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Kim – Chaos auf der ganzen Linie

Mona Lida

Kim – Chaos auf der ganzen Linie


Gewidmet allen, die Humor haben ...


BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

1. Kapitel – Schreibfieber

Da saß ich nun an meinem kleinen Schreibtisch vor einem blütenweißen Papier und hatte schon ganz trübe Augen. Im Abfalleimer neben mir türmten sich die zahllosen vergeblichen Briefversuche in Form von zerknüllten Papierknäueln. Aber so schnell gab ich nie auf! Ich nahm meine Schreibfeder, die ich schon seit meiner Kindheit besaß, und fing an zu schreiben:

Lieber Guy,

die gute Nachricht: Ich bin in dich verliebt, in meinem Bauch tanzen Schmetterlinge, wenn ich an dich denke, und auf meinem Nagel ist noch ein Hauch des Schmetterlings zu sehen, den du mir vor ein paar Wochen darauf gemalt hast. Ich habe Angst vor dem Tag, an dem auch dieser Rest verblasst ist, weil ich dann zur Nagelpflege müsste. Naja, eigentlich sollte ich ja jetzt schon gehen, aber da ich zu niemandem außer dir will, gehe ich halt nicht.

Ich machte eine kurze Pause und las durch, was ich gerade geschrieben hatte. Ich verfluchte Papier und Feder! Sonst schrieb ich immer auf dem Computer, da konnte ich alles im Nachhinein ändern. Weil ich gerade dabei war, schimpfte ich innerlich auch ein klein wenig auf Marilyn, meine beste Freundin, die mir eingeredet hatte, dass ich auf keinen Fall den Computer verwenden dürfte, sondern mich für diese schwierige Aufgabe altmodisch mit Papier und Feder an einen klassischen Brief wagen sollte.

„So bist du viel authentischer! Glaub es mir!“, hatte sie gesagt.

Im Moment glaubte ich ihr wohl, dass der Brief authentisch sei, aber dafür war er gleichzeitig auch chaotisch und schwer verständlich. Nun, er entsprach meinen Gefühlen. Immerhin das. Also schrieb ich weiter:

Was ich damit sagen will, ist, dass ich zwar in dich verliebt bin, aber leider nicht nur in dich, sondern auch in Tom. Ich habe keine Ahnung, wie das passiert ist, aber ich bilde es mir nicht nur ein. Ich bin schrecklich verliebt in euch beide und kann mich nicht entscheiden. Nicht so, wie man sich bei einem Stück Sachertorte und einem Stück Donauwelle nicht entscheiden kann, denn da könnte man ja von jedem die Hälfte essen, sondern eher wie …

Hier überlegte ich wieder und kaute solange auf meiner ziemlich zernagten Schreibfeder. Gleichzeitig kratzte ich mich mit der freien Hand am Kopf.

Wie ein, wie ein …

Da fiel mir ein Vergleich ein, ja, das war‘s!

sondern eher wie bei der Wahl zwischen einer Investition in einen Fond oder in eine Festgeldanlage! Obwohl mir auch hier eine Mischanlage lieber wäre …

Wieder stoppte ich. Oje, ich driftete zu einem meiner Lieblingsthemen ab. Geldanlagen. Das würde Guy wohl im Moment nicht so interessieren. Hm, was wird er wohl denken, wenn er den bisherigen Teil des Briefes liest? Guy, mein bester Freund seit einem Jahr, für sehr kurze Zeit leidenschaftlicher Liebhaber und nun leider auch noch Ex-Nageldesigner …

Ich versuchte, mich in ihn hineinzuversetzen. Ob er wohl geknickt wäre? Traurig, gekränkt, verletzt – vielleicht auch hoffnungsfroh, ich würde mich am Ende doch für ihn entscheiden? Oder war ich ihm bereits gleichgültig geworden?

Nein, diesen Gedanken schüttelte ich gleich wieder ab. Jeden Tag hatte ich eine Nachricht von Guy in der Mailbox meines Handys oder im Posteingangsfach von wepp.de. Liebevolle, freundschaftliche Nachrichten, dass er sich Sorgen mache, weil ich mich nicht mehr melde. Dass er mich vermisse, unsere Ausflüge und Unternehmungen. Ja, ich vermisste sie auch. Und ihn noch mehr. Ich drehte den Bogen Papier um und schrieb weiter:

Ich vermisse dich so sehr! Du warst mir im letzten Jahr der beste Freund und die Liebe zieht mich zu dir, aber ich fühle mich innerlich zerrissen. Ich weiß, dass ich mich entscheiden muss und doch kann ich es nicht. Im Moment jedenfalls nicht. Ich habe die Hoffnung, dass die Zeit mir helfen wird.

Jetzt kam der schwerste Part des Briefes. Ich atmete tief durch und beugte mich erneut über das Blatt:

Die Bitte fällt mir nicht leicht, aber ich fühle tief in mir, dass es der richtige Weg ist. Bitte, liebster Guy: Ich will dich ein Jahr lang nicht sehen. So schwer es mir fallen wird, ich glaube, dass mir dieses Jahr die richtige Entscheidung bringen wird. Würden wir uns bereits jetzt wieder treffen, so wäre ich nur noch mehr verunsichert. Ich werde Tom den gleichen Brief schreiben. Oder einen ähnlichen, denn er ist ja nicht schon so lange ein bester Freund. Das heißt, er war noch nie ein bester Freund. Ich höre jetzt auf zu schreiben, bevor ich wieder so viel Unsinn schreibe, dass ich den zehnten Brief anfangen muss. Neun ist meine Glückszahl.

In der Hoffnung, dass du Verständnis hast,

deine Kim

Ich hatte es geschafft!!! Der Brief war geschrieben. Ohne ihn noch einmal durchzulesen, faltete ich ihn und steckte ihn in den schon vorbereiteten Umschlag.

Der erste Schritt war getan, es war Zeit für den zweiten Brief! Bevor ich mich drücken konnte, hatte ich schon ein weiteres Papier aus der Schublade gezogen. Für Toms Brief wollte ich keine zehn Versuche brauchen, dieser musste auf Anhieb passen! Ich hatte keine Lust mehr zu schreiben! Meine Hand tat weh!

Ich beugte mich über den Briefbogen und begann:

Hallo Tom!

Hm, mir fiel auf, dass ich bei Tom nicht „Lieber Tom“ geschrieben hatte. Ob das etwas aussagte? Ich legte meine Gedanken beiseite und fuhr fort:

Ich kenne dich noch nicht lange und trotzdem fühle ich mich dir schon sehr verbunden. Ein großer Teil von mir ist in dich verliebt, träumt ungewohnt und beunruhigt bereits von Kindern (nur zwei!) mit dir, aber ein ebenso großer Teil von mir will erst mal ein bisschen mehr Geld verdienen und außerdem bin ich auch in Guy verliebt. Und weil mich das durcheinander bringt, schlage ich vor, dass wir uns ein Jahr nicht sehen. Dann werde ich eine Entscheidung getroffen haben. Ich hoffe, dass du diese Idee nicht doof findest und mir eine Chance gibst.

In Liebe, Kim

Na, der Brief war kurz und knackig! Wie ich Tom kannte, würde er den Brief zerknüllen, wegwerfen und nie wieder an mich denken. Ich seufzte leicht. Nun, das wäre auch eine Entscheidung und ich müsste sie nicht selbst treffen.

Tom hatte mir die letzten zwei Wochen immer wieder auf die Mailbox gesprochen, dass er mich gerne sehen würde, und per Mail war ein Gedicht gekommen, sooo romantisch. Tom war immer für Überraschungen gut. Ein dichtender, Klassik liebender Schreiner mit Herz für die Großfamilie. Eigentlich eine gute Wahl …

Und doch kannte ich ihn kaum. Dumm war nur, dass ich ihn mit dem Jahr Trennung auch nicht besser kennenlernen würde, überlegte ich. Aber was hat Liebe viel mit Wissen und Kennen zu tun? Es gab ja schließlich auch Liebe auf den ersten Blick! Ja, in Tom war ich auf den ersten Blick verliebt gewesen, bei Guy hatte es ein ganzes Jahr gedauert. Was war nun besser? Jemanden erst als Freund kennenzulernen oder Liebe auf den ersten Blick? Außerdem ist Verliebtheit nicht Liebe, oder? Was war es, was mich zu Guy hinzog – was zu Tom?

Ich merkte, wie meine Gedanken durcheinandergingen. Ich zwang sie zurück zum Wesentlichen. Es war, wie ich in meinen Briefen geschrieben hatte: Ich konnte mich einfach nicht entscheiden, wen von den beiden ich mehr liebte. Horchte ich auf mein Gefühl, dann klangen da zwei Saiten auf einmal!

Hmm, war es eigentlich ungerecht gegenüber Tom, dass ein ganzes Jahr verstreichen musste? Denn was konnte von unseren kurzen Begegnungen übrigbleiben an Erinnerungen? Wenn der Brief an ihn schon so kurz ausgefallen war ... Hm, der Sex mit ihm war mir in unvergesslicher Erinnerung geblieben, ebenso unser Besuch in der Dogman Direct Bank …

Aber ich war müde und schob auch diese Gedanken zur Seite.

Jetzt klopfte ich mir erst einmal mental auf die Schulter. Mein Meisterwerk war vollbracht: Ich hatte zwei handschriftliche Briefe verfasst, für meine Generation war das ein phänomenaler Schnitt für einen Abend!

Zum Abschluss kramte ich noch eine Karte aus der Schublade. Ich sammelte Karten aller Art: Postkarten, Kunstkarten und vor allem welche mit lustigen Motiven. Ich wählte aus der Sammlung eine, auf der eine Maus grinsend vor einer Katze saß – hm, was die wohl ausdrücken sollte? – und schrieb in das Adressfeld: Nadine Ritter, Hoferstraße 3, 97072 Würzburg.

Das war die Adresse meiner Lieblingsnichte. Sie war erst fünf Jahre alt, aber reichlich frühreif, und sie begann bereits zu lesen und zu schreiben.

Meine Schwester Marion hatte mit siebzehn die Entdeckung gemacht, dass es vielleicht doch sinnvoll gewesen wäre, die Pille zu nehmen, und noch kurz vor ihrem achtzehnten Geburtstag der kleinen Nadine das Leben geschenkt. Der Vater von Nadine heiratete Marion kurz nach der Geburt, aber das Kind hatte bereits den Namen meiner Schwester bekommen und so freute sich mein Vater, dass gleich das erste Enkelkind den Familiennamen weitertrug, womit er bei fünf Mädchen und nur einem Jungen gar nicht so schnell gerechnet hatte.

Nadine wurde von den Großeltern und Tanten derart verwöhnt, dass es gut war, dass schon anderthalb Jahre später das Zwillingspärchen Elena und Georg auf die Welt kam, das auch ein wenig Aufmerksamkeit abbekam. So war meine Schwester schon mit zwanzig Jahren dreifache Mutter.

Ihrem Mann Andreas konnte man zugutehalten, dass er die Familie eher als Abenteuer ansah, das es durchzustehen galt, als dass er über Fluchtversuche nachdachte. Er war gute zehn Jahre älter als meine Schwester, verdiente bereits ein ordentliches Gehalt als Elektriker und hatte, als einzige mir bekannte Schwäche, die Unkenntnis in der Anwendung von Kondomen. Er war der perfekte Familienvater, lieb zu meiner Schwester – zu lieb, wenn man die Schar der Kinder ansah – und fürsorglich gegenüber seinen Kindern und zuvorkommend bei den Schwiegereltern.

Ich profitierte sogar von dem frühen Kindersegen meiner Schwester, ließen mich doch meine Eltern seitdem zumindest mit Kinderwünschen in Ruhe, weil sie erst einmal gut mit Enkeln versorgt waren. Außerdem wohnte die junge Familie direkt in Würzburg, nur ein paar Straßen von meinen Eltern entfernt, ich dagegen weit weg. Meine Kinder hätten sie sowieso nicht oft gesehen …

Einmal die Woche, meist freitags, telefonierte ich mit Nadine, damit sie ihre älteste Tante in der Ferne nicht vergaß, und ich freute mich schon immer auf diesen Abend.

Ich war bass erstaunt, als dann vor einem halben Jahr die erste Postkarte ins Haus geflattert kam, mit krakeligen Buchstaben und doch verständlichem Wortlaut. Ich habe sie heute noch an der Pinnwand neben der Tür hängen:

Libe Tante KIM. Ich kan jezd schraiben. Daine NADINE

Mit dieser Postkarte begann ein reger Kartenwechsel, in dem wir uns von den Erlebnissen der Woche erzählten.

Ich schrieb heute:

Liebe Nadine,

schön, dass du eine kleine Katze geschenkt bekommen hast. Ich liebe Katzen. Ich finde den Namen Moritz sehr schön. Er passt zu einer schwarzen Katze perfekt. Ist Moritz ein Kater?

Heute Abend habe ich mir eine Pizza gemacht. Morgen muss ich wieder arbeiten. Ich hoffe, es geht dir gut und wir sehen uns bald wieder.

Liebe Grüße, Tante Kim

So, diese Zeilen waren mir am leichtesten gefallen. Mädchen zu schreiben ist so viel einfacher!

Ich klebte auf alle Werke eine passende Briefmarke und legte sie auf die kleine Kommode an der Eingangstüre. Von dort aus würden sie morgen auf dem Weg zur Arbeit in den Briefkasten wandern …

Ich gähnte. Es war Zeit, ins Bett zu gehen. Das hieß bei mir, aufs Schlafsofa, weil ich in meinem winzigen Einzimmer-Appartement nur wenig Platz habe. Ein kleiner Schrank, ein winziger Tisch mit zwei Stühlen, den ich gerade als Schreibtisch verwendet hatte, und das Schlafsofa, daraus bestand mein ganzes Mobiliar. Es reichte vollkommen aus.

Das Sofa hatte mir Guy geschenkt. Es war ein Traum in weinrot und superbequem. Ich zog es aus, klopfte mein Kissen zurecht und schaute kurz auf meine Schneekugel, die ihren angestammten Platz auf dem kleinen Tischchen hatte, das gleich neben dem Sofa stand.

In der Schneekugel lag mein erster selbst verdienter Euro. Ich kann mich noch heute an den Tag erinnern, an dem ich ihn in der Hand gehalten hatte. Welcher Stolz mich erfüllte, und wie in diesem Moment der Traum in mir Fuß fasste, dass sich zu diesem Euro noch 999. 999 weitere gesellen sollten, bis ich schließlich eine Million zusammen haben würde. Seitdem arbeitete ich auf dieses Ziel hin, eisern und mit Hingabe.

Ich hatte mein Ziel nie in Frage gestellt ... Bis ich vor ein paar Monaten bei einem Rock-Konzert Tom, den Schlagzeuger, kennenlernte. Tom hinterfragte meine Ziele und stellte neue in den Raum. Mein Weltbild bekam Risse und ich war seitdem stark verunsichert.

Ich schüttelte den Kopf und verscheuchte alle Fragen, die sich vor meinem geistigen Auge tummelten. Vor allem aber verbannte ich Tom aus meiner Gedankenwelt und nahm gleichzeitig die Schneekugel in die Hand. Wohltuende Rituale sollte man pflegen, also schüttelte ich sie, wie jeden Abend, bis die weißen Flocken wild um den Euro wirbelten. Schicksalsschläge würden kommen, Hindernisse in den Weg treten, ich würde mein Ziel dennoch erreichen!

2. Kapitel – Ich will Marketingleiterin werden anstelle des Marketingleiters

Am nächsten Morgen steckte ich nach meiner morgendlichen Dusche die zwei Briefe und die Postkarte in meine Tasche und ahnte nicht, wie sehr diese Post mein zukünftiges Leben verändern würde – und zwar schneller als erwartet …

Ich ging wie immer zügig zu Fuß zur S-Bahn-Station am Ludwigsburger Bahnhof, warf dort die Post in einen Briefkasten und fuhr um Punkt 6.30 Uhr nach Stuttgart in meine Firma. ENERGION war ein mittelgroßer Energiekonzern in Stuttgart, bei dem ich vor einem Jahr meine erste Stelle als Marketingassistentin angenommen hatte. Ich hatte mich schnell durch ein paar Gehaltserhöhungen hochgearbeitet und sowohl die Anerkennung meines Marketingleiters Leopold als auch die meines obersten Chefs Dr. Moosmann errungen.

Es stellte sich heraus, dass der absolut unfähige Leopold nur deswegen keine Ahnung von Marketing hatte, weil er eigentlich als verdeckter Ermittler für die Kriminalpolizei tätig war. Die Mordfälle, besser gesagt, der Mord an Marlon Braun und der Mordversuch an Dr. Moosmann, waren mittlerweile dank meines ziemlich klugen und überaus tapferen Einsatzes gelöst worden, und nun war Leopolds Stelle als Marketingleiter freigeworden und zur Ausschreibung gestellt. Meine Chance war gekommen!

Ich hatte mich beworben und heute sollte das Vorstellungsgespräch stattfinden, beim Big Chef Dr. Moosmann, der seit ein paar Wochen wieder aus dem Koma erwacht war.

Bis auf meine Fingernägel – sie dienten als Mahnmal meiner zerrissenen Liebe – war ich perfekt ausgerüstet. Meine Haare waren zufriedenstellend frisiert – dank Naturlocken musste ich nach dem Waschen und Trocknen nur einmal mit den Fingern durchfahren – und das Make-up in routinierter Selbstverständlichkeit dezent, aber wirkungsvoll aufgetragen. Meine Kleidung war ausgewählt und zeitlos schön. Ich musste mir nie viele Gedanken machen, was ich anziehen sollte, da mein Kleiderschrank nur eine Minimalgarderobe umfasste, die aber perfekt war. Warum sich mit viel Mittelmaß kleiden, wenn es wenig Klasse auch tut?! Und das alles in Rekordzeit. Ich liebe Effektivität!

Wie immer, wenn ich morgens zur Arbeit kam, füllte ich meine Kaffeetasse in der kleinen Mitarbeiterküche mit einem Milchkaffee, was mein bescheidenes, aber überaus günstiges Frühstück darstellte. Mit einem Lächeln auf den Lippen und der Tasse in der Hand lief ich zu Leopolds ehemaligem Büro. Ich wollte es mir heute Morgen einmal in Ruhe ansehen, um zu überlegen, wie ich es mir einrichten würde, wenn ich erst einmal Marketingleiterin wäre. Die Möbel würde ich auf jeden Fall umstellen, denn ich wollte den Blick vom Schreibtisch nach draußen, nicht in Richtung Tür wie bisher …

Als ich die Tür öffnete – ich hatte nicht geklopft, weil das Büro ja offiziell verwaist war – erwartete mich eine große Überraschung.

„Leopold!“ Mir fiel fast die Kaffeetasse aus der Hand.

„Guten Morgen, Kim. Bringst du mir einen Kaffee?“

„Nein! Das ist mein Kaffee, hol dir selbst einen! Guten Morgen! Was machst denn du hier?“, stammelte ich verwirrt.

Leopold sah aus wie immer, wenn er an seinem großen Schreibtisch in dem schönen geräumigen Arbeitszimmer der Marketingleitung saß: ruhig, gelassen und zufrieden mit sich und der Welt. Sein rundes, leicht kindliches Gesicht verstärkte diesen Eindruck, deswegen unterschätzten ihn viele Menschen. Auch ich hatte ihn zunächst falsch eingeschätzt und ihn anfangs fast verachtet.

Er lächelte und antwortete: „Ich arbeite hier. Du kennst doch mein Büro.“

Ich schüttelte ungläubig den Kopf. „Nein, du arbeitest nicht mehr hier. Du hast gekündigt! Das hier wird mein Büro! Ich habe heute einen Vorstellungstermin für den Posten!“

Leopold breitete seine Arme aus und zuckte entschuldigend die Schultern.

„Ich habe wieder angefangen zu arbeiten. Mach bitte die Tür zu.“

Ich zog die Stirn überlegend kraus und schloss die Tür hinter mir. Etwas verwirrt setzte ich mich auf den Besucherstuhl, die Kaffeetasse immer noch in der Hand.

„Aah“, sagte ich nach einem Blitzgedanken, „du verdienst hier besser als bei der Kriminalpolizei und hast den Beruf gewechselt. Statt als verdeckter Ermittler unterwegs zu sein, willst du nun doch Marketingleiter werden. Aber …“, und an dieser Stelle sah ich ihn vorwurfsvoll an, „du hast keine Ahnung von Marketing, wie willst du den Job in echt machen?“

„Falsch geraten. Ich bin auch nicht hier, weil ich entlassen worden bin oder weil ich so gerne im zweiten Stock arbeite.“ Leopold grinste, doch dann wurde seine Miene mit einem Mal ernst und er verriet mir endlich den Grund: „Ich bin wieder im Einsatz. Dir kann ich es ja verraten, du lässt ja sowieso nicht locker, bis du es heraus hast. Ich ermittle im Fall des Mordversuchs an Dr. Moosmann.“

„Aber der Mörder ist doch gefasst ...“ Da dämmerte es mir. Ich klopfte mit meinem rechten Zeigefingernagel gegen die Kaffeetasse.

„Ich hab’s! Herr Wesermann ist gar nicht der Fast-Mörder. Stimmt‘s? Ihr habt irgendetwas herausbekommen, das es beweist!“

Leopold zauberte ein breites, herzliches Lächeln auf sein Gesicht.

„Du bist so klug wie immer. Ja, wir haben Beweise für seine Unschuld gefunden. Herr Wesermann hat zwar definitiv Marlon Braun ermordet und das auch zugegeben, aber er kann nicht versucht haben, Dr. Moosmann zu ermorden, weil er für diese Zeit ein hieb- und stichfestes Alibi hat.“

Ich grummelte kurz vor mich hin, stellte meine Kaffeetasse auf Leopolds Schreibtisch und verabschiedete mich von meinem Traum, Marketingleiterin anstelle des vor mir sitzenden Marketingleiters zu werden. Nun, vorübergehend zumindest. Ich musste Leopold loswerden, und das bedeutete, dass ich diesen Fall lösen musste – so, wie ich auch den Mord an Marlon Braun aufgeklärt hatte. Nur so konnte ich meinem Ziel näherkommen. Wenn ich die Arbeit Leopold alleine überließ, würde es viel zu lange dauern!

Ich murmelte: „Er hat schon bei seiner Festnahme mehrmals betont, dass er Dr. Moosmann nichts getan hat. Da scheint er tatsächlich mal die Wahrheit gesagt zu haben ...“

Ich schlug meine Beine übereinander und nippte wieder an meiner Kaffeetasse. Der Tag fing spannender an, als ich erwartet hatte!

Ich fing an, laut zu denken: „Stellt sich nun die Frage: Wer sonst hatte ein Motiv, und vor allem, die Gelegenheit!?“

Leopold hörte mir schweigend zu und ich fühlte mich zunehmend wie eine Meisterdetektivin. Ich fuhr mit meinen Überlegungen fort.

„Leopold, wir haben doch diese komischen Dokumente gefunden. Darin ging es hauptsächlich um Energie, Anlagen und Bankgeschäfte. Ich habe mich damals schon gewundert, was die mit Herrn Wesermann zu tun haben könnten. Mal im Ernst! Beim Mord an Marlon ging es um Kunst und Kommerz! Um die Angst Herrn Wesermanns, dass Marlon durch den Ankauf von Hunderten wertloser Kunstwerke die Existenz der Bank in Gefahr brachte. Was ja auch der Fall war, wenn ich mich an die abscheulichen Dinger erinnere! Dr. Moosmann wiederum hat zwar mit Kunst zu tun, wenn ich an die vielen Kunstwerke in seinem Büro denke, aber das Motiv von Herrn Wesermann bezüglich des Mordversuchs an unserem Chef war mir schon damals schleierhaft. Es war nur so unwahrscheinlich, dass es gleich zwei Täter gab!“

Leopold nickte: „Du würdest eine gute Kriminalbeamtin abgeben. Hast du schon einmal überlegt, den Beruf zu wechseln? Wir suchen dringend Nachwuchs!“

Ich lächelte belustigt: „Nie im Leben! Viel zu schlecht bezahlt! Ich helfe dir, diesen Fall aufzuklären, und dann werde ich an deiner Stelle Marketingleiterin. Wenn du noch länger hier in diesem Luxus-Büro hockst, dann schadest du noch der Firma, so wenig Ahnung hast du!“

Leopold grinste amüsiert. Es schien, als hätte er mich vermisst.

„Ja, dann hilf mir nur schön! Vor allem, indem du mein Marketinggeschäft übernimmst, damit ich nicht auffliege. Ich habe einen Job von Dr. Moosmann übertragen bekommen, da brauche ich dringend deine Hilfe. Irgendeine Winterstromkampagne.“

Ich überlegte kurz. Lag dieses Angebot unter meiner Würde? Nein, denn so kam ich näher an den Tatort und das genesende Mordopfer, sprich meinen obersten Chef, und konnte den Fall schneller klären. Je schneller ich den Täter überführte, desto eher würde Leopolds Posten wieder frei, und ich hätte endlich ein Büro, das nicht an einen zu klein geratenen Kaninchenkäfig erinnerte.

Ich straffte meine Schultern und sah Leopold streng an: „Aber du legst ein gutes Wort beim Chef ein, dass ich nach der Lösung des Falles deinen Job bekomme!“

„Darauf kannst du Gift nehmen! Ich werde dich empfehlen und ihn zur Not ein wenig überreden! Ich weiß ja, dass du den Job gut machen wirst! Du bist die beste Assistentin, die ich je gehabt habe.“

Ich trank den Rest meines Kaffees aus und stürzte mich in die Arbeit. „Gib die Unterlagen her. Ich will mich gleich einarbeiten! Immerhin habe ich etwas Zeit gewonnen: Mein Vorstellungstermin fällt aus.“

Und so wurden Leopold und ich ein Team, das die nächsten Wochen intensiv zusammenarbeiten würde. Ich hätte es schlimmer treffen können, denn Leopold hatte zwar keine Ahnung von Marketing, aber er hatte Humor und war nett. Das ist mehr, als man von den meisten Menschen behaupten kann.

3. Kapitel – Tom

Ich ging gerade in mein kleines bescheidenes Büro, in der einen Hand die leere Kaffeetasse und in der anderen die Dokumente über die winterliche Werbekampagne, da klingelte mein Handy. Es befand sich in dem kleinen Rucksack, den ich immer bei mir trug. Schnell stellte ich die Tasse auf meinem kleinen, mit Papieren überfüllten Schreibtisch ab. Die Unterlagen legte ich auf einen Stapel mit anderen Unterlagen und kramte das Handy aus einer der vielen winzigen Seitentaschen meines Rucksacks. Da ich nie so recht wusste, in welcher ich es dieses Mal verstaut hatte, musste ich meist so lange suchen, dass es längst aufgehört hatte zu klingeln, ehe ich das Gespräch annehmen konnte. Aber dieses Mal schaffte ich es gerade noch rechtzeitig, bevor der Anrufer auflegen konnte. Ich sah auf dem Display die Nummer von Tom und stöhnte, als ich die grüne Taste drückte.

„Stöhnen ist gut, das erinnert mich an schöne Momente mit dir“, begrüßte mich Tom mit seiner dunklen, leicht rauchigen Stimme.

Ich knurrte sicherheitshalber und antwortete anschließend: „Auch dir einen schönen guten Morgen, lieber Tom!“

„Guten Morgen, meine Schöne. Wollen wir am Freitag zusammen ins Kino gehen?“

Ich überlegte kurz. Ins Kino zu gehen war eher mein Freizeitvergnügen mit Guy ... In dem Moment fiel mir ein, dass ich Tom einen Brief geschrieben hatte, in dem ich ihm mitteilte, dass ich ihn ein Jahr lang nicht mehr sehen wollte. Aber das wusste er ja nicht ... Der Brief lag wahrscheinlich noch im Postkasten. Hm, hätte ich überhaupt ans Telefon gehen dürfen? Nein, das verstieß nicht gegen die Regel: Nicht sehen heißt nicht: nicht hören! Irgendwo hört‘s echt auf!

Ich zuckte entschuldigend mit den Achseln, auch wenn Tom das nicht sehen konnte. „Tom, leider nein. Ich kann nicht mit dir ins Kino gehen. In ein bis zwei Tagen kommt ein Brief bei dir an, der dir alles erklärt!“

Hmm, was hatte ich Tom alles geschrieben? Ich wusste nur noch, dass der Brief kurz gewesen war, kürzer als der an Guy. Hatte ich wirklich alles erklärt? Ich hatte ihm auf jeden Fall geschrieben, dass ich ihn ein Jahr nicht sehen wolle, das war die Kernaussage des Briefs. Weil ich in ihn und Guy gleichzeitig verliebt war. Ob ich ihm das nicht einfach jetzt gleich sagen könnte? Das würde ja nicht lange dauern, und dann wüsste Tom schon mal Bescheid …

Aber, ging mir gleichzeitig durch den Kopf, Marilyn hatte darauf bestanden, diese Botschaft schriftlich – handschriftlich! – zu überbringen ... Also konnte ich es ihm jetzt nicht sagen …

„Kim! Bist du noch am Telefon? Ich höre dich nicht mehr.“

Das konnte daran liegen, dass ich nachdachte und nicht redete. So etwas kam nicht oft bei mir vor, das stimmte. Die Sache war so verzwickt, dass ich noch von meiner eigenen Persönlichkeit abzuweichen begann! Tse!

„Ja, ich bin dran.“

„Du redest so wenig. So kenne ich dich gar nicht.“

Stimmt!, dachte ich. Ich rede gerade wenig, weil ich dir sonst alles erzähle, was im Brief steht und das soll ich laut Marilyn nicht. Grr, Marilyn, wenn ich dich das nächste Mal sehe!

Laut antwortete ich: „Wir kennen uns nicht gut. Und auch nicht lange …“

„Aber ich will dich kennenlernen! Komm mit mir ins Kino!“ Toms Stimme klang flehend, ich hätte am liebsten ja gesagt …

Doch ich antwortete: „Im Kino kann man sich nicht gut kennenlernen. Da schaut man sich einen Film an!“

„Aber davor und danach hat man Zeit dazu, und außerdem weiß ich dadurch, welche Stellen du lustig oder gruselig findest, weil du dann lachst oder dich an mich klammerst ... Oh, wir nehmen einen besonders gruseligen ... Die Vorstellung mit dem Klammern gefällt mir nämlich. Und wenn du dann so schön an mir klammerst ...“

„Tom!“ Ich unterbrach seine Fantasien und holte ihn in das raue, wirkliche Leben zurück. „Tom, ich gehe nicht mit dir ins Kino, leider.“ Und ich fühlte echtes Bedauern.

„Dann besuche mich! Oder wir gehen spazieren oder ...“

Oh, Marilyn! Warum sollte ich mich eigentlich an ihren blöden Rat halten? Viel Erleichterung brachte er gerade nicht! Weder mir noch Tom. Was für ein blödes Rumgeeiere!

„Tom, ich möchte dich ein Jahr lang nicht sehen.“

So, jetzt war’s raus.

Schweigen in der Leitung. Dann ein leichtes Knacksen. Ich schüttelte leicht das Telefon, aber es lag wohl nicht am Telefon, denn kurz darauf meldete sich Tom wieder.

Mit vorsichtiger Stimme fragte er: „Hast du etwas getrunken? Oder gehst du ein Jahr ins Ausland?“

Ich sah schon, ich musste noch ein wenig mehr erklären. Vielleicht hatte Marilyn doch recht gehabt ... Telefonisch war mindestens so schwer wie schriftlich, und man musste zudem Rede und Antwort stehen. Warum war ich nur ans Telefon gegangen?!

„Ich liebe dich ...“, begann ich und wurde gleich unterbrochen.

„Schön, ich dich auch!“

„Unterbrich mich nicht! Ich liebe nicht nur dich, sondern auch Guy.“

„Na und, das ist doch nicht schlimm! Du brauchst halt noch eine Weile, bis du weißt, wer besser zu dir passt. Und da ich weiß, dass ich das bin, hab ich kein Problem damit.“ Nach einer kurzen Pause: „Du schläfst doch nicht mit Guy, oder?“

Ich rollte mit den Augen. Männer!

„Tom! Ich will dich und Guy nicht sehen, weil ich mich entscheiden will. Und das kann ich im Moment nicht. Ich will aber nicht in euch beide gleichzeitig verliebt sein. Und nach einem Jahr weiß ich sicher Bescheid.“

Das hoffte ich zumindest. Wenn ich recht überlegte, war auch das Jahr Trennung Marilyns Idee gewesen ... Ich geriet ein wenig ins Zweifeln, ob ihre Ideen wirklich immer die Besten waren. Immerhin hatte sie einen Freund, der beim Lachen wieherte!

Toms Stimme wurde unleidig. „Du spinnst! Wieso sollst du nach einem Jahr wissen, wer besser zu dir passt! Du kennst mich doch kaum, und nach einem Jahr Abstinenz von mir wird das nicht besser. Guy kennst du schon ewig. Das ist unfair und außerdem ist die Idee ein absoluter Quatsch!“

„Ich brauche Abstand!“, verteidigte ich mich.

„Aber doch kein Jahr lang!“, rief Tom entrüstet. „Du hast mich schon zwei Wochen nicht mehr gesehen. Okay: noch eine Woche! Aller guten Dinge sind drei! Dann weißt du es und inzwischen kannst du mich etwas besser kennenlernen. Heute Abend läuft ‚Action im Dunkelreich‘ im Centaur, da können wir uns gut kennenlernen. Immer wenn du kreischt, nehme ich dich in meine Arme.“

Nein, ich wollte nicht mit Tom in einen Actionfilm, in dem ich mich erstens langweilen würde, weil ich Actionfilme nicht leiden konnte, und außerdem war ich nicht der Typ, der sich vor Angst jemandem in den Arm warf.

„Tom, ich mag keine Actionfilme.“

„Gut, da läuft auch noch ‚Nachts im Park das Grauen‘.“

„Ich mag auch keine Gruselfilme.“

Tom machte eine kurze Pause. Gab er jetzt endlich auf, damit ich endlich mal wieder arbeiten konnte? Warum hatte ich das Gespräch nur angenommen!?

„Nicht sehen, sagst du?“, kam es schließlich fragend aus der Leitung.

Ich nickte und antwortete: „Ja. Ein Jahr lang.“

„Wenn du mich also nicht siehst, kannst du mich treffen?“ Toms Stimme klang leise frohlockend, gerade so, als hätte er endlich die Hintertür gefunden …

Ich überlegte. Hmm, der Deal war das Nicht-Sehen, ja! Marilyn hatte nichts von einem Telefon- oder Schreibverbot gesagt und das hielt ich für eine gute Idee. Auf diese Weise konnte ich mit beiden weiter in Kontakt bleiben und sie auf eine besondere Art kennenlernen. Wenn sie wollten …

„Ja, Tom. Nicht sehen. Wir können uns Mails schreiben oder miteinander telefonieren. Allerdings fällt das nicht unter die Kategorie ‚Treffen‘“, dachte ich laut.

„Komm am Freitag bei mir zu Hause vorbei. Ich verspreche dir, wir werden uns nicht sehen!“

Tom hatte nun wirklich meine Neugier geweckt. Was hatte er vor?

„Willst du mir die Augen verbinden oder was?“

„Lass dich überraschen! Aber ich verrate dir schon mal ein bisschen: Nein, ich werde dir die Augen nicht verbinden. Und wir werden uns beide nicht sehen, auch ich dich nicht, versprochen.“

Hmm, überlegte ich und klopfte mit meinen Fingern einen unruhigen Rhythmus auf den kleinen freien Fleck meiner Schreibtischplatte. Der Vorschlag lag im Rahmen der Absprache, oder? Vielleicht legte Tom es ein bisschen frei aus, aber die Formulierung „Nicht sehen“ ließ doch einen kleinen Freiraum ... Und ich war neugierig, was sich Tom ausgedacht hatte. Er war wirklich sehr fantasievoll. Ich schnurrte innerlich, als Erinnerungen an die gemeinsame Zeit mit Tom in mir hochkamen. Der Stäffeles-Spaziergang zum Beispiel, ja, das war einer der schönsten Abende meines Lebens gewesen.

Es war unglaublich – mein ernsthaft gefasster Vorsatz, Tom und Guy ein Jahr lang nicht zu sehen, bröckelte bereits wenige Stunden nach Verfassen der Briefe wie ein trockener Marmorkuchen dahin …

„Gut, ich komme am Freitag. Und wir werden uns nicht sehen. Welche Uhrzeit?“

„18 Uhr! Sei pünktlich!“

„Bin ich immer! Bis dann!“ Ich beendete das Gespräch und legte das Handy vor mich auf den zweiten Papierstapel von links, genau in die Mitte, und starrte es eine Weile nachdenklich an.

Ich war tatsächlich immer pünktlich, meist bis auf die Minute genau, eine Eigenart an mir, die einige furchtbar fanden, andere sympathisch. Aber jeder hat so seine Macken ... Guy war auch immer pünktlich ... Guy – wie er wohl auf meinen Brief reagieren würde?

Ich schaute in mein Mailkonto, ob er schon geantwortet hatte, bis mir einfiel, dass ich den Brief erst heute Morgen in den Postkasten geworfen hatte. Handschriftliche Briefe per Postboten, was für eine langsame Art der Kommunikation, ein regelrechtes Fossil! Nun, auch ein klein wenig romantisch …

In meinem Mailkonto befanden sich dafür etwa hundert dienstliche Posteingänge. Ich seufzte. In Ordnung, dann würde ich mal mit der Arbeit beginnen!

4. Kapitel – Hilfe!

Die nächsten Tage ließen mir kaum Zeit. Wenn ich nicht gerade an der Marketingkampagne arbeitete – es war etwas seltsam, winterliche Themen im Frühsommer zu entwerfen – dann forschte ich im Internet und in den betrieblichen Dokumenten nach einem Motiv für den Mordversuch an Dr. Moosmann. Beides hielt meinen Geist auch in den freien Stunden permanent auf Trab, manchmal träumte ich schon von kleinen Glühbirnen mit Weihnachtsmützen …

Als ich mich Donnerstagabend müde und erschöpft die fünf Stockwerke zu meinem kleinen Appartement in Ludwigsburg hinaufschleppte, öffnete ich schon beim Treppensteigen die drei Briefe, die ich im Briefkasten vorgefunden hatte. Der erste enthielt eine Rechnung, der zweite eine Dividendengutschrift und der dritte, den ich mir für zuletzt aufhob, einen Brief meiner Lieblingsnichte Nadine. Ich war bei meiner Wohnungstür angelangt, als ich ihn öffnete.

„Puh, der Aufstieg ist geschafft“, dachte ich, „jetzt werde ich es mir mit Nadines Brief und einer Tasse Tee auf dem Sofa gemütlich machen“ – doch dann ging die Tür zur Nachbarwohnung auf und Bert trat in den Flur. Bert war Frührentner und hatte in seinem Arbeitsleben als Portier in einem großen Hotel gearbeitet. Er war höflich und nett, mit einem Hang zur Philosophie. Wir verbrachten manchmal lange Abende mit stundenlangen Gesprächen über Gott, die Welt und ihre Widrigkeiten und vielerlei Themen mehr. Ich genoss die Gesellschaft von Bert, die meist von einer Tasse Tee oder Kaffee begleitet wurden. Heute war ich jedoch zu müde und hatte nur noch den Wunsch, möglichst schnell auf meinem Sofa zu liegen.

„Guten Abend, Bert. Ich bin schrecklich erschöpft, tut mir leid, ich würde gern mit dir plaudern, echt, aber …“

„Guten Abend, Kim. Ist kein Problem. Du meldest dich, wenn du mal Zeit hast für einen alten Herrn. Ich weiß doch, dass du viel um die Ohren hast. Ein Brief von deiner Nichte?“

Er hatte den rosa Umschlag richtig interpretiert. „Ja, sie schickt mir fast jede Woche einen Brief oder eine Karte, seit sie das Schreiben gelernt hat. Ich bin gespannt, was sie dieses Mal erzählt. Sie hat eine Katze bekommen … Das heißt, eigentlich einen Kater, glaube ich zumindest, weil die Katze Moritz heißt. Vielleicht steht im Brief mehr …“

„Dann mach‘s dir gemütlich! Es ist schön, einen Brief zu bekommen, der mal keine Rechnung enthält.“ Er grinste und ging wieder in seine Wohnung. „Gute Nacht, Kim!“

„Gute Nacht, Bert. Bis bald!“

Jetzt packte mich endgültig die Neugier auf den Brief. Ich schloss die Tür zu meiner Wohnung, schleuderte die Schuhe von mir, durchquerte die kleine Diele und ließ mich nach zwei weiteren Schritten auf mein Schlafsofa fallen.

Das Sofa war ungemein bequem und schön und es ersetzte mein erstes, das einem Mordanschlag zum Opfer gefallen war. Der glatte Kopfschuss durch Marlon Braun, der leider zu dem Zeitpunkt darauf lag, hatte dem Sofa keine Zukunft gelassen. Nun, Marlon Braun auch nicht. Zum Glück war ich zu dem Zeitpunkt gerade im Bad gewesen und hatte meine Beine epiliert und mich geschminkt. Dadurch hatte ich den Mörder verpasst. Es lebe die Körperpflege!

Nun lag ich also auf dem weinroten Traum, auf den ich mich jeden Abend freute. Ich würde den Brief lesen, eine Kleinigkeit essen, ein paar Seiten lesen und dann selig schlafen …

Das war mein Plan für den Rest des Abends.

Es kam anders.

Ich zog aus dem rosa Umschlag ein ebenso rosafarbenes Blatt, auf dem sich, neben Nadines Handschrift, am Rand kleine Katzen in bunten Farben tummelten. Die Leidenschaft für diese wunderbaren Tiere teilten meine Nichte und ich, und deshalb war unser Briefverkehr stets etwas katzenlastig gewesen. Wir erzählten uns über die kleinen Tiger, und die Motive auf den Postkarten oder dem Schreibpapier, ja, auch die Briefmarken bildeten Katzen ab, wenn wir welche auftreiben konnten. Und jetzt hatte Nadine sogar einen echten kleinen Kater, während ich immer noch kein Haustier hatte! Ich war gespannt, ob sie über Moritz schreiben würde. Mal sehen …

Liebe Tante Kim,

oh, ihre Orthografie wurde immer besser! Die Überschrift war schon mal richtig geschrieben.

Hier ist alles wie imer. Die Tswillinge schraien den ganzen Tag, Papa ist auf der Arbait und Mama ist müde. Moritz ist der schönsde Kater der Welt, er ist schwartz und lusdig und wir schbielen viel zusamen.

Ich liebte schwarze Katzen. Welche Augenfarbe er wohl hatte, ich musste sie unbedingt fragen im nächsten Brief.

Wir komen dich am Freitag besuchen und blaiben ein par Dage. Der Tsug komt um 15.21 in Ludwigsburg an. Hol uns ab.

Liebe Grüße, Nadine

Ich wischte mir mit dem Handrücken über die Augen und las den Brief noch einmal.

Ja, hier stand, dass „sie“ mich am Freitag besuchen würden. Wer waren „sie“? Wer würde Nadine begleiten? Ihre Mutter oder ihr Kater Moritz? Ein paar Tage?!!

Mir schwante Übles und ich fürchtete, sie meinte mit dem Plural tatsächlich sich und den Kater!

Ich schaute auf die Uhr: 20.30, ich war spät nach Haus gekommen, weil ich nach der Arbeit noch ein paar Einkäufe getätigt hatte. Aber es war noch zeitig genug, um anzurufen. Arme Nadine, sie hatte sich sicher schon darauf gefreut … Aber ich konnte sie auf keinen Fall hier gebrauchen! Es war ein ganz schlechter Zeitpunkt, viel zu viel Arbeit und außerdem das Date mit Tom!

Ich wählte die Nummer meiner Schwester Marion. Keiner ging ran. Auch nicht nach dem zehnten Klingeln. Ich würde es später probieren. Wahrscheinlich brachte sie gerade die Kinder ins Bett, und ihr Mann hatte vielleicht seinen freien Abend …

Eine Stunde später hatte ich bereits zehn Mal probiert, sie zu erreichen, mir mittlerweile die Haare zerrauft, und ich ging nervös im Zimmer auf und ab. Als Nächstes wählte ich die Nummer meiner Eltern. Sollten die sich drum kümmern. Aber auch da ging keiner ran! Vielleicht lagen sie schon im Bett und schliefen? Ja, das war wahrscheinlich, sie hatten ziemlich frühe Zeiten …

Ich überlegte, ob es an meinem Handy liegen könnte? Ich hatte kein Festnetz, also konnte ich das nicht ausprobieren. Ob ich kurz zu Bert rübergehen sollte, um bei ihm zu telefonieren? Nein, mein Handy hatte so gut wie nie Ausfälle, ich glaubte nicht, dass es daran lag …

Oder hatten sich alle gegen mich verschworen? War es der Plan meiner Familie, dass mich Nadine überfallen sollte? Nein. Ich konnte mir auf keinen Fall vorstellen, dass meine Mutter mir ein ganzes Wochenende lang ein Kind anvertrauen würde. Sie sprach mir ja immer noch das Verantwortungsgefühl für mich selbst ab. Sie rief mich mindestens einmal die Woche an, um mich in allem Möglichen zu ermahnen und an vieles zu erinnern. Ob ich die Wäsche schon gewaschen hätte und Staub gewischt und richtig essen würde, nicht nur Fast Food und, und, und.

Wen könnte ich noch anrufen? Es war nun bereits nach 22 Uhr … Ich wusste, dass meine anderen Schwestern unter der Woche früh ins Bett gingen, und mein Bruder wusste über Familiendinge nie Bescheid. Den brauchte ich erst gar nicht anzurufen.

Ich wählte ein letztes Mal die Nummer meiner Schwester Marion, dann gab ich es für heute auf, ich würde es gleich morgens nochmal probieren. Ihre Kinder waren alle drei Frühaufsteher …

Als ich mich ins Bett legte, schüttelte ich wie gewohnt die Schneekugel, war aber in Gedanken nicht ganz bei der Sache und nahm weder Euro noch Schneegestöber richtig wahr. In dieser Nacht schlief ich unruhig und träumte davon, dass mich Nadine und ein kleiner, süßer schwarzer Kater besuchten und gänzlich bei mir einzogen, weil es ihnen bei mir so gut gefiel. An dieser Stelle des Traums wachte ich schweißgebadet auf.

Ich guckte auf die Uhr: 5 Uhr morgens. Zu früh, um zur Arbeit zu gehen, und zu spät, um noch lange zu schlafen. Konnte ich meine Mutter bereits anzurufen? Nicht, dass ich sie aus dem Bett warf, ich würde ein bisschen warten. Ich schlief wieder ein, um plötzlich wieder aufzuwachen und festzustellen, dass mein Handywecker nicht geklingelt hatte, weil durch meine vielen Anrufversuche der Akku leer war …

Ich schwang die Beine über den Sofarand, machte schnell im Bad am Waschbecken Katzenwäsche und stürzte mich in meine Kleider. Zeit zum Duschen war keine mehr. Einmal kurz durch die Haare mit den Fingern, Blitz-Make-up aufgelegt, fertig. Ich schnappte meine Tasche und Schlüssel und hetzte aus der Wohnung. Ich würde vom Geschäft aus telefonieren. Der Zug kam ja erst nachmittags an!

