Logo weiterlesen.de
Ketaria - Die Sehnsucht des Dämons

Prolog

Er wand sich in Agonie am Boden, während seine Muskeln und Sehnen rissen und seine Knochen brachen, um sich zu verformen und neu zusammenzufügen. Über ihm ragte die eigentlich schmächtige Gestalt seines Feindes, den er bis vor einigen Augenblicken für einen Freund gehalten hatte, auf und rezitierte den Fluch, der ihn und sein Volk verdammen würde. Die Worte brannten sich trotz seiner Qualen unlöschbar in seine Erinnerung.

„Ich verfluche dich König Sandro, ich verdamme dich dazu, fortan die Stunden zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang als Dämon zu existieren. Nur in der Dunkelheit sei es dir vergönnt, wieder deine menschliche Gestalt anzunehmen. Und ich verdamme dich zum ewigen Leben, nur das Artefakt, welches deinen Fluch besiegeln wird, wird dann noch vermögen, deinem Leben ein Ende zu setzen. Die Magie des Höllenportals fließt durch dich, und dein Leben wird es geöffnet halten, damit es meine Macht stärken wird. Der Fluch wird andauern bis zu deinem Tod, oder deiner Erlösung. Allein die Liebe und das Vertrauen einer Frau können deinen Fluch brechen, aber nur wenn sie bereit ist, beides dem Dämon zu schenken. Aber wehe dir, wenn du in deiner Menschengestalt einem Menschen die Wahrheit über den Fluch verrätst, denn dann wird der Fluch unlösbar.“

Sandro quälte sich krächzend über die Lippen: „Warum gibst du mir die Chance auf Erlösung?“

Der Hexer beugte sich zu ihm herunter und erwiderte höhnisch grinsend: „Weil die Hoffnung, ebenso wie die Stunden in menschlicher Gestalt dich noch mehr quälen werden.“

„Wieso hasst du mich so? Ich war dein Freund.“

„Mein Freund?“, spie der Hexer hervor und verzog sein schmales Gesicht zu einer Grimasse aus Wut, „du hast keine Freunde Sandro, nur Untertanen, denn du hast, was mir nicht vergönnt war. Aber jetzt nehme ich es mir“. Damit presste er ein Amulett auf Sandros Brust, das sich zischend in seine Haut brannte, und ihn vor Schmerz aufheulen lies. Der Hexer richtete sich lachend auf, drehte sich um und verschwand mit wehender Kutte in dem Portal, das sich hinter ihm aufgetan hatte.

Sandro hätte nicht sagen können, wie lange er sich in Pein am Boden gewunden hatte, aber als die Schmerzen langsam abebbten, quälte er sich auf die Füße und sah an sich herab. Er schrie vor Entsetzen auf, er taumelte zum Spiegel an der Wand, um das volle Ausmaß seines Elends sehen zu können. Dort angekommen erstarrte er und keuchte auf, der Hexer hatte recht gehabt, es würde keine Erlösung für ihn geben, denn keine Frau würde so ein abscheuliches Monster lieben können. Er war jetzt etwas über zwei Meter groß und so muskulös, dass seine Kleidung die Verwandlung nicht überstanden hatte. Seine Haut war schwarz wie die Nacht und wurde von blutroten Linien durchzogen, Linien, auf denen sich Dornen aneinanderreihten. Sie liefen auf der Rückseite seines Körpers vom Rückgrat aus über die Arme, die Beine, den Hals bis zum Kopf hoch und den gesamten Rücken hinab, von dort weiter über den körperlangen Schwanz, der sich gebildet hatte. An dessen Spitze mündeten sie in einem vor Gift triefenden Stachel. An seinen Fingern waren zentimeterlange Krallen, und auf seinem haarlosen Kopf ragten mehrere messerscharfe gut zwanzig Zentimeter lange Dornen empor. Die Züge seines Gesichts waren zwar weitgehend menschlich geblieben, wurden von den rot glühenden Augen und den hervorragen Hauern, die er nun statt seiner Eckzähne trug, so verunstaltet, dass ihn wohl niemand jemals erkennen würde. Er sank vor dem Spiegel auf die Knie und schrie vor Qual auf, aber selbst dass klang nicht mehr menschlich.

1.Kapitel

Mehrere Jahrhunderte später in der Menschenwelt

Julia schleppte die zahlreichenden Einkaufstüten schimpfend die Treppen zu ihrer Wohnung hoch. Wie hatte sie aber auch nur glauben können, dass Oliver sich einmal von seinem PC losreißen würde. Oliver, ihr Lebensgefährte und in letzter Zeit ihr Sargnagel. Dabei war anfangs alles so toll gewesen. Natürlich war ihr sein Splen für Computerspiele bewusst gewesen, ebenso wie sein Traum selbst eines zu kreieren. Obwohl sie selbst eher ein sportlicher Naturmensch war, hatte sie das akzeptiert, zumindest solange er sich auch mal vom Bildschirm losgerissen hatte, und mit ihr rausgegangen war. Ganz übel war es geworden, seit dieser Gänsehaut verursachende Typ bei ihm aufgetaucht war. Der hatte ihm angeboten ihm einen Server zur Verfügung zu stellen, wenn Oliver ihm dafür mit gewissen Eckdaten ein Rollenspiel schreiben würde. Zuerst hatte Julia es amüsiert als einen weiteren Fehlversuch abgetan. Aber das Lachen war ihr schnell vergangen, als er einfach seinen Job gekündigt hatte und seither nur noch an dem Spiel bastelte. So war sie in die prekäre Lage graten, nicht nur die Wohnung alleine finanzieren zu müssen, sondern auch noch alle anfallenden Arbeiten machen zu müssen. Das lief jetzt seit einigen Monaten so, und langsam aber sicher war ihre Geduld aufgebraucht. Denn statt dass er ihr für die Unterstützung dankbar gewesen wäre, ignorierte er sie fast vollständig. Julia war jetzt achtundzwanzig und mit ihren 1,60 Meter Körpergröße, dem eher zierlichen aber durchwegs sportlichen Körperbau, den schulterlangen roten Haaren und den grünen Augen nicht unattraktiv, aber schön langsam kam sie sich genau so vor. Denn die einzige Frau, für die Oliver noch Augen hatte, war diese vollbusige Amazone, die er für das Spiel geschaffen hatte. Verdammt, vermutlich holte er sich dabei sogar einen runter, denn in ihrem Schlafzimmer spielte sich seit Monaten definitiv nichts mehr ab. Und nun schaffte er es nicht mal sich für eine Viertelstunde vom Sessel zu lösen, um ihr beim Herauftragen des Monatseinkaufs zu helfen, jetzt reichte es. Wutschnaubend sperrte sie die Haustür auf, legte die Tüten ab und marschierte ins Arbeitszimmer ihres Herzblattes.

