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Inhalt

Einführung

Kinder mit unterschiedlicher Geschichte: Nazim, Selima und Edward

Flüchtlingskinder in der Kita

Zuerst einmal sind es Kinder

Herausforderung Migration

Die Familie kommt aus einem anderen Kulturkreis

Die Familie vertritt andere Glaubensrichtungen

Die Familie spricht eine andere Sprache oder ist sprachlos

Der Lebensalltag unterscheidet sich stark

Staatliche, politische und gesellschaftliche Strukturen sind völlig fremd

Geschlechter wachsen unterschiedlich auf

Die Familie erlebt Fremdheit und Diskriminierung

Die Bleibeperspektive ist unsicher

Herausforderung Flucht, Vertreibung und Verfolgung

Die Familienstruktur ist zusammengebrochen

Wichtige Familienmitglieder wurden zurückgelassen oder verloren

Die Familie betrauert Verluste

Die Familie ist noch im Überlebens- und Fluchtmodus

Die Familie ist von Armut jeglicher Art betroffen

Kindgerechte Bedürfnisse werden nicht erfüllt

Wichtige Bezugspersonen sind belastet oder traumatisiert

Falsche Erwartungen und aktuelle Perspektivlosigkeit lähmen

Herausforderung Trauma

Traumatische Ereignisse

Was bei einem Trauma im Gehirn passiert

Unterscheidung der Belastungsstörungen des ICD 10 - 2017 - F43

Konkrete Reaktionsmuster bei einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS)

Resilienz und Resilienzförderung

Ressourcen im Kind

Ressourcen in der Familie

Ressourcen in der Umwelt

Faktoren der Resilienz und Resilienzförderung

Pädagogische Haltung und pädagogisches Handeln

Aufbau von Beziehung und Bindung - pädagogische Grundsätze

Stabilität durch Sicherheit, Kontrollierbarkeit und Vorhersagbarkeit

Interesse für das Kind, seine Bedürfnisse und seine Kultur

Schneller Spracherwerb

Ressourcenorientierte Sicht auf das Kind

Kultursensible Erziehung: Wissen - Haltung - Praxis

Wissen

Haltung

Praxis

Vernetzung innerhalb der Kita / Arbeit mit der ganzen Kindergruppe

Vorbeugende Maßnahmen bei möglichen Traumata

Umgang mit aktuellem Wiedererleben des Traumas

Umgang mit Konflikten

Geeignetes Material und passende Methoden einsetzen

Elternarbeit und Vernetzung

Arbeit mit den Familiensystemen der Flüchtlingskinder

Erstgespräch / Anmeldegespräch

Eingewöhnung

Tür- und Angelgespräche

Entwicklungs- und Krisengespräche

Hausbesuch

Elterncafé in der Einrichtung

Veranstaltungen der Kita

Elterngruppen und Elternkurse

Elternarbeit mit den Familien der angestammten Kinder

Alle Familien und ihre Ängste im Blick

Transparenz und Informationsweitergabe an alle Eltern

Krisengespräche

Patenschaften

Vernetzung mit dem Umfeld

Ämter, Institutionen und Dolmetscher im Stadtteil

Deutsche Familien außerhalb der Kita

Übergänge - kritische Momente in der Kita

Unterstützende Rahmenbedingungen für pädagogische Fachkräfte

Multiprofessionelles und multikulturelles Team

Supervision, Selbstreflexion und gesunde Selbstfürsorge

Austausch mit dem Träger und im Team

Zeitnaher Zugriff auf Dolmetscher / Kulturdolmetscher und Vernetzung im Stadtteil

Betreuungsschlüssel und finanzielle Ausstattung

Fortbildung

Grenzen pädagogischen Handelns in der Kita

Notwendige Rahmenbedingungen sind nicht gegeben

Eltern und andere Familienmitglieder arbeiten gegen die Kita

Die Familie wird abgeschoben oder zieht um

Kindeswohlgefährdung

Traumatherapien - Unterstützung durch die Kita

Ausblick

Literatur

Adressen und Internetseiten

Bildnachweis

Sachregister

Einführung

„Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen.“ (Sprichwort aus Afrika)

Dieses Sprichwort klingt brandaktuell, ist jedoch altbekannt. Es beschreibt treffend, dass ein Kind verschiedene Erwachsene und auch Kinder benötigt, um zu einem selbständigen, selbstbewussten und zugleich sozialen Menschen heranzureifen. Daran hat sich bis heute nichts geändert, im Gegenteil: Wir brauchen heute mehr denn je Menschen, die Kinder auf dem Weg ins Leben begleiten.

Was brauchen wir, um Kinder in eine für sie neue Gesellschaft zu begleiten?

