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Kinder brauchen starke Eltern

REGINE SCHWARZHOFF

Kinder brauchen
starke Eltern

Das Mutmachbuch zu einer
selbstbewußten Erziehung

Inhalt

  1. Elternwerden
  2. 1. Schluß mit der Unsicherheit!
  3. 2. Neues Selbstvertrauen
  4. 3. Wertmaßstäbe für das Leben
  5. 4. Erziehung und Schule
  6. 5. Starke Eltern haben Einfluß
  7. Warum es sich lohnt
  8. Literatur

Elternwerden

Zwei junge Frauen, beide fast dreißig Jahre alt, sitzen zusammen bei einer Tasse Kaffee und unterhalten sich lebhaft. »Du willst Kinder in diese Welt setzen?« fragt die eine, nennen wir sie Lena. »Überleg doch mal, bei der Umweltkatastrophe, die auf uns alle zukommt, der politischen und sozialen Globalisierung mit all ihren bedenklichen Randerscheinungen, Islamismus, Terrorismus und so weiter, und dann noch der demographischen Entwicklung, immer mehr alte Leute, die ein Berufstätiger durchfüttern muß, diese Ellbogengesellschaft – also ich versteh dich nicht! Und außerdem: Wie willst du die denn überhaupt erziehen und groß kriegen, in einer Welt, die man heute keinem jungen Menschen mehr ernsthaft zumuten kann!«

Die andere, Marina, läßt sich nicht beirren: »Das ist es ja gerade, was die Katastrophe erst recht schürt, wenn Leute wie du solche Ansichten vertreten! Bitte nimm’s mir nicht krumm, aber ich sehe diese Dinge völlig anders. Je weniger Kinder unsere Generation in die Welt setzt, um so schlimmer wird es für die wenigen. Und wenn du ganz ehrlich bist, hast du nur Angst, deine Freiheit und deine Selbstbestimmung einzubüßen, gib’s zu!«

Lena und Marina werden wahrscheinlich noch lange ergebnislos diskutieren und zu keiner Einigung kommen, weil sie beide noch keine Erfahrung mit dem Kindergroßziehen haben. Ihre Mütter oder ältere Verwandte zu fragen, dazu sind sie vielleicht zu stolz. Außerdem wissen sie, daß jeder Mensch die Familienphase seines Lebens, also Familiengründung und Gestaltung des gemeinsamen Lebens, anders erlebt, immer abhängig von den persönlichen Umständen und Erwartungen. Also lassen sich die Erkenntnisse der anderen ohnehin nicht eins zu eins auf das eigene Leben übertragen.

Trotzdem will ich hier versuchen, Beobachtungen und Erfahrungen so zu schildern, daß übertragbare Ideen entstehen. Mein Ziel ist es, Abläufe in verschiedenen Situationen bewußter und verständlicher machen, Zusammenhänge herzustellen, Lösungen oder Wege zu zeigen und Mut zu machen, das Leben mit Kindern selbstbewußt und genußvoll zu gestalten.

Seit allen denkbaren Zeiten werden wir ganz »normalen« Menschen von einem auf den anderen Tag plötzlich Eltern. Wir wissen zwar seit einigen Monaten, daß etwas auf uns zukommt, aber was? Diese Frage steht im Raum und wird von niemandem beantwortet. Zu allen denkbaren Zeiten haben werdende Eltern sich damit getröstet, daß ihre Eltern und deren Eltern dieselbe Entwicklung erfahren haben. Sie haben darauf vertraut, daß ihnen mit einem Kind auch die Intuition gegeben wird, die für die Versorgung des Kindes notwendigen Maßnahmen zum richtigen Zeitpunkt zu treffen. Das hat schließlich schon bei den Urgroßeltern funktioniert.

Das tröstende Bewußtsein, daß Kinderkriegen »das Natürlichste auf der Welt« ist, ist uns aber leider in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr abhanden gekommen. Ob es Bedenken wegen der unzumutbaren Weltsituation sind oder Angst um die eigene Unabhängigkeit, wir gehen heute diese Fragestellung mit viel mehr Vorbehalten an, nicht zuletzt weil wir gewohnt sind, darüber selbst zu entscheiden, ob ein Kind kommt, statt die Entscheidung der Natur zu überlassen, wie es vorangegangenen Generationen vor der Entwicklung der modernen Mittel zur Empfängnisverhütung nicht anders übrigblieb.

Hinzu kommt eine facettenreiche mentale Distanz. Schon mit den Anfängen der psychologischen Forschung und der Freud’schen Theorie, daß alles menschliche Tun schon im frühsten Kindesalter von sexuellen Impulsen gesteuert werde, wurde eine gesunde Unbefangenheit im Umgang von Frauen und Männern miteinander und mit ihren Kindern infragegestellt. All sein Tun auf sexuelle Impulse zurückzuführen, bedeutet ja – zumindest für den aufgeklärten, bewußt lebenden Menschen – eine Abwertung seiner intellektuellen Lebensführung. Der wissenschaftliche Nachweis dieser Theorie würde bedeuten, daß den Menschen sein Intellekt nicht annähernd so weit wie vermutet von einem Tier mit seinem triebgesteuerten Leben unterscheidet. Sämtliche scheinbar intellektuellen menschlichen Eingebungen würden sich dann ebenfalls auf reine unterschwellige Triebsteuerung zurückführen lassen.

Darüber kann man sicher trefflich streiten. Aber die Aussagen neuerer Hirnforschung, daß unsere vermeintlich intellektuell begründeten Entscheidungen überwiegend durch gefühlsmäßige Aspekte mitbestimmt werden, wir keine Entscheidung ohne die Berücksichtigung der Gefühlsbasis treffen können, lösen starke Zweifel an der Unterscheidung zwischen »Kopf-« und »Bauchentscheidungen« aus. Die Geburt eines eigenen Kindes jedenfalls bedeutet durch ihre Wunderhaftigkeit für uns Menschen eine Umwälzung unseres bisherigen Lebens und Erlebens. Das damit verbundene Gefühlserleben ist so intensiv, daß für »rational« durchdachte Entscheidungen meistens kaum mehr Platz bleibt. Wir setzen unbewußt auf Intuition, verlassen uns darauf, daß unser Gefühl uns leitet – und wir können uns darauf verlassen! Das ist die gute Nachricht. Nur wird es uns leider durch viele machtvolle äußere Einflüsse, vor denen wir uns nur schwer schützen können, immer schwerer gemacht, uns auf unser Gefühl zu verlassen. Warum aber sollen wir uns durch Politik, Medien und angebliche wissenschaftliche Erkenntnisse in unseren ureigenen Gefühlen verunsichern lassen?

Dieses Buch soll dazu ermuntern und Mut machen, diese äußeren Einflüsse aufzusuchen, zu entlarven, zu enttarnen und durchschaubar zu machen. Dabei zeigen sich Hintergründe und Motivationen, die fragwürdig oder zumindest kritikwürdig sind. Aber wer sie erkennt, hat die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, wieviel Macht über sein Leben er diesen Einflüssen zugestehen will.

Falls Ihnen der eine oder andere im Buch geschilderte Fall bekannt vorkommt, ist das sicher Zufall, sofern Sie nicht selbst Ähnliches erlebt haben – und das ist absolut nicht auszuschließen. Alle Namen und Zusammenhänge sind zum Schutz der Betroffenen geändert.