Wie immer saß Oliver vor dem Monitor, auf dem natürlich wieder mal die Amazone zu sehen war. Der Anblick ließ endgültig die letze Sicherung bei Julia durchbrennen. Die Figur war groß wie ein Model, blond, vollbusig und kaum bekleidet, und hatte offenbar so gar nichts von ihr. Sie fauchte: „Jetzt reicht es mir, aber endgültig“.

Er hatte nicht mal den Anstand sie anzusehen. Er nuschelte nur: „Ich habe jetzt keine Zeit, ich muss an Ketaria weiterarbeiten.“

„Ketaria, was ist das überhaupt für ein dämlicher Name?“

„Du verstehst das nicht ….“

„Ganz genau, ich verstehe das nicht, aber das will ich auch gar nicht mehr. Entweder du änderst dich jetzt endlich, oder das war es mit uns und mit deinem bequemen Leben.“

„Jetzt mach nicht so einen Aufstand.“ Noch immer war sein Blick starr auf die Amazone gerichtet und er tippte nebenbei sogar, das durfte doch einfach nicht wahr sein.

„Sieh mich wenigstens an, wenn wir streiten, verdammt noch mal, so wichtig kann doch kein Spiel sein“, schrie sie ihn an.

Weiterhin hektisch tippend murmelte er: „Das ist nicht nur ein Spiel, das ist eine ganze Welt, das ist magisch, wenn du nur verstehen würdest ...“ Julia umrundete den Schreibtisch und schnappte sich das Stromkabel. Erst jetzt flog sein Kopf hoch, er brüllte: „Leg sofort das Kabel wieder hin, die Daten sind noch nicht gespeichert.“

„Ach ja, so ein Pech für dich“, fauchte sie und riss das Kabel aus der Steckdose. Im nächsten Augenblick durchfuhr sie ein heftiges Brennen, das jede Zelle ihres Körpers zu durchdringen schien. Olivers empörter Aufschrei wurde dumpf und ihre Sicht verschwamm, sie spürte noch vage, wie sie zu Boden fiel, ehe sie völlig das Bewusstsein verlor.

Als sie wieder zu sich kam, lag sie nicht mehr auf dem Teppich des Arbeitszimmers, sondern auf einer Wiese und ihr schlimmster Albtraum beugte sich über sie, die blonde Amazone aus Ketaria.

2.Kapitel

Julia konnte nicht anders, sie starrte die Frau über ihr fassungslos an. Die benahm sich ganz Amazonen untypisch jedoch weder kriegerisch, noch wie der Vamp, den Oliver vermutlich in ihr sah. Sie musterte Julia besorgt und tätschelte mütterlich ihre Hand. Sie fragte mitleidig: „Geht es wieder? Deine Reise durch das Portal war wohl sehr schwierig.“

„Portal?“, murmelte Julia benommen.

„Ja, du bist durch das Portal des Gottes Naxaos gekommen. Bisher hat er nur ab und zu Artefakte zu uns geschickt. Aber wenn er dich schickt, musst du wichtig für Ketaria sein.“ Julia stöhnte gequält auf, wenn sie schon im Koma, in das der Stromschlag sie offenbar befördert hatte, Albträume haben musste, warum musste es dann ausgerechnet dieses verfluchte Spiel sein. Die Amazone geriet durch ihr Stöhnen offenbar völlig außer sich vor Sorge, denn sie sprang auf und rannte hektisch irgendwo hin, nur um einige Minuten später mit einer Trinkflasche zurückzukommen.

Sie hielt sie Julia an die Lippen und forderte streng: „Trink das, dann geht es dir gleich wieder besser.“

Julia hatte keine andere Wahl sie musste schlucken, ihre Augen weiteten sich verblüfft, in der Flasche war Kamillentee, das wurde ja immer absurder. Sie hob probehalber ihre Hände und kniff sich kräftig, „autsch“, stöhnte sie auf, als der Schmerz ihre Hand zum Brennen brachte.

