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Kid normal (1). So sehen Helden aus!

Greg James & Chris Smith

KID
NORMAL

So sehen Helden aus!

Aus dem Englischen von Petra Koob-Pawis

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Mit Illustrationen von Raimund Frey

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Greg James
ist Moderator auf BBC 1 und präsentiert u. a. die offiziellen britischen Charts. Er hat keine Superkräfte. In seiner Freizeit überlegt er sich gerne, wie es wäre, Hobbys zu haben. Denn inzwischen hat er alle seine Hobbys zum Beruf gemacht.

Chris Smith
ist preisgekrönter Journalist und Radiomoderator. In seinem früheren Leben legte er eine glanzvolle literarische Karriere hin und gewann 1981 den H.-E.-Bates-Kurzgeschichtenwettbewerb (in der Kategorie »unter zehn Jahre«). Auch Chris besitzt keine Superkräfte. Er tut aber gerne so, als könnte seine Katze Mabel fliegen, indem er sie hochnimmt und mit ihr herumrennt. KID NORMAL ist das erste gemeinsame Buch der beiden, das international große Aufmerksamkeit bekam und in sechzehn Sprachen übersetzt wurde.

Raimund Frey,
geboren 1982 in Isny im Allgäu, hat schon seit frühester Kindheit mit großer Begeisterung den Malstift geschwungen und alles vollgekritzelt, was ihm unter die Finger kam. Nach der Schule verschlug es ihn nach Mainz, wo er Kommunikationsdesign an der FH für Gestaltung studierte. Nach dem Diplomabschluss machte er sich selbstständig und arbeitet heute als Freelancer, u. a. im Bereich Buchillustration, Storyboardzeichnungen, Comic und Fantasy.

1

Das neue Haus

Murph konnte sich nicht daran erinnern, jemals etwas so sehr gehasst zu haben wie dieses Haus. Eine leichte Brise, wie sie oft am Anfang einer Geschichte vorkommt, zerzauste seine strubbeligen braunen Haare, als er das Haus betrachtete. Mit der ganzen Denkkraft eines Elfjährigen versuchte er herauszufinden, warum er sich schon beim Anblick dieses Hauses so unglaublich mies fühlte.

Was ihn an dem neuen Haus so störte, war … dass es so schrecklich neu war. Früher hatte Murph in einem viel älteren Haus gewohnt, mit einer interessanten Holztreppe, die zu einem interessanten, verstaubten Dachboden voller interessanter Kisten führte, dazu ein Garten mit interessanten Kletterbäumen, wo man interessante Baumhäuser bauen konnte. Es war die Art von Haus gewesen, in dem man Abenteuer erleben konnte – obwohl Murph zugeben musste, dass er dort nie auch nur ein Abenteuer erlebt hatte. Aber zumindest hatte die Möglichkeit bestanden.

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Jetzt waren diese Abenteuer in weite Ferne gerückt. Vor vier Jahren war Murph mit seiner Mutter und seinem Bruder aus dem alten Haus ausgezogen. Der Beruf seiner Mutter hatte die ganze Familie in eine andere Stadt geführt. Das war schlimm genug gewesen. Aber ein Jahr später waren sie erneut umgezogen. Dann noch einmal. Und noch einmal. Inzwischen hatte Murph ein Drittel seines Lebens weit weg von dem geliebten alten Gebäude verbracht. Und jetzt starrte er schon wieder auf ein neues Haus und wünschte sich, jemand würde es in die Luft jagen oder in Brand setzen. Sein Wunsch würde schon sehr bald in Erfüllung gehen. Aber das konnte Murph zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen.

Selbst wenn er geahnt hätte, dass das neue Haus in wenigen Monaten nur noch eine schwelende Brandruine sein würde, hätte ihn das in diesem Moment kaum aufgemuntert. Unter dem nieselnden bräunlich trüben Abendhimmel, der perfekt zu seiner Stimmung passte, wuchtete Murph Umzugskartons in das Haus, das ihm selbst wie ein großer Karton vorkam, und stellte sie in der Diele ab. In dem leeren Hauseingang hallte jedes Geräusch unnatürlich laut und die blassgrünen Wände hatten den Farbton von Katzenkotze.

Murphs neues Zimmer war in einem nicht weniger scheußlichen Grün gestrichen, bei dem er an eine verschrumpelte Avocado denken musste. Gäbe es einen Wettbewerb für das grottenhässlichste, trostloseste neue Zimmer aller Zeiten, wäre es der heiße Favorit – und das sollte etwas heißen bei der starken Konkurrenz, die es im Rennen um den ersten Platz gab. Bis auf eine Matratze auf dem Fußboden und eine weiße Kommode war das Zimmer vollkommen leer. Bei Tageslicht boten die kahlen Fenster Aussicht auf einen ölverschmutzten Kanal hinter dem Haus und eine Backsteinmauer gegenüber. Murph war froh, dass es schon dunkel war.

Mit einem Seufzer öffnete er den Reißverschluss seiner Reisetasche und machte sich ans Auspacken. Lustlos stopfte er seine Jeans und T-Shirts in die Schubladen der Kommode. Ganz unten in der Tasche befanden sich vier besondere Kleidungsstücke. Murph legte sie nicht zu den anderen Sachen, sondern breitete sie auf der nackten Matratze aus. Er setzte sich im Schneidersitz auf den Fußboden und betrachtete sie.

Es waren vier graue T-Shirts, die er an den letzten Schultagen in seinen vier Schulen getragen hatte.

Das erste war von oben bis unten mit Filzstift vollgeschrieben. An der Schule war es üblich gewesen, einem Schüler zum Abschied einen Gruß mit auf den Weg zu geben.

Wir werden dich vermissen, Kumpel! Grüße, Max

Lass was von dir hören, Superstar! Sam

Geh nicht weg, Mächtiger Murph! Lucas

Es gab noch weitere Botschaften und Unterschriften, der graue Stoff war komplett mit bunten Buchstaben bekritzelt.

Geh nicht fort!

Aber Murph hatte fortgehen müssen und schuld daran waren seine Mum und ihr Job. Er hatte sich fest vorgenommen, den Kontakt zu seinen Freunden nicht abreißen zu lassen, aber in den darauffolgenden Monaten war er total beschäftigt gewesen. Denn er hatte ja neue Freunde finden müssen, weil die alten jetzt so weit weg waren.

Murph nahm das zweite T-Shirt in die Hand und las die Namen der neuen Freunde. Es waren nicht ganz so viele wie auf dem ersten, aber die Abschiedsworte waren trotzdem sehr nett.

Kaum zu glauben, dass du nach nur einem Jahr weggehst! Alles Liebe, Pia

Murph! Du wirst uns fehlen. Komm bald wieder, Kumpel. Tom

Auf dem dritten T-Shirt standen nur wenige Namen, mit Kugelschreiber in letzter Sekunde hingekritzelt, damit Murph wenigstens eine kleine Erinnerung hatte.

Auf dem vierten T-Shirt stand nichts.

Murph faltete sie zusammen und verstaute sie in der untersten Schublade der weißen Kommode.

Im vergangenen Jahr hatte er keine Freundschaften geschlossen. Er war davon ausgegangen, dass seine Mum eines Tages beim Abendessen erneut einen Umzug ankündigen würde. Und er hatte recht behalten. Für Murph waren andere Menschen wie Figuren einer Fernsehserie. Es hatte keinen Sinn, sich zu sehr auf sie einzulassen, da man immer damit rechnen musste, dass jemand die Fernbedienung schnappte und das Programm wechselte.

Wenn du schon einmal umgezogen bist, weißt du, dass man am ersten Abend im neuen Haus unbedingt Fast Food bestellen muss. Es ist ein wichtiges Ritual. Wie jede andere Familie, die gerade einen Umzug hinter sich hat, setzten Murph, sein Bruder Andy und seine Mum sich an jenem Abend zum Essen hin … und hatten das merkwürdige Gefühl, sich im Haus eines Fremden zu befinden, in dem schleunigst jemand die Heizung aufdrehen sollte.

Sie aßen direkt aus den Alubehältern, weil Murphs Mum den Umzugskarton mit den Tellern nicht finden konnte. Murph wusste, in welcher Kiste das Geschirr war, aber er hatte gerade alle Hände voll damit zu tun, seinen großen Bruder davon abzuhalten, die Krabben-Cracker zu stibitzen. »Das sind meine, du Riesenaffe!«, beschwerte er sich, als Andy wie ein gieriger Krake seine fettigen Finger ausstreckte, um sich eine weitere Portion zu genehmigen.

»Du schaffst doch eh niemals die ganze Packung, Schlumpfgesicht!«, entgegnete der sechzehnjährige Riesenaffe.

»Doch, schaffe ich«, protestierte Murph. Dabei suchten einige Krümel in hohem Bogen aus seinem Mund das Weite. Die Brösel sahen aus wie der Funkenschweif einer fantastischen Feuerwerksrakete … mit Krabbengeschmack. »Und nenn mich nicht Schlumpfgesicht. Du weißt genau, dass ich das nicht leiden kann.«

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»Tut mir leid, Schlumpfgesicht«, sagte Andy triumphierend, der sich mal wieder für besonders schlau hielt.

»Hört auf, ihr zwei.« Ihre Mutter seufzte. »Andy, nenn deinen Bruder nicht Schlumpfgesicht. Und du, Schlumpfgesicht, gib was von deinen Crackern ab.«

»MUM!«, rief Schlumpfges…, ähm, Murph. Seine Mutter und sein Bruder kicherten und er stimmte widerstrebend in ihr Lachen ein. »Ihr habt euch gegen mich verschworen! Als wäre es nicht schon schlimm genug, ins Niemandsland verschleppt zu werden, um dort in einer Schuhschachtel zu wohnen. Ich bin aber kein Schuh.«

Seine Mutter strich tröstend über seine Wange. »Ich weiß, dass du kein Schuh bist. Und ich weiß auch, dass du nicht umziehen wolltest.« Sie legte den Kopf in den Nacken, um die Tränen wegzublinzeln, so wie Mütter das eben manchmal tun. Mum wollte genauso wenig hierherziehen wie ich, dachte Murph.

»Es dauert immer eine Weile, bis man sich eingewöhnt hat«, meinte ihre Mum. »Wartet ab, Jungs. Ihr werdet viel Spaß haben, das verspreche ich euch. Wir werden tolle Sachen machen. Es wird …« Sie hielt inne und suchte nach einem passenden Wort. »Es wird einfach … super.« Und obwohl Murph es zu diesem Zeitpunkt nicht wissen konnte, traf sie damit den Nagel auf den Kopf.

2

Ein Missverständnis

Es gab vieles, was Murph und seine Familie in der neuen Stadt noch erkunden mussten. Vor allem hatten sie immer noch keine Antwort auf die wichtigste Frage: Wo würde Murph zur Schule gehen? Seine Mutter hatte bereits vor dem Umzug versucht, einen Platz für ihn zu finden, aber alle Schulen waren voll. Je weiter der August voranschritt, desto verzweifelter wurden ihre Bemühungen.

Abend für Abend saß Murphs Mum an ihrem Laptop und chattete mit anderen Eltern, um von ihnen Tipps zu bekommen. Sie ging sogar so weit, einfach wildfremde Mütter und Väter anzusprechen und zu fragen, welche Schule ihre Kinder besuchten und ob sie zufällig jemanden kannten, der demnächst auswandern wollte. Murph fand das unglaublich peinlich. Andy hingegen, der fünf Jahre älter war und die Zusage fürs örtliche College schon in der Tasche hatte, fand das unglaublich lustig. »Du könntest dich zu Hause selbst unterrichten«, ärgerte er Murph. »Wir besorgen dir ein paar Bücher und du stellst dir einen Wecker, damit du weißt, wann Pause ist.«

Murph fand den Vorschlag nicht besonders witzig, und als der August in den September überging und für Andy das College begann, war ihm erst recht nicht mehr zum Lachen zumute. »Tut mir leid, Brüderchen, aber keine einzige Schule will dich aufnehmen«, meinte Andy und zerzauste dabei Murphs Haare.

Die Woche hatte schon schlimm angefangen. Murph war schicksalsergeben hinter seiner Mum hergetrottet, während sie von Gesprächstermin zu Gesprächstermin eilte und eine Schule nach der anderen abklapperte. Neugierige Gesichter musterten ihn, als er hinter ihr her an vollen Klassenzimmern vorbeischlurfte und in den Büros der Direktoren verschwand. Dort saß er, wie vereinbart, still auf seinem Platz und bemühte sich, möglichst klug auszusehen. Doch stets erhielten seine Mum und er die gleiche Antwort: Sie würden leider Geduld haben müssen.

Dann, ein paar trostlose Tage später, Murphs Kopf stand bereits kurz vor der Kernschmelze, kam er gerade mit seiner Mum vom Einkaufen nach Hause. Die Straßen der Stadt waren menschenleer. Um diese Zeit saßen die meisten Leute zu Hause beim Abendessen. Plötzlich tauchten aus einer dunklen Seitenstraße eine Frau und ein Junge auf, der nur wenig älter war als Murph. Wie der Zufall es wollte, hörten Murph und seine Mum, wie die Frau just in diesem Moment fragte: »Na, wie war’s heute in der Schule?«

Murphs Mum, die inzwischen das Gehör einer Fledermaus entwickelt hatte und jedes Wort aufschnappte, das auch nur im Entferntesten mit Unterricht zu tun hatte, nahm Murph energisch an die Hand und beschleunigte ihre Schritte.

»Muuuum, lass mich los!«, beschwerte sich Murph. Aber ein Blick in ihr Gesicht genügte und er wusste: Widerstand war zwecklos. Wenn seine Mum sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, ließ sie sich durch nichts davon abbringen.

Im Laufschritt überquerten sie die Straße, denn die Frau und der Junge stiegen bereits in ein Auto. Einen Moment lang fürchtete Murph, seine Mutter könnte sich mit ausgebreiteten Armen auf die Kühlerhaube werfen, um die Fremden am Wegfahren zu hindern. Aber das tat sie nicht. Stattdessen bog sie in die Straße, aus der die beiden gekommen waren, und zog Murph hinter sich her wie einen schlaffen, leicht ramponierten Winddrachen.

Hatte die Straße schon aus der Ferne einen düsteren Eindruck gemacht, so wirkte sie aus der Nähe erst recht finster. Vor den ungepflegten Reihenhäusern parkten einzelne Autos, deren Vorgärten so verwildert waren, dass die dazugehörigen Müllcontainer im Vergleich dazu richtig hübsch aussahen.

Auf halber Höhe der Straße befand sich eine große Schule. Dass es sich um eine Schule handelte, erkannte man nicht nur an dem Gitterzaun und den typischen Gebäudeflügeln mit Klassenzimmern, sondern auch an diesem Schild: