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Kinderlachen - Folge 32

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Weil ihr Kind den Mörder sah …

Ein kleines Mädchen schwebt in höchster Gefahr

Von Sabine Stephan

Seit der Scheidung ihrer Eltern sieht die sechsjährige Janine ihren Vater nur selten. Und so ist sie vor Freude ganz aus dem Häuschen, als ihr heißgeliebter Papi sie einlädt, drei Wochen gemeinsam durchs Mittelmeer zu segeln. So wie früher, als sie noch eine glückliche Familie waren …

Doch schnell merkt Janine, dass nichts mehr so ist wie früher! Ihr Vater ist nervös, ungeduldig und gereizt. Oft wirkt er auf das Kind sogar, als hätte er Angst. Bloß – wovor?

Und dann hört Janine eines Tages die fremden Männerstimmen an Deck. Bösartig und so bedrohlich, dass sich die Kleine instinktiv versteckt. Keine Sekunde zu spät, denn da fällt ein Schuss. Kurz darauf poltern Schritte die Treppe herab und steuern direkt auf Janine zu …

»Ich will aber nicht, dass Mike mitkommt!« Die sechsjährige Janine stampfte so zornig mit den Füßen auf, dass ihr dunkelblonder Pferdeschwanz heftig wippte. Ihr niedliches Kindergesicht zeigte einen finsteren, abweisenden Ausdruck, und in den Augen funkelte das Feuer unbändiger Wut. »Der Mike ist doof. Ich will mit dir allein sein, Mami!«

Anne Sieber, eine aparte Frau von achtundzwanzig Jahren, konnte sich nur mit Mühe beherrschen. Ihre Tochter führte sich wieder einmal unmöglich auf. Seit der Scheidung vor mehr als einem Jahr war aus dem liebenswerten Mädchen ein unausstehliches Ding geworden. Manchmal schien es, als wolle Janine durch ihre Boshaftigkeit die Mutter für die Trennung vom Vater bestrafen.

Ganz besonders jedoch hatte Mike Thompson, der dreißigjährige Freund von Anne, unter der ständigen Ungezogenheit und Launenhaftigkeit des Mädchens zu leiden. Janine lehnte den sympathischen Engländer rigoros ab, obwohl Mike sich ernsthaft um ihre Zuneigung bemühte und sich das Kind keinen besseren Ersatzvater wünschen könnte.

Aber Janine gab Mike die Schuld am Scheitern der Ehe ihrer Eltern. Sie ignorierte die Tatsache, dass die Mutter den netten Mann erst Monate nach der Scheidung kennengelernt hatte. In der kindlichen Fantasie der Kleinen war Mike ein böses Ungeheuer, das ihr den heißgeliebten Vater genommen hatte und gegen das sie nun kämpfen musste.

»Es tut mir leid.« Anne seufzte niedergeschlagen und warf ihrem Freund einen entschuldigenden Blick zu. »Es ist wohl besser, wenn ich mit Janine allein in den Zoo gehe, um des lieben Friedens willen.«

Mike zog ärgerlich die Augenbrauen hoch. Wieder einmal war es Janine gelungen, die Mutter auf ihre Seite zu ziehen.

»Wir haben diesen Ausflug zusammen geplant, wir werden ihn auch zusammen durchführen«, erklärte er fest und musterte das aufmüpfige Kind. »Du hast die Wahl, Janine. Entweder du kommst mit uns, oder ich gehe mit deiner Mutter allein. Wir werden dann Frau Winkler aus der Nachbarschaft bitten, auf dich aufzupassen. Doch gerade zu dieser Zeit ist ein Besuch des Tierparks sehr interessant. Es gibt viele süße Tierbabys zu bewundern, und das Wetter lädt zu einem Spaziergang durch den schattigen Park geradezu ein.«

Janine schüttelte wild den Kopf.

»Nein, ich bleibe hier. Ich hab keine Lust, mir die doofen Tierkinder anzusehen.« Doof war aktuell ihr absolutes Lieblingswort. »Außerdem kommt vielleicht mein Papi vorbei und nimmt mich mit. Dann wäre es nicht gut, wenn ich nicht zu Hause bin.«

Trotzig schnellte sie herum und rannte in ihr Zimmer. Mit lautem Knall warf sie die Tür ins Schloss.

Anne wollte ihrer Tochter genervt nachstürzen, doch Mike hielt sie fest.

»Du darfst Janine nicht ständig nachgeben«, tadelte er streng. »Sie macht mit dir doch, was sie will.«

»Janine leidet unter dem Verlust ihres Vaters, das musst du doch verstehen«, erwiderte Anne deprimiert.

Tränen der Hilflosigkeit schimmerten in ihren blauen Augen. Sie liebte Mike aufrichtig, aber der ständige Kampf mit Janine zermürbte sie langsam aber sicher.

»Ich verstehe es ja«, entgegnete Mike beruhigend. »Aber du darfst nicht zulassen, dass Janine sich zu einem wahren Plagegeist entwickelt. Damit tust du dem Kind bestimmt keinen Gefallen. Deine Nachsichtigkeit und vor allem deine Lügen helfen dem Mädchen keineswegs über eure Scheidung hinweg. Warum erklärst du ihr nicht endlich, was für ein Mensch ihr Vater wirklich ist? Kläre sie darüber auf, dass er nicht die geringste Lust hat, sich um sein Kind zu kümmern, und lass die Kleine nicht länger im Glauben, er würde sie nur aus Zeitmangel nicht besuchen. So hältst du nur die unsinnige Hoffnung in ihr aufrecht, er würde eines Tages erscheinen und alles wäre wieder in bester Ordnung.«

»Janine soll ihren Vater in guter Erinnerung behalten, sie darf ihn nicht hassen«, erwiderte Anne dumpf. »Sie hat während unserer Ehe unter den zermürbenden Streitigkeiten schon genug gelitten.«

Wieder seufzte Mike schwer.

»Damit nimmst du mir jede Chance, dass Janine mich jemals als Stiefvater akzeptiert. In ihren Augen bin ich ein Unmensch, der daran schuld ist, dass der geliebte Papi nicht mehr kommt. Wenn es mich nicht gäbe, wäre nach Janines kindlicher Vorstellung eine Versöhnung zwischen dir und Christian durchaus möglich. Sie glaubt doch, du würdest deinen Mann noch immer lieben. Deshalb konzentriert sie ihren ganzen Hass und ihre Erbitterung auf mich. Erzähl ihr endlich die Wahrheit! Sag ihr, warum du dich wirklich von deinem Mann getrennt hast. Janine ist alt genug, um die Wahrheit zu verstehen. Aber halt nicht länger fälschliche Illusionen in ihr aufrecht. Damit verbaust du mir alle Möglichkeiten, jemals die Zuneigung des Mädchens zu erringen.«

»Ich weiß, dass es falsch war, in Janine das Idealbild eines zärtlichen Vaters aufzubauen.« Anne zuckte traurig mit den Schultern. »Christian war alles andere als ein verantwortungsbewusster Vater. Er konnte nie etwas mit dem Kind anfangen, es störte ihn nur, engte ihn in seiner Freiheit ein. Deshalb hatten wir auch so oft Streit. Christian reagierte eifersüchtig auf jede Zärtlichkeit, die ich Janine schenkte, und verschloss sich gegen alle Bemühungen des Kindes, seine Liebe zu erringen. Janine litt furchtbar unter der Gefühlskälte ihres Vaters, und ich versuchte krampfhaft, eine Entschuldigung für seine Lieblosigkeit zu erfinden. Deshalb habe ich immer erzählt, Christian wäre beruflich sehr eingespannt und hätte nur wenig Zeit für seine Familie. Das ging so weit, dass ich Geschenke für Janine kaufte und behauptete, sie wären von ihrem Vater. Ich konnte doch nicht zulassen, dass das Mädchen ihn verachtet.«

Anne wischte sich müde über die Augen.