Die Amazone keuchte auf, „warum hast du das getan, das muss doch wehtun.“ Oh ja es hatte wehgetan, aber aufgewacht war sie dennoch nicht, und ihre Umgebung wurde immer weniger vage, je mehr sie zu sich kam. Einige Meter von ihr entfernt flackerte ein blaues Licht, und einige Meter auf der anderen Seite, stand ein Pferd, sonst waren nur sie und die Amazone auf der Lichtung, die von Bäumen umsäumt wurde. Olivers Worte kamen ihr wieder in den Sinn, das ist magisch, hatte er gesagt. Es war verrückt, aber es gab nur zwei Möglichkeiten, entweder sie hatte tatsächlich Koma bedingte Wahnvorstellungen, dann war sowieso egal, was sie tat, oder sie war tatsächlich irgendwie in dem Spiel gelandet. So absurd es war, am besten ging sie davon aus, dass alles real war, und versuchte wieder raus zu kommen. Wenn es echt war, schaffte sie es dann vielleicht nach Hause, oder wenn sie noch immer bewusstlos war, würde sie hoffentlich irgendwann aufwachen. Sie zermarterte sich den Kopf und versuchte sich an die Details zu erinnern, die Oliver ihr, bevor er nur noch vor dem Bildschirm gehockt hatte, verraten hatte. Aber allzu viel war nicht hängen geblieben, weil sie zu entnervt gewesen war.

Sie sah die Frau über sich an und fragte verlegen: „Ich ähm, ich fürchte ich habe keine Ahnung, wo ich hier bin und warum, könntest du mir sagen, was ich wissen sollte?“

 

Die Amazone nickte und begann zu erzählen: „Dieses Land heißt Ketaria, nach der Familie, die es einst regierte. Bevor der letzte König spurlos verschwunden ist. Seitdem streifen untote Kreaturen und niedere Dämonen über das Land und verwüsten es. Nur die Städte sind noch sicher, dorthin wagen sie sich nicht. Beherrscht werden sie von einem höheren Dämon, dem Herrn der Schrecken. Er haust in einer abscheulichen Festung, die auf den Ruinen des einstigen Herrscherpalastes steht. Seit Jahrhunderten plagt uns diese Geißel. Vor einigen Jahren erschien uns dann der Gott Naxaos und verkündete uns, wie wir Erlösung finden können. Er erwählte drei Helden, denen es bestimmt ist, Ketaria zu retten. Mich die Amazone, den Magier und den Barbaren. Der einzige Weg unser Volk zu erlösen, ist es den Unhold zu besiegen. Aber dazu muss man es schaffen alle Questen zu erledigen und sich ihm dann zum Endkampf stellen.“ Nur mit Mühe unterdrückte Julia ein erneutes Stöhnen, Questen, Endkampf, sie war tatsächlich in diesem Spiel gelandet. Die Amazone fuhr inzwischen fort: „Vor einigen Monaten erschien der Gott Naxaos abermals bei uns und schuf dieses Portal und versprach uns ab und zu heilige Artefakte zu schicken, um unseren Kampf zu unterstützen.“

Julia unterbrach sie: „Ich verstehe, und wie weit seit ihr damit?“

„Wie meinst du das?“

„Nun wie viele Questen habt ihr schon erledigt?“

Das hübsche Gesicht der Amazone wurde verlegen, sie wich Julias Blick aus und murmelte: „Gar keine.“

„Moment mal soll das heißen, ihr habt noch nicht eine Quest gelöst?“

„Ich wollte es ja tun, aber da waren die Kinder, ich konnte diese armen Kleinen doch nicht im Stich lassen.“

„Du hast sie gerettet, das verstehe ich, aber wieso hast du dann nicht mit deiner Aufgabe weitergemacht?“

„Sie hatten doch niemanden mehr, ich musste mich doch um sie kümmern, sie brauchen doch eine Mama“, verteidigte sich die Amazone trotzig. Himmel hilf, da wäre ihr ja Olivers Vamp noch lieber gewesen.

Julia fragte vorsichtig: „Ähm warum bist du denn Amazone geworden?“ Da sackten die Schultern ihres Gegenübers gequält nach unten und sie schluchzte auf, „nicht doch, ich wollte dich doch nicht beleidigen“, beteuerte Julia schnell. Aber die Amazone schluchzte weiter, bis Julia sie steif in den Arm nahm.

Die Kriegerin schluchzte: „Ich wollte das doch gar nicht, aber Naxaos hat mich erwählt, ich hatte doch keine andere Wahl. Eigentlich hätte ich viel lieber geheiratet und viele Kinder bekommen.“ Als Julia sich von ihr lösen wollte, klammerte sich die andere an ihr fest und schluchzte noch lauter. Bitte warum konnte das nicht doch ein Albtraum sein, sie hielt gerade die Frau im Arm, für die ihr Freund sie praktisch verlassen hatte, und tröstete sie, das Ganze wurde immer absurder.

Julia tätschelte ihr unbeholfen den Rücken und fragte beklommen: „Gibt es eine Möglichkeit, wie ich wieder von hier wegkommen könnte? Das Portal vielleicht?“

„Dieses ist nur in eine Richtung durchlässig, Naxaos benutzt es, wie schon gesagt, um uns ab und zu magische Gegenstände für den Kampf gegen die Dämonen zu schicken. So wie er dich geschickt hat, wenn es einen Weg zurückgibt, dann nur in der Festung des Dämons, und dorthin kannst du nur, wenn er besiegt worden ist.“ Einfach wunderbar, und die heulende Möchtegern Mutter, die sich eine Amazone nannte, würde dabei vermutlich keine große Hilfe sein.

Julia fragte vorsichtig: „Du hast von zwei weiteren Helden gesprochen, wo kann ich sie finden?“ „Sie sind in Ehrental, der Stadt aus der ich komme, ich bringe dich zu ihnen.“

„Danke, übrigens ich heiße Julia.“

Die Amazone löste sich jetzt zum Glück endlich von ihr und schlug sich betroffen die Hand vor den Mund, „oh wie unhöflich von mir, ich habe mich nicht mal vorgestellt, ich heiße Lara.“ Großartig, sie hatte also eine Amazone namens Lara, die offenbar einen Mutterkomplex hatte, der Himmel helfe ihr, hoffentlich waren die anderen beiden Helden brauchbarer, sonst würde sie bis ans Ende ihrer Tage hier festsitzen.

 

Er stand auf dem Dach seines Refugiums und starrte auf die Ebene, die einst ein herrlicher, grüner Garten gewesen war. Nun erstreckte sich so weit sein Auge reichte nur noch eine steinige Ödnis, unterbrochen von Spalten in denen feurige Lava brodelte. „Mein Gebieter, eure Offiziere sind zurück“, erklang die nervöse Stimme des niederen Dämons hinter ihm.

Der Dämon, der einst König Sandro von Ketaria gewesen war, den man nun jedoch Herr der Schrecken nannte, fragte, ohne sich umzuwenden: „Haben sie es gefunden?“

„Nein mein Gebieter“, flüsterte der kleine Dämon ängstlich.

„Was tun sie dann hier?“

„Sie bitten um Vergebung, aber sie haben erfahren, dass diesmal keine Waffe, sondern ein Krieger durch das Portal gekommen ist. Die Untoten die um die Hauptstadt streifen haben sie zusammen mit der Amazone gesehen.“

„Sie? Eine weitere Amazone?“

„Ich weiß es nicht mein Gebieter. Sie berichteten, dass sie merkwürdig ausgesehen habe, anders als alle Menschen die sie jemals gesehen haben.“ Nun wandte Sandro sich doch um, um den Dämon zu mustern. Dieser wurde sichtlich noch nervöser, „sie sahen sie nur im Vorbeireiten, diese niederen Untoten sind langsam, aber wir können einen Dämon in die Stadt schicken und ...“,

„nein“, unterbrach Sandro ihn donnernd, was den Dämon zusammenzucken lies. Sandro fuhr ruhiger fort: „Du weißt die Städte sind euch verboten, ich werde mich selbst darum kümmern, bald.“ Der niedere Dämon nickte und eilte fort, ehe er ihm doch noch den Kopf abreißen konnte. Sandro seufzte auf, Angst und Entsetzten, das waren die einzigen Emotionen, die er noch hervorrufen konnte, zumindest in seiner Dämonengestalt, selbst bei Seinesgleichen. Das war auch der Grund, warum er auch nur die leiseste Hoffnung auf Erlösung schon vor Jahrzehnten aufgegeben hatte. Nach dem ersten Schock hatte er es durchaus versucht, und zwar Jahrhunderte lang. Aber welche Frau hätte schon einem Dämon vertrauen oder ihn gar lieben können. Inzwischen hatte er sich damit abgefunden, bis zu seinem Tod tagsüber in diesem abscheulichen Körper festzustecken. Aber er hatte nicht vor bis in alle Ewigkeit zu leiden, er würde dem Hexer einen Strich durch dessen niederträchtige Rechnung machen. Sein Tod würde nicht nur seinen Fluch, sondern auch die Kontrolle des Hexers über das Portal beenden. Nachdem er seit vielen Generationen jede Nacht als Mensch durch die Städte gestreift war, hatte er vor einigen Jahren endlich einen Magier gefunden, der genug von Portalen verstand, um ihm versichern zu können, dass das Amulett, wenn es die Verbindung zum Portal aufrecht hielt, sich in dieser Welt befinden musste, das Amulett dass ihn töten würde. Er hatte dem Magier erzählt er wäre ein Dämonenjäger und müsste das Amulett finden, um den Herrn der Schrecken zu töten, nun zumindest das war nicht gelogen gewesen. Er mochte sich selbst nicht erlösen können, aber er würde sein geliebtes Ketaria erlösen. Ketaria, er seufzte abermals auf, sein armes Land litt unter dem offenen Höllentor, es veränderte sich, so wie sein Palast sich bereits verändert hatte. Wie eine bösartige Krankheit breitete sich die Flammenödnis, die er hier schon erblickte, langsam aber sicher über das ganze Land aus. Nur in wenigen Gebieten war noch Grünland, das die Menschen ernähren konnte, vorhanden, und selbst das wurde von den Dämonen und Untoten durchstreift. Einzig von den Städten vermochte er sie noch fernzuhalten. Sie fürchteten ihn genug, um sich an diesen Befehl zu halten, aber selbst er vermochte ihre Natur nicht zu ändern. Wenn sie Menschen sahen, dann griffen sie diese an. Er hatte am Anfang viele von ihnen getötet, aber es kamen immer mehr durch das offene Höllenportal. Schließlich hatte er gemerkt, dass seine Verbindung mit dem Portal ihm eine gewisse Macht über sie gab, wenn auch nur begrenzt. Also hielt er sie so gut es ging von den Städten fern und ließ sie im ganzen Land nach dem Amulett suchen. Der Hexer hatte das nach einiger Zeit natürlich bemerkt und Gegenmaßnahmen ergriffen. Er war als Gott Naxaos aufgetreten, und hatte drei Helden ausgesucht. Die seine Monster vernichten und das Amulett finden sollten. Natürlich wollte der Hexer nicht, dass Sandro tatsächlich mit dem Amulett getötet wurde. Aber er wusste, dass Sandro sein Volk nach wie vor liebte und dass das Amulett bei ihnen sicher wäre, da er keinen guten Menschen töten würde. Er musste es also vor ihnen finden. Ein Vorhaben, das sich nicht halb so schwierig gestaltete, wie er gedacht hatte. Denn nach welchen Kriterien der Hexer die Drei auch ausgesucht hatte, ihm war offenbar ein grober Fehler unterlaufen. Keiner der Drei gab auch nur ansatzweise einen brauchbaren Helden ab. Selbst nachdem Naxaos vor einigen Monaten dieses andere Portal geöffnet hatte, und ihnen immer wieder mächtige Artefakte für den Kampf schickte, dachte keiner von ihnen ernsthaft daran seine Aufgabe zu erfüllen. Was aber diese Frau anging, die durch das Portal gekommen war, die würde er sich genauer ansehen, und entscheiden ob sie eine Dienerin des Hexers oder ein weiteres unschuldiges Opfer seiner Bosheit war.