1. Schluß mit der Unsicherheit!

  1. Verlust der »Unschuld«
  2. Brüche und Verwerfungen
  3. Erziehungs-»Wissenschaften«
  4. Erziehung – was ist das?
  5. Gesunde Laien

Verlust der »Unschuld«

Die Vorstellungen von Kindererziehung, Gehorsam, Respekt, Autorität, Züchtigung sind von Kultur zu Kultur verschieden und haben sich durch die Jahrhunderte hindurch deutlich gewandelt. Schon in den antiken Kulturen schrieben Denker und Philosophen ihre Ideen auch zu diesem Aspekt des Menschseins nieder. In kaum einem Land aber hat die Auseinandersetzung mit der Erziehung der Nachkommen eine solche Umwälzung erfahren wie in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg.

Den entscheidenden Impuls dazu gab bei uns die erwiesene »Verführbarkeit der Masse«. Das menschenverachtende nationalsozialistische Regime mit den unfaßbaren Massenmorden über eine unvorstellbare, Jahre andauernde Zeitspanne, in der die breite Masse der Bevölkerung noch begeisterte Zustimmung jubelte, statt kritische Fragen zu stellen oder gar wirksamen Widerstand zu leisten, manifestierte für alle Überlebenden auf schockierende Art die phänomenale psychische Sogkraft, der wir Menschen erliegen können. Hier ist eine einzigartige Manipulation unermeßlicher Menschenmassen zur (teils) stillschweigenden Zustimmung oder zumindest widerspruchlosen Billigung kriminellen hoheitlichen Machtmißbrauchs geschichtlich dokumentiert, wie sie vorher und auch nachher unvorstellbar erscheint. Sicher ist, daß unter anderem der Gruppendruck zur Unterordnung der persönlichen unter übergeordnete Ziele der Volksgemeinschaft seine Wirkung entfaltet hat – eigentlich ein positives Merkmal für eine soziale Gemeinschaft. Allerdings wirken die Vorurteile, die den Nährboden für das Gelingen dieser Manipulation gebildet haben, bis heute in weiten Bevölkerungskreisen nach.

Die späteren Überlegungen, daß unter anderen Umständen ein solches Massenphänomen undenkbar gewesen wäre, wurden die Grundlage für eine neue Wissenschaftsdisziplin, die »Erziehungswissenschaften«. Es wurde angenommen, daß die Menschen dieser Epoche sich der Massenströmung stärker verweigert hätten, sich weniger zu braven Befehlsempfängern und -ausführern geeignet hätten, wären sie weniger zu Respekt, Gehorsam und Vaterlandsliebe, also den »preußischen Tugenden« erzogen gewesen. Auf dieser Grundlage wurden neue Theorien entwickelt, wie man Menschen weniger manipulierbar und damit weniger anfällig für derartigen obrigkeitlichen Mißbrauch machen kann. Mißtrauen gegenüber allem, was bisher kritiklos zu respektieren war, Skepsis gegenüber jedem, der an Traditionen etwas Positives wahrnahm, Provokation und vernichtende Kritik aller Grundsätze, die das demokratische Staatsgefüge sichern, das waren die Hauptziele der Revolte an den geisteswissenschaftlichen Fakultäten der Hochschulen in der zweiten Hälfte der sechziger und Anfang der siebziger Jahre, heute verkürzt »68er« genannt. Dabei tappten die Urheber und Betreiber dieser Theorien völlig im Nebel, was die historischen Tatsachen betrifft, und konnten sich nur auf Vermutungen und subjektive Berichte von einzelnen stützen, denn eine wissenschaftliche Objektivierung der historischen Vorgänge im »Dritten Reich« hatte kaum erst begonnen.

Angesichts der bis dahin wenigen bekannten und erwiesenen Fakten und des Bewußtseins, daß es sich hierbei nur um die Spitze des Eisbergs handelte, ist die atemlos-panische Eile fast zu verstehen, mit der die Umkehr des Denkens angegangen wurde. Und die wiederum grandiose Kritiklosigkeit, mit der bis heute diese Mißachtung aller tradierten Werte weithin als gegeben akzeptiert wird – leider nicht zugunsten eines bewußteren und kritischeren Umgangs mit Massenphänomenen – müßte uns sehr nachdenklich stimmen. Jedenfalls ist die Zerstörung erzieherischer Traditionen erschreckend nachhaltig und umfassend gelungen.

Dabei spielt auch der gesamte kulturhistorische Hintergrund unserer Gesellschaft eine Rolle. Unsere Großeltern- und auch Elterngenerationen sind geprägt durch Kriegs- und Nachkriegskindheiten, deren Einwirkungen sich nicht einfach wegwischen lassen. Diese Prägung beinhaltet eine verbreitete starke Selbstkontrolle und -beherrschung. Schweres Leid und fast unerträgliche seelische Belastungen wurden überwiegend wortlos geteilt und kaum bewältigt. In vielen Familien herrschte die Haltung vor, das Leid werde durch Gespräche darüber vervielfältigt und verstärkt. So ließ man auch kleine Kinder oft allein mit ihren unbewältigten Gefühlen. Da Kinder noch nicht über Verhaltensmuster und Bewältigungsstrategien für Trauer und Leid verfügen, sondern zunächst scheinbar unbekümmert darüber hinweggehen, wurde ihre seelische Belastung auch häufig unterschätzt und für unbedeutend gehalten. Kinder waren unmündige, unfertige, undefinierte Wesen, die nicht ernstgenommen wurden. Ihre Sachaussagen, ihre Meinung zu Vorkommnissen und ihr Umgang mit den Grundfragen des Lebens hatten keine besondere Bedeutung für die Erwachsenen. Man lernte oder hatte gelernt, allein mit sich und seiner Gefühlswelt zu sein und auch allein damit zurechtzukommen, streng mit sich zu sein und sich in der Gewalt zu haben. Kinder behielten oft ihre eigenen inneren Konflikte für sich, auch um ihre Eltern nicht zusätzlich damit zu belasten, denn deren seelische Anspannung und deren Schmerz empfinden sie intensiv mit.

Diese Haltung des Schweigens über psychische Belastungen hat sich so tief in viele Seelen eingegraben, daß sie auch heute noch wirksam ist. Und diese Tatsache erschwert natürlich auch die Kommunikation zwischen den Generationen und damit das Verständnis füreinander. Die von Rigidität und Härte bis zur Selbstverleugnung gekennzeichnete Sprachlosigkeit, verknüpft mit einer Grundhaltung der strengen Selbstdisziplin und Abspaltung der Gefühls- von der Sachwelt, ja sogar Ignorierung der Bedeutung der Gefühle für das Leben und seinen Sinn, hat in jener Zeit einen ungeheuren Druck aufgebaut. In relativ gesicherten Friedenszeiten schon der sechziger und siebziger Jahre hat sich dieser Druck in einer wahren Explosion entladen und schlagartig die zurückgehaltenen Gefühlswelten freigesetzt. Das Pendel schlug ins krasse Gegenteil um: Ergebnis sind weitverbreitete Zügellosigkeit und Schamlosigkeit (vor allem in den Medien einschließlich Internet), Mangel an Disziplin, Pflichtbewußtsein und Anstrengungsbereitschaft und die Verleugnung aller Grenzen.

Brüche und Verwerfungen

Denn wie wir Menschen nun mal sind, neigen wir immer zu Extremen. So auch hier: »Autorität« war gut zwanzig Jahre nach Kriegsende plötzlich so verpönt und verdächtig, daß sie beinahe als Manipulation in verbrecherischer Absicht bewertet wurde. Die »antiautoritäre Erziehung« und die weiteren Schlagworte, Theorien und Projekte kennen wir wohl alle, man denke zum Beispiel nur an »Summerhill«, die revolutionäre »antiautoritäre« Schule in Leiston, Suffolk in England, die schon 1921 von dem Pädagogen Alexander S. Neill gegründet worden war. Er vertrat in seinem Buch Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung (1969) lediglich eine repressionsfreie Erziehung, aber der Titel war vom Verlag für die deutsche Übersetzung gezielt gewählt worden, um möglichst breit die Bedürfnisse des anti-traditionellen Lagers zu bedienen. Ziel der Vertreter der »antiautoritären« Liga in Deutschland war ausdrücklich eine »sozialistische« Erziehung, die also gar nicht frei war von Zwängen und Einschränkungen, sondern eine gezielte Manipulation zu Respektlosigkeit und Opposition gegen alle gesellschaftlichen Normen – also zum Umsturz des Rechtsstaates. Diese Überlegungen gipfelten in der überspitzten Aussage, Erziehung sei ein unberechtigter Eingriff in die Persönlichkeitsentfaltung des Kindes. Sicher stand dahinter als Impulsgeber zunächst eine nicht nur eigennützige Zielsetzung – aber was ist daraus gemacht worden?

Unzählige junge Eltern, die, möglicherweise selbst von einer als autoritär empfundenen Haltung der eigenen Eltern geprägt, nach einer Möglichkeit suchten, mit den eigenen Kindern anders umzugehen, nahmen begeistert diese »neuen« Theorien auf und überließen ihre Kinder von kleinstem Krabbelalter an sich selbst. »Das entscheidet mein Kind selbst«, ist die typische Aussage der alternativen Hippie-Studentin, deren zweieinhalbjähriger Sohn Robin laut brummend mitten im Schuhgeschäft auf dem Boden mit den durchprobierten Treterchen Auto spielt, während die Verkäuferin ratlos das leergefegte Regalbrett betrachtet. »Mein Kind hat ein Recht auf seine eigenen Erfahrungen«, bekommt im Supermarkt die genervte Wurstthekenbedienung zu hören, vor der die fünfjährige Nadine laut schreiend vor Wut mit dicken Konservendosen um sich wirft, die ihr beim schwungvollen Rangieren mit dem übervollbeladenen Einkaufswagen auf die Zehen gefallen sind. Daß solche Kinder durch die Haltung der Eltern, die Verweigerung von Erziehung, letzten Endes zu asozialen, weil völlig auf sich selbst bezogenen, rücksichtslosen Menschen wurden, traut sich bis heute kaum jemand so richtig offen zu sagen. Egoismus und Rücksichtslosigkeit entsprechen ja inzwischen ohnehin dem allgemeinen Trend.

Für solche Eltern war es schon suspekt, wenn ein Mensch klare Vorstellungen von richtig und falsch hatte, noch schlimmer, wenn er sie auch noch äußerte, anderen in ihre Handlungsweise »hineinredete« oder gar das Kind auf sein chaotisches Verhalten ansprach und versuchte, zur Ordnung zu rufen. Diese Eltern erwarteten von allen anderen, daß sie sich alles gefallen ließen, womöglich den ungezogenen fremden »Rotzlöffeln« noch Beifall spendeten. Eine offene Forderung danach, daß Kindern Grenzen gesetzt werden, ihnen eine gewisse Rücksichtnahme abgefordert wird und sie vor allzu großen Gefahrensituationen zu schützen sind, war in jener Zeit ein großes Wagnis – und ist es bis heute. Eine natürliche Autorität zu haben, also den Eindruck zu erwecken, man habe ein Wissen und eine Vorstellung vom »richtigen« Leben, war und ist immer noch für viele gleichbedeutend damit, autoritär zu sein, also anderen Vorschriften zu machen und keine abweichenden Auffassungen gelten zu lassen.

Das waren die Hochzeiten der apo, der selbsternannten »außerparlamentarischen Opposition«, deren Anhänger aus einer Studentenbewegung heraus die freie Liebe, die Zügellosigkeit und die Ignorierung aller Grundsätze des sozialen Miteinanders propagierten und es ständig gezielt auf offene Provokation anlegten. »Trau keinem über dreißig!« war noch eine vergleichsweise harmlose Forderung. »Macht kaputt, was euch kaputtmacht!« als Motto öffnete jedes Ventil verbreiteter Zerstörungswut bis hin zu gewaltsamen und kriminellen Terrorakten. Unter dem Namen Rote Armee Fraktion (raf) bildete sich die Baader-Meinhof-Gruppe, später zu Recht -Bande genannt, und speiste aus diesem Ungeist die Legitimation für unzählige Straftaten, Bankraub, Erpressung, Geiselnahmen, Flugzeugentführungen und Morde. Sie schafften es durch ihre unberechenbare und kaltblütige Gewaltbereitschaft tatsächlich fast, das Rechtssystem außer Kraft zu setzen.

Die grundsätzlich autoritätskritische Haltung, die diesen Entwicklungen den zündenden Impuls gab, etablierte sich am dauerhaftesten in den Ausbildungs- und Studiengängen der erziehenden Berufe. Besonders unter Pädagogen, den bis heute an unseren Schulen tätigen Lehrkräften, halten sich Teile dieser Anschauung hartnäckig und werden in vielen Gesprächen immer noch den Eltern vermittelt. »Sie können doch ihr Kind nicht vor allen gesellschaftlichen Einflüssen schützen!« sagte eine Deutschlehrerin einer Mutter, die die Verwendung eines sehr unappetitlichen, drastischen Textes eines zeitgenössischen Autors im Unterricht ihrer 14-jährigen Tochter kritisierte. So ein Satz soll eine völlig wertfreie Auswahl schulischer Lerninhalte als unangreifbar legitimieren.

Diese als »liberal« oder »emanzipatorisch« zu bezeichnende Haltung ist in vielen anderen geisteswissenschaftlichen und auch medizinischen Disziplinen, vor allem aber auch bei vielen Medienschaffenden aller Verbreitungsformen immer noch gehäuft anzutreffen. Das reicht bis in die Kunst- und Theaterszene, wo emanzipatorischer, also völlig respekt- und tabuloser Umgang mit klassischer Literatur, getarnt als »Verfremdung« und »Entglorifizierung« klassischen Kulturgutes, auf der Tagesordnung steht. Manche Inszenierungen und Neuinterpretationen mit ihren banalen Geschmacklosigkeiten und provokativen Ekelszenen wecken beim halbwegs gebildeten Betrachter den Eindruck spätpubertären bis gar kleinkindlichen Trotzens und Schmollens. Man muß sich fragen, ob dieser Generation die Kindheit und Jugend vorenthalten wurde, die sie nun auf diese Weise nachholen muß. Oder hat sie sie nie überwunden, sich nicht daraus hervorentwickelt?

