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Kinderlachen - Folge 10

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Tommy Tunichtgut

Auf den ersten Blick sieht er aus wie ein Engel, aber wehe …

Von Silvia Milius

Martina ist eine wirklich bildschöne junge Frau, eine, die in jedem Mann sofort den Beschützerinstinkt weckt. Doch die meisten »Beschützer« ergreifen voller Panik die Flucht, wenn sie von Tommy, ihrem kleinen Sohn, erfahren.

Martina will sich schon damit abfinden, dass es für sie in den nächsten Jahren kein neues Glück gibt – als Roland Weiertal ihren Weg kreuzt. Für beide ist es Liebe auf den ersten Blick. Leider jedoch unterschätzen sie in ihrer Verliebtheit den Einfallsreichtum von T.T., besser bekannt als Tommy Tunichtgut …

Der Taxistandplatz am S-Bahnhof war für Martina günstig. Alle zwanzig Minuten kam eine Straßenbahn, und spätestens dann gab es Fahrgäste. Alte Pappeln boten Schatten, der in dieser sommerlichen Hitze sehr willkommen war. Und die Schule ihres Sohnes lag auch ganz in der Nähe, sodass Tommy es nicht weit bis zu ihrem Auto hatte.

Martina Hollweg hätte sich mit ihrem Wagen allerdings ohne Murren auf jeden anderen Standplatz gestellt, auf den man sie schickte. Eine Witwe von zweiunddreißig Jahren, die ihre Witwenrente als Aushilfs-Taxifahrerin aufbesserte, konnte nicht sonderlich wählerisch sein.

Eine flache Hand klatschte donnernd auf ihr Wagendach. Martina wäre zu Tode erschrocken, hätte sie nicht schon im Rückspiegel gesehen, dass ihre Kollegin und Freundin Sieglinde Xander zu ihr kam. Und wo Sieglinde, von allen »Dicke Siggi« genannt, auftauchte, ging es laut her.

»Na, Mädel!«, rief Siggi, als ob Martina schwerhörig gewesen wäre. »Wie ist es?«

»Sehr warm«, erwiderte Martina lächelnd.

»Das brauchst du mir nicht zu sagen.« Sieglinde wischte sich stöhnend über das krebsrote Mondgesicht. »Ich will wissen, wie dein gestriges Rendezvous mit diesem Kerl, diesem Lehrer, gelaufen ist. Du hast dich doch mit ihm getroffen, oder?«

Martina zögerte. Wenn Siggi leise sprach, hörte man es noch zwei Querstraßen weiter. Und die durchweg männlichen Kollegen am Taxistand spitzten die Ohren. Unter ihnen befand sich auch Holger Flötz, ihr Chef, der selbst am Steuer saß, während seine Frau die Funkzentrale besetzt hielt.

Siggi warf den Fahrern vernichtende Blicke zu.

»Jungs, hört weg, wenn wir Mädels uns unterhalten! Das geht euch einen feuchten Staub an.«

Die anderen Fahrer taten daraufhin wenigstens so, als würden sie nicht länger lauschen.

»Es war wieder nichts«, gestand Martina niedergeschlagen. »Wir haben Schluss gemacht.«

»Und was war diesmal der Grund?« Die dicke Siggi zählte an den Fingern mit. »Wollte er mit dir nur schnell ein paarmal in die Kiste und hat danach eine Fliege gemacht? Oder kann er keine Kinder leiden und hat dir das erst jetzt eröffnet? Oder hat er dir gestanden, dass er verheiratet ist?«

»Er ist geschieden, und das wusste ich von Anfang an.« Martina dämpfte ihre Stimme, damit die Kollegen wenigstens nicht mitbekamen, was sie selbst sagte. »Gestern hat er behauptet, dass er sich durch die glückliche Beziehung mit mir daran erinnert hat, wie schön es mit seiner Geschiedenen war. Darum hat er sie besucht, und die beiden haben sich versöhnt und beschlossen, wieder zu heiraten.«

»Der Kerl spinnt ja!«, stellte Siggi zornig fest und deutete anklagend auf die Fahrer, die an ihren Wagen lehnten und verstohlen zu ihnen herübersahen. »Männer sind Mistkerle!«, donnerte sie. »Abschneiden sollte man ihnen alles! Abschneiden!«

Ein jüngerer Mann, der offenbar ein Taxi nehmen wollte, schreckte bei diesem Kriegsruf zurück und wollte schon die Flucht ergreifen. Holger Flötz schritt gerade noch rechtzeitig ein und bugsierte den Fahrgast in sein Taxi. Bevor er losfuhr, drohte er Siggi mit erhobenem Zeigefinger und legte ihn warnend an die Lippen.

»Ach, scher dich zum Teufel!«, schrie Sieglinde hinter ihrem Chef her. »Du bist auch ein Mann!«

»Siggi«, mahnte Martina. »Du darfst die Fahrgäste nicht verjagen. Ich brauche noch eine Fuhre, bevor ich für heute aufhören kann. Und Tommy kommt bald aus der Schule.«

»Na schön, meinetwegen, bin ich eben still«, lenkte Siggi ein. »Aber Mistkerle sind die Männer doch! Wie hat Tommy es aufgenommen?«

Martina seufzte ganz tief auf. Ihr Sohn war jetzt elf. Vor sechs Jahren hatte er seinen Vater verloren und sehr darunter gelitten. In den letzten Jahren hatte sie versucht, einen neuen Vater für ihn zu finden, und ein paarmal hatte es sehr vielversprechend ausgesehen, aber irgendwie hatte es dann doch nie geklappt.

»Er weiß es noch nicht?«, vermutete Siggi wegen Martinas Seufzer. Als die Freundin den Kopf schüttelte, seufzte Sieglinde ebenfalls, und dieser Laut erinnerte entfernt an das Röhren eines brunftigen Hirsches.

»Ich würde es ihm ja gern schonend beibringen, aber ich habe die nächste Fuhre. Hey, da kommt schon ein Fahrgast! Immer herein in meinen hübschen Backofen!«, lud Siggi den Mann mittleren Alters ein, der neben dem Taxi stehen geblieben war, und öffnete ihm die Beifahrertür. Der Mann betrachtete sie vom Scheitel bis zur Sohle. Ihr Umfang war in der kurzärmeligen Bluse und den leichten Shorts sehr deutlich zu erkennen.

»Was ist?«, fragte die dicke Siggi kampflustig. »Noch nie eine Frau gesehen, die so breit wie hoch ist?«

»Passen Sie denn überhaupt in den Wagen?«, fragte er spitz.

»Aber sicher«, beteuerte Siggi. »Ich muss nur aufpassen, dass ich mich nicht auf Sie setze, sonst sind Sie platt wie eine Flunder. Was ist? Fahren wir?«

Der Fahrgast verzog das Gesicht, stieg jedoch ein. Siggi zwängte sich mit einiger Mühe auf den Fahrersitz, und die Kollegen grinsten, inklusive Martina. Die dicke Siggi fuhr schon unter normalen Umständen, als wäre der Teufel hinter ihr her. Wenn sie sich aber über jemanden geärgert hatte, lernte der Betreffende das Fürchten, sofern er das Unglück hatte, in ihrem Wagen zu sitzen.

Das Taxi jagte mit kreischenden Reifen los, und Martina konnte noch einen Blick auf das entsetzte Gesicht des unhöflichen Fahrgastes werfen, der soeben dabei war, seine an Siggi begangenen Sünden abzubüßen – und noch einige andere dazu.

Doch dann wurde Martina Hollweg schnell wieder ernst. Der Fehlschlag mit ihrem letzten Freund ärgerte sie, und sie fühlte sich verletzt und zurückgesetzt.

Schlimm war es aber besonders für Tommy. Jedes Mal, wenn eine ihrer Freundschaften zerbrach, litt er darunter, auch wenn er es nicht zeigen wollte. Aufgrund der Leichtigkeit, mit der er sich einem neuen Mann in ihrem Leben anschloss, vermutete sie, dass er sich sehnlichst einen neuen Vater wünschte.

»Kummer?« Anton Döring stützte sich gegen ihren Wagen und beugte sich zum offenen Fenster herunter.

Anton war dreiunddreißig, sah nicht schlecht aus und war auch immer nett zu Tommy. Trotzdem hatte Martina bisher nie auf seine offenen Annäherungsversuche reagiert, ohne selbst den Grund dafür zu kennen. Bei ihm schlug ihr Herz einfach nicht schneller.

»Es geht, Anton, es geht«, erwiderte sie ausweichend. »Siggi hat mal wieder übertrieben.«

Anton Döring wirkte keineswegs überzeugt. Er schob seine Schirmmütze in den Nacken und lächelte treuherzig.

»Bei mir würdest du keine bösen Überraschungen erleben, Martina. Und ich verstehe mich mit Tommy bestens.« Er betrachtete ihre dunklen, kurz geschnittenen Haare und die dunklen Augen, in denen man lesen konnte, was die junge Frau schon alles erlebt hatte. »Ich will mich ja nicht aufdrängen, aber …«

»Da ist Tommy!« So sehr sie vorhin auch Tommys Auftauchen gefürchtet hatte, weil sie ihm wieder eine schlechte Nachricht schonend beibringen musste, so froh war sie jetzt, dass ihr Sohn sie einer Antwort enthob.

»Hallo, Mama! Hey, Anton!« Der Junge warf seinen Schulrucksack schwungvoll durch das offene Seitenfenster auf den Rücksitz und blieb neben seiner Mutter stehen – er war die elf Jahre alte männliche Ausgabe von ihr. Die gleichen dunklen Haare standen zerzaust nach allen Seiten ab, die gleichen dunklen Augen blickten unternehmungslustig in die Welt. »Fahren wir heim?«

»Ich muss noch eine Fuhre machen.« Martina winkte ihren Sohn in den Wagen. »Und wir müssen miteinander reden.« Sie sah Anton Döring direkt an. »Unter vier Augen.«

»Schon verstanden.« Anton legte, spöttisch salutierend, zwei Finger an den Schirm seiner Mütze. »Wenn man mir so schonend einen Wink mit dem Lattenzaun gibt …«

»Einen Wink mit dem Zaunpfahl«, verbesserte Tommy vom Rücksitz her.

»Nein, mein Lieber, das war schon ein ganzer Lattenzaun«, widersprach Anton. »Also, macht es gut, ihr zwei! Wir sehen uns bestimmt noch in diesem Leben wieder.«

Martina vergewisserte sich, dass Anton zu seinem Wagen zurückging, ehe sie sich zu Tommy umwandte.

»Tja, Tommy, wir müssen miteinander reden«, begann sie zögernd.

»Der Lehrer ist stiften gegangen.« Tommy zuckte schicksalsergeben die schmalen Schultern. »Was soll’s!« Seufzend legte er die trotz der Hitze in klobigen schwarzen Turnschuhen steckenden Füße auf die Rückenlehne des Beifahrersitzes und zog sie unter dem mahnenden Blick seiner Mutter wieder zurück. »Wann bekommst du deine Fuhre, damit wir nach Hause fahren können?«

»Du weißt so gut wie ich, dass man sich die Fahrgäste nicht bestellen kann«, erwiderte Martina und zwang sich zur Geduld. »Wieso bist du so schnell darauf gekommen, dass der Lehrer …«

»Dass er abgehauen ist?« Wieder zuckte Tommy die Schultern in einer Weise, die eher zu einem resignierten Vierzigjährigen gepasst hätte. »Die Kerle gehen bei dir doch alle stiften. Was machst du eigentlich mit ihnen?«

Martina konnte sich nicht sofort entscheiden, ob sie mit ihrem Schicksal hadern sollte, das ihr einen Sohn beschert hatte, der so unangenehme Fragen stellte, oder ob sie eben diesem Sohn eine Lektion über zwischenmenschliche Beziehungen halten sollte. Bevor sie die entsprechende Entscheidung traf, beugte sich jemand zum offenen Beifahrerfenster.

»Sind Sie frei?«, fragte eine angenehme Männerstimme.

Martina lag schon auf der Zunge, den Fremden anzufauchen, er solle sie nicht stören, wenn sie eine ernsthafte Aussprache mit ihrem Sohn habe. Gerade noch rechtzeitig erinnerte sie sich daran, dass sie im Moment in erster Linie Taxifahrerin war. Dementsprechend wollte sie erwidern, dass sie frei sei und dass der Mann einsteigen solle. Doch auch diese Worte kamen ihr nicht über die Lippen.

Sie blickte nicht nur in blaue Augen, die sie freundlich betrachteten, sah nicht nur blonde Haare, auf die durch die alten Pappeln ein Sonnenstrahl fiel, der sie wie Gold aufleuchten ließ. Martina betrachtete nicht nur ein sagenhaft gut geschnittenes Männergesicht mit Lachfältchen in den Augenwinkeln, die auf Humor hindeuteten. Und sie sah nicht nur ebenmäßig und strahlend weiße Zähne.

Nein, sie verspürte auch ein ganz seltsames Prickeln, ein Gefühl, als habe sie soeben den Mann getroffen, auf den sie bisher vergeblich gewartet hatte. Es war, als würden sie sich schon immer kennen, ohne einander jemals begegnet zu sein.

Nur ein einziges Mal hatte sie bisher so empfunden. Damals hatte sie ein Taxi genommen, und sie hatte den Fahrer angesehen und vergessen, wohin sie gebracht werden wollte. Ein halbes Jahr später hatte sie den Taxifahrer geheiratet, und vor sechs Jahren hatte sie ihn begraben und …

»Mama, aufwachen!«, rief Tommy von hinten und trat so kräftig gegen die Rückenlehne des Fahrersitzes, dass Martina sehr unsanft aus ihren Gedanken erwachte.

»Ja, ich bin Witwe«, stammelte sie. »Frei … ich bin ganz frei … ich meine … ich habe keine Fuhre … ich …«

»Steigen Sie ein!«, assistierte Tommy. Als der Fremde zögerte und den Jungen auf dem Rücksitz fragend ansah, fügte der Kleine hinzu: »Fahren kann sie trotzdem, ehrlich.«

»Aha.« Der Fahrgast öffnete wenigstens schon die Beifahrertür und beugte sich herein, stieg jedoch noch nicht ein. »Ich möchte nicht stören.«

»Ich …«, setzte Martina an, hatte sich jedoch noch nicht wieder vollständig gesammelt.

»Sie stören nicht«, beteuerte Tommy. »Mama wollte mir nur gerade erklären, warum ihr der Lehrer stiften gegangen ist. Aber das kann sie auch später machen … oder während der Fahrt.«

Der fremde Mittdreißiger blickte verwirrt von Tommy zu Martina.

»Welcher Lehrer?«

»Steigen Sie ein«, bat die junge Frau und hoffte, dass sie nicht rot angelaufen war. Sie war wütend, weil Tommy ein so intimes Geheimnis ausgeplaudert hatte, und ihre Wangen glühten, als würde die Sonne voll darauf scheinen. »Wenn der vorlaute Bengel stört, bleibt er hier bei den Kollegen. Die passen auf ihn auf, während ich fahre.«

Das war nicht nur ein Angebot an den Fahrgast, sondern gleichzeitig eine Warnung an Tommy, der mit einem abfälligen Laut antwortete.

»Mich stören Kinder nicht«, versicherte der attraktive blonde Mann, stieg endlich ein, schloss die Tür und nannte sein Fahrziel.

»Ich bin kein Kind«, maulte Tommy.

Martina startete und kontrollierte ihn im Rückspiegel.

»Schnall dich an, du Kindskopf!«, befahl sie und fing aus dem Augenwinkel ein Lächeln ihres Fahrgastes auf. Es war ein Lächeln, das zu seinem Aussehen, seinen blauen Augen und den schimmernden Haaren passte. Es war ein himmlisches Lächeln!

»Wissen Sie, wo wir hinmüssen?«, fragte der Fremde. »In dem Haus ist die ...

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