 

Hatte die Vorstellung in einem Computerspiel zu sein zuerst noch etwas sehr abstraktes gehabt, so war sie in den vergangenen Stunden nur allzu real geworden. Denn auf ihrem Weg in die Stadt waren ihnen unzählige grauenerregenden Kreaturen begegnet, taumelnde Geschöpfe mit ausgezerrten Gliedern und hungrigen Augen, manche von ihnen halb verwest, die klassischen Zombies eben. Zum Glück waren sie offenbar nicht allzu schnell, und nicht allzu schlau, es war leicht gewesen, ihnen auszuweichen. Zwar waren sie ihnen nachgeschlurft, aber am Stadtrand hatten sie wieder kehrtgemacht. Was, wie Lara ihr erklärt hatte, immer geschah, sie kamen, warum auch immer, nicht in die Städte. Das war auch der einzige Grund, warum die Menschen noch existierten. Die Amazone hatte weiterhin erzählt, dass die Stadt den Namen Ehrental trug, in Erinnerung an die ruhmreiche Vergangenheit. Eine Vergangenheit, die offenbar schon eine Weile her war, denn so sehr Julia ihren Blick auch schweifen ließ, es wollte ihr nicht gelingen in den schmalen Gassen mit den teilweise verfallenen Gebäuden, oder in den Menschen die bedrückt durch die Straßen schlichen etwas Ruhmreiches zu erkennen. Ketaria war offensichtlich in einer mittelalterlichen Epoche angesiedelt, die Schwerter an den Seiten der Wachen, die fehlenden Autos und die Kleidung wiesen darauf hin. Julia sah kritisch an sich hinab, mit ihren Jenas und der blumigen Bluse wirkte sie hier wie der reinste Paradiesvogel, kein Wunder, dass alle sie anstarrten. Sie war mehr als erleichtert als Lara vor einem großen weißen Gebäude endlich anhielt und sie absteigen lies. „Die Gilde der Zauberer“, erklärte die Amazone.

„Ist hier einer der Helden?“

„Ja, Raphael der Magier.“ Ein erwartungsvolles Kribbeln flutete Julias Magen, Magier hörte sich gut an, der würde hoffentlich etwas für sie tun können, oder zumindest ein großer Held sein.

 

Nachdem Lara sie durch unzählige weiße Gänge und Räume geführt hatte, standen sie nun vor einer hohen, mit kunstvollen Zeichen verzierten Tür, an die die Amazone jetzt klopfte. Eine samtige Männerstimme antwortete: „Herein.“ Lara zog die Tür auf und trat ein, Julia folgte ihr und blieb staunend stehen. Waren die bisherigen Räume der Gilde eher spartanisch gewesen, hatte sie hier das Gefühl in einem Palast zu stehen. Der große Raum war mit kunstvollen Wandteppichen behängt, der Boden bestand aus Mosaiken und die Möbel waren alle mit zahllosen Schnörkeln verziert. Und auch der Mann, der nun auf sie zukam, passte perfekt zum Inventar. Er musste um die dreißig sein, seine schlanke Gestalt war in eine rote Seidenrobe gehüllt, die mit unzähligen Ornamenten verziert war. Sein Haar war tiefschwarz und bildete einen exotischen Kontrast zu der eher blassen Haut und den tiefblauen Augen. Er war mit Abstand der attraktivste Mann, den Julia jemals zu Gesicht bekommen hatte. Sein Blick war nur kurz an Lara hängen geblieben und konzentrierte sich nun voll auf Julia. Er blieb vor ihr stehen, verneigte sich galant, griff nach ihrer Hand und hob sie an seine Lippen um einen Kuss darauf zu hauchen. „Welch glückliche Fügung weht euch in meine Gemächer fremde Schönheit?“ Dabei strahlte er sie so bewundernd an, dass Julia spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg.

Lara rettete sie aus ihrer Verlegenheit, sie erklärte: „Raphael das ist Julia, sie ist heute Morgen durch das Portal gekommen. Aber sie scheint nichts von ihrer Aufgabe zu wissen, sie möchte alle Helden kennenlernen, um einen Weg in ihre Heimat zurückzufinden.“

Das Strahlen wich von Raphaels hübschem Gesicht, „der einzige Weg zurück könnte sich nur in der Festung des Dämons befinden.“

„Das hat Lara schon erwähnt, deshalb wollte ich dich und den Barbaren ja kennenlernen. Mit euch Helden gemeinsam muss es doch eine Möglichkeit geben, den Dämon zu besiegen und mich wieder nach Hause zu schicken. Mit deiner Magie bis du doch sicher ein guter Monsterjäger.“ Die Art wie der Magier einen Schritt zurückwich und sein Gesicht einen verlegenen Ausdruck annahm lies alle Alarmglocken in Julia schrillen, sie fügte hinzu: „Oder etwa nicht?“

Er räusperte sich, „nun in der Tat bin ich einer der besten Magier über die Ketaria zurzeit verfügt, und ich könnte viele Monster erlegen, allerdings werde ich von wichtigeren Aufgaben hier in Ehrental zurückgehalten.“