Auch Flüchtlingskinder benötigen Erwachsene außerhalb ihrer Familie, die ihnen Hilfestellungen geben. Diese Kinder befinden sich in ganz besonderen, für Menschen im westlichen Europa oft fremden, Lebenssituationen. Um solche Kinder in eine andere und neue Gesellschaft zu begleiten, sie zu unterstützen und zu stärken, ist vieles vonnöten: guter Wille und Liebe zum Kind, Selbstreflexion, Offenheit für Neues, ein Rucksack voll mit pädagogischem Geschick und pädagogischer Theorie und nicht zuletzt Hintergrundinformationen über die Lebenswelt, aus der diese Kinder stammen.

Auch die Familien dieser Kinder wollen verstanden und in Lern- und Integrationsprozesse einbezogen werden. Pädagogische Fachkräfte sollten sich mit ihnen und ihren Werten, Geschichten, Normen und Ängsten auseinandersetzen. Dabei dürfen die hier lebenden Kinder und deren Eltern nicht aus dem Blick geraten, die ihrerseits Ängste, Sorgen und Bedürfnisse mit sich bringen. Sie alle haben ein Recht auf Verständnis und Mitsprache und sind zugleich eine wichtige Ressource für die Arbeit in der Kita. Nicht zuletzt wird es notwendig sein, dass pädagogische Fachkräfte den Mut aufbringen, ihre eigene Sozialisation zu betrachten, Grenzen und Urteile wahrzunehmen, sich ihren eigenen Ängsten zu stellen, dazuzulernen und Hilfe anzunehmen. Sie sind gleichzeitig aufgerufen, undiskutierbare Werte der eigenen Kultur zu vertreten und vorzuleben und eine gesunde Selbstfürsorge zu betreiben. Solche „undiskutierbaren Werte“ unserer Gesellschaft basieren auf Werten, die das Grundgesetz benennt, und sind u.a: gewaltfreie Erziehung, gemeinsames und gleichberechtigtes Aufwachsen beider Geschlechter, Freiheit und Autonomie (z.B. bezüglich Partnerwahl, Religion, Lebensgestaltung), Unversehrtheit des eigenen Körpers (z.B. weibliche Beschneidung), Kindeswohl (z.B. Ablehnung von Gewalt und Zwang, auch Ablehnung der Kinderehe). Hinzu kommen notwendigerweise Respekt vor staatlichen Autoritäten und Toleranz gegenüber anderen Lebensstilen.

Welche Alternativen gibt es zur Betreuung von Flüchtlingskindern in der Kita?

Verhandelt werden können und müssen eher konkrete Werte wie z.B. Pünktlichkeit, Tradition, Formen der Ausübung von Religion (z.B. Verschleierung, Speise- und Schlachtgewohnheiten, Gebet), Ehrbegriff, Elternverantwortung und Familiensinn.

Für diese große Herausforderung müssen kreativ und offen neue Wege gesucht und gefunden werden. Dieses Buch möchte all jene Pädagogen und Pädagoginnen unterstützen, sich auf diesen Weg zu machen.

Ich gehe in diesem Buch davon aus, dass viele der Kinder mit Flucht- und Migrationshintergrund ihren Weg in die Kitas finden und dort gut versorgt und unterstützt werden. Dennoch müssten von politischer Seite her andere, zusätzliche und passende Formen der Kinderbetreuung geschaffen werden - wenn weiterhin hunderttausende Flüchtlinge und Migranten jedes Jahr mit ihren Familien in Europa ein neues Leben suchen. So könnten in bestimmten Fällen Übergangskitas oder wenigstens passende Schutzräume an ein Erstaufnahmelager angeschlossen werden. In diesem Rahmen könnten Fachkräfte die Kinder so lange betreuen, bis die Eltern ihre Asylanträge gestellt oder gar ihren endgültigen Wohnort mit Bleibeperspektive gefunden haben. Schnelle, stabilisierende und entlastende Betreuung käme den Familien wie den Kindern zugute und würde den ersten Schritt in Richtung einer positiven Integration unter Beachtung kindlicher Bedürfnisse bedeuten.

Auch die Ausbildung von kultursensiblen Tagesmüttern, die die Erstsprache und kulturellen Gepflogenheiten der Kinder kennen, könnte eine zusätzliche Hilfe darstellen. Dies könnte zugleich einen sanften Übergang in eine öffentliche Kita ermöglichen. Die Kita als „neue“ Institution in einem unbekannten Land ist für viele Flüchtlingseltern eine Einrichtung, die sie so von zu Hause nicht kennen und die sie zuerst einmal überfordert.

In diesem Buch benutze ich den Überbegriff „pädagogische Fachkraft“ für alle Pädagogen und Pädagoginnen, die im Arbeitsfeld Kita arbeiten. Diese Bezeichnung soll hier auch andere Berufe wie z.B. Erzieher, Heilpädagogen, Diplompädagogen oder Kinderpfleger umfassen.

Zudem habe ich mich für die Formulierung „Migrations- und Fluchthintergrund“ entschieden. Unter dem Begriff „Migrationshintergrund“ verstehe ich aktuelle Migrationserfahrungen. Ich meine damit nicht, dass die Familie oder ein Elternteil in früheren Jahren aus einem anderen Land zugezogen sind oder in einem anderen Land geboren wurden. Auch der Begriff „Fluchterfahrung“ oder „Flüchtling“ ist auf eine aktuelle Erfahrung bezogen, in keinerlei Hinsicht abwertend und beschreibt einfach den speziellen Hintergrund der Einwanderung.

Ich danke meinen Töchtern Maya und Sylvie, die mich so vieles lehren, vor allem dass Kinder unser größter Schatz und unsere Zukunft sind. Ich danke meinem Mann, der mich bei diesem Buch unterstützt hat.

Ich danke Rita Offinger-Gaube, Dr. Hilke Gerber, Tine Eschertzhuber, Roseli Weber, Maria Zepter, Herrn Vey, Frau Lesche, Frau Blümel und Frau Eberl, Frau Dr. Dagmar Hann und allen, die ich nicht namentlich nennen kann. Ohne sie wäre dieses Buch nicht so bunt.

Um die Arbeit mit Kindern und ihren Eltern mit Flucht- und Migrationserfahrungen und die damit verbundenen Herausforderungen konkret und anschaulich darzustellen, führen uns Selima, Nazim und Edward mit ihren Geschichten und Erlebnissen durch dieses Buch.

Kinder mit unterschiedlicher Geschichte: Nazim, Selima und Edward

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Die Kita „Sonnenschein“ ist eine viergruppige Einrichtung mit Krippe und Kindergarten in einer Kleinstadt in Mitteldeutschland. Sie wird getragen von der Gemeinde und der Kirche. Vor einigen Wochen kam der 5-jährige Nazim aus Pristina/Kosovo in der Kindergartengruppe „Sternenschweif“ an. Seine Mutter reiste vor einem halben Jahr allein nach Deutschland ein, nachdem sie sich von Nazims Vater getrennt hatte und ihre Eltern im Kosovo verstorben waren. Nazims Mutter hat in Pristina Sprachen studiert, Nazim ist ihr einziges Kind. Nazim und seine Mutter gehören der serbisch-orthodoxen Kirche an. Sie haben eine kleine Wohnung in einem Mietshaus, die Mutter geht in Privathaushalten putzen. Nazim wird am Nachmittag oft von einer Freundin der Mutter abgeholt. Er ist ein vorsichtiger, rücksichtsvoller Junge, der gerne mit den Mädchen in der Kita spielt und im Freispiel ausdauernd und mit Liebe zum Detail Bilder anfertigt.

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Selima besucht die „Regenbogengruppe“ der Kita bereits seit einigen Monaten. Sie ist sechs Jahre alt, und ihre Familie - ihre Eltern, die Oma und ihre jüngere Schwester Mariam - ist mit ihr aus Syrien geflohen. Sie kamen per Schiff und Bus in Deutschland an. Ihren Asylantrag haben sie bereits gestellt, sie wohnen aber noch in einer kleinen Zeltstadt, die für 50 Flüchtlinge aufgebaut wurde. Sie warten schon länger auf eine eigene Wohnung. Selimas Vater hilft in der Gemeinde im Bauhof. Die Familie lebt ihren muslimischen Glauben Selima ist sehr lebhaft und am Leben im neuen Land interessiert. Sie bastelt geschickt und klettert für ihr Leben gern.

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Edward aus Nigeria ist vier Jahre alt und bereits seit fünf Monaten in der Kita. Er kam mit seinem größeren Bruder aus seiner Heimat, wo sein Heimatdorf von Rebellen bedroht und überfallen wurde. Jetzt lebt er in der Familie seines Onkels, sein Bruder ist weiter nach Schweden gereist, um dort eine andere Tante zu suchen. Von seinen Eltern, von denen er bei dem Überfall getrennt wurde, hat er seit seiner Flucht keine Nachricht. Alle Erwachsenen gehen davon aus, dass sie nicht mehr leben, doch Edward wurde dies bisher nicht mitgeteilt. Er ist katholischer Christ ebenso wie sein Onkel, der mit vier eigenen Kindern in einer kleinen Wohnung am Rand der Kleinstadt wohnt. Edwards Onkel arbeitet als Maler auf Baustellen, Edward ist das Kind mit den längsten Buchungszeiten der Kita, meistens holt ihn die älteste Cousine (14 Jahre) im Kindergarten ab. Er ist sehr zurückhaltend und ein schlechter Esser. Wenn seine Gruppe „Mondlicht“ allerdings in den Wald geht, taut er auf und geht mutig mit seinem Stock der Kindergruppe voran.

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