Uah, wie kam eine Fünfjährige eigentlich dazu, den Fahrplan der Bahn lesen zu können? Den blickte ich ja selbst manchmal nicht. Oder war der Besuch von meiner Schwester geplant worden, weil sie das Kind mal eine Weile loswerden wollte? Na, die würde was erleben, wenn das der Fall war!

Ich erreichte die S-Bahn gerade noch rechtzeitig, eine Sekunde später schlossen sich die Türen hinter mir. Im Zug zog ich mein Handy aus der Tasche, um meine Schwester endlich zu erreichen, als mir wieder einfiel, dass ich es erst aufladen musste. Ich unterdrückte einen Fluch. Die Sache lief gründlich schief!

Ich kam tatsächlich zu meiner gewohnten Zeit bei ENERGION an. Auf dem Weg zum Büro ging ich wie üblich kurz in der Küche vorbei, holte mir meinen Morgenkaffee und lief dort Steffi über den Weg. Steffi war die persönliche Assistentin des Konzernleiters Dr. Moosmann. Sie war ein Goldschatz und hatte seit dem Mordanschlag einige Sorgen gehabt. Schließlich hatte ihr niemand mehr gesagt, was sie tun sollte, und außerdem mochte sie ihren Chef wirklich gern.

„Guten Morgen, Steffi. Wie geht es Dr. Moosmann?“

„Guten Morgen, Kim! Erstaunlich gut, danke! Er kann sich zwar immer noch nicht an den Tag erinnern, an dem er angeschossen wurde, aber ansonsten funktioniert sein Gedächtnis wieder einwandfrei. Es ist eine solche Erleichterung!“

„Das glaube ich. Der Kopf vom Betrieb sollte echt da sein. Ich hab nachher einen Termin bei ihm, die Winterkampagne vorzustellen.“

„Ich weiß, um zehn Uhr. Bis dann!“

„Bis dann! Ciao!“

Steffi, Perfektion in Sachen Frisur, Kleidung und Etikette, schwebte davon, und auch ich ging meiner Wege.

Ich schlenderte weiter in mein kleines Büro, das eher einem vollgestopften Abstellraum ähnelte, aber immerhin hatte es ein Fenster. Okay, ein sehr kleines Fenster mit Blick auf den Hinterhof … Bis auf einen Schrank und zwei offene Regale gab es nur einen großen Schreibtisch, der die Hälfte des Zimmers einnahm. Hier lag meine neueste Kampagne in Form Dutzender Papiere ausgebreitet. Winterliche Motive vermischten sich mit strombetriebenen Endgeräten. Mir war alles noch etwas zu konfus, und ich versuchte in der nächsten Stunde, Ordnung in das Konzept zu bringen, als mir siedend heiß einfiel, dass ich nochmals bei meiner Schwester anrufen sollte. Immerhin hatte ich daran gedacht, den Akku aufzuladen …

Aber ich konnte wählen, so oft ich wollte, niemand ging ans Festnetz und auch nicht ans Handy, selbst bei meinen Eltern nicht. Was sollte ich tun?

Als Erstes sicherheitshalber Tom absagen. Ich schrieb eine Mail.

Lieber Tom,

leider kann ich heute Abend doch nicht kommen, ich krieg Besuch. Ein anderes Mal gerne, wenn wir uns dann wieder nicht sehen …

Liebe Grüße, Kim

Ein paar Minuten später klingelte mein Handy, an ihm konnte es also nicht liegen, dass ich in Würzburg niemanden erreichte. Es funktionierte einwandfrei, wie ich schon vermutet hatte.

Tom war dran: „Hi, Kim.“

„Hi, Tom.“

„Wen kriegst du zu Besuch? Weiblich oder männlich?“

„Weiblich.“

„Bring sie mit. Dreier sind immer fein.“

„Okay. Bis dann. Hab keine Zeit zum Plaudern.“

„Bis später also. Ciao!“

„Ciao.“

Prima, dann hatte ich ja gleich meine Anstandsdame dabei, grinste ich, da konnte bezüglich Erotik und Sex nicht viel passieren. Musste ich ein schlechtes Gewissen haben, weil ich ein kleines Kind mitbrachte? Nein, Tom wollte sowieso viele Kinder, da konnte er mit Nadine schon mal zu üben anfangen. Wenn ich nicht doch noch meine Schwester erreichte! Aber obwohl ich es immer wieder versuchte, niemand war erreichbar. Langsam begann ich, mir Sorgen zu machen.

5. Kapitel – Dr. Moosmann, nächster Versuch

 

Jetzt aber musste ich erst einmal Dr. Moosmann die Winter-Kampagne vorstellen. Leopold wollte mich dort treffen, und wahrscheinlich würde er meine Arbeit wieder als die seine ausgeben. Ich seufzte. Das letzte Mal, als er das tat, regte ich mich furchtbar darüber auf. Aber nun stand die Ermittlungsarbeit für den Mordanschlag im Vordergrund, da musste ich meinen Ehrgeiz ein wenig zurückstellen. Ein wenig –durch die Blume würde ich Dr. Moosmann schon wissen lassen, wer die Hauptarbeit geleistet hatte!

Ich rollte den Plan zusammen, schnappte meine Unterlagen und machte mich, tief in Gedanken versunken, auf den Weg. Nadine musste ich jetzt notgedrungen für eine Weile vergessen und mich auf meinen Job konzentrieren. Schließlich wollte ich noch dieses Jahr Marketingleiterin werden. Aber gleich nach der Besprechung würde ich wieder anrufen …

Als ich vor dem Büro ankam, stellte ich fest, dass Steffi wohl gerade unterwegs war. Aber da es bereits 10 Uhr war, klopfte ich und ging einfach hinein.

Im nächsten Moment fielen mir sämtliche Pläne und Dokumente aus der Hand, und ich schrie, so laut ich konnte. Eine Sekunde später stürmte ich durch den Raum auf Dr. Moosmann zu, der an einem Seil von der Decke baumelte …

Sein schwerer, massiger Körper, gekleidet in den gewohnt teuren Anzug, hing regungslos in der Luft, sein Gesicht schaute ich lieber nicht so genau an … Das Seil war über eine Lampe geschlungen, die antik und sehr stabil aussah.

Ich griff nach meinem Chef und versuchte, ihn hochzustemmen, um den Druck von seinem Hals wegzunehmen. Ob er wohl noch lebte? Aber darüber wollte ich jetzt gar nicht nachdenken. Ein Stück von ihm entfernt stand ein Stuhl, den schob ich mit meinem linken Fuß unter ihn, aber er war entweder bewusstlos oder tot, denn er hing weiterhin schlaff in meinen Armen.

Ich schrie noch einmal aus Leibeskräften um Hilfe, und da stand plötzlich Steffi an meiner Seite. Sie kletterte auf den Stuhl und schnitt das Seil mit ihrem Brieföffner durch.

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