»Christian strafte mich schließlich für die Liebe zu meiner Tochter mit seinen unzähligen Seitensprüngen. Eines Tages hielt ich es nicht mehr aus und trennte mich von ihm. Aber Janine reagierte mit totalem Unverständnis auf die Scheidung, obwohl sie ihren Vater kaum zu Gesicht bekommen hatte und ohnehin viel mit mir allein gewesen war. Unbewusst gab sie mir wohl die Schuld, ihren Vater aus dem Haus getrieben zu haben. Bei manchen lauten Streitereien war sie unfreiwillig Zeuge geworden, und Christian hatte es verstanden, seine Anschuldigungen so zu drehen, dass es aussah, als wäre ich die Urheberin für unsere Missverständnisse. Wenn er auch sonst nie Interesse an Janine zeigte, in diesen Momenten versuchte er, das Mädchen auf seine Seite zu ziehen.«

»Es ist äußerst wichtig, dass Janine endlich mit der Realität konfrontiert wird. Erzähl ihr schonungslos, dass ihr Vater keinen Gedanken mehr an seine ehemalige Familie verschwendet. Du musst Christian nicht verteufeln, Janine soll ihren Vater nicht verdammen. Aber sie muss ihn so sehen, wie er ist, und nicht, wie sie ihn sich wünscht. Nur dann kann sie sich auch mit eurer Scheidung abfinden und deine Beweggründe verstehen. Andernfalls wird sie uns weiterhin mit ihren Hasstiraden das Leben schwermachen und unsere Beziehung bald ernsthaft gefährden.«

Mike wandte sich ab und sah aus dem Fenster. Die Sonne hatte sich hinter einer Wolke verkrochen, und vereinzelt fielen Regentropfen.

»Das Wetter passt sich unserer Stimmung an«, murmelte er mutlos.

Seit Monaten kämpfte er um seine Liebe zu Anne, versuchte, Janines Frechheiten und ihre offene Ablehnung zu übersehen. Er mochte das niedliche, kleine Mädchen, verstand seine schreckliche Verlorenheit.

Seit der Scheidung fühlte sich Janine völlig entwurzelt, sie glaubte sich vom Vater und auch von der Mutter verraten. Ihre heile Welt, in der sie sich die uneingeschränkte Liebe des Vaters zumindest hatte erträumen können, war plötzlich wie ein Kartenhaus eingestürzt. Der Vater hatte sie endgültig verlassen, und die Liebe der Mutter musste sie nun mit einem wildfremden Mann teilen.

Mike begriff also, warum das Mädchen so abweisend reagierte. Aus Angst, noch mehr verletzt zu werden, schirmte es seine verwundete Seele hinter einer Mauer von Hass und Feindseligkeit ab.

Aber er besaß nicht mehr die Kraft, diese Mauer zu durchdringen. Er verlor langsam die Hoffnung, Janine könnte jemals ihr Schneckenhaus verlassen und ihm Zuneigung entgegenbringen. Doch wie sollte er mit Anne leben, wenn das Kind ihn so permanent ablehnte?

Jeder Tag endete letztendlich in aufreibendem Kräftemessen, wer am Ende seinen Willen durchsetzen konnte. Bisher war es Janine immer gelungen, die Mutter für sich einzunehmen.

»Ich werde ebenfalls zu Hause bleiben«, sagte Anne tonlos. »Mir ist die Lust auf den Zoo vergangen.«

»Mir ebenfalls«, erwiderte Mike bedrückt. Er zog hörbar die Luft ein. »Janine hat es mal wieder geschafft, uns gründlich den Tag zu verderben.«

»Wie kannst du das sagen, Mike?«, empörte sich Anne. »Sie ist doch noch ein kleines Kind. Wir müssen nur Geduld mit ihr haben. Eines Tages …«

»Geduld! Wie viel denn noch?« Der Mann fuhr zornig herum. »Tut mir leid, Anne. Meine Geduld ist langsam am Ende. Ich habe wahrhaft Nachsicht geübt und mir von deiner Tochter ohne Widerspruch auf dem Kopf herumtanzen lassen. Aber nun ist Schluss! Wenn Janine im Guten nicht beizukommen ist, werden wir eben andere Seiten aufziehen müssen. Notfalls muss sie in ein Internat, wenn es ihr nicht möglich ist, friedlich mit uns zusammenzuleben.«

»Niemals!«, schrie Anne aufgebracht. »Ich werde doch mein Kind nicht weggeben.«

»Das heißt also, bevor du dich von Janine trennst, würdest du eher auf mich verzichten?«

Mike hob gespannt die Augenbrauen. Langsam kam er auf Anne zu.

»Mich ohne meine Tochter gibt es nicht«, entgegnete sie tonlos. »Ich werde niemals einer Unterbringung Janines in einem Internat zustimmen. Wir haben eine sehr enge Bindung zueinander, das Kind würde an einer Trennung von mir zerbrechen.«

»Gut, dann wäre alles gesagt«, erwiderte Mike müde. Er fühlte eine unnatürliche Kälte seinen Rücken hinaufkriechen und sich zwischen den Schulterblättern einnisten. »Ich gehe und packe meine Sachen.« Mit hängenden Schultern verließ er den Raum.

Anne wollte ihm folgen, ihn zurückhalten und anflehen, sie nicht zu verlassen. Aber sie fand nicht die Kraft, die lähmende Entschlusslosigkeit abzuschütteln, die sie gefangen hielt. Zusammengekauert blieb sie auf der Couch sitzen, während ihr die Tränen heiß über die Wangen rollten.

Erst als die Tür wenig später energisch ins Schloss gezogen wurde, schreckte Anne aus ihrer tiefen Traurigkeit auf. Sie begriff, dass Mike gegangen war.

Eine kleine Kinderhand berührte plötzlich ihr Haar.

»Ist er endlich weg?«, fragte Janine aufgeregt. »Sind wir wieder allein, Mami?«

Anne musste sich zusammenreißen. Das siegesgewisse Funkeln in den Augen ihrer Tochter brachte sie an den Rand der Beherrschung.

»Geh in dein Zimmer, Janine. Wir sprechen uns später«, befahl sie gepresst.

Das Mädchen warf seiner Mutter einen ängstlichen Blick zu, bevor es widerwillig davontrottete.

Die junge Frau seufzte tief. Sie wusste, dass Mike recht hatte mit seiner Forderung, Janine endlich über den wahren Charakter des Vaters aufzuklären und das Mädchen aus seiner Traumwelt herauszuholen. Aber sie hatte Angst, das Kind noch mehr zu belasten, und so verzichtete sie lieber auf ihr Glück.

***

Es war ein herrlicher Sommertag. Die angenehme Wärme der Sonne streichelte die Haut, und die üppige Farbenpracht der Blumen und Sträucher wirkte beruhigend auf die Nerven.

Doch Anne hatte keinen Blick für die Schönheit der Natur. Traurig und in sich versunken saß sie in einem Stuhl und hielt ein aufgeschlagenes Buch auf den Knien. Sie hatte versucht, sich durch Lesen abzulenken, konnte sich aber nicht konzentrieren. Die Buchstaben verschwammen vor ihren Augen.

Mike hatte sich nur noch einmal kurz gemeldet. Er hatte ihr seine neue Adresse mitgeteilt und gemeint, wenn sie Hilfe bräuchte, könne sie sich getrost an ihn wenden. Mit keinem Wort hatte er mehr von Liebe gesprochen, dabei hatten sie schon ernsthaft an eine Heirat gedacht.

Anne bemühte sich, Janine nicht die Schuld am Scheitern ihrer Beziehung zu geben, aber sie spürte deutlich, wie sie den aufkeimenden Zorn auf ihre Tochter kaum noch unterdrücken konnte. Sie nahm sich vor, mit Janine ein ernstes Gespräch zu führen und ihr endlich Grenzen zu setzen.

Mike hatte recht, sie durfte sich nicht länger von Janine tyrannisieren lassen. Das Mädchen wurde immer aufsässiger und war kaum noch zu bändigen. Jeder zweite Satz begann mit einem vorwurfsvollen »Mein Papi hat aber …«

Nachdenklich betrachtete Anne ihre Tochter, die mit einer Freundin Ball spielte. Janine tollte übermütig durch den Garten und wirkte gelöst und zufrieden. Sie schien Mike nicht im Geringsten zu vermissen.

Nur manchmal trat ein betrübter Ausdruck in die blauen Kinderaugen, wenn die Kleine sich scheinbar desinteressiert erkundigte, ...

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