Ein Bereich, in dem die »emanzipatorische Pädagogik« besonders erschreckenden Schaden anrichtet, sind psychiatrische Kliniken. Manche jugendpsychiatrischen Einrichtungen zeichnen sich dadurch aus, daß den ohnehin orientierungslosen jungen Menschen, die dort auf der Suche nach Unterstützung und Hilfe gelandet sind, der letzte Rest ihrer Wertmaßstäbe – und ihrer Würde – auch noch genommen wird. Mehrere solche Fälle sind mir bekannt. Kurzgefaßt hört sich das etwa so an: »Deine Mutter ist sowieso schuld daran, daß es dir schlecht geht – schieß sie in den Wind, die hat dir gar nichts zu sagen!« und »Befrei dich endlich von den aufgezwungenen und anerzogenen Hemmungen! Du brauchst dir von niemandem was sagen zu lassen, du bist du und kannst selber für dich sorgen!« Jugendliche auf der Suche nach dem Sinn ihres Lebens, der tieferen Erdung ihrer Existenz und der unbedingten Annahme durch die Menschen, die ihnen etwas bedeuten, kann dies nur noch tiefer in ihre Verstrickung und Resignation hinabspülen, aus der sie eigentlich herausfinden wollten.

Als »einfache« Eltern unterstellen wir selbstverständlich den »wissenschaftlich« ausgebildeten Fachleuten die fundiertere Kenntnis und lassen uns von ihnen beeinflussen. In einer ohnehin schon stark verunsicherten Situation stellen wir nach ihren – gerne in hochgestochenem Fachchinesisch machtvoll inszenierten – Erläuterungen unsere bisherige, überwiegend an tradierten Werten orientierte Haltung noch mehr in Frage und verlieren unser Zutrauen in die eigene Wertordnung, in unsere Erziehung und damit unseren familiären Zusammenhalt immer mehr.

Mit der Etablierung der Erziehung als wissenschaftlicher Disziplin ist automatisch die Qualität der traditionellen, meist intuitiven elterlichen Erziehung in Frage gestellt. Es entsteht der Umkehrschluß, Eltern müßten in der Erziehung ihrer Kinder automatisch alles falsch machen, da sie ja nicht wissenschaftlich dazu ausgebildet sind. Er liegt nahe und verunsichert – besonders die, die sich bewußt mit der Frage nach der Qualität von Erziehung und Bildung auseinandersetzen.

Vielleicht läßt sich, zumindest für einige Familien, aus diesen Zusammenhängen auch einer der Hintergründe für emotionale Verwahrlosung, Verweigerung der Erziehungsleistung und Vernachlässigung der Kinder ableiten. »Ehe ich viel Energie investiere in etwas, das mir doch nicht gelingen kann, laß ich es gleich ganz,« könnten viele denken – falls sie überhaupt über ihre Lebensführung nachdenken. Leider ist deren Zahl allem Anschein nach aber nicht so groß, wie es wünschenswert wäre. Erschreckend verbreitet ist vielmehr eine Haltung, die wohl schon durch Nicht-Erziehung beziehungsweise Verzicht auf Regeln und Grenzen in der eigenen Kindheit und Jugend begründet worden ist. »Ich tu, was mir Spaß macht!«, ist die Devise vieler »antiautoritär«, also Nicht-Erzogenen, »nur für das, woraus ich direkten Nutzen ziehen kann, lohnt es, mich zu bemühen!«, und: »Ich laß mich doch nicht einwickeln und für dumm verkaufen, wenn einer was von mir will, ich bin doch kein Selbstbedienungsladen!« Bei allen der Gemeinschaft dienenden Dingen, die ihnen angetragen werden, fragen sie: »Was bringt mir das?« und lehnen dankend ab. Und sie finden nichts dabei.

Für diese Lebenseinstellung haben wir mittlerweile auch reichlich prominente Vorbilder, die vor allem dokumentieren, daß man erstens noch an Ruhm gewinnt und zweitens immer auch fast heil davonkommt mit dieser Haltung. Namen brauche ich eigentlich nicht zu nennen, denn wir alle kennen aus den Medien die »Ackermänner« mit ihren »Zumwinkeleien«, Leute sowohl aus höchsten Manageretagen als auch aus »Arbeiterkreisen«, Politiker wie Gewerkschaftsfunktionäre, die ihre Schäfchen im Trockenen haben und sogar bei rechtskräftiger Verurteilung wegen Steuerhinterziehung, Untreue, Korruption und ähnlicher Delikte gemütlich und sicher ihr Leben in Luxus fristen können. Die paar Milliönchen Strafe zahlt man leicht, es bleibt ja genug übrig. Das meiste des »unter der Hand« Dazuverdienten ist sicher vor dem deutschen Fiskus in irgendeinem gutgeschützten Steuerparadies versteckt. Selbst an Einfluß verlieren diese Menschen nur geringfügig, denn man bedient sich gern ihrer »profunden Kenntnisse«, wenn auch oft nicht mehr so sichtbar für die Öffentlichkeit.

Über ihre Erziehung können wir natürlich keine konkreten Aussagen treffen, aber eins scheint mir sicher: Ihnen fehlt jedes auch nur halbwegs gesunde Unrechtsbewußtsein und jedes Gespür für Anstand und ethisch-moralische Grenzen. Solche Menschen sind in ihrer Abhängigkeit von der eigenen Gier fast zu bedauern, denn sie haben völlig aus den Augen verloren, daß Ehrlichkeit etwas mit Ehre und damit Ehrbarkeit zu tun hat.

Aber eigentlich, so mein Eindruck aus vielen Gesprächen über diese Vorgänge, empfinden die allermeisten Menschen so eine Haltung als gesellschaftsfeindlich und rücksichtslos, also als asozial. Nur wird die Empörung, die diese Schädigung vieler durch einzelne auslöst, zu schnell von Ratlosigkeit und Resignation verdrängt. Die Vielzahl der Fälle ist inzwischen so unüberschaubar, daß Staatswesen und Justiz, zumal stellenweise selbst eingebunden, dagegen machtlos erscheinen.

Erziehungs-»Wissenschaften«

Wissenschaft an sich ist eine noch recht junge Denkart oder Disziplin in den modernen Gesellschaften. Eine frühe Form eines organisierten wissenschaftlichen Lehrbetriebs ist dokumentiert im antiken Griechenland mit der »platonischen Akademie«, die (mit Unterbrechungen) bis in die Spätantike Bestand hatte. Dort befaßte man sich überwiegend mit philosophischen Betrachtungen über die Welt, die Natur, das Leben und ihre Zusammenhänge. Mathematik, Trigonometrie und Astronomie waren schon damals wesentliche Forschungsgegenstände, in denen auch ohne technischen Spezialaufwand die Erlangung wichtiger Grundsätze und Erkenntnisse möglich war, denken wir an Pythagoras und Euklid. Wissenschaft der Neuzeit findet man traditionell an Universitäten und Hochschulen.

In vielen Agrarstaaten und Ländern ohne Industrie- und elektronische Infrastruktur, zum Beispiel auf dem afrikanischen oder südamerikanischen Kontinent, ist auch heute noch die Existenz wissenschaftlicher Arbeit, also der Sammlung, Analyse und Auswertung von Kenntnissen, kaum wahrnehmbar. Aber diese Gesellschaften existieren und funktionieren, genau wie auch frühere, sogar prähistorische Gesellschaftsformen existiert und funktioniert haben – ganz ohne Wissenschaft. Die Tätigkeiten richteten sich darauf, den täglichen Lebensunterhalt zu sichern und möglicherweise in reichen für schwierigere Zeiten ein bißchen vorzusorgen. Dabei wurden neue Erkenntnisse auf dem Weg des Ausprobierens erworben, Versuch und Irrtum brachten eigene Erfahrungen, aus denen Schlüsse gezogen werden konnten für die nächste vergleichbare Situation.

Die Suche nach Erkenntnis, die Neugier auf das Analysieren und Durchschauen von Abläufen und das darauf aufbauende Bestreben, gestaltend und steuernd einzugreifen, sind so alt wie die Menschheit. Diese Neugier ist gespeist aus der Arbeitsweise unseres Gehirns, das neu gelernte Inhalte nach Regeln einzuordnen und abzuspeichern versucht. Unser Gehirn (wie übrigens auch das vieler Tiere) ist immer auf der Suche nach dem »Prinzip« hinter der Reihe der einzelnen Beobachtungen. Der Schritt vom Erwerb von Erfahrungen des einzelnen zur Verallgemeinerung und Übertragung eigener Erkenntnisse auf andere Individuen konnte aber nur mithilfe einer verfeinerten und genaueren Sprache, also weiterentwickelter Kommunikationsmöglichkeiten getan werden.

Zweite Voraussetzung für die Entstehung von Wissenschaft, also der Gewinnung, Dokumentation und Weitergabe neuer Erkenntnisse, sind die dazu notwendigen technischen Anlagen und Einrichtungen. In beidem, sowohl den sprachlichen als auch den technischen Mitteln, haben wir heute eine Stufe erreicht, die alles noch vor kurzer Zeit Vorstellbare in den Schatten stellt. Meßgeräte und Techniken zur Untersuchung und Analyse von Materie, Energie und ihrem Zusammenwirken sind innerhalb weniger Jahrhunderte immer weiter optimiert worden. Mit Maschinen zur Herstellung von Schrift, verschiedensten technischen Möglichkeiten der Vervielfältigung und inzwischen der elektronischen Verbreitung sind wir in der Kommunikationstechnik sogar auf dem extremen Stand einer völligen Überflutung.

Der Ursprung der Wissenschaften war die Erforschung der Natur und des Universums mit ihren Erscheinungsformen. Diese Fachgebiete sind bis heute beileibe nicht erschöpft, sondern mit der Verfeinerung technischer Möglichkeiten eröffnen sich immer wieder neue, tiefergehende Forschungsfelder. Gleichzeitig wächst der historische Schatz an Fakten und Erkenntnissen, und das Bestreben, diesen Fundus unter möglichst vielen unterschiedlichen Blickwinkeln zu erschließen und zu erklären, führt zur ständigen Ausweitung des anerkannten Wissenskanons. Im Zuge dieser Entwicklung sind neue wissenschaftliche Disziplinen aller erdenklichen Fachgebiete entwickelt worden, so auch die »Erziehungswissenschaften«. Sie verbinden historische, soziologische und psychologische Forschung, um daraus »Pädagogik« zu entwickeln.

Nun kennt vermutlich jeder von uns mindestens einen Menschen, der Pädagogik studiert und erfolgreich abgeschlossen hat und trotzdem ganz fraglos kein guter Pädagoge ist. Er würde vielleicht noch einige theoretische Grundsätze der erlernten erziehungswissenschaftlichen Kenntnisse darlegen und auch erklären können, aber er weiß sie offenbar nicht anzuwenden. Wenn unsere Kinder zu Hause von ihm erzählen, dann immer mit Überdruß und Resignation in der Haltung. Sein Fach ist »ätzend«, und die Klasse macht nur Unsinn in seinen Stunden, der Unterricht ist vergeudete Zeit, und die Noten sind schlecht. Er brüllt nur herum und erreicht in jeder Unterrichtsstunde den Status absoluter Hilflosigkeit. Seine pädagogische oder erzieherische Wirkung auf die Kinder ist negativ, der praktische Nutzen seines theoretischen Wissens ist also gleich null.

Anderen begegnen wir wiederum, die der »ganze theoretische Kram« nicht interessiert, obwohl sie ihn genauso absolviert haben. Sie sind »Menschen wie du und ich«, treten uns mit einem erfrischend natürlichen und unverkrampften Selbstverständnis gegenüber und reden mit uns wie mit guten Bekannten. Unsere Kinder begeistern sie für die Schule und ihr Fach, reißen sie mit und ermuntern sie zu freiwilligen Anstrengungen, über die wir als Eltern staunen. Von ihnen wird geschwärmt, für das Fach wird immer mit großem Ehrgeiz gearbeitet, die Noten sind nicht immer sehr gut, aber nach Einschätzung der Kinder gerecht. Im Unterricht dieser Lehrkräfte herrscht fast immer konzentrierte Stille.

Was unsere Kinder dem zuvor beschriebenen Lehrertyp erbarmungslos nachtragen und niemals verzeihen, lassen sie dem zweiten als »kleinen Irrtum« durchgehen, ohne mit der Wimper zu zucken: »Der kann sich doch auch mal vertun.« Auch wenn er aus seinem »wissenschaftlichen« Pädagogik-Studium keinen Satz mehr herbeten kann: In unseren Augen – und in den Augen der Kinder! – ist solch ein Lehrer ein großartiger Pädagoge.

Obwohl dies sowohl bei den Schülern als auch bei den Eltern eine rein gefühlsmäßige Einschätzung ist, ist sie trotzdem richtig. Die gerade beschriebenen Leistungen sind die wichtigsten, die gute pädagogische Arbeit kennzeichnen. Gute pädagogische Arbeit ist also nicht von einem erfolgreichen Studium und der Beherrschung erziehungswissenschaftlicher Grundsätze abhängig, sondern hat offenbar ganz andere Quellen. Wenn man nun noch bedenkt, wie häufig studierte Pädagogen in der Elternrolle dieselben Probleme haben wie wir »einfachen« Eltern, kann man mit einiger Ruhe und Sicherheit sagen, daß in der Erziehung die Praxis mit der Theorie nichts zu tun hat. Gelingende Erziehung hängt von ganz anderen Faktoren ab, nicht von einem fundierten theoretisch-wissenschaftlichen Studium der »Erziehungswissenschaften«.

Das darf nicht dahingehend mißverstanden werden, daß ich das ganze Lehrerstudium für überflüssig hielte. Im Gegenteil: Das intensivste Studium, die beste Ausbildung sind gerade gut genug, wenn Menschen dazu befähigt und zugelassen werden sollen, im staatlichen Auftrag unsere Kinder, also unser Kostbarstes, zu unterrichten und zu erziehen. Offenbar fehlen aber in unserem heutigen Studienaufbau für angehende Lehrer wesentliche Inhalte und vor allem das Training zur praktischen Umsetzung der theoretischen Kenntnisse. Unser größtes Versäumnis aber ist: Wir prüfen nicht die Eignung eines Menschen zum Lehrer, Erzieher, Vorbild, ehe (!) er zum Lehrerstudium zugelassen wird.

Dies sind zwei entscheidende Punkte, die zum Beispiel die »PISA-Legende« Finnland besser macht und damit ihre Erfolge erringt. Wir brauchen eine Schleuse vor Antritt dieses Studiums, durch die nur diejenigen eingelassen werden, die den Beruf mit dem nötigen Selbstverständnis und der Bereitschaft zu intensiver Beziehungsarbeit als Grundlage schulischer Lernerfolge angehen.

Erziehung – was ist das ?

Vielleicht sollten wir zunächst einmal konkretisieren, worüber wir hier überhaupt reden. Im Herkunftswörterbuch des Duden-Verlags von 1963 steht unter Z wie ziehen über das Verb »erziehen«: »eigtl. ›herausziehen‹; nach dem Vorbild von lat. educare ›großziehen, ernähren, erziehen‹ entwickelte sich seit ahd. Zeit die heutige Bedeutung.« In der 2006er Ausgabe gibt es unter »erziehen« den Querverweis zum Buchstaben Z und eine wesentlich erweiterte Bedeutung des Wortes: »zu etwas anleiten, jemandes Geist und Charakter bilden und seine Entwicklung fördern«. Dann schließt sich die oben zitierte Erklärung an.

Er-ziehen bedeutet also heranziehen, zu etwas hinziehen, es ist nicht nur Ziehen ohne Richtung, sondern im Gegenteil sehr zielgerichtet. Das Ziel ist im Idealfall das »Ent-wickeln«, also das »Auspacken« aller Komponenten und Aspekte, die diesen Menschen ausmachen. Dazu gehören seine Gaben, seine Charaktereigenschaften und seine Anlagen und Fähigkeiten. Es soll ihm helfen, ganz er selbst zu werden und zu sich in seiner ganz eigenen Art zu finden. Wenn wir Menschen begegnen, die in ihrer Art völlig überzeugend und »echt« sind, dann stehen wir einem Menschen gegenüber, der zu sich selbst schon weit vorgedrungen ist. Menschen, die durch nichts aus der Ruhe zu bringen sind, die eine liebevolle Fröhlichkeit ausstrahlen, die unbekümmert selbstverständlich auftreten, ohne seicht und oberflächlich zu sein, die nicht sich selbst, sondern eine Sache in den Vordergrund ihres Einsatzes stellen, aus sich heraus leuchten und eine »tolle Ausstrahlung« haben, beeindrucken oft viele andere Menschen. Natürlich gibt es die, die immer noch genügend Punkte zum Kritisieren und Miesmachen finden, weil sie nie zugeben würden, daß sie einen anderen Menschen bewundern. Sie tun es trotzdem insgeheim, beneiden ihn sogar um seine gute Laune und seine Fröhlichkeit und Unbeschwertheit.

Die Psychologie bestätigt, daß ein Mensch, der all sein Potential ausschöpft und mit sich und seinen Möglichkeiten zufrieden ist, vital und lebensbejahend wirkt und seelisch gesund ist, und daß das Gegenteil oft zu psychischen Erkrankungen, schweren Beeinträchtigungen und Erschöpfungserscheinungen führt. Durch Erziehen sollen also junge Menschen mit Hilfe vielfältiger Angebote und Anregungen zur »Ent-faltung« gebracht werden. Es geht um die Selbstwerdung junger Menschen – nicht zu verwechseln mit dem vielzitierten Modebegriff Selbstverwirklichung, der in Wahrheit zur Entmündigung und Knechtung der Menschen als Konsumenten auf breiter Front zu kommerziellen und anpasserischen Zwecken angewendet wird.

Selbstwerdung befähigt uns dazu, wir selbst zu sein, nicht allein dem Modetrend zu folgen, uns nicht nur allgemeinen Strömungen anzupassen, sondern nach eigenen Vorstellungen und Maßstäben zu leben: Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom. Wenn wir wir selbst sind, unsere Möglichkeiten ausgelotet und unsere Ziele angepeilt haben und fähig sind, uns selbst über unsere klare Haltung, über ethische Werte zu definieren, statt irgendjemandes Anerkennung über Äußerlichkeiten zu erstreben, haben wir dadurch eine Selbstbestimmung und Unabhängigkeit erworben, die uns einen stabilen Grundfrieden mit uns und der Welt bringt und uns »in uns ruhen« läßt. Das bedeutet auch, daß uns so leicht nichts aus der Ruhe bringt und wir unempfindlich sind gegenüber dem Urteil anderer über uns, weil wir mit uns selbst »im Reinen« sind. Gleichzeitig führt es uns dazu, sachbezogene Kritik annehmen zu können, ohne uns gleich als Person in Frage gestellt zu sehen. Durch die Echtheit, Authentizität, die wir erlangt haben, können wir auf jede Fassade, jede Maske verzichten und haben keine Angst, »das Gesicht zu verlieren«, denn hinter dem äußeren Anblick findet sich genau dieselbe Identität, die wir als sichtbares Erscheinungsbild nach außen tragen. Wir brauchen uns nirgendwo und niemandem gegenüber zu verstellen. Dadurch wird das Leben plötzlich viel weniger anstrengend, viel entspannter, kostet viel weniger Nerven, denn wir können anderen Menschen völlig angstfrei begegnen und brauchen keine Entlarvung, keine Bloßstellung zu fürchten.

Das ist wahrscheinlich der Hauptgrund, der solche Menschen auf eine bestimmte Art von innen her leuchten läßt, etwas ausstrahlen läßt, das sie besonders lebensfroh und lebenstüchtig erscheinen läßt. Sie kommen uns vor wie Lebenskünstler, die auch mit der schlimmsten Katastrophe mühelos fertig werden. Darum kann man sie, weiß Gott, beneiden. Und diese Kunst des Lebens wünsche ich meinen Kindern und möchte daher soviel wie möglich dazu beitragen, daß sie die Chance haben, sich entsprechend zu entwickeln – eben sie selbst zu werden.

Das und nicht weniger, aber auch nicht mehr, erhoffe und erwarte ich auch von jedem Lehrer, mit dem meine Kinder zu tun bekommen. Es muß für uns wieder selbstverständlich werden, daß unsere Kinder das Recht auf volle Entfaltung haben und das Recht auf die dazu erforderliche Förderung. Dazu gehört auch »Bildung«, die Bildung der Persönlichkeit nämlich, die die Grundlage für diese Selbstwerdung und Selbstentfaltung erst legt. Es sind gebildete Menschen, die ein ehrliches Selbstbild haben, mit ihrer klaren, offenen und dabei sympathischen Art so überzeugend sind, Menschen, die ihre Verantwortung für jedes gesprochene oder verschwiegene Wort und für jede getane oder unterlassene Handlung wahrnehmen und zu ihren Auffassungen stehen, ohne dadurch ihre Lernfähigkeit und Offenheit für Neues zu verlieren. Dabei werden sie als gebildete Menschen, als integre Persönlichkeiten ihre Haltung nicht für alle anderen Menschen als unbedingt allgemeingültig und alleinseligmachend hinstellen. Aber sie werden sie klar vertreten, zu ihr stehen und sie zu bedenken geben. Und sie werden anderen damit die Möglichkeit eröffnen, bewußter und sinnvoller zu leben.

Von jeher versuchen wir Menschen, den anderen zu kennen, zu er-kennen. In der Vorsilbe »er-« stecken Neugier und Arbeit. Dazu läßt Antoine de Saint-Exupéry in seinem Buch Der kleine Prinz dieses kleine, einsame und so erwachsene Kind sagen: »Man sieht nur mit dem Herzen gut.« Das ist ein schöner Ausdruck für das Wesentliche im Verhältnis der Menschen zueinander.

Gesunde Laien

Was machen denn manche Leute richtig, was andere falsch machen? Wie kann Erziehung denn überhaupt gelingen? Um dies zu verdeutlichen, bleiben wir erst einmal bei unseren zwei gegensätzlichen Lehrerbeispielen.

Von dem ersten Lehrertyp sagen die Kinder: »Der interessiert sich nicht dafür, ob ich das verstehe oder nicht. Dem bin ich egal«, oder: »Der ist ungerecht. Der hat seine Lieblinge, und die, die nicht dazugehören, haben eben Pech gehabt«, oder sogar: »Der ist ein Sadist, der freut sich, wenn’s mir dreckig geht. Das zeigt er natürlich nicht offen, aber trotzdem merkt’s jeder.« Meine Interpretation: Dieser Lehrer hat offenbar wenig Interesse am Erfolg seiner Arbeit, leistet ohne viel Eingehen auf die Kinder seine Stunden ab, ist nicht motiviert. Er legt keinen Wert auf Gerechtigkeit, wahrt höchstens den Anschein. Er ist zudem noch zynisch, indem er hinter einer harmlosen Fassade seine Schadenfreude gegenüber einem Kind (!) nur unvollkommen verbirgt.

Von dem anderen sagen die Kinder: »Heute hat er mich gelobt für mein Referat, und als ich auch noch Zusatzfragen gut beantworten konnte, hat er sich richtig gefreut«, oder: »Der achtet immer drauf, daß keiner zu kurz kommt, ihm ist wichtig, daß wir alle gut mitkommen«, oder auch: »Der ist streng und will immer Ruhe haben, aber er ist gerecht, und bei ihm lernt man richtig was.« Meine Auslegung: Dieser Lehrer nimmt jedes Kind persönlich wahr, hat ehrliches Interesse an der Zukunft der Kinder und hält Regeln und Grenzen ein, deren Sinn auf Zustimmung stößt.

Der erste ist ein Mensch, der seine Machtstellung gebraucht, sich über die Kinder stellt und sie durch das Erzeugen von Angst gefügig macht. Er ist nicht ehrlich, sondern tritt ohne Menschlichkeit auf, ohne Zuwendung und Liebe, weder zu seiner beruflichen Aufgabe noch zu seinen Schülern, möglicherweise auch zu sich selbst. Vor allem aber ist er unecht, verbirgt sein wahres Ich, seine persönlichen Merkmale, seine Verletzlichkeit, seine menschlichen Schwächen, die ihn zwar weniger machtvoll, aber auch liebenswerter sein lassen könnten. Solche Haltungen entstehen aus Angst und mangelndem Selbstwertgefühl. Ist ein Mensch mit seinen Stärken und Schwächen im Reinen, hat er das nicht nötig.

Der zweite ist genau das Gegenteil: Er arbeitet mit vollem Einsatz in seinem Beruf, verlangt Disziplin und fordert das Einhalten von klaren Regeln, die er auch für sich selbst gelten läßt und vorlebt, nimmt differenziert die Stärken seiner Schüler wahr und fördert sie. Er kann eigene Schwächen zugeben ohne Angst, dadurch das Gesicht zu verlieren, und ist eine natürliche Autorität, berechenbar, verläßlich und ehrlich. Er ist eine echte Respektsperson, ein Mensch, der nicht seiner Aufgabe oder Stellung wegen respektiert wird, sondern um seiner selbst und seiner authentischen Persönlichkeit willen.

Für uns in der Elternrolle sind das wertvolle Hinweise für das eigene Verhalten, auch wenn die beiden beschriebenen Charaktere sehr holzschnittartig kontrastieren. Respekt genießt offenbar zunächst jemand, der eine Haltung hat. Das bedeutet, bestimmte Auffassungen zu haben, unsere Prinzipien, die wir herleiten und erklären können – aber das allein heißt noch nicht, daß diese Grundsätze anderen plausibel sind. Wenn sie angelernt und angelesen oder auch kritiklos übernommen erscheinen, sind sie fragwürdig, für uns selbst wie auch für andere, denn wir stehen nicht wirklich dahinter, selbst wenn wir passende Begründungen liefern können.

Das Dahinterstehen ist das eigentlich Entscheidende: unsere Glaubwürdigkeit. Es reicht nicht, die eigene Handlungsweise erklären zu können, sondern wir müssen auch zulassen können, daß jemand anderer Meinung ist, wir müssen also auf den Allwissenheitsanspruch verzichten können. Wenn ich sagen kann: »Ich bin überzeugt, daß dies das Beste ist – aber wieweit das stimmt, können wir erst sehen, wenn wir es ausprobiert haben«, dann habe ich mögliche Fehler, mögliche Kritik von anderen und auch Selbstkritik von vornherein einkalkuliert und zugelassen und damit die Gefahr ausgeschaltet, daß ich einem selbstgestellten Anspruch nicht gerecht werden kann.

Da wir als Erwachsene die Verantwortung für die Kinder tragen, haben wir auch die Pflicht, Entscheidungen zu treffen, unabhängig davon, ob sie sich später als richtig erweisen oder nicht. Von unseren Kindern können, ja müssen wir fordern, daß sie diese Entscheidungen respektieren und befolgen, unabhängig davon, ob sie ihnen gefallen oder nicht – schließlich müssen ja wir sie verantworten.

Und dies müssen wir, obwohl die wenigsten von uns studierte Pädagogen sind. An den beschriebenen Beispielen sehen wir, daß ein solches Studium nicht den Ausschlag zu einer gelingenden Erziehung gibt, sondern ganz andere Faktoren. Auch wir als pädagogische Laien haben die Pflicht, die Erziehung unserer Kinder mit Sorgfalt, Liebe und Hingabe zu leisten, und wir besitzen auch die dazu notwendigen Fähigkeiten und vor allem Gefühle – vorausgesetzt, wir bringen ein Mindestmaß an Disziplin auf und lassen uns nicht verbiegen beziehungsweise verbiegen uns nicht selbst.

Um Mißverständnissen vorzubeugen: Ich rede hiermit keineswegs der ungezügelten Willkür oder der völlig wertfreien, regelentleerten Liberalität das Wort, und es geht mir auch nicht um die unreflektierte reine Übernahme des Selbsterlebten ohne eigenständige Weiterentwicklung unter Verzicht auf die persönliche Auseinandersetzung mit der Aufgabe und der daraus erwachsenden Verantwortung. Mir geht es darum, Überempfänglichkeit gegenüber aufgestülpten fremden Maßstäben abzubauen und dafür die eigenen Wertmaßstäbe und Regeln genauer zu überprüfen und zu korrigieren, hin zu einer bewußteren, selbstbewußteren und damit selbstgesteuerten Erziehung.

Damit wende ich mich durchaus auch an Menschen, die aus anderen Kulturkreisen zu uns kommen und aufgrund ihrer familiären und kulturellen Herkunft überhaupt erst einmal Kenntnis von dieser Freiheit zur eigenständigen Erziehung erhalten müssen, ehe sie weitere Schritte in diese Richtung gehen können. Für sie ist es aus meiner Sicht besonders wichtig, daß sie diesen grundsätzlich eher liberalen, sogenannten autoritativen Erziehungsstil als durchdachte und begründete Methode des Umgangs mit Kindern kennenlernen und daran möglicherweise teilhaben können, weil sie sich mit unserer Gesellschaft und ihren Maximen identifizieren und ihren Kindern hier eine Heimat und eine Zukunft ermöglichen möchten.

2. Neues Selbstvertrauen

  1. Eltern sind wichtig
  2. Von der Sicherheit des Instinkts
  3. Der »Mutterinstinkt«
  4. Der »Kindinstinkt«
  5. Der »Vaterinstinkt«
  6. Vom Wachsen und der Zeit
  7. Fordern fördert
  8. Gesundheitserziehung
  9. Vom Grenzensetzen
  10. Liebevolle Konsequenz
  11. Gerechtigkeit oder Gleichbehandlung?
  12. Verweigerte Erziehung

Eltern sind wichtig

Für ein Kind sind Eltern sogar die wichtigsten Menschen in seinem Leben. Sie sind sein Ursprung und sein Ziel. Sie sind eine Erklärung für seine individuelle Konstitution, seine Veranlagungen, seine Prägung, seine komplette Auseinandersetzung mit seiner Welt. Sie sind ein Spiegel, in den es täglich blickt und sich täglich in ihm kontrolliert. Und: Sie sind seine Existenzgrundlage und seine Existenzberechtigung. Es stammt von ihnen ab und ist auf ihre Akzeptanz als eigenes menschliches Wesen und auf ihre Anerkennung und Liebe angewiesen. Ohne Liebe, das haben wissenschaftliche Experimente der reinen Versorgung mit Nahrung, Kleidung und Wärme, aber unter Entzug jeglicher emotionalen Zuwendung eindeutig gezeigt, verödet nicht nur die Seele, sondern auch der Verstand eines Menschen, und zwar in kürzester Zeit. Er wird stumpfsinnig im wahrsten Sinn des Wortes.

So ist es auch zu erklären, daß angenommene Kinder eines Tages nach ihrer Mutter und ihrem Vater suchen und in ihren »natürlichen« Spiegel blicken wollen. Die Frage nach ihrem Ursprung treibt beinahe alle Menschen ein Leben lang um, die nicht bei ihren leiblichen Eltern aufgewachsen sind, bis zu dem Zeitpunkt, wo sie diese Herkunftsfrage geklärt haben und auch verstanden haben, welche Hintergründe zu der Trennung und Fremdbetreuung geführt haben. Dabei ist für sie von existentieller Bedeutung, ob sie einfach »nur« abgelehntes Kind waren, oder ob eine äußere Notsituation vor allem die Mutter dazu gezwungen hat, das Kind in »bessere« Hände zu geben. Abgelehntes, abgeschobenes Kind zu sein, ist für einen Menschen eine unvorstellbar harte Belastung und verfolgt ihn meistens sein ganzes Leben lang. Wenn aber eine Erklärung zu finden ist, warum die Mutter sich überfordert gefühlt hat, der Vater nicht in der Lage war, Familie und Kind zu akzeptieren, ist es leichter, zu vergeben. Wenn das abgegebene Kind Verständnis für die Situation aufbringen kann, kann es seinen Frieden mit seiner Geschichte finden, indem es den leiblichen Eltern vergibt. Entscheidende Grundlage dafür ist aber, daß die Lebenslage, in die die leiblichen Eltern das Kind abgegeben haben, eine wirklich bessere war.

Corinna war Adoptivkind eines Akademikerehepaares in einer Kleinstadt. Die Eltern hatten viele Jahre lang versucht, eigene Kinder zu bekommen, und sich schließlich an eine Adoptionsbehörde gewandt. Damals mußten beide Eltern über vierzig sein, um ein Kind adoptieren zu dürfen. Corinna hatte gute Voraussetzungen – sie war schon als Säugling direkt nach der Geburt zu ihrer neuen Mutter gekommen, hatte also die Entbindung als endgültige Ent-Bindung von ihrer leiblichen Mutter erlebt. Dieser »saubere Schnitt« gab ihr somit beste Chancen, alles gut zu verkraften.

Viele Jahre lang war das Geschehen für sie bedeutungslos, aber schon von klein an hatten ihre Eltern ihr nicht verschwiegen, daß sie adoptiert war. Während der Pubertät und der Selbsterforschungsphase, wo alle Menschen sich die Frage stellen: »Wer bin ich? Welchen Sinn hat mein Leben?«, wendete sich die Situation vollkommen. Auf einmal stand Corinna vor dem Nichts. Ihren Eltern vertraute sie sich nicht an, denn sie empfand sich selber als undankbar – sie hatte ja immer alles gehabt. Aber trotzdem war sie ratlos und fand keine Antwort auf ihre Frage. Während eines Praktikums im elterlichen Betrieb trat auch noch eine ältere Person auf sie zu und rieb ihr abschätzig unter die Nase, sie sei ja »nur« adoptiert und deswegen keine »echte« Tochter. Da war Corinna fünfzehn.

Nach dem Abitur trat sie ein Studium in einer Großstadt an, weit weg von allem Klatsch und Tratsch der Kleinstadt, der sie stets belastet hatte, und begann gleichzeitig, nach ihren leiblichen Eltern zu suchen. Daß sie sie nicht beieinander finden würde, war ihr klar. Den Schlüssel zu ihrer Herkunft hatte mit Sicherheit eher die Mutter als der Vater, und tatsächlich gelang es ihr, ihre leibliche Mutter ausfindig zu machen. Vor der ersten Begegnung hatte Corinna große Angst.

Die stellte sich schnell als unbegründet heraus. Der überwältigende Ansturm der Gefühle blieb aus. Corinna fand ihre leibliche Mutter ungebildet, oberflächlich und dumm. Ihre eigenen Werte waren ganz andere, und sie war dankbar dafür. Den Vater hat sie nur noch von ferne angesehen und auf eine direkte Begegnung verzichtet. Die leibliche Mutter hatte ihr von seinem gewalttätigen, rücksichtslosen Verhalten erzählt, und daß sie deswegen fürchtete, das Kind, das sie erwartete, nicht genug lieben zu können.

Als Corinnas Adoptiveltern davon erfuhren, brach für sie eine Welt zusammen. Es fiel ihnen sehr schwer, Verständnis für diese Suche nach den Wurzeln aufzubringen. Das Ergebnis vieler folgender Gespräche war jedoch ein noch festerer Zusammenhalt der Familie, als er vorher schon bestanden hatte. Corinna konnte den Eltern ihre Dankbarkeit für die behütete Kindheit und das warme Nest ausdrücken, die sie sonst nicht gehabt hätte.

Sandra war abgeschobenes Kind. Sie wurde vom Säuglingsalter an fremdbetreut, es gab »Personal« im Haus, das das Kind erzog. Die Eltern waren beide berufstätig in bedeutenden akademischen Stellungen, die keinem von ihnen eine Babypause erlaubten. Nur wenn die Eltern in Ferien fuhren und das Personal auch Urlaub hatte, lebte die Familie intensiver zusammen. Dann wurde Sandra in der Schule des Urlaubsortes angemeldet und erfüllte ihre Schulpflicht dort; die Eltern richteten sich nicht nach Schulferien. Sandras Grundschulzeit wurde von diesem Nomadenleben geprägt.

Ein darauffolgender Internatsaufenthalt ist ihr als schauerlich in Erinnerung – sie war damals gerade zehn Jahre alt, und mit fünfzehn erreichte sie von den Eltern die Entlassung in die vollkommene ...

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