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Kevins Bartlett ist verschwunden

Robert B. Parker wurde 1932 geboren. Nach seinem M.A. in amerikanischer Literatur promovierte er 1971 über die „Schwarze Serie“ in der amerikanischen Kriminalliteratur. Seit seinem Debüt „Spenser und das gestohlene Manuskript“ im Jahr 1973 sind fast 40 Spenser-Krimis erschienen. 1976 wurde Parkers Roman „Auf eigene Rechnung“ von der Vereinigung amerikanischer Krimi-Autoren mit dem „Edgar Allan Poe Award“ als bester Kriminalroman des Jahres ausgezeichnet. Robert B. Parker verstarb 2010.
Infos zum Autor unter www.robertbparker.de

Robert B. Parker

Kevin Bartlett
ist verschwunden

Ein Auftrag für Spenser

Übersetzt von Eike Arnold

PENDRAGON

1

Wenn ich mich in meinem Stuhl zurücklehnte und den Hals reckte, konnte ich durch das Fenster den Himmel sehen, einen tiefblauen, wolkenlosen Septemberhimmel. Es war ein warmer Spätsommertag, und ich saß unwillig in meinem Büro in Boston.

„Mr. Spenser, hören Sie uns überhaupt zu?“

Ich richtete mich auf und sah Roger und Margery Bartlett an. „Ja, Madam“, antwortete ich lakonisch. „Sie sagten gerade, dass Sie noch nie einen Privatdetektiv engagiert hätten, aber in diesem besonderen Fall ohne meine Hilfe nicht auskämen. So geht es fast allen meinen Klienten.“

„Richtig, das sagte ich.“

Sie war vermutlich älter, als sie aussah, und nicht ganz so schwer, wie sie wirkte. Ihre Beine waren sehr schlank, fast zerbrechlich, und ließen die üppigen Formen ihres Körpers beinahe wuchtig erscheinen. Ihr Gesicht war hübsch: weiche Züge, ein verwöhnter Schmollmund und sorgfältiges Augen-Make-up, mit dem sie sich gewiss keine Tränen leisten konnte. Das Haar war frisch blondiert und knabenhaft kurz geschnitten. Sie trug einen buntbedruckten Kaftan mit Seitenschlitzen und hochgeschnürte schwarze Plateausandalen. Als sie mir gegenübersaß, schlug sie kunstvoll die Beine übereinander, und ich sah ihre Knie. Tun Sie das nicht, wollte ich sagen, Ihre Beine sind zu dünn. Aber sie hätte es mir bestimmt nicht geglaubt. Sie selbst war wahrscheinlich sehr zufrieden mit ihnen. Wo ihr Hüftgürtel endete, zeichnete sich unter ihrem Kaftan ein kleiner Wulst ab. Sie trug eine riesige achteckige Sonnenbrille mit lavendelblauen Gläsern und als Kette eine Lederschnur mit Holzperlen, ebenfalls lavendelblau.

„Wir möchten unseren Sohn wiederhaben“, sagte sie.

„Ich verstehe.“

„Er ist seit einer Woche verschwunden – weggelaufen.“

„Haben Sie eine Vorstellung, wo er sein könnte?“, fragte ich.

„Nein“, antwortete jetzt ihr Mann. „Ich habe ihn überall gesucht – bei Freunden, Verwandten und Bekannten. Niemand hat ihn gesehen.“

„Haben Sie die Polizei benachrichtigt?“

Sie nickten beide. „Ich habe sogar mit dem Polizeichef gesprochen“, sagte Mr. Bartlett. „Er versprach mir jegliche Hilfe, aber sie sind nur eine kleine Einheit, natürlich besteht da nicht viel …“

Er brach ab und sah mich stumm an. Man sah ihm an, dass er sich in seiner Haut nicht wohl fühlte, ebenso wenig in seiner Kleidung, die offensichtlich mehr dem Geschmack seiner Frau als seinem eigenen entsprach. Meist erkennt man, wenn Frauen ihre Männer einkleiden. Er trug ein scharlachrotes Hemd mit Löffelkragen, eine breite rosa Krawatte und ein rot-weiß kariertes Jackett, das in der Taille spannte. Die Brusttasche zierte ein Taschentuch aus der gleichen Seide wie die Krawatte. Die Füße steckten in kostbaren Gebilden aus schwarz-weißem Lack, die der Träger wohl lieber gegen derbere, aber bequemere Schuhe eingetauscht hätte. Die Hände waren grobknochig und voller Schwielen, die Nägel abgebrochen, darunter ein Schmutzrand, der sich mit Wasser und Seife vermutlich nicht abwaschen ließ.

„Warum könnte er weggelaufen sein?“, fragte ich.

„Ich weiß es nicht“, antwortete Mrs. Bartlett. „Er ist nicht sehr glücklich. Scheint Pubertätsschwierigkeiten zu haben. Die meiste Zeit verbringt er allein in seinem Zimmer. Seine Zensuren werden immer schlechter. Dabei war er immer ein sehr guter Schüler. Er ist hochbegabt.“

„Warum sind Sie so sicher, dass er weggelaufen ist?“, fragte ich. Ich hasste es, diese Frage zu stellen.

„Er hat sein Meerschweinchen mitgenommen“, antwortete Mr. Bartlett. „Offensichtlich kam er nach der Schule heim, nahm das Meerschweinchen und verschwand. “

„Hat ihn jemand gesehen, als er ging?“

„Nein.“

„War jemand zu Hause, als er von der Schule heimkam?“

„Nein. Ich war bei der Arbeit und meine Frau beim Schauspielunterricht.“

„Ich habe zweimal wöchentlich Schauspielunterricht. Nachmittags. Vormittags gibt es keine Gelegenheit. Ich bin ein schöpferischer Mensch und brauche diese Möglichkeit des Selbstausdrucks“, erläuterte Mrs. Bartlett, und ihr Mann grunzte verächtlich.

„Aber was hat das mit Kevins Verschwinden zu tun?“, fragte sie plötzlich. „Meinen Sie, er wäre nicht fortgelaufen, wenn ich zu Hause gewesen wäre? Da irren Sie sich. Roger ist schließlich auch nicht besser.“

„Ich wollte doch nur wissen, ob er nach der Schule zu Hause war oder nicht. Es könnte darüber Auskunft geben, ob er bereits plante wegzulaufen, als er nach Hause kam“, erwiderte ich ungeduldig.

„Ohne meine künstlerische Betätigung könnte ich längst nicht so eine gute Mutter und Ehefrau sein. Ich tue es hauptsächlich wegen meiner Familie.“

Roger machte ein Gesicht, als hätte er sich auf die Zunge gebissen.

„Schon gut“, versuchte ich sie zu beschwichtigen.

„Schöpferische Menschen müssen sich schöpferisch betätigen. Das können Sie nur verstehen, wenn Sie selbst einer sind.“

„Das versuche ich zu sein, vor allem in diesem Augenblick. Ich bemühe mich redlich, Ihnen eine brauchbare Information über Ihren Sohn zu entlocken, aber es scheint unmöglich“, sagte ich verärgert.

Mr. Bartlett warf seiner Frau einen bösen Blick zu. „Jetzt hör endlich auf, von dir zu reden, Marge.“

Sie sah ihn verwirrt an und schwieg.

„Hat der Junge außer dem Meerschweinchen noch etwas mitgenommen?“, fragte ich.

„Nein.“

„Ist er schon jemals weggelaufen?“

Sie schwiegen eine Weile und sahen sich fragend an, dann antworteten sie gleichzeitig. Sie sagte „ja“, er „nein“.

„Viel mehr Möglichkeiten gibt es wohl nicht“, stöhnte ich.

„Er ist damals nicht wirklich fortgelaufen“, erläuterte Bartlett. „Er hatte uns nur nicht Bescheid gesagt, dass er bei einem Freund schlafen wollte. So etwas tun alle Jungen mal.“

„Nein, so war es nicht. Er ist schon damals fortgelaufen“, sagte seine Frau. „Wir haben am nächsten Tag überall angerufen. Jimmy Housers Mutter endlich sagte uns, dass er bei ihnen übernachtet hatte. Wenn du ihn nicht von der Schule abgeholt hättest, wäre er sicherlich nicht von selbst heimgekommen.“

„Ach, Marge, du machst aus allem gleich ein Drama.“

„Roger, mit dem Jungen ist etwas nicht in Ordnung, du willst es nur nicht wahrhaben. Wenn du nicht so knauserig wärst, hätte ich ihn längst von einem Psychologen untersuchen lassen. Dann wäre er jetzt zu Hause.“

Bartlett wurde rot.

„Verdammte Ziege“, brüllte er. „Ich habe dir damals gesagt, verzichte auf den verflixten Schauspielunterricht, auf den Töpferkurs, den Kurs in Bildhauerei und den ganzen modischen Schnickschnack. Und in deinem Kleiderschrank hängt das Honorar für 20 Jahre psychotherapeutische Behandlung …“

In ihren Augen standen Tränen. Wahrscheinlich würde ich nun ihr Augen-Make-up bröckeln sehen. Ich wollte das alles nicht mitbekommen, also steckte ich mir die Finger in die Ohren und wartete.

Bald hörten sie auf zu streiten.

„Ausgezeichnet. Nun lassen Sie mich vier Dinge festhalten: Erstens, ich bin nicht dafür zuständig, ihre Leistung als Eltern zu bewerten. Streiten Sie gefälligst zu Hause. Zweitens, ich bin ein einfacher Mann. Ich suche nach einem verschwundenen Kind, das ist mein Job. Ich bin kein Eheberater und Sie sprechen hier auch nicht für eine neue Fernsehsendung vor. Ich suche einfach nach dem Jungen, bis ich ihn gefunden habe. Drittens, ich bekomme hundert Dollar pro Tag plus Spesen. Viertens, ich brauche fünfhundert Dollar Anzahlung.“

Sie schwiegen beschämt. Dann sagte Mr. Bartlett: „Natürlich, das geht in Ordnung. Ist ja schließlich nur Geld, oder? Ich habe Ihnen einen Scheck mitgebracht.“

Er zog seinen Stuhl näher an meinen Schreibtisch heran und schrieb mir den Scheck aus. Es war ein Firmenscheck mit dem Aufdruck: „Bartlett Construction“. Ich war also ein steuerlich absetzbarer Sonderposten seiner Baufirma. Ein Eimer Schrauben, 500 Meter Holzbretter, ein Detektiv, fünf Liter Rostschutzmittel. Ich nahm den Scheck, ohne ihn anzusehen, faltete ihn und ließ ihn in meiner Brusttasche verschwinden. Ganz lässig, als hätte ich alle Zeit der Welt. Vielleicht würde ich mir ein paar Orchideen davon kaufen.

„Was möchten Sie zuerst unternehmen?“, fragte Mrs. Bartlett.

„Ich werde nach dem Mittagessen zu Ihnen nach Smithfield hinausfahren, Ihr Haus und Kevins Zimmer ansehen und in der Schule mit seinen Lehrern sprechen.“

„Aber das hat die Polizei schon getan. Was wollen Sie außerdem unternehmen?“

Ich fragte mich, ob sie nun auf ihren Tanzkurs verzichten musste, weil ich so teuer war.

„Ich kann selbst nichts tun, was die Polizei nicht auch kann, aber ich kann mich rund um die Uhr diesem einen Fall widmen. Die Cops müssen Betrunkene in Gewahrsam nehmen und Schnellfahrer blitzen und Streitereien an Schulen schlichten und Jugendliche davon abhalten, Gras im Stadtpark zu pflanzen. Das muss ich alles nicht tun. Ihr Kind zu suchen ist mein einziger Job. Außerdem bin ich wahrscheinlich ein wenig schlauer als die Polizei.“

„Aber werden Sie ihn finden?“

„Ja, ich werde so lange suchen, bis ich ihn finde. Irgendwo muss er sich ja aufhalten.“

Sie sahen mich skeptisch an. Vielleicht lag es an meinem Büro. Wenn ich so gut im Finden war, warum hatte ich kein besseres Büro gefunden? Vielleicht war ich ja doch nicht so gut? Vielleicht war niemand wirklich gut. Ich erhob mich.

„Also dann bis heute Nachmittag“, sagte ich. Sie verabschiedeten sich und gingen.

Ich beobachtete sie vom Fenster aus, als sie das Haus verließen. Sie überquerten die Straße und liefen in Richtung des deutschen Restaurants. Ein alter Trunkenbold mit einem langen Mantel, der bis zum Kinn zugeknöpft war, sagte etwas zu ihnen. Sie ignorierten ihn und verschwanden hinter dem Restaurant, wo es zu den Parkplätzen ging. Naja, dachte ich, zumindest sind die Mieten hier nicht so teuer. Der Alte stolperte weiter die Straße entlang. Dann hielt er an und unterhielt sich mit zwei Prostituierten, die Hotpants und skurrile Hüte trugen. Eine von beiden gab ihm etwas, dann zog er weiter. Ein blauer Dodge Club Van fuhr vom Parkplatz und fuhr die Stuart Street in Richtung Kneeland Street und Autobahn hinab. An der Autotür stand: Bartlett Construction. Ich konnte einen Ärmel des lavendelfarbenen Kaftan durchs Autofenster erspähen, als das Auto vorbeifuhr.

2

Ich fuhr im offenen Cabrio nach Norden hinaus und verließ Boston über die Mystic River Bridge. Zu meiner Rechten lag der Hafen, in dem die alten Kampfschiffe lagen und zur Linken konnte man das Bunker Hill Monument sehen. Dann folgten abwechselnd dreistöckige Mietshäuser und Containerblöcke. Bei dieser modernen Art von Architektur beginnt man mit Wehmut an die Slums zu denken. Auf der Hälfte der Brücke bezahlte ich bei einem Mann die Mautgebühren, der noch stolz auf das war, was er tat. Er blühte förmlich auf, als er mit der gleichen Hand das Geld entgegennahm und mir mein Wechselgeld herausgab.

Rechts lag noch immer der Hafen mit seinen vorgelagerten Inseln. Zwischen Lagergebäuden und Speichern lugte der Kirchturm der Old North Church hervor. Östlich vom Hafen konnte ich die Flughafengebäude vom Logan Airport erkennen und weiter nordöstlich die Küste und das offene Meer. Backstein, Asphalt und Neonlichter wurden durch die Entfernung und durch den Sonnenschein undeutlich. Ich glaubte hinter ihnen das Land zu erahnen, wie es einst gewesen war. Die vibrierende Mittsommeratmosphäre und die rothäutigen Männer, die halbnackt einen schmalen Pfad entlang schleichen.

Die Brückenstraße mündet in Chelsea in die nordöstliche Schnellstraße, auf der man nach kurzer Zeit Saugus erreicht. Nun waren Backstein, Asphalt und Neonlichter nicht mehr verschwommen. Der Blick, den ich auf das Land erhascht hatte, war vergangen. Hier war die Schnellstraße auf den nächsten zehn Meilen eine Hauptgeschäftsstraße mit unzähligen Sandwichläden, Discount-Häusern, Tankstellen, Supermärkten, modernen Möbelgeschäften (viel Hochglanz und gerade Formen), Läden für Brathähnchen, Steaksandwiches, Hot Dogs, die in Bier gekocht wurden, für Riesenburger, Pizzen, einem Geschäft für Sicherheitstüren, Donut-Läden, Geschäften für vorgefertigte Palisadenzäune, Restaurants, die aussehen wie kleine Holzhütten, Restaurants, die aussehen wie Segelboote, Restaurants, die aussehen wie Maurische Villen, Restaurants, die aussehen wie Waschanlagen, Waschanlagen, Einkaufszentren, einem Fischmarkt, einem Fachgeschäft für Skimobile, einem Geschäft für Autozubehör, Getränkemärkten, einem Feinkostgeschäft, einem Hotel mit zimmereigener Sauna, einem Hotel mit vibrierenden Betten, einem Autohaus, einer Eissporthalle, die aus Backstein und Plastik bestand, einem Wohnwagenpark, einem weiteren Hotel, das aus einzelnen Bungalows bestand, einem Riesen-Steakhaus, vor dem lebensgroße Plastikkühe im Schatten eines Riesenkaktus grasten, einem Laden für Autositzschoner, einem Discountgeschäft für Bekleidung und einem italienischen Restaurant, an dessen Schild ein schiefer Turm befestigt war.

Erst nach Saugus beginnt das offene Land. Die Straße war jetzt von Wiesen gesäumt, dahinter standen Ahornhaine. Auf der einen Seite konnte ich durch die Bäume hindurch die glitzernde Oberfläche eines Sees erkennen. Dann kamen die Ausfahrt nach Smithfield und die schattige Ulmenallee mit ihren schönen alten Schindelhäusern, die von blühenden Büschen und gepflegten Rasenflächen umgeben waren. Nach kurzer Zeit war ich im Stadtzentrum von Smithfield. Am Straßenrand, hinter großen Rasenflächen und blühenden Büschen, sah man geräumige alte Schindelhäuser, häufig mit Schieferdächern. Einige verfügten über kleine Ställe, die zu Garagen umfunktioniert worden waren. Steinmauern, Rosensträucher, rote Türen mit Bullaugenfenstern, viele Kombiwagen. Mir wurde wieder sehr bewusst, dass mein Auto an der Seite eine Delle hatte und dass ich die Risse im Innenleben mit Panzertape nur notdürftig geflickt hatte.

Das Gemeindehaus stammte noch aus der Kolonialzeit. „Baujahr 1681“, las ich. Es war umgeben von einem gepflegten Rasen. Schräg gegenüber standen die Kirche mit ihrem spitzen Turm und daneben die Bibliothek, die wie das Gemeindehaus und die Kirche mit weißen Schindeln verkleidet war. Auf einer Mauer am Gemeindeplatz saßen sechs barfüßige, langhaarige Teenager in T-Shirts, vier Jungen und zwei Mädchen. Sie ließen die Beine baumeln und rauchten.

Ich fuhr um den Gemeindeplatz herum und bog in die Hauptstraße ein. Auch hier wieder zahlreiche Villen, umgeben von Rasen und Bäumen, dahinter Wiesen, die zum Seeufer hin steil abfielen. Alle Häuser schienen gleich alt zu sein und ließen auf eine zentrale Planung der Wohnsiedlung schließen. Es waren große Gebäude im Kolonialstil, einige mit überdachten Einfahrten, manche mit spitzen, andere mit Mansarddächern, aber vom Prinzip her war es immer das gleiche Haus. Acht bis zehn Zimmer auf einem Grundstück von etwa 4 000 Quadratmetern.

Das Haus der Bartletts war gelb, mit dunkelgrünen Fensterläden und einem Schieferwalmdach, aus dem A-förmige Dachfenster herausragten, die vermuten ließen, dass der dritte Stock eher ein Wohnbereich als ein Dachboden war. Ganz klar für die Dienerschaft: Das Personal erträgt die Hitze unter dem Dach ohne murren, es ist sie gewohnt.

Ein Backsteinweg führte zur großen vorderen Eingangstür, die von zwei Kandelabern flankiert war. Die Backsteinauffahrt verlief zunächst parallel, bog dann aber in einer sanften Kurve zu einer Scheune ab, die wie das Haus gelb und grün gestrichen war und als Garage diente. Der blaue Dodge stand dort, außerdem ein Ford Country Squire, ein roter Mustang und ein schwarzer Chevrolet mit Funkantenne.

Die Scheunentore standen offen und Schwalben flogen ein und aus. Hinter dem Haus war ein quadratischer, blaugekachelter Swimming-Pool, dessen Wasser wie gefärbt aussah. Hinter dem Swimming-Pool mähte ein junges Mädchen den Rasen. Ich parkte neben dem schwarzen Chevrolet, dicht an den Hortensiensträuchern, die den Parkplatz gegen die Straße abschirmten. Die Blüten wurden von schwarzgelben Hummeln umsummt. Vor dem Hintereingang lag ein schwarzer Neufundländer, der mich musterte, ohne den Kopf von den Pfoten zu heben. Ich musste um ihn herumgehen, als ich die Stufen zur Hintertür hinaufstieg. Von irgendwoher hörte ich das Brummen eines Ventilators. Dabei wurde mir bewusst, wie sehr ich schwitzte. Ich trug nämlich trotz der Hitze ein weißes Sportsakko, das ich nicht ausziehen mochte, da ich in einer vornehmen Gegend wie Smithfield nicht sichtbar bewaffnet herumlaufen wollte. Auf die Waffe aber konnte ich, wie mich so manche schlimme Erfahrung in der Vergangenheit gelehrt hatte, nie und nirgends verzichten. Außer dem weißen Sportsakko trug ich ein rot kariertes Hemd, eine dunkelblaue Hose und weiße Sportschuhe. Ich kam mir todschick vor, als ich an der Hintertür auf den Klingelknopf drückte und ein Gong ertönte. Dingdong, wenn der Schnüffler zweimal klingelt.

Roger Bartlett öffnete die Tür. Er sah keineswegs glücklicher aus als bei unserer ersten Begegnung, aber er war jetzt salopper gekleidet: blaue Segeltuchschuhe, Bermudashorts und ein weißes, ärmelloses Unterhemd. In der Hand hielt er ein Glas mit Gin Tonic, und an seinem Atem konnte ich feststellen, dass es heute nicht der erste Drink war.

„Kommen Sie, treten Sie näher“, sagte er. „Was halten Sie von einem kühlen Drink bei der Hitze? Ein Schnaps vielleicht?“

Seine Handbewegung deutete an, dass er an etwas Doppelstöckiges dachte. Ich folgte ihm in die Küche. Es war ein großer Raum mit einer rustikalen Essgruppe aus Ahornholz in einem geräumigen Erker. Am Tisch saßen Margery Bartlett und ein Polizeibeamter, der eine Dose Bier trank. Seine Schultern und Ärmel waren reich mit Goldlitze dekoriert, ebenso seine Mütze, die auf dem Tisch lag. Im Pistolenhalfter an seinem Sam Browne-Gürtel steckte eine Waffe, Kaliber 45, mit Perlmutterhandgriff. Der Gürtel schnürte seinen dicken Bauch ein, und das kurzärmelige dunkelblaue Uniformhemd spannte im Rücken. In den Achselhöhlen und am Rückgrat war es schweißnass. Die nackten Arme waren sonnengebräunt und fast ohne Haare. Das runde fleischige Gesicht war feuerrot, bis auf die blassen Kreise um seine Augen, wo er durch die Sonnenbrille gegen die Sonne geschützt gewesen war. Offensichtlich hatte er sich erst kürzlich die Haare schneiden lassen, denn auch hinter den Ohren hatte er weiße Streifen. Die Augen waren ziemlich klein und wasserblau, der Nacken so kurz, dass der Kopf auf den Schultern zu sitzen schien. Er trank einen kräftigen Schluck Bier und rülpste.

„Ich möchte gern eine Dose Bier“, sagte ich.

Bartlett holte eine aus dem roten Kühlschrank.

„Möchten Sie ein Glas?“

„Nein, danke.“

Die Küche war hellgrau getäfelt. Die Schränke und die Küchengeräte waren rot. Gegenüber dem Erker war eine Backsteinwand mit eingebautem Herd, Spülmaschine und Kühlschrank. Die Abzugshaube über dem Herd war aus Kupfer, ebenso wie die Pfannen, die an der Backsteinwand hingen und offensichtlich nie benutzt wurden.

Den grau-roten Fliesenboden bedeckte zum Teil ein blauroter ovaler Teppich. Außer der Essgruppe im Erker gab es noch in der Mitte des Raumes eine Essbar, ebenfalls aus Ahornholz, mit rotgepolsterten Barhockern. Auf einem der Barhocker ließ ich mich nieder und öffnete die Bierdose.

„Mr. Spenser, das ist Polizeichef Trask“, stellte mir Margery Bartlett den Polizeibeamten vor. „Er befasst sich ebenfalls mit dem Fall.“ Ihre Stimme klang ein wenig zu laut. Während sie mit mir sprach, hielt sie ihrem Mann ihr leeres Glas hin. Trask nickte mir zu. Bartlett füllte indessen das Glas mit Gin auf, fügte eine Limonenscheibe, Eis und Schweppes Tonic Water hinzu und stellte das Glas vor sie hin.

„Ich möchte von vornherein einige Dinge mit Ihnen klären, Spenser“, sagte Trask.

„Ich bin immer für völlige Offenheit“, erwiderte ich unbekümmert.

Er starrte mich feindselig an.

„So?“, fragte er mit skeptisch hochgezogenen Brauen und musterte mich mit meinen 37 Jahren wie einen ungezogenen Schuljungen.

„Jeder, der mich kennt, wird Ihnen bestätigen, dass ich gern mit offenen Karten spiele. Aber hören Sie auf, mich so anzustarren, ich bekomme ja solche Angst, dass ich kaum mein Bier trinken kann.“

„Noch so ein Spruch und ich zeige Ihnen, was ich noch so alles kann. Alles klar?“

Ich nahm einen Schluck von meinem Bier. Das ist etwas, das ich so richtig gut kann. Dann fragte ich: „Also, was wollten Sie mit mir klären?“

Sein Blick blieb unverändert. „Ich habe mich nach Ihnen erkundigt, nachdem mir Rog erzählt hatte, dass er Sie engagiert habe“, sagte er unfreundlich. „Die Auskünfte waren nicht sehr positiv.“

„Das kann ich mir vorstellen.“

„Sie halten sich für etwas Besonderes und arbeiten nicht mit den zuständigen Behörden zusammen, sagt man.“

„Ach du lieber Gott, und ich dachte, das würde nie herauskommen“, scherzte ich.

„Dann lassen Sie sich Folgendes sagen, Mister. Hier in Smithfield werden Sie kooperieren, und zwar mit meiner Abteilung. Meine Leute werden Sie nicht aus den Augen lassen. Wenn Ihnen das nicht passt, können Sie gleich wieder nach Boston abdampfen. Verstanden?“

„Wie lange üben Sie eigentlich schon Ihren bösen Blick?“

„Häh?“

„Üben Sie jeden Morgen vor dem Spiegel, oder beherrscht man so etwas wie zum Beispiel das Radfahren – einmal gelernt, nie vergessen?“

Trask schlug wütend mit der Faust auf den Tisch. Das Eis in Margery Bartletts Glas klirrte.

„George, bitte“, flehte sie ihn an.

„Das führt uns nicht weiter“, mischte sich jetzt auch Roger Bartlett ein, um zu vermitteln. Von draußen drang das Geräusch des Rasenmähers herein.

Trask atmete tief durch. „Gibst du mir noch ein Bier, Rog?“ Bartlett gab ihm das Gewünschte und stellte auch mir noch eine Dose hin, obwohl ich die erste noch nicht einmal zur Hälfte geleert hatte.

„Wie weit sind Sie mit Ihren Ermittlungen, Chief?“, fragte ich jetzt den Polizeichef.

„Sozusagen am Ende“, antwortete er. „Der Junge ist weggelaufen, und wir können ihn nicht finden. Vielleicht ist er inzwischen in New York untergetaucht, oder gar in Kalifornien.“

„Wie kommen Sie darauf?“

„Weil er nicht mehr hier in der Gegend ist. Wäre er noch hier, hätten wir ihn längst gefunden.“ Trask nahm einen Schluck aus seiner Dose.

„Was hat er alles mitgenommen?“

„Nur sein Haustier“, sagte Margery Bartlett. „Sein Meerschweinchen.“

„Genau“, sagte Trask. „Sein Meerschweinchen. Ansonsten nur das, was er am Leibe trug, weiter nichts. Haben die Bartletts Ihnen das nicht schon erzählt?“

„Was hatte er an?“

„Ein blaues kurzärmeliges Hemd, braune Hose, weiße Segeltuchschuhe.“

„Hat er Meerschweinchenfutter mitgenommen?“

Trask sah mich an, als zweifelte er an meinem Verstand. „Futter?“

„Ja, Futter. Hat er für das Meerschweinchen Futter mitgenommen?“

Trask warf Margery Bartlett einen fragenden Blick zu. „Ich weiß nicht“, sagte sie zögernd. „Mit dem Meerschweinchen hatte ich nichts zu tun.“ Sie schüttelte sich. „Schmutzige kleine Dinger. Kann sie nicht ausstehen.“

Ich sah ihren Mann an. Er schüttelte den Kopf. „Keine Ahnung.“

„Was soll eigentlich der ganze Quatsch mit dem Meerschweinchen?“, schimpfte Trask. „Das Tier ist nicht unsere Sorge. Wir suchen einen vermissten Jungen. Mir ist es egal, ob das Meerschweinchen gut oder schlecht ernährt wird.“

„Nun, wenn der Junge so sehr an dem Meerschweinchen hing, dass er deswegen heimkam, um es abzuholen“, gab ich zu bedenken, „dann halte ich es für unwahrscheinlich, dass er es ohne Futter mitgenommen haben soll, wenn er nicht vorhatte, bald wieder zurückzukommen. Wie hat er es überhaupt transportiert? In einem tragbaren Stall, einer Schachtel, oder wie?“

Die drei sahen sich verblüfft an.

„Hat das Hemd, das er bei seinem Verschwinden trug, eine große Tasche? Groß genug, um ein Meerschweinchen zu transportieren?“

Roger Bartlett schüttelte den Kopf.

„Nein“, sagte er. „Einen Tag, bevor er verschwand, habe ich das Hemd in die Waschmaschine gesteckt. Dabei fiel mir auf, dass es keine Taschen hat. Ich untersuche nämlich Kleidungsstücke gründlich, bevor ich sie in die Maschine gebe, weil die Kinder immer etwas in den Taschen vergessen, was dann verdorben ist.“

„Gut“, sagte ich. „Dann müssen wir herausfinden, wie er das Meerschweinchen sonst noch transportiert haben könnte. Wenn man nach New York oder Kalifornien unterwegs ist, kann man das Tier ja nicht die ganze Zeit in der Hand tragen. In die Hosentasche kann man es auch nicht stecken und ein Cheeseburger oder anderes Fastfood ist nicht als Meerschweinchennahrung geeignet.“

Roger Bartlett nickte. „Kommen Sie mit.“

Wir verließen die Küche und kamen in die Diele, von der aus eine breite Treppe zur oberen Etage führte. Auf halber Höhe konnte ich vom Treppenabsatz aus durch das große blumenumrankte Dielenfenster den Swimming-Pool sehen. Die Klettertrompete stand in voller Blüte und verdeckte mit ihrer roten Pracht das Fenster an einigen Stellen, so dass es im Raum etwas dunkel war.

Das Zimmer des Jungen lag zur Straße hin. Durch das Fenster blickte man auf den breiten Rasenstreifen vorm Haus und auf die kurvige Straße dahinter. Das Bett stand gegenüber dem Fenster. Es war ein niedriges Couchbett, mit einer rotschwarzen Decke abgedeckt. Am Fenster waren Gardinen aus dem selben Stoff angebracht und auf dem Boden lag ein karierter Teppich, der farblich zu Decke und Gardinen passte. Links von der Tür reichte eine eingebaute Tischplatte von Wand zu Wand. Unter der Platte waren einige Schubladen, darüber lagen Bücher, Papier und Bleistifte. In einer Ecke auf der Platte stand ein Kleintierkäfig mit orangefarbenem Plastikboden. Die kleine Wassersaugflasche im Käfig war noch fast voll, ebenso die Futterschüssel. Das Gitterdach des Käfigs war geöffnet, der Käfig leer. Mr. Bartlett hob den Deckel einer Schachtel, die neben dem Käfig stand. Sie enthielt ein Päckchen gewöhnliches Meerschweinchenfutter, ein Päckchen Kraftfutter und einen blauen Karton mit Tragegriff und der farbigen Abbildung eines zufriedenen Meerschweinchens.

„So einen Karton bekommt man in der Zoohandlung beim Kauf eines Kleintiers“, erklärte Bartlett. „Kevin hat darin das Meerschweinchen öfter zu Freunden mitgenommen.“

Sonst war nichts in der Schachtel. Die beiden angebrochenen Futterpäckchen und der Tragekarton füllten den Platz aus. Mehr wäre nicht hineingegangen.

„Meinen Sie, dass Futter fehlt?“, fragte ich.

„Das glaube ich nicht. Er hat die Vorräte hier in dieser Schachtel aufbewahrt, und es ist noch alles da.“

Er sah sich im Zimmer um, das sehr ordentlich wirkte. Unter dem Bett stand ein Paar braune Halbschuhe und daneben, exakt parallel angeordnet, blaue Hausschuhe. Auf dem Nachttisch stand eine Leselampe und ein kleines rotes Kofferradio, sonst nichts. Auf der Arbeitsplatte war ein beiger, tragbarer Fernsehapparat platziert, auf dem die aktuelle Ausgabe einer Fernsehzeitschrift lag. Ich öffnete den Schrank. Auch hier war alles beängstigend ordentlich. Die Kleider hingen penibel sortiert auf Bügeln, jedes Kleidungsstück auf einem eigenen. Die Hemden waren sorgfältig zugeknöpft und die Hosen hingen sauber gefaltet auf Hosenbügeln. Auf dem Boden befand sich lediglich ein Paar Frye-Stiefel.

„Wer kümmert sich um sein Zimmer?“, fragte ich.

„Er selbst“, antwortete sein Vater. „Ist es nicht ordentlich? Ich habe nie ein so ordentliches Kind gesehen. Das ist nicht normal.“

Ich nickte und öffnete die Schubladen unter der Arbeitsplatte. Sie waren so aufgeräumt wie das übrige Zimmer. Die Unterwäsche zusammengelegt, die Strümpfe zusammengerollt, sechs farbige Polohemden ordentlich aufeinandergestapelt. Zwei Schubladen waren leer.

„Was war in diesen Schubladen?“, fragte ich.

„Ich glaube, nichts.“

„Sind Sie sicher?“

„Nein. Wie ich schon sagte, hat er sich selber um sein Zimmer gekümmert.“

„Könnte Ihre Frau eventuell Bescheid wissen?“

„Nein.“

„Na gut.“ Ich sah mich im Zimmer um, ob nicht doch noch irgendein versteckter Hinweis zu finden war, eine Botschaft in Geheimschrift, vielleicht mit Rohdiamant in die Fensterscheibe gekratzt. Ich sah nichts. In diesem Raum war tatsächlich überhaupt nichts. Es hingen keine Bilder an der Wand, nicht einmal versteckt aufgehängte Pin-Up-Poster. Keine Drogen, aber auch kein unterschriebener Baseball von Carl Yastremski. Das Zimmer war so kahl und unpersönlich wie die Jugendzimmer im Schaufenster großer Möbelhäuser: ordentlich, farblich harmonierend, geradlinig und schlicht unbewohnt.

„Was suchen Sie?“, fragte mich Bartlett.

„Das weiß ich selbst nicht, bis ich es sehe.“

„Also, sind Sie fertig?“

„Ja“, sagte ich, und wir gingen wieder hinunter.

Als wir in die Küche kamen, mixte Trask gerade an der Bar einen Gin Tonic für Margery Bartlett. Vor seinem Platz standen zwei weitere leere Bierdosen und Margery Bartletts Stimme war jetzt noch lauter.

„Also, wir spielten vor einer Schülergruppe in Boston“, sagte sie gerade. „Das Stück kam großartig an. Kinder sind die dankbarsten Zuschauer.“

Trask rülpste ungeniert. „‘tschuldige, Marge“, sagte er.

„Ziemlich viel Kohlensäure in dem Bier“, sagte Roger Bartlett. „Verstehe selbst nicht, warum ich das überhaupt kaufe. Es ist einfach viel zu viel Kohlensäure drin, oder?“ Während er sprach, mixte sich Bartlett noch einen Gin Tonic.

Ich öffnete meine zweite Bierdose und nahm einen Schluck. Viel Kohlensäure, dachte ich.

Margery Bartlett stand auf und stieß dabei mit der Hüfte gegen den Tisch. Sie kam auf mich zu, eine Zigarette im Mund, und fragte: „Haben Sie Feuer?“

Ich sagte: „Nein.“

Sie lehnte mit ihrem Bein an meinem. Sie roch stark nach Gin. Ich fragte mich, ob der Gin auch viel Kohlensäure enthielt. Während sie mit ihrem Mann sprach, musterte sie mich aus halb zusammengekniffenen Augen.

„Warum hast du nicht so breite Schultern wie Mr. Spenser, Rog? Ich wette, er sieht ohne Hemd fabelhaft aus. Habe ich recht, Mr. Spenser?“ Ihre Zigarette, die immer noch nicht angezündet war, hüpfte zwischen ihren Lippen auf und ab, als sie sprach.

„Mag schon sein“, erwiderte ich. „Aber gewöhnlich trage ich ein Hemd, weil meine Spielzeugpistole sonst die Haut aufscheuert.“

Einen Moment lang schien sie verwirrt, aber dann hielt ihr Trask ein brennendes Zippo-Feuerzeug hin und sie hielt die Zigarette in die Flamme. Sie inhalierte den ersten Zug und blies dann den Rauch durch die Nasenlöcher aus, ohne die Zigarette aus dem Mund zu nehmen. Mit ihrer rechten Hand drückte sie meinen Oberarm und rief in höchster Bewunderung: „Ooooch!“

„Sie haben wohl in letzter Zeit zu viele Marlene-Dietrich-Filme gesehen?“, fragte ich.

Sie schien wieder verwirrt, trat einen Schritt zurück und nahm einen Schluck von ihrem Drink. „Ich muss mal aufs Töpfchen“, sagte sie mit einem koketten Augenaufschlag und zog sich zurück. Ich trank mein Bier aus.

„Na, haben Sie schon irgendetwas herausgefunden, Sherlock Holmes?“, erkundigte sich Trask spöttisch.

Ich schüttelte den Kopf.

Trask schien erfreut. „Etwas anderes habe ich auch nicht erwartet“, sagte er. „Wir haben hier zwar nicht viele Leute in Smithfield, aber die wenigen sind gut ausgebildet und arbeiten zuverlässig.“

„Ich glaube aber immernoch, dass der Junge entweder im Ort ist oder mit jemandem mitging, den er kannte.“

„Das ist Unsinn.“

„Er würde bestimmt keine lange Reise mit seinem Meerschweinchen im Arm antreten. Ohne Futter, Tragebox oder auch nur eine Tasche. Vielleicht wäre er schnell hereingerannt gekommen, um das Schwein zu holen und ebenso schnell wieder verschwunden, wenn draußen ein Auto mit laufendem Motor gewartet hätte. Auf einer kurzen Strecke würde er das Tier wohl in der Hand tragen, bei einer längeren nicht. Er ist ein ordentlicher Junge, in seinem Zimmer ist alles rechtwinklig angeordnet. Niemals wäre er so unbedacht, Futter und ein Transportmittel für sein Haustier zu vergessen.“

„Das stimmt“, kam mir Bartlett zu Hilfe. „So etwas würde er nie tun. So war Kevin nicht. Er wäre nie so einfach weggegangen, wenn er nicht in einer Situation gewesen wäre, wie Sie sie beschrieben haben, Spenser.“

Von irgendwo drang das gedämpfte Geräusch einer Toilettenspülung. Eine Tür wurde geöffnet und wieder geschlossen, und dann kam Margery Bartlett in die Küche zurück.

„Spenser denkt, dass sich Kevin noch hier in der Gegend aufhält“, erklärte ihr Bartlett. „Er meint, dass er bestimmt nicht ohne Futter und ohne Behälter für das Tier aufgebrochen wäre, wenn er eine längere Reise geplant hätte.“

Margery Bartlett kippte den Rest ihres Drinks hinunter und fuchtelte herausfordernd mit dem Glas herum. Trask sprang auf. „Ich mixe dir noch einen, Marge. Bleib sitzen, Rog. Ich kümmere mich schon darum.“

„Was meinen Sie, Mrs. Bartlett?“, fragte ich. „Ist Kevin ein Junge, der ohne Vorbereitungen fortläuft?“

„Marge“, sagte sie. „Nennen Sie mich einfach Marge.“

Trask stellte ihr das frisch gefüllte Glas hin und nahm für sich selbst ein weiteres Bier aus dem Kühlschrank.

„Ach du liebe Güte, ich muss schnell Limetten schneiden.

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