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Keuscher Joseph

Hans Jacob Christoffel
von Grimmelshausen

Keuscher Joseph

Roman

Aus dem Deutschen des 17. Jahrhunderts
und mit einem Nachwort von Reinhard Kaiser

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Die Andere Bibliothek und ihre Kometen
werden herausgegeben von Christian Döring

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ISBN 978-3-8477-6007-8

© für die deutschsprachige Ausgabe:

AB – Die Andere Bibliothek GmbH & Co. KG, Berlin www.die-andere-bibliothek.de

Keuscher Joseph von Hans Christoffel von Grimmelshausen ist im September 2014 als Band 8 der »Kometen der Anderen Bibliothek« erschienen.

In gedruckter Form erhältlich unter:

https://www.die-andere-bibliothek.de/Kometen/Keuscher-Joseph::659.html

Aus dem Deutschen des 17. Jahrhunderts und mit einem Nachwort von Reinhard Kaiser

Covergestaltung: Cornelia Feyll und Friedrich Forssman

Herausgabe: Christian Döring

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, www.le-tex.de

Umsetzung und Vertrieb des E-Book erfolgt über:

Exempel

der unveränderlichen Vorsehung Gottes.

In einer anmutigen und ausführlichen Geschichte vom

Keuschen Joseph, dem Sohn Jakobs,

in Ägypten.

Vorgestellt

sowohl nach der Heiligen Schrift wie den Schriften anderer Hebräer, Ägypter, Perser und Araber und überlieferten Sagen, erstmals in Deutsch zusammengetragen durch

Samuel Greifnson vom Hirschfeld.*

Dort auch gedruckt von

Hieronymus Grisenius.*

Beim Verfasser und beim Verleger zu finden.

1667

Der wohlgeborenen Frau

A. E. M. V.

E. G. V. S.

Seiner gnädigen Herrin

widmet dies untertänigst

deren untertänigst

gehorsamer Diener*

Samuel Greifnson vom

Hirschfeld

DIE ANDERE BIBLIOTHEK

Die Geschichte der 1984 von Hans Magnus Enzensberger und dem Verleger und Buchgestalter Franz Greno begründeten Buchreihe DIE ANDERE BIBLIOTHEK ist längst zum Bestandteil unserer deutschsprachigen Lesekultur geworden. Monat für Monat ist seit Januar 1985 ein Band erschienen: »Gepriesen und geliebt, zeitweilig zu wenig verkauft und … mitunter schon totgesagt«. (Frankfurter Allgemeine Zeitung) – an dem Anspruch, intellektuelles und visuelles Vergnügen zu verbinden, hat sich bis zum heutigen Tag nichts geändert.

DIE ANDERE BIBLIOTHEK soll die Schönste Buchreihe der Welt (Die Zeit) bleiben.

In der Geschichte der DIE ANDERE BIBLIOTHEK gab es Umzüge, Umstellungen und Personalwechsel. Und seit Januar 2011 wählt Christian Döring monatlich sein Buch aus und gibt es im neuen Verlag DIE ANDERE BIBLIOTHEK unter dem Dach des Aufbau Hauses am Berliner Moritzplatz heraus. Aber in Haltung, Gestaltung und Programm hat sich am Anspruch seit bald drei Jahrzehnten nichts geändert. Denn wir wissen: Wenn alles so bleiben soll, wie es ist, muss sich alles ändern….

Das Programm DIE ANDERE BIBLIOTHEK folgt inhaltlich seit Anbeginn nur einem Maßstab: Genre-, epochen- und kulturraumübergreifend wird entdeckt und wiederentdeckt, die branchenübliche Einteilung in Sachbuch und Literatur hat nie interessiert, der Klassiker zählt so viel wie die Neuerscheinung. Wir folgen dem »Kanon der Kanonlosigkeit«, nur Originalität und Qualität sollen zählen.

– Jeden Monat erscheint ein neuer Band, von den besten Buchkünstlern gestaltet.

– Die Originalausgabe erscheint in einer Auflage von 4.444 Exemplaren – limitiert und nummeriert.

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An den Leser

Geneigter, lieber Leser! Ich habe viele Leute sowohl hohen wie niederen Standes, die gern in der Bibel lesen, wünschen hören, dass die Geschichte Josephs ein wenig weitläufiger ausgeführt wäre. Weil nun der jüdische Geschichtsschreiber Josephus* und andere Hebräer, ebenso die Mahommetisten, zumal Türken, Perser, Araber und Ägypter, wie auch die griechischen und armenischen Christen viel Seltsames über Josephs Leben mitzuteilen haben, was sich in der Bibel nicht findet, habe ich aus diesem alles, was nicht der Heiligen Schrift zuwiderläuft, zusammengetragen und in dieses Buch gefasst, um denen, die die Geschichte Josephs gern lesen, damit zu dienen. Ich muss allerdings gestehen, dass ich auch Vieles, was allzu wunderlich klingt, als unnütze Märchen weggelassen habe. Sollte nun dieses Büchlein freundlich aufgenommen werden, könnte man in einem »Leben des Abenteuerlichen Musai«, der in Ägypten Josephs Verwalter war, das nachtragen*, was an dieser Stelle mit Bedacht ausgelassen wurde. Bis dahin gehabe sich der Leser wohl und begnüge sich.

Inhalt dieses Buches

Nachdem Gott der Allmächtige in seiner unendlichen Weisheit beschlossen hatte, das Geschlecht Jakobs, das er sich vor allen anderen Menschen zu seinem Volk erwählt hatte, aus dem Land Kanaan nach Ägypten zu versetzen, damit es sich dort, wie bis zu seiner Wiederausführung durch Moses geschehen, vermehren sollte, wollte er diese Absicht ins Werk setzen, indem er den Erzvater seines Volkes, Jakob, durch eine allgemeine Teuerung nach Ägypten zwang. Damit nun aber Jakob und seine Kinder bei ihrer Ankunft dort auch Unterhalt und Lebensmittel fänden, hat die unveränderliche Vorsehung Gottes Jakobs liebsten Sohn, Joseph, den seine Brüder verkauften, vorausgesandt und ihm die Mittel an die Hand gegeben, um den Jakob, seine Kinder, seine Kindeskinder und sich selbst zu versorgen. Wie es nun dem Joseph erging, bis all dies gemäß dem göttlichen Willen zustande gebracht war, das wird in diesem Buch ganz einfältig* erzählt.

Joseph an Momus und Zoilus

Ihr komischen Kerle!* Wenn weder Kraft noch Saft an mir und meiner Geschichte ist, dann werdet ihr an einem solchen kargen Knochen wenig zu nagen finden. Ein Hund spielt ja geradezu verrückt, wenn er mit Ungeduld und aufgesperrtem Maul daliegt und nach mageren Fliegen schnappt, um seinen Heißhunger zu stillen, nun aber plötzlich Gelegenheit bekommt, ein rechtschaffenes Wild zu fangen und sich daran zu sättigen. Wenn ihr mich also eurer Gewohnheit nach nicht ungerupft lassen könnt, dann macht nur flugs einen anderen aus mir, so dass ich mich nur desto besser sehen lassen kann. Und setzt auch gleich hinzu, ob nun Ruben oder meine übrigen neun untereinander ganz zerstrittenen Brüder dem Willen Gottes und seiner Vorsehung gemäß gehandelt haben, als sie mich verkauften.* Mein Verfasser wird dann lachen, weil ihr Dinge ins Spiel bringt, die in einer Geschichte nichts zu suchen haben, sondern in die Schule gehören.

Lebensbeschreibung des keuschen Joseph in Ägypten

Wie der Apfel nicht weit vom Stamm fällt, so schlägt auch kein Zweig aus seiner Art. Nie hat eine Taube einen Raben zur Welt gebracht und eine Nachteule nie eine Nachtigall gehegt, obwohl beide ihren Namen von der Nacht herleiten. Die seltene Schönheit Saras war so berühmt und vortrefflich, dass sich auch Könige in sie vernarrten, nämlich der mächtige Pharao in Ägypten und Abimelech, der König von Gerar in Palästina. Wie hätte da ein hässliches Urenkelchen* von ihr herkommen können? Und erst recht von einer Mutter wie Rahel, wegen deren himmlischer Schönheit Jakob eine vierzehnjährige zwar freiwillige, aber doch sehr beschwerliche Knechtschaft* auf sich nahm! Warum aber dem Geschlecht Tharahs* (der Abrahams Vater war und von den Arabern Asar genannt wird) allein vor allen anderen Menschen, die damals lebten, eine so wunderbare Schönheit verliehen war, dazu sagen die Araber, die Perser und die chaldäischen Naturkundigen auch in ihren Geschichtsbüchern dies: Besagter Tharah oder Asar sei ein überaus kunstfertiger Bildhauer und daher in den Diensten des großen Nimrod sehr beliebt und zugleich der Tempelwärter oder Pfleger von dessen Götzenbildern gewesen. Er habe so vollkommen schöne Bildnisse angefertigt und um sich gehabt, dass sich viele, die sie nur ansahen, im nächsten Augenblick in sie verliebt hätten. Und weil nun dessen Frau, Abrahams Mutter (aus deren Geschlecht auch Sara, Rebekka und Rahel* stammen), diese Bilder immerzu vor Augen hatte, seien durch deren starken Eindruck all ihre Kinder der Gestalt nach ihnen ähnlich geworden, und diese geraubte Schönheit sei an ihrem Geschlecht bis ins vierte Glied haften geblieben (wobei es auf Leas Seite allerdings schon früher damit bergab ging*). Unter allen aber sei Joseph der Inbegriff und Ausbund davon und so unbeschreiblich schön gewesen, dass seine Schönheit auch die höchste Schönheit eines jeden Engels übertroffen habe. So weit die Meinung der Araber, Perser und Mesopotamier über Josephs Schönheit. Man nimmt auch an, dass die Götzen Labans*, die Rahel wegen ihrer Rarität und besonderen Schönheit ihrem Vater gestohlen hatte und die Jakob dann später bei Sichem unter einer Eiche begrub, ein besonderes Kunst- und Meisterstück des Asar und die Hauptursache für die Schönheit sowohl Rahels als auch Josephs gewesen seien, weil Josephs Mutter Rahel und schon deren Mutter sie geliebt und beim Anbeten stets vor Augen gehabt hätten.

Aber Gott hatte den Joseph noch über diese große Gabe der Schönheit hinaus reich gesegnet, so dass man ihn wegen seiner Vortrefflichkeit mit dem edelsten König vergleichen und wegen seiner Schönheit von ihm sagen kann, dass er in seinem Leib wie in dem herrlichsten Palast wohnte. Von der Mutter hatte er vollkommene Schönheit und von seinem Vater ebenso viel Verstand geerbt, der schon in den Jahren seiner Jugendblüte erkennen ließ, was für Früchte er tragen würde. Ja, sein Verstand war schon damals so groß, scharf und kräftig, sein Gedächtnis so gut und stark, sein Kopf so geschwind im Begreifen, dass sich kaum entscheiden lässt, was höher zu schätzen sei – diese inneren Gaben oder die äußere Gestalt seines Leibes. So hat er schon in seiner Jugend erfasst, was seinen Vorvätern noch in ihrem Mannesalter schwerfiel zu begreifen. Alle Naturdinge versuchte er zu ergründen und kam dabei in kurzer Zeit so weit voran, dass man ihn wohl einen Vorläufer des weisen Salomon nennen kann. Er war ein guter Astronomus und Mathematicus und verstand sich auf die Magia oder vielmehr die Philosophia naturalis* ebenso vollkomen wie auf den Ackerbau. Er kannte die Eigenschaften von Menschen und Tieren und konnte ihren Gebrechen durch Arzneimittel leicht abhelfen, wie denn auch seine Brüder sich in diesen Wissenschaften auskannten und täglich philosophierten, ihm jedoch hierin allesamt das Wasser nicht reichen konnten, wiewohl er ihrer elf* hatte.

Dabei war er sehr demütig, fromm, aufrichtig, beredt, freundlich und umgänglich. Von Lastern wusste er ganz und gar nichts, so dass er nicht einmal deren Namen kannte. Und obwohl es damals noch keine geschriebenen Gesetze gab*, nach denen jeder zu leben gehabt hätte, war er von dem gütigen Himmel doch so erschaffen und durch das Gesetz der Natur dahin geleitet worden, dass sein Handeln stets tugendhaft war. So beschaffen, war er stets darauf bedacht, seinem Vater gute Dienste zu leisten, ihm Zorn und Sorgen zu ersparen und seinen Besitz vermehren zu helfen, so dass ihn Jakob umso herzlicher liebte und ihm, weil sich die Liebe nicht verbergen lässt, einen schönen, bunt bestickten Rock verehrte. Er ließ den Joseph auch ungern aus den Augen, weil er seiner verstorbenen Mutter, der unvergleichlichen Rahel, die Jakob so innig geliebt hatte, etwas ähnelte, sie an Schönheit aber sogar noch hundertmal übertraf. So wie nun dem alten Patriarchen das Herz im Leib vor Liebe hüpfte, wenn er seinen Joseph vor sich sah, so lief der Lea jedes Mal die Galle über, wenn sie ihn erblickte, weil keiner ihrer Söhne vom Vater so geschätzt wurde.

Schließlich ergriff der stiefmütterliche Neid auch die Stiefbrüder, so dass er sich mit seinen vollkommenen Tugenden und seiner Schönheit zwar einen getreuen, liebreichen Vater, in Gestalt der Lea und seiner zehn Brüder* jedoch elf erklärte Feinde erworben hatte, und zwar, ohne es zu bemerken, denn er stellte sich vor, sie alle seien so edel und aufrichtig geartet wie er selbst.

Je mehr aber seine Tugenden von den missgünstigen Brüdern beneidet wurden, desto lieber wurden sie nicht nur seinem Vater, sondern auch Gott selbst. Denn der Himmel offenbarte ihm im Traum, mit was für einem Glück er sich dereinst zu seiner Belohnung vor den Brüdern würde trösten dürfen. So bekam er Anlass, sich mit der Auslegung der Träume zu befassen, ihrer Bedeutung nachzusinnen und, was ihm hierbei noch fehlte, von seinem Vater zu lernen. Der erste Traum, den er seinem Vater in Gegenwart seiner Brüder erzählte (aber mehr zur Unterhaltung und weil er sich darüber wunderte, dass einem so seltsame Dinge im Schlaf begegnen, und nicht weil er ihn für sonderlich bedeutsam hielt), war dieser.

»Mir träumte«, sagte er, »als ich neulich mit meinen Brüdern bei der Ernte war und neben ihnen meine Nachtruhe hielt, es hätten sich die Garben meiner Brüder vor den meinen, welche aufrecht standen, wie von selbst zur Erde geneigt und niedergeworfen, als würden sie die meinen anbeten.«

»Dies bedeutet dir«, antwortete Jakob, »du seist der beste unter deinen Brüdern und werdest an den Tugenden, die du dir zu eigen gemacht hast, standhaft festhalten, so wie deine Garben auch aufrecht stehen geblieben sind. Dass aber die Garben deiner Brüder niedergefallen sind und die deinen angebetet haben, bedeutet für sie nichts anderes, als dass sie zunächst vom Weg der Tugend abweichen und eine unverantwortliche Tat begehen, später aber in höchstem Kummer dich in deinem Glück und Wohlstand um Hilfe und Gnade anflehen werden.«

Hierüber wurden die Brüder Josephs noch viel unwilliger als über den Rock, den ihm der Vater zuvor hatte machen lassen. Als sie dann in Abwesenheit Josephs und ihres Vaters über diesen Traum und seine Auslegung murrten und die neidischen Gemüter untereinander zu noch ärgerer Verbitterung aufhetzten, sagte Judas (ein tapferer, verständiger, mit vielerlei Tugenden wohlversehener Mann und dem Joseph nicht gar so böse gesinnt) zu den Übrigen, an Träume zu glauben und sich ihretwegen dem Kummer oder der Freude zu überlassen, sei eine große Torheit. Josef hätte eben um diese Zeit bei der Ernte geholfen, und womit er tagsüber zu schaffen hatte, das sei ihm dann auch nachts im Schlaf erschienen. Wenn nun der Vater daraus eine Prophezeiung mache, müsse man ihm dies nachsehen, sein Alter ehren und ihn reden lassen.

Ruben antwortete hierauf, manchmal ergehe es ihm genau wie dem Joseph. Als er kürzlich in Sichem gewesen sei, um dort das Weideland in Augenschein zu nehmen, habe ihm geträumt, einige Füchse und Leoparden hätten ihm das beste Lamm aus der Herde seines Vaters weggenommen und in die Wildnis geführt. Er habe sich zwar heftig widersetzt, aber dennoch nichts ausrichten können. Als er dann durch die Wildnis gekommen sei, habe er plötzlich dasselbe Lamm wieder getroffen, aber nicht erkannt, weil es ganz in goldene Wolle gehüllt gewesen sei, und ihm sei gewesen, als hätte auch er ein gutes Kleid von solcher Wolle bekommen. Würde er nun aus derlei Possen etwas für die Zukunft ablesen wollen, würde man ihn wohl zu Recht für einen Toren halten – zumal er sich gut vorstellen könne, dass er diesen Traum nicht geträumt hätte, wenn er sich an diesem Tag nicht um die Weide gekümmert und für die Herde gesorgt, sondern seine Zeit anderswo zugebracht hätte. Und so verhielte es sich auch mit Josephs Traum.

Aser, Gad, Naphtali und Dan widersprachen diesen beiden und sagten: »Mögen die Träume nichtig und ohne Bedeutung sein – der Vater zieht den Junker Joseph jedenfalls uns allen vor und liebt ihn allein mehr als uns alle zusammen, und das ist eine große Schmach.«

Schließlich löste sich die Versammlung auf, aber jeder ging mit Unruhe im Herzen davon. Die einen verharrten in ihrem alten Groll, in Neid und Missgunst. Die anderen aber, vor allem die Söhne der Mägde*, wurden noch verbitterter.

Als aber die Ernte eingebracht war und Jakob sein ganzes Haus nach getaner Arbeit mit einem üppigen Festmahl labte, das man bei uns »Erntgans«* nennt, und sich dabei sehr fröhlich zeigte, erzählte Joseph, der eher mit dem Einsturz des Himmels als mit dem Neid seiner Brüder gerechnet hätte, ihm einen anderen Traum, den er in der vorigen Nacht gehabt hatte. Sonne, Mond und elf Sterne hätten sich vom Himmel herabgelassen und zu seinen Füßen niedergeworfen, um ihn anzubeten. Darauf sagte der alte Jakob: »Dieser Traum bedeutet dir noch etwas viel Größeres als der vorige. Denn siehe, es wird eine Zeit kommen, in der du nicht nur über deine Brüder erhöht werden, sondern auch von Vater und Mutter selbst geehrt und gleichsam angebetet werden wirst. Mich«, so fügte er hinzu, »wird es jedenfalls sehr freuen, wenn ich die Ehre habe, dich in einem so glückseligen Stand zu sehen, und wolle Gott, dass diese seine göttliche Vorsehung nur bald ins Werk gesetzt wird – denn dass solches geschehen muss, weiß ich gewiss.«

Sosehr sich Jakob über Josephs künftige Hoheit freute, so sehr verdross sie seine anderen Kinder. Ja, ihre ohnehin schon sehr verbitterten Gemüter wurden so erbost, dass ihnen weder Essen noch Trinken schmeckte und sie sich einer nach dem anderen von der Tafel erhoben und in ihre Hütten verfügten.

Jakob bemerkte zwar ihren Unwillen und ahnte, was er zu bedeuten hatte: dass sie seinem liebsten Sohn dessen herrliches Glück nicht gönnten. Dennoch konnte er schwerlich glauben, dass Joseph von irgendjemand auf der Welt – und schon gar nicht von seinen leiblichen Brüdern – mit so viel Hass und Neid befeindet werden könnte, wie sich inzwischen bei ihnen angesammelt hatte. Joseph aber, der keinem Fremden, geschweige denn seinen Brüdern, etwas Böses zutraute, glaubte, sie hätten so früh Feierabend gemacht, damit sie am nächsten Morgen desto früher mit dem Vieh auf die Weide ziehen könnten.

Am Morgen machten sich die zehn Brüder auf den Weg, ohne dass auch nur einer seinen Unmut merken ließ. Wie gewohnt nahmen sie Abschied von ihrem Vater, befahlen ihn dem Schutz Gottes, empfingen seinen Segen und ließen ihn in Josephs Obhut zurück. Sobald sie aber draußen auf dem Feld unter sich waren, begann das Klagen!

»Ach!«, sagte Gad. »Kommt es noch so weit, dass wir unseres Bruders Sklaven werden müssen?«

»Ha!«, antwortete Aser. »Siehst du denn nicht, dass wir das längst sind? Sitzt er nicht schon daheim beim Vater wie ein feiner Pinkel, als würde er Perlen schwitzen und Gold scheißen? Wird er nicht schon behandelt wie der vornehmste Prinz der Welt? Was fehlt ihm denn noch zur Erfüllung seines eitlen Traumes? Vielleicht hat er ihn nur erfunden und erzählt, damit wir wissen, wie er von uns geehrt sein will.«

»Allerdings«, meldete sich Dan zu Wort, »sein Traum ist schon erfüllt. Es wird ja keiner von euch so einfältig sein, dass ihm entgangen wäre, wie unser Vater ihn seit langem in seinem Herzen mehr ehrt und anbetet als irgendetwas anderes auf der Welt!«

Auch Naphtali trug seine Ware zu Markte: »Ich sage euch, am Ende erklärt ihn unser Vater noch zu seinem einzigen Erben, und uns verstößt er oder macht uns mit unseren Kindern zu Josephs Sklaven, damit der Traum vom feinen Herrn nur wahr werde.«

Judas entgegnete ihm, er solle den Vater besser in Ehren halten. Sie alle seien wie Joseph aus seinen Lenden geboren. Als ehrbarer, aufrechter Mann werde er eine solche Ungerechtigkeit seinem eigenen Blut weder antun noch sich bis ins Grab zu seiner Schande nachsagen lassen.

»Wer weiß denn«, entgegnete Dan, »was noch alles kommt? Genügt uns nicht das Beispiel Ismaels*, dem das Gleiche widerfuhr? Solche Streiche sind in unserem Geschlecht und bei unseren Vorvätern nichts Neues.«

Ruben, der Älteste und geschickteste Redner unter ihnen, wendete nun zwar ein, jenes sei durch den Willen und auf Betreiben Saras geschehen. Außerdem sei Josephs Mutter Rahel tot, während ihrer aller Mütter noch lebten* und gewiss ganz anders mit dem Vater reden würden. Er versuchte sie auch dadurch umzustimmen, dass er sich über den tieferen Sinn der Träume und ihre Auslegung lustig machte, und richtete doch mit alledem nichts aus. Die vier Söhne der beiden Mägde übertönten die anderen und erklärten, es sei ja allgemein bekannt, wie ihr Vater am Großvater und an seinem leiblichen Bruder gehandelt habe, wie er beide betrogen und den väterlichen Segen, der von Rechts wegen einem anderen gebührte, mitsamt dem Erstgeburtsrecht auf sich selbst gelenkt habe.* Wer sich aber schon als Kind kein Gewissen daraus mache, seinem Vater und seinem Bruder so übel mitzuspielen, der werde sich auch nicht scheuen, später mit den eigenen Kindern genauso umzuspringen. Man wisse ja, wie er den Laban, seinen Schwiegervater, der ihm so viel Gutes erwiesen hatte, betrogen* und ihm den größten Teil seines Besitzes mit fragwürdigen Mitteln und großer List abgezwackt habe. Ob sie denn glaubten, dass Joseph, wenn er ständig daheim beim Vater sitze, etwas anderes täte, als irgendwelche Schliche zu erlernen, mit denen er sie eines Tages um ihr Erbteil bringen könnte. Wobei sie mit alledem aber nichts gegen den Vater gesagt, sondern nur sich selbst zur Vorsicht ermahnt haben wollten. »Wollen wir wetten, dass, wenn wir nach Hause kommen und uns nicht vorsehen, Joseph eines Tages noch davon träumt, wie er elf Sterne aufsetzt und mit Sonne und Mond nach ihnen kegelt?«

Ruben, Judas und Levi hielten zwar dagegen und verteidigten das Tun und Lassen ihres Vaters so weit wie möglich, indem sie alles auf die Frauen schoben, die ihn dazu angestiftet hätten, während Joseph auf deren Hilfe nicht zählen könne. Doch all dies war vergeblich, denn seine Reden machten die ohnehin schon verbitterten, neidischen, missgünstigen Herzen der übrigen Brüder durch Misstrauen gegen den Joseph nur noch gehässiger. Daher beschlossen sie zuletzt, mit einem großen Teil des Viehs nach Sichem auf jene gute Weide zu ziehen, die Ruben zuvor ausgekundschaftet hatte, und dort so lange zu bleiben, bis sie sähen, was ihr Vater tun werde und ob er allein mit dem Joseph seinen Haushalt führen wolle. Falls dann geschehen sollte, was sie ohnehin vermuteten, hätten sie zumindest den besten Teil der Herde schon mal in ihrer Gewalt.

So ließen sich diese Brüder durch Eifer, Neid, Hass, Missgunst, Zorn und Misstrauen leiten und zogen mit ihren Herden in das an Weiden reiche Land Sichem.

Unterdessen dachten Jakob und Joseph an nichts Böses, vielmehr musste Joseph dem Alten seinen Traum noch einmal erzählen und dafür umgekehrt dessen Auslegung noch einmal anhören.

»Gewiss, liebster Sohn«, sagte Jakob, »ich versichere dir, du wirst bestimmt ein großer Herr werden. Aber sei dann mir und deinen Brüdern auch behilflich, wenn wir, je nachdem, was Gott über uns verhängt, deiner Hilfe bedürfen und dich darum bitten.«

Der alte Mann sagte dies in einem so bewegenden Ton, beschloss seine Worte auch mit einem so inbrünstigen väterlichen Kuss und sah danach seinen Sohn so andächtig an, dass Joseph (weil er seinen Vater ohnehin mehr liebte als sich selbst) sich des Weinens nicht enthalten konnte, wodurch seiner Antwort für längere Zeit der Weg versperrt blieb. Nachdem er sich aber wieder gefangen hatte, sprach er: »Herzliebster Vater, glaube nur nicht, ich würde zulassen, dass sich deine grauen Haare vor mir bücken, um etwas zu erbitten, sofern ich dein Anliegen und wie dir zu helfen sei, auch auf andere Weise erraten kann. Selbst wenn ich auf dem Thron der Assyrer säße – ich würde doch stets als ein getreues Kind der Trost deines Alters bleiben, solange mir Gott die Ehre und die Gnade gewährt, dir auf dieser Welt zu dienen.«

Nachdem sie lange so gesprochen hatten, hat Jakob den Joseph gesegnet, hat ihn Gott befohlen und ihm zu seiner künftigen hohen Würde, als sähe er sie schon vor sich, von ganzem Herzen alles Glück und Heil gewünscht. Auf Josephs Bitten unterrichtete er ihn auch darin, wie er jeden Traum, der etwas zu bedeuten hat, leicht auslegen könnte. Dank seiner Klugheit und seiner angeborenen Geschicklichkeit begriff Joseph diese Kunst ohne viel Mühe und hat es in ihr durch eigenes gründliches Nachdenken später so weit gebracht, dass sich in Ägypten auch unter den Allerweisesten keiner fand, der es mit ihm hätte aufnehmen können.

So kam der späte Abend diesen beiden viel früher als sonst, weil ihnen ihr liebreiches Gespräch den Tag so unvermerkt gekürzt hatte. Sie hätten auch den Anbruch der dunklen Nacht nicht wahrgenommen, wäre nicht Lea erschienen, um ihnen zu sagen, dass die Söhne mit dem Vieh noch nicht zurückgekehrt seien, und zu fragen, ob sie wüssten, warum jene gegen ihre Gewohnheit so lange ausblieben oder wohin sie mit der Herde gezogen sein könnten. Weil aber keiner von beiden etwas über die Ursache ihres Ausbleibens oder ihren Aufenthaltsort sagen konnte, verbrachten sie die Nacht, statt im Schlaf, in Unruhe und Sorgen so betrübt, wie ihnen der Tag zuvor ergötzlich gewesen war.

Am nächsten Morgen verbreitete sich die Traurigkeit im ganzen Haus. Eine Sohnesfrau fragte die andere, ob sie nicht beim Abschied ihres Mannes gehört habe, wohin sie sich begeben wollten. Doch keine konnte Auskunft geben – außer Rubens Liebster. Sie sagte nämlich, ihr Gemahl habe vor kurzem verlauten lassen, er habe in der Gegend von Sichem einen so schönen Weidegrund gefunden, dass es schade wäre, ihn ungenutzt verderben zu lassen. Deshalb meine sie, die Männer müssten sich dort aufhalten, zumal sie auch den Hauptteil des besten Viehs bei sich hätten.

Der bekümmerte Jakob erwog die Kürze des Weges und erkannte unschwer, dass seine Söhne, auch wenn sie dort geweidet hatten, inzwischen längst wieder daheim sein könnten. Er kannte sich aus, denn er hatte früher selbst einmal in Sicima gewohnt, das die Hebräer Sukkoth nennen, von wo es nicht allzu weit bis Sichem ist.

Nun drängten ihn die eigenen Sorgen ebenso wie das unaufhörliche Wehklagen der Frauen seiner Söhne und das Gejammer ihrer Kinder, jemanden auszusenden, der erkunden sollte, ob sie vielleicht von arabischen Räubern angegriffen und entführt oder von einem anderen Unglück heimgesucht worden seien. Diesen Auftrag erhielt der kluge Joseph, damals noch ein Jüngling von nur siebzehn Jahren. Und damit er eine gute Nachricht möglichst schnell zurückbringen oder, falls Gefahr drohte, möglichst rasch entfliehen könnte, wurde ihm der beste und schnellste persische Renner überlassen, den sein Vater aus Mesopotamien mitgebracht* hatte. Auf ihm folgte er, mit Jakobs Segen versehen, der Spur der Herde, um seine Brüder zu suchen, und fand sie auch samt der Herde schon am Nachmittag – früher und in viel besserer Verfassung, als seine allzu großen Sorgen und sein Kummer ihn vorher hatten glauben lassen. Deshalb freute er sich über den erwünschten Anblick so herzlich, als sollte er ebenjetzt die ihm prophezeite Herrlichkeit* annnehmen.

Seine Brüder dagegen, als sie ihn von weitem sahen, sprachen untereinander: »Ach, seht mal, da kommt unser Prinz! Wohlan, werft euch nieder und erfüllt seine Träume! Um Gottes Willen, seht doch, der feine Herr Träumer hat sich auf unseres Vaters bestes Pferd gesetzt, um unsere Ehrerbietung desto majestätischer entgegennehmen zu können! Ei, warum sitzen wir nicht alle längst auf unseren Schindmähren, damit sie sich – wie unsere Garben in seiner Phantasie – vor seinem Ross verneigen und wir gleich mit ihnen diesen gewaltigen Kerl anbeten können? Ja, warum bloß? Denn dieser ist es doch, dem zu Gefallen Sonne und Mond vom Himmel steigen und sich ihm zu Füßen legen. Dies ist der Große, der Vater und Mutter erzittern lässt, weil sie nicht wissen, wie sie ihn genug ehren sollen. Ja, der ist’s! Dem wir alle mit unseren Kindern als Sklaven zu dienen vom Himmel bestimmt sind. Vielleicht kommt er in seinem bunten Rock so stattlich aufgeputzt und prächtig beritten daher, um uns strenge Befehle zu erteilen und sich zugleich unseres pflichtschuldigen Gehorsams und unserer Untertänigkeit zu versichern. Jawohl«, fügten sie noch hinzu, »bevor wir dir zu Befehl stehen, soll dein bunter Fürstenrock, in dem du wie ein König prangst, mit Blut besudelt, soll dein stolzer Leib den Blicken unseres Vaters entrissen und im innersten Schlund der Erde verborgen werden. Und dies sei der Eid, den wir hiermit geschworen haben wollen.«

Sie alle haben sich auch fest verpflichtet, ihn zu halten – einige jedoch ohne wirklichen Willen, ihn erfüllen zu helfen, sondern weil sie von den zornigsten dazu gedrängt wurden, vor allem der tapfere Ruben, der immerzu nach Mitteln und Wegen suchte, wie er dem Joseph sein Leben erhalten und ihn wieder zu seinem Vater bringen könnte. Deshalb hatte er den anderen gleich anfangs geraten, nicht Hand an ihn zu legen, denn mit einem Brudermord würden sie Gott aufs höchste beleidigen, außerdem ihren alten Vater zu Tode kränken und in sich selbst den immerfort nagenden Wurm ihres bösen Gewissens wecken. Als nun aber weder die zornigen Ohren seiner Brüder ihn anhören noch ihre ergrimmten Gemüter sich umstimmen lassen wollten, tat Ruben, als hätte er sich besonnen und wäre nun ebenfalls ihrer Meinung, indem er sagte: »Ihr lieben Brüder, wenn es denn nicht anders sein soll, so müssen wir doch Vorsicht walten lassen und sollten nichts überstürzen, denn ihn hier bei der Herde hinzurichten ist nicht ratsam, weil unsere Knechte uns verraten könnten. Lasst uns also beraten, welchen Todes er sterben soll und an welchem Ort.«

»N

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