„Dann versuchst du einen magischen Weg zu finden, um den Dämon zu bezwingen?“

„Nun ich ...“,

Lara unterbrach ihn ironisch: „Nur wenn dieser Weg in den Schlafzimmern der hiesigen Damen zu finden ist.“

Er gab unwillig zurück: „Du übertreibst, ich bin eben gern charmant.“

„Ja so charmant, dass du dich hier nicht mehr raus traust, weil der oberste Wächter dir liebend gern den Schädel einschlagen würde, seit er dich mit seiner Frau im Bett ertappt hat.“

„Also wirklich Lara stell mich vor unserem bezaubernden Gast nicht wie einen Wüstling hin, das ist ewig her.“

„Tatsächlich, deine Affairen mit der Frau des Bürgermeisters, mit der Tochter des Stadtrats und mit den unzähligen anderen Frauen, sind dann wohl auch schon ewig her“, ätzte die Amazone, „du bist eine Schande für die anständige Gesellschaft.“

Sein Blick glitt verlegen zu Julia und er seufzte: „Ich gebe es zu, das weibliche Geschlecht hat eine überaus starke Anziehungskraft auf mich. Aber es ist dennoch wahr, was ich sagte, ich muss die Stadt und ihre Einwohner doch schützen, auch wenn mein Leben wegen diverser übermäßig eifersüchtiger Ehemänner die Hölle ist.“

Neben ihr schnaubte Lara abfällig und in Julia stieg schön langsam die nackte Verzweiflung hoch, sie fragte belegt: „Soll das bedeuten, dass du auch noch keine Quest gelöst hast?“

Er hatte wenigstens den Anstand ihrem Blick auszuweichen, als er murmelte: „Nun ich würde meine Aufgabe natürlich erfüllen, aber der Schutz dieser Stadt geht vor. Es war mir bisher nicht möglich mich um etwas anderes zu kümmern.“

Julia seufzte gequält auf, „ich verstehe, wo kann ich den Barbaren finden?“

 

Wohl um nach dem schlechten ersten Eindruck Pluspunkte zu machen, hatte der Magier darauf bestanden mitzukommen, als sie Ragnar, so lautete der Name des Barbaren, aufsuchten. Allerdings hatte er sich anstatt der prachtvollen Robe eine graue unauffällige Kutte übergezogen, inklusive einer Kapuze über dem Kopf. Die Art wie er jedem Wächter, dem sie auf ihrem Weg in die Taverne begegneten, besorgt musterte, hätte etwas Erheiterndes gehabt, wenn ihr das Lachen nicht restlos vergangen wäre. Nach den ersten beiden Endtäuschungen waren ihre Hoffnungen bezüglich des dritten Helden recht gedämpft. Aber wenigstens starrte sie nun nicht mehr jeder an, denn Raphael hatte aus seinem Schrank einen Damen Umhang gezogen, und ihn ihr geschenkt. Julia zog es vor nicht darüber nachzudenken, von wem er stammen könnte. So blieben die meisten Blicke als sie die Taverne am Stadtrand betraten an Lara hängen. Bei deren üppiger Figur und der luftigen Bekleidung, die man nur noch schwerlich Rüstung nennen konnte, war das auch kein Wunder, zumal die meisten Gäste Männer waren. Was allerdings verwunderlich war, war die Tatsache, dass Lara es gar nicht zu bemerken schien, dafür war der Blick ihrer sanften braunen Augen sehnsüchtig an jedem Kind und jeder Familie hängen geblieben, die sie auf dem Weg hierher passiert hatten. Julia ertappte sich dabei, wie ihr Hass auf die Amazone dahinschmolz und sie Mitleid mit ihr bekam. Auch im Gastraum war die Stimmung nicht eben ausgelassen, die meisten Gäste hielten den Blick in ihr Glas gerichtet oder unterhielten sich nur murmelnd mit ihrem Gegenüber. Lediglich eine Person sprach mit lauter Stimme, nämlich der Barde, der auf einem leicht erhöhten Podium stand, und eben eine Ballade über einen tapferen Helden zum Besten gab. Dort erblickte sie auch Ragnar, den Barbaren. Er saß in vorderster Reihe und beobachtete den Barden mit sehnsüchtigem Blick. In Julias Magen bildete sich ein Knoten, wenn der Mann ihr jetzt erklären sollte, dass er so unsterblich in den Barden verliebt war, dass er seinetwegen nicht weg konnte, würde sie durchdrehen. Aber besser ein Ende mit Schrecken als Schrecken ohne Ende, sie würde jetzt gleich herausfinden, welche Katastrophe hier nun wieder auf sie zukam. Zielstrebig ging sie zu seinem Tisch und baute sich vor ihm auf, er blickte zu ihr hoch, und zwar mit überraschend sanften braunen Augen. Augen, die so gar nicht zu dem muskulösen, mit dem Fellumhang und der riesigen Axt, wild wirkenden Krieger passen wollten. Inzwischen waren Raphael und Lara an ihre Seite geeilt und der Magier sagte leise: „Ragnar, das ist Julia, sie ist durch das Portal gekommen und möchte alle von uns kennenlernen.“

Der Barbar bedeutete ihnen sich zu setzen und musterte Julia interessiert, „welche Sorte Held bist du?“

„Nun ich fürchte das weiß ich nicht.“

Lara sprang wieder einmal als Retterin ein. Sie erklärte: „Sie weiß nichts von ihrer Mission. Ihre erste Quest ist es wohl, herauszufinden, zu welcher Kriegerkaste sie gehört.“

Ragnar musterte sie nun noch interessierter und Raphael warf strahlend ein: „Natürlich, wie dumm von mir, das nicht zu erkennen. Wir können in der Gilde einen Test durchführen, der zeigt, ob du magische Talente hast, es wäre mir ein Vergnügen, dich persönlich auszubilden.“ Dabei ergriff er ihre Hand und sah ihr mit betörendem Blick in die Augen.

Lara schnaubte: „Darauf wette ich.“

Julia entzog ihm ihre Hand und sagte ernst: „Wäre schon möglich, und ich will auch gerne von euch lernen eine Heldin zu sein, damit wir den Dämon noch eher besiegen können. Aber Ragnar sag mir zuerst wie weit bist du mit deinen Questen?“

Sein Gesichtsausdruck wurde grimmig, „ich habe viele Monster getötet, sogar die Barden besingen meine Siege.“

Hoffnung stieg in Julia auf, „aber das ist ja großartig.“

Er schlug so plötzlich und heftig mit der Faust auf den Tisch, dass sie erschrocken zurückwich, er knurrte: „Nein das ist furchtbar, alle werden mich bald nur noch für einen Wilden halten. Für einen unzivilisierten Barbaren.“

„Nun ähm, bist du das denn nicht?“

Ragnars muskulöse Schultern sackten herunter und er presste gequält hervor: „Warum denken denn alle immer, dass ich keine Gefühle habe und keinen Sinn für Kunst, bloß weil ich gut mit der Axt bin?“ Wieder glitt ein sehnsüchtiger Blick zum Podium, er setzte murmelnd hinzu: „Ich würde alles tun, um nur einmal auf so einer Bühne zu stehen und den Leuten meine Poesie vorzutragen.“

„Du äh, du bist Poet?“

Er hob seine großen Pranken, die Julias Hände gut zweimal abgedeckt hätten, und sah wütend darauf, er fragte bitter: „Wenn es nur so wäre, aber wer wäre schon bereit zu glauben, dass diese Hände Poesie verfassen könnten? Niemand ist bereit mir zuzuhören, niemand.“ Er griff nach seinem Weinbecher und schüttete den Inhalt in einem Zug hinunter, dann murmelte er: „Tut mir leid für dich Julia, aber ich kann dir nicht helfen. Ich werde nicht noch mehr Monster töten. Ich werde einfach hier bleiben und mein Elend im Wein ersäufen. Ich bin sicher die Beiden kümmern sich gut um dich.“

Das war ja wohl die Höhe. Die Wut auf diese unfähigen Helden, die sich in ihr aufgebaut hatte, explodierte in ihr. Sie sprang auf und schrie die Drei wütend an: „Ihr seid eine Schande, und zwar für alle Helden, die jemals existiert haben. Ich bin vielleicht keine Amazone oder Magierin oder Barbarin, aber ich werde mein Möglichstes tun, um wieder hier wegzukommen, auch ohne euch.“ Damit wandte sie sich um und marschierte nach draußen, sie brauchte frische Luft, und zwar dringend.

 

Da Sandro schon vermutet hatte, dass die Frau aus dem Portal die Helden aufsuchen würde, hatte er sich bei Anbruch der Nacht zu den Leuten in der Taverne gesellt und gewartet. Nach so vielen Jahrhunderten wusste ohnehin niemand mehr, wie der ehemalige König von Ketaria ausgesehen hatte. Also hatte er sich in den vergangenen Jahren so etwas wie eine zweite Identität zugelegt. In seiner menschlichen Gestalt trat er unter dem Namen Sandro der Jäger auf. Er war dafür bekannt, in der Wildnis gegen Kopfgelder Monster zu jagen. Nicht dass er das Geld gebraucht hätte, aber es war eine großartige Tarnung um sich unter die Menschen mischen zu können, und die perfekte Erklärung, warum man ihn nie am Tag sah. Er war auf der Suche nach Informationen schon oft in der kleinen Taverne gewesen, sodass er auch jetzt nicht auffiel. Er hatte einen der hinteren Tische in Beschlag genommen und den Möchtegern Poeten im Blick behalten. Er hatte nicht lange warten müssen. Knapp nach Einbruch der Dunkelheit waren die Amazone und der Magier, den er trotz dessen Verkleidung sofort erkannt hatte, mit ihr angekommen. Die Fremde trug zwar den Umhang einer Einheimischen, aber er hätte blind sein müssen, um sie für eine zu halten. Ihr zielstrebiger Gang, die Willensstärke in ihren Augen, sie war definitiv keine der ängstlichen Einheimischen, und sie war eine Schönheit. Sie war nicht besonders groß und eher zierlich, ihr hübsches Gesicht wurde von lebendigen grünen Augen beherrscht und von schulterlangem roten Haar eingerahmt. Sandro hatte schon immer eine Vorliebe für Rothaarige gehabt, vor allem für Temperamentvolle, und dass sie das war, wurde spätestens klar, als sie aufsprang und die Drei anbrüllte. Als sie danach rausstürzte, glitt ein Lächeln über seine Züge, das war der perfekte Moment um Kontakt mit ihr aufzunehmen. Sandro folgte ihr und ertappte sich bei dem Wunsch sie möge keine Dienerin des Magiers sein, er hätte sie nur ungern getötet.

 

Julia starrte, in ihrer Verzweiflung gefangen, deprimiert in die Dunkelheit, als Schritte hinter ihr sie herumfahren ließen. Aber zum Glück schlurfte kein Zombie an sie heran, sondern einer der Männer aus der Taverne trat zu ihr. Sie spannte sich an, bereit das wenige an Selbstverteidigung, das sie beherrschte, einzusetzen, falls er zudringlich werden sollte. Aber er blieb zum Glück etwas entfernt von ihr stehen und schenkte ihr eine knappe Verbeugung. „Entschuldige, wenn ich dich einfach so anspreche, aber mir scheint du bist fremd hier.“

Julia seufzte: „Ich schätze das ist wohl nicht zu übersehen.“ Sie musterte ihn, er war ungefähr in ihrem Alter, gut trainiert, wenn auch nicht so muskulös wie Ragnar, und gut bewaffnet, er trug einen Bogen und zwei Schwerter. Sein Gesicht war fein geschnitten, ohne jedoch weich zu wirken und wurde von schwarzem Haar eingerahmt, welches ihm bis weit über den Rücken floss. Seine grünen Augen blickten aufmerksam, aber auch freundlich.

Er schenkte ihr ein Lächeln und fuhr fort: „Nicht wirklich, aber sag mir was tust du hier? Das Reisen zwischen den Städten ist gefährlich.“

„Wenn ich dir sage, dass ich aus einer anderen Welt komme, hältst du mich bestimmt für verrückt.“

„Stimmt es denn?“

Sie lachte leise aber bitter auf, „oh ja, und ich habe keine Ahnung, wie ich wieder dorthin zurückkommen kann. Oder besser gesagt ich ahne es, aber ich habe keine Chance diese Ahnung zu nutzen.“ Er zog fragend eine Augenbraue hoch, sie lächelte bitter, „ich sollte keinen Fremden mit meinen Problemen belasten.“

„Wie ungehobelt von mir, die Wildnis hat meine Manieren wohl abstumpfen lassen. Ich bin Sandro, man nennt mich auch den Jäger, ich jage Monster gegen Kopfgeld.“

Julia erwiderte ironisch: „Wie schön, dass wenigstens irgendjemand sie jagt.“

„Ich entnehme deiner Bemerkung, dass du mit unseren Helden nicht sehr zufrieden bist?“

Julia schnaubte abfällig, „das soll wohl ein Witz sein, die Drei sind völlig unbrauchbar. Eine Möchtegern Mutter, ein Frauenheld und ein verhinderter Poet. Armes Ketaria, die Drei werden den Herrn der Schrecken niemals besiegen können.“

„Und warum ist dir das so wichtig? Bleib doch einfach in der Stadt, dort bist du sicher.“

„Warum?“, Tränen stiegen Julia in die Augen, sie wischte sie wütend weg. „Weil ich mir mein Leben nicht wegnehmen lasse, darum.“ Genau das war es, was sie so wütend machte, wie sie sich grimmig eingestand. Oliver hatte in den vergangenen Monaten praktisch ihr Leben gestohlen, und sie war gerade dabei gewesen, es sich wieder zu holen. Sie würde es sich nicht auch noch von diesem verfluchten Spiel wegnehmen lassen.

 

Sandro hatte keinen Hauch Magie an ihr spüren können, sie war also keine Schattenhexerin. Und für eine Kriegerin war sie nicht durchtrainiert genug. Er war sich schon in der Taverne so gut wie sicher gewesen, dass sie auch nur ein Opfer des Hexers war. Er war ihr nach draußen gefolgt, um sicherzugehen. Aber, als er nun sah, wie sie störrisch gegen die Tränen kämpfte, musste er vor sich selbst zugeben, dass dies nicht der eigentliche Grund war. Sie faszinierte ihn, zog ihn richtiggehend in ihren Bann, und zwar nicht hauptsächlich ihre Schönheit wegen, schöne Frauen hatte er im Laufe der Jahrhunderte viele gesehen, es war vor allem ihr verzweifelter Mut, ihre Weigerung aufzugeben, obwohl sie sichtlich verzweifelt war, die ihn bezauberten. Noch nie hatte er eine Frau wie sie getroffen. Er beschloss sie so lange er noch am Leben war, so gut zu schützen, wie er konnte. Er würde nicht zulassen, dass auch sie ein Opfer des Schattenhexers wurde. Er sagte ernst: „Der Herr der Schrecken ist unbezwingbar. Selbst wenn du eine Möglichkeit finden solltest, ihn zu töten, müsstest du zuerst an allen Dämonen und allen Prüfungen vorbei. Wie willst du das schaffen?“

Sie reckte trotzig ihr entzückendes Kinn vor und erwiderte: „Das weiß ich noch nicht, aber ich werde eine Möglichkeit finden.“

Fast gegen seinen Willen trat er näher an sie heran, hob die Hand und wischte ihr sanft eine Träne, die trotz ihrer Gegenwehr, über ihre Wange floss weg. Er hatte gedacht über Gefühle wie Sehnsucht und Zärtlichkeit hinweg zu sein, aber sie berührte etwas in ihm, er fragte sanft: „Wie heißt du?“

Sie starrte ihn fast erschrocken an, wich aber nicht zurück, und flüsterte: „Julia.“

Er lächelte sie an, „ein wundervoller Name für eine wundervolle Frau. Hör auf mich Julia, bleib hier in der Stadt, hier bist du sicher. Das Elend für Ketaria wird irgendwann vorbei sein. Dann ist das Leben hier wieder schön.“

„Wie kannst du das wissen?“

„Vertrau mir, ich weiß es eben.“ Vertrauen? Was für ein Witz, wo genau das sein Problem war. Keine Frau konnte ihm wahrhaft vertrauen, und doch ertappte er sich dabei, sich genau das von ihr zu wünschen, das und dass sie ihm gehörte. Sie sah ihm mit ihren grünen Augen tief in seine, suchend, fragend, und als sie den Mund öffnete um etwas zu erwidern konnte er nicht mehr widerstehen, er beugte sich vor und küsste sie, zuerst sanft, und als sie nachgab immer sinnlicher.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Ketaria - Die Sehnsucht des Dämons" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen