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Kinderlachen - Folge 13

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Paradies vorhanden – Engel gesucht
  4. Vorschau

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Paradies vorhanden – Engel gesucht

Wenn Kinderträume nach vielen Tränen wahr werden

Von Sabine Stephan

Sieben Jahre ist es her, seit Uli seine Familie im Stich gelassen hat. Sieben lange einsame Jahre, in denen Corinna nur für ihren Sohn gelebt hat. Eigenen Wünschen und Sehnsüchten hat sie keinen Raum gewährt. Tom soll nicht eins von diesen unschuldigen Scheidungsopfern werden, die, um ihre Traurigkeit zu verdrängen, zu Drogen greifen. Und weh tut es Tom ganz bestimmt, wenn er seinen Vater mit der neuen Frau und den neuen Kindern sieht. Kinder, die er vergöttert und die Tom aus seinem Herzen verdrängt haben.

Und doch ist es ausgerechnet Tom, der seiner Mutter eines Tages klarmacht, dass sie ihr Leben ändern muss. Dass sie ihr Herz öffnen muss, damit die Freude und das Lachen in ihr Leben zurückkehren. Und dazu sucht er sich heimlich einen Verbündeten, der wie er eine tiefe Sehnsucht im Herzen hat …

Das alte Speicherhaus lag mitten im Hamburger Hafen. Schmalbrüstig war es, hoch und mit seiner ein wenig schief wirkenden Fassade aus rotem Backstein sah es ein wenig wie ein zu klein geratenes Märchenschloss aus, das ein fantasiebegabter Maler mit kindlichem Gemüt ersonnen und zu Papier gebracht hatte.

Früher einmal, lange bevor Corinna geboren wurde, war hier Korn gespeichert und über Holzrutschen direkt in die Schiffe geladen worden, die auf der Elbe ankerten.

Später aber hatte der Besitzer das windschiefe Gebäude zu Büros umbauen lassen, und, dem Stil der Zeit gemäß, eingerichtet. Der Stil war … düster, wie die junge Frau empfand. Vielleicht hatte der Architekt verhindern wollen, dass irgendjemand der Angestellten sich der Arbeit erfreute.

Im dritten Stock lag die Anwaltskanzlei, in der Corinna nun schon seit sieben Jahren arbeitete … für Dr. Ingbert Ladiges junior, einen altväterlichen Hagestolz. Das Junior sagte nichts über sein Alter aus: Corinnas Chef war achtundfünfzig, und er würde der Junior bis ans Lebensende bleiben, denn er war unverheiratet.

»Frau Andersen?«

Seine näselnde, hohe Stimme drang aus dem Chefzimmer mit Elb- und Hafenblick in das kleine Kabuff, das für Corinna reserviert war. Es hatte keinen Blick auf den breiten Strom, und es war so winzig, dass sich ihre Tür nur öffnen ließ, wenn sie den Besucherstuhl zusammenklappte.

»Frau Andersen?«

Es war siebzehn Uhr und neunundfünfzig Minuten. Corinna musste nur noch rasch bis sechzig zählen … und sie hatte wieder eine volle Überstunde auf ihrer imaginären Liste, die niemals bezahlt werden würde.

»Ja, Herr Doktor?« Ihre Stimme klang leise und fast ohne den Anflug des leisesten Ärgers.

»Wir wollen noch an Schnoop & Partner schreiben, ja?«

Seit anderthalb Stunden wartete Tommy auf Corinna, ihr dreizehnjähriger Sohn. Er wartete jeden Tag nach der Ganztagsschule, also war er daran gewöhnt. Sie auch. Und doch …

»Natürlich, Herr Doktor«, antwortete Corinna.

Sie stand auf und glättete wie immer den Rock. Das schmale beigefarbene Kostüm war nicht neu und deshalb weder modisch noch von jenem Zauber, den gerade gekaufte Kleider nun einmal besitzen. Aber die Unmöglichkeit neuer Kleider war nun wirklich Corinnas unwichtigstes Problem.

Den Block nehmen, den Bleistift prüfen. War er spitz genug? Selbstverständlich! Corinna spitzte ihre Bleistifte jeden Morgen. Dr. Ladiges wünschte es so. Mochten andere Chefs ihre Klientenbriefe längst in ein Diktafon sprechen – hier wurde noch auf die althergebrachte Art diktiert.

Rasch einen Blick in den Spiegel werfen. Ihr Gesicht sah … ausdruckslos aus, hoffte Corinna. Es war das Gesicht einer Sechsunddreißigjährigen, einer Frau also, die sich langsam den mittleren Jahren näherte. Die ersten Fältchen waren schon da, aber sie konnten fast davongewischt werden, wenn Corinna lächelte. Zwei graue Haare im matten mittelblond ihrer gut kinnlangen Frisur besaß sie auch schon. Sie grämte sich nicht deswegen.

»Frau Andersen?«

Dr. Ladiges liebte Rituale. Dieses hier, das ständige Nennen ihres Namens, gehörte dazu.

»Ja, Herr Doktor?«

Corinna klopfte an die schwere Kassettentür zu seinem Büro. Wieder so ein Ritual. Er tat beschäftigt und reagierte sekundenlang nicht. Rituale, Rituale!

»Wie? Ach so? Der Brief an …«

Er war keine Schönheit, ihr Chef. Auch als junger Mann – war er wirklich einmal jung gewesen? – konnte er durch nichts bezaubert haben. Das hagere Gesicht, die kleinen grauen Augen, die hohe Stirn, das Pergamentene seiner Haut … gern hätte Corinna sich geschüttelt.

Wie hatte Tom ihn genannt? »Gevatter Tod«! Jungen von dreizehn können sehr erfinderisch sein … und sehr direkt!

Es war alles wie immer. Draußen tuckerten Barkassen und Schuten, Lotsenschiffe und Container-Riesen vorbei. Sie sah die hohen Kräne im Wind hin- und herkreisen.

Schön war es am großen Strom! Manchmal, wenn ihr Chef minutenlang um eine seiner schrecklich altmodischen Formulierungen rang, schaute Corinna hinaus und wünschte sich, auf einem schneeweißen Schiff ganz woanders hinzufahren … in diese Welt, die hinter dem Horizont liegen musste. Eine Welt, in der es keine verknöcherten Chefs mit saurem Gesichtsausdruck gab und auch keine unbezahlten Überstunden.

Eine Welt, in der Kinder nicht allein zu Hause sitzen mussten, weil ihre Mama immer noch nicht heimgekommen war. Eine Welt, in der Väter sich nicht anderen Frauen zuwandten und mit ihnen neue Babys zeugten. Eine Welt, in der …

»Sie sind abwesend!«, dozierte ihr Chef scharf.

Corinna zuckte zusammen.

»Verzeihung«, murmelte sie und senkte den Kopf, fühlte sich schuldbeladen und von einer seltsamen Traurigkeit erfüllt. »Wenn ich vorher noch etwas sagen darf«, murmelte sie. »Sie hatten mir für morgen freigegeben … weil doch unser Gast aus Frankreich ankommt. Sie erinnern sich?«

Dr. Ladiges wurde um eine Spur bleicher. Eigentlich war das unmöglich. Er schaffte es trotzdem.

»Habe ich? Wann? Ich erinnere mich wirklich nicht …«

Das sagte er immer.

»Aber ich habe es Ihnen doch mehrmals erklärt«, antwortete Corinna, und sie spürte, wie ihre Stimme etwas Verzweifeltes, Flehentliches bekam. »In der Klasse meines Sohnes wurden Auslandskontakte geknüpft. Jeder der Jungen hat einen französischen Schüler im gleichen Alter eingeladen. Für vierzehn Tage habe ich also zwei Kinder. Deshalb nehme ich doch auch meinen Urlaub!«

Seine Pupillen waren stecknadelkopfklein geworden.

»Urlaub? Für ein fremdes Kind? Dazu eines, das aus … Frankreich kommt?«Dr. Ladiges gehörte zu den Menschen, die das Deutsche hochhielten.

Corinna hätte gern geweint. Eigentlich waren seine Schikanen nicht neu für sie, doch ihr kam es vor, als verschlimmerten sie sich von Jahr zu Jahr.

Draußen tutete ein stolzes, schneeweißes Ausflugsschiff einmal, dann noch einmal.

Wehr dich, Corinna!, schien es zu rufen. Wehr dich doch endlich!

Aber … dann kündigte er ihr womöglich. Anwaltsgehilfinnen wurden heutzutage nicht mehr gebraucht wie früher. Die Technik hatte in alle Kanzleien Einzug gehalten. Computer schrieben die unzähligen Briefe mit Paragrafen. Richtige Sekretärinnen oder Assistentinnen waren fast überflüssig geworden.

Mancher Chef brauchte sie dennoch … um seinen Ärger an ihnen abzulassen!

»Und jetzt … es ist längst nach sechs Uhr … ich muss gehen«, sagte sie so schnell, dass sie es sich zwischendurch nicht mehr anders überlegen konnte. »Ich habe mit Tom noch viel zu besprechen. Wir müssen auch mein Schlafzimmer ausräumen, damit die Jungen etwas mehr Platz haben. Die Wohnung ist doch schon für zwei viel zu klein, und so ein Gast, der muss doch … ich meine … der möchte doch …«

Sie war aufgesprungen, hatte sich verheddert, und jetzt füllten sich ihre blauen Augen auch noch mit Tränen. Es fehlte nicht viel, und sie würde mit dem Fuß aufstapfen wie ein Kind im Trotzalter.

Mit sechsunddreißig stapfte eine Frau aber nicht mehr mit dem Fuß auf!

»Ja, aber … was erlauben Sie sich! Haben Sie denn vergessen, wie ich Sie damals aufnahm? Vor … waren es nicht sieben Jahre? Sie brauchten Arbeit! Irre ich mich, oder hatten Sie gerade noch … ein paar Cents im Portemonnaie?«

Nein, er irrte sich nicht! Und verzweifelt war sie gewesen, weil schon den dritten Monat kein Scheck von Uli gekommen war! Und zum Amt hatte sie nicht gehen wollen! Und Tommys Schuhe drückten schon seit Wochen.

Ja, ja, ja! Er hatte ihr einen Job gegeben … und dafür hatte sie ihm dankbar zu sein. Sieben Jahre lang!

Der Bleistift zitterte in Corinnas Hand. Ihr Stenoblock fiel herunter.

Wenn sie doch nur kündigen könnte!

»Sie sind ein wenig verwirrt heute, Frau Andersen«, stellte Dr. Ladiges fest. »Ich erlaube Ihnen, sich für heute zurückzuziehen. Sollte ich Ihnen wirklich für morgen stundenweise freigegeben haben … nun gut. Aber Sie holen die Zeit selbstverständlich nach. Oder vor? Möchten Sie vielleicht morgen schon um sieben …?«

Nein! Das war zu früh! Dann konnte sie ja nicht einmal mit Tommy frühstücken.

Stumm schüttelte Corinna ihren Kopf.

Er entließ sie mit einer seiner spärlichen Handbewegungen.

Endlich! Sie war der dunklen Mahagonitäfelung, den Tapeten mit den schaurig oliv- und rostbraunen Jägermotiven entkommen!

***

Im Bus stand Corinna eingezwängt zwischen lauter Hafenarbeitern, deren Schicht vorüber war. Die Männer waren müde und abgearbeitet vom harten Tag. Manche überflogen eine Zeitung mit fetten Schlagzeilen, die von Krieg und Gewalt überall erzählten.

Warum gibt es denn immer nur schlechte Nachrichten?, fragte Corinna sich.

Die Fahrt ging am Altonaer Bahnhof vorbei. Sie bemühte sich, etwas Schönes zu entdecken: eine Kastanie, die jetzt, Mitte Mai, schön blühte, ein paar Stiefmütterchen rund um den Taxistand, deren Zeit vorüber war und die dennoch ihre gelben und violetten und weißen »Augen« der milden Frühlingssonne entgegenreckten.

Nur nicht die Bettler sehen mit ihren erbärmlich ausdruckslosen Gesichtern! Nur nicht die Jugendlichen anschauen, die dort herumstreunten, alkoholsüchtig, tablettenabhängig, obdachlos oder »nur« allein. Viele waren kaum älter als Tom … doch sie hatten schon verstanden, dass die Schule sie für jenes Leben, das ihnen bevorstand, nicht vorbereitete. Dort lernte man vielleicht die deutsche Sprache, aber wie sich ein halbes Kind durchs Leben schlagen konnte, auf das niemand achtgab – nein, das lernte man dort nicht.

Und all die Verbotstafeln! Und der Schilderwald vor jeder Kreuzung! Was war in einer Großstadt eigentlich noch erlaubt? Was in einem Mietshaus?

Die letzten Meter bis zur Kehre vor der schmalen Altbaustraße stand Corinna bereits an der automatischen Tür, auf das Bremsen wartend, den Blick auf ihre Schuhe gerichtet.

Nein, schön war es hier nicht! Menschen drängelten sich aneinander vorbei. Die Fassaden waren schwärzlich-grau, die Fenster meist ungeputzt, und die Läden im Parterre wirkten schmutzig und düster.

Hier ein An- und Verkauf, dort ein Waffenladen, drüben eine Bäckerei, deren Kuchen und Brötchen wie … Plastikteile aussahen. Links ein Imbiss, in dem es nach ranzigem Fett stank, und um die Ecke ein Geschäft, das grellbunte Kunstblumen verkaufte. Der Laden gehe gut, hieß es. Eine Marktlücke. Aber in der Natur gab es solche bizarr gezackten Wunderpflanzen nicht! Musste die Natur nicht bei allen menschlichen Schöpfungen Vorbild sind? Corinna glaubte es.

Es ist die Welt, in die ich Tom gebracht habe, dachte sie.

Der Bus hielt, und sie sprang hinaus, sauste um die Ecke, atmete tief durch.

Für den Übergang hatte diese Behausung nur sein sollen … und jetzt waren aus drei, vier erdachten Monaten sieben Jahre geworden! Sieben Jahre in zweieinhalb Zimmern mit vierundvierzig Quadratmetern, ohne Balkon, mit einer Dusche, die von der Küche abgetrennt worden war. Graue Fliesen, grau wie der Blick auf die Mauer gegenüber. Die Sonne hatte keine Chance, hereinzudringen. Corinnas Wohnung lag nach Norden.

Die Haustür klemmte. Nur mit Gewalt schaffte sie es, sie aufzustoßen. Ihre Klingel funktionierte schon lange nicht mehr. Keine in diesem Haus. Der Besitzer lebte im Ausland. Die Miete erreichte ihn dort offenbar – Corinnas Briefe aber schienen nicht anzukommen. Jedenfalls beantwortete er sie nicht.

»Tom! Tommy!«, rief sie schon im zweiten Stock.

Oben wurde die Tür aufgerissen.

»Mann, endlich!« Sie lauschte dem Klang seiner Stimme nach. »Ich hab ’ne Zwei in Mathe!«

Auch so ein Ritual: Sie rief ihren Sohn, und er schrie ihr die Neuigkeiten entgegen.

Dann bollerte Frau Sorge mit dem Besenstiel an ihre Tür, und Herr Krause, der gehbehinderte Rentner, »antwortete« auf seine Weise. Er stellte seinen CD-Player lauter. Herr Krause liebte Marschmusik …

Ach ja, ach ja!

Jetzt hatte Corinna die sechste Etage erreicht, ein wenig außer Atem wie immer. Sie war nicht durchtrainiert, weil … berufstätige Mütter ihre Abende eben nicht in schicken Fitnessstudios verbrachten.

»Tom! Tommy!«

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