mich verprügelt, bis mein Hintern gequalmt hätte.« Seine Augen blitzten anklagend. »Und glaubt ja nicht, dass mir das geschadet hat.«

Aufgescheucht von seiner hitzigen Stimme versuchte Frau Klemper, seine Temperatur ein wenig zu senken. »Du hast vollkommen recht, Felix.« Sie sah sich um und bat die anderen, auch ein bisschen kaltes Wasser aufs Feuer zu gießen.

Aber es war bereits zu spät. Klemper kochte über.

»Erst neulich nachmittags«, er verdrehte die Augen, »in der Tram, der 41, saß ein Kind neben mir und aß eines dieser ekelhaften Puddingteilchen.« Seine weißlich angelaufenen Lippen begannen zu zittern. »Natürlich ist der ganze Pudding auf meine Hosenbeine getropft. Und was hat die Mutter getan? Jedenfalls hat sie mir nicht angeboten, die Reinigungskosten zu übernehmen, das kann ich euch versichern.« Er schlug mit der Faust auf den Tisch. »Ich musste mich wirklich zusammenreißen, um sie mir nicht beide zu greifen und ihnen den Hals umzudrehen.«

Kraus blickte zur Seite. Er hatte all das schon oft gehört ... und zwar jedes Mal, wenn Klemper da war. Dass Kinder sich schämen sollten. Dass sie Angst vor Autorität haben sollten. Dass ihnen jegliche Unabhängigkeit ausgetrieben werden musste. Und das alles nur zu ihrem Besten. Martin Luther hatte die berühmten Worte gesprochen, dass er lieber einen toten als einen ungehorsamen Sohn hätte. In dieser Hinsicht, dachte Kraus, unterscheiden sich jüdische Deutsche vielleicht gar nicht so sehr von vielen ihrer protestantischen Nachbarn.

Er konnte sich noch daran erinnern, wie er einmal – er musste neun oder zehn Jahre alt gewesen sein – weggelaufen war, um sich den Eiffelturm anzusehen. Er hatte sein Taschengeld gespart und eine Zugfahrkarte gekauft. Er hatte es fast bis zur französischen Grenze geschafft, wo ein Schaffner ihn schließlich erwischt und ihn dann zurück nach Berlin gezerrt hatte. »Du wirst dein blaues Wunder erleben, wenn du nach Hause kommst«, hatte er ihm die ganze Zeit über gedroht. »Ich bin auch mal weggelaufen, als ich ein Kind war, und ich kann es immer noch fühlen.« Am Bahnhof Zoo hatten Kraus’ Eltern auf ihn gewartet und ihn mit ihren Küssen beinahe erstickt. Der Schaffner hatte vollkommen verdattert daneben gestanden.

Kraus versteifte sich, als er sich an etwas nicht so weit Zurückliegendes erinnerte.

An die Bibliotheksmitteilung wegen der markierten Bibelpassage.

Wie ironisch. Bevor er heute Feierabend gemacht hatte, hatte er noch eine Antwort auf seine Nachfrage erhalten. Kinder des Zorns, wurde darin erklärt, war ein Begriff, den man mit einer unbedeutenden theologischen Doktrin assoziierte, die als »völlige Verderbtheit« bekannt war. In seinem Brief an die Epheser beschrieb der Apostel Paulus die Ungetauften als Wesen, die von ihrer Natur her »Kinder des Zorns« wären. Die Fanatiker in etlichen protestantischen Glaubensgemeinschaften zitierten diesen Satz als Beweis der Erbsünde: dass alle Menschen schon bei der Geburt das Böse in sich trügen, unfähig, Erlösung zu finden außer durch Gottes Gnade. Diese Fanatiker glaubten, so fuhr die Bibliotheksmitteilung fort, dass die betreffende Passage die bittere ...

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